Mit ‘Aberglaube’ getaggte Artikel

Warzenkraut und Krötenstein

Samstag, 04. April 2015

Der Untertitel „Natur in Volksmedizin und Aberglaube“ der Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich hat mich neugierig gemacht und ich wollte mal sehen wie das Thema von Seiten der Ausstellungskuratoren aufgearbeitet wurde – vielleicht gibt es ja noch etwas zu lernen beziehungsweise kann ich diese Erkenntnisse euch durch einen Artikel hier im Kräuterkistl vermitteln.

Es wird eine Fülle von Themen im Bereich Volksmedizin und Aberglaube angeschnitten und den AusstellungsbesucherInnen in vielen Installationen näher gebracht.

Ausgehend von einer Zeit und Gesellschaft in der die medizinische Versorgung eher schlecht ist und das Weltbild von einer Gottgegebenheit geprägt ist wird erklärt, dass es für die Menschen natürlich war auf lebensbedrohliche Situationen nicht rational zu reagieren. Zusätzlich zu den Gebeten, religiösen Gebräuchen und Ritualen die in solchen Situationen Verwendung fanden griff der Mensch auch auf viele verschiedenen Pflanzen, Tiere, tierische Produkte, Fossilien und Mineralien zurück. Diese fanden Anwendung, um wieder gesund zu werden, um sich vor Dämonen und Naturkatastrophen zu schützen, um sein persönliches Schicksal zu beeinflussen und um Gefahr für Leib und Seele abzuwehren. Es wird auf die verschiedenen Herangehensweise an die Problemstellungen hingewiesen – je nachdem in welchem Zeitalter, in welchem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld sich die Menschen befanden und welche Ressourcen vorhanden waren, gab es verschiedene Herangehensweisen und Methoden um sie zu lösen.

NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Ausstellungsplakat - Collage Warzenkraut und Kroetenstein

Die Ausstellungsgestalter spannen hierbei den Bogen von den Kelten bis in die Gegenwart, wo es praktisch zu einer Renaissance von traditionellen Heilmitteln und Heilmethoden kommt. Da es mir schwer fällt in dieser Ausstellung einen roten Faden zu finden halte ich mich bei der Vorstellung an die Struktur des Ausstellungskataloges.

Von Zaubertränken, Bildbäumen, Klostermedizin und Signaturlehre

In diesem Abschnitt wird auf die Trepanationen (Schädelöffnungen) in Niederösterreich vor ca. 2000 Jahren, die Bräuche rund um die Mistel, auf die Symbolik der Eiche bei den Kelten und Römern und deren Fortsetzung z.B. in der heutigen Münzgestaltung sowie auf die Vorstellung der ersten „Ärzte“ und „Pharmazeuten“ eingegangen. Dazwischen wird der Besucher/die Besucherin immer wieder mit speziellen Objekten und deren Wirksamkeit konfrontiert. Der Text bei einem getragenen Lederschuh informiert z.B. darüber, dass das gebrannte und fein zerstoßene Leder von alten Schuhsohlen als Umschlag bei schmerzlichen Entzündungen – ausgelöst durch das drücken des Schuhs – hilft. Im Anschluss wird die Frage aufgeworfen, ob die sogenannten „Bildbäume“ (Bäume an denen Heiligenbilder angebracht werden) die neuen „heiligen“ Bäume der heutigen Zeit wären. Diese Tafel bildet praktisch den Übergang zum Thema Medizin im Mittelalter und Klostermedizin. Hier werden einige alte Arzneibücher und Kräuter, die in keinem Klostergarten fehlen durften, vorgestellt. Natürlich erfährt man hier auch etwas über Hildegard von Bingen und ihre Medizin. Zum Beispiel durch den Rupertsberger Riesenkodex – einer mittelalterlichen Handschrift, die eine enzyklopädisch geordnete Gesamtausgabe der Schriften Hildegards (allerdings ohne die medizinisch-naturkundlichen Werke) ist. Weiter geht es mit einer Vorstellung der verschiedenen Heilsteine und der unterschiedlichen Gegenmaßnahmen während der Pest im Mittelalter.

Foto Claudia Hauer - NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Medizingeschichte

Die letzten zwei Themen in diesem Abschnitt bestreiten die „Zauber der Ähnlichkeit“ beziehungsweise die Signaturlehre und die Vorstellung von zwei Männern der Heilkunde – Paracelsus und Leonhart Fuchs (wurde durch seine vielen Kräuterbücher berühmt). Früher war im Volksglauben weit verbreitet, dass eine Verbundenheit zwischen der äußerlichen Form und verschiedenen Leiden besteht. So wurde die Schwalbe wegen ihrer guten Sehkraft bei Augenleiden gegessen oder die Mistel bei Schwindelanfällen verschrieben, da sie in schwindelerregender Höhe wächst. Weiters sollte Hasenruin gemeinsam mit getrockneten Ohrwürmern bei Hörschwäche helfen. Hier wird auch auf verschiedene Pflanzen hingewiesen und die Ausstellungsgestalter unterteilen diese nach ihrer Unwirksamkeit und denen die heute noch Verwendung finden. So zählen sie z.B. den Frauenmantel (Frauenbeschwerden), das Lungenkraut (Lungenleiden) oder das Leberblümchen (Leberleiden) zu den unwirksamen Kräutern. Die Herbstzeitlose (Gicht – Knolle soll an Zehen mit Gicht erinnern), der Augentrost (Augenleiden), das Schöllkraut (Gallenleiden) und die Mistel (gegen Krebs – Mistel entzieht der Wirtspflanze Nährstoffe) werden als noch heute in Verwendung kurz vorgestellt.

Am Ende dieses Abschnittes werden auf einem hölzernen Verkaufsstand verschiedene getrocknete Kräuter von der Initiative „Natur im Garten“ (http://www.naturimgarten.at/) präsentiert.

Foto Claudia Hauer - NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Kräuterstand


Blitzableiter, Pechvögel, Hexenkräuter und Gebärmutterkröten

Der nächste Raum steht im Zeichen von Aberglaube gepaart mit verschiedenen Heilmittel aus dem Bereich der Volksmedizin. Die Installation in der Mitte zeigt uns ein Holzhaus und die unterschiedlichen Dinge aus der Tier und Pflanzenwelt die Haus, Hof und BewohnerInnen schützen sollten. Vor Blitzschlag soll die Königskerze im Garten, das Hirschgeweih über der Tür oder sogenannte „Donnerkeile“ (Teile von urzeitlichen Tintenfischen[1]) schützen. Viel Information bekommt man über die Wirksamkeit des Hollunder – hier wird der Bogen von der Göttin Holla über den Holler als „Blitzableiter“ für Krankheiten bis hin zum Einsatz des Hollers als Heilpflanze zum Beispiel bei Gicht- und Rheumaerkrankungen gespannt. Die AustellungsbesucherInnen erfahren über glück- und pechbringende Vögel wie Storch, Bachstelze und Eichelhäher auf der Seite der Glücksboten und Rabenkrähen, Elstern, Eulen oder dem Seidenschwanz auf der Seite der Pechbringer. Es werden verschiedene Räucherpflanzen und das Brauchtum rund um den Palmbuschen und die Barbarazweige vorgestellt. Der Rainfarn, Amulettketten, Verschrei- und Schrecksteine sowie der Fuchsschwanz finden als Abwehr von Unheil, Teufel und Dämonen Eingang in die Ausstellung. Platz finden auch die verschiedenen Hexenkräuter und Pflanzen der weisen Frauen – Beifuß, Roter Fingerhut, Frauenmantel, Echtes Johanniskraut, Gefleckter Schierling, Gemeine Alraune, Schwarzes Bilsenkraut und die Tollkirsche – um nur einige zu nennen.

Foto Andreas Praefcke - Quelle Wikimedia

Gebärmutterkröte - Museum für Klosterkultur, Bayern

Ein weiteres Thema in diesem Raum ist der Liebe gewidmet. Hier geben die Kuratoren einen Überblick über Mittel zur Potenzsteigerung und zur Hemmung des Sexualtriebes, Liebes- und Fruchtbarkeitszauber sowie die Pflanzen der Engelmacherinnen. Von den formgebenden Dingen und Pflanzen wie das Horn des Alpensteinbocks, der Gurke, dem Spargel oder dem Rohrkolben über den Käfer der „Spanische Fliege“ genannt wird bis hin zu Sellerie, Zwiebel und Knoblauch wird hier einiges an Potenzmittel angeboten. Neu für mich sind die sogenannten Scham- und Muttersteine – Steinkerne fossiler Muscheln, die Ähnlichkeiten mit der weiblichen Scham zeigen. Sie wurden zermahlen und bei Frauenkrankheiten beziehungsweise auch zur Steigerung der Fruchtbarkeit eingesetzt und im Ganzen unters Bett gelegt, um Verhexungen in diesem Bereich abzuwehren. Interessant finde ich auch den Einsatz von den sogenannten „Gebärmutterkröten“. Lange Zeit wurde die Gebärmutter der Frau als eigenständiges Wesen im Körper betrachtet und als Symbol dafür die Kröte genommen – laut Ausstellungstext aufgrund der versteckten Lebensweise der Kröten. Es wurde vermutet, dass Unterleibsschmerzen ihre Ursache in einem Krötenbiss haben. Frauen opferten daher in Wallfahrtskirchen Figuren von „Gebärmutterkröten“ um sich von den Schmerzen zu befreien, aber auch um für Kindersegen beziehungsweisen einen guten Verlauf der Schwangerschaft zu bitten.

In diesem Ausstellungsraum befinden sich auch die sogenannten Universalheilmittel wie Bergkristall, Gold, Bezoarsteine (verfilzte Haare und Pflanzenfasern aus den Mägen von Wiederkäuern), Krötensteine (Bufoniten – Zähne fossiler Fische, die man als Steine, die im Gehirn von Kröten wachsen, interpretierte) oder die Echte Kamille. Auch die verschiedenen Heilmittel gegen rheumatische Erkrankungen, wie Murmeltierfett, Echter Beinwell, Steinöl, Katzenfell oder die Herbstzeitlose, Mittel gegen Blutungen sowie Wunden, wie Zunderschwamm, Odermenning, Hämatit oder Feuersalamander und allerlei, das bei Augenleiden helfen soll, wie das Judasohr, der Augentrost, Luchssteine oder der Topas, finden sich in diesem Raum. Den Abschluss bildet das Thema heilende und heilige Erde.

Foto Claudia Hauer -  NÖ Museums GmbH - Pressestelle

Alternativmedizin

Natürlich beschäftigt sich die Ausstellung auch mit dem Thema der Traditionellen Europäischen Medizin, der Kneipp-Medizin, den Bachblüten und der Homöopathie.

Viele Themen – kein roter Faden

Diese Fülle an Themen ist meiner Meinung nach ein Nachteil dieser Ausstellung. Auf eher kleinem Raum (einem Gang und einem Ausstellungsraum) werden sehr viele Themen kurz und knackig vorgestellt, allein mir fehlt dabei die Möglichkeit zur vertiefenden Information für Menschen, die sich mit diesem Thema schon etwas beschäftigt haben. Auch fehlt mir der rote Faden beziehungsweise die logische Abfolge durch die Ausstellung. Immer wieder werden dazwischen verschiedene Objekte mit kurzem Text vorgestellt, bei denen sich für mich kein Zusammenhang mit den umgebendem Thema feststellen lässt – zum Beispiel die Verwendung von alten Schuhen bei schmerzenden Entzündungen. Mir persönlich sind zu viele Themen nur kurz angerissen und ich hätte über einige Themen gerne mehr erfahren. Die Ausstellungsinstallation – Präsentation der Objekte, Ausstellungstexte in angenehmer Schriftgröße und lesbarer Höhe, Verwendung von Geräuschen, etc. – gefällt mir sehr gut und das macht die Ausstellung sehenswert. Summa summarum – als Anregung, sich mit diesem Themenkomplex einmal grundsätzlich zu befassen und neugierig auf mehr zu machen passt die Ausstellung gut.

Quellen:
Ausstellungskatalog „Warzenkraut + Krötenstein. Natur in Volksmedizin und Aberglaube“, Landesmuseum Niederösterreich, St. Pölten 2015
Pressefotos des Landesmuseum NÖ
Museum für Klosterkultur, Bayern


[1] In verschiedenen Landesteilen von Niederösterreich findet man heute noch Überreste aus einem ehemaligen urgeschichtlichen Meer – interessant dazu sind die Dauerausstellung im Krahuletzmuseum in Eggenburg bzw. auch die Rekonstruktion einer Seekuh im Stadtmuseum von Bad Vöslau

Kultureller Aberglaube, geschrieben von Carsten Klatte

Samstag, 19. Juli 2014

Carsten Klatte Porträt

Kultur.

Was für ein Wort. Kultur. Kultur nenne ich meinen Gedanken und als erstes schiesst mir eine Szene aus dem Film „Matrix“ in den Kopf. „Liebe ist erstmal nur ein Wort.“, heisst es in dieser. Dasselbe könnte man von Kultur behaupten. Kultur ist erstmal nur ein Wort.

Wikipedia sagt:

“…Kultur (zu lateinisch cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“, von colere „pflegen, verehren, den Acker bestellen“) ist im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur. Kulturleistungen sind alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik oder der bildenden Kunst, aber auch geistige Gebilde wie etwa Recht, Moral, Religion, Wirtschaft und Wissenschaft.”

Vielleicht ist diese These gar nicht so schlecht.

….“im Gegensatz zu der, nicht von ihm (dem Menschen) geschaffenen oder veränderten Natur….“….

Vielleicht liegt in genau dieser Definition schon der „Samen des Untergangs“, denn, wenn etwas „nicht natürlich ist“, ist es kulturell, was ja auch heisst, wenn etwas kulturell ist, ist es irgendwann nicht (mehr) natürlich. Ein Teufelskreis.
All das hört sich schon fast an, wie ein philosophischer Diskurs. So war das doch gar nicht gemeint. Oder doch? Ist es wirklich schon philosophisch, sich die Kulturfrage zu stellen, also die Frage, in wie weit die menschliche Gesellschaft noch bedingt ist, durch Ethik und Moral, definitive Sollwerte kulturellen Schaffens?

Man hat das Bild gelassen, nur den Inhalt vertauscht. Oder er ist einfach verflogen. Hat sich aus dem kultivierten Staub gemacht, sprichwörtlich in die Natur verabschiedet. Inhalt? Nie gehört. Sieht doch gut aus!

Berlin am heutigen Tag. Räumung eines, wie sie sagten, „illegal besetzten“ Asylbewerberheims in Kreuzberg. Es waren ganze Strassenzüge abgesperrt. Man sprach von über 900 Polizeieinheiten.
Ich meine, eine „Kultur“, die darauf aufbaut, andere auszubeuten, jenen dann eine neue Heimat versprechend, ihre eigenen „Anweisungen“ nicht einhält und scheinbar kein Interesse mehr daran hat, einen Zustand von „Normalität“ zu erzeugen, einfach nur, weil Gedankengänge nicht zu Ende gedacht werden, sie also „ihre eigenen Gedankengänge“ gar nicht versteht, kann nur als degeneriert bezeichnet werden, als das absolute Gegenteil von allem, was natürlich ist.

Sie muss also zurück zur Natur, die Kultur, sonst endet sie vollends.

Zurück zur Natur der Kultur würde heissen, zurück zu einer natürlichen Ethik und Moral. Zurück zur Natürlichkeit der Wissenschaft und Kunst.

Wenn eine Kultur, Natürlichkeit verhindert, ist sie es nicht wert fort zu bestehen, da sie sich gegen den Ursprung der Menschen richtet, somit gegen den Ursprung ihrer selbst. Jegliche kulturellen Gedanken, so geprüft, zeigen ihr wahres Gesicht, ihre wirkliche Wirkung auf den menschlichen Geist, ob sie ihn wahrhaftig fördern oder ihn behindern oder sogar zerstören.

Das beste Beispiel ist die Natur selbst. Nehmen wir einen Baum. Ein Baum hat immer noch Wurzeln, selbst wenn er hundert Jahre alt wird und sein Geäst irgendwo zwischen den Himmeln hängt. Ich bin mir darüber bewusst, wie plump dieses Beispiel ist, denn wir kommen sofort auf diese „inflationären“ Denkbilder wie, „man säge an dem Ast , auf dem man sitzt“, und leider stimmt das auch. Das Bild stimmt und in diesem Fall auch der Inhalt.

„Bumms“ weg war er. „Zack“ setzen „wir“ den Asylanten fest, schicken ihn zurück, weil er sich nicht „benimmt“. Noch ein „Doing“ und wir erhöhen auf Krimineller, weil er vielleicht irgendwann auch selbst die Schnauze voll hat. Wovon? Vielleicht davon, dass man ihn davon abhält, eine Normalität zu erlangen, indem man ihn zwar duldet, aber nicht integriert? Kein Job , keine Wohnung, kein Bleiberecht. Warum hat man ihn dann geholt? Von selbst ist er ja nicht gekommen. (Ich entschuldige mich für mein „pauschalisieren durch singularisieren“ an dieser Stelle. konnotative Kunstgriffe sind ein Hobby von mir.)

Eine „Gegenkultur“ muss her. Eine Gegenkultur im Sinne eines kulturellen Aberglaubens (Gegenglaube). Aus diesem, der eine Überzeugung sein muss, kein blosser Versuch oder ähnliches, müsste es sich eine Infrastruktur schaffen lassen für Gegenkulturelle Interaktionen. Gegenkulturelle Interaktionen, welche es schaffen würden, die Kultur wieder ins Lot zu bringen, im Sinne einer Annäherung an das Natürliche.

Das macht dann jeden Künstler zum Politikum! So ist es und so war es immer. Kunst ist Kulturpolitik. Kunst befriedigt nicht oder sättigt, bestätigt nicht und verneint auch nicht. Kunst sei einfach der ungetrübte Blick der Natürlichkeit auf das kulturelle Befinden der Zeit.

In diesem Sinne wären „wir“, die kultivierten Menschen, mittlerweile auch alle Asylbewerber. Asylsuchende am „Arsch der Heide“, im kulturellen Arschgeweih Ödland auf der Suche nach einem Quentchen Muttererde.

Was wäre ein konkreter Hinweis auf Naturkultürlichkeit? Eine natürliche Haltung im Gegensatz zu einer kultivierten Haltung. Die Kultivierung einer natürlichen Haltung, also eine offene, entspannte, wohlwollende Haltung wäre die Aufgabe des Künstlers an sich selbst und dadurch dann an seine Arbeit.

Ein letztes: „die Motivation“.

Machen wir diesen „Dadada“ perfekt. Warum schliessen sich Kultur und Natur nicht aus? Schauen wir uns die Worte an sich doch einmal an. Wir haben den Kult des Ur und das, was „nat“ im Ur ist, einige Mister Schlauschlaus haben dazu mal gesagt , „geboren“ im Ur. Etwas ist geboren im Ur (-sprünglichen) und alles andere ist der Kult um das Ur (-sprüngliche). Wie sollte der „Kult“, das, was im Ur geboren wurde, nicht mit einbeziehen?!? Eine Kultur, welche ihre Natürlichkeit einbüsst verliert somit ihre eigentliche Berechtigung und negiert sich selbst. Somit ist die herrschende Kultur, die eigentliche Gegenkultur, der kulturelle Aberglaube, wie heisst es so schön : „quod erat demonstrandum“.

Also auf zu neuen Ufern, welches die alten sind. Die natürlichen Grenzen des Lebens. Die Menschlichkeit. Das Leben. Die zyklische Natur des Seins. Frieden und die Lust, am Leben zu sein. Liebe und Mitgefühl, das einzige Band, welches die Menschen wirklich zu verbinden versteht.
One love, infinite ways.

Interview der TWPT mit Esra Free – Teil XI übersetzt von Dreamdancer

Samstag, 07. Dezember 2013

TWPT: Du beschliesst Wicca 404 damit indem Du Wicca als ein Leben des bewussten Eklektizismus, gelebt in einer erwachten, persönlichen Beziehung mit der überbewussten Intelligenz der Erde, des Mondes und der Planeten, der Sonne und Sterne, sich ganzheitlich hingebend an das spiralförmig aufwärts strebende Wachstum, die Leiter hinauf in Richtung einer Vereinigung mit der grossen, kosmischen Göttin” definierst. Definiere Du doch bitte einmal “erwacht” in diesem Kontext. Was ist ein “Erwachen als Wicca”…

Esra Free: Also so wie wir den Begriff im Cosmic Goddess Coven brauchen heisst “erwacht zu sein” jeden Moment seines Lebens bewusst und mit Absicht zu leben, die Augen weit offen, ein schützendes Tor während eines Hurricans, sich nicht bemuttern lassen oder dauernd Ausreden für seine Blockaden zu finden (emotionale oder mentale), entgegen seines Wissens und der eigenen vorgefassten Meinung zu arbeiten, gegenüber der Göttin oder der Realität im Allgemeinen. Ein persönliches “Wicca Erwachen” zu haben heisst zu einem Verständnis zu kommen was die Realität der Göttin betrifft, der lebenden intelligenten Erde, der Berechtigung von Magie in dieser Welt. Sich der Verknüpfung und Abhängigkeit aller Dinge auf einer kosmischen Skala bewusst zu sein. Aller Dinge die Magie auf einem tiefen, persönlich erfahrenen Level möglich werden lassen und somit permanent Deinen Weg zu leben verändern. Das verändert alle Kriterien nach denen Du bislang Entscheidungen getroffen hast und in Aktion getreten bist, denn alle Bedingungen nach denen Du bisher das Leben interpretiert hast erweisen sich dann als die traurigen Ego Spiele die sie wirklich sind und schon immer waren. Das ist einer der Punkte die Jesus im christlichen neuen Testament wirklich gut auf die Reihe bekommen hat als er sagte “Beurteile einen Baum nach seinen Früchten”. Der beste Weg einen “Erwachten Wicca” von einem “Pseudo Wicca” zu unterscheiden ist, seine Taten zu beurteilen, die Entscheidungen die er trifft, die “Früchte” die er in die Welt trägt. Jeder der sich “Wicca” nennt und dessen Werte einzig im “Service sich selbst gegenüber” verwurzelt bleiben, der Persönlichkeit und Ego glorifiziert, der nur an “gib mir, gib mir” denkt und der giergetriebene Entscheidungen trifft ist nicht nur nicht “erwacht”, sondern ist auch nicht wirklich “Wicca”. Jeder dessen Werte klar in der Erde verwurzelt sind, im Service Gaia gegenüber und der an der Verwirklichung des höchsten Potentials als Mensch arbeitet ist, meiner Meinung nach, ein “Erwachter Wicca”, egal welchem Glauben er tatsächlich angehören mag. Meiner Ansicht nach qualifiziert sich zum Beispiel auch ein Al Gore als “Erwachter Wicca” obwohl ich bezweifle das seine Berater und Vertrauten ihm je erlauben würden sich nach aussen hin anders zu bezeichnen als unter dem politisch akzeptierten Baptisten Label.

Niemand kommt zu Wicca und ist bereits “Erwacht”. Es ist unser Job als Älteste, als die Lehrer dieses Pfades, neue Wiccas zu führen damit sie ihr persönliches “erwachen” erfahren können. Wenn wir darin scheitern dann werden diese selbst zu “Ältesten” werden, denen es an Erfahrung mangelt und die nicht einmal wissen das ein “Erwachen” innerhalb dieses Pfades möglich ist und es somit auch als Wert nicht weitergeben können und werden. Wicca entwickelt sich so zurück in diese von Aberglauben geprägte, leere Form. Wir dürfen das nicht zulassen!

TWPT: Was hoffst Du eigentlich noch zu erreichen mit Deinem 404 Buch, in Bezug auf diesen vorherrschenden Zyklus von 101 Lehren…

Esra: Mit ein bisschen Glück hoffe ich diesen Zyklus oder Kreislauf mit einem Schub aufzubrechen und zu öffnen. Ich hoffe ein bisschen höherstufiges Wissen in die Hände und Köpfe so vieler 101 Wiccas wie möglich zu bekommen und im Alleingang die ganze Debatte zu transformieren…..das ist natürlich ein Traum….! Mein wesentlich realistischeres Ziel ist es zumindest eine Diskussion zu starten, Leute dazu zu bringen diese “Wissensstufen” überhaupt einmal zum Gesprächsthema zu machen. Gesprächsthemen die sich damit beschäftigen welchen Preis die Wicca Religion dafür bezahlt, das sie so fremde, altmodische Differenzierungen und Sichtweisen aufrecht erhält. Ich hoffe auch das ich die Menschen dazu bekomme über die Zukunft nachzudenken und zu reden. Haben wir eine gemeinsame Vision? Als Wiccas? Als Menschen? Wo bewegen wir uns als Spezies hin? Wann werden wir dort ankommen? Der Originaltitel von “Wicca 404” lautete eigentlich “ZukunftsWicca” und ich möchte irgendwann einmal zurückkehren und das Material des Buches erweitern um diesem Titel würdig zu werden. Wenn ich vorher schon Al Gore erwähnte: erinnert ihr Euch an das Clinton/Gore Konzept “Bilden wir eine Brücke in die Zukunft” das sie als Wahlmotto nutzten? Ich glaube das Cosmic Wicca für die Menschheit genau diese Brücke in die Zukunft sein könnte die einen machtvollen, thealogischen Rahmen schafft in dem wir uns zu allererst aktiv neu visualisieren wer wir sind und was für uns als magische Wesen, die in ein lebendiges Universum eingebettet sind, alles möglich wäre und dann dieser Vision gerecht werden. “To make it so”

TWPT: Hast Du vor irgendwann auf diesem Buch weiter aufzubauen und weitere Bücher rauszubringen die es zum Ziel haben zur Quelle für alle zu werden die weiter gehen möchten, die hinter jene Dinge schauen möchten die sie lernten als sie den Pfad der Wicca zu allererst betraten?

Esra: Schauen wir uns zuerst mal an wie “Wicca 404” sich macht. Ich bin wirklich nicht unbedingt von Natur aus ein Schreiberling. Ich bin mehr eine Beraterin. Ich kann über diese Ideen und Gedanken reden und reden, den ganzen Tag lang. Ich kann begnadet zuhören, mit Mitgefühl, aber in dem Moment in dem ich mich vor den blanken Computerbildschirm setze könnte ich genauso in einem Zahnarztstuhl sitzen und mir die Zähne selbst ziehen. Ja, ich werde weitere Bücher zum Thema schreiben wenn sich niemand anders der Herausforderung dieser Thematik annimmt, wenn “Wicca 404” es nicht schafft einen Funken zu setzen und das Feuer der Veränderung innerhalb der Wiccan Community zu entfachen und eine Bewegung in Gang zu setzen. Ich würde es sicher noch mal versuchen. Oder vielleicht werde ich, da ich ja so gerne und viel rede, eine andere Richtung nehmen und Hörbücher rausbringen als CD oder Download, vielleicht via Internet einen Podcast starten. Die technischen Möglichkeiten um heute Menschen zu erreichen sind ja wahrlich grossartig!


Ende Teil XI



Herrin der drei Welten geschrieben von Uhanek

Samstag, 12. November 2011

„Ich glaube das, was ich sehen und anfassen kann. Das ist Realität!“ Erklärte mir einst ein Klassenkamerad in einer hitzigen Rede wider die religiösen Anschauungen und alle Fragen der Spiritualität und Metaphysik – oder dessen, was er sich darunter vorstellte. Was genau diese sinnlich greifbare Realität sei, das hatte er von seinen Eltern und Lehrern erfahren. Und wie ein entsprechend „realistischer“ Lebensweg auszusehen habe, das hatten sie ihn auch gleich gelehrt: Berufsausbildung, Bausparvertrag, Eigenheim, Ehe, Nachwuchs und schließlich Rente. Punkt. So ausgestattet mit der Rüstung des Glaubens an eine materialistische, vorherseh- und planbare Realität machte er sich auf seinen Weg in die fließende und strömende Welt, die ihn eines Besseren belehrte: Die Begegnung mit Vergänglichkeit, Verlust, Wandel, Verletzlichkeit und Tod brachte ihn zu genau den Fragen, die er früher so vehement abgelehnt hatte. Das Konzept von der materialistischen „Realität“ und dem „realistischen Lebensweg“ schließt meist die Einsicht aus, dass alles in uns und um uns herum sich in ununterbrochener Bewegung und in stetem Wandel befindet. Wie „realistisch“ ist diese Perspektive also tatsächlich?

Ich war während unserer Schulzeit solchen Reden, in die auch andere Freunde immer wieder einmal einstimmten, einigermaßen regelmäßig ausgesetzt. Diese Predigten wurden meist mit missionarischem Eifer vorgetragen und waren durchaus gut gemeint, denn als Ungläubiger musste ich offenbar vor der drohenden Verdammnis wenn schon nicht bewahrt, so doch zumindest freundschaftlich gewarnt werden. Das, was sie mir als allein gangbare Wirklichkeit aufzudrängen versuchten, war die Perspektive eines Eingekerkerten, der eine Welt außerhalb seiner Gefängnismauern für Aberglauben hält: Wirklichkeit, das sind die augenscheinlichen Formen der über die Sinne erfahrbaren materiellen Welt, in der wir innerhalb einer Lebensspanne ein einziges Menschenleben führen; unser Bewusstsein wird dabei durch die chemischen Vorgänge im Körper sozusagen aus der Materie ausgeschwitzt; unser Handeln hat keine tiefergehenden Folgen und die materielle Welt hat der Befriedigung unserer Bedürfnisse und unserem Lustgewinn zu dienen; was diese Bedürfnisse und der Lustgewinn sind, das erfahren wir aus der Werbung, den neuesten Modetrends und durch aktuelle Pop- und Filmikonen; da wir ohnehin nur für eine begrenzte Zeit zufällig aus einem Materiehaufen abgesondertes Bewusstsein in einer grundsätzlich sinnlosen Welt sind, ist es legitim, das eigene Leben auf größtmöglichen Lustgewinn und Konsum auszurichten, mögliche Folgen für nachfolgende Generationen können einem egal sein, denn man selbst ist ja dann nicht mehr da.

Ich selbst empfand angesichts solch nihilistischer Kerkerwelten stets ein gewisses Grauen. All das entsprach nicht dem, was ich als die Welt wahrnahm. Genau genommen stand es im Widerspruch zu der Welt, die ich erlebte. Die Welt war mir stets etwas, das sich innerhalb des Geistes abspielt, denn selbst wenn wir von einer sinnlich erfahrenen und sinnlich greifbaren Welt reden, so müssen wir doch fragen, wo sich diese Sinne und dieses Ergreifen wohl abspielen, wenn ein bewusster, deutender Geist abwesend ist? Wo sollte ein „Sehen und Anfassen“ stattfinden können ohne ein wahrnehmendes Bewusstsein? Im Geist aber spielt sich noch sehr viel mehr ab, als es das Dogma der materialistischen Realität wahrhaben will. Er umfasst Gedanken, Emotionen, Bilder, Träume und Symbole aller Art, die sich auf unterschiedlichste Weise ausdrücken. Somit ist aber den Dogmen der materialistischen Weltanschauung kein grundsätzlich größerer Wahrheitsgehalt einzuräumen, als anderen Ausdrucksformen des Bewusstseins.

Es war nicht so, dass ich etwa mit meinen eigenen ketzerischen Ansichten hausieren gegangen wäre, die vor allem darin bestanden, dass ich die Kerkerwelt der versklavenden Ideen für wahnhaft hielt. Aber meine Unfähigkeit, den Glauben an „die Realität“ zu teilen, und meine darauf gründende Neigung, derartige Vorstellungen in Frage zu stellen, war bekannt. Dieses Konzept der materialistisch-ökonomischen „Realität“ erschien mir wie ein Ornament auf einer aus kulturell tradierten Meinungen gewobenen chloroformgetränkten Decke, die irgendein böswilliger Teufel uns überzustülpen versucht, um den freien und erkennenden Geist zu betäuben. Das Chloroform, durch das wir in eine so tiefe, von immer neuen wahnhaften Fantasien durchzogene Bewusstlosigkeit fallen, besteht aus den als real empfundenen Zuständen Zerstreutheit, Gier, Abneigung, Eitelkeit und einer tiefen Ignoranz. Der Buddhismus bezeichnet diesen Schleier aus sich gegenseitig bedingenden betäubenden Zuständen und Wahnvorstellungen, der uns vom Erkennen des So-Seins der Welt und unserer eigenen Natur trennt, als Samsara.

Doch das Gewebe dieser teuflischen Decke kann Risse bekommen. Geschieht das, so erhaschen wir einen Blick auf andere Seiten der Wirklichkeit. Mir passierte dies seit meiner Kindheit als immer wiederkehrende Erfahrung, die verhinderte, dass sich die Chloroformdecke zu vermeintlicher Gewissheit verdichten konnte. Die Welt war mir die Erfahrung einer ozeanischen Tiefe aus unermesslicher Weite, strömenden Kräften und sich manifestierenden und wieder transformierenden Formen. Durchdrungen war diese wogende und wirbelnde Unermesslichkeit von einem klaren Bewusstsein. In vorläufiger Ermangelung eines besseren Begriffes nannte ich das zunächst „Gott“.

Familien unterstützen oder behindern Kinder in ihrer Entwicklung. Ich selbst hatte in der Hinsicht viel Glück mit meiner Familie und einigen sehr engen Freunden, denn ich hatte Möglichkeiten, über meine Erlebnisse zu berichten und erhielt im Lauf der Zeit Konzepte und Bilder, um die Erfahrungen sprachlich fassen und ausdrücken zu können. Teil meiner Erziehung war zudem auch das Lesen antiker Sagen und Mythen. Dadurch trat mir aus meiner Erfahrung der unermesslichen Absolutheit eine Gestalt entgegen, deren Führung ich mich anvertraute: Hekate.

Hekate ist die saffrangewandete, strahlend schöne Göttin, die über die drei Welten herrscht: Den Himmel, den Ozean und die Erde. In dieser Dreiheit fand ich meine eigene Erfahrung wieder: Den grenzenlosen Raum, das Wogen der Energie und die Manifestation der sich transformierenden Erscheinungen – drei zu einer großen Sphäre verbundene Welten, durchdrungen und beherrscht von diamantgleicher klarer Bewusstheit. Hekate ist eine überweltliche Gottheit, die sich in der Welt zeigt, jedoch nicht von der Welt ist. Daher schildern die alten Mythen den Respekt, den die anderen Götter und selbst Göttervater Zeus ihr entgegenbringen, denn sie sind weltliche Götter, Wesen die Hekates Herrschaftsbereiche bevölkern. Sie wird als Jungfrau bezeichnet, denn sie wurde mit keinem Gott vermählt, vielmehr wählt sie sich ihre Gefährten selbst und ist keiner anderen Gottheit untertan. Sie ist die nächtliche Sonne, die zur Nachtzeit die Unterwelt durchwandert, d.h. sie verkörpert nicht den Intellekt des Tagesbewusstseins, sondern Erkenntnis und Weisheit, die alle Konzepte des Intellektes überschreiten und auch über das Reich der Totengeister, Ahnen und Träume herrschen. Ihre Insignien zeigen weitere Einflussbereiche an. Die zwei Fackeln repräsentieren die zwei Arten der Weisheit: Die Weisheit der geschulten Intelligenz und die Weisheit der höchsten Erkenntnis. Die Hunde oder Wölfe zeigen sie als machtvolle Schützerin, die Schlangen zeigen ihre Herrschaft über die unterirdischen Reiche und die Gewässer, deren machtvolle Herrscher die Hüter vieler geistiger und materieller Schätze sind; der Schlüssel drückt aus, dass sie Hüterin der Mysterien ist; ihr Beiname Atropaia (das Böse Fernhaltende), sowie die Geißel, die Schlinge und der Dolch zeigen ihre Kraft, Böses und Unheil aller Art abzuwehren, zu binden und zu durchtrennen; die Mondsichel zeigt ihre Herrschaft über die illusionären Formen, der Granatapfel und der Stier die Herrschaft über den Tod. Als Triformis, die dreifaltige Göttin, ist sie Herrscherin der drei Welten und drei Zeiten, als Brimo ist sie die Furchteinflößende. Sie ist die Himmlische (Ourania) und die Weltseele, und als solcherart überweltliche Weisheitsgöttin ist sie Soteira, die Befreierin.

Sie ist auch  Propolos, die Führerin, und Kourotrophos, die Pflegende –  und einer solch fürsorglichen, überwältigend schönen und umfassend kompetenten Manifestation klaren Geistes und höchster Bewusstheit, die mir durch den Riss im Gewebe aus Täuschung und Lüge entgegen strahlte, vertraute ich mich gerne an. Sie führte mich durch vielerlei Untiefen hin zu den tantrischen Lehren des Vajrayana-Buddhismus, wo ich auf eine ungebrochene authentische Lehrüberlieferung stieß, in der ich meine Erfahrungen und Sichtweisen in vollkommener Weise beschrieben fand. Kleidukos, die Schlüsseltragende, hatte mich vorbereitet und mir nun die wichtigsten Mysterien eröffnet;  Propylaia, die Torhüterin, gewährte mir Zugang zu Lehren, die mich genau dort abholten, wo ich war, und mir präzise Anweisungen zu meiner schnellen Weiterentwicklung gaben. Und erneut zeigte sich Hekate auch in diesem Kontext.

Unter allen Gottheiten des tantrischen Buddhismus ist Tara die beliebteste. Ihr Name könnte „Stern“ bedeuten, doch wird er nahezu immer als „Befreierin“ interpretiert, als „Sie, die hinüber führt“. So sagt sie in dem Text Die Hundertacht Namen über sich selbst:

Ich, oh Herr, werde die Wesen hinüberführen

Über die große Flut ihrer vielfältigen Ängste;

Daher besingen mich die bedeutenden Seher

In der Welt unter dem Namen Tara.

Sie erlangte diesen Namen, weil sie unermesslich viele Wesen aus Samsara befreit und in den erhabenen Seinszustand der Bodhisattvas überführt hat. So verkörpert sie den schnellen Weg zur Erleuchtung und höchsten Weisheit. Nun war allerdings selbst im mittelalterlichen Indien nur eine kleine Minderheit von Menschen wirklich und ernsthaft daran interessiert, Befreiung aus Samsara zu suchen. Ihre große Popularität erlangte sie dadurch, dass sie auch weltliche Errungenschaften anbot, allen voran der Schutz vor den acht großen Ängsten oder Gefahren: Löwen, Elefanten, Feuer, Schlangen, Räuber, Gefangenschaft, Wasser (oder auch Schiffbruch) und menschenfressende Dämonen. Diese Liste wird auch symbolisch als Ausdruck der acht spirituellen Gefahren interpretiert: Stolz, Wahn, Zorn, Neid, falsche Sichtweisen, Gier, Anhaftung und Zweifel. Doch Taras Schutz und ihre Aktivitäten reichen noch sehr viel weiter.

Weithin bekannt sind ihre Erscheinungsformen als grüne und weiße Tara, wobei die grüne Form die schnellen und präzisen Aktivitäten der erleuchteten Wesen repräsentiert, während Taras weiße, mit sieben Augen versehene Form alle Ebenen unseres Daseins überschaut und die Gabe der Langlebigkeit verkörpert. Weniger bekannt dagegen ist der Umstand, dass es noch sehr viel mehr Erscheinungsformen gibt, die sämtliche Ebenen tantrischer Belehrung, Praxis und Verwirklichung umfassen. Zusammengefasst werden sie im berühmten Lobpreis in 21 Versen, der 21 Aspekte und Aktivitäten Taras preist. Sie ist diejenige, die den Verstand schärft und die Erkenntnis des gnostischen Gewahrseins hervorruft, die die machtvollen Wirkungen verdienstvoller Handlungen verstärkt und die Lebenskräfte sammelt, die Gesundheit und Langlebigkeit schenkt, die Dämonen unterwirft, Flüche bricht und die Wirkungen übelwollender Zauberei auf ihren Ursprung zurückwirft. Sie ist diejenige, die vor dem Hindernis der Armut bewahrt und vor Vergiftung schützt, die über die verschiedenen Klassen der Götter, Geister und Dämonen herrscht und über die Elemente gebietet. Sie ist die Göttin der Natur mit all ihren Pflanzen und Tieren, die Königin der drei Welten und die Mutter aller Erwachten.

Meist wird sie als indische Prinzessin gezeigt, reich geschmückt mit Seide, Gold, Juwelen und Blumen, umgeben von duftenden Kräutern und thronend auf Sonne und Mond. Dementsprechend befremdlich wirkt es auf manche Betrachter, wenn sie die geheimeren Abbildungen der extrem wilden Erscheinungsformen Taras, geschmückt mit Menschenhäuten und Schädelketten, zu Gesicht bekommen oder wenn sie erfahren, dass Tara in der tantrischen Überlieferung der Hindus einer der furchteinflößendsten Aspekte Kalis ist. In einer ihrer geheimsten und machtvollsten Manifestationen als Schützerin erscheint sie als die Blaue Wölfin. Das Mantra dieser überwältigend starken Schützerin ist so stark, dass es jenen, die nicht durch Tara-Praxis angemessen vorbereitet sind, allein schon dadurch schaden könnte, dass sie es nur sehen. Allerdings sind all diese Formen natürlich keine Abbildung einer genau so existierenden Gestalt, sondern symbolischer Ausdruck großer Kräfte und verschiedener Wirkungen auf den wahrnehmenden Geist.

Die überwältigende Selbstoffenbarung des Absoluten bewirkt im verblendeten Bewusstsein stets ein vollendetes Grauen, daher werden etwa in der christlichen Tradition Begegnungen mit Engeln, die gemäß Dionysius die „Gedanken Gottes“ sind, mit der vielsagenden Aufforderung „Fürchte Dich nicht!“ eingeleitet. In der tantrischen Tradition wird die furchteinflößende Ungebundenheit und Kraft des Absoluten in entsprechenden Bildern zum Ausdruck gebracht. Sind wir unter dem Einfluss all unserer inneren Dämonen, unserer erbarmungslosen Selbstsucht, unserer Gier, unseres Hasses und nicht zuletzt unserer selbstgefälligen Unwissenheit zu sprödem Ego-Eis erstarrt, so wird uns die gleißende Sonne des Mitgefühls und der Erkenntnis mit Grauen erfüllen. Aber Tara ist die große Mutter aller Erwachten. Sie ist die Mutter der erhabensten Qualitäten und des höchsten Potenzials, das uns allen innewohnt. Wenn sie aber die Mutter ist, deren innerste Qualität höchstes Mitgefühl und ungeteilte Liebe ist, wie sollte sie uns Furcht einflößen, wenn wir sie tatsächlich mit den Augen eines Kindes sehen? Ein kleines Kind wird seine liebende und mitfühlende Mutter als wunderschönes Wesen wahrnehmen und seine liebende und vertrauensvolle Hingabe an die Mutter wird ihre Beziehung zueinander noch vertiefen. Egal, wie hässlich diese Mutter in den Augen der zu Ego-Eis erstarrten und unter chloroformgetränkten Konzeptdecken betäubten Wesen erscheinen mag, in den Augen ihres Kindes ist sie eine wunderschöne Prinzessin, geschmückt mit Seide, Gold, Juwelen und Blumen.

Tara ist eine Gottheit, die sich in den Erscheinungen der Welt offenbart. Auf einer allgemeinen äußeren Ebene ist sie die Herrin des ganzen Universums. Auf dieser Ebene ist sie eng verbunden mit der Erde und der Welt der Pflanzen, Tiere und Menschen. Dies wird vor allem in ihrer Erscheinung als grüne Khadiravani-Tara, die Tara des Akazienwaldes, zum Ausdruck gebracht. In dieser Erscheinungsform wird sie oft in Begleitung von zwei weiteren Tara-Manifestationen gezeigt, nämlich die goldene Marici, die Erscheinung Taras als Sonne und Tag, und die schwarzblaue Ekajata, Tara als Nacht. Auf dieser Ebene kontrolliert sie die Phänomene der Erscheinungswelt und gewährt Schutz vor allen Gefahren. Auf einer inneren Ebene wiederum kontrolliert und bereinigt sie all die geistigen und emotionalen Verdunkelungen, durch die die empfindenden Wesen in das große Rad der Wiedergeburt gezwungen werden. Nach der Einweihung durch einen Meister oder eine Meisterin können Praktizierende des Vajrayana durch Selbstidentifikation mit der Göttin ihr Dasein transformieren und schließlich den Zustand der Vollendung erreichen, indem sie Taras Qualitäten verwirklichen.

Tara ist die Herrin der drei Welten: Der Tiefe des Raumes, des Ozeans der wogenden Kräfte und des Erdenreichs der sich manifestierenden und transformierenden Formen. Sie ist die Befreierin, die die Wesen zu den Mysterien höchster Erkenntnis geleitet und sie vor Bösem bewahrt. Sie ist die Pflegende, die sich voll Mitgefühl um das Wohl der Wesen kümmert und keiner anderen Gottheit untertan ist. Sie herrscht über die Unterwelt der Totengeister, Ahnen und Träume, über das Reich der Erde und die Weite des Himmels.