Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil I, geschrieben von Sacriba

Prinzipien

In der Artikelreihe über die Poly-Szene und Begriffe der Poly-Szene habe ich die wesentlichen Konzepte beschrieben, unter deren Anwendung Polyamorie langfristig NICHT funktioniert.

Wie ein polyamores Beziehungsgeflecht ganzheitlich (= für alle Beteiligten), gesund und langfristig funktionieren kann, habe ich durch meine persönliche Erfahrung mit meinen beiden Lieben herausgefunden.

Da wir kein gesundes Vorbild, weder persönlich noch in den Medien, für unsere Konstellation hatten, mussten wir alle Grundlagen in diesem neuen Territorium selbst herausfinden.
Durch diesen Lernprozess enttarnten wir die meisten der beschriebenen Konzepte der Poly-Szene als nicht funktionierende Glaubenssätze und entfernten sie darauf sukzessive aus unserem Leben.

Nachfolgend liste ich die unserer Meinung nach wichtigsten Prinzipien gesunder Polyamorie auf.
Interessanterweise gelten diese genauso für gesunde Paarbeziehungen zu zweit.

  • Gleichberechtigte Beziehungen = KEINE Hierarchie:
    Alle Beteiligten des Polyküls müssen die gleichen Mitbestimmungsrechte haben. Darin enthalten sind alle Lebensentscheidungen, wie die gemeinsame Sexualität oder der Wohnort.
  • Alle Lebensentscheidungen müssen IM KONSENS und mit einem KLAREN WOZU (Wozu wollen wir das?) beschlossen werden.
    Ein spezielles Beispiel dafür ist die Entscheidung für emotionale Offenheit, also dafür, noch jemanden auf der Ebene Liebe in das Polykül aufzunehmen.
  • Das Polykül muss nach einer bestimmten Zeit emotional geschlossen werden und bleiben, damit die Beziehungen stabil werden und bleiben.
    Die Vereinbarung, emotional geschlossen zu bleiben, kann dabei entweder temporär der vollständig sein:

    • Temporär:
      „Wir bleiben für eine bestimmte Zeit emotional geschlossen und versuchen währenddessen herauszufinden, ob unser Wunsch nach Polyamorie primär- oder sekundärmotiviert ist.“
    • Vollständig:
      „Wir wollen ab jetzt emotional geschlossen unsere Leben miteinander verbringen. Solange wir zusammen sind, wollen wir an dieser Vereinbarung nie wieder etwas ändern.“

    Typische Poly-Szene-Dynamiken wie der miauende Hund und (in Folge) der seriell-parallele Durchlauferhitzer werden dadurch effektiv vermieden.

Der Wunsch nach Polyamorie entsteht in einem betreffenden Menschen, egal ob Single oder in einer aktiven Zweierbeziehung, IMMER aus einem konkreten Grund. Der Grund dieses Wunsches liegt allerdings oft im Unbewussten. Ebenso kann der Wunsch nach Polyamorie von falschen Ideen, die mit einer gesunden Realität nichts mehr zu tun haben, fehlgeleitet sein. Nach Aufdeckung und Überprüfung dieser Ideen kann darunter ein ganz anderer Wunsch als eine Poly-Beziehung zum Vorschein kommen.

Beide Möglichkeiten sind nicht die Schuld des betreffenden Menschen. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, die diverse Wünsche über Sex und Liebe abseits des Hetero-Mainstreams für nicht existent erklärt.
Oder um es mit Farin Urlaub zu sagen:

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wär‘ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

 

In diesem Sinne ist es sehr wohl die Verantwortung eines jeden Menschen, der_die sich Polyamorie wünscht, herauszufinden, was hinter diesem Wunsch tatsächlich authentisch der Fall ist – also ob es sich dabei um eine Primär- oder eine Sekundärmotivation handelt.

Beispiele:

„Ich habe seit kurzem entdeckt, dass ich mir mit einem zusätzlichen Menschen eine Liebesbeziehung wünsche, aber die Liebesbeziehung zu meinem gegenwärtigen Menschen dabei weiterführen möchte. Ich will nichts verheimlichen müssen – und Polyamorie klingt gut, da wissen alle voneinander. Kann das funktionieren?“

Jein.
Ob der Wunsch nach einer Liebesbeziehung mit mehr als einem Menschen gleichzeitig gesund gelebt werden kann, hängt nämlich von mehreren Faktoren ab. Manche davon sind sehr gute Voraussetzungen, um Polyamorie zu leben. Andere allerdings sind ein garantierter Schuss ins Knie, der nicht nur keine weitere Liebesbeziehung, sondern den Verlust der bereits vorhandenen Liebesbeziehung bedeuten kann.

Um dieses Risiko einschätzen zu können, ist der erste und wichtigste Schritt, über den eigenen Wunsch zu reflektieren:
Wozu möchte ich eine weitere Liebesbeziehung?

Bei vielen ist darauf die Antwort:
Weil es mir passiert ist, dass ich mich in einen weiteren Menschen verliebt habe, während ich in einer Liebesbeziehung lebe.

Jetzt geht die Fragenkaskade aber weiter:
Wozu habe ich mich in diesen Menschen verliebt?

Ab hier wird es tricky. Denn hinter einer Verliebtheit oder einem „Crush“ verstecken sich oft Sekundärmotivationen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind.

Diese sind der erwähnte Schuss ins Knie:
Wird eine zusätzliche Liebesbeziehung aus einer Sekundärmotivation eingegangen, enden ALLE beteiligten Liebesbeziehungen höchstwahrscheinlich in einem emotionalen Atompilz. Die zweithöchste Wahrscheinlichkeit ist zwar, dass alle Beteiligten rechtzeitig die Sekundärmotivationen bemerken und auflösen, dieses Szenario ist allerdings immer noch mit viel emotionalem Schmerz verbunden.

Nachfolgend habe ich ein Flowchart gezeichnet, das die häufigsten Sekundärmotivationen hinter einer Verliebtheit aufdeckt und zu Strategien weiterleitet, um diese ins Bewusstsein zu holen und aufzulösen.
Meistens ist nach der erfolgreichen Durchführung der vorgeschlagenen Lösungsansätze kein Wunsch nach Polyamorie mehr vorhanden.

In seltenen Fällen steckt hinter einer neuen Verliebtheit tatsächlich eine Primärmotivation für Polyamorie. Diese Fälle werden allerdings erst sichtbar, sobald alle Sekundärmotivationen entweder ausschließbar sind oder gemeinsam mit der bestehenden Liebesbeziehung bearbeitet wurden. Wenn danach noch immer ein Wunsch nach Polyamorie vorhanden ist, handelt es sich höchstwahrscheinlich (aber nicht automatisch!) um eine Primärmotivation.

Bei der Mehrheit der Menschen in der Poly-Szene spielt ein Mangel in Ex-Beziehungen oder der gegenwärtigen Partnerschaft eine wesentliche Rolle, warum sie jetzt Polyamorie anstreben. Der Ausgangspunkt ist:

„Wenn mir meine Partnerschaft etwas Bestimmtes nicht gibt, das ich brauche, hole ich es mir bei einem anderen Menschen.“

Wenn allerdings das Fundament (= das Ursprungspaar) aufgrund eines Mangels nicht stabil ist, können es auch alle Beziehungen, die an diesen Menschen dranhängen, nicht sein. Mehr zu diesem Mechanismus findest du unter Das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in Polykülen.

Daher startet mein Flowchart bei einem Mangel und leitet daraus zu den jeweiligen Sekundärmotivationen weiter:

Poly-oder-nicht-Flowchart
Ende Teil I

Hinterlasse eine Antwort