Geismar – Teil II, geschrieben von Michael

Ein Tag vor Sonnwend, im Dorf Geismar in Hrodgars Haus

Habt ihr schon gehört? Der Prediger ist wieder da. Er trägt jetzt einen seltsam spitzen Hut und einen langen Stab. Hält sich wohl für den Wanderer.“ Hrodgar betritt das einräumige Langhaus, wirft seinen Ledersack in die Ecke und schnauft wie ein Zugochse: „Mann, hab ich Hunger.“ Der zahnlose und schwerhörige Ahne am Feuerplatz kräht aus dem Hintergrund : „Was ist mit dem Predigtfuzzi? Ist er endlich vernünftig geworden? Macht er jetzt ordentlichen Zauber?“ „Im Gegenteil, Mummelvater – wisst Ihr was er vor hat? Er möchte den heiligen Baum fällen.“ „In welchem Raum will er bellen?“ „Ach Hrodgar, was du immer für Geschichten erzählst. Wenn dir das Bier nicht bekommt, dann gieß den Garten damit. Wer sollte sich sowas ausdenken?“ Die Frau im mattblauen Wollkleid nimmt unbeirrt eine tönerne Schüssel vom Bord neben dem Herd und befüllt sie mit Suppe. Der blonde untersetzte Mann mit den ledernen Riststulpen trägt ein Gesicht zur Schau, als hätte ihm jemand den Bart angesengt und greift sich ein Stück Pökelfleisch: „Nein-es ist wahr, Oda! Beim Herrn der Eide! Ich habe es gehört. Die Langkittel erzählen es jedem, der des Wegs kommt. Ich sag ́ dir, der will ernst machen.“ Oda scheint ungerührt: „Er wird es nicht wagen. Immerhin haben wir ein paar gesunde, starke Männer im Dorf.“ Ihr Blick zieht rasch über die Gestalt ihres krumm dalehnenden Gatten mit dem ansehnlichen Speckunterbau, dann schüttelt sie den Kopf: „Unter anderem….“ Hrodgar schmeisst den Gürtel von seinem Leibrock mit der schön bestickten Kragenborte, eine Arbeit seiner Frau, und lässt sich auf den, mit Fellen bedeckten Hocker in der Westecke des lehmverputzten Hauses fallen. „Du hast keine Ahnung. Diesmal hat er nicht bloß ein paar seiner Pfaffen mit. Ich habe sie gesehen. Eine mächtige Horde dieser ekelhaften Franken. Gerüstet und bewaffnet. Man sagt, er sei nun befreundet mit dem Frankenhäuptling Karl, den sie den Hammer nennen. Sie haben die Büraburg wieder unter volle Besatzung gesteckt. Mit DEM Rückenschutz kann er einen ganzen Wald umhacken. Da ist nicht viel Heldentum nötig.“

Heldentum….jawohl. Heldentum ist nötig . Ich erinnere mich an meine Jugend, da haben wir am Ederufer die Rübenfresser vom Nachbardorf vermöbelt, dass sie aus dem Arsch geraucht haben! Bis auf den Eckerich haben wir sie gejagt, die feigen Saukerle.“ Mummels Backen nehmen

Farbe an, er begeistert sich. Die Frau stellt die letzte der Schüsseln ab. „Aber denkst du denn…“ hebt sie nun mit einer Stimme an, die klingt, als wollte sie einem Kind die Angst vor den Schwarzalben nehmen: „…denkst du, Donar wird es zulassen, dass man sein Heiligtum zerstört? Der Segner des Feldes und der Schützer der Menschen? Denkst du nicht dass einer, der es gegen die Frostriesen schafft, einen einfachen spitzhütigen Spaßmacher in die Schranken weisen kann?“ Hrodgar zuckt die Achseln: „Ich weiß nicht. Man hört so viel von diesen Missionarren mit ihren neuen drei Göttern; sie sind überall. Und sie sind Zauberer. Verwandeln Wein und machen irgendwas mit Brot: Die Leute lassen sich in Scharen von ihnen Wasser über den Schädel gießen und sind dann ganz wunderlich hinterher. Das sagt zumindest der Hiltmunt , der weiter unten an der Eder wohnt, und der muss es wissen, weil er…“ Von draußen dringt das Krakeelen rauher Jungenstimmen herein und unterbricht das Gespräch. Offenbar haben sich zwei Vertreter der Dorfjugend, die der akuten Prahlsucht verfallen sind, in der Wolle. Oda wirkt kurz genervt, dann hebt sie die Hand, und geht zum Fenster. Mit der ganzen Autorität der Hausherrin öffnet sie den Verschlag und schleudert ein paar Worte an die Luft. Schlagartig senken die zwei Fünfzehnjährigen da draußen die Stimmen zu einem Flüstern herab. Oda dreht sich wieder ihrem Mann zu: „Was meintest du?“ Hrodgar sucht den Faden, aber es scheint, als hätte eine Dise ihn durchtrennt. Oda schüttelt den Kopf: „Ach, wie auch immer, mach dir keine Sorgen. Weißt du, ich denke, bevor er die heilige Eiche zerstört, wird eher das Bier mit Hopfen gebraut.“

Zur selben Zeit, auf der Feste Büraberg

Filius Amatus“ – Er murmelt es leise vor sich hin, bemüht, nicht der Sünde des Stolzes zu erliegen. Der auffallend hochgewachsene Mann, er mag so um die fünfzig sein, den noch immer jugendliche Kraft umweht, rollt das Schriftstück langsam und bedächtig auseinander. Seine Augen über der kräftigen Nase und dem dichten, aber sorgsam geschnittenen, grauen Vollbart schweifen leuchtend über die Zeilen. – Filius Amatus – heißt es da. Geliebter Sohn. Damit ist er gemeint. Er hat sich durch seine, von manchen als Zehenleckerei diskreditierte, unverbrüchliche Treue gegenüber Papst Gregor, vom einfachen Wandertäufer und Almosensammler zum überregional befugten Missionar und letztlich sogar zum Bischof emporgearbeitet. Die letzte Romreise, von der er nun zurückgekehrt ist, war für ihn wie ein einziges Geschenk gewesen. Den stiernackigen Hausmeier der Franken, Martell, hatte er über dessen Stolz mit einem Empfehlungsschreiben seiner Heiligkeit gekriegt, womit die Unterstützung der fränkischen Soldaten nun sicher gewährleistet war. Immerhin, die Franken waren seit der Zeit Chlodwigs christianisiert. Auf die konnte man durchaus zählen, wenn was für sie dabei abfiel.

Ungeachtet ihrer bluttriefenden Geschichte: Mit ihnen im Rücken konnte er sehr viel mutiger an sein Werk gehen.

Ein Werk, das gerade hier, in diesem Land, schier übermenschliche Anforderungen verlangte, zumal es sich bei den hier ansässigen Chatten um extrazähe Esel handelte, die durch die heilige Schrift nicht zu knacken waren. Man konnte mit ihnen nicht disputieren, wie unter Gelehrten üblich. Etwas ,das auch nicht in Synoden oder Konzilen ausgeräumt werden konnte, weil sich diese Menschen hier völlig außerhalb des christlichen Systems bewegten. (Der Graubärtige lächelte nachsichtig, wie ein strenger aber gutherziger Vater, indes er den Brief des Papstes zärtlich streichelte.) Dennoch wusste er, dass sich nach und nach alle würden taufen lassen. Lediglich musste er die Strategie ändern, wie mit seiner Heiligkeit besprochen und von ihr voll gedeckt. Er machte sich keine Illusionen über die Missionierbarkeit der chattischen Herzen. Sie mit einem Taufgeschenk zu ködern, hatte bei den Ärmeren zwar gewirkt, war aber ein Pyrrhussieg, zumal sie dafür jeden Unsinn versprochen hätten. Es war, als würde man Wildschweine mit Eicheln in eine Kapelle locken und dann meinen, sie kämen aus Frömmigkeit. Nein, diese Geschenke bargen keinen Sinn. Das beste Mittel zur Bekehrung war immer noch Furcht. Papst Gregor der erste hatte zwar das Konzept der Angst vertreten, doch nur für die Reichen anwenden lassen. Den Armen hingegen kam er mit Versprechungen und Gaben. Leider hatte er in all seiner Weisheit vergessen, dass die Armen durch Geschenke nur gierig wurden, nicht aber eben gläubig.

Ende Teil II

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