Von der Schöpfung der Welt – Teil I geschrieben von Merienptah

Das alte Kemet hat in seiner vieltausendjährigen Geschichte wohl mehr Schöpfungsmythen hervorgebracht als jede andere alte Kultur. Die scheinbare Ironie an der Sache ist, dass diese Kosmogonien und Theogonien auf den ersten Blick widersprüchliche Darstellungen ihrer mythischen Entstehung und Beherrschung des Kosmos beinhalten und dass sie im Laufe der gesamten Geschichte Kemets nie zu einer einzigen, allgemeingültigen Schöpfungsgeschichte verschmolzen wurden. Im Prinzip hatte jede größere Ortschaft mit ihrer lokalen Götterfamilie auch ihren eigenen Schöpfungsmythos, also ihre eigene Sicht auf die Entstehung der Welt, die diese meist in die Hand des lokalen Hauptgottes legte. Einig sind sich alle diese Mythen in der Beschreibung des Urzustandes vor der Schöpfung.

Am Anfang war das gesamte Universum von einem Urozean, genannt Nun, angefüllt. Dieses Urgewässer hatte weder Grenzen noch eine Oberfläche; es füllte das gesamte Universum aus und wird in den Mythen oft mit einem „kosmischen Ei“ umschrieben. Die Wasser des Nun standen und waren völlig bewegungslos. Die zweite Übereinstimmung aller Kosmogonien ist die Vorstellung von einem Urhügel, der sich am Beginn alles Seins durch Intervention des jeweiligen Schöpfergottes aus dem Urozean Nun erhob. Dieser Urhügel war die Verortung der jeweiligen Schöpfungsgeschichte. Diese Annahme lässt sich interessanterweise mit dem Zustand des Universums vergleichen, der der heutigen Kosmologie zufolge vor dem Urknall geherrscht hat. Der Urozean Nun steht also symbolisch für die ursprüngliche Singularität aus der beim Urknall, also dem Auftauchen des Urhügels, gemeinsam Materie, Raum und Zeit entstanden.

Die verschiedenen Mythen sind sich auch in der Ansicht einig, dass am Ende aller Zeiten das gesamte Universum wieder in diesen Urzustand zurückversetzt wird. Auch das deckt sich in gewisser Weise mit den Ansichten der modernen kosmologischer Wissenschaft innerhalb der Physik, die davon ausgeht, dass am Ende aller Zeit eine Art umgekehrter Urknall das Universum wieder in seinen Anfangszustand zurückversetzt.

Diese Gedankengänge zur Schöpfung lassen sich auch mit den ins kosmische übersteigerten Naturbeobachtungen im Niltal erklären, da jedes Jahr das aus den Fluten des Nils auftauchende Fruchtland bei der nächsten Nilschwelle wieder in den Wassern versank um danach erneut beim Absinken dieser Flut wieder aufzutauchen. Somit entsteht ein Bild eines fortwährenden Kreislaufes der Schöpfung.

Die Schöpfung wird in kemetischer Sicht auch nicht als plötzlicher Schöpfungsakt sondern mehr als langsamer und fortwährender Prozess verstanden. Wie unterschiedlich auch immer die Ereignisse der Schöpfung und deren Abfolge ausgelegt werden, so stimmen sie doch auch darin überein, dass die sogenannte „Erste Zeit“, also die Epoche, in der die Götter tatsächlich auf der Erde lebten und dort ihre Königreiche hatten, ein glückliches und goldenes Zeitalter gewesen ist, in dem vollständige Gerechtigkeit (Maat) auf der Erde herrschte. Der legitime Nachfolger dieser Götter auf der Erde, der König von Kemet, hat also die Aufgabe, die Herrschaft der Maat, der Richtigkeit und Gerechtigkeit, die oft auch als gerechte Weltordnung bezeichnet wird, zu bewahren.

Eine der ältesten Schöpfungsmythen ist die, die im Laufe der Zeit wohl die weiteste Anerkennung im alten Kemet fand, ohne allerdings die anderen Mythen gänzlich zu verdrängen; die Kosmogonie der Enneade (Neunheit) von Heliopolis, welches in alter Zeit Iunu genannt wurde.

Im alten Iunu, dem Hauptzentrum des Sonnenkultes, entwickelte sich eine Kosmogonie, die um die sogenannte Neunheit von Gottheiten errichtet war, die aus dem Sonnengott und acht seiner Nachkommen bestand. Die mit dieser Schöpfung für gewöhnlich verknüpfte Gestalt des Sonnengottes ist der oftmals als „Allherr“ bezeichnete Urgott Atum. Es heißt von ihm dass er im Urozean Nun bereits „in seinem Ei“ existierte. Im Moment der beginnenden Schöpfung wurde Atum durch die Kraft seines eigenen Willens als der „Selbstentstandene“ geboren und somit zur Quelle aller weiteren Schöpfung. Sein Name bedeutet in etwa „der Vollendete“ und somit kann er als personifizierter Urhügel betrachtet werden, der sich aus dem Urozean erhob und auf dem sich der Schöpfungsprozess einzig durch die Macht und den Willen Atums in Gang setzte.

Das Auftauchen des Atum wird als Erscheinen des Lichts interpretiert, das die chaotische Dunkelheit des Nun vertrieb. Atum musste, da er ja allein war, seine Nachkommenschaft ohne Gefährtin zeugen. Er erreichte sein Ziel durch Selbstbesamung, wobei „die Hand des Atum“ den weiblichen Part dieses Prozesses übernahm. Demzufolge wird Atum oft zweigeschlechtlich als „der große Er-Sie“ bezeichnet; als „Vater-Mutter der Götter“.

Seinen Sohn Schu gebar Atum indem er ihn ausspuckte, und seine Tochter Tefnut, indem er sie erbrach. Die Funktion des Schu als Gott der Luft wird dadurch abgeleitet wie er geboren wurde, also dem Luftzug der beim Ausspucken entstand, und Tefnut wurde aufgrund ihrer Geburtsweise zur Göttin der Feuchtigkeit und des Feuers; wohl vergleichbar mit dem Brennen im Hals beim Erbrechen und dem feuchten Endprodukt des Ganzen. Somit war das erste göttliche Paar entstanden. Während das Ka in Atum noch zweigeschlechtlich ist, trennt Atum durch diesen Schöpfungsvorgang das Ka in das männliche (Ka) und weibliche (Kat) Prinzip. Schu und Tefnut wurden so zu Göttern, die geeignet waren, den Schöpfungszyklus fortzusetzen. Schu und Tefnut als Urgötterpaar wurden von Nun, dem personifizierten Urozean aufgezogen und das Auge des Atum wachte über sie.

Das Auge von Atum konnte sich von seinem Körper lösen und war auch eigenständig im Handeln und Fühlen. Dieses Auge, das Udjat, spielt in wichtigen Mythen eine große Rolle. Der eine Mythos berichtet, dass die Kinder Schu und Tefnut in den dunklen Wasserwüsten des Nun aus dem Gesichtskreis des Atum verschwanden. Atum sandte daraufhin sein Auge aus, sie zu suchen und zurückzubringen. Während das Auge nach Schu und Tefnut forschte, hatte Atum es durch ein anderes, viel helleres ersetzt. Oftmals wird der Sonnengott Ra als das „junge Auge des Atum“ bezeichnet. Als das erste Auge bei seiner Rückkehr bemerkte, dass sein Platz besetzt war, erboste es. Atum nahm daher das erste Auge und setzte es an seine Stirn, wo es die ganze Welt, die er zu erschaffen im Begriff war, bewachen konnte. Oft wird das Stirnauge als zerstörerische und übelabwehrende Göttin dargestellt (ein Aspekt der brennenden Sonne). In dieser Gestalt wurde das Stirnauge zur Göttin Uto, der sich aufbäumenden Kobra, die in Gestalt der Uräusschlange auf der Stirn der späteren Könige Kemets als Symbol und Verteidigerin ihrer Macht prangte. Weitere Mythen berichten dass aus der Verbindung von Ra und Uto die beiden Göttinnen Maat, die Richtigkeit, und Isfet, das Chaos, hervorgegangen sind.

Ende Teil I

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , ,

2 Antworten zu “Von der Schöpfung der Welt – Teil I geschrieben von Merienptah”

  1. Sat-Ma'at sagt:

    Das mit den altägyptischen Mythen ist nicht so ganz einfach. Es würde jetzt den Rahmen vollkommen sprengen auf alle Details einzugehen, daher nur ein paar Beispiele…

    Sämtliche aä. Mythen – letztlich auch die Schöpfungsmythen – sind keine Mythen im strengen Sinne, da sie kaum den Anspruch erheben in Weltbild zu erklären. Die eigentliche Mythe taucht im Grunde erst mit der griechischen Kultur auf (Assmann „Ägyptische Geheimnisse“)). Das was heute als Mythe bezeichnet wird, sind vielmehr interpretative Zusammenfassungen von Bildern und Wortbildern der Totenliturgie, Totenliteratur und Tempelmalerei, die als solches weniger den Anspruch hatten ein Weltbild zu erklären (da sie ja nicht für das Auge der Lebenden und schon gar nicht für die des einfachen Volkes bestimmt waren) sondern Teil der Vergöttlichung und Jenseitsfürsorge für Könige und andere Würdenträger waren (Schott „Mythen und Mythenbildung“).

    Darüber hinaus ist die altägyptische Kultur ohnehin nicht Mythen-basierend sondern Ritus-basierend (Assmann). Es wird angenommen, dass die Riten aus prä-dynastischer Zeit auf die schamanisch geprägten Ursprünge der Kultur zurückzuführen sind (Altenmüller „Die Wandlungen des Sem Priesters“). Die mythologischen Inhalte der Riten wurden oftmals erst später hinzugefügt um den rituellen Handlungen wieder eine mythische Bedeutung zu geben, die im Laufe der Zeit verlorengegangen war (Assmann). Sie haben damit eher die Qualität eines Dogmas (Schott). Diese neuen Mythen hatten dann meist schlichtweg politische Gründe (Assmann).

    Es gibt sowieso kaum einheitliche Schöpfungsmythen auch die sog. Neunheit von Heliopolis wurde erst in der 5. Dynastie unter Djoser zusammengefasst, vorher gab es (mindestens) zwei Neunheiten (Schott) die allerdings auch sehr uneinheitlich interpretiert werden können und werden. Man kann wohl vielmehr von schöpfungsmythischen Fragmenten sprechen (Schott), die dann gemäß politischer Zielsetzungen zusammengefasst wurden (wie etwa die Gleichsetzung von Atum und Amun um die Theokratie im Licht des Amun-Kultes zu legitimieren und den schlussendlichen Henotheismus um Amun zu besiegeln).

    Zep Tepi ist eigentlich nicht „erste Zeit“ sondern das „erste Mal“ als Teil einer „sich selbst entfaltenden“ Schöpfung (Assmann). Wobei die Idee einer Welt die einst von den Göttern als Könige regiert wurde wohl mehr einer Wunschvorstellung Rechnung trägt, die man nach dem Tod eines Königs hegte (Rundle-Clark) von dem man hoffte, dass sein Geist noch weiterhin die Welt regiert. Was wiederrum stark auf die schamanisch geprägten Ursprünge und deren Ahnenkulte hinweist, die natürlich im Zuge der Entwicklung der altägyptischen Kultur zum reinen Totenkult wurden (wenn man einmal von dem des Neuen Reiches absieht).

    :) Ansonsten schönes Thema!

Hinterlasse eine Antwort