Der Nekromant, Fortsetzung, geschrieben von XVII

13. Januar 2018

Türglocke läutet

Nein, nein, nein. Das kanns jetzt nicht sein. Es muß ja mitten in der Nacht sein.

Mitten in der Nacht. Ich schlaf weiter. Ich ignoriere das einfach.
Ja, die Bettdecke raufziehen. Über die Augen. Gut. Weiterschlafen.

Türglocke läutet

Holy shit. Das habe ich nicht verdient. Bitte.

Ich will nur schlafen. Ich…ach, verdammt. Es war gestern zu lange. Ich hätte früher heimgehen sollen. Und weniger Alkohol. Viel weniger…Ufff…viiiiiiiiel weniger.

Türglocke läutet

„Jaaaa, verdammt nochmal, jaaaa…ich komm.“

Mist. Ich bin so, wie die Götter mich geschufen haben, oder das was von ihnen überblieb…nackt.

Was ziehe ich rasch an. T- shirt. Wo ist mein verdammtes….

Jacke…

Türglocke läutet

„SCHEISSE, ja ich komm ja schon!“

Bettdecke. Ich wickle mir die Bettdecke rum…Mist. Mist.

Hollla…meine Füsse berühren zwar den Boden…aber die Wände bewegen sich auch.

NIIIIE wieder Alkohol.

Außerdem Füsse…abgesplittertes Rot auf meinen Nägeln. Wäh. Da muß ich mich nachher drüber stürzen. Ich hasse abgesplitterte Farbe auf meinen Nägeln.

Gehe langsam zur Tür. Zum Glück ist der Eingang gleich in Nähe von meinem Schlafzimmer.

Altbau. Ich liebe Altbau. Ziemlich viele Kisten stehen rum. Tja, das bringt es halt mit sich,

wenn man seinen Exverlobten verlässt. Viel Zeug. Zum Glück habe ich meine Wohnung behalten.

-“Nein, Liebes, zieh doch ganz zu mir.“ Jaja..dann könnt ich jetzt im Hotel pennen.

„Wer ist da überhaupt?“ ich bin fast bei der Tür.

–“Die Post“

Das kann ja wirklich jeder sagen. Ich strecke meine Hand Richtung Tür. Fächere die Finger auf.

Scanne. Ok. Da ist wirklich jemand mit nem Paket.

Ja, sicher..ich hätte auch zur Tür gehen können und durch den Türspion schauen, aber heh…

…ich öffne die Tür. Der Bote schaut mich von oben bis unten an.

„Und, bin ich hübsch genug?“

–“Äh, wie bitte?“

„Was wecken sie mich mitten in der Nacht an einem Sonntag? Ich will schlafen.“

–“Entschuldigen sie…aber es ist 10 Uhr 20, also so ziemlich genau 10 Uhr 20, ich läute bei ihnen schon seit 10 Minuten und es ist…es ist Montag.“

Er zieht eine Augenbraue hoch.

–“Und ich möchte auch gar nicht beurteilen müssen, ob sie hübsch sind oder nicht, und Leute haben auch schon nackt Pakete von mir entgegen genommen, aber es hat sich noch nie jemand in einen Duschvorhang eingewickelt, der noch dazu halb durchsichtig ist. Verzeihen sie, ich wollte sie mit meinen Blicken nicht belästigen.“

Holllly…shit. Ich schau an mir runter.

Ich hab mich tatsächlich in meinen Duschvorhang eingewickelt.

Stimmt. Ich wollte mich gestern noch duschen. Das habe ich dann wohl auch noch gemacht…

…und dann irgendwie…hm. Wie genau ich ins Bett kam, weiß ich nicht mehr.

Ich kann zwar jedem seinen Tod voraussagen oder wie so die Geschäfte am nächsten Tag laufen, sehe Empfindungen wie andere Farben, kann mit Tieren sprechen, kann Pflanzen zuhören und kann mit der Zwischenwelt mal eben locker Gespräche halten…und vieles mehr…aber wie ich gestern ins Bett kam….

„Tut mir leid. Ich hatte einen schweren Tag gestern….was sag ich, eine schwere Woche…und…“

–“Keine Ursache. Bitte hier die Unterschrift.“

Er reicht mir einen Touchpendingskuli..keine Ahnung wie das Zeug heißt…ich mag das moderne Zeug nicht…ich kracksle meine Unterschrift auf so ein Plastikfeld, Minimonitordings…da steht aufgeregt „HIER ZEICHNEN“…jo…und da zeichne ich halt meinen Namen.

Paket. Er reicht mir ein kleines Paket.

„Danke.“

–“Keine Ursache. Und der Duschvorhang ist hübsch.“

Ok. Jetzt muß ich fast lachen. Ich ja, ich lächle und gehe mit gesenktem Haupt in meine Wohnung zurück. Mann. Mann.

Ich muß echt gestern zu viel erwischt haben.

Das Paket lege ich mal auf den Küchentisch. Jetzt gibt’s mal tiefschwarzen Kaffee der müde Nekromanten munter macht. Den Duschvorhang…hm…ich schau nachher ob ich den wieder montiert bekomme…den lege ich mal ab. Sooo….Kaffeemaschine läuft.

Was gibt der Kühlschrank her? Ich hab Hunger. Ich könnte jetzt nen kleinen Magier essen…wuaaahahaha…kleiner Spaß…ohhhh…damn….ich seh da gerade was. Synchro.

Die Idee da mit dem Magier. Das kam nicht so…um mich selbst zu erheitern. Damn.

Ich sehe was. Ich schau auf das Licht im Kühlschrank…ich sehe tief ins Licht. Ich bin im Licht.

Und…damn. Da ist wer. Den kenne ich noch nicht. Ein Magier. Ich lerne einen Magier kennen.

Ein Novize? Einen…was…Butter. Ich brauch Butter. Honig. Und…Butterstriezel.

Kaffee ist fertig.

Mein Exverlobter sagte dann immer in der Früh…-“Und magst du heute Iris-sch- Kaffee?“
Er fand das immer superlustig. Irish Coffee. Ich bin Iris. Und er spielte gerne mit meinem Namen.

Ich mochte das ja nicht soooo…aber ab und an hat er mich damit schon erheitert. Und mir hats gefallen..daß er stets -“EIRIS“…also lautmalerisch…Englisch Iris zu mir sagte.

War irgendwie stolz darauf englische Vorfahren zu haben. Umso lustiger fand mein Ex den Bezug zu „Irish“.

Paket. Jetzt hätte ich mich fast gedanklich versprochen und wollte schon Pakt denken.

Kennt ihr das? Pakt- Paket.

Ich brauch das Ding gar nicht öffnen. Ich weiß was drin ist.

Also so ungefähr.

Ich spüre Iver. Das Paket hat eindeutig seine Signatur. Und Flowers. Flowers hat das eingepackt.

Warum ruft der Kerl nicht einfach an? Nein, sicher wieder ein Brief in so uraltem Papier mit nem Siegel drauf…und ein paar Worte hingefetzt. Uaaaaah.

Ich habe echt andere Sorgen jetzt.

Ich bin nicht umsonst jetzt hier in Salzburg.

„Nie wieder Wien.“ Das waren meine Worte damals beim Abschied.

Ich hasse Wien. Verdammtes Wien. Scheiß Großstadt. Salzburg ist anders. Die Leute sind anders.

Angenehmer. Und mein Verlobter, mein Exverlobter…ist aus der Gegend hier.

Ich liebe Salzburg. Ich habe hier eine kleine Boutique.

Eigentlich bin ich ja Psychotherapeutin. Da bin ich schon stolz darauf. War schon hart die Ausbildung. Und ich war ganz gut darin. Nun, ja…ich hab auch gut „dahinter“ sehen können. Ich wußte was die Leute wirklich empfinden, und was sie wirklich durch gemacht haben. Machts aber nicht leichter. Und als ich mich mal dazu hinreißen ließ…daß ich meinem Klienten gesagt habe…gut…ich habe ihn fast angebrüllt…“Verlassens doch endlich ihre Scheiß Frau, die sie ständig betrügt…sie kommen seit nem Jahr her…und wir bewegen uns keinen Millimeter, weil sie einfach die Schlampe nicht ziehen lassen können…“ Gut…ok…ich habe ihn nicht fast angebrüllt…ich habe ihn angebrüllt. Und er hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, daß ihn seine Frau betrügt. Zunächst war er schockiert, dann entsetzt. Dann wollte er mich verklagen….und letztlich hat er seine Frau verklagt….nun, ja…jetzt ist er getrennt…und keine Ahnung was mit ihm ist. Aber ich hab das als Anlaß genommen diesen Job…an den Nagel zu hängen. Manchmal bin ich einfach zu emotional. Jetzt verkaufe ich hübsche italienische Mode. Mailand. Mhhhh…ich bin so gern in Mailand.

Nicht so gern bin ich wieder in meiner Wohnung. Allein.

Damn.

-“Du hast Geheimnisse vor mir. Du vertraust mir nicht. Du…“

Usw. Blabla.

Ja, klar….ich wollte ihm nicht sagen, daß ich eine Nekromantin bin und und…daß ich sehe, daß sein Bruder Leute auf dem Gewissen hat, seine Mutter in Wirklichkeit lieber mit ihrem Schwager zusammen wäre und …und…ich sehe seinen Tod. Ich sehe seinen verdammten Tod.

Da werden Beziehungen nicht gerade einfacher.

Ja, ja…ich kann das unterdrücken. Ich blende meine Fähigkeiten oft aus.

Weils das Leben einfacher macht. Ich weiß gerne was NICHT. Ich lasse mich gerne überraschen.

Ich liebe Überraschungen.

Das Paket.

Ich nippe an der Kaffeetasse…mhhhh…lecker.

Das Paket…gut…

Als wäre ich eine Katze mache ich eine schwungvolle Bewegung mit meiner Hand… tu so…als hätte ich Krallen…und nähere mich dem Klebestreifen…yessss…scharfe Fingernägel braucht die Frau.

So…offen.

Vorsichtig reinblicken.

Ein Brief. Ein doch sehr großes Paket…und darin ein Brief.

Typisch Iver. Das ist sooo typisch. Theater. Drama.

Ich nehme den Brief auf. Altes Papier. Geschlossen mit Wachs. Siegel.

Draaaama. Iver ist sooo eine Dramaqueen.

Nein, da können wir nicht einfach anrufen…oder auch mal nachfragen wie es einem denn geht…nein…da schreiben wir nen suuuuperokkultmagischen Brief.

Ratsch. Brief offen. Altes Pergament darin. Darauf steht mit Tinte geschrieben:

„Montag, 17 Uhr, Wien, Cafe Dreivierteltakt“….dann noch unser Zeichen unterhalb…

…und…oh…ich staune…ganz klein steht da „Bitte“.

Oh…Iver setzt ein „Bitte“ unter seinen Brief? Das ist neu. Flowers muß da nen gewaltig guten Einfluß haben….17 Uhr. Es ist jetzt so…11…dann kann ich mich nochmal hinlegen und….

handygeklingel

Na. Nicht ernsthaft jetzt. Wo ist mein Handy?

Ich…ich…nie wieder Alkohol.

Es kommt so aus Richtung Schlafzimmer…ok…dann mal…ja…da…unter der verf—- echten Bettdecke, die da am Boden liegt…da liegt auch mein Handy…und….ah…unbekannter Teilnehmer, die habe ich ja besonders gerne…und…nein, ich spüre auch nichts…ich weiß wirklich nicht wer das ist…ich…

Ach, was solls. Ich heb ab.

—-“Schatz? Schwester? EIIIIIRIS?“

Flowers. Es ist Flower.

—-“Komm sag was. Du freust dich doch.“

„Verdammt ja, Flowers. Süße. Das Paket habe ich gerade erhalten. Du….“

—-“Ach, du kennst doch Iver. Er kann das nicht lassen. Aber das „Bitte“ kommt doch schon mal gut, oder?“

„Das hast du ihm gesagt, gell? Du Luder.“

—-“Hihihi….ja, ich hab ihm gesagt, das freut dich sicher.“

„Und was ist los? Weltverschwörung? Illuminaten, Reptilienkongress, Mondlandung, diesmal die echte?“

—-“Du hast deinen Humor nicht verloren, Iris…ich vermisse dich echt. Wir fahren einfach gemütlich nach Wien und Iver wird dir alles persönlich sagen.“

„Wir fahren…was heißt…“

—-“Schau doch mal aus dem Fenster, Schatz.“

Ich ziehe die Vorhänge auf die Seite. Da unten. Flower. Und n Typ. Der Magier.

„Novize?“

—-“Genau.“

„Wie macht er sich?“

Sie reicht ihm das Handy.

—–“Sie sind dann wohl Iris?“

„Ja, das zur Hölle bin ich. Und du?“

—–“Chad. Freut mich.“

„Mich auch, sag einfach Iris zu mir und nenne mich bitte nie Schwester sonst reiß ich dir die Juwelen raus und sag nie Süße zu mir und…“

—–“Iris, das merke ich mir…ich geb dir wieder Flowers.“

„Flowers? Netter Typ. Kann ihn nicht scannen…aber wirkt sympathisch. Warum hab ich dich nicht spüren können?“

—-“Iris, ich wollte dir die Überraschung nicht nehmen. Hab uns abgeschottet. Und auch jetzt Chad. Lern ihn einfach mal kennen. Er kann viel von dir lernen. Hilf ihm ein bißchen. Und…Iver braucht dich. Wir brauchen dich. Die Suppe kocht heiß…und….wir müssen wieder mal zusammenkommen.“

„Danke, mein Schatz. Ok. Klingt gefährlich. Wenn ihr Tante Iris braucht ists gefährlich. Bin dabei.“

—-“Natürlich bist du das. Leg dich nochmal hin. Chad und ich gehen ein paar alte Kultstätte hier besuchen…dann essen wir gemeinsam zu Mittag in der Stadt und nachher fahren wir nach Wien, ganz entspannt.“

„Liebe Schwester, so machen wir das. Bin gespannt. Ich liebe Überraschungen….“

—-“Guuuuut. Wir holen dich nachher ab.“

„Bis später!“

Sie winkt mir. Chad winkt.

Das wird spannend.

Und….ja….jetzt lege ich mich nochmal nieder.

Ohne Duschvorhang diesmal.

—–Fortsetzung folgt—–

Autor: XVII

Bildquelle: Salzburg_view_from_Monchsberg, By Paulo Maurício (56501) (Self-photographed) [CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons. org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons,
Description= Photo of a human skull |Source=Personal work |Date=7 june 2008 |Author= Cyril NOVEL (~~~~Xerto), via Wikimedia Commons

Editorial

06. Januar 2018

Well met, alle zusammen!

Und schon sind sie vorbei, die Rauhnächte – wie schaut´s aus mit Eurem neuen Kalenderjahr? Hoffentlich so, wie das SpendenBild von Brighid

Brighids gewendete Sonne

In unserem Update geht es in gewohnter Weise weiter, wie im alten Kalenderjahr. Magister Botanicus „NATuQuTAN“ beschäftigt sich in Teil XII unter anderem mit Magische Naturwissenschaft – Naturwissenschaftliche Magie. Gerade für uns ein spannender Blickwinkel!
Der Teil II von Martins „Von wegen „uralt““ Serie beleuchtet Traditionen generell und den Adventskranz im Speziellen.

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und hoffen, dass Ihr uns weiter mit spannendem, möglichst bunten und vielfältigen Artikeln versorgen werdet, die wir dann mit dem ganzen WurzelWerk teilen können! Vielfältige Wurzeln ernähren einen starken Baum halt am besten …

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Von wegen „uralt“: Eine im 19. Jahrhundert neu begründete „echte“ Tradition – Teil II, geschrieben von MartinM

06. Januar 2018

 

NEUE TRADITIONEN

Im Gegensatz zu erfundenen Traditionen im Sinne Hobsbawms stehen neu begründete Traditionen.
Jede noch so alte Tradition muss irgendwann einmal von irgendjemandem begründet worden sein, da sie sich schwerlich im Zuge der biologische Evolution parallel zum aufrechten Gang und dem weitgehenden Verlust des Fells über Jahrmillionen herausgebildet haben kann. Auch wenn manche Traditionen, insbesondere solche aus monotheistischen Religionen, gern auf „göttliche Offenbarung“ zurückgeführt werden, können sie nicht einfach fix und fertig vom Himmel gefallen sein. Und so, wie manche Traditionen verschwinden, bilden sich immer wieder neue Traditionen heraus. Der entscheidende Unterschied zur „erfundenen Tradition“: Eine neue Tradition ist erst einmal keine!

Eine Tradition, von der sich eindeutig sagen lässt, wann und von wem sie begründet wurde, die buchstäblich einen Erfinder hat, und die dennoch „echt“ ist, ist der Adventskranz.

Nicht nur in heidnischen Kreisen wird der Adventskranz gern für ein uraltes Jahreskreis-Symbol gehalten. Und in der Tat liegt so eine Symbolik nicht fern: Liegt es nicht nahe, den Jahreskreis oder das Jahresrad irgendwie auch durch Tannenzweige darzustellen? Könnten die vier Kerzen nicht für die Jahreszeiten, die Elemente und die Himmelsrichtungen stehen?

Solche Deutungen finde ich als Teil einer synkretistischen Spiritualität – beziehungsweise einer in seltener Einigkeit von überzeugt religiösen Christen und überzeugt atheistischen Religionskritikern abfällig so genannten Patchwork-Religion – sehr sympathisch. Es sind aber Umdeutungen. Eine gute Freundin stellte in ähnlicher Neuinterpretation einen Schoko-Nikolaus als „Odin“ auf ihren improvisierten Jul-Altar. Historisch gesehen ist aber die Behauptung, der Adventskranz sei ein uraltes heidnisches Symbol, so hohl wie besagte Schokoladenfigur.

DER ERFINDER DES ADVENTSKRANZES

Der Adventskranz hat in der Tat einen bestimmten Erfinder, nämlich den evangelisch-lutherischen Theologen, Erzieher und Mitbegründer der „Inneren Mission“ und Begründer der Evangelischen Diakonie, Johann Hinrich Wichern (1808–1881). Es lässt sich auch mit einiger Sicherheit sagen, wo und wann der erste Adventskranz aufgehängt wurde: 1839 im „Rauhen Haus“.

Johann Hinrich Wichern
Johann Hinrich Wichern

Der Hamburger Theologe Wichern gehörte zu jenen Christen, die die „Nächstenliebe“ nicht nur predigten, sondern auch tatkräftig praktizierten. Im exportorientierten Hamburg und den damals zu Dänemark gehörenden Nachbarstädten Altona und Wandsbek setzte die „Industrielle Revolution“ früher ein als in den meisten Teilen des durch unzählige Zoll- und Währungsgrenzen geteilten, teils noch aus politisch in der feudalen Vergangenheit lebenden Fürstentümern bestehenden „Deutschen Bundes“. Dem durch Handel und Industrie enorm reich gewordenem, gar nicht biederem Großbürgertum der Biedermeierzeit stand das geballte proletarische Elend der frühen Industriezeit gegenüber.
Wichern, der das Kind gerade noch als Kleinbürger geltender „einfacher Leute“ war und schon als 15-Jähriger als Privatlehrer arbeiten musste, lernte während seines Studiums zahlreiche Menschen kennen, die sein späteres Leben und Wirken sehr beeinflussten, unter anderem die Theologen Schleiermacher und Neander sowie der Arzt Nikolaus Heinrich Julius. Letzterer hatte vor allem Einfluss auf Wicherns Engagement in der preußischen Gefängnisreform. Als Erneuerer des Gefängniswesens biss der engagierte junge Theologe bei den Behörden buchstäblich auf Granit, mehr Erfolg hatte er als Sozialreformer. Wichern war nach der Aussage seiner Mitstreiter ein umtriebiger Mensch, der von der simplen Idee beseelt war, Menschen retten zu wollen.

Die andere Seite Wicherns war sein missionarisches Pathos. Er stand den konservativen protestantischen „Erweckungsbewegungen“ nahe, die sich gegen einen aufklärerischen Rationalismus wendeten. Politisch war er weniger konservativ; er empörte sich gegen die Unfähigkeit der Kirchen und des Staates, auf die Armut und die katastrophalen Zustände in den Industriegebieten angemessen zu reagieren.

1832 erlebte Wichern als Sonntagsschullehrer die Not im Armenviertel der Hamburger Vorstadt St. Georg aus nächster Nähe. Die Menschen – besonders die Kinder – lebten hier unter entsetzlichen sozialen und hygienischen Bedingungen. Für Wichern stand fest, dass er vernachlässigten Kindern am besten helfen könnte, indem man sie aus den städtischen Elendsverhältnissen herausführte.
Für seine Idee eines „Rettungshauses“ fand er die Unterstützung des reichen, aber dennoch sozial engagierten hamburgischen Senatssyndikus Karl Sieveking. Sieveking besaß ein Flurstück im damals noch ländlichen Horn, zu dem auch eine Bauernkate gehörte, die von alters her „Ruges Hus“ genannt wurde, was irgendwann einmal als „Rauhes Haus“ verhochdeutscht geworden war.
Hier gründete 1833 der damals gerade 25-jährige Lehrer und Theologe hier sein Haus zur „Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder“. Beide Seiten Wicherns – der eifrige bis eifernde „innere Missionar“ und der pragmatische, politisch denkende Helfer – spiegelten sich in seiner Gründung wider

Das Rauhe Haus war keines der damals üblichen Arbeits- oder Waisenhäuser, sondern eine Einrichtung, in der die „Zöglinge“ in familienähnlichen Verhältnissen aufwachsen sollten. Hier wurden Kinder und Jugendliche aufgenommen, die straffällig geworden waren oder vernachlässigt oder verwahrlost waren. Das Ziel der Arbeit im Rauhen Haus war es, die „Zöglinge“ zu befähigen, ihren Platz im Leben zu finden und auf eigenen Füßen zu stehen. Wichern beschränkte sich darauf, dass die jungen Menschen auf das harte Leben in Armut vorbereitet wurden. Ein „Sozialrevolutionär“, der die Ursachen der Armut anging, war er, da er pragmatisch seine Grenzen erkannte, aber wohl auch aus seiner konservativer Gesinnung heraus, nicht. Die Arbeit im Rauhen Haus sollte nach Wichern ausschließlich von der christlichen Gemeinde bezahlt werden und ohne staatlichen Zuschuss erfolgen – Wichern misstraute den „weltlichen Obrigkeiten“.
Unterwiesen wurden die „Zöglinge“ von den „Brüdern“ – von Wichern ausgebildete Männer, zumeist Handwerker – die mit ihnen zusammenlebten. Die Einrichtung hatte von Anfang an großen Zulauf und entwickelte sich auch über die Grenzen Hamburgs hinaus zu einem Vorbild moderner Jugendfürsorge. Anderseits war es Wichern enorm wichtig, die jungen Menschen vor „üblen Einflüssen“ zu isolieren und zu vorbildlichen frommen Christen zu erziehen.

Mit der Professionalisierung des Dienstes am Nächsten legte Wichern den Grundstein für das Diakoniewesen und war einer der Begründer der modernen Sozialpädagogik. Die im Rauhen Haus ausgebildeten Gehilfen oder „Brüder“ arbeiteten bald in ganz Deutschland und verbreiteten so auch Wicherns Ideen.

GENUG DES ERKLÄRENDEN HINTERGRUND-EXKURSES. KOMMEN WIR ENDLICH ZUM ADVENTSKRANZ!

Gemeinschaftliche Feiern und feierliche Gottesdienste waren ein wichtiger Bestandteil der Erziehung in Rauhen Haus. Die Idee zum Adventskranz soll Wichern gekommen sein, als ihn die Kinder während der Adventszeit immer gefragt hätten, wann denn endlich Weihnachten sei. Jedenfalls baute er 1839 aus einem Wagenrad einen Holzkranz mit 20 kleinen roten und vier großen weißen Kerzen als Kalender. Jeden Tag der Adventszeit wurde eine weitere Kerze angezündet, an den Adventssonntagen je eine große Kerze, sodass die Kinder die Tage bis Weihnachten abzählen konnten. Der Holzkranz wurde einige Jahre später durch einen Kranz aus Fichten- oder Tannengrün ersetzt. Dieser große Adventskranz mit bis zu 28 Kerzen ist praktisch nur in Norddeutschland verbreitet, und zwar fast nur in Kirchen. In der Advents- und Weihnachtszeit hängt so ein großer Kranz beispielsweise im Kirchenraum des „Michels“, der Sankt-Michaelis-Kirche in Hamburg, und natürlich im Rauhen Haus.
Da so ein mächtiger, über einen Meter durchmessender Lichterkranz für den Hausgebrauch doch etwas unhandlich war, kam ab etwa 1860 eine kleiner Ausführung, der Adventskranz mit vier Kerzen, auf.

Adventskranz, in der von Wichern eingeführten Form
Der wichernsche Adventskranz
CC BY 2.5

Es waren evangelische Familien Norddeutschlands, in denen der adventlichen Zeitmesser den privaten Raum erreichte. Anfangs war das feierliche Entzünden der Adventskerzen in diesen frommen Kreisen mit einer Art Hausliturgie nach wichernschem Vorbild verbunden, mit Gesang, Gebet und selbstverständlich Bibellesung. Weniger glaubenseifrige Zeitgenossen übernahmen den festlichen Vorfreudeverstärker, allerdings mit deutlich reduzierte „Liturgie“. Indem der von Wichern initiierte Brauch sich seitdem durch Mundpropaganda und Nachahmung verbreitete und von Generation zu Generation weitergegeben wurde, wurde er zur echten, wenn auch jungen, Tradition.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich diese neue Tradition auch in katholischen Gegenden aus. Die naturbegeisterte Jugend- und Kunsterzieherbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts trug viel dazu bei, den Adventskranz populär zu machen. Jugendstil-Weihnachtkarten hatten immer wieder den immergrünen Kranz als Motiv. Im Ersten Weltkrieg schließlich erlebten katholische Soldaten in Lazaretten, wie evangelische Krankenschwestern den Adventskranz aufhingen. Wie die „Kriegsweihnacht“ generell führte das dazu, die zuvor ziemlich rigiden Grenzen zwischen den christlichen Konfessionen abzubauen: Eine Art „Schützengrabenökomene“ bildete sich heraus, und der Adventskranz war nach 1919 sogar in den „erzkatholischen“ Gegenden zu finden.

1925 wurde dann zum ersten Mal ein Adventskranz in einer katholischen Kirche aufgehängt, und zwar sicher nicht zufällig in einer der Hochburgen des liberalen „rheinischen Katholizismus“, in Köln. In Gegenden, in denen strengere Richtungen des Katholizismus dominierten, wurde der Adventskranz noch lange Zeit von der Kanzel herab bekämpft, unter anderem auch mit der Behauptung, dies sei ein „heidnischer Brauch“, der in einer gut christlichen Familien keinen Raum haben dürfe.
Das könnte eine der Ursachen dafür sein, wieso die Idee, der Adventskranz sei „heidnischen Ursprungs“, so weit verbreitet ist.

MÖGLICHE UND UNMÖGLICHE VORLÄUFER

Ob Wichern sich auch von jüdischen Chanukka-Leuchter zu seiner Erfindung inspirieren ließ, ist umstritten. Immerhin waren Hamburg, Altona und Wandsbek Hochburgen des liberalen Reformjudentums, das dort ziemlich selbstbewusst und patriotisch auftrat. In vielen assimilierten jüdischen Familien bürgerten sich vom christlichen Weihnachtsfest übernommene Bräuche zwischen Gänsebraten und Tannenbaum ein, sie feierten „Weihnukka“. Umgekehrt übernahmen ihre christlichen Nachbarn einige Bräuche jüdischen Ursprungs, zum Beispiel in Öl gebackene Speisen wie Krapfen oder Kartoffelpuffer als traditionelles Weihnachts- und Silvesteressen.
Am ersten Abend Chanukkaabend wird ein Licht entzündet, und an jedem weiteren Abend ein Licht mehr, so dass am achten Abend insgesamt acht Lichter angezündet werden. Am ersten Abend ein Licht und an jedem weiteren Abend ein Licht mehr, so dass am achten Abend insgesamt acht Lichter angezündet werden. Zu diesem Zweck wird ein Chanukkaleuchter mit acht Flammen verwendet. Die Kerzen werden sobald am Himmel die ersten Sterne zu sehen sind sofort nach dem Abendgebet angezündet. Solange die Lichter brennen, ruht jede Arbeit. Die Lichter müssen mindestens eine halbe Stunde lang brennen.
Der Chanukkaleuchter muss so aufgestellt werden, dass er der Öffentlichkeit ins Auge fällt, denn hinter diesem Gebot steht die Absicht, das Wunder publik zu machen.
Die Ähnlichkeit mit der evangelischen Adntskranztradition ist so stark, dass ich nicht an einen Zufall glauben möchte: Die Adventskranzkerzen werden nach einem Gebet nach Anbruch der Dunkelheit angezündet. Solange die Lichter brennen, ruht jede Arbeit. Die Lichter müssen mindestens eine halbe Stunde lang brennen und der Adventskranz wird so aufgestellt, dass er von möglichst vielen Menschen gesehen werden kann, z. B. in der Nähe des Fensters.

In Teilen Altbayerns und Österreichs hat der aus dem Norden stammende Adventskranz einen einheimischen Konkurrenten, das Paradeisl oder Paradeiserl. Es besteht es aus vier roten Äpfeln, die mit meist bemalten oder als Schnitzarbeit verzierten Stöcken zu einer Dreieckspyramide verbunden werden. Auf jedem Apfel ist eine Kerze angebracht. Jeden Adventssonntag wird eine der Kerzen angezündet. Am vierten Adventssonntag leuchtet die Kerze auf der Spitze der Pyramide. Das Paradeiserl steht, wie sein protestantisches Gegenstück, oft auf einem mit Weihnachtsgebäck, Nüssen oder Äpfeln geschmückten Teller.
Ob die Tradition des Paradeisls wirklich, wie behauptet, älter ist, als die des Adventskranzes, konnte ich nicht erhärten. Wenn ja, ist es eine mögliche Inspirationsquelle Wicherns.

Zum Santa-Lucia-Fest (14. Dezember) ist es in Schweden üblich, dass ein Mädchen, in der Familie traditionell die älteste Tochter, die Lucia spielt. Sie trägt dabei ein weißes Gewand, ein rotes Band um die Taille und einen Kranz mit Kerzen auf dem Kopf. Obwohl heutige Lucias der Verbrennungsgefahr wegen heute überwiegend elektrische Kerzen tragen, ähnelt der Kranz einem Adventskranz. Zwar wurde das Lucia-Fest auch im damaligen Herzogtum Schleswig, vor allem von den dort ansässigen Dänen, gefeiert, allerdings wurde die schwedische Form der Lucia mit Lichterkranz dort erst im 20. Jahrhundert übernommen, sodass Wichern jedenfalls dorther keine Anregung für seinen Adventskranz finden konnte. Auch in Schweden war dieser Lucien-Brauch im 19. Jahrhundert nur regional, in Teilen Westschwedens, verbreitet – ob Wichern ihn kannte, ist ungewiss.

Kränze aus grünen Zweigen wurden bei friesischen Bauern als Abwehrzeichen gegen unheilvolle Gewalten an Türen und Fenstern aufgehängt. Allerdings ist hierbei die Wahrscheinlichkeit einer Querverbindung zum „Adventskranz“ ähnlich gering, wie die zum mittelalterlichen Kranzsingen (das im Sommer stattfand).

Wie auch immer: Überkommene Kranzbräuche, vom Brigittenkranz zu Lichtmess bis zum Entedankkranz, vom Siegeskranz bis zum Gedenkkranz, erleichterten den Siegeszug des Adventskranzes. Jedenfalls gab es von Anfang an genügend Floristen, die sich auf das Winden von Tannenkränzen verstanden. Die Floristen werden über die neue Tradition froh gewesen sein, sie wird bis heute von ihnen nach Kräften gefördert.

VÖLKISCHE TRADITIONSERFINDER

Aber auch mit dem Adventskranz sind „erfundene Traditionen“ verknüpft. Die populärste, die von der „heidnische Herkunft“ des Lichterkranzes, entstammt ziemlich wilden Spekulationen völkisch gesonnenen Germanentümler und auch, im nicht zu vernachlässigen Maße, von gleichfalls völkischen Keltomanen. Das ging bis zum durch keinerlei archäologische Funde oder Schriftquellen gedeckten „Erkenntnis“, dass es bereits in der Germanenzeit einen Lichterkranz mit mehreren Kienleuchten gegeben habe.

Besonders eifrige Erfinder „uralter Traditionen“ waren, wie sollte es auch anders sein, die Nazis. Der nationalsozialistische Weihnachtskult hatte weniger das Ziel, den christlichen Glauben zu verdrängen, als das, Führerkult und übersteigerte Mütter- und „Helden-“Verehrung in das volkstümliche Brauchtum einzuarbeiten. Dennoch waren die „heidnisch-germanischen“ Elemente im braunen Weihnachts- bzw. Jul-Mystizismus reichlich vertreten, was sich nicht nur in Symbolen aus der germanischen Mythologie und Runenschmuck für den Tannenbaum niederschlug. Jedenfalls wiesen Sonnenräder aus Stroh und Weihnachtspyramiden mit Wikingermotiven mehr oder weniger dezent auf den angeblich „germanischen Ursprung“ dieses Festes hin.

Der traditionelle Adventskranz wurde von der NS-Propanganda umgedeutet, besonders auffällig in dem vom Hauptkulturamt in der Reichspropagandaleitung der NSDAP herausgebrachten Kalender „Vorweihnachten“. Die Beziehung vom „Sonnwendkranz“ mit seinen vier Lichtern zum Sonnenrad, das wiederum mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt wurde, wurde betont – natürlich „uralt“, selbstverständlich „germanisch“, älter als das Christentum – das „Rauhe Haus“ war in diesem Kontext viel zu spät, zu christlich, zu sozial, um überhaupt erwähnt zu werden. Es gab sogar „zeitgemäße“ Lichterkränze in Hakenkreuzform!

Die NS-Weihnacht samt Vorweihnacht war eine Mischung aus NS-Symbolik, germanisch-heidnischer Mythologie, Volksbrauchtum und „entjudetem“ Christentum. Einen offenen Bruch mit der etablierten Weihnachtstradition riskierten die Obernazis nicht – wenn sie ihn denn überhaupt wollten. Die bestehende Tradition einer „deutschen Weihnacht“ zu instrumentalisieren war jedenfalls in ihrem Sinne effizienter, als die erfundene Tradtion eines pseudo-germanischen Julfestes flächendeckend zu etablieren.

Das Ganze wurde reichlich mit heroisierender Naturmystik dekoriert: In einem zum Anzünder der Kerzen vorzutragenden „Lichterspruch“ ist zum Beispiel vom „Lichterkranz“ die Rede, dessen beständiges Grün, bestückt mit den vier „Wünschelichtern“, den Sieg über den „Wintertod der Natur durch die ewige Macht des Lichtes“ darstellen würde.
Dieser Naturmystizismus, der dem Tod als existenzieller Voraussetzung für das Leben huldigte, war für die Nazi-Weihnachtszeit ungemein typisch. Es war viel von der Neugeburt des Lichtes und noch mehr von der Auferstehung des deutschen Reiches die Rede – nicht davon, dass für diese „Auferstehung“ nicht nur millionenfach gestorben, sondern auch millionenfach gemordet wurde.

Weiter: Erfundene Traditionen für tradionelle Textilien.

 

NATuQuTAN – Teil XII, geschrieben von Magister Botanicus

06. Januar 2018

Anderswelten

Als nächstes knöpfen wir uns mal den Begriff der Anderswelt vor, die in vielen magischen Traditionen eine Rolle spielt. Da wären zunächst die Elementarwelten Erde, Luft, Wasser und Feuer, vorstellbar als Dimensionen oder Wirklichkeits­ebenen, in welchen diese Elemente den Kosmos abbilden.
Dann die Ebenen jener Anderswelten, die sich kulturell definieren; also keltische, nordische u.ä. Andersweltdefini-tionen. Schliesslich die Ebenen der Geisterwelt und des Totenreiches sowie der Ahnen; Ebenen/Dimensionen, die in schamanistischen Systemen eine wichtige Rolle spielen.

Auch die Welt der Naturgeister (Pflanzen, Steine usw.) sollte hier wegen ihrer Wichtigkeit in manchen magischen Systemen nicht unerwähnt bleiben, gerade weil diese Ebene meist als eine Zwischenwelt beschrieben wird, die sowohl die materiell-energetische Welt als auch die Anderswelten durchdringt.

Diese Ebenen nun einfach als weitere „Dimensionen“ ohne definierende Erklärung abzutun, wäre zu profan und würde keine weiteren Erkenntnisse bringen, obwohl wir den Begriff Dimension durchaus verwenden können – allerdings mit der Ein­schränkung, das es sich hierbei zunächst um eine virtuelle und – für unsere Raum-Zeit-Struktur, in der sich der Mensch normalerweise bewegen kann – also nur qualitativ beschreibbare Dimensionen handelt.

Und doch können diese Dimensionen bzw. deren Informationsstrukturen den Charakter wahrscheinlichkeitsverändernder Faktoren innerhalb der Raum-Zeit annehmen können.

Magische Dimensionen

Bei den Elementarebenen handelt es sich um Strukturen, welche direkt auf die Raum-Zeit einwirken können und zwar in der Art, das ihre Therme quantitativ durch die Chaos-Theorie und die theoretischen Prinzipen der sog. „Selbstorgani­sation“ beschrieben werden können. Für die Praxis heißt das, ein Mensch, der auf diesen Ebenen durch die beschriebenen bio-physikalischen Prinzipien über die WbD einen Zugriff hat, kann die Wahrscheinlichkeit dahingehend beeinflussen, das jene physikalischen Prinzipien denen Erde, Wasser, Luft und Feuer unterliegen, von ihm scheinbar manipuliert werden können.

Bei den kulturell definierten Anderswelten handelt es sich um virtuelle Dimen­sionen, die durch das Vorhandensein einer Kult- und Kulturgemeinschaft entstehen – als Beispiel seien hier keltische Vorstellungen von Anderswelten und ihren „Be­wohnern“ genannt; also etwa Sidhe, Leprechauns usw; im Allgemeinen unter dem Begriff Wildvolk bekannt. Entsprechend der einer Gesellschaft gelebten Intensität dieser Vorstellung und dem daraus erwachsenden, ständigen Umgang mit dieser Dimension und ihren Lebewesen, kann diese Dimension und können vor allem ihre Bewohner, eine Form von wahrscheinlichkeitsverändernden Faktoren annehmen.

Auch hier ist es völlig unerheblich, ob die entstehenden Effekte tatsächlich aus der virtuellen (Kultur-)Dimension heraus auf unsere Raum-Zeit einwirken oder ob es sich um Phänomene handelt, die der Mensch – innerhalb seiner kulturellen Identität – aus sich selbst heraus entstehen lässt. Dies differenzieren zu wollen, wäre ebenso unsinnig, wie etwa eine individuell erfahrene Gottesschau dahingehend erforschen zu wollen, ob es nun eine Selbstschau, ein tatsächliches Erfahren von Gott oder um eine Halluzination gehandelt hätte.

Totenreich und Ahnenwelt

Diese beiden Dimensionen sind vor allem für den magischen Bereich des Schama­nismus von großer Bedeutung, oftmals nicht von einander getrennt oder direkt in­einander übergehend. Innerhalb dieser Ebenen findet – über die beschriebenen bio-physikalischen / informatorischen Prozesse – ein Austausch statt, zwischen den in der als Jetzt empfundenen Raum-Zeit existierenden Individuen und jenen Indi­viduen, welche diesen Zeitpfeil verlassen haben.

Magische Naturwissenschaft – Naturwissenschaftliche Magie

All die Erklärungen in den vorangegangenen Kapiteln lassen einen Schluss zu: Magie und Naturwissenschaft schließen sich weder gegenseitig aus, noch enthält das eine Element das Andere.

Vielmehr ist Magie die eine Seite der Münze Universum und Naturwissenschaft die andere Seite, doch – um bei dieser Metapher zu bleiben – diese Münze wurde in der Vergangenheit durch religiösen Separatismus und akademische Ignoranz zersägt. Jede der beiden geprägten Seiten wird immer nur von vorn betrachtet, ihre Rück­seite verleugnet oder ignoriert; was in der Vergangenheit dazu führte, das ein Welt­bild, also eine Ansicht vom Universum, immer nur unvollständig wiedergegeben werden konnte. Mathematischen Formeln wurde geradezu fanatisch Religion und esoterischer Glauben entgegengesetzt (oder umgekehrt!) und die Erklärungsgrenzen beider Systeme als Naturgesetz dogmatisiert.

Mit der hier vorliegenden Arbeit, könnte man diesen Schritt rückgängig machen; mit dem Lot der Toleranz und des ganzheitlichen Wissensdurstes die beiden Hälften dieser Münze wieder zusammenfügen.

Und das möchte ich hiermit tun, die Synthese zu einem Erklärungsmodell des Uni­versums, einem Bild der Welt, einem Weltbild, in welchem Religion, Glaube und Magie als ebensolche Formkräfte betrachtet werden können, wie die raum-zeitlichen Erscheinungsformen jeder Form der Energie.

Es soll ein Modell sein, in welchem Invokation und Gestaltwandlung, Telepathie und Psychokinese, Quantenmechanik und Chaoswissenschaft lediglich unterschied­liche Ausdrucksformen eines Universums sind.
Ende Teil XII

Editorial

30. Dezember 2017

Well met, alle zusammen!

Zwischen den staatlichen Feiertagen und bei erfolgreich gewendeter Sonne – wie das erstaunliche Foto von Sati (vielen Danke für die Spende!!) – bewegen wir uns in Richtung Kalenderjahreswechsel.

Sol invictus copyright Sat Ma´at

In unserem heutigen Update bleiben wir auch bei den Feiertagsthemen. „Ein altägyptisches Weihnachtsmärchen: Isis sucht Herberge“ , wieder ein breit recherchierter Artikel, geschrieben von Sati.
Für alle, die mit den Neujahrsvorsätzen zu Gange sind, eine Spende, von Mike Mandl (Danke Mike!!) „Das Ziel ist der Weg„.

Wir wünschen Euch viel Lesevergnügen und uns Eure ArtikelSpenden, von denen wir hoffentlich im nächsten Kalenderjahr genauso viele bekommen werden wie heuer!

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team