Lange Nacht der Religionen: Pagane Wege und Gemeinschaften – Teil I geschrieben von Syba Sukkub

Pagane Wege und Gemeinschaften

 

Ein Blick von Syba Sukkub auf die lange Nacht der Religionen

Erstmal: das Folgende ist meine absolut subjektive, unauthorisierte, unvollständige und unmaßgebliche Schilderung der Veranstaltung.

Samstag. Eröffnungsritual, Sinmara begrüßt alle herzlich, aber ich brauche wohl noch etwas Zeit um anzukommen. Das Heidenvolk ist bunt, gemischt was Alter und Geschlecht angeht und viele haben sich für diesen Anlass in besondere Gewandung geworfen, von Mittelalter bis Fantasy, Runen und Pentagramme überall.

Man kommt schnell ins Gespräch. Ein paar junge Frauen schleppen mich mit in den Vortrag von Dr. Donate Pahnke McIntosh zur „Göttin-Spiritualität“. Eigentlich hab ich damit wenig am Hut und die Vulva-Atmung fällt mir nach wie vor schwer. Aber Dr. Donate ist wunderbar, spricht sehr schön, klar, klug, ruhig, mit schönen Gesten und mir gehen ein paar Lampenläden auf, warum wir die Göttinnen brauchen.

Danach will ich mir das Sexsymbol der Asatru-Szene anschauen: Voenix. Wahrscheinlich liegt´s aber an meinem hohen Alter und dem Hexenschuss, dass ich seinen Auftritt überstehe, ohne ihn anzuspringen. Seine Arbeit mit Ahnengeistern bringt er in Zusammenhang mit Familienaufstellungen. Als er Kindesmissbrauch und Vergebung in einem Satz erwähnt, verlassen ein paar Leute den Raum. Auch ich bin kein Hellinger-Fan. Aber ich sehe, dass er scheinbar einiges richtigmacht, das Bedürfnis nach Trance, Ritual, Gemeinschaft und dem folkloristischen Dekor ist groß. Die Trommel allein macht auf jeden Fall eine Menge her.

Später nehme ich teil an einem Reclaiming-Ritual, das viele gute Zutaten enthält: Musik, Tanz und Gesang, kurze Texte, Mysterientheater. Respekt, es ist nicht so leicht, einen so großen Kreis von überwiegend Fremden wirklich zusammenzubringen. Aber die amtierenden Hexen sind erfahren und das ganze Team spielt wunderbar zusammen. (Dr. Donate zeigt ihre praktische Seite und initiiert den Spiraltanz.)

Wenig später lassen die Ibuprofen mich im Stich und ich mach mich schnell auf den Heimweg. Auf jeden Fall bin ich beeindruckt von der Organisation. Eine dicke Party für 200 Leute umsonst und draußen, mit Essen, Trinken, offenem Feuer, Toiletten, Vorträgen, Ruheraum und allem Drum und Dran auf die Beine zu stellen ist sensationell! Eine Heidenarbeit! Großer Respekt!

Am Sonntag findet das Treffen an einem anderen Standort statt, viel weiter draußen, aber die Location ist S-Bahn-nah und sehr schön. Die Runde ist kleiner geworden, der Innenhof ist sonnig, die Stimmung entspannt. Die Hüpfburg wird gelegentlich frequentiert, es gibt Kuchen, Getränke und Grill.
Voenix in prachtvoller Ritualgewandung (wer zum Geier näht ihm die Klamotten?) und mit Geweih-Kopfschmuck eröffnet auf bewährte Weise, indem er Teilnehmern besondere Aufmerksamkeit und Behandlung anbietet und zum Abschluss jeden im Kreis trommelnd würdigt.
Der Duke liest aus seinem Buch „Das Lied der Eibe“, was Spaß macht, weil er klasse lesen kann. Er hat eine tolle Stimme und viel Ausdruck. Seine Texte sind poetisch, sprachgewandt und witzig. Das Hörbuch wird sehnsüchtig erwartet.
Danach spricht Morgana Sythove über Wicca. Sie betont die politische Dimension des Heidentums und eine wesentliche Gemeinsamkeit der verschiedenen Richtungen: die Verehrung der Erde bzw. der Natur, des Lebens.

Wozu überhaupt so ein Heidentag? Brauch ich das? Spiritualität hat viel mit Zugehörigkeit zu tun, auf jeder Seite der Hecke. Brauchen wir Gemeinschaft? Na sicher. Und zum Glück gibt es ein paar Leute, die sich dafür enorm engagieren, Anlaufpunkte zu bieten, Grüppchen zu vernetzen und Angebote zugänglich zu machen. Ehrenamtlich und unentgeltlich. Mit sehr viel Herzblut.
Im Publikum werden die Unterschiede betont, wer z.B. ein Pentagramm trägt, möchte keinesfalls in denselben Topf wie die anderen Pentagramm-Träger geworfen werden. Das ist okay, es leben die Unterschiede, die Vielfalt, die bei dieser Veranstaltung ja tatsächlich gegeben war.
Aber vielleicht gibt es doch einige gemeinsame Interessen, Ziele, ein paar Sachen, die wichtig sind und wo man gemeinsam wohl mehr Erfolg hat. Also falls das Heidentum kein Escapismus ist, sondern eben auch einen politischen Aspekt hat.
Meine Augen brennen, irgendwie habe ich viel Rauch vom Lagerfeuer abbekommen. Insgesamt nehme ich aber auch eine ganze Menge mit. Da ist ein ganzer Stapel Infozettel und ich fange an, mich durch eine Vielzahl an links zu klicken. Und mein Mann sagt: „HmMm. Du riechst ja gut. Wie eine Salami.“

Ende Teil I

 

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