Von wegen „uralt“: Von Adventskränzen und Dirndln – Teil I, geschrieben von MartinM

Es gibt angeblich uralte „Traditionen“, die vor gar nicht so urlangen Zeiten mehr oder weniger frei erfunden wurden. Es aber auch Traditionen, die relativ neu und trotzdem authentisch sind. Sie sind echte neue Traditionen, sogar dann, wenn sie auf „kulturelle Innovationen“ zurückgehen.

Adventskranz, in der von Wichern eingeführten FormMädchen im Dirndl, ca 1933

Erfundene Tradition (oder auch: konstruierte Tradition) ist ein ideologiekritisches Konzept, das von den Historikern Eric Hobsbawm und Terence Ranger mit der Aufsatzsammlung „The Invention of Tradition“ (1983) in die Geschichtswissenschaft eingeführt wurde. Allerdings war die Erkenntnis, dass nicht alles, was unter dem Label „altes Brauchtum“ firmiert, wirklich „alt“ und wirklich „Brauchtum“ ist, schon damals ein „alter Hut“. Kritischen Volkskundlern war das sogar schon im 19. Jahrhundert aufgefallen. Unter Historikern sah man das lange Zeit allenfalls als ein Problem der Quellenkritik. Vor allem Hobsbawm kommt das Verdienst zu, in den 1980er Jahren eine überfällige, ebenso ideologiekritische wie selbstkritische, Debatte unter Historikern angestoßen zu haben. – übrigens deutlich später als die entsprechenden Debatten unter Soziologen.

„Erfundene Traditionen“ werden in ihrer jeweiligen Gegenwart konstruiert, und in eine bestimmte Vergangenheit zurückprojiziert. Diese „Traditionen“ gab es, nach Auskunft ihrer Erfinder, also „schon immer“ oder „von altersher“ und sie werden in der Regel als „wiederentdecktes Brauchtum“ getarnt.
Hobsbawm, als marxistischer Historiker, betonte, dass Traditionen dazu dienen, gesellschaftliche Normen und Strukturen gesellschaftlich zu legitimieren. Traditionen verkörpern das Erkennungszeichen einer Volksgruppe, ein Ritual und der nationalen, regionalen und auch lokalen Geschichte. Ein Stück Identität. Also ist es auch kein Wunder, dass erfundenen Traditionen vor allem deshalb erfunden werden, um das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe zu stärken.

MITTEL ZUM ZWECK

Es gibt allerdings auch „Traditionen“, die aus anderen Interessen erfunden wurden, wie der „Sirtaki“, ein erst 1964 für den Film „Alexis Sorbas“ erfundener „traditioneller griechischer Volkstanz“. Der Sirtaki fördert das Zusammenheitsgefühl der Griechen nur insofern, als dass sie sich weitgehend einig sind, dass Anthony Quinn, der Hauptdarsteller des Films, ein miserabler Tänzer war. Für die griechische Tourismuswerbung ist er hingegen so unverzichtbar wie der Ouzo beim „Griechen“ um die Ecke.

Das „traditionelle südafrikanische Blasinstrument“ Vuvuzela gibt es erst seit den 1990ern. Von Anfang an war es ein Lärminstrument südafrikanischer Fußballfans, das sich zur kollektiven Gehörschädigung ähnlich wirksam erwies wie die beliebten, aber verbotenen, Böller, und das sich in seiner originalen Ausführung mit aus einem Stück bestehendem Rohr auch als Argumentationsverstärker gegenüber Fans der gegnerischen Mannschaft eignete.
Die Gerüchte über eine alte folkloristische Tradition des technisch zu den Blechblasinstrumenten zählende Plastikhorns tauchten sicher nicht zufällig zuerst auf, als sich Südafrika für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 bewarb.

„Es war schon immer so“ ist eine beliebte Verteidigung der Anhänger bestehender Normen und Strukturen gegenüber einem gegenwärtigen Wandlungsdruck.
Die „traditionelle Familie“, die von rechtskonservativen Kreisen gegen Kinderkrippen, „Schwulenehe“, „Frühsexualisierung“, Frauenemanzipation und vieles andere, was ihnen nicht passt, angeführt wird, ist ein Musterbeispiel dieses Traditionsgebrauchs- bzw. -missbrauchs. Das funktioniert sogar dann, wenn die „gute alte Zeit“, zu der die Tradition Kontinuität herstellt, gar nicht so „gut“ war. Im Falle erfundener Traditionen ist diese Kontinuität künstlich, aber wirksam. Und manchmal ist auch die dazugehörige „gute alte Zeit“ erfunden.

DIE ERFINDUNG DER HEXEN ALS „UNTERGRUND-HEIDEN“

Übrigens sind sehr viele vielleicht sogar die meisten jener „Traditionen“, auf die sich Neu-Heiden und moderne Hexen berufen, um ihre spiritueller Orientierung historisch zu unterfüttern, relativ neuen Datums. Ein Beispiel ist die Tradition der Hexen-Coven aus Margaret Alice Murrays „Der Hexen-Kult in Westeuropa“ (1921). Ihre Hypothesen von einer von der Steinzeit bis in die Frühe Neuzeit fortbestehenden Hexen-Religion sind gut ausgedrückt und wirken plausibel. Sie sind aber das Ergebnis von Fehlinterpretationen, Wunschdenken und Überspitzungen, unter reichlicher Verwendung unbestätigter Quellen und gelegentlicher absichtlicher Verfälschungen. Ich halte das Werk der wohl zu recht in ihrem eigentlichen Fach einen guten Ruf genießenden Ägyptologin für ein hervorragendes Fantasy-Epos in Form eines Fachbuchs, in dem außer Phantasie auch viel Recherchearbeit und Sachkunde steckt. Das lässt sich allerdings auch über Tolkiens Silmarillion sagen. Murrays These vom universalen heidnischen Kult, der parallel zum christlichen in Westeuropa existiert hätte, hat mit der historischen Wirklichkeit etwa genau so viel zu tun.

Liebe Mithexen und -heiden: Bitte spart Euch Eure Bannflüche. (Die wirken eh nicht, jedenfalls bei mir.) Ich bin der Letzte, der leugnen würde, dass es Überreste der vorchristlichen Zeit im überlieferten Volksbrauchtum gibt. Sehr wahrscheinlich „überlebte“ auch die Verehrung einiger heidnische Gottheiten in der Form christlicher Heiliger oder als Volksglauben an Feen, Dämonen usw. . Aber das sind eben Überreste vergangener Traditionen, keine im Untergrund fortlebenden heidnischen Kulte.

Dass erfundene Traditionen an reale überlieferte Objekte anknüpfen, ist eher die Regel als die Ausnahme. Sogar der für einen Film erfundene „Volkstanz“ Sirtaki lehnt sich an überlieferte griechische Tänze an.
Auch den etwas klobigen aus Schweden stammenden Turmleuchter gab es schon, bevor das „Ahnenerbe“ der SS die entsprechende „alte Tradition“ zum weder mittelalterlichen noch heidnischen Kerzenständer alias „Julleuchter“ hinzudichtete.

Weiter: 2. Eine im 19. Jahrhundert neu begründete „echte“ Tradition: Der Adventskranz.

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