Gedanken zu Allerheiligen und Allerseelen, geschrieben von Beate Helene

Die Tage sind merklich kürzer geworden, der Oktobersonnenschein schenkt uns das goldene Licht, das typisch ist für das müde gewordene Jahr. Ich bin sehr dankbar um diese Sonnenstunden, die nun nicht mehr so selbstverständlich sind.
Vieles bewegt mich im Moment. Vielleicht merkt man das an meinem Rückzug im Außen, meine Schneckenhauszeit hat wieder Einzug gehalten. Wie kann man sich auch mit vielen anderen Menschen beschäftigen, wenn es manchmal schon schwer fällt, sich auf ein beiläufiges Gespräch einzulassen. Mit meinen Hortkindern genieße ich diese Zeit, denn mit ihnen gibt es keinen Smalltalk, das haben erst die Erwachsenen erfunden. Das ist Kommunikation von Herz zu Herz und mein Erziehungsauftrag, der mir in Fleisch und Blut liegt. Ich empfinde dieses Tun nicht mehr als meine Arbeit, sondern als einen wichtigen, freudvollen Teil meines Lebensinhaltes, den zu erfüllen ich hier auf der Welt bin.

Was ist es nun, das mich in die Nebel zieht? 

Melancholie umspielt mein Herz. Ihre Wellen treffen mich, manchmal hart, manchmal ganz sanft. Die Erinnerungen an letztes Jahr um diese Zeit steigen auf, manchmal brechen sie auch komplett unvermittelt über mich herein. Es sind Bilder von Krankenhaus und dem Bangen um Leben und Tod, es ist die Erinnerung an eine unzerstörbare Liebe, die vom Tod nicht tangiert wurde.
Ich habe das große Bedürfnis, meine braun gewordenen Blätter dieses Jahres einem Mantel gleich über meine Wurzeln fallen zu lassen. Meine Kräfte ziehen sich zurück aus den kleinen Ästchen und sammeln sich in Stamm und Wurzeln. Ich brauche den Geruch der nassen Herbsterde und ihrer noch bunten, raschelnden Blätterdecke, durch die ich erst letztes Wochenende an wunderbaren Orten spazieren durfte. Dieser Oktoberduft beschreibt mein Gefühl am besten.

Beates Samhain copyright Beate Helene

Ich bemerke, dass ich große Sehnsucht nach meinen lieben Verstorbenen habe. Ich erinnere mich an meinen Opa mit seiner Ruhe und Herzlichkeit. In seinen Armen war die Welt immer in Ordnung, egal was mir vorher passiert war. Er konnte alles wieder gut machen. Meine Schwester fehlt mir so unendlich. Ihr Lachen, ihre unverhohlene Liebe zum Leben und zu uns, ihre kleinen Phrasen, die sie so gerne verwendete… am meisten ihr gesprochenes „Liiiiiebe“, das sie uns so oft sagte, zu allen möglichen Gelegenheiten… Die anderen Mitglieder meiner Familie, die früher sehr groß war und es gewohnt war, alles zu feiern was ging… dies alles fehlt mir.
Sehnsucht breitet sich aus… nach etwas, das dem Menschen Beate nicht mehr wiederbringlich ist.

Die Konfrontation mit dem Tod, mit immer mehr Toden und Abschieden im Laufe eines Lebens, lässt mich jedes Mal ein Stück mitsterben. Ich werde nachdenklich. Eigentlich beginnt das Sterben schon bei der Geburt. Nichts sonst im Leben ist wirklich determiniert, bis auf den Tod. Dies meine ich keinesfalls negativ oder aus einer pessimistischen Einstellung heraus. Was ich bei mir beobachten kann, ist, dass mich jeder Tod eines geliebten Menschen ein bisschen in die andere Welt hinüber bringt. Ich meine damit die Welt hinter den Schleiern der Materie.
Ich habe dadurch, dass ich bereits zwei Menschen (meinen Großvater und meine kleine Schwester) vom Leben ins Sterben begleitet habe und dabei war, als sie ihren letzten Atemzug taten, einen ganz speziellen Bezug zum Tod bekommen.

Der Tod ist kein Feind

Er ist auch nicht unbarmherzig, wie es das Sterben sein kann – nein, der Tod ist friedlich, er ist das Ende, die Krone eines Lebenszyklus‘, ästhetisch und furchtbar zugleich. Er mag Sinngeber sein – was täte ich, hätte ich die Ewigkeit zur Verfügung und wäre immer in diesem Wesen eingesperrt… Dieser Gedanke kommt für mich der mittelalterlichen Hölle am nächsten. Der Tod begrenzt das Leben und gleichzeitig ist er der größte Motivator zur Vollendung eines Projektes, genannt „Leben“.
Denn hätte ich die Ewigkeit zur Verfügung, die Unsterblichkeit, so verdiente dieser Zustand im Körper eines Menschen wohl eher die Bezeichnung „untot“ oder „existierend“.

Der Tod bringt mich dem Leben näher. Ich spüre intensiver. Meine Wahrnehmung wird tiefer. Oft verbinden sich Geschmacks-, Geruchs-, Tast- und Sehsinn, sodass Geschmäcker Formen bekommen, oder ich etwas sehe und den Geschmack dieses Ereignisses auf der Zunge schmecke, genauso wie ich die Ausstrahlung eines Menschen riechen kann (was nicht immer angenehm ist, wenn man jemanden nicht sympathisch findet z. B.).

Der Tod hat mich grundlegend verändert

Nie mehr werde ich die sein, die ich war, bevor er mich sicher durch meine größte Angst auf der Welt geführt hat. Und er war ein guter Begleiter, voll des Trostes, denn er leerte meinen vollen Kopf von allen kreischenden Gedanken und er leerte mein überschwappendes Herz durch die Wasser meiner Augen. Vor allem im vergangenen Trauerjahr, das in etwa zwei Monaten zu Ende geht, begann ich Zuneigung zu ihm zu empfinden.
Er hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse meines Körpers und meines Geistes wieder sehen zu lernen und sie zu stillen. Ich erkannte den Unterschied zwischen „mich für andere verbiegen“ und etwas für mich selbst zu tun – oder wie gerade in dieser Zeit NICHT zu tun, in die Stille zu gehen. Meinem Geist ist das schon unheimlich, er will mich immer wieder dazu überreden, wieder voll loszulegen, doch ich weiß, dass meine Energie für ein sprühendes Gesellschaftsleben noch nicht stabil genug ist. Ich weiß noch nicht einmal, ob mir dies noch gefällt… aber das werde ich herausfinden an der sicheren Hand des Todes, der mich festen Schrittes wieder zurück in mein Leben führt, während er meiner Seele immer größere Räume eröffnet und ihr zeigt, wie sie ihre Schwingen nutzen kann, um diese Räume Zentimeter um Zentimeter zu erforschen.
Ich bin überzeugt davon, am Ende meines Lebens jenes wirklich ausgekostet zu haben, von bitter bis honigsüß. Ich werde ohne Angst gehen können, denn ich weiß, dass ich meinen persönlichen Tod bis dahin sehr gut kennen gelernt haben werde. Möge viel Zeit in Glück und Gesundheit bis dahin vergehen!
Doch wenn es auch einmal soweit ist und ich meinen Körper zurück zu Mama Erde legen darf, so werde ich meinen Tod umarmen und wissen, dass ich den letzten Schritt über die Schwelle niemals werde alleine bewältigen müssen, wenn ich seiner Hand vertraue.

Holle – Herzenskunst made by Beate

Wie geht es euch in dieser Zeit?
Schwarz und Weiß
Leben und Tod
Wo ist der Schatten, wo ist das Licht?
Fehlt eins der beiden, definiert das and’re sich nicht.
So ist’s auch die Not mit Leben und Tod:
Was ist des Lebens wahrer Sinn,
wenn ich der Endlichkeit ungewahr bin!

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