Yin und Yang – Teil III, geschrieben von Sacriba

Da Sex nicht mehr ausschließlich auf Fortpflanzung abzielte, sondern auf den sozialen Zusammenhalt der Gruppe, entwickelten sich zahlreiche sexuelle Spielarten, die aus Sicht der Fortpflanzung keinen Sinn ergeben, und aus deren Blickwinkel als überflüssig erscheinen. Das berühmteste Beispiel ist Homo- und Bisexualität.
Für die Fortpflanzung ist sie irrelevant, die biologisch ja nur über Hetero-Sex möglich ist. Aus Sicht des sozialen Zusammenhalts ist sie eine großartige Entwicklung: Denn Menschen, die bisexuell sind, können grundsätzlich mit den meisten der anderen Gruppenmitglieder lustvollen Sex haben und so die meisten positiven sozialen Vernetzungen aufbauen. Menschen, die rein homosexuell sind, können Druck aus der Gruppe nehmen, indem sie lustvollen Sex haben können, der garantiert keine Nachkommen produziert.
So bekommt die Gruppe in Notzeiten nicht noch mehr Mitglieder, während der soziale Zusammenhalt, der ja gerade dann wichtig ist, weiterhin gestärkt wird.
Die Prinzipien Yin und Yang entwickelten sich mit der neuen Situation mit:
Geht es um Fortpflanzung, ist Yang als das gebende und anstoßende Prinzip die Seite, die Spermien produziert, und Hindernisse überwindet, um diese zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bringen.
Yin ist als das aufnehmende und wandelnde Prinzip die Seite, die die Spermien aufnimmt, schwanger wird, und neues Leben gebärt. Wenn die Fortpflanzung aber nicht mehr Ziel des Sex ist, oder im Fall von Homosexualität gar nicht passieren kann, macht es keinen Sinn mehr, Yin und Yang so zu beschreiben.

Allerdings änderte das nichts am Ablauf von Sex: Die Körper, die Geschlechtsorgane, und die biologischen Prozesse hinter der sexuellen Lust sind schließlich immer noch dieselben, auch wenn am Ende keine Schwangerschaft herauskommt. Yin und Yang entwickelten sich daher in Richtung der einen Eigenschaft, die sich geändert hatte, also worum es bei Sex zum Spaß vorrangig geht – der Entstehung von lustvollen Gefühlen für alle Beteiligten: Eine Seite gibt und stößt an, die andere Seite nimmt diese Stöße auf und wandelt sie in sexuelle Lust um, die sich auch für die gebende Seite lustvoll anfühlt. Das macht die aktive Seite, die gibt, zum Yang. Und die passive Seite, die aufnimmt, zum Yin.

Da aber alle sexuellen Orientierungen vertreten sind, und somit auch zwei gleiche Geschlechtsorgane aufeinander treffen können, entscheidet sich diese Verteilung nicht mehr daran, wer welches Geschlechtsmerkmal hat, sondern wer eine Handlung als aktiver Mensch durchführt, und wer diese als der passive Mensch in sich aufnimmt.

Beispiele:
Hetero-Sex:
Mann stößt Frau mit seinem Penis: Mann = Yang, Frau = Yin
Frau reitet Mann, Mann liegt still: Frau = Yang, Mann = Yin
Homo-Sex:
Frau fingert weitere Frau: Aktive Frau = Yang, Frau, die gefingert wird = Yin
Mann hat Analverkehr mit weiterem Mann: Mann, der fickt = Yang, Mann, der sich ficken lässt = Yin

Nun gibt es aber noch einen Unterschied zwischen den erwähnten besonders intelligenten Tierarten und der Tierart Mensch:
Während Tiere mit einem Gegenüber mittels Körpersprache und einigen Lauten kommunizieren, hat beim Menschen die verbale Sprache einen wesentlich größeren Teil der Kommunikation übernommen. Obwohl auch beim Menschen die nonverbale Kommunikation nach wie vor die meisten Informationen transportiert, hat die verbale Kommunikation einen so großen Stellenwert, dass sie Yin und Yang beim Sex beeinflusst hat. Über verbale Sprache können Menschen beim Sex nämlich “spielen”, also wie bei einem Spiel Regeln im Konsens ausverhandeln, nach denen der Sex dann abläuft. So können die obigen Handlungen in einen ganz anderen Kontext gesetzt werden.

Zur Wiederholung:
Yin ist das aufnehmende und wandelnde Prinzip
Yang ist das gebende und anstoßende Prinzip

Durch verbale Sprache kann aus der gebenden Seite eine werden, die nicht nur die körperlichen Handlungen, sondern auch einen Teil oder sogar die gesamte lustvolle Situation “gibt”, diese also herstellt und dann Regie führt. Die aufnehmende Seite wiederum nimmt nicht nur die körperlichen Handlungen auf, sondern folgt den Regieanweisungen, soweit für sie lustvoll, und wandelt so die Fantasie des “Regisseurs” in realen, für alle Beteiligten lustvollen Sex um.

Die Zusammenfassung aller sexuellen Spielarten, die auf diese Weise funktionieren, hat im eurozentrischen Kulturkreis die Bezeichnung BDSM bekommen. Der Einsatz von Regeln und Kontrolle durch verbale Sprache kann die Position von Yin und Yang im Vergleich zu den körperlichen Handlungen sogar umkehren:

Ende Teil III

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