Yin und Yang – Teil II, geschrieben von Sacriba

Was sind Fraktale?

Dieser Artikel mag auf den ersten Blick nicht zur Artikelreihe passen. Inwiefern das Thema für Yin und Yang relevant ist, werde ich erklären.

Das Konzept über Fraktale, die Fraktaltheorie, wurde von Benoît Mandelbrot entwickelt und 1975 publiziert. Mittlerweile wird es als die größte Weiterentwicklung der Mathematik seit dem 18. Jahrhundert angesehen. In seiner Grundidee besagt es, dass alle von selbst wachsenden Strukturen (direkt: wie Lebewesen, indirekt: wie Sterne) sich selbst ähnliche Strukturen bilden. Eine solche Struktur wird dann ein Fraktal, oder mehrere Fraktale, genannt.

Beispiele:
Ein Baum besteht erst einmal aus Wurzeln. Dann wächst ein Stamm, von dem Äste wegstehen, die wiederum Zweige entwickeln. Das Netzwerk aus Wurzeln sieht dem Netzwerk aus Ästen ähnlich, und wie die Äste vom Stamm wegwachsen, sieht ähnlich aus wie die Zweige, die von den Ästen wegwachsen, usw. Die Wurzeln sind ein Fraktal von den Ästen, und die Äste sind fraktal zu den Zweigen. Die Reihenfolge ist allerdings nicht wichtig, sondern nur die Ähnlichkeit: So sind auch die Wurzeln fraktal zu den Zweigen, usw.

Die korrekte Formulierung ist dabei entweder “ist ein Fraktal von” oder “ist fraktal zu”, mit der gleichen Bedeutung.

Eine häufige Anwendung erfahren die Gleichungen der Fraktaltheorie in Computerspielen mit hohem Anspruch an lebensechte Grafik, um genau über solche Ähnlichkeiten Lebewesen realitätsnah zu animieren.

Aber nicht nur physische, sondern auch psychische Strukturen (wie Ideen und Konzepte) wachsen selbst – und bestehen daher aus Fraktalen, welcher wieder neue Fraktale ausbilden können. Diese beiden Fraktalmöglichkeiten beeinflussen sich sogar gegenseitig – und so kommen Konzepte wie Yin und Yang in der Evolution physisch und psychisch an immer wieder neuen Orten vor.

Wie bereits gesagt, ist die Reihenfolge zur Bestimmung von Fraktalen irrelevant. Allerdings kann es hilfreich sein, die jeweils älteste Form eines Fraktals zu kennen, da sich so andere Fraktale, die sich aus diesem entwickelt haben, leichter identifizieren lassen. Bei Yin und Yang ist das älteste (bekannte) Fraktal die Aufgabenteilung bei der sexuellen Fortpflanzung. Um weitere Fraktale zu finden, macht es daher Sinn, die Evolution der Sexualität zu durchforsten.

 

Sex ist mehr als nur Fortpflanzung

 Evolution funktioniert nach dem Faulheitsprinzip: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Klar, denn ein Lebewesen, das unnötigerweise Energie verbraucht, wird die nächste Verknappung an Ressourcen schwerer überleben. Daher muss jeder hohe Energieaufwand durch einen entsprechenden Nutzen gerechtfertigt sein, denn sonst bleibt der Spezies nur, das “teure” Merkmal rechtzeitig wieder zurückzubilden – oder auszusterben. Eine interessante Folge daraus ist, dass Vorgänge mit einem hohen Energieverbrauch, die bereits einen Nutzen haben, sich oftmals so weiterentwickeln, dass sie noch mehr Vorteile bringen.

Genau das ist mit der sexuellen Fortpflanzung passiert, die verglichen mit der asexuellen Fortpflanzung einen höheren Energieaufwand benötigt. In allen genügend komplexen Lebewesen haben sich Belohnungsmechanismen entwickelt, die sich einschalten, sobald dasjenige Lebewesen eine Handlung setzt, die förderlich für das eigene Überleben ist. Handlungen, die zwar das Überleben fördern, aber gleichzeitig einen hohen Energieaufwand und damit ein gewisses Risiko beinhalten, haben besonders starke Belohnungsmechanismen. Die Belohnung für Sex ist die sexuelle Lust und die anschließende Befriedigung. Beim Menschen und einigen anderen besonders intelligenten Tierarten hat genau dieser Belohnungsmechanismus beim Sex einen weiteren Nutzen bekommen: Zusätzlich zum Sex für Fortpflanzung haben diese Lebensformen eine weitere Form von Sex entwickelt, deren Ziel nicht mehr die Schaffung von Nachkommen ist – nämlich Sex zum Spaß. Bisher ist bekannt, dass große Aras (eine Papageienart), Delfine, Elefanten, einige Menschenaffen wie Schimpansen und Bonobos, sowie Menschen selbst das Konzept von Sex zum Spaß kennen.

Alle diese Lebensformen haben gemeinsam, dass sie eine gewisse Mindestintelligenz haben und in sozialen Gruppen zusammenleben. Sex ist eine lustvolle Handlung, die ein Mitglied der Gruppe mit den anderen Mitgliedern teilen kann. Wenn Individuen der Gruppe nun miteinander lustvollen Sex haben, stärkt das den sozialen Zusammenhalt: Schließlich werde ich einem Gegenüber, das mir Lust bereitet, und mir positive Erfahrungen verschafft, eher helfen, wenn es in einer Notlage ist, als einem anderen Gegenüber, das mir mögliche lustvolle Erlebnisse vermiest, oder mir sogar mein Fressen und andere Ressourcen wegnimmt. Sex zum Spaß erhöht so die Bereitschaft der Gruppenmitglieder, sich gegenseitig zu helfen, also Solidarität zu zeigen, und macht damit die gesamte Spezies überlebensfähiger.

Wenn du der obigen Beschreibung von Solidarität innerlich zugestimmt hast – Gratulation: Du hast die Fairness einer solchen Situation instinktiv verstanden. Das bedeutet, dass du ein unbewusstes evolutionäres Erbe (nämlich das Verständnis von und das Bedürfnis nach Solidarität) im Bewusstsein hast. Während alle Menschen dieses Erbe in ihren Gehirnwindungen mit sich herumtragen, schlummert es bei der Mehrheit unbewusst und ungenutzt vor sich hin, weswegen sich die meisten erwachsenen Menschen immer wieder in Lebenssituationen wiederfinden, in denen sie entweder ausgebeutet werden oder selbst ausbeuten – also eben keine Solidarität erfahren oder zeigen.

Ende Teil II

 

 

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