Mit ‘Ach’ getaggte Artikel

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets, geschrieben von Merienptah – Teil V

Samstag, 04. Oktober 2014

Weitere Opfergaben werden am Grab niedergelegt und Weihrauch wird verbrannt, dies soll gemeinsam mit den Ritualen des Sem-Priesters den Ba des Verstorbenen zurückrufen. Durch verschiedene Kulthandlungen und Rituale werden Ka, Ba und der gerechtfertigte Schut aufgefordert in den Körper des Toten zurückzukehren um sich dort auf ewig wiederzuvereinigen um als Ach wiedergeboren zu werden.

Der Widergeborene und nun im Körper des Verstorbenen gefangene Ach muss rituell „belebt“ und vom Körper „befreit“ werden um auf ewig weiterleben zu können. Dafür vollzieht der Sem-Priester an der auf reinem, weißen Sand vor dem Grab aufgestellten Totenstele das sogenannte Upet-ra (Mundöffnungsritual). „Ich öffne deinen Mund, damit du mit ihm redest, deine Augen, damit du Re erblickst, deine Ohren, damit du die Verklärung hörst, dass du deine Beine habest zum Gehen, dein Herz und deine Arme um deine Feinde abzuwehren.“ Damit werden dem Ach alle Fähigkeiten wiedergegeben, die er benötigt um sein jenseitiges Leben beginnen zu können. Darauf folgt dann Das Ritual der „Loslösung“ vom Körper, das es dem Ach ermöglicht den Leichnam zu verlassen um sich zu den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) aufzumachen oder um in den Himmel emporzusteigen um in der Barke des Sonnengottes seinen Platz einzunehmen.

Nach dem Abschluss der Zeremonien und Totenrituale folgt ein Festmahl, mit Musik und Tanz. Hier wird der Charakter dieses Festes als Wiedergeburtsfest deutlich. Wesentlich ist hier der Fokus auf der Feier einer neuen Geburt, Gedanken an Trauer und Verlust sind kein Bestandteil dieses Festes. Als letzter offizieller Akt des Festes wird die Totenstele von den Erben des Verstorbenen an die Priesterschaft übergeben, die diese in feines Leinen einhüllen und sie in den Tempel mitnehmen wo sie in den Archiven aufbewahrt wird.

Oftmals werden diese Zeremonien aus verschiedenen Gründen räumlich vom Grab getrennt durchgeführt. Einzig ein Priester, der die „Loslösung vom Körper“ vollzieht agiert direkt an der Grabstätte, die übrigen Rituale und Feierlichkeiten werden in einer Art Zelt im Tempelhof, wenn es sich bei dem Verstorbenen um ein Mitglied der Priesterschaft handelte, oder wenn der Verstorbene eine Privatperson war in einem Festsaal durchgeführt. Umfang und Aufwand der Feierlichkeiten hängt heute wie damals oftmals von der gesellschaftlichen Stellung und dem Geldbeutel des Verstorbenen ab. Im Übrigen wird auch das Grab im Nachhinein etwas anders behandelt als es hierzulande eigentlich üblich ist. Eine Grabbepflanzung und intensive Grabpflege findet nicht statt da das Grab eines Kemeten mit einer einfachen Steinplatte abgedeckt wird, Pflanzschalen oder gar aufwendige Bepflanzungen findet man nicht.

In den letzten Jahrzehnten macht sich in Kemet ein langsamer Renaissance-Trend bemerkbar, eine den Möglichkeiten der Moderne geschuldete oder zu verdankende Wiederbelebung alter Bestattungstraditionen, wie zum Beispiel die Beigabe von Ushebtis, die dem Verstorbenen in den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) die Arbeit gänzlich abnehmen sollen. Auch dass beispielsweise „Klageweiber“ den Trauerzug bei der Bestattung begleiten und ihre lautstarke Totenklage erklingen lassen kommt wieder „in Mode“. Auch verschiedene andere altkemetische Rituale finden langsam wieder ihren Weg zurück in die moderne Bestattungspraxis, was allerdings in Deutschland beispielsweise durch die recht strengen Bestattungsgesetze erheblich ausgebremst wird. Durch die gesetzlich bestimmten Rahmenbedingungen unterscheiden sich die Bestattungspraktiken der modernen Kemeten, also die Ausführung und die rituelle Ausgestaltung der Bestattung und des Totenfestes mittlerweile von Land zu Land teilweise recht stark voneinander. Aber trotz aller regionalen Unterschiede bleibt der religiöse Hintergrund der gleiche.

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets, geschrieben von Merienptah – Teil IV

Samstag, 13. September 2014
  • Ich habe nie als Gottloser gehandelt
  • Ich habe nie grausame Gewalttaten verübt
  • Ich habe nie roh an den Menschen gehandelt
  • Ich habe nie einen Raub verübt
  • Ich habe nie meinen Mitmenschen wissentlich geschadet
  • Ich habe niemals den Kornscheffel vermindert
  • Ich habe nie wissentlich einen Betrug verübt
  • Ich habe nie geraubt, was den Göttern gehört
  • Ich habe nie wissentlich die Unwahrheit gesprochen
  • Ich habe nie meinen Mitmenschen ihre Nahrung entzogen
  • Ich habe nie jemanden verleumdet
  • Ich bin niemals streitsüchtig oder rechthaberisch gewesen
  • Ich habe niemals das den Tempeln gehörende Vieh angetastet oder getötet
  • Ich habe niemals die Menschen begaukelt oder beschwindelt
  • Ich habe mir niemals unbefugt Land angeeignet
  • Ich habe niemals an den Türen gelauscht
  • Ich habe mich nie durch zu viel Gerede versündigt
  • Ich habe nie einen Menschen verwünscht
  • Ich habe niemals meine Ehe gebrochen
  • Ich habe nie aufgehört in der Einsamkeit Keuschheit zu wahren
  • Ich habe nie unter den Menschen Furcht und Schrecken verbreitet
  • Ich habe nie die Ordnung der Zeiten gestört
  • Ich habe nie dem Jähzorn nachgegeben
  • Ich habe nie meine Ohren verschlossen vor dem Ruf nach Gerechtigkeit
  • Ich war niemals zanksüchtig
  • Ich habe nie dafür Schuld getragen, dass meine Mitmenschen Tränen vergossen
  • Ich habe mich nie wider die Natur mit Kindern versündigt
  • Ich erlag nie der Ungeduld
  • Ich habe nie einen Menschen beleidigt oder verhöhnt
  • Ich habe nie Streitereien oder Schlägereien gesucht
  • Ich habe nie mit Übereile gehandelt
  • Ich habe es nie an Ehrfurcht für die Götter fehlen lassen
  • Ich habe nie in meinen Reden durch Wortschwall gesündigt
  • Ich handelte nie unehrlich oder mit boshafter Absicht
  • Ich habe nie meinen Herren verflucht
  • Ich habe niemals die Gewässer entweiht und verschmutzt
  • Ich war in meinen Reden nie hochmütig
  • Ich habe nie die Götter gelästert oder ihnen geflucht
  • Ich war weder anmaßend noch übermütig
  • Ich habe nie um mich zur Geltung zu bringen Ränke geschmiedet
  • Ich habe mich nie auf unerlaubte Art und Weise bereichert
  • Ich habe nie die Götter missachtet

Als Abschluss dieses negativen Sündenbekenntnisses folgt noch eine Anrufung an die 42 Richter des Tribunals die nochmal betont dass der verstorbene frei von Sünden ist und dass die Götter ihn davor bewahren mögen vernichtet zu werden. Auszug:

„ … Möge mich also kein Unheil heimsuchen, denn genährt ward ich mit Gerechtigkeit und Wahrheit. In Eintracht mit den guten Sitten war immer mein Tun und den Göttern gefällig. … „

„ … Ihr himmlischen Wesen, befreit mich, beschützt mich! Beschuldigt mich nicht vor dem Gott, dem gewaltigen! Rein ist mein Mund, rein meine Hände… „

Die Bestattungspraxis

Ähnlich wie in alter Zeit betreibt auch der moderne Kemet einen gewissen Aufwand was seine Bestattung angeht obwohl sich dieser Aufwand doch erheblich von der Bestattungspraxis des alten Kemet unterscheidet.

Usir-Wennenefer

Wie bereits erwähnt verzichten wir zwar heute auf die Mumifizierung und auf prächtig ausgerüstete Totenhäuser mit all ihren Beigaben, aber dennoch sind gewisse Vorkehrungen zu treffen um zu gewährleisten dass sich Ka, Ba und Schut im Chet für ein ewiges Leben von „Millionen von Jahren“ zum Ach vereinen können. Dafür ist es unerlässlich dass der Körper (Chet) des Verstorbenen in der Zeit nach dem physischen Tod und vor der Achwerdung nicht zerstört wird. Wir lehnen deshalb jede Form von Bestattung ab, die den Körper zerstört oder seine Unversehrtheit beschädigt. Ebenso werden Autopsien oder ähnliche Untersuchungen, die den Leichnam beschädigen von uns strikt abgelehnt, solange sie nicht von Gesetzes wegen zwingend vorgeschrieben sind.

Noch lange bevor der physische Tod eintritt werden bereits erste Vorkehrungen getroffen. Um zum Beispiel zu gewährleisten dass der Ka vor der Achwerdung nicht stirbt, was eine Wiedergeburt als Ach unmöglich machen würde, wird durch die Tempelpriester eine sogenannte „Totenstele“ angefertigt. Diese bestehen aus einem Bild- und einem Textfeld. Das Bildfeld zeigt den Verstorbenen bei einem Opfer vor den Totengöttern und das Textfeld enthält die sogenannte „Opferformel“. Sie beinhaltet eine Anrufung an die Totengötter, in erster Linie Usir-Wennenefer (Osiris, im nebenstehenden Bild von Isis und Thot begleitet), die gewährleisten soll, dass dem Ka des Verstorbenen beispielsweise „1000 an Brot, 1000 an Bier, 1000 an Rind, 1000 an Geflügel, 1000 an Weihrauch, 1000 an Wasserspenden, 1000 an allen guten Dingen“ als Opfergaben zur Verfügung stehen mögen damit er versorgt ist und nicht stirbt. Diese Stelen erfüllen auch noch einen weiteren Zweck, auf ihnen ist der Name (Ren) des Verstorbenen festgehalten der nicht in Vergessenheit geraten darf. Diese Stelen werden dann nach dem Tod in den Archiven der Tempel eingelagert und dort beschützt um auf ewig zu gewährleisten dass der Name nicht in Vergessenheit gerät. An den Totenfesten des kemetischen Kalenders werden diese Stelen dann Jahr um Jahr von der Priesterschaft aus den Archiven hervorgeholt damit sie, stellvertretend für den Toten selbst, an den alljährlich vollzogenen Totenopfern und -ehrungen teilhaben können.

Des Weiteren gibt man schon zu Lebzeiten in den Tempelwerkstätten eine Schriftrolle in Auftrag die die „Sprüche vom Heraustreten ins Tageslicht“ enthält (heute als Totenbuch bekannt), die der Schut benötigt um unbeschadet seine Reise durch die Duat zu bewältigen und die ihm dabei helfen sollen das Totengericht in der „Halle der vollständigen Wahrheit“ zu bestehen.

Auch wird der sogenannte „Herzskarabäus“ in den Tempelwerkstätten angefertigt, der verhindern soll dass das Herz beim Totengericht gegen den Verstorbenen aussagt. Diese beiden Gegenstände, die Spruchsammlung und der Herzskarabäus, sind die einzigen Beigaben die wir heutzutage unseren Toten noch mit ins Grab geben.

Wenn der Tod dann eintritt, geht es bei uns erst mal nicht viel anders vonstatten als bei jedem anderen Todesfall, doch noch bevor ein Arzt hinzugezogen wird, der den Tod amtlich festhält und den Totenschein ausstellt, wird der Leichnam des Verstorbenen von einem Priester rituell gereinigt und für die 70 Tage später folgende Achwerdung vorbereitet. Nachdem dann der Tod ärztlich bestätigt wurde wird eine Totenwache abgehalten die den Leichnam solange bewacht bis dieser durch das Bestattungsunternehmen abgeholt und für die Bestattung vorbereitet wird. Meist übernehmen diese Totenwache zwei Priesterinnen, eine Stellvertretend für die Göttin Aset (Isis) die andere stellvertretend für die Göttin Nebethat (Nephthys). Danach geht es wieder den üblichen Gang, der Sarg und die Grabstätte werden ausgewählt, und alles weitere für die Erdbestattung vorbereitet.

Vom Zeitpunkt des Todes an werden täglich von den Erben des Verstorbenen, und wenn keine Erben vorhanden sind durch einen Priester, vor der Totenstele in der Wohnung des Verstorbenen die Opfer für den Ka vollzogen. Täglich wird der Ka mit Speise- und Trankopfern versorgt, ebenso wie reinigende Weirauchopfer durchgeführt werden. Durch allabendliche Riten wird der Ba daran erinnert, sich nicht zu weit vom Leichnam zu entfernen und den Namen des Verstorbenen nicht zu vergessen, damit er den Weg zurück zum richtigen Körper findet um sich dort später wieder mit dem Ka und dem Schut vereinigen zu können.

Sothis

An der eigentlichen Bestattung die in der Regel zwei bis acht Tage nach dem Tod stattfindet, nehmen nur die engsten Familienangehörigen Teil, keine Freunde, keine Priester und auch niemand sonst. Die Beisetzung als solche ist absolute Privatsache und nur den engsten Angehörigen vorbehalten. Anders verhält es sich mit der eigentlichen Bestattungsfeier, dem Totenfest, das genau 70 Tage nach dem Tod stattfindet. Diese 70-Tagesfrist ist noch ein Überbleibsel aus den alten Tagen Kemets, denn die Mumifizierung und die Vorbereitung des Grabes für die Bestattung nahmen einen Zeitraum von etwa 70 Tagen in Anspruch. Mythologisch lässt sich diese Frist weiterhin dadurch erklären dass die Sterngöttin Sopdet (Sothis), die am Himmel als der hellste Stern Sirius zu sehen ist, im Jahresverlauf für genau 70 Tage nicht am Himmel über Ägypten zu sehen ist. Ihr Widererscheinen am Himmel, zeitgleich mit dem Sonnenaufgang (heliakischer Aufgang) fiel damals mit der alljährlichen Nilflut zusammen und stand damit für Regeneration und Wiedergeburt. Somit wird auch der Verstorbene, ebenso wie die Göttin, 70 Tage nach seinem Verschwinden, dem Tod, wiedergeboren. Dieser Zeitraum blieb bis heute unverändert als Trauerfrist in der kemetischen Bestattungspraxis erhalten.

Im Gegensatz zur eigentlichen Bestattung, die im engsten Kreis der Angehörigen und ohne großes Zeremoniell stattfindet, ist das Totenfest ein großes Fest, an dem Familie, Freunde, Bekannte und auch die Priester teilhaben, die an dem Tag die Totenriten vollziehen. Es beginnt bereits bei Sonnenaufgang. Der Sem-Priester erscheint in der Wohnung des Verstorbenen und Vollzieht dort die letzten Versorgungsopfer für den Ka des Verstorbenen. Danach begibt sich die Trauergesellschaft zum Grab und schmückt dieses mit Blumen.

Ende Teil IV

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets – Teil III geschrieben von Merienptah

Samstag, 16. August 2014

Damit ist die Sache aber nicht zu Ende. Die Achu (Mehrzahl von Ach), können diese Gefilde aber auch zeitweise verlassen und in die irdische Welt zurückkehren um mit ihren hier lebenden Angehörigen in Kontakt zu treten, sie zu beschützen, zu warnen, ihnen zu helfen, aber auch um sie für Sünden zu bestrafen. Die Achu können gar als Rachegeister oder Gespenster in die Welt der lebenden zurückkehren und diejenigen heimsuchen, die sich gegen die Gesetze der Maat versündigen oder Rache an denjenigen nehmen, die ihnen zu ihren irdischen Lebzeiten ein Leid angetan haben.

Aus diesem Grunde wird ihnen im Totenkult gehuldigt und durch Gebete und Opfergaben versucht, sie gnädig zu stimmen. Oft wird der Ach eines Ahnen auch angerufen, um Schutz vor Verwünschungen und Beistand vor Gericht zu erbitten. Ein Ach hat ja nun das Gericht der Gerichte in der „Halle der vollständigen Wahrheit“ bestanden und kann wie kein anderer hilfreiche Tipps geben um eine Gerichtsverhandlung auch erfolgreich zu bestehen.

Und nun kommen wir zum wichtigsten Punkt dieses Wiederbelebungsprozesses und zum wesentlichsten Unterschied zwischen dem Totenglauben des alten Kemets und dem der heutigen Zeit. Die „Achwerdung“ aus heutiger Sicht unterscheidet sich durchaus von den Auffassungen über diesen Prozess in den alten Tagen Kemets und somit ergeben sich auch unübersehbare Unterschiede in der Bestattungspraxis zwischen heute und damals.

Wenn der Shut das Totengericht bestanden hat, der Ka weiterhin am Leben und der Ba unbeschadet nach 70 Tagen von seiner Reise zurückgekehrt ist, findet die „Achwerdung“ statt. Dafür ist allerdings ein unversehrter Leichnam notwendig. Denn diese Wiedergeburt als Ach findet im Inneren des Körpers (Chet) statt, andernorts ist sie unmöglich da sich der Ka, der Ba, der gerechtfertigte Shut und der Ren nur im Chet zum Ach vereinen können. Ohne den unversehrten Körper als der „gottgegebenen wahren Heimstatt der Wesensteile“ ist diese magische Neuverbindung und somit die Wiedergeburt als Ach nicht möglich. Die Zerstörung des Leichnams wäre gleichbedeutend mit dem endgültigen Tod als einer absoluten Vernichtung des Verstorbenen und somit das größte anzunehmende Übel überhaupt.

Das ist der Grund dafür dass alle Kemeten jedwede Form von Bestattung kategorisch ablehnen, die den Leichnam zerstört oder den natürlichen Zersetzungsprozess beschleunigt. Im Unterschied zum alten Kemet ist aber in unserem modernen Totenkult der Körper nur noch zu diesem Zeitpunkt notwendig. Im alten Kemet bestanden Ka, Ba, Shut und Ren nach der Achwerdung weiterhin als eigenständige Wesenheiten fort. Diese Wesenheiten benötigten den unversehrten Körper als Schnittstelle um sich immer wieder zusammenzufinden. Dafür musste der Leichnam für alle Zeit erhalten werden, was die Mumifizierung notwendig machte; dieser benötigte eine Stätte an der er sich aufhalten konnte, was eine ewige Grabstatt voraussetzte und da Ka und Ba für alle Zeit versorgt werden mussten um nicht doch noch zu sterben, waren Grabbeigaben mit allerlei notwendigen Dingen von Nöten. Das ist heute nicht mehr so.

Unser moderner Glaube sagt aber nun das Ka, Ba und der gerechtfertigte Shut im Körper zum Ach verschmelzen, diesen dann endgültig verlassen und danach nicht mehr brauchen. Eigenständig bestehen diese Wesenheiten dann nicht weiter fort und bedürfen deswegen auch keiner „ewigen Versorgung“. Einzig der Ach bleibt weiterhin bestehen. Deswegen verzichtet Kemet heute auf die Mumifizierung, die Anlage von großen Grabstätten als „Wohnung für die Ewigkeit“, und bis auf die Spruchsammlung der Totenbücher und eventuell einen Herzskarabäus gibt es auch keine weiteren Beigaben mehr um den Verstorbenen zu versorgen.

Diese verschiedenen Komponenten sind unerlässlich dafür dass der Verstorbene zum Ach werden und bis in alle Ewigkeit entweder als Stern im Gefolge des Sonnengottes oder als Verklärter in den Binsengefilden des Herrschers der Unterwelt weiterleben kann.

Das Totengericht

Der bereits erwähnte Spruch 125 („verneinen der Sünden“) beschreibt das Totengericht als ein Bekenntnis der nicht begangenen Sünden vor einem Tribunal aus 42 Totenrichtern, die unter dem Vorsitz des Herrschers der Unterwelt UsirWennenefer (Osiris) ihr Urteil über den Verstorbenen fällen. Der Verstorbene muss jeweils vor jeden dieser Richter treten, sich ihm mit seinem Namen vorstellen, ihn mit Namen ansprechen und die zu ihm gehörende Sünde verneinen. Während er dies tut wird als Zeuge seiner Aussage sein Herz, der Sitz des Gewissens, vom Gott Inpu (Anubis) gegen die Feder der Göttin Maat abgewogen, die Wahrheit und Rechtschaffenheit symbolisiert. Sollte der Verstobene bei der „Anhörung“ lügen wird das Herz als Zeuge der Wahrheit schwerer sein als die Feder der Maat und somit die Lüge offenlegen. Manch einer behauptet dass die heute noch geläufige Redewendung „schweren Herzen sein“ ihren Ursprung in diesem Wiegen des Herzen hat.

Passiert das ist die Anhörung vorbei und das Herz des Verstorbenen wird der dämonischen Totenfresserin Ammit übergeben die dies verschlingt und somit den verstorbenen endgültig auslöscht.

Das Totengericht (125. Kapitel des Totenbuches)

Als einen kleinen Rettungsanker für den Verstorbenen könnte man verstehen, dass eigentlich in diesem Spruch 84 Sünden erwähnt werden, die man nicht begangen haben sollte um als wahrhaft maatgerecht zu gelten, dass man aber ganz individuell „nur“ 42 vor den Richtern verneinen muss.

Wer also schon mal einen Brotlaib gestohlen hat (was eine der 84 Sünden ist) sollte nicht unbedingt vor dem Tribunal behaupten „ich habe nie einen Laib Brot gestohlen“, derjenige sollte diesen Punkt dann besser durch einen anderen ersetzen.

Ein weiteres Mittel beim Totengericht ein wenig zu schummeln, falls man nicht mal in der Lage ist 42 Sünden, also die Hälfte der Vergehen verneinen zu können, die das Tribunal als maßgebend erachtet, ohne Gefahr zu laufen von seinem Herzen der Lüge überführt zu werden ist es, wenn man dem Verstorbenen auf seine Reise einen Herzskarabäus mitgibt. Auf diesem ist Spruch 30 („Spruch damit das Herz des Verstorbenen nicht zurückgewiesen wird“) notiert, ein Zauberspruch, der dem Herzen aufträgt nicht gegen seinen Besitzer auszusagen.

Um einmal zu verdeutlichen wie dieses negative Sündenbekenntnis aussieht und was es beinhaltet hier mal ein Beispiel von 42 Bekenntnissen, allerdings der Einfachheit halber ohne die Namen und Herrschersitze der Richter des Tribunals:

Ende Teil III

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets – Teil I geschrieben von Merienptah

Samstag, 28. Juni 2014

Das Thema Sterben und Tod beherrscht viele Kulturen und Religionen, doch keine andere hat sich wohl im Laufe der Zeit einen so komplizierten Totenkult erdacht wie das alte Kemet. Dieser Totenkult hat all das hervorgebracht was die moderne Welt mit unserer Kultur verbindet, die gewaltigen Pyramiden, die Mumien, die goldenen Särge und die Schätze unserer Könige, die tief in den Fels gehauenen und wundervoll ausgemalten Gräber im ganzen Land; all das hätte es ohne den ausgeprägten Totenglauben im alten Kemet nie gegeben.

Pyramide des Chufu

Und auch wenn es so aussieht als wäre dieser Totenkult von Anfang an in seiner vollen Ausprägung dagewesen und über die Jahrtausende hinweg nicht verändert worden, so war er doch in den letzten 5500 Jahren oft Veränderungen und Anpassungen unterworfen, und das ist bis heute so geblieben.

Über den Totenkult des alten Kemet ist vielfach geschrieben worden, es gibt zahllose Publikationen über die Pyramidenfelder, die Mumien, die Gräber im Tal der Könige und die Beamtennekropolen im ganzen Land. Ebenso sind auch unsere alten Toten- und Unterweltsbücher weithin bekannt.

Doch der Totenkult Kemets hat sich im Laufe der Jahrtausende stark verändert. Das heutige Kemet unterscheidet sich in diesem Punkt doch recht deutlich vom Totenglauben der alten Zeit; die Bestattungspraxis ist heute eine gänzlich andere. Begründet liegen diese Unterschiede sicherlich im räumlichen Exil Kemets, in der verstrichenen Zeit und der damit einhergehenden Weiterentwicklung, dem Einfluss anderer Religionen und natürlich in der Gesetzeslage der Länder, in denen wir heute unser Heim haben.

Der Totenglaube

Ausgangspunkt unserer Reise in die Totenwelt Kemets ist der allabendliche Sonnenuntergang. Die Sonne entschwindet unserem Blick, verlässt die unsrige Welt und trägt das Licht in unsichtbare Tiefen hinab. In ihrer Nachtfahrt durchquert sie das Reich der Toten, dem sie jeden Morgen verjüngt und erneuert wieder entsteigt. Daraus kann man nach kemetischem Glauben die beruhigende Gewissheit schöpfen, dass der Tod nur ein Durchgang oder Übergang zu neuem, verjüngten Leben ist und dass auch die Verstorbenen jede Nacht ihren Anteil an dem Lebensspendenden Licht und der Lebenskraft unseres Sonnengottes erhalten.

Den Jenseitsvorstellungen Kemets zufolge weilt auch der Schlafende und der Träumende in jener Tiefe, wo es tatsächlich möglich wird, den Göttern und Verstorbenen real zu begegnen.

Die religiösen Grundlagen des Totenglaubens haben sich bis in die heutige Zeit tatsächlich kaum verändert, die Hauptunterschiede liegen eher in der praktischen Umsetzung. Der auffälligste Unterschied zwischen heute und damals ist in der Beisetzungspraxis zu finden. Die Erhaltung des Körpers ist für einen Fortbestand nach dem Tod und eine Erneuerung des Lebens nach heutiger Ansicht nicht mehr unbedingt notwendig, demzufolge werden unsere Toten im Gegensatz zu früher auch nicht mehr mumifiziert.

Damit einher geht auch dass genau aus diesem Grund für die Toten keine „Totenhäuser“ mehr angelegt werden, was Beisetzungen mit reichen Grabbeigaben also ausschließt. Das heißt allerdings nicht dass sich Kemet gänzlich von den zum Totenkult gehörenden Grundüberlegungen verabschiedet hätte, allerdings wurden diese im Laufe der Zeit einfach den realen Gegebenheiten angepasst. Der Körper des Verstorbenen (Chet) ist uns noch immer genau so heilig wie damals und er wird auch von uns mit derselben Sorgfalt behandelt wie in alter Zeit.

Da er das Behältnis für die Seelenteile ist, (im kemetischen Weltbild gibt es nicht eine Seele, sondern mehrere – interessanterweise bedeutet Chet im Kemetischen neben „Körper“ auch „Weinkrug“) gilt er als heilig und darf nicht durch Menschenhand zerstört werden Das bedeutet im Umkehrschluss das gläubige Kemeten alle modernen Bestattungspraktiken ablehnen, die den Körper beschädigen oder sogar gänzlich vernichten, oder die den Verfall des Körpers in irgendeiner Weise beschleunigen. Also eine Feuerbestattung, bei der der Leichnam verbrannt und somit vernichtet wird, ist aus kemetischer Sicht ein Sakrileg.

Wie bereits erwähnt besteht nach kemetischer Sicht der Mensch, oder besser gesagt das Wesen eines Menschen aus verschiedenen Teilen. Die bedeutendsten unter ihnen sind der Körper (Chet), die Individiual- und Charakterseele Ka und die Exkursionsseele Ba. Weitere wichtige Bestandteile sind der Name (Ren) und der Schatten (Schut). Diese Wesensteile werden beim Tod des Körpers voneinander getrennt.

Dem Totenkult Kemets liegt der Wunsch zugrunde, dass sich die durch den physischen Tod auseinandergerissenen Teile erneut vereinen und als Verklärter (Ach) in die Unterwelt (Duat) eingehen um dort wiedergeboren zu werden und „Millionen von Jahren“ unter den Göttern zu leben.

Chenmu erschafft den Körper und den Ka

Der Ka ist ebenso wie der Ba keine präexistente, universelle Seele, sondern entsteht zusammen mit dem Körper, das heißt, er wird während der Schwangerschaft vom Gott Chenmu (Chnum) als „Doppel“ des Körpers geformt. Er ist die Quelle der Lebenskraft; durch seine Anwesenheit ist der Mensch beseelt und belebt. Nach dem Tod bleibt der Ka in der Nähe des Leichnams um ihn zu beschützen. Das Ziel des Totenkultes ist es, dass sich der Ka im Körper erneut mit den anderen Wesensteilen verbindet um ihn als Verklärter (Ach) „wiederzubeleben“. Die endgültige Trennung eines Toten von seinem Ka gilt als größtmögliches Unglück.

Das Hauptmerkmal des Ba ist seine große Beweglichkeit. Sie kommt in seiner Vogelgestalt zum Ausdruck. Der Ba wird gewöhnlich als Vogel mit Menschenkopf dargestellt, er kann aber auch andere Gestalten annehmen, darunter die menschliche des Verstorbenen. Zu Lebzeiten des Menschen ist der Ba im Körper eingeschlossen, beim Tod löst er sich vom Körper. (im Traum kann sich der Ba ebenfalls zeitweise vom Körper lösen und ihn verlassen, deswegen bezeichnet man den Ba auch als Exkursionsseele).

Der Verstorbene vor seinem Ba

Ziel der Totenliturgien Kemets ist es den Ba nach dem Tode, ebenso wie auch schon den Ka wieder mit dem Körper zu vereinen. Der Ba ist keineswegs von Natur aus unsterblich und unverletzlich; er kann gepackt und gefangengesetzt, ja sogar vernichtet werden, was zur endgültigen Vernichtung des Menschen führt.

Der Schut, beziehungsweise der Schatten eines Menschen ist das Äquivalent zu dessen Ka und damit ein Teil seines Wesens. Nach dem Tod löst sich dieser ebenfalls vorübergehend vom Körper. Der Schut ist nach unserem Totenkult, der Teil des Menschen der nach dem physischen Tod direkt in die Duat wandern soll um dort den Weg zur Halle der Wahrheit, dem Ort des Totengerichts zurückzulegen. Also Sinn und Zweck unserer Totenrituale ist es den Körper Chet erneut mit den Wesensteilen Ka, Ba, und Schut zu vereinen um ein Ach zu werden.

Der Schut

Ende Teil I

Die kemetischen Seelenaspekte

Samstag, 31. März 2012

Um die kemetischen Seelenaspekte besser erfassen zu können, erweist es sich als sinnvoll sich von der verbreiteten „Körper-Seele-Trennung“ ein wenig zu lösen. Diese scharfe Abgrenzung gibt es im kemetischen Bewusstsein auf das Individuum bezogen ebenso wenig, wie auf die Schöpfung im Allgemeinen. Sehr viel zutreffender ist die Vorstellung von der beseelten und damit lebendigen Materie, in der sich der Schöpfungsprozess im Kleinen wie im Großen unentwegt von Neuem vollzieht. Auch gibt es kein „Gesamtkonzept“ der Seele. Die Vorstellung von miteinander verbundenen bzw. sich überschneidenden Einzelteilen kehrt im kemetischen Glauben an vielen Stellen wieder.

Einige der Seelenaspekte sind dem was man gemeinhin als Materie wahrnimmt deutlich näher, andere wiederrum von luftiger/geistartiger Qualität, manche sind eher ein Zustand, andere wiederrum durchaus wesenhaft und damit sehr nah an der Vorstellung eines eigenständigen Individuums. Einige beziehen sich vorwiegend auf die Sozialsphäre, andere wiederrum auf die Individualsphäre. Die Übergänge sind hier natürlich ebenfalls fließend.

Ka
Das Ka steht für das, was man auch als soziale Identität umschreiben könnte, bezieht sich dabei aber stark auf das individuelle Handeln in einem sozialen Kontext und weniger auf das So-Sein eines Menschen. Als solches bleibt es in der Erinnerung an einen Menschen auch nach dem Tod erhalten und wird gleichzeitig zum Schutzgeist des Verstorbenen. Man spricht ja auch heutzutage vom „Geist des Künstlers XY“ der in seinem Werk weiterlebt. Genauso verhält es sich auch mit dem Ka.

Ka-Statue des Horawibra
(Ägyptisches Museum, Kairo)

Ka ist auch die wesenhafte Lebenskraft, sowohl der Menschen als auch der Götter. Da Lebenskraft für die Kemeten gleichbedeutend ist mit prozesshafter, also sich fortwährend aufs Neue vollziehender Konnektivität, ist Ka auch so etwas wie die „Ma’at des Körpers“. Als solches ist Ka (als soziale Identität) natürlich auch in die Ma’at (als soziales Prinzip) untrennbar eingebunden. Tut etwas dem Ka nicht gut, wie etwa boshafte Zeitgenossen, üble Nachrede, Neid, Habgier, aber auch brennende Sehnsucht oder Liebeskummer, gefährdet dies auch immer die Gesundheit des Körpers. Hierin zeigt sich auch wieder das kemetische Bewusstsein über die Lebensnotwendigkeit der positiven und wohlwollenden Gemeinschaft.

Götter wie auch Könige haben oft mehrere Kas (kemetisch Kau), besonders post mortem, da das Ka dann als vervielfältigbar gilt. Das Ka bewohnt die unzähligen Bildnisse, die einem Verstorbenen geschaffen wurden, weswegen in Kemet auch ein ausdrückliches BilderGEbot herrscht um das Gedenken einer Person, aber auch eines Gottes aufrecht zu erhalten und damit die Unsterblichkeit des Ka zu sichern. Die Gemeinschaft als Lebensgrundlage löst sich damit also auch nach dem Tod nicht auf, sondern bleibt über diesen hinaus bestehen. In der Notwendigkeit des Bildnisses drückt sich wiederrum das Bewusstsein von der beseelten Materie aus. Damit erhält der Tod selbst auch einen sehr diesseitigen Aspekt.

Das spezifische Wirken einer Gottheit drückt sich ebenfalls durch Ka aus z.B. ist der Wind, das Ka des Luftgottes Schu oder das Wasser des Nils und dessen fruchtbarer Schlamm das Ka des Osiris.

Ba
Die frei bewegliche Individualseele Ba, wird als Falke mit einem Menschenkopf dargestellt. Ba hat einen engen Bezug zum Leib Chet. Besonders nach dem Tod und nach vollzogenem Totenkult braucht das Ba den Leib um immer wieder dorthin zurückzukehren und sich zu verjüngen. Diese Verjüngung hat seine Parallele im Sonnenlauf. Der Sonnengott Re durchfährt nachts die Unterwelt mit seiner Barke um am nächsten Morgen verjüngt wieder im Osten seine Himmelsbahn anzutreten. Den Toten wünscht man, dass sie einen Platz auf der Barke des Re erhalten mögen um an diesen Verjüngungsfahrten des Sonnengottes teilzunehmen und damit in den Zyklus der fortwährenden Verjüngung und somit des ewigen Lebens einzutreten.

Ach
„Der göttliche Glanz“ oder der Ahnengeist der die Verklärung durch den Totenkult erfahren hat ist das Ach. Es handelt sich dabei also um einen herbeigeführten Zustand des Ba, welcher aber auch Züge einer eigenen Wesenhaftigkeit hat und den Verstorbenen zu einem überirdischen Wesen macht – zu einem Gott, einem netjer. Damit weicht auch der menschenferne Gottesbegriff nach monotheistischem Verständnis etwas auf und die Götter (netjeru) rücken deutlich näher in die menschliche Sphäre und können teilweise sogar als eine Art Urahnen verstanden werden. Ihre Macht und Bedeutung hängt damit also nicht allein von ihrer Bezeichnung als Götter ab, sondern von ihrem Wirken und Handeln, was wiederrum dem Prinzip der Ma’at und dem darin enthaltenen Primat der Tat entspricht. So konnte zum Beispiel auch der berühmte Arzt und Würdenträger unter König Djoser Imhotep nach seinem Tod zu einem weithin verehrten mächtigen Heilsgott werden.

Der Schopfibis als Symbol für das Ach
(Ramesseum, Theben)


Chet

Für die Kemeten macht es zunächst keinen Unterschied ob der Leib tot oder lebendig ist. Chet ist der Leib und damit das perfekte Abbild eines Menschen. Durch den Erhalt des Leibes, die Mumifizierung, wird also ein vollkommenes Denkmal, geschaffen. Oft gab man den Verstorbenen aus diesem Grund auch Ersatz-Leiber in Form von Statuen mit auf den Weg ins Jenseits für den Fall, dass der mumifizierte Leib zerstört würde.

Das Chet ist wiederrum beseelt und damit belebt von Ba und Ka, welche ihrerseits auch das Chet benötigen um ein irdisches Leben zu führen und die Körperlichkeit zu erfahren. Den Toten wünscht man  sogar, dass sie durch die Vereinigung ihres Bas mit dem Chet der körperlichen Lust frönen mögen, denn dazu ist aus kemetischer Sicht ein Leib unverzichtbar.

Die Wichtigkeit und Heiligkeit des Körpers ist für Nicht-Kemeten oftmals ungewohnt und nicht leicht zu verstehen. Viele Religionen und Kulturen lehnen die Verehrung des Körpers und der Körperlichkeit ab oder sehen darin zumindest nichts von außerordentlicher Wichtigkeit. Oft gilt der Körper aufgrund seiner Anfälligkeit und Vergänglichkeit als wenig bedeutsam, mitunter sogar als Quelle allen Übels oder trägt lediglich die Bedeutung eines vorübergehenden Vehikels. Dies trifft in Kemet nicht zu. Man kann durchaus von einem regelrechten „Körperkult“ sprechen, was sich nicht zuletzt auch in einer sehr freien, unbeschwerten Haltung zur Sexualität äußert und sich aufs allerdeutlichste im Totenkult und der Mumifizierung manifestiert.

Sah
Chet wird durch Mumifizierung zu Sah, man spricht auch vom „Mumienadel“. Sah ist also nicht so sehr die Mumie selbst, sondern eher ein Zustand der Ehrung oder „Veredelung“ des Körpers, der von allem weltlichen gereinigt wurde und damit zu einem Sitz eines Gottes wird. Das was also mit dem Ba geschieht, wenn es zu Ach wird, ist eine Parallele zu dem was mit dem Chet geschieht, wenn es zu Sah wird.

Die mythologische Parallele ist hier das Zusammensetzen, Verbinden und neu beleben des ermordeten Osiris durch seine Gattin Isis, seine Schwester Nephthys, vor allem aber auch seinen Sohn Anubis. Auch hier stellt sich das Leben wiederrum als Inversion des Zerrissen-oder Zerstückeltseins dar. Die Mumienbinden können daher als Metapher für das Verbinden der einzelnen Körperglieder gesehen werden.

Ib
Das Herz ist für die Kemeten der Sitz des Fühlens und Denkens sowie Mittelpunkt des konnektiven Prinzips, das sowohl Körper- also auch Seelenaspekte zusammenhält. Eine etwas amüsante Bedeutung kam aus der Sicht der altägyptischen Medizin dem Gehirn zu, welches wir ja in der modernen Welt an der Spitze der physiologischen Hierarchie sehen: es war nämlich lediglich für die Schleimproduktion der Nase zuständig und damit nach der Mumifizierung verzichtbar. Es wurde durch die Nase entfernt.

Das Ib ist so etwas wie die „Blackbox“ eines Menschen, das sämtliche Herzensregungen seines Lebens enthält. Beim Totengericht wird es gegen die Feder der Ma’at aufgewogen und fungiert als eine Art Lügendetektor während der Verstorbene sich für sämtliche Taten seines Lebens vor dem Göttergremium rechtfertigt. Besteht der Verstorbene diesen Test, wird ihm sein Ib zurückgegeben und er darf ins ewige Leben als „Gott unter Göttern“ eintreten. Parallel dazu wird an der Mumie die Rückgabe des Herzens vollzogen, das eigene für die Ewigkeit konservierte Herz wird dieser also wieder in den mumifizierten Leib zurück gelegt. Erst später wurde es getrennt von der Mumie in Kanopen aufbewahrt,  jedoch mit dieser gemeinsam bestattet.

Sia
Die Erkenntnis oder göttliche Eingebung wird Sia genannt. Interessant ist hier, dass die kemetische Religion eine göttliche Offenbarung nicht als etwas vom Menschen getrenntes sieht, sondern als Seelenaspekt des Individuums. Damit ist Sia auch so etwas, wie der dem Menschen innewohnende göttliche Funke. Sia ist aber gleichzeitig auch eine eigene Gottheit und reiht sich damit in eine besondere Art von Personifikationsgottheiten ein, zu welchen auch Shai (das Schicksal, die Lebensdauer) oder Hu (der göttliche Ausspruch) gehören. Gerade in Zusammenhang mit Hu, tritt Sia sehr häufig auf.

Ren

Der Name eines Menschen wird als Ren Bezeichnet. Nach kemetischem Verständnis, kann niemand ohne Namen vollständig ins Leben treten. Man könnte sagen, Ren ist das, was sich als Empfindung des „Sich-gemeint-Fühlens“ manifestiert, wenn man den eigenen Namen hört oder ausspricht. Ren ist, was man an der Schwelle des Seienden in das Noch-Nicht-Seiende „hineinruft“ um jemanden ins Leben zu holen.

Oft enthalten altägyptische Namen auch einen eindeutigen Bezug zu Gottheiten, die auf diese Weise zu Lebensbegleitern werden. Solche Namen lauten z.B. Sat-Amun („Tochter des Amun“), Sahure („Re gelangt zu mir“), Amenhotep („Amun ist zufrieden“), Heqa-Ptah („Ptah ist mein Herrscher“). Andere Namen beziehen sich nicht auf Gottheiten, sondern sagen etwas über den Namensinhaber aus, wie z.B. Hatschepsut („Die erste der edlen Damen“) oder Nechetnebef („Der Starke seines Herrn“), Djoser („Der Erhabene“)

Kartusche mit dem Thronnamen Ramses II., Karnak-Tempel
User-maat-Re-setep-en-Re („Mächtig ist die Ma’at des Re, Erwählter des Re“)


Schut

Schut ist der beseelte Schatten und gehört zu den Seelenaspekten die mit am schwersten zu erfassen sind. Man könnte den Schatten es als eine Art Untermauerung des Seins erklären. Etwas das ist, wirft auch Schatten. Zwischen Ka und Schut besteht eine große Ähnlichkeit, jedoch ist Schut deutlich subtiler, aber dennoch unübersehbar vorhanden. Schut hat außerdem eine Schutzfunktion für den Menschen um Übel von ihm fernzuhalten.

Der Mensch aus kemetischer Sicht
In diesem Seelenmodell spiegelt sich die kemetische Auffassung vom Menschsein in allen Facetten wieder. Diese sieht den Menschen im fortwährenden Spannungsfeld zwischen Individualität und Kollektivität, Bewegung und Stille, Stofflichkeit und Geist, Leben und Tod. Dabei versucht es die Balance nicht in einem Ausgleich vermeintlicher Gegensätze zu finden, sondern darin das gesamte Spektrum zur gleichen Zeit zuzulassen, ihm Struktur zu geben und damit die Vielschichtigkeit der menschlichen Natur in vollem Umfang anzuerkennen.

Literatur:
Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten
Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte
Eberhard Kusber, Dissertation: Der altägyptische Ka – Seele oder Persönlichkeit?

Fotos und Hieroglyphen, Wikimedia Commons:
Relief  am Ramesseum in Theben, von Rémih
Ka-Statue des Horawibra, von Jeff Dahl
Thronname Ramses II., von Dapaan