Geismar – Teil I, geschrieben von Michael

Sonnwend, Anno Domini 723, in einem Wald an der Eder die durch das Land des Stammes der Chatten fließt.

In nomine patri et filii et Donari et Wodani, Amen.“

Das akurat an die Wand genagelte Kreuz besteht lediglich aus zwei Buchenholzästen, wie man sie nach jedem Sturm im Wald auflesen kann. Darauf eingeritzt und rötlich gefärbt, sind undeutlich die Runen Isa, Ehwaz, Sowilo, Uruz und nochmals Sowilo zu erkennen: IESUS. Der von fadenscheinigem Sackleinen umhüllte Mann mit dem räudigen Bart versucht eine ungelenke Verneigung davor und stopft sich danach ein Stück hartes Brot in den zahnarmen Mund. Dann erhebt er sich und legt ein Zweiglein Mugwurz auf die verhalten vor sich hinglimmende Opferschale aus rohem Ton.

Staubflocken gondeln durch die grobe Bretterbude am Waldrand, die nur ein winziges Guckloch an der Tür, doch keinerlei Fenster besitzt. Durch Ritzen dringt das Licht des jungen Junitages herein, lässt das ungeordnete Innere erahnen: Ein paar zerlumpte Leinenfetzen auf dem festgestampften Boden, Beyfußwedel hängen von den Deckenträgern, ein klobiger Tisch aus wurmzerrütteter Fichte markiert die Mitte der Klause. Und ein ähnlicher Baumstrunk duckt sich als Hocker an ihn heran. Darüber die dünne Stimme des Eremiten: „Pater noster qui es in Asgard sanctificetur nomen tuum….“

Plötzlich reißt das Schlagen von Hufen, Schaben von Eisen und Rasseln von Ketten in die summende Stille des morgendlichen Waldes. Harsche Befehle werden gegeben, unverständliche Rufe laut. Dann fliegt die Tür der Klause auf, sodass die Räucherschale zu Boden fällt. Quiekend stürzt sich eine Maus ins nächstbeste Loch und das Ast – Runifix Kippt von der Wand. Eine Wolke aus Schwebeteilchen erhebt sich und gibt erst nach und nach den Blick auf Bewaffnete Männer frei, die etwas unschlüssig im Eingang stehengeblieben sind.

Bist du der…äh… gefährliche Frevler Adalmar?“ Dem bellenden schwarzbärtigen Mann scheinen selbst Zweifel zu kommen, als er die dürre Gestalt erblickt, die , etwas blöde vor sich hinlächelnd nun aus dem Staubnebel tritt . Er räuspert sich, dann nimmt er den Ton zurück: „Also zumindest gotteslästerlich..?“ Der Asket antwortet nicht und blickt durch den Besucher hindurch. Alles wartet kurz. Dann taucht hinter den Gerüsteten ein weiterer Mann auf. Er trägt keine Waffen, dafür einen beigewollenen Missionarshabit, sowie ein hölzernes Kreuz in der Rechten. Er drängt die Bewaffneten beiseite, und seine Augen leuchten in Triumph, indes er vortritt und die Hand nach dem Alten ausstreckt:

Natürlich ist er es! Ich kenne ihn lang genug! Adalmar, der letzte der Eremiten von eigenen Gnaden. Einer derjenigen die die heilige Schrift mit den alten Götzengeschichten vermischt. Der sich Bekehrer nennt und dabei Christus unsern Herrn neben Balder und Frigg stellt, als ob der Erlöser nur ein weiterer dieser aus grauer Vorzeit übriggebliebenen Dämonen wäre! Adalmar, der allerletzte der gottverfluchten chattischen Quatschprediger , die der Teufel geschickt hat, damit sie ihre selbstgeschnitzten Karikaturen der Bibel verbreiten! Oh, Wehe der heiligen Mission, solange solche Zerrbilder ihren Namen missbrauchen! Es sind dies schmarotzende Mitfahrer der Christianisierung, deren Irrlehre von den, ohnehin im Morast versunkenen heidnischen Landen, wie ein Schwamm aufgesaugt wird.“

Die Bewaffneten klappen den Mund auf und wieder zu. Offensichtlich verstehen sie kein Wort, wissen aber auch nicht, ob, oder wie überhaupt sie eingreifen sollten.

Der Mann im Habit ist aber nicht zu bremsen: „Seht euch diese elende Dreckshütte an! Wer denkt er, dass er ist? Der Eremit Antonius? Benedikt von Nursia? Ist dies das Tal zu Subiaco??!“ Sein Blick schweift lauernd umher, dann springt er vor, reißt das Holzkreuz mit den Runen hoch: „Hier! Was sag ich?! Zauberzeichen auf dem heiligen Symbol unseres Erlösers und Herrn Jesus Christus!“

Beides kann nebeneinander bestehen…es sind nur verschiedene Seiten der Wahrheit…“ Der Alte spricht nun, im Gegensatz zu seiner Murmelei von vorhin, mit unerwartet klarem Ton. Er stellt es beiläufig in den Raum, wie ein Wachslicht. Doch leise genug, dass jeder es versteht. Einzig der Kuttenträger geht darüber hinweg und beginnt gestikulierend auf und ab zu laufen: „Seine Heiligkeit selbst hat gewarnt vor Subjekten wie ihn, die zugelassen haben, dass die Heiden Gott, den Vater, einfach in ihre Götzen eingliedern und weitermachen wie bisher. Dank solcher Subjekte ist die Taufe in den Missionsgebieten das Wasser nicht wert, das sie kostet. Kaum drehen wir uns um, werden sie rückfällig und finden lustvoll Bestätigung in seinen Irrlehren.“ Dann bleibt er stehen und spricht den Klapprigen direkt an: „Wir wissen, dass du Absolutionen im Namen Wotans erteilt hast. Du vergibst Heiden, die vorher schon bei uns zur Taufe waren, doch nicht um sich zu bekehren, sondern lediglich um, wie es leider Brauch des Bischofs ist, ein neues Hemd geschenkt zu bekommen. Dafür sogar öfter. Drei Taufen, drei Hemden! Und dann ab zu dir, damit ihnen die alten Götter nicht böse sind. Nur unserer Güte sowie der Abwesenheit des Bischofs war es zu verdanken, dass du hier noch geduldet wurdest. Bis jetzt.“ Dann, viel lauter, wie um die Waffenträger zu beeindrucken: „Doch die Zeit deiner Fehlpredigten ist vorüber. Denn ich habe schlechte Neuigkeiten für dich, Alter: Der Bischof ist wieder da.“ Der Eremit hebt den Kopf ein

Stück: „So? Ich dachte, er bliebe endlich in Rom, bei seinem Herrchen…“ Der Kuttenträger namens Witta zögert kurz, dann richtet er sich zu voller Größe auf: „Pech für dich, Adalmar. Die Zeit der lahmen Duldung deiner Sorte ist endgültig vorbei. Er, dessen Namen du schmähst, verfügt nun über neue Vollmachten, höhere Würden und viel mehr Männern als je bisher. Und er hat großes vor. Denn, höre, du Relikt:

BONIFATIUS IST ZURÜCK!“

Ende Teil I

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