Der Nekromant, Fortsetzung, geschrieben von XVII

Bild: Image of Salzburg taken from the Monchsberg (Mönchsberg) by Paulo Maurício, This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic license. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Salzburg_view_from_Monchsberg.jpg

Türglocke läutet

Nein, nein, nein. Das kanns jetzt nicht sein. Es muß ja mitten in der Nacht sein.

Mitten in der Nacht. Ich schlaf weiter. Ich ignoriere das einfach.
Ja, die Bettdecke raufziehen. Über die Augen. Gut. Weiterschlafen.

Türglocke läutet

Holy shit. Das habe ich nicht verdient. Bitte.

Ich will nur schlafen. Ich…ach, verdammt. Es war gestern zu lange. Ich hätte früher heimgehen sollen. Und weniger Alkohol. Viel weniger…Ufff…viiiiiiiiel weniger.

Türglocke läutet

„Jaaaa, verdammt nochmal, jaaaa…ich komm.“

Mist. Ich bin so, wie die Götter mich geschufen haben, oder das was von ihnen überblieb…nackt.

Was ziehe ich rasch an. T- shirt. Wo ist mein verdammtes….

Jacke…

Türglocke läutet

„SCHEISSE, ja ich komm ja schon!“

Bettdecke. Ich wickle mir die Bettdecke rum…Mist. Mist.

Hollla…meine Füsse berühren zwar den Boden…aber die Wände bewegen sich auch.

NIIIIE wieder Alkohol.

Außerdem Füsse…abgesplittertes Rot auf meinen Nägeln. Wäh. Da muß ich mich nachher drüber stürzen. Ich hasse abgesplitterte Farbe auf meinen Nägeln.

Gehe langsam zur Tür. Zum Glück ist der Eingang gleich in Nähe von meinem Schlafzimmer.

Altbau. Ich liebe Altbau. Ziemlich viele Kisten stehen rum. Tja, das bringt es halt mit sich,

wenn man seinen Exverlobten verlässt. Viel Zeug. Zum Glück habe ich meine Wohnung behalten.

-“Nein, Liebes, zieh doch ganz zu mir.“ Jaja..dann könnt ich jetzt im Hotel pennen.

„Wer ist da überhaupt?“ ich bin fast bei der Tür.

–“Die Post“

Das kann ja wirklich jeder sagen. Ich strecke meine Hand Richtung Tür. Fächere die Finger auf.

Scanne. Ok. Da ist wirklich jemand mit nem Paket.

Ja, sicher..ich hätte auch zur Tür gehen können und durch den Türspion schauen, aber heh…

…ich öffne die Tür. Der Bote schaut mich von oben bis unten an.

„Und, bin ich hübsch genug?“

–“Äh, wie bitte?“

„Was wecken sie mich mitten in der Nacht an einem Sonntag? Ich will schlafen.“

–“Entschuldigen sie…aber es ist 10 Uhr 20, also so ziemlich genau 10 Uhr 20, ich läute bei ihnen schon seit 10 Minuten und es ist…es ist Montag.“

Er zieht eine Augenbraue hoch.

–“Und ich möchte auch gar nicht beurteilen müssen, ob sie hübsch sind oder nicht, und Leute haben auch schon nackt Pakete von mir entgegen genommen, aber es hat sich noch nie jemand in einen Duschvorhang eingewickelt, der noch dazu halb durchsichtig ist. Verzeihen sie, ich wollte sie mit meinen Blicken nicht belästigen.“

Holllly…shit. Ich schau an mir runter.

Ich hab mich tatsächlich in meinen Duschvorhang eingewickelt.

Stimmt. Ich wollte mich gestern noch duschen. Das habe ich dann wohl auch noch gemacht…

…und dann irgendwie…hm. Wie genau ich ins Bett kam, weiß ich nicht mehr.

Ich kann zwar jedem seinen Tod voraussagen oder wie so die Geschäfte am nächsten Tag laufen, sehe Empfindungen wie andere Farben, kann mit Tieren sprechen, kann Pflanzen zuhören und kann mit der Zwischenwelt mal eben locker Gespräche halten…und vieles mehr…aber wie ich gestern ins Bett kam….

„Tut mir leid. Ich hatte einen schweren Tag gestern….was sag ich, eine schwere Woche…und…“

–“Keine Ursache. Bitte hier die Unterschrift.“

Er reicht mir einen Touchpendingskuli..keine Ahnung wie das Zeug heißt…ich mag das moderne Zeug nicht…ich kracksle meine Unterschrift auf so ein Plastikfeld, Minimonitordings…da steht aufgeregt „HIER ZEICHNEN“…jo…und da zeichne ich halt meinen Namen.

Paket. Er reicht mir ein kleines Paket.

„Danke.“

–“Keine Ursache. Und der Duschvorhang ist hübsch.“

Ok. Jetzt muß ich fast lachen. Ich ja, ich lächle und gehe mit gesenktem Haupt in meine Wohnung zurück. Mann. Mann.

Ich muß echt gestern zu viel erwischt haben.

Das Paket lege ich mal auf den Küchentisch. Jetzt gibt’s mal tiefschwarzen Kaffee der müde Nekromanten munter macht. Den Duschvorhang…hm…ich schau nachher ob ich den wieder montiert bekomme…den lege ich mal ab. Sooo….Kaffeemaschine läuft.

Was gibt der Kühlschrank her? Ich hab Hunger. Ich könnte jetzt nen kleinen Magier essen…wuaaahahaha…kleiner Spaß…ohhhh…damn….ich seh da gerade was. Synchro.

Die Idee da mit dem Magier. Das kam nicht so…um mich selbst zu erheitern. Damn.

Ich sehe was. Ich schau auf das Licht im Kühlschrank…ich sehe tief ins Licht. Ich bin im Licht.

Und…damn. Da ist wer. Den kenne ich noch nicht. Ein Magier. Ich lerne einen Magier kennen.

Ein Novize? Einen…was…Butter. Ich brauch Butter. Honig. Und…Butterstriezel.

Kaffee ist fertig.

Mein Exverlobter sagte dann immer in der Früh…-“Und magst du heute Iris-sch- Kaffee?“
Er fand das immer superlustig. Irish Coffee. Ich bin Iris. Und er spielte gerne mit meinem Namen.

Ich mochte das ja nicht soooo…aber ab und an hat er mich damit schon erheitert. Und mir hats gefallen..daß er stets -“EIRIS“…also lautmalerisch…Englisch Iris zu mir sagte.

War irgendwie stolz darauf englische Vorfahren zu haben. Umso lustiger fand mein Ex den Bezug zu „Irish“.

Paket. Jetzt hätte ich mich fast gedanklich versprochen und wollte schon Pakt denken.

Kennt ihr das? Pakt- Paket.

Ich brauch das Ding gar nicht öffnen. Ich weiß was drin ist.

Also so ungefähr.

Ich spüre Iver. Das Paket hat eindeutig seine Signatur. Und Flowers. Flowers hat das eingepackt.

Warum ruft der Kerl nicht einfach an? Nein, sicher wieder ein Brief in so uraltem Papier mit nem Siegel drauf…und ein paar Worte hingefetzt. Uaaaaah.

Ich habe echt andere Sorgen jetzt.

Ich bin nicht umsonst jetzt hier in Salzburg.

„Nie wieder Wien.“ Das waren meine Worte damals beim Abschied.

Ich hasse Wien. Verdammtes Wien. Scheiß Großstadt. Salzburg ist anders. Die Leute sind anders.

Angenehmer. Und mein Verlobter, mein Exverlobter…ist aus der Gegend hier.

Ich liebe Salzburg. Ich habe hier eine kleine Boutique.

Eigentlich bin ich ja Psychotherapeutin. Da bin ich schon stolz darauf. War schon hart die Ausbildung. Und ich war ganz gut darin. Nun, ja…ich hab auch gut „dahinter“ sehen können. Ich wußte was die Leute wirklich empfinden, und was sie wirklich durch gemacht haben. Machts aber nicht leichter. Und als ich mich mal dazu hinreißen ließ…daß ich meinem Klienten gesagt habe…gut…ich habe ihn fast angebrüllt…“Verlassens doch endlich ihre Scheiß Frau, die sie ständig betrügt…sie kommen seit nem Jahr her…und wir bewegen uns keinen Millimeter, weil sie einfach die Schlampe nicht ziehen lassen können…“ Gut…ok…ich habe ihn nicht fast angebrüllt…ich habe ihn angebrüllt. Und er hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, daß ihn seine Frau betrügt. Zunächst war er schockiert, dann entsetzt. Dann wollte er mich verklagen….und letztlich hat er seine Frau verklagt….nun, ja…jetzt ist er getrennt…und keine Ahnung was mit ihm ist. Aber ich hab das als Anlaß genommen diesen Job…an den Nagel zu hängen. Manchmal bin ich einfach zu emotional. Jetzt verkaufe ich hübsche italienische Mode. Mailand. Mhhhh…ich bin so gern in Mailand.

Nicht so gern bin ich wieder in meiner Wohnung. Allein.

Damn.

-“Du hast Geheimnisse vor mir. Du vertraust mir nicht. Du…“

Usw. Blabla.

Ja, klar….ich wollte ihm nicht sagen, daß ich eine Nekromantin bin und und…daß ich sehe, daß sein Bruder Leute auf dem Gewissen hat, seine Mutter in Wirklichkeit lieber mit ihrem Schwager zusammen wäre und …und…ich sehe seinen Tod. Ich sehe seinen verdammten Tod.

Da werden Beziehungen nicht gerade einfacher.

Ja, ja…ich kann das unterdrücken. Ich blende meine Fähigkeiten oft aus.

Weils das Leben einfacher macht. Ich weiß gerne was NICHT. Ich lasse mich gerne überraschen.

Ich liebe Überraschungen.

Das Paket.

Ich nippe an der Kaffeetasse…mhhhh…lecker.

Das Paket…gut…

Als wäre ich eine Katze mache ich eine schwungvolle Bewegung mit meiner Hand… tu so…als hätte ich Krallen…und nähere mich dem Klebestreifen…yessss…scharfe Fingernägel braucht die Frau.

So…offen.

Vorsichtig reinblicken.

Ein Brief. Ein doch sehr großes Paket…und darin ein Brief.

Typisch Iver. Das ist sooo typisch. Theater. Drama.

Ich nehme den Brief auf. Altes Papier. Geschlossen mit Wachs. Siegel.

Draaaama. Iver ist sooo eine Dramaqueen.

Nein, da können wir nicht einfach anrufen…oder auch mal nachfragen wie es einem denn geht…nein…da schreiben wir nen suuuuperokkultmagischen Brief.

Ratsch. Brief offen. Altes Pergament darin. Darauf steht mit Tinte geschrieben:

„Montag, 17 Uhr, Wien, Cafe Dreivierteltakt“….dann noch unser Zeichen unterhalb…

…und…oh…ich staune…ganz klein steht da „Bitte“.

Oh…Iver setzt ein „Bitte“ unter seinen Brief? Das ist neu. Flowers muß da nen gewaltig guten Einfluß haben….17 Uhr. Es ist jetzt so…11…dann kann ich mich nochmal hinlegen und….

handygeklingel

Na. Nicht ernsthaft jetzt. Wo ist mein Handy?

Ich…ich…nie wieder Alkohol.

Es kommt so aus Richtung Schlafzimmer…ok…dann mal…ja…da…unter der verf—- echten Bettdecke, die da am Boden liegt…da liegt auch mein Handy…und….ah…unbekannter Teilnehmer, die habe ich ja besonders gerne…und…nein, ich spüre auch nichts…ich weiß wirklich nicht wer das ist…ich…

Ach, was solls. Ich heb ab.

—-“Schatz? Schwester? EIIIIIRIS?“

Flowers. Es ist Flower.

—-“Komm sag was. Du freust dich doch.“

„Verdammt ja, Flowers. Süße. Das Paket habe ich gerade erhalten. Du….“

—-“Ach, du kennst doch Iver. Er kann das nicht lassen. Aber das „Bitte“ kommt doch schon mal gut, oder?“

„Das hast du ihm gesagt, gell? Du Luder.“

—-“Hihihi….ja, ich hab ihm gesagt, das freut dich sicher.“

„Und was ist los? Weltverschwörung? Illuminaten, Reptilienkongress, Mondlandung, diesmal die echte?“

—-“Du hast deinen Humor nicht verloren, Iris…ich vermisse dich echt. Wir fahren einfach gemütlich nach Wien und Iver wird dir alles persönlich sagen.“

„Wir fahren…was heißt…“

—-“Schau doch mal aus dem Fenster, Schatz.“

Ich ziehe die Vorhänge auf die Seite. Da unten. Flower. Und n Typ. Der Magier.

„Novize?“

—-“Genau.“

„Wie macht er sich?“

Sie reicht ihm das Handy.

—–“Sie sind dann wohl Iris?“

„Ja, das zur Hölle bin ich. Und du?“

—–“Chad. Freut mich.“

„Mich auch, sag einfach Iris zu mir und nenne mich bitte nie Schwester sonst reiß ich dir die Juwelen raus und sag nie Süße zu mir und…“

—–“Iris, das merke ich mir…ich geb dir wieder Flowers.“

„Flowers? Netter Typ. Kann ihn nicht scannen…aber wirkt sympathisch. Warum hab ich dich nicht spüren können?“

—-“Iris, ich wollte dir die Überraschung nicht nehmen. Hab uns abgeschottet. Und auch jetzt Chad. Lern ihn einfach mal kennen. Er kann viel von dir lernen. Hilf ihm ein bißchen. Und…Iver braucht dich. Wir brauchen dich. Die Suppe kocht heiß…und….wir müssen wieder mal zusammenkommen.“

„Danke, mein Schatz. Ok. Klingt gefährlich. Wenn ihr Tante Iris braucht ists gefährlich. Bin dabei.“

—-“Natürlich bist du das. Leg dich nochmal hin. Chad und ich gehen ein paar alte Kultstätte hier besuchen…dann essen wir gemeinsam zu Mittag in der Stadt und nachher fahren wir nach Wien, ganz entspannt.“

„Liebe Schwester, so machen wir das. Bin gespannt. Ich liebe Überraschungen….“

—-“Guuuuut. Wir holen dich nachher ab.“

„Bis später!“

Sie winkt mir. Chad winkt.

Das wird spannend.

Und….ja….jetzt lege ich mich nochmal nieder.

Ohne Duschvorhang diesmal.

—–Fortsetzung folgt—–

Autor: XVII

Bild: Photo of a human skull by Xerto, This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Skullfront.png

 

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