Wie ein Elefant das Fürchten lernte, oder: Das weniger bekannte Elefantengleichnis

Es war einmal ein Elefant. Der Elefant war zwar alt, aber auch sehr stattlich, und er zeigte sich gern den Menschen. Man muss nämlich wissen, dass der Elefant, als er noch jünger war, mit Menschen viel zu tun gehabt hatte — doch das war eine große Zeit her, und die Menschen, die wussten, wie ein Elefant aussah, waren lange gestorben. Aber das wusste der Elefant nicht.

... so war´s am Anfang ...

Er kam jüngst in eine große Gruppe Menschen, und freute sich darauf, betrachtet zu werden. Er wurde freudig begrüßt. Seltsam waren diese Menschen, saßen vor kleinen, leuchtenden Kisten und spielten eigenartige Musik, indem sie mit ihren Fingern auf noch winzigere Plastik-Rechtecke drückten, die dann ein leises Klacken von sich gaben. Doch den Elefanten störte das nicht, denn er hatte lange gelebt, und wusste, dass Menschen sich manchmal eigenartige Angewohnheiten zulegten.

Aber dann geschah etwas Seltsames. Denn anstatt den Elefanten zu betrachten, der da so saß und betrachtet werden wollte, fingen die Menschen an, eingefärbte und gemusterte Tücher zwischen sich und den Elephanten zu hängen, und allerhand Gegenstände zu ihm hin zu schleppen.

„Schaut“, sagte einer, indem er durch ein Vervielfältigungsglas schaute, „alle Elefanten sind ein Elefant.“ Und da die anderen nicht viel klüger waren, murmelten sie zustimmend: ein Elefant. Musste ja stimmen.

Ein anderer hielt sich eine grüne Brille vor das Gesicht und sagte: „dieser Elefant stammt vom Krokodil. Man erkennt das leicht an den Zähnen, die auf das Krokodil zurückgehen“. Und wieder gab es einige, die zustimmend murmelten. Klar: ein Krokodil hatte Zähne, und offensichtlich hatte auch der Elefant Zähne. Es musste sich also um dieselben Zähne handeln. „Ein Pferd“, sagte ein anderer, der einmal von einem Pferd gelesen hatte, das grau war. Wieder zustimmendes Gemurmel, denn ja, der Elefant war grau. Das sah man ja sofort.

„Lasst uns den Elefanten feiern“, sagte ein dritter, „denn Elefanten feiernde Frauen sind üppig und besser als normale Frauen“. Er hatte seit Jahren keine Frau kennen lernen können, die ihm nicht sofort den Rücken kehrte, und stellte eine riesige Plastikpuppe neben den Elefanten, deren Brüste in der Tat „üppig“ waren… sie nahmen das halbe Blickfeld des Elefanten ein. Doch die Frauen, die sich für den Elefanten interessierten, schreckte dieses Puppenbild ab, und sie gingen fort. Das machte den Elefanten traurig, denn eigentlich mochte er Frauen.

Der nächste kam und baute mit morschem, braunem und fauligem Holz einen wackeligen Zaun um den Elefanten, und befahl allen, die weiter entfernt standen, sich dem Elefanten nicht zu nähern. „Ihr könnt den Elefanten nicht haben, ihr gehört nicht zum Elefanten. Das ist unser Elefant“ sagte er, und ein dümmlicher Chor von Hinterherdenkern fand, dass das gut klang. Unser Elefant. Nicht eurer, geht weg. Das gefiel dem Elefanten auch nicht, weil er immer dort hin gegangen war, wo es ihm gefallen hatte. Zäune hatte bislang auch keiner um ihn herum gebaut.

Dann kam eine Gruppe von Frauen vorbei, die in bunte Tücher gewandet waren. Sie hängten ein rosa Tuch um den Elefantenkopf, und waren dabei so unvorsichtig, dass er eine davon beinahe mit dem Rüssel erschlug. „Der Elefant ist Achtsamkeit und Liebe!“ sagten die Frauen, „Seid in der Liebe!“. Das verstand der Elefant nicht. Er hatte sicher geliebt, aber war er deswegen Liebe? Er war verwirrt, soviel stand zumindest fest.

Eine kleine Gruppe von Weisen beobachtete das Schauspiel. Einer davon war Rüsselologe. Er ging zum Elefanten, grub den Rüssel aus dem Berg von rosa Tüchern aus, und sagte: „Das ist ein Rüssel, das hat mit Liebe nichts zu tun“. Die versammelten Menschen schwiegen verdattert. Von einem „Rüssel“ hatten sie noch nie gehört. Die Frauen mit den rosa Tüchern aber waren empört. „Wir kennen uns mit Liebe aus, und wir finden, das ist Liebe“, behaupteten sie unnachgiebig, und als der Rüsselologe nicht einlenkte, waren sie beleidigt und beschimpften ihn. „Man kann einen Elefanten nicht einfach am Rüssel erkennen! Du bist ein ganz dummer Mensch, der von Liebe nichts versteht!“

Kopfschüttelnd wandte sich der Rüsselologe zu den übrigen Weisen. Er konnte hier nicht helfen.

Ein anderer war Elefantenfußkundler, und hatte lange Zeit damit verbracht, die Spuren des Elefanten zu lesen. Er deutete auf den Zaun und sagte: „Das da gehört nicht zum Elefanten. Dieser Elefant war dort, und da drüben, und noch viel weiter fort.“ Der Zaunbauer wurde zornig, bedrohte den Elefantenfußkundler und beschimpfte ihn als Gutmenschen. Da bekam der Weise Angst und ging zurück zu den anderen Weisen.

Und auch der dritte Weise, der Zahnspezialist war, und wusste, dass es ganz verschiedene Arten von Zähnen gab, konnte nicht helfen. „Du verstehst nichts von Elefanten, du siehst ja nur Zähne!“ riefen die Menschen ihm nach. „Du musst die Wahrheit über den Elefanten fühlen! Fühle das Krokodil in ihm!“

Da wurde es dem Elefanten zu bunt. Er ging fort und setzte sich wo anders hin. Die Menschen störte es nicht, sie bauten einfach weiter an ihrem Gebilde. Irgendwann später fanden ihn die Weisen wieder. Und obwohl auch sie nie ganz genau herausfanden, wie ein Elefant wirklich aussah, fühlte er sich bei ihnen wohler als unter dem Berg von mitgebrachten Halbgarheiten, Nebeln und Schleiertüchern, unter dem er sonst begraben worden wäre.

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3 Antworten zu “Wie ein Elefant das Fürchten lernte, oder: Das weniger bekannte Elefantengleichnis”

  1. Erinn sagt:

    *giggel

    Ähnlichkeiten mit der neuheidnischen Szene sind sicher zufällig…

  2. … und völlig unbeabsichtigt …

  3. Myriad sagt:

    Natüüüürlich! (Können diese Augen lügen?)

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