Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil II, geschrieben von Sacriba

Primärmotivierte Polyamorie

Ist im Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich? herausgekommen, dass Polyamorie wahrscheinlich ein primärmotivierter Wunsch von dir ist?

Oder bist du einfach neugierig, wie primärmotivierte Polyamorie aussieht?

In beiden Fällen bekommst du hier dazu mehr Information.

Meiner Erfahrung nach gibt es bisher genau 3 Hintergründe, die einen primärmotivierten Wunsch nach gesunder, funktionierender Polyamorie erzeugen:

Verschiedene Bedürfnisse an Nähe:

Innerhalb einer bestehenden Zweierbeziehung benötigt Mensch A mehr liebevolle Nähe als das Gegenüber Mensch B. Mensch A wünscht sich daher eine Liebesbeziehung zu einem zusätzlichen Menschen.

Der Grund für diese Unausgeglichenheit muss allerdings an einem durch Verhandlung unveränderbaren Zustand liegen – z. B.:

  • Wenn Mensch A neurotypisch funktioniert, Mensch B sich aber am autistischen Spektrum befindet.
  • Wenn Mensch A besonders viel Freizeit hat, während Mensch B seine Selbstverwirklichung im Beruf findet. Diese spezielle Situation ist allerdings verwundbar: Nehmen wir an, Mensch B entscheidet sich eines Tages dafür, ebenso viel Freizeit wie Mensch A zu haben. Daraus kann dann ein größeres Nähebedürfnis als bisher entstehen, das wiederum Mensch A dann nicht erwidern kann, da sein Bedürfnis von einer Liebesbeziehung mit Mensch C abgedeckt wird, usw.

Fortgeschrittene persönliche Weiterentwicklung:

Ein Mensch lebt in einer erfüllten Zweierbeziehung. Allerdings möchte und kann dieser Mensch auf der amoren Ebene mehr geben, als die bestehende Liebesbeziehung braucht, um schön und stabil zu funktionieren. Dieser Wunsch ist nur konstruktiv, wenn:

  • sich dahinter keine Sekundärmotivationen verstecken (z. B. der Wunsch nach mehr Sex)
  • Der Wunsch NICHT aus einem Mangel heraus erfolgt (z. B. ein Defizit an Nähe in der Ursprungsbeziehung)
  • die Nähe, Zeit und Platz füreinander in der Ursprungsbeziehung erhalten bleiben
  • eine höhere Komplexität als zu zweit gewünscht wird, um eine umfangreichere Selbsterfahrung für persönliche Weiterentwicklung zu erreichen
  • kein Poly-Zeitproblem wegen zu hoher Komplexität entsteht

Das war der Hauptbeweggrund für meinen Freund Nemo, eine weitere Hetero-Beziehung zusätzlich zu seiner Ursprungsbeziehung mit Maitri anzustreben.

Die amore Orientierung:

Ein Mensch ist biamor (und damit automatisch auch bisexuell) und wünscht sich jeweils eine Liebesbeziehung zu beiden Cis-Geschlechtern (Frau und Mann).

Diese Motivation, polyamor zu leben, tritt allerdings fast immer IN KOMBINATION mit den obigen Gründen (Verschiedene Bedürfnisse an Nähe oder Fortgeschrittene persönliche Weiterentwicklung) auf.

Schließlich gibt es genug Menschen, die klar biamor sind, die sich aber keine höhere Komplexität im Beziehungsleben als die einer Zweierbeziehung wünschen.

Das ist mein persönlicher Beweggrund:
Nach der Entfernung einiger Sekundärmotivationen kam bei mir meine amore Orientierung parallel mit einem Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung als Primärmotivation für Polyamorie zum Vorschein. Bei meiner Freundin Maitri stehen ebenfalls diese beiden Gründe hinter ihrer Entscheidung für unsere Triade.

 

Disclaimer:

Alle anderen Gründe für Polyamorie von Menschen, mit denen ich persönlich Kontakt hatte, stellten sich nach Anwendung der „Wozu (willst du das)?“-Fragenkaskade als Sekundärmotivationen heraus.

Sollte ich ein neues Konzept kennenlernen, das nach Anwendung der Fragenkaskade auf einer Primärmotivation aufbaut, nehme ich es gerne in die obige Liste über die Gründe für primärmotivierte Polyamorie auf. Bisher ist das aber noch nicht passiert.
In Polykülen tritt ab einer bestimmten Anzahl von beteiligten Menschen ein Zeitproblem auf. Mein Freund Nemo hat dieses Zeitproblem in einem mathematischen Modell formuliert:

Legende:

PM_Legende

PM_Paar

 

Eine Paarbeziehung besteht aus 2 Menschen: A und B.
Die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen ist dabei gleich groß wie in der Zweierbeziehung. Daher gibt es nur 1 gemeinsamen Space. Die Komplexität des Systems ist also gleich 1.

 

 

PM_Triade

 

 

Eine Triade ist ein Polykül aus den 3 Menschen A, B, C in der Form eines geschlossenen Dreiecks.
Es enthält 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, A+C
Das Gesamtsystem ist das Zu-Dritt: A+B+C

Die Komplexität ist demnach:
3×1 + 1 = 4

 

Soweit sind noch keine metamour-Verbindungen vorhanden. Die häufigste Form, in der dieses Verhältnis vorkommt, ist das V:

Ein V ist ein Polykül aus 3 Menschen, in der Form des Buchstaben V. Es teilt sich in primäre und sekundäre Verbindungen.

PM_V

Primär besteht es aus 2 Paarbeziehungen:
A+B und B+C

Sekundär gibt es aber noch:

Das metamour-Verhältnis A+C:
Diese beiden Menschen müssen schließlich Lebensentscheidungen, die mit B erfolgen, untereinander besprechen können.

Das Gesamtsystem aus allen 3 Menschen: A+B+C

Die Komplexität ist also, obwohl es eine Liebesbeziehung weniger als in einer Triade gibt, gleich hoch:
2×1 + 1 + 1 = 4

 

Daraus lässt sich ableiten, dass alle Polyküle aus 3 Menschen, egal ob in einer Triade oder in einem V, in etwa 4mal so komplex sind wie eine Zweierbeziehung.
Dieser Zahlenwert bezieht sich auf alle Lebensbereiche, die in einer ernsthaften Liebesbeziehung vorkommen (sollten): 4mal mehr Zeit, 4mal mehr Beziehungsarbeit, 4mal mehr Vereinbarungen, usw.

Je mehr Menschen ein Polykül enthält, desto höher wird die Komplexität und damit der Zeit- und Energieaufwand.

PM_Reihe

 

Als Beispiel habe ich ein „N“, also ein Polykül aus 4 Menschen in der Form einer Reihe ausgewählt:
Es gibt Mensch A, B, C und D.
Diese Konstellation besteht primär aus 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, C+D
Damit ist die Komplexität erst mal 3×1 = 3.

 

 

Sekundär kommen allerdings noch hinzu:
Als metamour-Verbindungen die Kommunikationsebenen zwischen
A+C, B+D und A+D
Und zum Schluss noch das Gesamtsystem aller 4 Menschen: A+B+C+D
Das ergibt in Summe die Komplexität:
3×1 + 3×1 + 1 = 7

Selbst wenn wir realistischerweise davon ausgehen, dass metamours etwas weniger Kontakt zueinander haben als die Paarbeziehungen, und daher auf die Komplexität = 6 abrunden, erfordert diese Konstellation immer noch 6mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie eine Zweierbeziehung.

Ab einem Polykül mit 4 Menschen, die keine Reihe bilden, sondern auch noch untereinander als Paarbeziehungen vernetzt sind, wird es der absolute Overkill:

PM_Viereck

Das Beispiel zeigt 4 Menschen, wo alle mit allen als Liebesbeziehung verbunden sind.
Jeder dieser Menschen hat also jeweils 3 Liebesbeziehungen.
Damit gibt es zwar keine metamour-Verbindungen, aber 6 Paarbeziehungen, 4 Triaden und 1 Gesamtsystem:

6 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, C+D, A+D, A+C und B+D
4 Triaden:
A+B+C, B+C+D, A+B+D und A+C+D
Und das Gesamtsystem aus allen: A+B+C+D

Die Komplexität ist also:
6×1 + 4×1 + 1 = 11

Also 11mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie in einer Zweierbeziehung.
Nicht einmal Milliardäre, deren Existenz nicht an Arbeitszeit gebunden ist, können diese Zeit langfristig aufbringen.

Werden noch weitere Menschen in das jeweilige Poly-Netzwerk aufgenommen, steigt die Komplexität bis ins 100fache.

Dazu behauptet die Poly-Szene:

„Eine Beziehung ist wie eine Kerze in einem dunklen Raum. Je mehr Kerzen ich dazustelle, desto heller wird der Raum und desto erfüllter bin ich.“

Damit ist gemeint, dass ein Polykül tendenziell beliebig um weitere Menschen erweiterbar wäre und dass das dann für die Betroffenen auch noch schön wäre.

Wie oben aufgeschlüsselt, kann das weder mathematisch, noch im echten Leben funktionieren. Diese Philosophie hat meiner Meinung nach daher den Nutzen einer Durchfallerkrankung.

Die realistische Konsequenz dieser Haltung ist nämlich entweder der miauende Hund oder (in Folge) der seriell-parallele Durchlauferhitzer.

Solange Nähehandlungen (Kuscheln, Schmusen, Küssen) dann immer noch ausgeführt werden, besteht allerdings die Sehnsucht nach der großen Nähe einer echten Liebesbeziehung mit diesem Menschen im Unbewussten weiter.

Die Folge sind ständige destruktive Konflikte wegen des nicht mehr erfüllbaren Beziehungswunsches, also in meinem Beispiel einem tatsächlich bellenden Hund.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 4/8: Das Poly-Zeitproblem

Damit bewegt sich das ganze System in Richtung eines energiefressenden Zustands, also in einen instabilen Zwischenzustand auf der Näheskala, ähnlich dem einer „Nebenbeziehung“.

Langfristig gesehen entstehen so zutiefst frustrierte Menschen, deren Wunsch nach Liebe kein Gegenüber mehr findet. Die Folge sind psychische Probleme, die zu chronischer Depression und Persönlichkeitsstörungen führen können.

Ende Teil II

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