Wikingerkult und Rechtsextremismus – Teil I, geschrieben von MartinM

Die Fachtagung mit dem Titel „Odin mit uns! – Wikingerkult und Rechtsextremismus“ fand am 9. und 10. Oktober 2017 in der Akademie Sankelmark statt. Anlass war ein Vorfall auf den Wikingertagen in Schleswig 2016, als ein Darsteller mit einem achtspeichigen Hakenkreuzmotiv auf seinem Schild kämpfte, und das zunächst sowohl beim Veranstalter wie bei der Lokalpresse „durchrutschte“.
Der Vorfall belebte eine schon lange andauernde Diskussion: Wird die suspekte Symbolik aus Naivität, der Provokation halber oder als politisches Statement verwendet?
Dahinter steckt ein Kernproblem, dass Gideon Botsch (Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus der Universität Potsdam) auf der Tagung als eine „historisch-fiktionale Gegengeschichte“ beschrieb, die durch das rechtsextreme Spektrum geschaffen wurde. Auf der Website der Tagung wird das Problem „völkische Geschichtsklitterung“ so umrissen:

Fakt ist, dass sich in Bereichen, in denen angeblich authentische Darstellungen von Wikingern eine Rolle spielen, Rechtsextreme mit ihren Wertvorstellungen viele Anknüpfungspunkte finden. Hier können sie ihre ideologischen Botschaften hinter historisierenden Ausstattungen und Symboliken verbergen. Dies geschieht im Umfeld von Reenactment und diversen Wikinger -, Mittelalter oder Musikfestivals, im Vikingrock und Paganmetal oder in neopagenen religiösen Gruppen – die Grenzen zwischen wissenschaftlich nachweisbarer Realität, folkloristischer Aufbereitung und politischer Pose verschwimmen immer wieder.
Ob Rituale, Runen, Musik oder Kleidung – Wikingermotive und Mythen dienen der extremen und neuen Rechten als Fundamente für eine Identitätsproduktion, die immer noch in der „Blut und Boden“ Ideologie verankert ist.
Die Fachtagung will aus multidisziplinärer Perspektive mit Expert_innen aus Theorie und Praxis den Verbindungslinien von Wikingerkult und Rechtsextremismus nachgehen.

Damit ist ein harter Vorwurf sowohl an Menschen aus den Bereichen „Reenactment“ und „Living History“, also der möglichst realitätsnahen Dastellung historischer Ereignisse und Kulturen, hier des Frühmittelalters, wie an Heiden verbunden: Sowohl Geschichtsdarsteller wie „neopagane religiöse Gruppen“ würden das wissenschaftliche Bild der Wikingerkultur verfälscht darstellen.
Offizielle Dokumentation der Veranstaltung: Dokumentation – „Odin mit uns!“ Wikingerkult und Rechtsextremismus.
Einen Bericht mit lesenswerten Gedanken schrieb Ralf Matthies (Eldaring), in dem er einige Schwächen der Veranstaltung darlegte: Nachgedanken zur Fachtagung „Wikingerkult und Rechtsextremismus“.
Ralf bemängelt unter anderem, ausgerechnet die „oberflächliche mediale Sommerloch-Berichterstattung über die Schildbemalung mit einem Hakenkreuz“ als Aufhänger zu wählen – das musste, Ralf zufolge, in Anbetracht der vorausgegangenen Diskussionen innerhalb der Reenactment-Szene „nach hinten losgehen“. Die Unsachlichkeiten riefen Trotzreaktionen und Verweigerung hervor.
Ähnlich sähe es bei den Heiden aus. Wenn auf einem Workshop allen Ernstes auch darüber diskutiert wird, ob „ein Anknüpfen an germanische Religionen immer rechts konnotiert sein muss“, dann trüge diese Unwissenheit mit Sicherheit nicht zum Brückenschlag bei.
Ralf stellt sarkastisch fest, dass man im Einladungstext genauso gut eine andere Frage hätte formulieren können: „Muss die heutige Archäologie zwingend am rechtsextremen Ahnenerbe anknüpfen?“ Wieviele Archäologen wären dem Ruf zur Tagung dann wohl gefolgt und hätten daran teilgenommen?
Ralf bemängelt auch, dass während der Tagung Begriffe wie „erfundene Religion“ und andere unschöne Formulierungen gefallen wären.
Problematisch wäre auch, dass der Workshop „Neopagane Religiösität und ihre wikingerzeitlichen Vorbilder“ durch einen evangelischen Theologen geleitet wurde, welcher die Stellung eines „Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen“ einnimmt. Herr Dr. Pöhlmann mag fachlich kompetent sein, er ist aber zwangsläufig parteiisch, und damit als Leiter und Moderator ungeeignet.
Letzten Endes waren die, die es in ersten Linie angeht – die Wikinger-Darsteller und die germanisch orientierten Heiden – nur spärlich vertreten, und die meistens davon in „Doppelfunktion“, etwa Museumsleute, die Erfahrung mit Living History haben.

Mit anderem Schwerpunkt berichtet eine junge Archäologin auf ihrem Blog „Miss Jones“:

Tagungsbericht „Odin mit uns“ – Fachtagung zu Wikingerkult und Rechtsextremismus
Bemerkenswert erscheint mir „Miss Jones“ Feststellung, dass die meisten Anwesenden einen fachwissenschaftlichen Hintergrund hätten, welcher ihnen einen Bezug zu einem der beiden Themenfelder bot: entweder Menschen die sich aus vielen Perspektiven mit Archäologie auseinandersetzen, oder Menschen, die sich mit Rechtsextremismus auseinandersetzten. „Das hatte zur Folge, dass der gegenseitige Bildungsgrad für das jeweils andere Thema oftmals relativ gering war. Auch die Verständnisse der Art und Weise, wie die jeweiligen Herangehensweisen grundlegend funktionieren, waren wenig bis gar nicht ausgeprägt.“

„Jones“ hätte sich beispielsweise ein weniger plakatives Thema für eine Podiumsdiskussion gewünscht, als ausgerechnet „Wikinger mit Hakenkreuz? Wie authentisch muss eine lebendige Vermittlung von Geschichte sein?“

Die Hauptproblematik bestand dabei darin, dass es der wissenschaftlichen Seite von vornherein gelang, rechten Radikalismus als Problem der Reenactmentszene zu definieren, sodass Vertreter dieser Gruppierungen von vornherein einem Rechtfertigungszwang unterlagen. Die teilweise sehr reflektierten Aussagen teilnehmender Vertreter dieser Gruppierungen minderten diesen Diskurs jedoch nicht. Dabei ist für den Zeitraum der gesamten Tagung zu verzeichnen gewesen, dass nationalistisches Gedankengut einer am Rand stehenden Minderheit zugerechnet wurde. Eine Eigenreflektion auf mögliche rechte Gedanken in eigenen inneren Diskursen und Gedanken welche sich bereits in der Mitte der Gesellschaft befinden, und damit in Rückkopplung einen Einfluss aus gesellschaftswissenschaftliche Analysen wie in der Archäologie haben, fand dabei nicht statt. An Stelle dessen wurde dieses Phänomen von vornherein ausgeschlossen

Nehme ich Ralfs und „Jones’“ Beobachtung zusammen, mussten die meisten „Workshops“ und Vorträge mangels eigentlich notwendigen gemeinsamen Vorwissens zwangsläufig oberflächlich bleiben. Womit dann auch die gesamte Tagung ergebnissarm bleiben musste.

Zurück zum zentralen Problem, nämlich dem, dass „die Wikinger“ für Neonazis und „neue Rechte“ eine Art „trojanisches Pferd“ sind, mit dem sie ihre rassistische Weltsicht in das Geschichtsbild der „Normaldeutschen“ schleusen. Schon die „alten Nazis“ waren erschreckend erfolgreich damit gewesen, Geschichte in ihrem Sinne zu erzählen, um unterschwellig ihre Weltanschauung in die Köpfe der Deutschen zu pflanzen. Daraus ergibt sich die drängende Frag: Was kann man dem entgegen setzen?
Erschreckend ist auch, wie vielen Mitwirkenden der heutigen Wikingerszene gar nicht bewusst ist, welche Faszination sie mit ihrer Darstellung für die Anhänger nordischer Rassenlehren ausüben. Besonders deutlich wurde dieses, als 2016 plötzlich Bilder von Wikingerdarstellern auf Facebookseiten auftauchten, die sich „Save our White Children!“ und „Proud European Heritage“ nannten. Dort wurden sogar Fotos von Kindern aus der Reenactmentszene ungefragt politisch verwendet, und Fotos von Wikingerdarstellern ohne deren Kenntnis, geschweige denn Zustimmung, mit Texten wie „I am proud to be a white heterosexual!“ versehen.

Nicht minder erschreckend ist meines Erachtens das geringe Problembewusstsein vieler Archäologen und Museumsleute, und der generell veraltete und unzureichende Kenntnisstand vieler der beteiligten Teilnehmer. Ralf schreibt:

Was sich themenbezüglich alleine in den letzten zehn Jahren in sozialen Netzwerken oder auch in Diskussionsforen entwickelte, war den meisten Wissenschaftlern auf dieser Tagung leider nahezu unbekannt. Diese Unkenntnis wurde auch kurz thematisiert und es wurde festgehalten, dass hier Nachholbedarf besteht. Wie das allerdings gehen soll, wenn sich die Forscher auch zukünftig verweigern, an profanen Diskussionen teilzunehmen, bleibt zunächst noch ein Rätsel. Was hilft es, die geschichtliche Parallelentwicklung von Archäologie als Wissenschaft und die Begriffsbildung von Nation als eine Ursache der Problematik klar herauszuarbeiten, wie es Dr. Ulf Ickerodt in seinem Vortragsteil tat, wenn es „nicht Aufgabe der Forschung ist, ihre Ergebnisse einem breiten Publikum vorzustellen“? Sollte sich Forschung nicht mit aktueller Recherche nach Wikingerrezeption verbinden, wie sie beispielsweise Jan Raabe durch den aktuellen Besuch der Wikingertage und detaillierte Kenntnisse im Bereich Neopaganismus erbringt? Er gilt als Experte für Rechtsrock, konnte jedoch mit seinem Vortragsteil genau diese Verbindung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und „Umsetzung“ des Wikingerbildes verdeutlichen.

Angesichts dessen wundert es mich nicht, dass zwar gern auf „Freizeit-Wikinger“ und „Germanengläubige“ gezeigt wird, aber der eigene Anteil daran, dass völkische Geschichtsklittierungen auf dem Vormarsch sind, von Fachwissenschaftlern und Museen fast durchweg übersehen wird.

Ende Teil I

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