Tacitus und die faulen Germanen – Teil II, geschrieben von MartinM

Tacitus schrieb zum Aussehen der Germanen

„(..) truci et caeruli oculi, rutilae comae, magna corpora (…)”

Das kann man mit
„trotzige blaue Augen, rotblondes Haar und hoher Wuchs”
übersetzen. Muss man aber nicht. Klebt man eng am Wörterbuch, wie ich es, aufgrund meiner eher miesen und zudem eingerosteten Lateinkenntnisse notgedrungen mache, kommt man auf
„grausame und blaue Augen, rote Haare, große Körper”
, was gleich viel weniger nett klingt.

Es handelt es sich bei dieser Beschreibung um einen sogenannten Wandertopos, oder, anders gesagt, ein allgemein verbreitetes Barbarenklischee, welches auf das klassische Griechenland zurück ging. Auch die Thraker, die Skythen und die Kelten wurden von griechischen Autoren wie Herodot als blauäugig und rothaarig beschrieben. Rothaarige galten schon im klassischen Griechenland als jähzornig, außerdem als unberechenbar und verschlagen – der „listenreiche Odysseus” wurde deshalb gern als „Rotschopf” dargestellt. Blondes Haar, bei den Griechen eher selten, galt dagegen als besonders attraktiv, geradezu als göttlich – die „schöne Helena” und der „lichte Apollon” waren daher auf vielen Bildwerken und bemalten Statuen hellblond. Also hatte ein anständiger Barbar kein „goldenes”, sondern „feuerhaftes” Haar zu haben!

Tacitus war nie in Germanien gewesen und seine Quellen kennen wir nicht. Wandertopoi, die vielen „Barbarenvölkern” zugeschrieben wurden, gibt es in der Germania so einige, nebst spezifischeren Klischees, die wahrscheinlich aus den Berichten römischer Militärs und deren Blickwinkel – präzise beobachtet, was die potenzielle Kampfkraft angeht, hingegen anekdotisch, mit Vorliebe für „exotische” Details, die ruhig einmal nicht so ganz wahrheitsgemäß sein dürfen, wenn es um den Alltag geht – herrühren.
Es schien Tacitus im wesentlichen darum gegangen zu sein, seinen römischen Zeitgenossen einen Spiegel vorzuhalten: Naive, aber unverdorbene Wilde als mahnender Kontrast zum dekadenten, von politischen Intrigen zerfressenen, von ehrgeizigen Herrschern gegängelten Rom, wie er es z. B. in seinen berühmten „Annales” schilderte.
Aber für Tacitus waren die Germanen nicht nur moralisch vorbildhaft, sondern vor allem militärisch gefährlich. Schon 210 Jahre siege man an Germanien herum, mokierte er sich. In der Tat, nördlich der Donau und östlich des Rheins errang das Imperium immer nur Teilerfolge nebst einiger herber Rückschläge. Tacitus, der ein ausgesprochen stadtrömisches Weltbild hatte und nostalgisch den Tugenden aus republikanischer Zeit hinterhertrauerte, meinte, dass, wenn die Germanen schon nicht die Römer lieben lernen könnten, sie bitte untereinander entzweit bleiben sollten, da ja nichts so hilfreich für Rom sein könne wie die Uneinigkeit seiner Feinde. Herbe Kritik an der oft selbstherrlichen Machtpolitik des kaiserzeitlichen Roms!
Jedenfalls ist die „Lehnstuhlethnografie”, wie der Altphilologe Christopher B. Krebs die „Germania” nennt, alles andere als eine objektive und neutrale Quelle.

„Unvermischt mit anderen Völkern” waren die Germanen bekanntlich nicht, das war ein weiteres Barbarenklischee, dem Tacitus aufsaß. Wie er auf die Idee kam, dass ihre Körperbeschaffenheit „trotz der großen Menschenzahl bei allen die Gleiche” sei, ist nicht ganz klar, denn er hatte ja in Rom einige richtige, lebendige Germanen mit eigenen Augen gesehen. Ich vermute, dass es ihm dabei mehr um die knackige Aussage als die Wahrheit ging und male mir an dieser Stelle aus, wie Tacitus auf dem Forum seine arglosen Mitrömer mahnte: „Ihr wisst doch, wie die germanischen Leibgardisten des Kaisers aussehen, ja? Die Germanen sind alle so gebaut! Stellt euch mal ein ganzes, riesiges Land voller solcher baumlangen Muskelprotze vor.”
In der Tat waren viele Bewohner Germaniens tatsächlich blond. Moorleichenfunde bestätigen weitgehend eine vorherrschende helle Haarfarbe, wobei rot und rotblond nicht auffällig häufig war.
Skelettfunde zeigen, dass die Germanen tatsächlich im Schnitt größer waren als die Römer. Allerdings waren sie keine „Riesenkerle”: Untersuchungen von Skeletten zeigen, dass der germanische Mann der Völkerwanderungszeit und des Frühmittelalters zwischen 1,70 und 1,75 Meter groß war (Frauen waren um rund 10 cm kleiner). Skelette aus dieser Epoche mit reichen Grabbeigaben waren im Schnitt um einige Zentimeter größer als der große, vergleichsweise ärmlich bestattete Rest (das zeigen unter anderem die Untersuchungen der alamannischen Gräber von Weingarten und Bohlingen). Wie in späterer Zeiten hing die Körpergröße außer von genetischen Faktoren von der Qualität der Ernährung ab. Die Unterschiede zwischen arm und reich beweisen, dass die Germanen der Völkerwanderungszeit sozial gesehen nicht „alle gleich” waren.
Daran, dass die Germanen bzw. die Völker und Stämme, die Tacitus so bezeichnete, tatsächlich kriegerisch waren, besteht wenig Zweifel. Die kulturell ähnlichen Stämme, die die Römer als Germanen zusammenfassten, waren zersplittert, dauernd gab es Streit, der oft mit bewaffneten Mitteln ausgetragen wurde, in Form von Kleinkriegen und dem, was man im Mittelalter „Fehden” nannte – was für Stammesgesellschaften nicht untypisch ist. Jedenfalls war das Kriegerideal hoch geschätzt, auch in Friedenszeiten, und dazu gehörte es selbstverständlich, permanent kampfbereit zu sein.

Aber waren die „alten Germanen” wirklich faul? Die meisten Germanen – von den wenigen spezialisierten Handwerkern, Händlern und fahrenden Sängern, die man als Vorgänger der Skalden ansehen kann, abgesehen – betrieben Landwirtschaft. Das galt auch für die Oberschicht – ein „richtiger” Adel sollte sich erst im Mittelalter herausbilden – die allerdings Halbfreie, also abhängige Bauern, und Sklaven auf ihren Höfen arbeiten ließen. Was im Prinzip bei der landbesitzenden römischen Oberschicht nicht anders war. Berufssoldaten, die nur kämpften, aber nicht ackerten, gab es innerhalb der Stammesgesellschaft nicht, hingegen dienten viele Germanen in den Hilfstruppen der römischen Armee, später auch in der regulären Legion. Auch wenn unter patriarchalischen Verhältnisse die meiste Arbeit an den Frauen hängen bleibt, kann man nicht sagen, dass nur die Frauen arbeiteten, von den „Altern und Schwachen” gar nicht zu reden.

 

Ende Teil II

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