Mit ‘Ahnen’ getaggte Artikel

Vom großen “Danach” geschrieben – Teil II von Väinäsisu

Samstag, 08. März 2014

Der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle noch einen weiteren Ort nennen, der allerdings einen explizit germanischen Charakter hat und noch expliziter – meines Wissens – so nur von mir vertreten wird:

Dieser Aufenhthaltsort für die Toten, ist unter germanisch orientierten Heiden als „Folkvang“ geläufig; Der Wohnsitz Freyjas.

Den schriftlichen Quellen zufolge hätte Freyja die erste Wahl bei der Auswahl der „Gefallenen“. Ich bin geneigt dem zuzustimmen, weil ich diesbezüglich folgende….“Theorie“ habe: In der historisch germanischen Weltsicht war die Sippe der Dreh- und Angelpunkt im Leben eines jeden Menschen.

Darüber hinaus wurde die Sippe als Gemeinschaft der Lebenden und der Verstorbenen gedacht.

Und nach dem, was ich an diesem Ort gesehen habe, gehe ich davon aus, dass Freyja diejenigen zu sich nimmt, die künftig über das Wohl ihrer Sippe wachen. Die „Disen“ sind in diesem Zusammenhang ein Begriff – die weiblichen Schutzmächte einer Sippe. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen möchte ich allerdings ergänzen, dass diese Aufgabe nicht ausschließlich von Ahninnen wahrgenommen zu werden scheint.

Nunja – ich wollt’s mal erwähnt haben. Nehmt’s als Denkanregung oder streicht es einfach wieder aus dem Gedächtnisprotokoll… ;-)

Wie gesagt…manche unmittelbaren Erlebnisse in der Anderswelt haben das Zeug, sich als Wahrheit im Bewusstsein festzusetzen. Mir persönlich haben meine diesbezüglichen Reisen geholfen, Unwissenheit zu beseitigen…was jedoch nicht heißt, dass es den Gedanken ans Sterben weniger beängstigend macht.

Nach der Lektüre des Vorangegangenen könnte man den Eindruck gewinnen, der Nachtod würde automatisch einen…mehr oder weniger…„vorherbestimmten“ Weg oder Ort nach sich ziehen; Dem ist nicht so.

Was immer Seele ist, sofern man eine solche Idee überhaupt als gegeben annimmt – gibt es je nach Epoche und kulturellem Hintergrund durchaus unterschiedliche Vorstellungen diesbezüglich; Und ich kann dieses Thema auch weder hier noch für mich selbst abschließend beantworten. Daher beschränke ich mich auch auf die Schilderung meiner Erfahrungswerte in der schamanischen Praxis.

In diesem Sinne…es kann durchaus vorkommen, dass Menschen ihr eigenes Ableben nicht als solches registrieren. Ein konkretes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung war eine ältere Dame, die nach Schilderung ihrer Angehörigen, zwei Jahre vor ihrem Tod wegen Altersdemenz in ein Pflegeheim gegeben worden war.

Die Demenz war offenbar Ursache dafür, dass sie sich weder ihres Todes bewusst war – noch der letzten örtlichen Veränderung, weg von dem Zuhause, in dem sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hatte.

Eine weitere Möglichkeit kann meines Wissens ein sehr plötzlicher Tod sein. Und auch die Weigerung den Tod überhaupt zu akzeptieren kann eine Rolle spielen; Ein Loslassen aus verschiedensten Gründe zu verweigern.

Selbst ein Suizid durch Erhängen wurde mir mal vom Freund des Verstorbenen  geschildert…weil die Art des Todes den erfahrenen Eindrücken gemäß ein Ablösen vom Körper verhinderte. (wobei mir gerade bewusst wird, dass ich im Lauf der Zeit wohl doch ein paar Erfahrungswerte Anderer erzählt bekommen habe)

In solchen und anderen Fällen kann abseits eines akuten Todesfalls eine Intervention nötig werden, weil es diesen Menschen ja im Grunde nicht gut geht mit der bestehenden Situation. Etwas ist nicht zu dem nötigen Abschluss gelangt. Sie sind „hängen geblieben“ ist diesbezüglich eine saloppe Redewendung. Ähm…was kein morbides Wortspiel auf den oben genannten Fall sein soll !

Entsprechend werden solche Menschen nach Möglichkeit aus dieser Situation des Stillstands befreit (was mitunter erheblichen diplomatischen Aufwand erfordert) und – zumindest oft – unter Rücksprache mit den eigenen Helfern an den Ort oder zumindest dessen Grenze verbracht, der für sie notwendig ist.

Umgekehrt kann es – daran wurde ich erst jüngst wieder erinnert – sinnvoll sein, zum Beispiel mittels einer oder auch mehrerer Reisen den Hinterbliebenen eine Erleichterung im Umgang mit der Trauer zu ermöglichen.

Weil sich im besten Falle infolge dessen eine klar empfundene Überzeugung einstellen kann, dass es der verstorbenen Person, oder durchaus auch dem Haustier, gut geht; Beides habe ich so erlebt und auch geschildert bekommen. Der Trauer ist es egal, auf wen sie sich bezieht…

Im Zuge der letzten beiden Beiträge bin ich außerdem zu der Entscheidung gelangt, dass es beim nächsten Mal um die Themen Seelenverlust und -rückholung gehen soll – auch weil sie in engem Zusammenhang mit dem Tod stehen können.

Vom großen „Danach“ geschrieben – Teil I von Väinäsisu

Samstag, 08. Februar 2014

Obwohl es wohl das Thema ist, über das jeder und jede früher oder später ins Grübeln kommt, hat es sich in 15 Jahren aus irgendeinem Grund nie ergeben, mich darüber mit anderen Praktizierenden auszutauschen. Das Folgende ist demgemäß höchst subjektiv – wobei ich allerdings davon ausgehe dass es einige Gemeinsamkeiten mit den Erfahrungswerten anderer gibt.


Das „Land der Toten“

Wie ich es für mich nenne – oder im Sinne germanisch-heidnischen Denkens das Totenreich „Hel“, dessen Schilderungen in der Edda man wohl vor dem Hintergrund der Glorifizierung des Schlachtentods in der Wikingerzeit und auch einfließenden christlichen Vorstellungen betrachten muss, hat in meiner praktischen Erfahrung nichts, aber auch gar nichts mit den Schilderungen in den schriftlichen Quellen zu tun.

Zunächst mal ist dieses eine Totenreich (nebst anderen) meinen Eindrücken nach nur Teil der verschiedenen Regionen und Ebenen der Unteren Welt…wozu erwähnt sei, dass an dieser Stelle eigentlich etwas Grundsätzliches über Topographie und Bewohner der Anderswelt geplant war – aber da komm ich derzeit nicht recht voran; Zum Anderen ist mir persönlich nur eine Möglichkeit, bzw. ein Grund begegnet, warum man es überhaupt betreten sollte:

Wenn man…in diesem Falle ich…mal damit konfrontiert wurde, Verstorbene – oder Seelenteile Verstorbener (auf die Thematik „Seelenverluste“ bzw. „-rückführung“ gehe ich zu anderer Zeit nochmal ein) ins Totenreich zu begleiten, dann ging diese Reise ansich immer nur bis an eine klar definierte Grenze, nämlich die zum Totenreich selbst.

Entsprechend ist der einzige mir bekannte nennenswerte Grund diese Region überhaupt zu betreten, der – Seelenteile noch Lebender zurückzuholen, etwa weil sie mit dem Tod eines geliebten Menschen „versehentlich“ auf die andere Seite mit hinüber gewechselt sind. Ich belass es an dieser Stelle mal bei diesem zugegeben unvollständigen Beispiel; Alles darüber Hinausgehende würde jetzt zu weit in den Bereich der Möglichkeiten für Verluste von Seelenteilen hineinreichen.

Wie erwähnt ist das Totenreich meinen Eindrücken nach „nur“ ein eindeutig abgegrenzter Teil der Unteren Welt; Übersehen oder versehentlich überschreiten kann man diese Grenze nicht; und auch wenn ich grundsätzlich eine kultivierte Neugier befürworte, was das Reisen in die Anderswelt angeht, nehme ich den Bereich hinter dieser Grenze aus dem einfachsten aller Gründe aus: Die Lebenden haben dort per se nichts zu suchen !

Um genau zu sein, wurde ich seinerzeit von meinen Spirits auf ihre Initiative hin auf den ersten Eintritt in diesen Bereich in einer sehr spezifischen Weise vorbereitet – und auch das hat (für mich jedenfalls) offenbar seine Gründe. Ob ich darauf noch mal genauer eingehe, überlege ich mir noch.

Was ist also auf der anderen Seite – oder näher an der eigentlichen Frage:


Was passiert nach dem physischen Tod?

Sofern ich Verstorbene an die Grenze zum Totenreich führte, hatte ich oft das Erleben, dass sie von ihnen bekannten Personen in Empfang genommen wurden; Hinter dieser „Wand“ allerdings gestalteten sich meine Erfahrungswerte etwas anders:

Bei den Gelegenheiten, in denen ich dieses „Reich“ tatsächlich betreten habe, waren die für mich berührendsten Momente, dass ich – soweit ich mich entsinne – immer das Lachen spielender Kinder hörte; Als Vater weiß ich, wie das klingt.

Auch habe ich bei diversen Gelegenheiten Menschen gesehen, die hingebungsvoll verschiedenen Alltagstätigkeiten nachgingen – etwa das Hegen eines Schrebergarten Beets.

In der Summe haben mir diese Erlebnisse den Eindruck vermittelt, dass zumindest manche Menschen an diesem Ort in den Erinnerungen weiterleben dürfen, was ihnen zu Lebzeiten am Herzen lag.

Es gab auch andere Situationen, die ich gesehen habe – aber alles in allem lief es immer darauf hinaus, dass dieser Aufenthaltsort grundsätzlich ein Ort der Heilung ist !

Auch die Wesenheit…die Totengöttin – als germanisch orientierter Heide nenne ich sie „Hel“ – war in meinen Augen eine in dunkelblau gekleidete mütterlich-fürsorgliche Person.

Daraus ergibt sich für mich persönlich die Frage: Sollte der Tod das Ende von allem sein – wozu bräuchte es dann einen solchen Ort der Heilung ?!

Auf der anderen Seite bin ich trotz etwaiger Erfahrungen, die in eine solche Richtung deuten doch immer noch sehr ambivalent, was das Thema „Wiedergeburt“ angeht. Die modellhaften Erklärungen, die mir diesbezüglich im Lauf der Jahre untergekommen sind, haben im besten Falle an irgendeiner Stelle gehinkt – im schlimmsten Falle haben sich mir innerlich die Zehennägel aufgerollt. Und auch mit dem Begriff „Karma“ im Sinne einer Lebensspanne übergreifenden Aufgabenstellung kann ich persönlich nichts anfangen – aber das muss ich ja auch nur für mich entscheiden, wie jede_r Andere auch.

Auch die Überzeugung, dass Ahnen zuweilen ihre noch lebenden Angehörigen aufsuchen können, scheint vor der relativen Endgültigkeit dieses Aufenthaltsortes eher paradox…aber man muss auch nicht alles rational erklären können, denk ich – auch das hat seine Grenzen.

Spätestens wenn man nun eine gewisse Erfahrung mit dem Reisen hat, macht man irgendwann die Feststellung, dass sich manche Erlebnisse im Sinne einer Überzeugung festsetzen. So geht es mir unter anderem mit ebendiesem Ort. Dass ihm eine friedvolle Atmosphäre anhaftet – und dass er, so denke ich – eine glaubensübergreifende Existenz hat. Dass ich ihn halt „Hel“ nenne, ist nur Sache meines persönlichen Geschmacks.


Ende Teil I

Zwischen Gegenüber und Identifikation: Mein Verständnis von Gottheiten geschrieben – Teil I von thursa

Samstag, 30. November 2013

Letztens führte ich mit einer Freundin eine angeregte Diskussion darüber, wie denn Heidentum inklusiver werden könnte, unter anderem meine meine persönliche Baustelle queer betreffend. queer verwende ich nicht als Sammelbegriff für „lesbisch, bisexuell, schwul, transgender und noch so ein paar Geschlechter und Sexualitäten“, sondern als Verortung jenseits der heterosexuell-zweigeschlechtlichen Normalität; sich als queer zu bestimmen, heißt für mich, kurz gesagt, die kulturellen Regeln, die Geschlechter und Sexualität bestimmen, in Frage zu stellen.

Als queere Person Heidin zu sein, ist für mich insofern nicht ganz einfach, als – entgegen weitverbreiteter Annahmen – allein das Fehlen von offener Ablehnung und einschlägigen Stellen in heiligen Schriften noch keine Praxis macht, in der es für queers auch behaglich ist. Auch – und um so mehr, als sie sich als körperfreundlich, sex-positive und lustbetont präsentieren: gerade – heidnische Zusammenhänge stecken voller Annahmen über Geschlecht, Sexualität und Partnerschaften, bei denen viele Menschen nicht darauf kommen, an welchen und wie vielen Stellen eine schmerzhaft mit diesen Annahmen kollidieren kann.

Irgendwann in dieser Unterhaltung fiel die Aufforderung: „Werde doch mal konkret, erzähl doch mal von deinen Gottheiten.“ Meine Antwort darauf war (zusammengefaßt), daß es für diese Frage weniger wichtig ist, wer „meine Gottheiten“ sind, sondern vor allem, wie ich sie sehe und verehre. Ich will diese Antwort hier ein wenig genauer ausführen – und einen Disclaimer anbringen: Was ich hier schreibe, ist meine äußerst persönliche Sichtweise. Sie ist in keiner Weise repräsentativ für die gesamte Nornirs Ætt.

Exkurs: Das kann doch jede_r machen, wie er_sie will… oder doch nicht?

Warum muß ich darüber überhaupt diskutieren? Kann das nicht jede_r machen, wie er_sie will?
Im Prinzip ja. Vor allem solitary pagans können es tatsächlich machen, wie sie wollen.

Für mich fängt das große Aber in dieser Hinsicht damit an, daß das, was die dominante Gruppe aka „Die Mehrheit“ macht bzw. für richtig hält – der_die Diskursanalytiker_in würde sagen: die hegemoniale Position – überall und nirgendwo abgebildet ist, in jedem heidnischen Einsteigerbuch geschildert wird, die Grundannahme von gefühlt 95% aller Texte bildet, überall praktisch Konsens herrscht: So macht man’s!
Darauf, es überhaupt anders machen zu wollen, muß eine überhaupt erstmal kommen, und das ist um so schwerer, je mehr eine dabei das Rad neu erfinden muß; um so schwerer, je weniger überhaupt Alternativen dargestellt und denkbar gemacht werden; um so schwerer, je mehr die hegemoniale Position noch die Begriffe, in denen eine denken könnte, prägt; um so schwerer, je mehr das Nirgends-Gespiegelt-Sein der eigenen Lebensrealität dazu führt, daß eine an der Realität und Wichtigkeit ihrer eigenen Bedürfnisse zweifelt.

Dann: Das „es machen, wie ich will“ ist unter diesen Umständen genau so lange konfliktfrei, wie eine keine gemeinsame Praxis mit anderen sucht. Schon der Besuch eines Heidenstammtischs oder eines heidnischen Forums bringt eine in die Lage, sich mit dem unausgesprochenen Konsens, der hegemonialen Position, auseinandersetzen zu müssen – und es ist immer die (von der hegemonialen) abweichende Position, die sich schneller als überhaupt denkbar rechtfertigen muß und an den Rand gedrängt wird.
Meine Versuche, eine gemeinsame Praxis mit anderen zu gestalten, die meine Lebensrealität nicht leugnete, führten jedenfalls öfter zu Streit und dem unguten Gefühl, mit der kleinsten Äußerung eines Bedürfnisses in Wespennester zu stechen.

Zum Glück nicht immer: Wo Glaubensinhalte nicht kodifiziert sind und jedes Ritual neu entsteht, wo kein bestimmtes Bild von Gottheiten, kein bestimmtes Weltbild vorausgesetzt wird und genau darum tatsächlich jede Vorstellung vom Göttlichen gleich viel wert sein und gleichermaßen Raum haben kann, ist auch Platz für meine Lebenswirklichkeit.

Aber zurück zur Frage „Wie sieht denn nun eigentlich deine Praxis aus?“

Meine spirituelle Praxis …

Wie spiegelt sich nun meine queerness in meiner spirituellen Praxis?
Zunächst einmal: Meine spirituelle Praxis ist eine Dauerbaustelle. Sie ist bei weitem nicht so umfangreich, strukturiert und regelmäßig, wie ich das gerne hätte. Es gibt wenig Festgelegtes, ich improvisiere sehr viel. Vieles baue ich in unscheinbaren Handlungen in den Alltag ein: Das beiläufige Trankopfer an die Ahn_innen, wenn mir gerade danach ist, ihnen ein Glas was auch immer hinzustellen; das zwischendrin mal eingebaute wortlose oder ausgesprochene Gebet (in 99,9% der Fälle nicht in vorher festgelegten Worten) an eine konkrete Gottheit oder, seltener, an das Kollektiv der Gött_innen; die spontane kurze Erdungsmeditation unter einem großen Baum, die gelegentliche schamanische Reise.

Mir kommt meine Praxis ausgesprochen unspezifisch vor, das Besondere daran ist für mich gerade der Mangel an Spezifik – das einzig Spezifische, das ich wahrnehme, ist meine Ausrichtung auf nordische Mythologie. Und das queere an meiner Praxis ist eigentlich weniger das, was ich mache, sondern eher Dinge, die ich weglasse.


Ende Teil I

Megalithkulturen in Nordhessen – Teil IV geschrieben von Mara

Samstag, 01. Juni 2013

11. Nachleben der Megalithkulturen in Sagen und Volksbräuchen

Mit der Inbesitznahme Europas durch die kriegerischen und patriarchalen Indoeuropäer (Streitaxtleute, Kelten, Germanen, Slawen etc.) endete die Megalithkulturen, die jahrtausendelang den Kontinent prägten. Aber die Dominanz der Eindringlinge war nicht vollkommen. Sie konnten zwar mittels ihrer überlegenen Waffen die alteuropäischen Kulturen zerstören und ihre patriarchale Gesellschaftsordnung etablieren. Allerdings war die Zahl der Indoeuropäer gering im Vergleich zur unterdrückten Urbevölkerung (vgl. de Vries 2006, S. 140). Religiöse Vorstellungen der Megalithkultur überlebten deshalb v.a. in Volksbräuchen und Sagen, in Erzählungen über Feen, Zwerge und Riesen, also in der sog. „Niederen Mythologie“, während die „Hohe Mythologie“, also die Sphäre der Götter, stärker von indoeuropäischen Vorstellungen beeinflusst wurde.

Häufig werden die Megalithgräber nun als die als Aufenthaltsort der Feen, Elfen oder der Unterirdischen betrachtet. Das gilt z.B. für Irland, Dänemark und Schweden. In Sardinien heißen viele Felsengräber „Domu de janas“, also Feenhäuser. Das Wort Jana für Fee leitet sich möglicherweise von der Großen Göttin Alteuropas und des Mittelmeeres, Dana, Danu, Ana oder später Diana ab (vgl. Derungs 1999, S. 162).

Zahlreiche lokale Sagen berichten auffällig oft davon, dass die Steine eines Megalithgrabes oder zusammen stehende Menhire eine versteinerte Hochzeitsgesellschaft seien. Die Braut wünschte, lieber zu Stein zu erstarren, als einen ungeliebten Mann zu heiraten, was nach Aussprechen des Wunsches eintrat. Sie liebte einen anderen Mann, mit dem sie aber nicht mehr zusammen kommen durfte, denn im vorindustriellen Patriarchat arrangierten im Allgemeinen die Väter des Braut und des Bräutigams die Ehen; die Wünsche der Tochter spielten da kaum eine Rolle. Die Braut hatte dem Bräutigam zu folgen, er führte sie weg von ihrem angestammten Zuhause und ihren Verwandten und Freundinnen in seine Sippe, wo sie nun seinen Ahnen vorgestellt wird und deren Wiedergeburt sichern soll. Bevor sie lebende Söhne geboren hat, hatte sie nur einen sehr geringen Status in dieser neuen Sippe. Sie wurde häufig schikaniert und mit den niedrigsten Arbeiten betraut. So wird der Hochzeitszug für die Braut zum Trauerzug. Kein Wunder, dass sie sich lieber in Stein verwandeln will, als diesem Mann zu folgen.

Diese Sagen sind möglicherweise eine Erinnerung an die Zeit des Umbruchs vom Matriarchat zum Patriarchat. Zur Zeit des Matriarchats waren Dolmen oder Steinkreise vielleicht Orte, an dem das Ritual der Heiligen Hochzeit stattfand. In diesem religiösen und sexuellen Ritual repräsentierte eine junge Frau die Göttin und ein Mann ihren Geliebten oder Heros. Es war immer die Frau, die sich ihren Geliebten unter den zahlreichen Bewerbern aussuchte. Ihre Vereinigung symbolisierte die wiederkehrende Fruchtbarkeit des Landes. Das änderte sich mit der Ankunft der Indoeuropäer. Der Eroberer-König heiratete jetzt zwangsweise im patriarchalen Sinne die Repräsentantin der Göttin und des Landes und erreichte so die Legitimation seiner Herrschaft. Die Ehefrauen und insbesondere die Frau des Königs waren von nun an zum Monogamie verpflichtet. Die Dolmen oder Steinkreise – bisher Orte der Lebensfreude – wurden jetzt für die Braut zu Orten der Trauer (vgl. Derungs 1999, S. 169). Einen vergleichbaren Hintergrund haben auch die altirischen Aitheda („Flucht“)-Geschichten, deren bekannteste das Epos von Tristan und Isolde ist (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 251).

Häufig fanden in älterer Zeit Hochzeiten an Megalithgräbern statt. Noch im Jahr 1197, am 25. Mai, heirateten der deutsche König Philipp von Schwaben und Irene von Konstantinopel auf dem Gunzenle, einem heute längst verschwundenen Grabhügel bei Augsburg (vgl. Kirchner 1999, S. 111ff).

Überall in den Megalithregionen Europa gab es den Brauch, dass sich Frauen auf den Deckstein eines Megalithgrabes setzten, von ihm herabrutschten oder von ihm heruntersprangen, wenn sie Kinder bekommen wollten.

Mancherorts gilt das Megalithgrab oder ein Menhir als Herkunftsort der Kinder, wie anderswo Quellen und Teiche (vgl. Kirchner 1999, S. 112).

Diese Bräuche gehen offensichtlich auf die sehr alten Vorstellungen zurück, nach denen die toten Vorfahren der Sippe aus den Megalithgräbern heraus in segensreicher Weise auf die Lebenden einwirken und schließlich in der eigenen Sippe wiedergeboren werden. Viele Frauen wollten sich durch direkte Berührung des Grabes dieser generative Macht der AhnInnen versichern.

Vermutlich steht auch der Brauch der Näpfchenbohrung in einem Zusammenhang mit diesen Vorstellungen. Viele Menhire, darunter auch der von Langenstein und der Wotanstein haben mehr oder weniger zahlreiche runde Grübchen und Ausschabungen. Wann diese angebracht wurden oder was sie bedeuten, ist unklar. Allerdings gibt es noch bekannte Volksbräuche, wie das Wetzen von Messern oder das Vernageln von Krankheiten an einem Menhir, die damit möglicherweise im Zusammenhang stehen. Der Brauch des Auswetzens von Rillen oder Näpfchen aus Steinen wurde im Mittelalter auch auf manche Kirchen übertragen und der Steinstaub aus diesen Ausschabungen galt noch im 19. Jahrhundert als Heilmittel. In einer magischen Denkweise überträgt sich die heilsame und schützende Kraft der AhInnen auf das Grab oder den Menhir selbst und von da auch auf kleine ausgeschabte Stücke dieses Grabes oder Menhirs. Nach ähnlichen Vorstellungen erhofften sich die Menschen im Mittelalter Linderung ihrer Leiden durch Berührung von Reliquien, also kleinen Stücken aus dem Besitz oder der sterblichen Überreste von Heiligen (vgl. Kirchner 1999, S. 116).

Auf die Rolle des Ahnengrabes als Kultplatz, an dem Versammlungen und kultische Spiele stattfanden und wo Recht gesprochen wurde, weist im deutschen Sprachraum der Begriff des Rosengartens hin. Er findet sich im Mittelalter in zahlreichen Varianten sehr häufig als Bezeichnung für Friedhöfe, Asylorte, Stätten der Rechtsprechung, Hinrichtungsorte, davon abgeleitet Gefängnisse und Orte, an denen Prostituierte oder andere Menschen mit als unehrlich angesehenen Berufen wohnten, aber auch als eingehegte Spiel- oder Festplätze. Häufig standen diese „Rosengärten“ nach Aussagen alter Urkunden in Zusammenhang mit einem Menhir oder einem Hügelgrab. Diese sind aber inzwischen besonders in den großen Städten fast alle beseitigt worden. Ursprünglich hießen diese Bezirke die Roten Gärten. Nach der Christianisierung ist aber der frühere Sinn dieser Bezeichnung vergessen worden und aufgrund von Lautähnlichkeit kam es zu einer Identifizierung mit dem Begriff Rose, aus den Roten Gärten wurden Rosengärten (vgl. Ranke 1999, S. 98ff).

Ende Teil IV

Kemetische Religiosität, oder: Den Göttern das Ihre geben! Teil III

Samstag, 27. Oktober 2012

Heute möchte ich euch zwei historisch überlieferte Möglichkeiten vorstellen, wie wir uns an die Götter wenden können, die ich in der Literatur gefunden habe. Natürlich sind die Möglichkeiten mit Göttern zu kommunizieren, mindestens so vielfältig, wie zwischen uns Menschen. Die meistverwendete Kommunikationsart ist freilich, wie wir das aus dem Alltag ja auch kennen, die freie Rede, das freie Gebet. Aber manchmal, mir geht es manchmal so, möchten wir uns auf die Art und Weise an die Götter wenden, wie es auch schon unsere Vorfahren vor tausenden von Jahren getan haben. Es gibt uns ein Gefühl von Sicherheit, dass das was wir tun und wie wir es tun nicht verkehrt ist, aber auch, und ich denke das ist vielleicht fast noch entscheidender, ein Gefühl von Eingebundensein in etwas die Zeit Überdauerndes. Ebenso kann es uns aber auch ein Gefühl von Verbundenheit mit unseren kulturellen Wurzeln geben. So sind die beiden folgenden Beispiele, eine Schulschrift an Djehuti aus der Zeit Ramses II. (ca. 1279 v.Chr.) und Briefe in das Jenseits an Verstorbene, von mir auch exemplarisch als Inspiration für diejenigen gedacht, die sich gerne zu besonderen Anlässen oder auch aus freudigem Interesse an überlieferten Formen orientieren.

Eine Schulschrift an Djehuti
Diese Schulschrift stammt aus der Zeit des Neuen Reiches. Sie ist an Djehuti (Thot) gerichtet und diente primär wohl dem Zweck den Schülern ein generelles Verständnis für den Aufbau eines Schreibens an ihn zu vermitteln:
Komm zu mir, THOT,
du erlauchter Ibis, du Gott, nach dem sich Hermopolis sehnt,
du Briefschreiber der Neunheit, Großer in Hermopolis!

Komm zu mir, dass du für mich Vorsorge triffst,
dass du mich kundig sein lassest in deinem Beruf,
(denn) dein Beruf ist schöner als alle Berufe.

Er macht groß: der, der darin kundig ist, wird fähig befunden Beamter zu sein.
Ich habe viele gesehen, für die du gehandelt hast und die nun im Richterkollegium sitzen,
die reich und mächtig sind durch das, was du getan hast.
Du bist es, der Vorsorge trifft.

Du bist es, der Vorsorge trifft für den, der keine Mutter hat;
Schicksal und Gedeihen sind in deiner Hand.
Komm zu mir, dass du für mich Vorsorge triffst,
ich bin ein Diener deines Hauses!
Mögest du mich von deinen Siegestaten künden lassen in jedem Land, wo ich bin.

Dann sagt die Menge der Menschen:
„Wie groß ist, was THOT getan hat!“
Dann kommen sie mit ihren Kindern,
um sie zu „stempeln“ für deinen Beruf,
den schönen Beruf des Herrn der Stärke,
es freut sich, wer ihn ausübt.

Fecht hat 1965 für diesen und andere an Thot adressierte Schriften folgenden formalen Aufbau herausgearbeitet:

Formaler Aufbau

Längst nicht jede jemals gefundene an Djehuti adressierte Schrift folgt exakt diesem Schema, auch hier gibt es wie überall viele Möglichkeiten, die oft genug auch vom konkreten Anliegen abhängen. Dennoch ist es ein schönes Bespiel für einen Brief an den Ordnungs- und Formalitäten liebenden Gott und Erfinder der Schrift, Djehuti. Interessant ist der Aufbau: Der Brief ist in drei Abschnitte geteilt. Abschnitt zwei und drei haben insgesamt jeweils 9 Zeilen, was eine versteckte Anspielung auf die Götterneunheit von Heliopolis sein könnte, als dessen Briefschreiber er in der Anrede angesprochen wird. Interessant ist außerdem die Verdoppelung der Verszahl von drei auf sechs im Verkündigungsversprechen, was als Bekräftigung wirkt.

In dem Schreiben wird auch der ma’at’sche Grundsatz „Handle für den, der für dich handelt“ deutlich! Es ist weder eine einseitige Bitte an den Gott, noch eine einseitige Forderung an den Verfasser. Es ist etwas Gegenseitiges angesprochen, nämlich dass der Verfasser für den Gott handelt, wenn dieser ihm hilft Beamter/Schreiber zu werden, als auch dass der zukünftige Beamte für den Gott handeln wird und, durch das (ab-)schreiben dieses Schultextes, ebenfalls jetzt handelt. Der Brief ist aus der Sicht eines Schülers geschrieben: Wenn Djehuti dem Schüler hilft die Schule zu bestehen und Beamter, d.h. Schreiber, zu werden, so verspricht der Schüler als Beamter stets im Sinne Djehutis zu handeln. Handle für den, der für dich handelt.

Briefe in das Jenseits

Es gibt noch eine andere Gruppe netjeru (Pl.), die uns naturgemäß näher stehen, als die Götter: Die Ba-Seelen  von verstorbenen Verwandten, Freunden und von für uns wichtiger Bezugspersonen. Jenseits und Diesseits sind ja keine wirklichen Gegensätze, sondern analog zu Ober- und Unterägypten, oder Tag und Nacht, zwei Seiten einer Sache, eine Dualität. Ober- und Unterägypten bilden zusammen Kemet, Tag und Nacht bilden zusammen den Zyklus einer Fahrt des Ra in seiner Barke (Sonnenumlauf). Jenseits und Diesseits bilden zusammen das Sein! Das Jenseits ist genauso, wie das Diesseits. Der Aufenthaltsort mancher netjeru, sowohl Götter wie z.B. Osiris, als auch der Verstorbenen, ist das Jenseits. Von dort wirken sie auf das Diesseits und wir wirken in das Jenseits, wenn wir für sie handeln. Die oben erwähnte Partnerschaft spannt sich zwischen Diesseits und Jenseits, die beide zusammen das Boot bilden, welches die von Hornung beschriebene eine Seinswelt ist.

Viele Götter leben zwar auch im Diesseits (in ihren Tempeln), ihre Wohnstatt allerdings ist der Himmel und von dort wirken sie auf die Erde (z.B. wirkt der Gott Schu auf der Erde als Wind). Die Götter leben im Himmel wie die Sterne am Firmament…

Die Gründe sich an verstorbene Angehörige, Freunde und einem sonst wie nahestehende Mitmenschen zu wenden sind vielfältig und können von einer einfachen Mitteilung über konkrete Anliegen bis hin zu Bitten um Beistand und Unterstützung bei Schicksalsschlägen und Ungerechtigkeiten reichen. Was einem gerade auf dem Herzen liegt.

Archäologisch sind diese Briefe zwar nur in gut 16 Fällen belegt und erstrecken sich über einen Zeitraum von fast 1000 Jahren (ca. 2000 – ca. 1100 v.Chr.). Sie verdeutlichen die lange Kontinuität, sich auf diese Weise an die Verstorbenen im Jenseits zu wenden. Als Materialien für die Briefe kann im Grunde so ziemlich alles dienen, was sich beschreiben lässt. Archäologisch sind belegt: Statuetten, Stelen, Papyri, kleine Tontäfelchen (sog. Ostraka), Leinwand und Keramik. Was Inhalt und Form betrifft, ist jeweils die Form sinnvoll, die derjenige an den man sich wendet bereits im Diesseits gefallen hätte (wobei E-Mails und SMS eher schwierig werden…). Dargebracht werden die Briefe an der jeweiligen Ruhe-, und/oder an der Gedenkstätte des Verstorbenen, was den heimischen Altar natürlich ebenso mit einschließt, wie den Lieblingsplatz des Verstorbenen am See oder im Wald.

Ausblick:

Natürlich wurde sich auch nach 1100 v. Chr. an die Verstorbenen gewandt, ungebrochen bis heute, doch muss nicht jeder Brief auch langfristig aufbewahrt werden. Es gibt auch viele andere Möglichkeiten sich an die Verstorbenen und die Götter zu wenden, die hier vorgestellten Briefe stellen lediglich eine Möglichkeit dar und sind, wie gesagt, als Vorschlag und Inspiration gedacht. Ein Verstorbener Musiker wird sich auch sicherlich ebenso wie Hathor über ein ihm gewidmetes Stück freuen. Der Inspiration sind letztlich keine Grenzen gesetzt, je nach Persönlichkeit und Charakter des „Adressierten“ und des „Absenders“. Ich denke, die persönliche Beziehung, die man zu dem Verstorbenen im diesseitigen Leben hatte, ist eine gute Richtschnur und Basis für gesunde Kommunikation. Aber ob Verstorbene oder Götter, denkt immer daran, dass netjeru individuelle Geschöpfe mit eigenem Willen und Gefühlen sind. Sie freuen sich auch über jedes Gebet, dass frei von Herzen kommt.

Literatur:

Assmann, Jan: „Ägyptische Hymnen und Gebete“, 2.erw. Auflage; Freiburg i.d. Schweiz, Göttingen 1999.

Fecht, G.: „Literarische Zeugnisse zur „Persönlichen Frömmigkeit“ in Ägypten“; AHAW 1965.

Janowski, B.; Wilhelm, Gernot (Hg): „Texte aus der Umwelt des Alten Testamentes, Band 3: Briefe“; Gütersloh, München 2006.