„Hexenmystik“ 6, setzen!, geschrieben von Johanna

„Hexenmystik“ 6, setzen! oder: ein Leserinnenbrief zu „Esoterik und Feminismus: Hexenmystik als emanzipatorische Praxis?

Eine bekennende Atheistin, die über Esoterik und magische Praktiken schreibt, ist m. E. vergleichbar mit einer Veganerin, die über Schlachtmethoden der örtlichen Großmetzgerei berichtet oder einer Schulmedizinerin, die gegen Homöopathie hetzt – immanente Meinungsmache ist in allen drei Fällen vorprogrammiert. Aber dass es gleich sooooo polemisch wird… („Tut das Not?“ hätte meine heidnische Großmutter gefragt…)
Warum die Autorin praktizierende Esoterikerinnen, Kartenleger und Hexen a) in einen Topf wirft und b) als unterprivilegiert bezeichnet, ist mir als Leserin nicht nur unverständlich – es bürstet mich auch stark gegen den Strich! Offenbar ist die Schreiberin des Artikels auch gegen Bachblüten und homöopathische Medizin eingestellt. Polemische Journaille anstatt neutraler Berichterstattung – nun gut oder eher schlecht, das gibt es ja leider oft, und polarisierende Schwarzweiß-Malerei scheint gerade „in“ zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, was dieser Artikel bezwecken soll, außer die darin „Niedergemachten“ (Hexen, Esoterikerinnen, Kartenleger etc.) zu provozieren und aus der Meditation zu reißen, damit sie mit der Faust auf den Tisch schlagen, was ich hiermit tun will – nein, Frau Kuhnen, so nicht, und schon gar nicht mit mir!

Ich bin Hexe, Priesterin der Göttin, schamanisch Praktizierende, Autorin, Kartenlegerin, durch Homöopathie und Bachblüten Geheilte und passe damit vermutlich in viele der bunten Schubladen, die Sie gern zudrücken würden. Das geht allerdings bei mir gar nicht, irgendein verquerer Zipfel von mir wird immer wieder raushängen… Sie glauben also, einzelne Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm angehören, die sich mit Dingen beschäftigen, die Ottilie Normalbürgerin (an die sich das Magazin „Siegessäule“ allerdings doch wohl eh nicht richtet?) könnten nichts bewirken? Da liegt der Irrglaube auf Ihrer Seite… aber ich vermute, Sie haben Sekundärliteratur bemüht, statt aktive Feldforschung zu betreiben. Das dauert ja auch so lange und ist so unbequem…

Hokuspokus und andere Mythen

Sie erwähnen z. B. „Hokuspokus“ – das entstammt der christlichen Messe aus einer Zeit, als sie noch (um „Unterprivilegierte“ vom Verständnis abzuhalten – na, merken Sie was?) in lateinischer Sprache abgehalten wurde. „Hoc est corpus meus“ sagte der Priestermann, „dies ist mein Leib“ – beim Abendmahl. Der bildungsferne Zuhörer, durch Stellwände ins seitliche Kirchenschiff abgedrängt, sah fast nichts und verstand nur „Hokuspokus“. Viel mehr haben Sie meiner Vermutung nach von dem, was wir Hexen heute praktizieren, wohl auch nicht verstanden…

Wir glauben zum Beispiel nicht an ein „fremdbestimmtes Schicksal“ – um es mit Asterix zu sagen (auch wenn er nicht queer oder LGBT ist): „Bleichgesicht Biberzahn irrt sich im Kontinent“, bzw. in der Religion. Heutige (und auch historische) Hexen bestimmen ihr Leben selbst – dazu gehören durchaus Mittel, die den Herrschenden und den „Normalbürgern“, so es die denn gibt, suspekt erscheinen mögen, wie Kartenlegen, Rituale, Beten an und Gespräche mit den jeweiligen persönlichen Göttinnen und Göttern.
Wenn die Mondin im Uranus steht, verschwinden leider weder Patriarchat, Sexismus oder schlechter Journalismus, sonst müsste ich diesen Leserinnenbrief gar nicht schreiben…

Sie greifen zwar munter in die Geschichtskiste, haben aber offenbar keinen Überblick über aktuelles religiöses Geschehen der Kirche – der Papst höchstselbst hat sich für die Morde an den Frauen, die als Hexen verunglimpft worden waren, entschuldigt. Das Rauschen im virtuellen Blätterwald, das hierdurch verursacht wurde, hat Sie, Frau Kuhnen, offensichtlich nicht erreicht. Mitnichten gibt es übrigens eine Verbindung vom spitzen Judenhut zum Hexenhut – letzterer entstammt der Zunft der Bierbrauer im Mittelalter. Dazu brauchte man Kräuter, und Hexen kennen und nutzen solche… aber das wissen Sie ja sicherlich bereits, das kennt man doch vom Hörensagen, gell!?

Zur Hexenverfolgung sei ferner angemerkt: Bei weitem nicht nur Frauen fielen den Hexenjägern und -richtern zum Opfer. Ihr Anteil lag in Deutschland im Zeitraum von 1530 bis 1730 bei 76 Prozent, in manchen Regionen, zum Beispiel im Bereich des Pariser Appellationsgerichts, sogar bei „nur“ 50 bis 60 Prozent. Während in katholischen Regionen bis zu dreißig Prozent der Hingerichteten Männer waren, verringert sich ihr Anteil in protestantischen oder reformierten Gebieten (England, Schottland, Schweden oder Niederlande) auf zehn bis 15 Prozent. Einer der Gründe für den weiblichen Überhang: Die im katholischen Bereich maßgebliche Bibelübersetzung Vulgata übersetzt die Stelle 2. Mose 22,18 mit „Die Zauberer sollst du nicht leben lassen“, die Lutherübersetzung (in Anlehnung an den hebräischen Text) hingegen: „Die Hexen sollst du nicht leben lassen“.
Ob sie Kinder aßen oder nicht – das allein genügte schon, Ihr Vergleich ist also ziemlich an den Hexenhaaren herbeigezogen.

Ebensolches gilt für den Vergleich der Verfolgung der Hexen mit dem Antisemitismus: Der Vorwurf des Schadenszaubers wurde in vielen Fällen vorgeschoben, wenn man die Menschen wegen anderer Taten nicht belangen konnte. Diebstahl, Sodomie, Alkohol-und/oder Drogenmissbrauch – auch in solchen Fällen kam es zu Anklagen wegen Hexerei. So, wie Richter ihre Anklage teilweise frei konstruierten, so folgten auch die „Besager“, also die Denunzianten oder „Zeugen“, nicht selten eigenwilligen, oft eigennützlichen Zielen: der Wunsch nach Scheidung, die frühere Verfügung über einen Erbteil, der Besitzerwerb von Nachbarn, Befriedigung persönlicher Rachegefühle, Ausschaltung von Konkurrenten um Wirtschaftsmonopolrechte, Sühne nicht verfolgter anderer Verbrechen. Und so manche Kirchengemeinde ist ihren Pfarrer, der in einem skandalösen Konkubinat lebte, mithilfe eines Hexenprozesses losgeworden.
Fazit: Juden und Hexen waren unbeliebt bei vielen „Normalbürgern“ der damaligen Zeit, aber die einen haben nicht zwingend mit den anderen zu tun außer Mitglieder einer Randgruppe der Gesellschaft zu sein. Und: nicht überall, wo Hexe draufstand, war auch Hexe drin…

Warum Sie Hexen und Esoteriker unter einen Hut stecken, erschließt sich mir ebenso wenig wie 99 % Ihres Artikels. Die eine hat mit dem anderen so viel zu tun wie eine Kuh mit Radfahren. Wikipedia schreibt dazu: „Heute wird „Esoterik“ weithin als Bezeichnung für „Geheimlehren“ verstanden, wobei es sich laut Antoine Faivre de facto allerdings zumeist um allgemein zugängliche „offene Geheimnisse“ handelt, die sich einer entsprechenden Erkenntnisbemühung erschließen. Nach einer anderen, ebenfalls sehr geläufigen Bedeutung bezieht sich das Wort auf eine höhere Stufe der Erkenntnis, auf „wesentliches“, „eigentliches“ oder „absolutes“ Wissen und auf die sehr vielfältigen Wege, welche zu diesem führen sollen.“ Hexen folgen keiner Geheimlehre – das Wissen ist überall zugänglich, sowohl durch Bücher als auch tatsächliche Personen, und Hexenkreise nehmen neue Mitglieder auf, ich empfehle hier doch etwas mehr Praxis!

Über die „Matriarchatsmythen“ ziehen Sie natürlich auch her, ich habe, als ich mich durch Ihren Artikel gequält habe, schon darauf gewartet – und jaaa, da kam die Erwähnung dann ja auch. Wenn Sie sich mit der Vorstellung anfreunden können, dass Frauen durchaus als ernstgenommene Wissenschaftlerinnen ernst genommen werden, empfehle ich Ihnen die Lektüre der Werke von Marie P. König, Marija Gimbutas, Heide Göttner-Abendroth u.v.m. Oder, hier kommt wieder die Feldforschung und Praxis herein: Hexentipp! Verbringen Sie doch den nächsten Urlaub mal nicht auf Malle, sondern bei den Mosuo in China, dort wird man Ihnen gern gelebtes Matriarchat zeigen! Vielleicht bekommen Sie sogar einen Zuschuss zum Bildungsurlaub!? Und wir danach ein besseres Essay?

Matriarchat is nicht?!

Dass Sie sich die Muttergöttin nicht als Identifikationsfigur vorstellen können, siedelt auf demselben Ast, auf dem neben Ihnen als Atheistin auch die Schulmedizinerin sitzt, die in Globuli unwirksame Geldverschwendung sieht. Ich sehe mich übrigens – wie 99,99% meiner Mithexen – nicht als „in eine jahrtausendealte Opfertradition eingebettet“.
Nö. Nichts könnte mir ferner sein! Hexen handeln selbstbestimmt, holen sich Unterstützung unter ihresgleichen (ja, die wilden Walpurgisfeiern gibt es immer noch!) und bei den Göttern, Geistern, Pflanzen, Tieren, Steinen, ganz normalen unhexischen Menschen übrigens ebenfalls, egal welcher Couleur und welchen Glaubens… aber auch bei Rechtsanwälten, Heilpraktikern und den Medizinern, die den Körper als mehr ansehen als die Summe seiner Teile.

Das Hexenbild, das Sie im Kopf haben, ist schon sehr „quer“ und leider sehr platt.
Wir „glauben“ auch nicht an Zauberkräfte – wir haben sie. Ich „glaube“ auch nicht an den öffentlichen Personennahverkehr, ich nutze ihn. Letzteres hilft dem bestehenden System, klar, ersteres aber nicht. Magische Veränderungen geschehen seltenst mit Donnerschlag und publikumswirksamem Tamtam – die Welt wird LEISE aus den Angeln gehoben, zur richtigen Zeit, mit den richtigen Beteiligten. Fragen Sie doch mal eine Hexe, ich kann Ihnen in Berlin einige empfehlen…

Bleibt noch die Frage, warum ausgerechnet Atheismus eine „widerständige Option“ sein soll?

Zwar kamen, historisch betrachtet, Atheisten oftmals in Konflikt mit bestehenden Systemen, und Atheismus war ferner Bestandteil der marxistisch-leninistischen Staatsdoktrin, aber der wahre Revoluzzergeist will mir hier nicht wirklich erscheinen, egal wo die Mondin gerade steht… Wenn Glaube Berge versetzen kann, warum sollte ich dann Atheismus befürworten? Natürlich sind Hexen mit Selbstheilung beschäftigt (unter anderem, und mit vielen Dingen mehr!). Das heißt aber nicht, dass wir weltvergessen Bauchnabelschau betreiben und uns um diese kranke Gesellschaft einen Dreck scheren!
Das gesunde Prinzip, zunächst vor der eigenen Tür zu kehren, bleibt nicht am Hexenbesen hängen. Wer sich selbst heilen kann, braucht dafür niemand anderen zu instrumentalisieren, ist unabhängig und schwer regierbar. Hexen haben Macht durch (die Götter, die Magie), nicht über…

Hexen und ihre Selbstbestimmung sind unbequem und für das bestehende gesellschaftliche System durchaus gefährlich – seit vielen tausend Jahren, ganz ohne Romantik, Geschichtsklitterung und „Emanzipation durch Esoterik“.

Schlussendlich muss ich sagen, ich habe selten außerhalb der Zeitung mit den Großbuchstaben so einen schlechten Artikel gelesen (und die Länge macht ihn nicht besser). In diesem Falle tue ich es meinen Hunden gleich und pinkele – virtuell natürlich – an die „Siegessäule“ für diese Veröffentlichung.
Johanna Klapper

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