Entstehen in Abhängigkeit, eine persönliche Betrachtung – Teil V, geschrieben von Uwe

Die Freiheit in der Wirklichkeit
„Wenn dies existiert, ist jenes. Mit der Entstehung von diesem entsteht jenes“ Alles was geschieht und erfahren wird ist ein Geschehen, dass nur geschieht, weil ich hieran beteiligt bin. Ich als „Selbst“ in einem relativen Geschehen. Und dass dies alles, das Geschehen als auch dieses Selbst, nur ein zusammengekommenes ist, vorübergehende Erscheinungen ohne jede wirkliche Substanz.
So wie ein Kind, das plötzlich verstirbt, zustande gekommen ist aufgrund verschiedener Bedingungen. Und aufgrund verschiedener Bedingungen wieder gegangen ist.

Genau so ist es mit allem, jedem, immer und überall. Was macht man nun mit dieser Brutalität des Zusammengesetzten, Vorübergehenden, unabwendbar Auseinanderfallenden, das erlebt wird?
Die Wertschätzung für das, was einen umgibt und was einen ausmacht ist der erste Schritt, um mit sich, mit dem Erleben von vorübergehendem Leiden und Glück ins „Reine“ zu kommen.
Vor allem ist es die Einsicht, dass man für alles, was einem widerfährt selbst Verantwortung trägt. Denn ohne definitive Beziehung zu dem, was einem widerfährt gäbe es keine Erfahrung. Und wer in Beziehung mit etwas steht, sei es nun angenehm oder unangenehm, der steht in der Verantwortung. Vor allem für das eigene Erleben und das agieren auf das, was erlebt wird. Ob einem das, was da geschieht, nun passt oder nicht. Sei es nun etwas Beglückendes. Oder etwas Leidvolles.
Dabei geht es um die grundlegende Fähigkeit, für alles, was geschieht, Achtsamkeit zu entwickeln. Besser ausgedrückt, ein Gewahrsein walten lassen zu können. Wer die Fähigkeit entwickelt, Gewahrsein zu entfalten für das Geschehen im eigenen Geist übernimmt automatisch Verantwortung.

Für das eigene Leben. Und wird tatsächlich fähig, Freiheit zu erlangen. Freiheit von der krankhaften Vorstellung, die Dinge müssten genau so laufen, wie es einem gerade in den Kram passt. Freiheit von Wünschen und Hoffnungen. Freiheit von Ängsten und Sorgen. Freiheit von mentalen Upps und Downs. Freiheit von der psychischen Abhängigkeit von anderen Menschen, von Bedingungen und Umständen.
Wie sagt es Dzongsar Khyentse Rinpoche so schön dazu, wenn dieser Zustand erreicht ist? Wenn man im Gleichmut durch die Wellen des Lebens surfen kann, ohne in diesen zu ersaufen, ohne von irgendetwas mental abhängig sein zu müssen? „Was will man mehr an Erleuchtung“.

Die verborgene Ebene

Ich habe mich nun über viele Worte hinweg über das ausgelassen, was unsere Wirklichkeit ausmacht. Das was wir erleben, erfühlen, genießen und erleiden. Doch was steckt hinter all diesem Erleben? Es ist eine Ebene, die uns verborgen ist. Die wir intellektuell durchaus durchdringen können. Besser tatsächlich, als das weit schwierigere Phänomen Unbeständigkeit.
Aber was heißt schon intellektuell. Was nützt aller Hirnschmalz, wenn es nicht ins Herz dringt? Apropos Herz.
Es gibt eine buddhistische Lehrrede, die sich Herz-Sutra nennt. Dieses sehr kurze Sutra bringt die verborgene Ebene brillant auf den Punkt. Das Herz-Sutra ist in den Lehren des Prajnaparamita enthalten, einem umfangreichen Werk, das Leerheit beschreibt. In einem Gespräch zwischen dem Bodhisattva Avalokitesvara und einem Schüler des Buddha, Sariputra, kommt es in diesem kurzen Herz-Sutra zu folgender Aussage:

„Form ist Leerheit. Leerheit ist Form. Leerheit ist nichts anderes als Form. Form ist nichts anderes als Leerheit. So Sariputra, sind alle Erscheinungen ganz und gar leer, sind ohne Eigenschaft, sind nicht entstanden, enden nicht, sind ohne Makel, ohne Freisein von Makel, ohne Schwinden und ohne Wachsen.“

Aus diesem Grund habe ich in meiner letzten Abhandlung schon davon gesprochen, dass es keine wirkliche Ursache für etwas gibt. Sei es nun Form, Geräusch, Geruch, Geschmack, Tastbares oder rein geistig Erfahrbares wie Gedanken, Gefühle oder aber Träume. Alles erscheint klar und wohlgeordnet, ist jedoch leer von einer unabhängigen, dauerhaften Existenz.
Aus diesem Grund kann es all die Dinge wie Teller, Tasse, Honig, Multiversen, Bananen, Wiedergeburt, Multivitamintabletten, Schwarzarbeit, Kapitalismus, Liebe, Karma, Berge, Kleinste Teilchen, Ausbeutung, Stringtangas, Quarks, Panama und Paradies Papers geben. All das ist letztlich so wahrhaft vorhanden wie ein Traum, eine Illusion, eine Fata Morgana.
Das Problem ist, dass wir normal gestrickte Menschen diesen Traum nicht durchschauen. Wer schon mal geträumt hat weiß, wie real sich ein Traum anfühlen kann. Wir sind meist in unserem Traum vollkommen überzeugt davon, dass alles wahr ist.

Dann sprechen wir mit diesen Traummenschen, besteigen das fliegende Traumpferd und reiten auf dem rosaroten Traumwolkenteppich hinauf zur Traumburg des Traumriesen um dort die Traumhenne zu finden, die goldene Traumeier legt. Und wenn der Riese uns erwischt und das riesige Maul, das uns gleich verschlucken wird immer näher kommt…
…dann wachen wir schweißgebadet und mit laut klopfendem Herzen auf. Hurra, nur ein Traum. Und merken dabei nicht, dass wir uns in einem weiteren Traum befinden.
Oder wir sitzen in einem Kino und heulen Rotz und Wasser, nur weil jemand schlaflos in Seattle rumhängt und um seine filmtote Frau trauert. Freuen uns, wenn tatsächlich Liebe den britischen Premierminister befällt und der schusselige Schriftsteller seine portugiesische Haushaltshilfe heiratet. Und schreiben bescheuerte Wut-Emails an die Macher von Games of Thrones, weil sie ein Detail aus dem Roman falsch ausgelegt haben.

Insbesondere halten wir jedoch unsere Gedanken, Konzepte, Ideen und Gefühle für so real und wichtig, dass wir dafür Kriege anfangen, Menschen umbringen, Banken ausrauben oder uns in anderen kleinen und großen Dummheiten verirren. Wir gehen fremd, erwürgen unsere Frauen und Kinder, kaufen hässliche Hunde, klauen kleinen Kindern Kekse, gehen zum Billigfriseur, besitzen Smartfones und Kleider, die von Sklaven gefertigt wurden, essen Tiere von dem Supermarkt, dem das Tierwohl scheißegal ist, lieben vögelkillende Katzen, hassen Kinderficker, wählen AfD, CDU, SPD, BND oder ARD und orientieren uns an Rumpelstielzchen, Angela Merkel, Jesus, Günter Jauch, Buddha, Mohamed oder Bon Jovi. Nur, weil wir nicht erkennen, dass alles, was da ist, nur klar erscheint. Und dabei leere Erscheinung in jeder denkbaren Form ist.
Und so nehmen wir fühlenden Wesen immer und immer wieder Form an. Eine Form, die nur leere Erscheinung ist, eine leere Erscheinung, die Form ist. Wir werden geboren, sterben, werden wieder geboren und sterben. Mal als langlebige, mal als kurzlebige, gesunde und kranke, arme und reiche Wesen, den Trieben unterworfen, dumm wie Brot oder mit Intelligenz geschlagen. Wir tun dies und jenes, setzen Handlungen, die Bedingungen schaffen die wiederum zu Formen führen und Lebenswelten kreieren, ob sie einem nun passen oder nicht. All das geschieht ganz einfach. Sehr simpel eigentlich. Alles geschieht in einem klaren absehbarem Zusammenhang. Wenn man denn die Bedingungen kennt.
Ein professioneller Magier, der weiß, wie ein Trick funktioniert, wird sein Publikum im wahrsten Sinne des Wortes verzaubern. Ein ebenfalls professioneller Zauberkünstler, der genau weiß, was da vor sich geht wird dabei nicht mit solch offenem Mund dasitzen wie ein kleines Kind oder ein erwachsener Hillibilli, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben.
Und wir gleichen in gewisser Weise einem Kind, einem Einfaltspinsel. Wir sitzen im Fieberwahn Samsaras und wundern uns, was abgeht. Und beschweren uns dann auch noch, wenn mal was nicht so läuft, wie wir das gerne hätten.
Der Buddha ist der Magier, der alles durchschaut. Das unterscheidet uns vom Buddha. Nicht mehr. Nicht weniger.

Wir haben die Bedingungen selbst gelegt unter denen wir nun leben und leiden. Die einzige Möglichkeit hier rauszukommen, ist dieses Spiel zu durchschauen. Und auszusteigen.
Wenn nicht, dann hat man ein gewaltiges Problem. Dann ist man dem Schicksal unterworfen, dem Zufall, dem lieben Gott, hängt in einem scheinbar ewigen Kreislauf, „Samsara“ genannt. Oder man glaubt allen Ernstes, dass nur der jetzige Moment wahr ist. Dass es keine früheren Handlungen gibt, keine früheren Existenzen und dass später eh alles egal ist.
Doch das ist alles nicht mehr als ein Irrtum. Selbst der jetzige Moment ist leer von einer wahrhaften eigenständigen Existenz. Ist nicht mehr als leer, weit, klar, licht. Gefüllt mit einer ganzen Menge Erscheinung. Ohne Anfang, ohne Ende.

Und wie passt das dann zur Aussage des Buddha „Weil dieses existiert, ist jenes“? Form ist Leerheit. Leerheit ist Form. Leerheit ist nichts anderes als Form. Form ist nichts anderes als Leerheit. Nichts anderes sagt der Buddha. Weil Form und alles andere Leerheit ist, kann sie überhaupt Form und alles sein. Und weil Form und alles ist, ist alles Leerheit. Und was ist dann die absolute Ebene des abhängigen Entstehens, von der ich zu Beginn meiner langen Abhandlung gesprochen habe? Tja, das ist noch was anderes. Wovon ich keine Ahnung habe

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