Ein Waldspaziergang, geschrieben von XVII

Endlich mal wieder so richtig gemütlich auf dem Waldweg entlang gehen.

War schon ewig nicht mehr hier. Ahhhh. Die frische Luft. Waldluft.

Es ist zwar heute nebelig,

aber das macht mir gar nichts aus. Herrlich. Entspannend.

Nicht der Elektrosmog des Büros. Kein Rattern der Drucker, kein Zwitschern vom Fax.

Kein ständiges Email Checken. Kundengespräche.

Sogar der Boden, ich fühle den Erdboden durch meine Wanderschuhe durch.

Herrlich.

Oh…was ist da vorne? Ist da wer? Am Weg?

Ich gehe rascher. Da liegt wer. Eine alte Frau, wie in Lumpen gehüllt. Fuchtelt mit den Armen.

Versucht aufzustehen. Klappt nicht.

„Oh, was ist Ihnen passiert, kann ich Ihnen helfen.“

-“Bin gestrauchelt. Mein Knöchel.“ Sie deutet auf ihren Schuh und ihren Knöchel.

Altes Leder, alte Schuhe, rissig. Ihr Knöchel…rot.

Ich knie mich zu ihr hin.

„Lassen Sie mich kurz Ihren Fuß anschauen…“

Ein paar medizinische Kenntnisse hab ich ja. Zumindest um zu sehen, ob sie sich wohl stärker verletzt hat, oder ich ihr wirklich aufhelfen kann und soll.

Ok…das wird ne massive Schwellung geben…aber beim Abtasten kann ich so nichts wahrnehmen, was da nicht so sein sollte, wie es sein soll…wahrscheinlich überdehnt.

„Glauben Sie, daß Sie den Fuß belasten können, wie stark tut es weh?“

-“Das geht schon, geht schon, hilf mir nur auf, das geht schon.“

Ich stütze sie. Sie belastet vorsichtig ihren Fuß…zappelt ein bißchen…

„Gehts? Soll ich Hilfe rufen?“

-“Nein…nein. Bring mich nur nach Hause.“

„Wo wohnen Sie?“

-“Gleich da…am Waldrand. Kleine Hütte.“

„Wie weit? Geht das für Sie?“

-“Nicht weit, 200 Meter vielleicht, nicht weit.“

Ich halte sie. Sie legt ihren alten Arm um mich…und so humpeln wir ein paar Meter.

„Haben Sie Schmerzen, geht’s?“

-“Ja, es geht. Wir sind gleich da.“

Ein paar Minuten später sind wir tatsächlich vor einer kleinen Wegabzweigung, die zu einem kleinen Häuschen führt. Direkt am Wald. Ist mir hier noch nie aufgefallen.

Nun, meistens geh ich von der anderen Seite und bin tief in Gedanken versunken.

Hier sind sogar ein paar kleinere Häuser…fällt mir auf, jetzt wo wir näher kommen.

Und eine Strasse.

Vor uns eine niedrige Gartentür.

Sie reicht mir einen großen Schlüssel.

-“Sperrst du bitte auf?“

Ein schöner Schlüssel. So richtig alt. Mit Verzierungen.

Ein kleiner Garten. Viele unterschiedliche Pflanzen. Eine Holzbank.

Wir steuern auf das Häuschen zu.

Sie reicht mir noch einen Schlüssel.

Der ist um einiges moderner. Aber auch mit viel Verzierungen und golden.

Ich sperr die Türe auf. Eine alte Holztüre, die sehr stark beim Öffnen knirscht.

Wir gehen rein.

Ein kleiner Vorraum…und ein riesiges Wohnzimmer. Es wirkt innen viel größer, als es von Außen den Anschein hat.

Und lauter Kram. Wie in einem Museum. Alles voll geräumt. Mit obskuren, eigenartigen Gegenständen und Bildern. Kleine Statuen. Kelche. Kerzenhalter.

Sie zündet ein Räucherstäbchen an.

Uah…ich hasse diese Dinger.

-“Es macht Dir doch nichts aus? Es beruhigt die Nerven.“

Ich werde eh gleich wieder gehen.

„Nein, nein…“

-“Du bleibst doch noch ein bißchen?“

„Kann ich noch was für Sie tun?“

-“Nein, nein…aber bleib doch noch.“

Wie kann ich einer alten Dame den Gefallen abschlagen. Wahrscheinlich hat sie keinen zum Plaudern und will mir jetzt ihre Lebensgeschichte erzählen.

-“Willst Du vielleicht einen Tee?“

„Ja, gerne. Aber soll den nicht ich machen, sie müssen…“

-“Nein, meinem Fuß geht es auch schon besser.“

Sie humpelt in die Küche. Ich höre, wie sie durch einige Kästen geht….Wasser rinnt, Geschirr klappert.

Ich schaue mich weiter in der Wohnung um.

Eigentlich fast gemütlich. Ein altes Fell als Teppich. Keine elektronischen Geräte.

Viele Bücher. Die Couch auf der ich sitze….angenehm. Und sogar das Räucherstäbchen ist dezent..und wirkt in der Tat beruhigend.

Ich höre wie sie in der Küche hin- und herhumpelt…aber der Schritt verändert sich auf einmal.

Ein Zischen des Teekochers bedeutet wohl, daß der Tee schon fertig ist.

-“Du hast es hoffentlich gemütlich? Schau dich derweil ruhig um.“

Ihre Stimme klingt anders. Wesentlich jugendlicher.

Jemand kommt von der Küche. Eine Frau so in meinem Alter. Hübsch. Gut gekleidet.

Bißchen farbenfroh, ein langer Hosenrock mit vielen Mustern…aber gut sitzende hübsche Bluse.

Gute Figur.

-“Du hast ein reines, gutes Herz. Kann ich etwas für Dich tun?“

„Danke, das ist aber nett, daß Sie das sagen…wie geht es Ihrer Mutter?“

Sie lächelt.

-“Uns…uns geht es gut. Doch nun zu dir…wie wäre es wenn ich…“

Sie zückt Karten. Einen ganzen Stapel voll Karten.

-„…ich dir die Karten lege?“

Wohl so eine typische Esotante. Oh, Mann. Kartenlegen.

„Nein, nicht nötig…ich…“

-“Du glaubst nicht an die Karten? Musst du auch nicht….komm…zieh drei.“

Ich mache ihr den Gefallen. Ziehe drei Karten.

Sie legt sie vor mir auf den Tisch. Dreht sie um.

Ich sehe auf einer Leute mit vielen Münzen. Eine…da sind Schwerter drauf…und auf einer sind so ägyptische Symbole und Wesenheiten mit so Tierköpfen.

-“Oh…beruflich bist du sehr gefordert. Viel zu sehr. Das ist nicht gut für dich. Du solltest kürzer treten. Ja, vielleicht ist sogar dein Job gar nicht der richtige für dich.“

Da sagt sie mir ja wirklich nichts Neues. Mein Job fordert mich irre. Aber ist das heute…nicht normal? Anderer Job? Lächerlich. In meinem Alter. Was neu anfangen.

-“Veränderung. Es wird sich etwas tun in deinem Leben. Ein Neuanfang, der dir vorbestimmt ist.“

Leben ist Veränderung. Yeah…ich kann dann wohl auch Karten lesen.

Sie blickt mir tief in die Augen. Viel zu tief. Ich versuche zuerst weg zu sehen…dann versuche ich zu lächeln…aber ihr Blick…ihre Augen…unheimlich…ich…ich…

-“Es gibt viel mehr, als du meinst. Viel mehr als deinen Job und deine Kleinigkeiten mit denen du dein Leben erträglich machst. Wenn du dir etwas wünschen würdest….egal was, wie würde der Wunsch lauten?“

„Glück. Ich hätte gern mehr Glück.“

-“Glück?“ Sie lacht laut. „Du glaubst nicht an Kartenlegen aber an Glück glaubst du?“

Sie schenkt mir eine Tasse Tee ein. Kichert noch immer.

Schenkt sich selbst ein. Trinkt genüßlich. Ich mache auch einen Schluck.

Lecker. Der Tee ist wirklich lecker. Als würde man Früchte trinken. Also echte Früchte.

„Glaubt nicht jeder an Glück? Ich meine, es wäre doch erträglicher, wenn einem etwas mehr zufällt…wenn es einem öfter gut geht…einfach so, ohne viel Tun.“

-“Ich glaube nicht an Glück.“

Ich merke wie ich eine Augenbraue nach oben bewege und viel zu lange oben lasse.

Ich schaue sie an.

„Nun, ihre Mutter hatte wohl Glück, daß ich ihr helfen konnte.“

Sie lächelt.

-“Manches ist nicht so wie es erscheint.“

Wir trinken dann noch Tee…aber irgendwie ist die Unterhaltung da erlahmt.

Gut, ich will sowieso noch ein bißchen spazieren gehen.

„Gut, also, Danke für den Tee und gute Besserung ihrer werten Mutter, ich werde mich dann wieder auf den Weg machen.“

-“Es hat mich sehr gefreut. Wirklich. Dich kennen zu lernen. Kate wird dich noch zum Wald bringen und die Türen versperren.“

Sie nimmt das Teegeschirr auf und verschwindet in die Küche.

Herumgepolter in der Küche. Und eine ganz junge Mädchenstimme.

Ein vielleicht 12 Jahre junges Mädchen hüpft fröhlich ins Wohnzimmer…

-“Kommst du?“

„Hm. Ja, laß mir Deine Verwandten lieb grüssen, und Deiner Oma solls bald wieder besser gehen!“

-“Meine Verwandten? Oma?“ Sie grinst….und nimmt meine Hand.

Ein süßes Mädchen. Sie hoppelt neben mir…wie ein junger Hase.

Sperrt die Türe hinter uns zu. Ich kann nun ein Namensschild sehen.

Da steht… „H. Cate“

Sie hoppelt weiter, lässt meine Hand nicht aus…Richtung Gartentor.

Ich gehe durch. Wundere mich, warum sie die Tür vorher auch zu gesperrt hat.

Sie reicht mir den Schlüssel von der anderen Seite des Tores.

Den großen, stark verzierten.

-„Zwei Sachen heute sag ich dir…dein Buchhalter ist unehrenhaft und…die Diagnose deines Arztes ist falsch. Das könnte dir…zu dem Verhelfen, was du „Glück“ nennst.“

Sie reicht mir den Schlüssel.

-“Es liegt an dir nun diesen Schlüssel zu drehen, behalte ihn….als Erinnerung. Und, wenn du mich brauchst so rufe mich.“

Ich finde das alles gerade höchst merkwürdig. Sperre das Schloß aber von meiner Seite zu…möchte ihr den Schlüssel geben…sie wendet sich aber ab…und humpelt in Richtung der Haustüre.

In alte Lumpen gehüllt. Ich seh nur eine Gestalt in Lumpen.

Ich traue meinen Augen nicht.

Halte den Schlüssel in der Hand. Stecke ihn ein.

Woher weiß sie von der Buchhaltung? Und wer ist sie? Was war das jetzt?

Hab ich da was in dem Tee gehabt?

Ich gehe langsam wieder zum normalen Weg.

Und…nein, es wundert mich fast nicht…als ich mich dann umdrehe…war da keine Wegabzweigung.

Kein Häuschen zu sehen. Den Blutbefund muß ich morgen abholen.

Ich werde den dann nochmal kontrollieren lassen.

Ich schaue ungläubig auf den Schlüssel in der Hand.

DAS…das glaubt mir niemand.

Autor: XVII

Bildquelle: Wiki Commons:  From Riis Skov. A cold foggy winters day. RhinoMind//  Head of an Old Woman, Rob. Koehler 1881, Minneapolis Institute of Art

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