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Kemetismus – ist das was für mich?

Samstag, 22. Oktober 2016

Es ist schwer sich für einen Weg zu entscheiden, über den man zumeist nur rudimentäre Kenntnisse hat. Das Augenscheinliche der altägyptischen Kultur und des kemetischen Kults mag noch so attraktiv erscheinen, viele wenden sich nach kurzer Zeit wieder von diesem Weg ab und sind enttäuscht, weil sie völlig andere Erwartungen hatten. Dieser Artikel soll eine Entscheidungshilfe bieten, die natürlich rein subjektiv ist, sich aber dennoch auf die geteilten Erfahrungen anderer Kemeten beruft. Wenn Ihr also nach dem Lesen dieser Worte immer noch beherzt „ja“ zum Kemetismus sagen könnt, dann seid ihr hier vermutlich genau richtig. Wenn Ihr einen anderen Weg als den Euren anseht, ist dieser nicht weniger richtig und vielleicht kann Euch der Kemetismus dann zumindest die ein oder andere wertvolle Inspiration bieten. Denn die Entscheidung zu diesem Weg liegt letztlich bei jedem selbst. Es gibt weder ein verbindliches Glaubensbekenntnis noch eine Verpflichtung ihn zu gehen. Die Entscheidung ihn zu gehen fällt jeder ganz allein für sich und täglich aufs Neue.

Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons, Foto: Ricardo Liberato
Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons, Foto: Ricardo Liberato

Anfänge

Die Gründe, warum Menschen plötzlich den Wunsch haben Kemetismus zu praktizieren sind sehr unterschiedlich. Sehr häufig ist es eine der bekannteren ägyptischen Gottheiten wie Isis, Horus oder Ra, die einen in ihren Bann gezogen haben. Oder es ist einfach die Faszination für die altägyptische Kultur an sich. Viele Leute finden auch über die stark ägyptophile Ritualmagie ihren Weg in den Kemetismus.

Ehe man beginnt, sollte man sich mit einigen wichtigen Merkmalen der altägyptischen Religion und der kemetischen Praxis befassen und sich ausreichend Zeit nehmen zu prüfen, ob man wirklich bereit ist diesen Weg zu gehen.

Unterschiede zum mitteleuropäischen Heidentum

Was den Kemetismus von anderen heidnischen und neuheidnischen Traditionen besonders hier in Mitteleuropa unterscheidet ist das unglaublich dichte Informationsspektrum. Während man im nordischen Heidentum mühsam seinen spirituellen bzw. religiösen Weg aus wenigen Quellen heraus interpretieren muss, ist die altägyptische Kultur äußerst gut und umfangreich belegt. Möchte man einigermaßen authentisch praktizieren, fehlt also im Gegensatz zum hiesigen Heidentum ein ganz entscheidendes Merkmal, das vielen spirituell interessierten eigentlich am Herzen liegt: der Raum für die eigene Intuition und Kreativität. Gerade zu Beginn des kemetischen Weges kann es sinnvoll sein die eigene Interpretation hinsichtlich Weltanschauung oder Ritualistik äußerst sparsam einzusetzen um erst einmal ein Gefühl für die authentische überlieferte Tradition und deren Inhalte als solche zu entwickeln und so eine solide Basis bestehend aus mythologischem Wissen und kultischen Grundlagen zu festigen. Kemetismus ist traditionell, das liegt nicht jedem, vor allem dann nicht, wenn man auf der Suche nach einer spirituellen Praxis ist, die flexibel und frei interpretierbar ist.

Christ Church Library, Oxford, Wikimedia Commons, Foto: -JvL-
Christ Church Library, Oxford, Wikimedia Commons, Foto: -JvL-

Freud und Leid der Literatur

Eine weitere Herausforderung stellt die Art der Literatur über das alte Ägypten dar. Zusammenfassend kann man sagen, dass sie äußerst gespalten ist. Auf der einen Seite finden sich leicht zu lesende ausschweifende und passionierte Werke, die hauptsächlich im Bereich des New Age und der Esoterik anzusiedeln sind. Von Theorien über die außerirdische Herkunft der altägyptischen Götter, über Channeling Botschaften und Einweihungen verschiedener Gottheiten bis hin zu einem phantasieriechen Göttinnenkult um Isis finden sich eine Menge blumige Schriftwerke mit leider sehr dünnem und teilweise fehlerhaftem sachlichem Inhalt.

Auf der anderen Seite bietet die ägyptologische Fachliteratur sehr wenig Informationen für den Laien an und schon gar nicht für religiös Praktizierende, man muss also schon fast ein halbes Ägyptologiestudium auf sich nehmen um sich einen einigermaßen authentischen Überblick zu verschaffen und praktikable Rituale abzuleiten. Literatur zum eigentlichen Kemetismus ist weitestgehend auf Englisch, da die amerikanische Szene in dieser Hinsicht um einiges ausgeprägter ist und bereits seit den 80er Jahren in stetiger Entwicklung ist. Neben Büchern, stehen zahlreiche Blogs, Websites und social media Gemeinschaften zur Verfügung, die einen großen, dynamischen und diskussionsfreudigen Pool an unterschiedlichsten Infos bieten. Englische Sprachkenntnisse sind daher von großem Vorteil. Inzwischen gibt es im deutschen Sprachraum wenige hochwertige virtuelle Informationsquellen zum Thema Kemetismus. Dies hat sich u.a. auch diese Seite zum Ziel gemacht.

Tägliche Kultpraxis

Über eines sollte man sich als im Klaren sein, wenn man sich dem Kemetismus widmen möchte: für diesen Weg braucht man Zeit, Geduld und Beständigkeit. Ein typisches Merkmal der kemetischen Praxis ist ihre Regelmäßigkeit und weniger ihre prunkvollen Rituale. An dieser Beständigkeit scheitern sehr viele. Wenn man erwähnt, dass tägliche Opferrituale keine Seltenheit sind, dann kommt schon mal die verwunderte Gegenfrage „Wirklich jeden Tag?“. Ja, wirklich jeden Tag.

Der altägyptische Kult hatte eine sehr wichtige mythologische Bedeutung. Er war darauf ausgerichtet die vielen verschiedenen ineinandergreifenden Zyklen der Schöpfung in Gang zu halten. Den Lauf der Sonne, die jährliche Wiederkehr der Nilflut, die Zyklen der Landwirtschaft, den Wechsel von Nacht und Tag usw. Durch den Ritus bindet sich der Mensch als spirituelles und natürliches Wesen in diesen Lauf der Schöpfung mit ein, nimmt daran Teil und bewirkt ihn letztlich. Der Kult ist also nicht nur Dienst an den Göttern und Ausdruck ihrer Verehrung, es ist auch eine praktische Bewusstseinsschule um sich auf die kemetische Weltanschauung auch im täglichen Leben ganz und gar einzulassen.

Der tägliche Aufwand muss nicht übermässßg groß, aber dennoch regelmäßig sein. Man tut also gut daran ein tägliches Maß zu finden, dass man einigermaßen leicht über mehrere Monate hinweg durchhalten kann.

DSC_0370Tägliche Opfergaben, Foto: Sat-Ma’at

 

Das Kalenderproblem

Hinzu kommen eine schier unerschöpfliche Zahl an Feiertagen und Festen, deren korrekter Zeitpunkt heutzutage nur noch schwer zu rekonstruieren ist, weil der altägyptische Kalender zum einen anders strukturiert ist und sich aufgrund der zeitlichen Ferne der altägyptischen Kultur Zeitrechnungsfehler eingeschlichen haben, die zu einer nicht unerheblichen Verschiebung der Feiertage geführt habe. Auch die geographische Lage Ägyptens im Gegensatz zu der in Mitteleuropa spielt eine große Rolle bei der Berechnung verschiedener astronomischer Ereignisse. Wikipedia liefert aber trotz allem einen relativ guten Überblick über die verschiedenen Festtage und größere Tempel in USA verfügen teilweise über einen eigenen Kalenderlauf, der auch für freie Kemeten erhältlich ist.

Canis Major, Canis Minor, Orion & Lepus (animiert), Wikimedia Commons, Bild: Michelet BCanis Major, Canis Minor, Orion & Lepus (animiert),
Wikimedia Commons, Bild: Michelet B

Göttinnen und Götter

Die Göttin Isis, der Sonnengott Re, die musikalische Hathor, der falkengestaltige Horus oder die Katzengöttin Bastet sind weit über die altägyptische Tradition hinaus bekannt. Häufig werden sie auch innerhalb völlig anderer Traditionen verehrt. Viele die sich für den Kemetismus zu interessieren beginnen, finden über diese Gottheiten ihren Weg. Die altägyptische Kultur hat aber unendlich viele Gottheiten, mindestens 1.500 sind namentlich belegt, die teilweise natürlich nicht minder wichtig sind als die allseits beliebten und bekannten. Es ist sehr lohnend sich auch mit den weniger bekannten zu beschäftigen, ehe man sich einer bestimmten zuwendet, da sie oft tragende Rollen in der Mythologie spielen und es wichtig ist ihre kosmologische Aufgabe zu verstehen. Dennoch wird man natürlich schwerlich alle kennenlernen können. Die meisten Kemeten enden bei etwa 2-3 Gottheiten um die sie einen intensiveren Kult praktizieren und vielleicht 4-5 weitere für die sie eine sporadische Praxis betreiben und schätzungsweise weitere 10 die eher unter die Kategorie „bekannt“ fallen ohne explizite Praxis. Natürlich wird man dafür abermals viel Zeit, Geduld und Motivation aufbringen müssen.

Egyptische Götter und Göttinnen, Wikimedia Commons, Foto: Gryffindor
Ägyptische Götter und Göttinnen, Wikimedia Commons, Foto: Gryffindor

Der Erhalt der Ma’at

Auch steht der Götterkult im Kemetismus durchaus nicht so stark im Vordergrund wie es scheint. Der wichtigste Aspekt ist die Einhaltung eines ungeschriebenen ethischen Codex, die gleichbedeutend mit der kosmischen Weltenordnung ist, nämlich die sogenannte Ma’at. Dabei handelt es sich um ein gesellschaftliches Ideal gegenseitiger Unterstützung und sozialen Bewusstseins, dass die eigentliche Grundlage des Kemetismus bildet. Ein soziales Prinzip geradzu altruistischer Ideale in einer Welt der Ellbogenmentalität zu leben, deren Erfolgskonzept der blanke Narzissmus ist, kann zu einer psychischen Zerreißprobe werden. Dessen sollte man sich unbedingt bewusst sein.

Außenseiter und manchmal Feindbild

Ein leidiges Thema, dass hier bereits mehrfach angedeutet wurde, ist die Situation für den Kemetismus in Deutschland. Er ist bis auf wenige einzelne Ausnahmen so gut wie nicht vorhanden. Das hiesige Heidentum versteht sich in erster Linie als Wiederbelebung der prächristlichen deutschen Religionsgeschichte, die daher meist das Germanentum und zum Teil vielleicht das Keltentum umfasst. Verschiedene neopagane Strömungen wie Wicca, Hexentum oder Schamanentum stehen oft in enger Verwandtschaft zu den nordischen Traditionen, so dass man sich als Verehrer der altägyptischen Götter auf eine wahrhafte Exotenrolle einstellen darf. Auch gibt es vereinzelt durchaus Feindseligkeiten gegenüber der zivilisierten Hochkultur der Ägypter, die mit ihrem schillernden Pharaonentum, dem ausgefeilten Staatswesen und den beeindruckenden Prunkbauten in starkem Kontrast zu der naturnahen Tradition nordischer und germanischer Völker steht. Die Parallelen der altägyptischen Theologie zur frühchristlichen, die sich insbesondere im koptischen Christentum manifestiert, sorgt vereinzelt auch dafür, dass man als Kemet zum „Heidenfeind“ und „Christenfreund“ erklärt wird und damit der kollektiven Christentumsverdrossenheit der mittel- und nordeuropäischen Heiden widerspricht. Man muss sich also wohl oder übel auf einen einsamen Weg gefasst machen, der mitunter auch von Anfeindungen geprägt sein kann.

Immer noch interessiert?

Wer also mit einer weitgehend selbstständigen Praxis, die Literaturrecherche, Hingabe und eine gewisse Akribie erfordert gut zurecht kommt, erfüllt schon mal die wichtigsten Voraussetzungen Kemetismus zu praktizieren. Wer auf die Enthüllung abenteuerlicher Weltengeheimnisse und Verschwörungstheorien hofft und sich nach göttlich-magischen Einweihungen sehnt wird jedoch sicher bald enttäuscht sein.

Eins kann man getrost versprechen, es wird sicher nie langweilig und es gibt immer wieder neues und beeindruckendes zu erfahren. Die altägyptischen Religion ist trotz ihres Prunks und ihrer hochentwickelten Ritualistik immer noch im Kern eine Natur- und naturverehrende Religion mit animistischen Grundzügen, die die täglich erlebte Welt tief zu verzaubern vermag. Die täglichen Rituale werden schnell zur Gewohnheit und ermöglichen ein intensives Erleben kosmischen Eingebundenseins ganz ohne die notwendige Bodenhaftung zu verlieren. Sie sind ein starkes Band zu unseren Göttern die dadurch sehr präsent und unmittelbar erfahrbar werden.

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Totenfest auf Ägyptisch

Samstag, 31. Oktober 2015

Als altägyptische „Heidin“ in Deutschland hat man es manchmal nicht leicht mit den üblichen Festen der Heidenszene mitzuhalten. Dankenswerterweise hatten die alten Ägypter aber unglaublich viele Feste, so dass man nahezu jeden Tag etwas zu feiern findet. Die Hauptfeste konzentrieren sich meist rund um den altägyptischen Jahreswechsel im Juni/Juli zur Zeit der alljährlichen Nilflut und zum Aufgang des Sirius, doch einige fanden auch zu anderen Zeiten im Jahr statt. Wenn die dunkle Jahreszeit hier in Mittel- und Nordeuropa langsam Einzug hält, denken viele an die typischen Feste der Toten wie Samhain, Allerheiligen oder Halloween. Als ich mich auf die Suche nach einem äquivalenten ägyptischen Fest machte, das im Oktober/November unseres Kalenders stattfindet war ich unerwarteter Weise gleich erfolgreich. Ich fand das Fest des Totengottes Sokar. Nun muss man korrekterweise dazu sagen, dass das Sokarfest im Alten Reich zusammen mit dem Sed-Fest gefeiert wurde und damit ebenfalls zum Jahreswechsel im Sommer stattfand. Im Neuen Reich jedoch wurde es am 26. Achet IV begangen, was ungefähr Mitte Oktober bis Anfang November ist.

Sokar, der Gott

Sokar ist einer der ältesten ägyptischen Götter und wurde in Memphis verehrt. Er ist falkengestaltig, oft taucht er auch in Gestalt eines falkenköpfigen Menschen auf. Seine Kultstätte ist die Totenstadt. Bereits seit der 1. Dynastie ist Sokar der Namensgeber für die Nekropole Sakkara am westlichen Nilufer. Doch Sakkara ist nicht das einzige Heiligtum mit dem Sokar assoziiert wird.

Sokar wird auch manchmal „Sokar von Rasetjau“ genannt, doch Rasetjau ist kein weltlicher Ort. Es ist ein Ort in der Duat, der altägyptischen Unterwelt. Auf seiner Nachtfahrt muss der Sonnengott Re die Duat durchqueren, die laut des Unterweltsbuches Amduat in 12. Stunden eingeteilt ist. Zur 4. und 5. Nachtstunde erreicht die Reise des Re einen kritischen Punkt, seine Barke läuft auf Sand und er muss sie in der Folge mühsam durch die Wüste ziehen. Diese Wüste ist Rasetjau oder das „Land Sokars, der auf seinem Sand ist“ wie es ebenfalls genannt wird. Dieser wahrlich unwirtliche Abschnitt der Duat ist die Heimat zahlreicher Schlangen und Ort des Feuers und der Hitze. Sokar ist also in der Tat der Gott des Todes schlechtin. Re wird übrigens in der nächste Stunde von Seth gerettet, der die dämonische Schlange Apophis besiegt, die den von den Strapazen geschwächten Sonnengott zu verschlingen droht.

Sokar im Totenbuch als Mumie mit Falkenkopf,
Foto: Wikipedia

Das Sokarfest

So wird Sokar auch zum Paten eines wichtigen Totenfestes der Totenstadt Sakkara, das bereits aus der Frühdynastik belegt ist. Das Sokar-Fest. Tatsächlich war der Zweck dieses Festes nicht nur das feierliche Erinnern an Verstorbene, sie sollten sogar selbst an diesem Fest teilnehmen um sie gleichzeitig aufs Neue in die Obhut des Sokar zu überstellen. Im Alten Reich ist das Sokarfest mit dem sog. Sedfest verknüpft, dass außerdem in engem Zusammenhang mit dem Fest des Fruchtbarkeitsgottes Min steht. Das Sedfest ist ebenfalls aus der Frühdynastik belegt und war ein Fest zur rituellen Verjüngung des Königs. Manche Forscher nehmen sogar an, dass es einen Vorläuferkult gegeben hat, bei dem der alte König tatsächlich rituell getötet wurde damit ein neuer junger König die Nachfolge antreten konnte. Ein Ritus, der aus anderen Teilen des afrikanischen Kontinents durchaus bekannt ist. Diese Vermutung bekommt umso mehr Gestalt, wenn man bedenkt, dass dem Sokarfestes der Brauch des „Aufhackens der Erde“ vorausging, ein Ritus der vermutlich mit dem Anlegen von Grabbauten im Zusammenhang stand, möglicherweise aber auch mit dem Ackerbau und dazugehörigen Fruchtbarkeitsbemühungen. In der griechisch-römischen Zeit jedenfalls wurde das Fest des Aufhackens der Erde von den Choiak-Riten ersetzt, ein Fest zur Wiederauferstehung des Osiris. Mit Osiris wurde Sokar passenderweise später synkretisiert, wobei auch Ptah mit in diesen Synkretismus einfloß und Ptah-Sokar-Osiris die Attribute aller drei Götter verband.

Kornmumien

Für diesen dreifachen Gott ist ein äußerst interessanter Brauch belegt, der umso mehr Tiefe erhält, wenn man die kultische Vorgeschichte, wie oben beschrieben voranstellt. Es ist der Brauch der Kornmumien. Dabei werden aus Lehm, Saatkörnern und Leinenbinden Mumien geformt die anschließend rituell bestattet werden und zwar in Form eines Nachspiels des Osirismythos. Die daraufhin auskeimenden Saatkörner sollten auch das Leben in den Mumien – als Stellvertreter für Ptah-Sokar-Osiris – wieder erblühen lassen. Auch für die normale altägyptische Bevölkerung ist dieser Brauch -wenn auch in einer einfacheren Form – bekannt. Hier handelt es sich jedoch aller Wahrscheinlichkeit um einen Ahnenritus und weniger um einen Götterkult.

Ägyptische Kornmumie, ptolemäische Periode,
Foto: Bombaladan, Wikimedia Commons


Kornmumie aus der Spätzeit,
Rosicrucian Egyptian Museum in San Jose, Kalifornien,
Foto: BrokenSphere, Wikimedia Commons

Persönliche Sokar-Riten

Da auch mein Geburtstag etwa auf diese Zeit des Jahres fällt, ist mir das Sokarfest besonders wichtig geworden, wie auch Sokar als Gott selbst. Zu diesem Zweck habe ich eine Sokarstatue angefertig und zwar passenderweise aus einer sandhaltigen Modelliermasse in der sich auch einige Weizenkörner befinden. Die Sokarstatue ist ganzjährig verhüllt, wird aber zu Beginn meiner privaten Sokar-Riten aus ihrer Hülle befreit. Aus Tonerde, normaler Pflanzerde und Saatkörnern fertige ich dann kleine Mumien und weihe sie bei Bedarf auch mal Freunden; manchmal zusammen mit einem besonderen Anliegen für welches sie sich eine Wiederbelebung und neue Kraft wünschen. Diese Kornmumien werden dann während des Ritualzykluses aufgebahrt und erhalten gemeinsam mit Sokar täglich Speise- und Trankopfer, Gebete und Rauchopfer. Am Ende der Riten bringe ich die Kornmumien hinaus in die freie Natur und vergrabe sie an besonderen Orten, damit ihre Saat im Frühjahr aufsprießen kann und neue Lebenskraft dorthin fließen kann, wo sie erbeten wurde.


Schrein während der Sokar-Riten mit der enthüllten Statue

Kornmumien mit Hieroglyphen
Kornmumie mit Hieroglyphen

Sokar und ich

Meine persönliche Erfahrung mit Sokar ist, dass er ein sehr statischer Gott ist. Seine Präsenz ist unglaublich beeindruckend und beinahe überwältigend, doch er bewegt sich nicht und ist vollkommen passiv. Die Interaktion mit ihm fiel mir zunächst schwer, da ich mit Seth einen überaus aktiven und stürmischen Gott gewöhnt bin. Außerdem kommt man nicht umhin einen sehr gefährlichen und lebensfeindlichen Ort in der Duat aufzusuchen, wenn man ihm begegnen will. Zum Glück gibt es kaum einen besseren Begleiter in der Duat als Seth, so dass ich mir keine Sorgen machen musste. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich überhaupt einen Kontakt mit Sokar herstellen konnte, bis mir plötzlich klar wurde, das bereits das Empfinden seiner Präsenz dieser Kontakt war und auch nicht mehr als das werden würde. Ich konnte jedoch sehr deutlich spüren, wie er mich wahrnahm. Trotz seiner Regungslosigkeit erschien er mir äußerst kraftvoll. Ein wenig wie ein Fels in der Brandung.

möge mein Leib rein sein,
möge ich ein göttliches Gewand empfangen
möge ich (Ptah-)Sokar schauen

(Theben, Grab des Neferhotep)

Dua Sokar!


Literatur:
Ritner, Robert Kriech. „The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice.“

Assmann, Jan „Ägyptische Geheimnisse“, „Ägyptische Hymnen und Gebete“
Bonnet, Hans „Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte

Keine lieben Kätzchen – Kemetische Katzengottheiten – Teil III, geschrieben von Richard Chao

Samstag, 05. September 2015

Schesemu ist ein oft als löwenköpfig (manchmal auch widderköpfig) dargestellter Gott, der Herr der Parfüm, -Salben, -Myrrhe, -Wein -und Salbenherstellung. Auch als ein Gott der Balsamierung wird er genannt.

„…er ist Schesemu, der sie für Unas zerstückelt und ein Mahl kocht für ihn aus Ihnen…“

PicsArt_1432323528111Wenn man weiß, wie wichtig diese Bereiche für die ägyptische Kultpraxis waren, erkennt man in Schesemu einen durchaus wichtigen Gott. Eine starke Ambivalenz zu diesen Bereichen ist die Schilderung Schesemus als (wohlgesinnter) Unterweltsdämon und Folterknecht des Osiris. Wie meist bei ägyptischen „Dämonen“ (die auf ägyptisch genauso „netjer“ genannt wurden wie die Götter) hat auch hier der Begriff keinen Bezug zu einer bösartigen Gesinnung, Dämonen sind sehr oft einfach nur niedere Gottheiten oder Wesenheiten, die vor allem in der Duat präsent sind.
Eine interessante Überlieferung, auch im schamanistischen Sinne, schildert Schesemu als einen Dämon, der andere Götter schlachtet und in einem Kessel kocht. Was damit vermutlich verdeutlicht wird, ist der Akt in dem Schesemu die magischen und göttlichen Fähigkeiten der Götter (für den König) destilliert und kocht.

>>>[Ich habe ihn als Löwen in einem Buschland oder einer Savanne getroffen. Anschließend war ich in einem Gangsystem, überall mit Keilschrift an den Wänden. Am Ende dann in einem fensterlosen Raum, auch dieser über und über mit Schriftzeichen bedeckt. In dem Rahm war dann Schesemu und fragte mich was ich wolle, woraufhin ich mich lieber verdrückt habe.]<<< -Mandy

>>>[Ja, so eine Begegnung kann durchaus eindrucksvoll sein.]<<< -Chao

>>>[An einige der Schriftzeichen kann ich mich noch erinnern, Anubis in priesterlicher Gebetshaltung, ein Boot und eine liegende Mondsichel.]<<< -Mandy

Eine uralte Göttin ist Tefnut, dargestellt als menschengestaltig mit Löwenkopf.

„…Wenn Re den Himmel jeden Morgen durchfährt, dann ruht Tefnut auf seinem Haupt und sendet ihren Feuerhauch gegen seine Feinde…“

PicsArt_1432323577234Im Schöpfungsmythos ist sie eine der ältesten Entitäten und steht auch für die Wahrheit. Sie geht zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Schu aus dem Schöpfergott Atum hervor und stellt damit eine sehr archaische Kraft dar, vielleicht eine Art Urfrau, die auch immer wieder mit anderen katzen- oder löwengestaltigen Göttinnen verschmilzt.

Bekannt ist beispielsweise die Verschmelzung mit Sachmet und Bastet, durch die Inschrift „Als Sachmet ist sie zornig, als Bastet fröhlich.”
Obwohl sie löwenköpfig dargestellt wird, wird sie eher als nubische Katze beschrieben, erst im Zorn wird sie zur „wilden Löwin“. Sie stellt auch die Uräusschlange dar und selbstverständlich ist sie ein Sonnenauge des Re.

>>>[Tefnut hat mich an eine alte, einsame Berglöwin erinnert, kein Rudeltier jedenfalls. Dann wie eine Frau mit entblößten Brüsten und Löwenkopf. Ich nahm sie schwebend über einer weiten ruhigen Wasseroberfläche war. Um sie herum der aufsteigende Dunst des Wassers im Morgenlicht der Sonne vor strahlend blauem Himmel. Ihr Unterkörper war nicht zu sehen, er war wie gläsern und schien sich in dem Dunst aufzulösen. Sie schien den ganzen Luftraum auszufüllen. Sie wendete sich mit geschlossenen Augen der Sonnenscheibe zu und kehrte mir den Rücken, als wollte sie ihr Gesicht von der Sonne anstrahlen lassen. Dann sah ich sie allein hoch oben auf einem Felsvorsprung sitzen und die untergehende Sonne betrachten.]<<< -Sati

>>>[Ja, das deckt sich stark mit meinem Bild. Eine für mich eher ferne Göttin, die einen Schatten auf die anderen Löwinnen wirft und diese dadurch auch einen Teil von Tefnut in sich integrieren. Im positiven Sinne.]<<< -Chao

>>>[Ich bin zu einer Oase gekommen, einem Haus dort und einem Hausaltar und einem dazu gehörigen Krug. Mir kam eine Abessinerkatze in den Sinn und der Eindruck einer volksnahen Göttin, die in fast jedem Haus verehrt wird, assoziiert mit dem Schutz von Frauen, vor allem bei der Geburt, aber auch mit Tanz.]<<< -Bruji

>>>[Das trifft ziemlich genau den Bastet-Aspekt von Tefnut!]<<< -Chao

Auch Wosret ist eher Katze als Löwin, sie wird als bewaffnete Katze mit Messern oder auch als löwenköpfige Schlange dargestellt. Wosret ist eine weitere Schutzgöttin. Selbstverständlich beschützt sie den König, gilt aber auch als Schutzpatronin der Jugend. Ihr Name bedeutet „Die Starke“ und wird daher auch gern als Beiname für verschiedene andere Göttinnen in späterer Zeit verwendet.

Keine lieben Kätzchen – Kemetische Katzengottheiten – Teil I, geschrieben von Richard Chao

Samstag, 01. August 2015

Dass die Vorgänger unserer Hauskatze im alten Ägypten zeitweise ein hohes Ansehen genossen, ist allgemein bekannt. Vor allem die katzengestaltige Göttin Bastet ist Vielen ein Begriff. Auch der Sonnengott Re selbst wird oft als “der große Kater” bezeichnet.

Camera2-2014-11-09-13-34-28Es gab aber noch viele weitere, teilweise bedeutende Katzen- und Raubkatzengottheiten, die freilich, wie in Ägypten üblich, oft in Synkretismen miteinander verbunden waren, teilweise auch zeitweise zusammengeführt oder assimiliert wurden. Auf diese teilweise recht komplizierten Synkretismen wollen wir hier aber nicht näher eingehen sondern wenden uns den Gottheiten im Einzelnen zu, soweit sie bekannt sind. Ich möchte nicht nur die Bekanntesten dieser Gottheiten auflisten sondern auch meine Eindrücke sowie die von verschiedenen „Reisenden“wiedergeben, die sich mit ihnen beschäftigt haben.

Beginnen wir mit der Bekanntesten, Bastet, die in der Frühzeit noch als Löwin dargestellt wird, dann jedoch als sitzende Katze oder Menschenfrau mit Katzenkopf.

„…Worte zu sprechen von Bastet, der Großen, der Herrin von Bubastis, dem Auge des Re, die in Behedet weilt, die auf dem Thron sitzt, die die Feinde tötet, die die von den Göttern geschützt wird…“

Bastet hat eine enge Verbindung zu Sachmet, als deren sanfte Seite sie manchmal bezeichnet wird. Trotzdem ist auch die Bastet ein „Sonnenauge des Re“, das ihren Vater, den Sonnengott beschützt. Es überwiegen aber eindeutig ihre schützenden Seiten, vor allem dem Schutz der Schwangeren und Kinder scheint sie zugetan. Bast gilt aber auch als eine Göttin der Freude, der Feste, der Musik und des Tanzes und möglicherweise der Trunkenheit, jedenfalls spielte selbige in einem bekannten Fest zu Ehren Bastets, dem Bubasteia, eine nicht unwesentliche Rolle.

>>>[Sie wirkt wie eine abgeklärte alte Kätzin auf mich. Sie ist schwarz, sehr groß und hat grüne Augen. Auf der Brust hat sie einen weißen ovalen Fleck. Ich muss an einen Skarabäus denken, es ist aber keiner. Ich begegne ihr auf einem felsigen Hochplateau wo ein offener Tempel steht mit vielen Säulengängen. Sie leckt mir mit ihrer rauen Katzenzunge übers Gesicht zur Begrüßung und führt mich dann in den Tempel. Überall springen Katzen rum, junge, ältere, sie gibt mir zu verstehen, dass das alles ihre Kinder sind. Die Katzen sind aber nicht einfach nur Katzen, manche von ihnen fühlen sich menschlich an, obwohl sie Katzengestalt haben. Als würden sich hier die katzenartigen Seelen von verschiedenen Menschen aufhalten. Sie legt sich auf den Steinboden in einen Sonnenstrahl und ich lege mich zu ihr. Sie ist ungefähr so groß wie ich, also weit größer als eine normale Katze. Ich darf mein Gesicht in ihrem weichen Bauchfell begraben. Ihre großen hellgrünen Augen schauen sehr aufmerksam umher, sie scheint trotz ihrer vordergründigen Passivität alles unter Kontrolle zu haben. Sie schützt ihre Familie. Dann sitzt sie mir plötzlich gegenüber. Sie leckt wieder mein Gesicht und umschmeichelt mit ihrem großen Kopf meinen. Ihre Schnurrbarthaare kitzeln und ihre sanften Bewegungen wirken plötzlich sehr erotisierend auf mich. Ich komme fast in eine Art Rauschzustand und merke wie ich immer stärker von ihr angezogen werde und Schwierigkeiten habe zurückzukehren. Schließlich löst sie sanft die Verbindung und lässt mich gehen.]<<< -Sati

>>>[Meine erste Begegnung mit Bastet war nicht informativ aber einprägsam. Es war weniger eine visuelle Erfahrung als eine emotionale: Eine Umarmung und eine Berührung die mich, mit Verlaub, tief erschütterte in ihrer beruhigenden, beschützenden und ein bisschen augenzwinkernden Liebenswürdigkeit.]<<< -Chao

Camera2-2015-05-22-21-08-33.

Weniger bekannt sind die alte Panthergottheit Abi, zunächst ein Himmelspanther als Totengöttin in der Duat, später zunehmend eine Schutzgöttin.

„…Abis Krallen ruhen auf der Brust des Verstorbenen, um ihn im Jenseits vor bösen Mächten zu schützen…“

>>>[Bei einer Reise nahm ich sie wechselnd als schwarze Katze, junge Schönheit und als ältere, dunkelhäutige Frau wahr. Ihr Wesen war sehr vereinnahmend, und als ich kurz abgelenkt war hieb sie mir sofort mit den Krallen über die Wange, bis ich wieder da war. Ich nahm sie als sehr kriegerisch wahr, als Göttin die über verbrannte Erde wandelt und Verwundete mit Wasser labt. Also auch einen trostspendenden Aspekt.]<<< -Monja

>>>[Himmelspanther und Totengöttin ist ja auch durchaus ambivalent. Die verbrannte Erde hört sich stark nach der Duat an.]<<< -Chao

>>>[Ich habe irgendwie auch Menschenopfer dort gesehen, wobei ich eher glaube, dass sie selbst es war, die geopfert wurde, oder sich opferte.]<<< -Monja

Camera2-2015-05-22-21-07-16Auch Kenmet ist ein Totengott, ein Leopardengott der in einem dauerhaften Kampf mit dem (göttlichen) Pavian steht, den er von anderen Göttern festhält.

„…Kenmet ist der Leopard, der in der Balsamierungshalle die Götter vor dem Pavian schützt…“

>>>[Kenmet wirkt auf mich sehr ambivalent, der Kampfaspekt hat etwas Rituelles und Zyklisches; eine rituelle Notwendigkeit scheint in seinem dauerhaften Kampf zu liegen.]<<< -Chao

mafdetMafdet wiederum ist populärer. Auch sie ist eine Pantherkatze und eine Beschützerin, aber mit hervorgehoben grausamen Zügen.

„…die Herrin des Lebenshauses, die Vernichterin feindlicher Schlangen und Beschützerin…“

Sie frisst die Köpfe der hingerichteten Verbrecher, sie ist „Mafdet mit dem Messer in der Hand“ und sie reißt Apophis das Herz heraus. Durch die Vielzahl ihrer Schutzfunktionen war Mafdet eine der idealen Beschützerinnen des Horus oder des Königs, eine seltener erwähnte Throngöttin.

>>>[Ich habe Mafdet als große Raubkatze gesehen, zunächst wie ein Gepard, dann eher wie ein Leopard. Sie hat mich zurechtgewiesen, nicht die Trommel sondern die Schellen zu benutzen, um sie zu rufen und mir gesagt, dass sie „die ist, die dem Leben nimmt, und dem Tod gibt“. Als ich nahe bei ihr war, hat sie sich in eine Frauengestalt mit nacktem Oberkörper und einem gefleckten Tierfell als Gürtel verwandelt. Als sie die krallenbewehrte Hand hob, entströmten ihr eine Unmenge schwarzer Fliegen, die den Raum füllten. Dann nahm sie mich mit, wie eine dunkler und dunkler werdende Höhle hinab.]<<< -Iffi

>>>[Dann hat sie dich vermutlich mit in die Duat genommen]<<< -Chao

>>>[Es war so dunkel, dass ich nur noch ihre Augen glühen sah. Ich musste etwas für sie tun, einen Toten ein Stück tragen in einer sehr merkwürdigen Umgebung, wie dunkles Leuchten, die Mitte einer Flamme. Anscheinend war es wichtig, dass er nicht mehr blutet. Dann sollte ich ihn liegenlassen, er könne nun alleine weiter.]<<< -Iffi

>>>[Klingt wie ein symbolischer Psychopompos mit Mafdet, die Hilfe für einen Verstorbenen in der Duat.]<<< -Chao

mafed

Leicht mit Mafdet zu verwechseln ist die männliche Gottheit Mafed. Auch er ist ein Totengott, der in der Duat Wege für die Verstorbenen erschließt. Er gilt als „der Kater“.

„…der Kater, der in der Duat die Wege für die Verstorbenen erschließt…“

>>>[Ich habe ihn tief unten in der Dunkelheit gefunden. Ein Drache umkreiste ihn und mich. Mafed ließ mich zusehen, wie er andere auseinander nahm und neu zusammensetzte. Er zerfleischte und zerstückelte in einer blutigen Kompromisslosigkeit. In seiner Gegenwart heißt es, auf der Hut zu sein.]<<< -Tante Anita

Mahes ist eine männliche, vor allem im Delta verehrte, Löwengottheit, der „wildblickende Löwe“.

“…Worte zu sprechen von Mahes, dem Sohn der Bastet im Gefilde von Netjerit, dem Löwen mit großer Kraft, der die Feinde fällt und vom großen Thron fern hält. Der Blitzende und Donnernde, der Herr des Dunkels und der Winde…“

MaahesMaahes Bronze Statue, Ptolemäische Periode, (664 – 30 v. Chr.)

Er wird als Mensch mit Löwenkopf dargestellt, oft mit Messern in den Pranken, was seinen kriegerischen Charakter noch verstärkt. Als Löwe wird er gerne dargestellt, wie er einen Gefangenen von hinten anfällt und verschlingt, als „Herr des Gemetzels“ der sich über Blut freut. Er galt als Sohn der Bastet.

>>>[Mir hat er sich als großer, schwarzer Panther gezeigt. Er wanderte durch die Dünen und knurrte und brüllte die Sonne an. Außer ihm waren nur Dünen, Sonne, Himmel. Und als er mich ansah, traten glühende Bäche unter seinen Tatzen hervor, die dann zu richtigen Lavaflüssen wurden, bis schließlich nichts außer ihm und Lavaseen war]<<< -Anufa

Ähnlich unangenehm konnte Mehit werden.

„…Worte zu sprechen von Mehit, dem Auge des Re, der Gebieterin von Tjar, der Starken in der Stätte des Erstechens…“

Als alte, prädynastische Gottheit wird sie als ruhende Löwin mit drei-vier Stangen auf dem Rücken dargestellt. Erst später erscheint sie als löwenköpfige Menschenfrau. Mehit war Anhor und Onuris als Gattin zugetan; beiden steht sie als Kämpferin zur Seite, so wie sie auch mit der Uräusschlange als Beschützerin des Re verglichen wird. Interessant ist der Mythos, in dem Onuris die Mehit aus Nubien sozusagen importiert, indem er sie dort jagt, befriedet und „heim“ führt. Er wird dort auch als „Der die Ferne zurückbringt“ beschrieben.

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Ende Teil I

Schamanismus im Alten Ägypten

Samstag, 25. April 2015

Es ist nicht leicht schamanische Aspekte in der altägyptischen Kultur zu entdecken, unter anderen weil der Begriff Schamane oder Schamanismus ebenfalls in seiner Auslegung variiert, je nachdem welche Autoren man heranzieht. Und noch schwerer ist es die schamanischen Elemente so stichhaltig zu belegen, dass man den aktuell anerkannten Stand der Geschichtswissenschaften überstimmen könnte. Dieser ist nämlich, dass es im Alten Ägypten keinerlei veränderte Bewusstseinszustande im Kult gegeben haben soll. Damit wäre einer der wichtigsten Aspekte der schamanischen Arbeit, die Trance, der Seelenflug oder die Ekstase bereits von vorn herein ausgeschlossen.

Elliott Rivera, Sangoma der Afro-kubanischen Santeria, Wikimedia Commons

Animismus, Totemismus, Götter

Schamanismus ist jedoch oft in einen animistischen Kontext eingebettet und dieser lässt sich durchaus in der altägyptischen Theologie finden. Die Annahme des Alles-Beseelten zeigt sich in mannigfaltigen Vergöttlichungen verschiedenster Erscheinungen der Wirklichkeit. Sogar so abstrakte Begriffe wie „Lebensdauer“ oder „Einsicht“ fanden die Form einer eigenständigen Gottheit. Hier muss man jedoch auch einräumen, dass der Begriff „netjer“ (= altägyptisch Gott) nicht mit dem heutigen, meist monotheistisch geprägten Verständnis von Gott vergleichbar ist. Vielmehr bezeichnet „netjer/netjeri/netjeru“ eine ganze Sphäre von Heiligkeit, die geistartiger Qualität ist und vor allem durch ihr Wirken in Erscheinung tritt. So ist z.B. die Hieroglyphe für „netjer“ ein Fähnchen. Wie der Wind das Fähnchen „belebt“ treten auch die Götter in der Natur in Erscheinung. Auch ist der Mensch durchaus nicht die Krone der Schöpfung. Tiere wurden zum Teil als lebende Avatare der Gottheiten betrachtet und entsprechend behandelt und später fürstlich bestattet. In Darstellungen des Alten Reiches finden sich grafische Deifizierungen menschlicher Wesen in Form von tierischen Attributen, wie Flügel, Tierkörper, Tierköpfe etc.

Schamanismus vs. Tempelkult

Schamanische Arbeit im offiziellen Tempelkult zu suchen – der mit Abstand am besten belegt ist – dürfte ein schwieriges Unterfangen sein, denn es kennzeichnet Schamanen meist im Besonderen, dass er seine andersweltliche Arbeit überwiegend im Kreis überschaubarer sozialer Gruppen durchführte. Die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits für eine Gruppe von Menschen aufzuheben erfordert geradezu einen intimeren Kreis insbesondere, wenn dabei Bewusstseinsmodifikationen herangezogen werden, deren oft schwer kontrollierbare Eigendynamik Zugewandheit und Vertrautheit erfordert. Dies zu gewährleisten ist aber wiederrum unter anderem die Aufgabe von Ritualen und ritualisierten Handlungen. Rituale bieten eine Möglichkeit Wahrnehmung, Verhalten und in der Folge Empfindung auf mehreren Ebenen für viele Teilnehmer zu synchronisieren. Menschen, die schon einmal auf einem Rockkonzert waren, werden diese Massendynamik, synchronisiert durch die Musik, sicher bereits schon einmal gespürt haben. Die Tatsache, dass man im Verlauf der ägyptischen Geschichte großen Wert auf die korrekte und konsistente Durchführung vom Kultritus legte, hat weniger mit Dogmatismus zu tun sondern mit dem Wunsch die Wirkung dieser Handlungen dauerhaft zu erhalten. Und eine der Hauptwirkungen war selbstverständlich der Kontakt mit den Göttern und Wesen der nicht-diesseitigen Welt. Die Grenzen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits aufzuheben, war ein Produkt einer ständig wiederkehrenden kultischen Interaktion. Götter waren weder omnipräsent noch omnipotent und ihr Wirken bedurfte der Unterstützung durch den Menschen.

Zwei-Klassen-Mystik

Die altägyptische Gesellschaft entstand aus schamanisch geprägten Nomadenvölkern der Sahara, die zunehmend am Nil seßhaft wurden als die Sahara immer mehr zur unbewohnbaren Wüste wurde. So entstand ein konzentrierter multikultureller Staat aus vielen einzelnen Kulturkeimzellen, die einander anerkannten. Hier liegt auch nicht zuletzt der so unüberschaubar große und vielschichtige ägyptische Polytheismus begründet, denn kaum eine Gottheit musste der anderen weichen. Die ägyptische Kultur verfolgte stets eine Mentalität der Einbeziehung und Erweiterung, statt der Zwangsfusion und Exklusion. Dennoch gab es natürlich im Zuge politischer Schachzüge auch immer wieder Synkretisierungen und Verschmelzungen, doch geschah dies häufig auf staatspolitischer Ebene – und blieb im Großen und Ganzen auch dort. Selbst zur Amarnazeit, als Amenophis IV – besser bekannt als Echnaton – den Sonnengott Aton zum einzigen Gott Ägyptens ausrief, beeindruckte das den normalen ägyptischen Bürger recht wenig, der nach wie vor seine ihm vertrauten Hausgottheiten verehrte. Von den Auseinandersetzungen zwischen Königshaus und Priesterschaft blieb er weitestgehend unbeeindruckt, was nicht zuletzt auch ein infrastrukturelle Gründen haben mag. Auch hier liegt eine nicht zu unterschätzende Grundlage des schier unerschütterlichen Polytheismus.

Diese spirituelle Eigenständigkeit des ägyptischen Volkes legt auch die Vermutung nahe, dass sich in puncto Magie und andersweltlichem Handeln wohl ebenso unabhängig vom großen Staatskult verhalten haben mag. Magische Praktik war dem einfachen Ägypter ja keineswegs untersagt, im Gegenteil, jeder bediente sich gleichermaßen dieser Mittel, wie auch die Priester in den Tempeln. So wäre es fast naiv anzunehmen, dass es im ägyptischen Volk nicht auch Personen gegeben hat, die ihre übersinnlichen Fähigkeiten zum Wohle der engeren Gemeinschaft einsetzten. Für das Gesundheitswesen ist dies z.B. gut belegt. Die Überlieferungen der Arbeiterstadt Set-Ma’at zeigen recht deutlich, dass die altägyptischen Arbeiter trotz organisierter medizinischer Versorgung und Infrastruktur, die Pflege in medizinischen Belangen meist selbst und innerhalb der Familie übernahmen. Da Erkrankungen stets als andersweltliches, magisches Wirken interpretiert wurden, darf man also ruhig davon ausgehen, dass die Versorgung unter Einbeziehung dieser Dimension erfolgte.

Die ägyptische Gesellschaft war entgegen aller idealisierten überlieferten Darstellungen eine Zweiklassengesellschaft und nicht jedem war die Teilnahme am Staatskult mit all seinen Ausprägungen möglich. Dies zeigt sich am deutlichsten an den Begräbnisgepflogenheiten, deren Standesunterschiede größer nicht sein könnten. Dabei ist die Mumifizierung bereits aus der Prädynastik belegt, selbst wenn die Verstorbenen hier auch mal notdürftig in Tierhäute geschlagen wurden. Gerade deshalb finden sich aber unzählige Spuren, die auf eine rege Anwendung von einfachster Magie im Volkskult schließen lassen. Fetische, Amulette, Hausschreine und einiges mehr gehörte zur andersweltlichen Ausrüstung des ägyptischen Bürgers. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass der Staatskult den Volkskult inspiriert hat und der durchschnittliche Ägypter versucht den „Großen“ des Staates nachzueifern. Für die Frühzeit ist jedoch zumindest auch die Frage berechtigt, ob dies nicht sogar genau umgekehrt gewesen sein mag und der Volkskult Pate für den Staatskult gestanden hat.

Sem-Priester

Sem Priester mit Pantherfell der eine Wasservase hoch hält, Ausschnitt aus einer Totenstele ca. 1400 - 1350 v. Chr., Walters Arts Museum, Wikimedia Commons Sem Priester mit Pantherfell der eine Wasservase hoch hält
Ausschnitt aus einer Totenstele ca. 1400 – 1350 v. Chr.
Walters Arts Museum, Wikimedia Commons

Für einen Priester gilt das im besonderen, nämlich den Sem, ein altägyptischer Totenpriester, der aus der Prädynastik belegt ist und als einziger Priester mit einem Trance- oder Meditationsartigen Zustand arbeitet, der sog. Schlaf des Sem. Seine Rolle zieht sich nahezu unverändert bis in die Spätzeit hinein, was die Wichtigkeit seiner Funktion deutlich macht. In ihm konzentriert sich der Schnittpunkt zwischen Diesseits und Jenseits.

Die häufigste Interpretation dieses Kultaktes ist, dass der Sem symbolisch die Rolle des Sohnes des Verstorbenen übernimmt und dessen Bild in einen Stein projeziert um dann Bildhauern genaue Anweisungen zur Herstellung einer Statue zu geben. Dazu benutzt er eine Art Netz, der man i.d.R. rein handwerkliche Funktionen zuschrieb, doch einige Historiker legen den Verdacht nahe, dass es sich dabei auch um ein kultisches Werkzeug gehandelt haben könnte, welches ähnlich einem Fischernetz Einsatz fand um die Seele des Verstorbenen sicher aus der Duat zu „fischen“. Denn es bestand die Sorge, dass die Toten in der Duat, die von einem Fluß durchzogen war, verloren gingen und so der Rechtfertigung nicht unterzogen werden konnten, die nötig war um im Reich das „Westens“ als gerechtfertigter Ahnengeist, als Ach, das ewige Leben zu verbringen. Es gibt fast keinen Gegenstand im ägyptischen Kult, der nicht auch magisch-mystische Bedeutung hat. Oftmals ist diese nachträglich neu hinzugefügt oder modifiziert worden, doch man darf mit Recht annehmen, dass nichts nur rein weltliche, praktische Bedeutung hatte, was in den Riten Anwendung fand.

Kultische Spurensuche

Hinsichtlich des prädynastischen Usus Leichname in Tierhäute einzuhüllen, kann man sich ebenfalls erfolgreich auf Spurensuche nach schamanischen Elementen begeben. Das Einhüllen in Tierhäute wird in einem weiteren Ritus vermutet, nämlich das Fest zur Verjüngung des Königs, das sog. Sed Fest, dessen Ursprünge weit vor die Zeit der Frühdynastik zurückreichen. Das Netjeret oder Ba-Ani, das Pantherfell, gehörte zum festen Ornat des Königs und stellte den Geist des Himmelspanthers dar, der Duatgöttin Mafdet, die die Toten schützte aber auch richten konnte. Außerdem trug der Pharao einen Stierschwanz an seinem Ritualgewand von dem angenommen wird, dass es ein Überbleibsel einer kompletten Tierhaut ist.

Eine Verjüngung findet auch regelmäßig für den Sonnengott Re statt, der nachts die Unterwelt mit seiner Barke durchfährt um am nächsten Morgen wieder im Osten seine Himmelsfahrt anzutreten und Re war im Alten Reich das Vorbild aller Verstorbener, die hofften an seinen Verjüngungsfahrten teilnehmen zu dürfen. Hier lässt sich also bereits eine Diesseits/Jenseits Thematik erkennen, die möglicherweise auch Bestandteil des Sed Festes war.

Darstellung eines Tekenu Darstellung eines Tekenu

Die Grenzen zwischen dem Diesseits und Jenseits überschreiten und sogar auflösen zu können, mit den drüberen Wesenheiten in Kontakt zu treten ist eine wichtige Aufgabe der Schamanen vieler Kulturen. Weiters gibt es ein Element des ägyptischen Totenkultes bei dem der sog. „Tekenu“ den Verstorbenen auf der Barke zu seinem Haus der Ewigkeit begleitet. Der Tekenu taucht in den Darstellungen als ein in Tierhäute gewickelter Haufen auf, mit einem menschlichen Gesicht. Einige Interpretationen vermuten eine Art „Ersatzkörper“ mit Köderfunktion, die negative Energien auf sich ziehen und vom Verstorbenen fernhalten soll, andere Historiker sehen aber die Möglichkeit, dass es sich dabei um den oben erwähnten Sem handeln könnte, der in Tierhäute gehüllt und damit für die Jenseitsreise gewappnet, die Reise des Verstorbenen auch von jenseitiger Perspektive überwachte. Das Kleiden in Tierfelle ist aus vielen schamanischen Kulturen bekannt und stellt häufig eine rituelle Verschmelzung mit einem andersweltlichen Wesen oder/und eines Tiergeistes dar oder dient einfach als Schutz. Die Parallele zum Pantherfell, dem schützenden Geist des Himmelspanthers, der bezeichnenderweise wie eine „Umarmung“ mit den Fellpfoten getragen wird, ist hier offensichtlich.

Sistrum, Britisches Museum, Wikimedia Commons

Forscht man noch weiter so entdeckt man noch mehr Hinweise auf die einst schamanische Rolle des Pharaos. Eines seiner Machtsymbole, das Sechem-Zepter (sechem=Macht), ist identisch mit einem Sistrum, einem Rasselinstrument bestehend aus einem Metallbügel und Metallscheiben, welches in der Frühzeit zusammen mit  dem Pantherfell, zur Ausrüstung des Königs gehörten. Vom Sistrum wird angenommen, dass es in der Prädynastik als kultisches Instrument diente um mit Ahnenseelen Kontakt aufzunehmen und somit in seiner Form als Zepter die Fähigkeit demonstrierte, die Grenze zum Jenseits zu überschreiten. Rasselinstrumente sind neben Trommeln als schamanische Werkzeuge in vielen Traditionen üblich.

Das Sistrum ist auch eine wichtige Insignie für eine weitere Gottheit nämlich, Sachmet, „die Mächtige“ und löwengestaltige Göttin die einen weiteren Hinweis auf schamanische Elemente liefert, nämlich den veränderten Bewusstseinszustand.

Rausch, Trance, Ekstase

Sachmet zu Ehren hielt man nämlich ein Fest des heiligen Rausches ab, das Fest der Trunkenheit, dessen Name Programm ist. Das heisst, es wurde in der Tat exzessiv Alkohol getrunken. Sich den Riten zu entziehen wurde schwer mißbilligt, Kontrollverlust galt als unschicklich, jedoch war es völlig akzeptabel sich bis zum Erbrechen zu betrinken.

emetic

Allerdings liegt dem ein Mythos zu Grunde, der deutlich weniger amüsant ist, als es das feuchtfröhliche Fest vermuten lässt. Der Mythos berichtet vom Aufstand der Menschen gegen die Götter insbesondere gegen den inzwischen alterschwachen Sonnengott Re. Manche planen sogar ihn zu töten und verweigern Opfergaben.

DSC_0284 Sachmet, Ägyptisches Museum München

Re beschließt die Menschheit zu vernichten und beauftragt nach einem Götterrat, Sachmet mit dieser Mission zu betrauen, während er sich auf dem Rücken der Himmelskuh in Sicherheit brachte.

Sachmet gerät in einen Blutrausch und kurz bevor sie die gesamte Menschheit ausrottet, überkommt Re Reue und er bittet Thoth um Hilfe. Dieser färbt zusammen mit Re Bier mit rotem Ocker und schüttet es auf die Erde. Sachmet merkte in ihrem Rausch nicht, dass es sich um Bier handelte und trinkt gierig bis sie sturzbetrunken einschläft. Sie erwacht als sanftmütige Hathor, die Göttin des Festes, der Musik und der Trunkenheit. Und das Sistrum ist einer der wichtigsten Hathor Insignien überhaupt.

Schamanismus und moderne kemetische Praxis

Die Suche nach Schamanismus in Ägypten bleibt sicherlich eine Suche nach Indizien, jedoch lohnt es sich als kemetisch Praktizierender diesen Sprung ins Mutmaßliche zu wagen. Viele Lücken in der Kultpraxis lassen sich auf diese Weise überraschend gut schließen, kulturgeschichtliche Fragestellungen, die für die kemetische Praxis von historischer Seite meist nur unbefriedigend beantwortet werden können, finden hier spannende und vor allem praktikable Ergänzungen. Die ägyptische Religion, so überwältigend, kulturell entwickelt und prunkvoll sie auch wirken mag, bleibt im Kern doch eine Naturreligion für deren Beständigkeit der einfache Ägypter und seine selbstbewusste mystisch-magische Auseinandersetzung mit den natürlichen Gegebenheiten über Jahrtausende hinweg sorgte.

Literatur:
Hartwig Altenmüller – die Wandlungen des Sem Priesters
Sabine Neureiter – Schamanismus im Alten Ägypten
Jeremy Naydler – Schamanic Wisdom in the Pyramid Texts
Jan Assmann – Tod und Jenseits im Alten Ägypten
Erik Hornung – Der Eine und die Vielen: Altägyptische Götterwelt