Mein erstes neokeltisches Hochzeitsfest Teil II

Das bedeckte und veränderliche Wetter machte uns die Entscheidung leicht, wo unser Fest stattfinden sollte. Für gewöhnlich fahren wir zu den Ritualen auf eine Brache in den Weinbergen, die zum Anwesen meiner Langenloiser Freund/innen gehört. Aber an diesem Tag beschlossen wir, im riesengroßen, wunderschön romantischen Innenhof des Hauses zu feiern. Ein Flecken Wiese, der auf zwei Seiten von Efeu-umrankten Mauern, auf einer Seite mit einem kleinen Baumkreis aus drei großen Bäumen und auf der vierten Seite mit der betonierten Fläche des restlichen Hofes abschloss, sollte unser Nemeton (gallisch für Kultplatz) sein. Den Altar (ein einfacher Campingtisch, geschmückt mit einem keltisch bemusterten Tischtuch) stellte ich unter die Föhre des kleinen Baumkreises, und einige Meter davor, in die Mitte des Heiligtums, platzierten wir die eiserne Feuerschale.

Nachdem ich alle Kultgegenstände auf ihre Plätze gelegt hatte, und jemand Kultstäbe zur zum betonierten Hofbereich hin offenen Seite als „Wächter“ in die Wiese gesteckt hatte, opferte ich, wie immer, den Natur- und Ortsgeistern ein Gemisch aus Gerste und Salz. Ebenso opferte ich Ogmios, dem Gott der Redekunst, Whisky, auf dass alle Geister und der mächtige Ogmios ihr Einverständnis geben würden, das Ritual abzuhalten. (Diese Vorgangsweise habe ich mir von den Voodoisten abgeguckt, die am Anfang der Rituale immer Legba, dem Gott der Tore, um Erlaubnis fragen.) Die Unsterblichen waren günstig gestimmt, was ich an den drei gezogenen Ogam-Stäben sehen konnte.

Die Gäste und das Brautpaar stellten sich mit mir im Kreis um die Feuerschale auf, und der Spielmann platzierte sich an ein Eck des Nemetons. Er begleitete das gesamte Ritual mit seiner Musik, meist mit sanften Flötenklängen, damit unsere Worte gehört werden könnten, und bei entsprechenden actionreichen Teilen mit lautem Dudelsackgedudel oder mit Trommelschlägen. Ich hoffte, das Kunststück geschafft zu haben, allen Anwesenden eine ihnen zusagende Aufgabe gegeben zu haben. Drei der Atheist/innen filmten und fotografierten, ein weiterer schwang ein von mir gebasteltes ein Meter langes Räucherstäbchen aus Beifuß, und zwei weitere meldeten sich als Mundschenk, das heißt, sie waren dafür zuständig, dass das Met- und das Apfelsafthorn immer voll waren. (Immer wenn Kinder und/oder Anti-Alkoholiker/innen anwesend sind, gibt es zum Methorn ein zusätzliches Fruchtsafthorn.) Ich bot den ins Nemeton Eintretenden als Einladung den Flachmann mit dem guten Single Malt an, mit dem ich gerade noch Ogmios beopfert hatte, denn nach einem guten Schluck Scotch ist man sofort locker.

Eine Freundin ging dann mit einer Wasserflasche von einer zum anderen und bot mit den Worten

„karta britan, karta kikkan, karta anation –

reinige den Geist, reinige den Körper, reinige die Seele“

Wasser zur kultischen Reinigung an. Alle wuschen sich ihre Hände und damit die Befleckungen des Alltags vom Leib.

Danach versuchten sich zwei im Blasen des Signalhorns, das den Beginn der Zeremonie ankündigen sollte. Dummerweise, so meine Erfahrung, funktioniert das Herausbringen eines vollen, satten Tons aus dem Rinderhorn genau dann nicht perfekt, wenn eine Gruppe neugieriger Ritualteilnehmer/innen erwartungsvoll zuhört. Warum sollte es dann diesmal anders sein? Wie auch immer, die kläglichen Töne spornten auf jeden Fall zur allgemeinen Erheiterung an, was die Fröhlichkeit der Zeremonie vorwegnahm.

„trinoxtion lugunassates sindiu – Heute sind die drei Nächte von Lugnasad“

rief ich dreimal, mir ein Grinsen verkneifend, um damit kundzutun, dass an diesem Tage Lugnasad stattfand (für alle, die das bis dahin noch nicht mitbekommen hatten). Ich hielt eine kurze Ansprache, in der ich mich bei allen für ihr Kommen zum Hochzeitsfest bedankte und den Sinn des altirischen Lugnasad-Festes sowie des gallischen Konzils in Lugdunum in der gallorömischen Antike erklärte. (Kurz: Das altirische Lugnasad-Fest war ein Erntefest, an dem alle zu Spielen und Wettkämpfen zusammenkamen (so eine Art irische Olympiade). Des Weiteren wurden Verträge aufgesetzt (auch Heiratsverträge), Jahrmärkte abgehalten, gefeiert. Das Königsheil stand im Mittelpunkt, aber auch der Mythos um die Erdgöttin (Tailtiu, Macha, Carman), die unter der Erntelast (oder etwas anderem) zusammenbrach, und der zu Ehren Leichenspiele abgehalten wurden. Lug initiierte z.B. die Spiele für seine Amme Tailtiu. Auch die Königsstädte Teltown bzw. Emain Macha wurden zu Ehren dieser Göttinnen errichtet. Noch heute wird Ende Juli/Anfang August in Irland gefeiert, unter anderem findet zu dieser Zeit der Aufstieg auf den Croagh Patrick statt. Das gallische Konzil im gallorömischen Lugdunum (heute Lyon), dem damaligen Mittelpunkt Galliens, fand am 1. August statt. And diesem Datum kamen die Vertreter aller gallischen Stämme zusammen, um zu verhandeln und Feierlichkeiten abzuhalten. Das Datum sowie die Örtlichkeit sind ein Indiz dafür, dass es sich vielleicht um die antike Vorversion des späteren irischen Lugnasad-Festes gehandelt haben könnte.)

Unter den Klängen des Dudelsacks entzündeten dann drei Leute die von Georgie in dessen Geschäft „Hexenkuchl“ handgefertigten Fackeln und umrundeten zusammen mit der Hüterin des Kessels im Uhrzeigersinn die Ritualgruppe, das Nemeton zu umhegen, die anderen Gartenfackeln anzuzünden und zuguterletzt mit ihren Fackeln das Ritualfeuer in der Mitte zu entzünden. Das Wachs der im Feuer verbleibenden Fackeln spendete genug Zündstoff, sodass sich die Flammen schnell entfachten. Auch das Riesen-Räucherstäbchen Marke Eigenbau wurde entzündet und verbreitete mit starkem Rauch einen interessanten Duft. (Irgendwie erinnerte uns das Ding an einen überdimensionalen Joint.)
Ende Teil II

2 Antworten zu “Mein erstes neokeltisches Hochzeitsfest Teil II”

  1. Distelfliege sagt:

    Ich finde das immer lustig, wenn man im Reenactment/rekonstruierten Heidentum in verstorbenen Sprachen redet, die keiner versteht ausser ein paar ganz wenigen Eingeweihten – das mutet so ähnlich an wie Trekkies, die sich auf klingonisch unterhalten können. ;)
    Es sei mir verziehen, wenn das lebendiges Irisch o.Ä. war. Ich bin ein ungebildeter Tor!

  2. Mc Claudia sagt:

    Wow, da is ein Kommentar, den ich erst jetzt seh.

    Ich antworte trotzdem, weil ich zufällig grad da bin.

    Also, die Formeln sind in rekonstruiertem Gallisch, da meine Gottheiten die der keltischen Antike sind, wo für gewöhnlich festlandkeltisch (also auch gallisch) gesprochen wurde.

    Da ich auch die Übersetzung immer mitliefere – auch bei den Ritualen, auch bei diesem Ritual, war für jeder/n Teilnehmer/-in verständlich, was gesagt wurde.

    (Alte) Kultsprachen peppen das Ritual auf, und ich find Klingonisch eigentlich auch ganz geil! ;-)

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