Vergänglichkeit – Ein Neujahrsgruß, geschrieben von Uwe

„Werde dir bewusst, was geschieht, wenn du stirbst“. Oha, jetzt kommen wir mal dahin, wo es brenzlig wird. Das kann man doch mal ausführlicher beleuchten, eindringlicher, persönlicher.

Tja, was geschieht, wenn es denn so weit ist?

Man verliert die Kontrolle erst über den Körper, dann über den Geist. Das ist alles andere als schön. Und man fühlt sich nicht wirklich gut dabei. Ich meine, wenn man nicht grade zackbumm tot umfällt. Oder zwischen zwei Lastern in einem Kleinwagen zerquetscht wird.
Wenn du heute 20, 30, 40, oder auch 50 Jahre alt bist, ist die Wahrscheinlichkeit, statisch betrachtet, natürlich ziemlich hoch, dass du auch nächstes Jahr noch lebst.
Wir leben ja nicht mehr vor 100 Jahren, als die spanische Grippe mal soeben ratzfatz ein Zehntel der Weltbevölkerung dahinraffte oder der erste Weltkrieg ne Menge Tote forderte. Oder gar im Mittelalter, als das Sterben noch eine Alltäglichkeit war.
Heute ist Sterben verbannt in Krankenhäuser und Alten- und Pflegeheime.
Und tatsächlich sterben rund 80 Prozent der Menschen in einem Alter über 70 Jahren.
Also könnte man, wenn man denn unter 70 ist, ziemlich beruhigt sein und sich zurücklehnen. Aber leider, leider geht doch alles ziemlich schnell im Leben.

Da war gerade noch das Jahr 2000, die einstmals viel beschworene SPD Agenda 2010 ist Geschichte und heute ist schon 2018 und der Berliner Flughafen ist immer noch nicht eröffnet. Also, was soll´s, ob man nun 20, 30, 40 oder doch 80 Jahre alt wird, der Tod kommt gewisslich. Und meist mit Ansage.
Und die allermeisten Menschen gehen in ihr Sterben, als hätten sie eine Reise gewonnen bei irgendeinem Preisausschreiben ohne dass ihnen jemand gesagt hätte, wohin es gehen wird. Zumindest kann man es bei Menschen, seien sie nun alt oder jung, die ans Ende des Lebens gekommen sind und die das einigermaßen bewusst erleben, ziemlich gut beobachten.
Sicher, es gibt ein paar wenige, die im Sterben Größe haben. Doch sie sind selten. Und ich werde garantiert nicht zu ihnen gehören.

Ich dachte einstmals, es sei einfach. Aber ich wurde eines besseren belehrt.
Erst kürzlich starb ein Freund von mir.

Jeder der ihn kannte, auch ich, glaubte, er könnte die Sache mit dem Sterben gut hinbekommen. Weil er sich seit über 35 Jahren damit intensiv befasst hatte. Als Buddhist. Aber der Krebs hatte ihn nach einem Jahr schließlich in die Knie gezwungen.
Am Ende war einfach nur noch Angst. Und Reue um eine verpasste Gelegenheit. Das wurde ihm schmerzlich bewusst in der Zeit, als er nicht mehr arbeiten, sich nicht mehr ablenken konnte von seinen immerzu drängenden Gedanken, von seinem eigentlichen Wissen um die Kostbarkeit der menschlichen Existenz.
Es war nicht leicht für ihn, dieses Leben zu verlassen. Aber er musste. Keine Chance. Der „Reiseveranstalter“ hatte ihn schließlich einfach so mitgenommen, ohne auf seine Einwände zu achten.

Anderen geht es noch schlimmer. Sie werden beim Sterben richtig unzufrieden. Weil sie erkennen, wie viel Mist sie im Leben gemacht haben. Oder weil sie es einfach gewöhnt sind, ein Arschloch zu sein und ihnen diese Tatsache erst beim Abgang auffällt.
Manche, insbesondere alte Menschen blicken gar nichts mehr, weil sie in einen dementen Zustand des großen Vergessens verschwinden. Viele werden einfach medikamentös ruhig gestellt, weil sie ansonsten völlig ausrasten und durchdrehen.
Etliche der Todgeweihten verweigern die Realität des nahenden Abgangs und hoffen auf Gesundung. Klammern sich an Homöophatie und Wunderheilung.
Viele verzweifeln und fallen in einen apathischen Zustand, der allerdings nichts mit echtem Loslassen zu tun hat.
Wieder andere Menschen sterben unter großen Schmerzen. Sie haben verständlicherweise Angst, unerträgliche Angst. Weil sie nichts mehr unter Kontrolle haben. Freiheit? Ach Gott.
Oft sind Sterbende so mit Opiaten vollgepumpt oder vegetieren in einem komatösem Zustand, dass sie nicht viel von ihrem Sterben erleben können oder bekommen im Gegenteil jeden beschissenen Tag ihres Dahinvegetierens noch erst recht mit. Und unsere gottverdammt großartige Medizintechnik hält sie am Leben, schlimmer als es ein geschickter Folterknecht in einem Keller der Inquisition tun könnte.

Vor allem jedoch …
… alle Menschen sterben allein.

Egal wie viele Leute um ihr Sterbebett herumstehen mögen. Und gerade die machen es einem häufig dann mit ihrem Gejammere und Geheule noch schwerer zu gehen.
Wie ist das für mich? Wenn ich mal so drüber nachdenke.
Was wird auf mich zukommen?

Werde ich zufrieden sein mit meinem gelebten Leben, wenn es soweit ist?
Oder werde ich etwas bereuen, mir wünschen, etwas anders gemacht zu haben?
Vielleicht hätte ich noch mal jemanden um Verzeihung bitten, etwas freundlicher sein sollen?
Vielleicht hätte ich doch etwas verschenken, etwas vergeben, verzeihen müssen?
Vielleicht hätte ich doch die beschissene Arbeit kündigen, die lang ersehnte Reise machen, das wunderbare Buch lesen sollen.
Vielleicht hätte ich ja doch mehr das Sitzen üben sollen, das Ruhen in diesem Denken, Fühlen und Erfahren. So wie es der Buddha seinen Schülern, also mir, dringlichst ans Herz gelegt hat.

Damit ich dann nicht so eine Scheissangst haben müsste vor dem, was da an Ungewissheit lauert in diesen letzten Stunden des Lebens. Diese Scheissangst, die kommen wird, die ich beobachten kann bei so vielen Menschen, seien sie alt oder jung.
Die Angst, die ich kenne, die da lauert, schon zu normalen Lebzeiten, dort um die Ecke, hinter den dicken Pfeilern meiner Ignoranz, die sich Langeweile nennen oder Warten, Ungeduld, Trägheit, Dumpfheit.
Die Angst, der ich jedesmal, wenn es mal still ist im äußeren und nichts geschieht mit einem innerlichen Pfeifen begegne, wie damals als Kind, allein im Keller.
Die Angst, die nichts anderes als die Angst vor dem Sterben ist, vor dem Unausweichlichen.
Vor dem großen unbekannten Ding, was wir gemeinhin „Geist“ nennen.
In einem hübschen Merkspruch für buddhistische Meditierer heißt es:
Derjenige Meditierende mit den geringsten Fähigkeiteiten bereut nichts, wenn es ans Sterben geht.
Derjenige mit mittleren Fähigkeiten hat keine Angst vor dem Sterben.
Derjenige mit den höchsten Fähigkeiten geht mit großer Neugier, gar mit Freude ans Sterben.

Die buddhistische Meditation hat tatsächlich nichts anderes im Sinne, als uns auf unser eigenes Sterben vorzubereiten. Wer glaubt, Meditation dient dazu, ein ruhigeres, beschaulicheres Leben zu führen irrt.
Denn tatsächlich sterben wir an jedem Tag, jeden Augenblick. Und Wiedergeburt geschieht ebenfalls in jedem Moment, jeden Tag.
Doch ich habe weder geringe noch mittlere, geschweige denn höchste Fähigkeiten. Aber manchmal packt es mich, dann nehme ich mir doch vor, diesen Geist etwas besser kennen lernen zu wollen. Dieses merkwürdige Ereignis Geist, diesen scheinbar vorbeigleitenden Strom von Erfahrungen, Phänomenen und Erscheinungen in dieser vergänglichen Geschichte.
Denn dieser Körper ist nicht mehr als eine ziemlich kaputtgehbare Hülle.
Ganz nett. Aber wirklich nicht mehr.

Und jetzt denk´ selbst nach

Wie sieht es bei dir aus?
Kennst du deinen Geist?
Deine Gedanken, Gefühle, Gewohnheiten?
Also, mach´ was

Eine Antwort zu “Vergänglichkeit – Ein Neujahrsgruß, geschrieben von Uwe”

  1. Was-weiß-ich sagt:

    Hallo Autor,

    das habe ich jetzt schon öfters gelesen, die dringende Aufforderung, sein Leben zu leben, damit man es im Augenblick des Todes oder des Sterbens nicht bereut. Besonders im buddhistischen Kontext kommt einem das immer wieder vor die Nase.

    Ich frage mich nur immer, was GENAU damit gemeint ist.

    Etwas bereuen und sich wünschen, etwas anders gemacht zu haben ist doch eine sinnlose Beschäftigung mit etwas, was man im Nachhinein nicht mehr ändern kann.

    Ähnlich widersprüchlich erscheint mir das mit der beschissenen Arbeit, der lang ersehnten Reise und dem wunderbaren Buch. Soll die Praxis einem nicht beibringen, unsere Haltung zur beschissenen Arbeit zu ändern, statt einem wunderbaren Traumjob nachzujagen, den es nicht gibt, bzw. der sich, sollten wir ihn doch tatsächlich finden, letztendlich als genauso langweilig und lästig herausstellt, als der ungeliebte zuvor?

    Auch die lang ersehnte Reise wird nie so toll sein, wie wir es uns in unserer Fantasie vorgestellt haben, weil die Realität NIE mit der Perfektion der Fantasie mithalten kann.
    Und das tolle Buch zu lesen, ist doch letztendlich nur ein Abtauchen in eine Fantasiewelt, Eskapismus.

    Was GENAU heißt es, Leben leben? Warum hört man relativ oft von Zen-Meistern oder Praktizierenden, die an Krebs starben? Eine Krankheit, die laut alternativer Medizin die Manifestation des „Ungelebten Lebens“ ist.
    Ist das „im Moment leben“ der Praxis kein Leben? Sollen alle statt dessen auf Reisen gehen und von einem Job zum anderen Wechseln, in der Hoffnung, etwas zu finden, was ihnen auf Dauer Spaß macht?

    Natürlich lautet die Antwort, dass das jeder für sich selbst herausfinden muss, ich weiß, ich weiß.
    Aber ich finde es doch bemerkenswert, dass das Thema zwar immer angeschnitten wird, aber nirgendwo auf den (vermeintlichen?) Widerspruch hingewiesen oder ein Lösungsansatz gegeben wird.

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