Geismar – Teil V, geschrieben von Michael

Zwei Tage vorher, am selben Platz

Die beiden Jungen Männer schirmen ihre Augen mit der Hand vor der Sonne ab. Sie umkreisen langsam den gigantischen Stamm der heiligen Eiche am Anger vor dem Dorfe und scheinen etwas in ihrem Blattwerk zu suchen. Zwei Raben diskutieren die Welt irgendwo im Geäst und hinter einem Birkenwäldchen hört man eine Ziege ihr Nachmittagslied meckern. „Ich sag dir was, da hat sicher ein Schrat, der in dem Baum wohnt, seine Hand im Spiel. Weggezaubert, verstehst du?“ Der etwas Größere wirkt unentspannt. Der Kleinere, Stämmigere lacht ihn aus: „Schweinemist! Ich hab ihn einfach so hoch geworfen, dass er jetzt da irgendwo in der

Baumkrone hängt. Ich seh bloß nicht , wo.“ Er grinst, nicht ohne gewissen Stolz. Immer noch wandert sein Blick durchs Geäst. „Du willst damit sagen, du könntest ein so schweres Werkzeug so hoch werfen, dass es sich tatsächlich außer Sichtweite in den Zweigen verfangen hat? Überschätzt du dich da nicht ein bisschen?“ „Wart ́s ab, Schlauschnauze, spätestens im Winter, wenn die Blätter weg sind, wirst du es sehen. Er hängt da oben. Immerhin hast du mir doch zugeschaut, wie ich ihn geschleudert hab!“ Der muskulöse Jüngling ahmt noch einmal seine Bewegung nach. Drei Schwünge, ein starkes Ausholen und : „Hopp! Ich hab ́s dir gesagt, ich kann es. Du hast ihn nichtmal auf Höhe der ersten Astreihe gebracht du Ziegenzumpf!“

Der Größere, es ist Gerwulf, zuckt die Achseln und scheint zu resignieren: „Meintewegen, Brun. Sagen wir du hättest gewonnen… möglicherweise. Aber was, wenn dein Vater dich nach dem Werkzeug fragt? Es sieht nicht so aus, als bekäme er es vor dem Winter wieder.“ „Sorgenfrei, Waldi,“ beruhigt ihn der Andere: „Der hat so viele davon, der merkt das nicht.“ „Wie du ,meinst,“ Gerwulf fügt sich in sein Schicksal, doch mangels eines letzten sichtbaren Beweises nicht halb so beeindruckt wie Brun es gern hätte: „Könnten wir aber vielleicht jetzt gehen? Ich meine, bevor uns jemand fragt, was wir hier tun….“ Der Sohn des Schmiedes grinst: „Einverstanden, Aber nur wenn du Auda erzählst, dass ich dich im Kräftemessen besiegt hab.“ Gerwulf lacht rauh: „Nicht ehe das Bier mit Hopfen gebraut wird.“

Vierter Tag nach Sonnwend, Festung Büraberg

Witta schreitet auf und ab, als wäre der Schrittzähler schon erfunden. Ständig schüttelt er sein Haupt, wie um die sperrigen Brocken des Geschehenen gleichsam durch einen Trichter doch noch in seinen Verstand zu zwingen. „Das können wir seiner Heiligkeit nicht schreiben! Wir können ihm nicht schreiben, was wirklich passiert ist!“ „Aber es IST passiert! Frag jene der Soldaten, die plötzlich auf die Knie gefallen sind und gerufen haben – Vergib uns, großer Herr des Donners, dass wir an dir gezweifelt und dich verraten haben! – Willst du leugnen, dass sie uns alle davon gelaufen sind? Ja dass sie uns bedroht haben, wir sollen ihre Taufe rückgängig machen? Einige haben uns die Hemden nachgeschmissen.“ Der andere, Wunibald, der zusammengesunken am Tisch kauert, windet sich wie unter Koliken. Witta läuft weiter: „Ich leugne nicht!“ „Und,“ hebt der andere erneut an, einen Tick hysterischer als zuvor: „willst du nicht gesehen haben, wie das Dorf in Jubel ausbrach, als das Unglaubliche geschehen ist?! Wie sich bereits gewonnene Getaufte plötzlich mit unverbesserlichen Heiden in den Armen lagen und wir mit einem Schlag allein gegen den Rest standen?“ Der Andere wird lauter: „Nein! Ich leugne es nicht!“ Jetzt aber kommt Wunibald richtig in Fahrt: „Und willst du

schlussendlich leugnen, dass der Bischof Bonifatius, von allen sichtbar, grauenhafterweise, als er den vierten Hieb auf den Höllenbaum tat, tatsächlich von einem…“ „Sprich nicht weiter!“ Witta wirbelt herum und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch, sodass der Sitzende zurückzuckt. „Ich ertrage es nicht!! Wenn ich zuließe, das zu glauben, was ich gesehen, was ALLE gesehen haben, so müsste ich MEINEM Glauben abschwören und zum Heidentum übertreten!!!“

Beide schweigen. Ein dritter Mann in fränkischer Rüstung betritt den Raum. Er räuspert sich verlegen: „Es wird Zeit zum Aufbruch, ihr Herren.“ Die beiden scheinen ruckartig zu erwachen. „Natürlich….“ murmelt Witta, mühsam zusammengerafft : „Wir sollten dann… aufbrechen. Du hast recht. Wie…wie geht es ihm? Kann er gehen?“ Der Gerüstete nickt kurz: „Doch, doch. Er scheint körperlich recht in Ordnung, wenn man bedenkt, dass das Ding direkt aus dem Himmel gekommen ist,…direkt aus dem Himmel!“ „Ja, ja!“ schnappt Wunibald, worauf der Franke verstummt. Dann setzt er tonlos hinterher: „Aus dem Himmel kam er. Wir haben es alle gesehen.“ Der Franke schüttelt den Kopf und spricht halb zu sich selbst: „Ich meine gestern, als wir ihn vom Platz getragen haben, dachten wir, er sei tot. Und heute, abgesehen davon , dass er nichts redet, scheint er ganz munter.“ „Genug jetzt,“ befiehlt Witta: „Machen wir, dass wir hier wegkommen. Sag deinen Soldaten, wir brechen auf.“ „Das werde ich, Herr,“ erwidert der Geharnischte: „Bringen wir den Bischof nach Süden.“

Ende Teil V

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