Schamanin sein oder nicht sein – Ein paar Gedanken – Teil I, geschrieben von Tunritha

Ganz kurz als Definition vorweg – kennzeichnend für jedwede Variante des Schamanismus sind meinem Verständnis nach die folgenden Punkte:
kennzeichnend, unabhängig von Zeit oder regionalem Raum:
Die Einsicht in die „Beseeltheit“ oder auch „Lebendigkeit“ von allem, das existiert

Ekstase- und Trancetechniken
Seelenflug – Schamanische Reisen in andere Welten
Kontakt zu und mit der Geisterwelt und daraus resultierende, geistige Verbündete. Diese werden als eigenständige Entitäten gesehen und behandelt
Kraft aus der geistigen Welt in die materielle Welt zu „transportieren“
Mit dieser Kraft werden reale Veränderungen ausgelöst, d.h. diese Kraft wird auch tatsächlich materialisiert
Die Arbeit für andere – für Klienten, die einen aktiv und ausdrücklich um diese Art der Hilfe bitten

Schamanin sein, so wie ich den Begriff im eigentlichen Sinn verstehe, ist etwas anderes als schamanisch zu praktizieren, schamanisch zu wirken oder auch schamanisch berufen zu sein.
Auch schamanisch Praktizierende sind häufig von den Spirits oder den Menschen berufen für bestimmte Aufgaben und Wege.

Was ist also, in meinem Sprachgebrauch, der Unterschied zur eigentlichen „Schamanin“?

Die Schamanin oder der Schamane sind neben der Berufung durch die Geister der Außerzeitlichkeit auch und vor allem berufen durch die Menschen, Geister, Götter und Ahnen einer Gruppe, einer Familie oder eines Stammes oder auch eines Landes/Landstrichs und sie haben diese Berufung angenommen mit allen Konsequenzen.
Und diese Konsequenzen sind es, die das Sein als Schamanin als Schamane so schwierig und manchmal schwer zu tragen machen.
Denn was bedeutet es diese Aufgabe, diese Berufung anzunehmen als tatsächlich wahrhaftig anzunehmen? Es bedeutet das die Schamanin, der Schamane für das spirituelle Wohl und Wehe und auch das sich daraus materialisierende Wohl und Wehe verantwortlich ist.
Es bedeutet wenn den Menschen oder Tieren dieser Gruppe etwas widerfährt, dann hat dies auch mit der Kraft ihres Schamanen zu tun. Mit dem Schutz und der Kraft die diese/dieser materialisieren kann.
Schamanin einer Familie oder eines Stammes zu sein, bedeutet das die Mitglieder der Gruppe, der Familie, des Stammes stetig unter dem Schutz und in der Kraftlinie der Schamanin stehen. Mit Mann und Maus, mit Kind und Kegeln, mit Hund und Katz.

Was für eine Verantwortung! Eine Schamanin ist nicht mehr nur für sich verantwortlich sondern auch für alles und jedes das der ihr anvertrauten Aufgabe, den ihr anvertrauten Menschen (und Tieren, Pflanzen, dem Land…) widerfährt.

Und diese Aufgabe muss ihr von den Menschen (und Tieren Pflanzen, dem Land…) freiwillig übertragen worden sein, diese Aufgabe kann man sich nicht einfach nehmen oder aneignen, auch die Geister können einem nicht die alleinige Verantwortung über einen Stamm/Gruppe/Familie „aufhalsen“. Es ist ein gemeinschaftlicher Akt der von allen drei Seiten gemeinsam bestimmt und gestaltet wird. Aber wenn einmal vollzogen, dann trägt die Schamanin die Verantwortung und das ist kein Spaß, das kann grauenhaft, erschreckend, belastend sein.

Wer tatsächlich in diesem Sinn Schamanin sein möchte, hat viel zu tun und viel zu tragen.
Dies ist nicht die „Beziehung“ die man zum „normalen“ Klienten hat, der einem für eine Sitzung und Hilfe ein paar Taler gibt. Dies ist die Beziehung die eine traditionelle Stammes- und Familienschamanin für ihre Gruppe, ihren Stamm und ihre Familie hat.

Der Stamm oder die Familie wiederum trägt die Schamanin, materiell und auch emotional. Sie passen genauso auf sie und ihr Wohl auf wie umgekehrt (männliche Schamanen sind hier selbstverständlich mitgemeint) .
diese Verantwortung wünscht sich wohl kein Mensch freiwillig und diese Verantwortung kann nur in Liebe und Mitgefühl getragen werden. Jeder Schnupfen, jeder Unfall, jedes Unglück das den Lieben widerfährt, hat auch etwas mit dem sie begleitenden Schamanen zu tun. Denn wenn der Schamane, Schamanin die nötige Kraft hat, kann einer Gruppe nichts widerfahren, das nicht in Harmonie geschieht. Welche Vorwürfe macht sich also eine solche Stammesschamanin wenn es zu Krankheit und Unglück kommt? Welche Vorwürfe werden ihr gemacht?
Das ist der eigentliche Grund warum unter vielen indigenen Menschen der Beruf und die Berufung als Schamanin so gefürchtet ist, denn diese Berufung bringt eine ungeheure Last mit sich und eine ungeheure Verantwortung.
Ist die Schamanin nicht in ihrer Kraft, kann sie die Familie den Stamm nicht in ihrer/seiner Kraft halten und es geschehen vermeidbare Unglücke, Hungersnöte, Krankheiten. Wir finden dieses Prinzip auch in manchen Märchen und Legenden, in denen die versehrten alten Könige durch die Jungen ersetzt werden müssen. Der rituelle Königstod ist eine Variante davon oder auch die irisch/gälische Geschichte von Lugh der die Herrschaft vom verletzen König Nuada übernimmt, der eine Hand verloren hat und daher nicht mehr die Kraft halten kann.

Welcher Mensch im Westen der noch bei Verstand ist, wünscht sich bitte diese riesige Verantwortung auch nur für die eigene Kleinfamilie, geschweige denn für ein ganzes Dorf?

Ich muss Euch ganz ehrlich sagen, in meinem Leben gibt es einen Kreis von Menschen die auf diese Weise zu meinem Stamm gehören und das ist kein Spaß und kein Ego-Vergnügen.
Das ist manchmal ganz schön hart und hat mich verstehen lassen warum so viele Indigene keinen Bock auf eine derartige Verantwortung haben.
Darum, bevor Du Schamane/Schamanin für andere sein willst, übernimm als erstes die volle Verantwortung für Dich, für Dein Leben, Dein Glück und Unglück.
Erkenne dass, das Leben das Du um Dich herum materialisierst, ein unübersehbarer Ausdruck Deiner eigenen Kraft ist und auch Deiner eigenen wachsenden oder schwindenden Kraft. Versteht mich nicht falsch, es geht mir nicht um Bewertung oder gar Schuld. Schlimme Dinge passieren guten Menschen und Andersrum. Leben heißt auch immer Leiden, das ist wohl unvermeidbar. Und Leben heißt genauso auch immer Freude, Liebe und Berührung… Und Leben als Schamanin bedeutet die volle Verantwortung für sich selbst, das eigene Glück und Unglück, die eigene Krankheit, das eigene Leid, die eigene Freude… einfach das eigene Leben zu übernehmen und Zusätzlich und freiwillig noch ein ganzes Stück Verantwortung für Glück und Leid von Anderen…

Ääächte ;-) Schamanen (so wie ich sie verstehe) sind daher eigentlich ganz wild darauf Menschen in ihrer Selbstbestimmung und Selbstverantwortung auf allen Ebenen zu unterstützen und nicht darauf ihnen als Guru und Bevormunder stets und ständig voranzugehen.

copyright Tunritha

Ende Teil I

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