Mit ‘Bedeutung’ getaggte Artikel

Runenorakel – Teil IV, geschrieben von Eibensang

Samstag, 01. November 2014

Die Ausschlussprüfung

Es gibt einen guten Check, die Interpretation einer einzelnen Rune in einem solchen Wurf bezüglich ihrer Bedeutung im Zusammenhang (Bezug aufs erfragte Thema) zu überprüfen: Wäre das, was ich vermute, durch eine andere Rune besser ausdrückbar gewesen? Wenn das der Fall ist, stimmt meine Interpretation nicht – und ich muss sie entsprechend korrigieren. Wenn meine Detail-Interpretation durch keine andere Rune besser ausdrückbar ist als die vorliegende, darf ich davon ausgehen, dass ich richtig deute. Das ist bei 24 möglichen Zeichen nicht der bequemste Weg, aber der im Zweifelsfall sicherste. Zumal ja – nach dem Werfen aller 24 Runen gleichzeitig – nicht mehr die Möglichkeit besteht, auf eine Rune, deren Deutung im Zusammenhang fraglich, widersprüchlich oder nebulös bleibt, noch eine weitere zu ziehen: um Antwort auf dieses Detail zu erhalten.

Lesegewohnheiten

Der Wurf aller 24 Runen auf ein begrenztes Feld (Runen, die abseits davon zu liegen kommen, sind ganz wurscht in dem Fall) ist nicht umsonst ein „freier“. Ganz von Fragestellung und Thema hängt ab, wie ich räumliche Häufungen von Runen oder ihre Distanz zueinander deute – und inwieweit ich daraus auf mögliche zeitliche Abläufe oder Entwicklungstendenzen im Gesamtbild schließe. Tendenzell ordne ich weiter „unten“ liegende Runen einer „Ausgangslage“ oder „jüngeren Vergangenheit“ zu, während ich Runen weiter „oben“ im Bild (immer aus Wurfrichtung gesehen) als mögliche „Ergebnisse“ oder „Ziele“ lese. Kernpunkte der befragten Angelegenheit finden sich gern mitten im jeweiligen „Gewühl“ aufeinander oder nah beieinander liegender Zeichen; aus der Entfernung links oder rechts davon liegender Runen lese ich – je nachdem, wie prägnant sie mir erscheinen – beeinflussende bis tragende Aspekte. Aber das ist nur eine grobe Lesetendenz, die sich im Zweifelsfall nicht verallgemeinern lässt. Ich verlasse mich da ganz auf meine Intuition – und den Gesprächsaustausch mit der fragenden Person, um deren Angelegenheit es geht. (Es versteht sich hoffentlich von selbst, dass ich über die jeweiligen Inhalte absolutes Stillschweigen bewahre! Wenn ich je ein besonders anschauliches Beispiel irgendwo und -wann zum Thema mache, um irgendetwas damit zu erklären, dann vollständig anonymisiert. Nichtmal der Fragesatz muss wörtlich zitiert werden, um eine bestimmte Konstellation von Runen und ihre mögliche Deutung bei anderer Gelegenheit zu erörtern. Personen, Zeit oder Umfelder aber zu offenbaren oder auch nur erratbar zu machen für wen auch immer, sind absolute Tabus.)

Da die meisten Menschen, die sich Orakel von mir deuten lassen, eher nicht runenkundig sind, erkläre ich ihnen nach getätigtem Wurf zunächst die lesbaren Zeichen einzeln, um im gemeinsamen Gespräch schritt- bzw. scheibchenweise ;-) den möglichen Zusammenhang und seine Conclusio zu erfassen. In den besten Fällen bin es gar nicht ich, der den letztlichen Rat ausspricht – die beratene Person formuliert ihn (oft unvermittelt bzw. plötzlich) selbst: aus den erkennbar werdenden Zusammenhängen des Gesamtbildes und Gesprächs heraus.

Spirituelle Aspekte

…kommen umstandshalber auch zum Tragen, wenn die fragende Person selbst mit Ásatrú soviel zu tun hat wie ich mit Investmentfonds (oder wie so Zeug heißt). Nehmen wir zum Beispiel das Thema Liebe: Unabhängig von persönlichen Auffassungen oder Sehnsüchten – sowohl meinen als der der fragenden Person – kann ich Runen nur in Kenntnis und Erfahrung der dahinter und durch sie wirkenden Kräfte lesen und deuten. Von Freyja, der Liebesgöttin (nicht nur, aber auch!), weiß ich, dass sie alles tut, um liebende Menschen – einschließlich derer, die „nur scharf“ sind aufeinander (aber dieses „nur“ ist bereits eine moralische Wertung, die der Großen Sau so schnuppe ist wie euch der Federhall meines ollen Gitarrenverstärkers) – unter allen Umständen zusammenzubringen. Das tut bzw. unterstützt bzw. provoziert sie unter Aufbietung sämtlicher verfügbarer Kräfte: Gerade Liebende wachsen ja gern mal über sich und alle ihnen zugedachten Erwartungen hinaus, wenn es gilt, das Ziel der Begierde zu erreichen – und sei es in 180-Grad-Wenden bisheriger Lebensläufe, Gewohnheiten, Moralvorstellungen oder sämtlicher dagegen gerichteten Umstände. (Anders hätte vermutlich die Menschheit, engstirnig und verstockt wie sie wohl seit je war, ihre ersten Generationen nicht wirksam überlebt… ;-) ) Wer hat nicht schonmal die ganze Welt untergehen lassen – oder hätte dies getan – um einer ersehnten Begegnung oder gar Vereinigung willen! Das ist – in meiner Sichtweise – Freyjas Art und Methode. Wozu gehört, dass sie nach „erfolgter Zusammenführung“ die ProbandInnen allein lässt mit ihrem Glück, Pech oder Geschick! Für den „Rest“ sind andere Große zuständig – Freyja kümmert sich sozusagen nur um die „Möglichmachung“ der wie auch immer titulierbaren Liebesbegegnung. Dies gilt selbstverständlich völlig unabhängig von jeweils herrschenden Sitten, Gebräuchen, Gesetzen, Gewohnheiten: Die beeinflussen, wie das alles in der Praxis verläuft und was daraus erfolgen mag. Aber nicht die Sache selbst: ihren Ursprung und dessen Tendenz.

Nur ein Beispiel von vielen, wo mir das Wirken von Göttern, so wie ich es erfuhr, die Ausdeutung auch und gerade von Orakelbildern diktiert: in Kenntnis einer Systematik, die auf persönlichen Zuordnungen beruht, die wiederum ausschließlich persönlicher Erfahrung entsprechen. Und die ich gelernt habe, auch auf Menschen und Situationen zu übertragen, die sich in ganz anderen spirituellen Sphären und Weltbildern bewegen: ab da, wo ich deren Situationen in Runen ausgedrückt sehe. Es ist bestimmt nicht die einzig mögliche Lesart – nur die einzige, die ich für meinen Teil verantworten kann, weil ich von ihr genug verstehe.

Entsprechend unerwartet oder krass mögen Aspekte meiner Deutungen ausfallen: Sie richten sich nach dem, wie ich meine Großen erlebe seit vielen Jahren. Wie sie wirken, auf was sie Wert legen – und was von ihnen erwartbar ist (soweit sich das empirisch schlussfolgern lässt für mich). Wer sich Rat mithilfe von Runen einholt, begibt sich in dieses Wirkungsfeld – und das hat weniger mit lieblichen Allgemeinplätzen auf farblich übersättigten (und eher sterilen) Blümchenbildern zu tun als vielmehr mit den gewaltigen Kräften einer überbordend verschwenderisch agierenden und durch und durch unmoralischen Natur, die stets dynamische Gleichgewichte anstrebt – und es dabei, wenn’s drauf ankommt, auch gehörig krachen lässt… Dass ich ihre Aspekte in Form göttlicher Wesenheiten deute und übersetze, noch dazu germanischer, ist meine Art, damit klarzukommen. Gelänge mir das nicht, hätte ich mir längst etwas anderes gesucht zur Welterklärung. (Dass ich mir mein System weniger gesucht habe als es mir vielmehr „zustieß“, ist eine andere Geschichte… die hier aber keine Rolle spielt. ;-) ).

Im Klartext: Wenn ihr ausschließlich nette Sachen hören wollt, die eure lauesten Sehnsüchte bestätigen – seien die nun realistisch, wenigstens traum- oder visionsgetrieben oder gänzlich neben jeder Kappe –, dann geht zu irgendeinem Beschwichtigungs-Weissagungstantchen oder -onkelchen, das euch genau den Schmarren von den Lippen abliest und so nach- oder vorgackert, wie ihr ihn hören wollt. Ist ja euer Geld! Und euer Leben. Von und mit Leuten wie mir aber gibt’s nur Tacheles: Klartext, der kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern zeigt, was es mit eurer speziellen Situation – die ihr zudem selber aufdröseln müsst, um überhaupt zu einem sinnvoll deutbaren Wurf zu kommen – auf sich hat. Seelische Hilfestellung in einer ganz bestimmten Lebenslage – oder Klarstellung einer solchen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich brauche dafür – neben eurem persönlichen Vertrauen und der jeweiligen Offenheit – nur 24 Zeichen, die des Älteren Futharks. Mir erklären sie – dies ganz unabhängig von Orakeln – die ganze Welt. Seit über 20 Jahren, die mich persönlich glücklicher machten als die über 30 davor. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich gern an anderer Stelle erzähle.

Vom selben Autor kürzlich erschienen: „Runen-Jause – für die kleine Erleuchtung zwischendurch“ – die täglichen Runenportraits aus den ersten zwei Jahren „Orakeldienst Eibensang“ auf Facebook (siehe auch dort), erhältlich als E-Book in den Formaten MOBI/AZW für Kindle sowie als EPUB oder PDF (300 Seiten) für alle anderen Lesegeräte.

Duke Meyer gibt im gesamten deutschsprachigen Raum Workshops unter dem Titel „Eibensangs Magische Runen-Reise“: buchbar überall ab 6 teilnehmenden Personen.

Zusätzlich bietet das „persönliche Online-Seminar“ individuelle Runenkunde-Kurse via Skype.

Neben einem ständig wechselnden Angebot selbstgefertigter Runensets aus diversen Holzarten sind auch persönliche Amulette / Talismane u.ä. bestellbar.

Weitere Bücher und Schriften Duke Meyers hier.

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VIII

Samstag, 09. Juli 2011

Herkunft und Bedeutung der Festtagsnamen

Gleich vorweg: Die Schreibweise, vor allem der mittelalterlichen Namensbezeichnungen der Festtage der Iren, Waliser, Angelsachsen, Wikinger etc. kann variieren. Da es damals keine einheitliche Rechtschreibung gab und es auch einen Unterschied macht, ob man das Fest in einer älteren oder neueren Schreibweise buchstabiert, gibt es oft mehrere Versionen, einen Namen zu schreiben, z. B. Samain (Altirisch), Samhain (modernes Irisch). Das soll aber weiter nicht stören.

Die üblichen neuheidnischen Namen der acht Jahreskreisfeste haben ihre Wurzeln vor allem im Wicca, wobei sich die Wiccas wiederum an traditionellen irischen, angelsächsischen, nordischen und britischen Festnamen orientieren (und im deutschsprachigen Raum auch an entsprechenden hiesigen, traditionellen Bezeichnungen). Manchmal sind die Festnamen auch Neuerfindungen.

Ich beginne mit den einfachen Bezeichnungen der Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen: Wintersonnenwende (engl.: Winter Solstice), Frühlingstagundnachtgleiche/Frühlingsäquinoktium (engl.: Spring Equinox, Vernal Equinox), Sommersonnenwende (engl.: Summer Solstice) und Herbsttagundnachtgleiche/Herbstäquinoktium (engl.: Autumnal Equinox, Fall Equinox) sind einfach im Alltag übliche Bezeichnungen für die Tagundnachtgleichen und die Sonnenwenden.

Eindeutig christlicher Herkunft sind die Bezeichnungen: (Mariae) Lichtmess (engl.: Candlemas – „Kerzenmesse“), Brighid (Brighid bzw. Brigitte ist eine christliche Heilige), Lady Day – „Frauentag“ (Mariae Verkündigung), Walpurgisnacht (Walburga ist eine christliche Heilige), Lammas/Loaf Mass – „Brotlaibmesse“ und Halloween/Hallowmas – „(Abend vor) Allerheiligen“. (Näheres dazu im Kapitel über das Christentum.)

Die Bezeichnungen „Maifeiertag/May Day/Hohe Maien“ sowie „Herbstfest/Erntedankfest/ Harvest Home“ sind deutsche und englische Bezeichnungen, die für die ausgelassenen Frühlingsfeierlichkeiten am 1. Mai und für die diversen Erntedankfeste im September/Oktober im englischsprachigen und deutschsprachigen Raum üblich sind. Auch sie sind – auch wenn das Brauchtum teilweise recht heidnisch anmutet – eingebettet im christlichen Festkalender.

Der Begriff „Schnitterfest“ für Lugnasad dürfte eine neuheidnische Bezeichnung sein, die sich auf die Ernte, also das Schneiden des Getreides bezieht.

Die Festtagsnamen Mittwinter (engl.: Midwinter), Summerfinding – „Sommer-Findung“, Mittsommer (engl.: Midsummer) und Winter Finding – „Winter-Findung“ sind deutsche bzw. englische Bezeichnungen, die sich auf den germanischen Raum Skandinaviens und Islands (= nordischer Sprachraum) beziehen. Ebenfalls aus dem germanischen Raum kommen die Begriffe Jul (engl.: Yule) – Nordisch für „Zauber, Beschwörung“, Eostre (Altenglisch) und Ostara (rekonstruiertes Althochdeutsch) für „östlich, Osten“ und Litha – Altenglisch für „durchlaufen, gehen, vergehen“. (Näheres im Kapitel über die Germanen.)

Imbolc – „umfassende Reinigung, im Bauch“, Beltaine – „Bel‘s-Feuer“, Lug(h)nasad „Lug‘s-Versammlung“ und Sam(h)ain – „Sommerende“ sind altirische (und damit keltische) Bezeichnungen für die vier Hochfeste im alten Irland. (Siehe das Kapitel über die Kelten.)

February Eve, May Eve, August Eve und November Eve (also Februar-, Mai-, August- und November-Abend) sind die Namen der Feuerfeste, wie sie in Gardners Book of Shadows (siehe Quellenverzeichnis) zu finden sind. Da diese Festbezeichnungen für die jeweils an diesen Daten stattfindenden christlichen Feste eher unüblich sind (ich konnte nichts Diesbezügliches finden), dürfte es sich um Gardners Idee handeln, die Sabbate einfach nach ihrem jeweiligen Datum zu benennen.

Fast alle Festnamen haben also einen heidnisch oder christlich tradierten Ursprung oder sind logische Bezeichnungen (wie „Schnitterfest“ oder „May Eve“).

Bleibt der mysteriöseste Festtagsnamen, der nirgends hineinpasst, nämlich Mabon. Mabon vab Modron (übersetzt: „Mabon, Sohn der Modron“) ist ein Held im mittelalterlichen walisischen (und damit keltischen) Mythos Culhwch ac Olwen, wo er eine Nebenrolle spielt. Und zwar war er in einem Kerker eingesperrt (er war als Kleinkind von drei Jahren seiner Mutter geraubt worden), bis er von Kaiser Arthur (dem meistverfilmten König aller Zeiten) und seinen Mannen befreit wurde, um mit ihnen danach gemeinsam auf die Jagd nach dem gefährlichen Keiler Twrch Trwyth zu gehen. Mabon und Modron haben sogar Entsprechungen in der antiken festlandkeltischen Götterwelt: Der walisische Mabon leitet sich etymologisch vom gallischen Maponos ab, was „Sohn, Kind“ bedeutet. Von den Römern wurde er mit Apollon, dem Gott der Dichtkunst, der Orakel und der Sonne verglichen. Walisisch „Modron“ wiederum kommt vom gallischen Matrona – „große Mutter“. Diese Göttin ist als Singular ein Fluss (nämlich die Marne) und als Dreiergruppe von Göttinnen (Matronen) war sie im römischen Gallien (vor allem im Rheinland) äußerst populär.

Seitdem ich den Mythos kenne, frage ich mich, was genau jemanden veranlasst, ein Erntedankfest nach diesem Helden zu benennen. Man könnte spekulieren, dass das Eingesperrtsein vielleicht einen Initiationsritus oder den Abstieg in die Unterwelt symbolisiert – analog zur Sonne, die im Herbst in die Unterwelt wandert oder auch analog zu den Eleusinischen Mysterien. Vielleicht ist es auch die Eberjagd, weil im Herbst die Jagdsaison beginnt. Und dann gab es im alten Griechenland um diese Zeit noch das Fest Pyanopsia, das Apollon geweiht war.

Wie auch immer, Mabon als Name für ein walisisches (oder anderes keltisches) Fest ist nach meiner gründlichen Recherche historisch nicht erwiesen (weder im Herbst noch sonstwann, weder christlich noch heidnisch). Aber Modron sei Dank gibt es ja das englische Wikipedia. Im Eintrag „Wheel of the Year“ ist zu lesen, dass Aidan Kelly, ein neuheidnischer Autor, in den 1970er Jahren diesen Namen für das Herbstfest geprägt hätte. Warum er das gemacht hat, weiß ich aber nicht.

Auch wenn sich „Mabon“ längst als Festtagsname eingebürgert hat, möchte ich doch darauf hinweisen, dass er damit eine gewisse Asymmetrie bei der Namenswahl der acht Jahreskreisfeste verursacht. Denn die vier Feuerfeste haben keltische Bezeichnungen (Imbolc, Beltaine, Lugnasad und Samain), und drei der vier Sonnenfeste tragen germanische Namen (Jul, Ostara, Litha). Wäre es da nicht konsequent, auch dem Herbstäquinoktium einen schönen germanischen Namen zu geben? Ich finde z. B. „Tamfana“ sehr passend. Das ist eine südgermanische Göttin, die laut Tacitus Ende September vom Stamm der Marser mit einem Fest geehrt wurde. Damit hätten wir sogar einen historischen Namen!

Wie auch immer. Die kreative Namensgestaltung der acht Feste dürfte erst nach der Expansion der Wicca-Idee in verschiedenen Wicca-, Wicca-ähnlichen und anderen Traditionen stattgefunden haben. Schaut man sich nämlich die Namen der acht Sabbate in Gardners Book of Shadows an, muten diese sehr nüchtern an. Sie heißen einfach „…-Equinox“, „….-Solstice“ oder „…-Eve“, also eigentlich nur Datumsbeschreibungen. Warum er keine passenden keltischen oder germanischen Namen benutzte, die er sicherlich kannte, ist fraglich. Vielleicht wollte er keine kulturspezifischen Festtagsnamen einführen, um den Sabbaten einen universellen Charakter zu verleihen?

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VII

Samstag, 21. Mai 2011

Die Symmetrie dieses Jahresfestkreises hat einige Vorteile gegenüber weniger symmetrischen Jahresfestkreisen: Es macht einen harmonischen Eindruck und lässt sich durch ein schönes achtspeichiges Rad darstellen, das viele Künstler/innen inspiriert (hat). (Wenn Du im Google unter „Bilder“ nach „Jahreskreisfeste“ oder „Wheel of the year“ suchst, weißt Du, was ich meine, und jede anständige Neuheidin (mich inbegriffen) hat natürlich zu Hause so einen Jahreskreisposter herumhängen …) Jedes Jahresachtel wird gleichermaßen mit einem Fest bedacht (nicht mehr, nicht weniger), das heißt, es „stauen“ sich keine Feste irgendwo in einer Jahreszeit (wie es bei vielen anderen Jahreskreisen – oft bedingt durch das bäuerliche Jahr –  der Fall ist), was praktisch ist, weil man immer genügend Zeit hat, das nächste Fest vorzubereiten – man kommt nicht in Festtagsstress. Das achtspeichige Jahresrad vermittelt daher ein perfektes Abbild einer harmonisch funktionierenden Natur und ihrem Wandel durch die Jahreszeiten.

Dies gilt allerdings nur für die nördliche Hemisphäre und hier v.a. für die gemäßigte Zone (teils auch für die mediterrane und die kalte Klimazone). Das achtfache Jahr lässt sich – zumindest in seiner ursprünglich gedachten Bedeutung – nicht auf andere Klimazonen oder auf die Südhalbkugel übertragen. Die Idee hinter dem neuheidnischen Jahreskreis ist weitgehend europäisch, und auch die Mythen, die damit in Verbindung gebracht werden, stammen großteils (wenn auch nicht ausschließlich) aus den europäischen Kulturkreisen (vergangenen wie heutigen).

Wer hat’s erfunden?

Als ich im Google unter „acht Jahreskreisfeste“ suchte, fand ich interessante Erklärungen über den Ursprung derselben. So seien sie Jahrtausende alt, stammten aus matriarchalen Kulturen, basierten auf uraltem Geheimwissen, seien die heidnischen Feste der Germanen und Kelten, wären uralte Feste, die von Hexenzirkeln im Geheimen durch die christliche Zeit gerettet wurden, seien heidnische Feste, die von den Christen gestohlen und als christliche Feste verfälscht worden seien. Irgendwo liegt in diesen Aussagen sicher ein Körnchen Wahrheit, im Großen und Ganzen handelt es sich aber um unhaltbare Behauptungen. Ich hoffe, im Folgenden ein wenig Klarheit in die Materie zu bringen, und was die Aussage betrifft, dass es sich um Jahrtausende alte geheime Feste handle, möchte ich noch einmal kurz an das Kapitel über die Urgeschichte erinnern und an die Unmöglichkeit, über das geistige Erbe von Kulturen jenseits der Historie auch nur halbwegs gesicherte Aussagen machen zu können.

Die Erfindung des achtfachen Jahres jedenfalls (nicht die der einzelnen Feste!) liegt zeitlich viel näher, als man meinen könnte. Und die acht Jahresfeste haben sogar etwas mit geheimen Hexenzirkeln zu tun. Allerdings mit sehr modernen. Konkret geht es um die von dem Engländer Gerald B. Gardner (1884 – 1964) Mitte des 20. Jhdts. gegründete „Wicca“ genannte Hexenreligion, die in sogenannten Coven (geheimen Kleingruppen) praktiziert wird.

Gardner richtete neben verschiedensten Ritualen und Initiationsriten auch Jahreskreis- und Vollmondfeste ein. Wenn man Frederic Lamond, einem Wicca-Urgestein aus Gardners Zeiten, glauben darf, so ist der Grund für die Entwicklung des achtspeichigen Jahresrades reichlich banal: Lamond berichtet in „50 Jahre Wicca“, dass anfangs nur die vier Feuerfeste (die in seinem Coven „die großen Sabbate“, oder die „Jahreskreisfeste“ genannt wurden) begangen wurden. Daneben gab es noch die Vollmondfeste. Zu den magischen Vollmondritualen waren nur Covenmitglieder zugelassen, und als Ritualspeise wurden lediglich Kekse und Wein gereicht. Die vier Sabbate hingegen endeten immer in einem großen Festgelage mit reichlich Speis und Trank. Außerdem waren diese Feste offen, und die Covenmitglieder konnten ihre Freund/innen dazu einladen.

Auf die Frage, warum im Coven nicht die Sonnenfeste gefeiert würden, sondern die Daten so komisch seien (also immer zwischen den Sonnenfesten), soll Gardner geantwortet haben, dass im nördlicheren England (im Gegensatz zum südlicheren Teil Europas) die natürlichen Jahreszeiten etwas später begännen. Das wichtigste Fest für die Hexen sei das Frühlingsfest, bei dem junge Paare sich auf den frisch gepflügten Feldern sexuell vereinigen sollten. Da es in England erst im Mai warm genug dafür wäre, sei auf den britischen Inseln das Frühlingsfest daher am 1. Mai zu feiern (und nicht zur Frühlingstagundnachtgleiche).

Analog dazu würde das bedeuten, dass der 1. August den Sommer markiert, der 1. November den Herbst und der 1. Februar den Winter. Warum sich Gardner tatsächlich genau für diese Feste entschied, ist fraglich. Am ehesten glaube ich, dass er einfach die vier altirischen Hochfeste für seine neue Religion adaptierte, wobei er sie allerdings neu deutete, da die Jahreszeitenbeginndaten im alten Irland anders lauteten (siehe im Kapitel über die Kelten).

Vielleicht suchte er auch nur nach einem symmetrischen Jahresrad, wobei ihn das Maifest mit seinen sexuell anmutenden Maibaumbräuchen vielleicht am meisten reizte. Oder er sah einen Zusammenhang mit der Walpurgisnacht am 30. April, der wohl berühmtesten Hexennacht überhaupt. (Wenn Du wissen willst, was in der Walpurgisnacht so alles vor sich geht – zumindest in den Köpfen kreativer Dichter – empfehle ich Faust I und II von Goethe, dessen Walpurgisnachtstraum einem Drogenrausch entsprungen sein könnte!)

Sei es wie es sei. Gardners Covenmitglieder fanden an den freundschaftlichen Festgelagen zu den vier Sabbaten, wo es leckere Speisen und Gutes zu trinken gab, so viel Gefallen, dass sie im Frühling 1958 kurzerhand beschlossen, die vier Sabbate um die vier Sonnenfeste zu erweitern, damit nun acht große Festgelage (die allesamt nun Sabbate genannt wurden) stattfinden könnten. Allerdings ging das laut Lamond auf Kosten der 12 bzw. 13 Vollmondrituale, die wegen Festtagsstress nun auf fünf bis sechs pro Jahr schrumpften.

Überspitzt gesagt bedeutet das: Der achtfache Jahreskreis existiert in der Form nur deshalb, weil Gardners Covenmitglieder nach den Ritualen immer Kohldampf hatten. Weg mit den blöden Keksen und dem Wein (irgendwann wird’s fad, wer würde das nicht verstehen?), und her mit einem guten Drei-Gänge-Menü! Rituale feiern macht schließlich hungrig.

1958 ist also das Geburtsjahr unseres achtfachen Jahresrades und nicht irgendwelche diffusen uralten Zeiten. Schon damals machten die acht Jahresfeste auch außerhalb Gardners Coven Furore. Ross Nichols, ein moderner Druide und Freund von Gardner, übernahm 1964 für seinen neu gegründeten Druidenorden OBOD (siehe im Kapitel über das Neodruidentum) das Konzept des achtspeichigen Jahresrades, und nachdem es sich vor allem durch verschiedenste Wiccatraditionen in Europa und den USA ausgebreitet hatte, etablierte es sich schließlich in vielen anderen neuheidnischen, naturreligiösen und auch esoterischen Bereichen.

Verbreitung der acht Jahreskreisfeste

Wicca hat mit den acht Jahreskreisfesten sozusagen einen spirituellen Exportschlager in die westliche Welt gesetzt (und teilweise auch mit der Ritualpraxis, wie im entsprechenden Kapitel noch erläutert wird). Neben dem Neodruidentum und der Göttinnenspiritualität, denen je ein eigenes Kapitel gewidmet ist, hat das achtfache Jahr in vielen anderen esoterischen und neuheidnischen Richtungen Einzug gehalten. Zu nennen wären z. B. die Zeremonialmagie, die Kaosmagie, der Satanismus, verschiedene Hexentraditionen außerhalb des Wicca, der Core-Schamanismus sowie auch oft ganz allgemein die moderne Esoterik- und New-Age-Bewegung.

Die größte Gruppe aber, wie ich glaube (zumindest in Österreich), die auch den achtfachen Jahreskreis begeht, könnte man unter dem Begriff „allgemeines Heidentum“ oder „allgemeine Naturspiritualität“ zusammenfassen. Darunter verstehe ich Menschen, die sich keiner bestimmten Tradition zugehörig fühlen, sich aber aufgrund ihrer Liebe zur Natur, zum Umweltschutz, zu alternativen Heilmethoden, zur Kräuterkunde, zu einer autonomen bäuerlichen Lebensweise, in ihrer Ablehnung von „normaler“ Religiosität, in ihren intimen spirituellen Erfahrungen etc. trotzdem irgendwie als „heidnisch“, „naturreligiös“ bzw. „naturspirituell“, „pantheistisch“ oder ähnlich begreifen. Diese Menschen folgen ihrem ganz eigenen Weg, der sich an verschiedenen Traditionen orientieren kann bzw. sich derer bedient. Die acht Jahreskreisfeste bieten sich daher für das allgemeine Heidentum geradezu an, da diese selbst nicht kulturspezifisch sind sondern eine eigene, moderne Überlieferung darstellen.

Für all die genannten Gruppen spielen auch oft die Festbedeutungen aus dem Wicca eine Rolle bzw. werden für die eigenen Bedürfnisse adaptiert oder neu interpretiert. Nur selten bekommen die acht Feste ganz neue Bedeutungen (was sicher einmal ein erfrischender, spannender Ansatz wäre!). Ein Blick ins Internet genügt, und man findet – leicht abgewandelt – oft ganz ähnliche Festbedeutungen, obwohl es sich um verschiedene Richtungen handelt.

Die acht Jahreskreisfeste sind im esoterisch-neuheidnischen Bereich also hinlänglich bekannt, jede/r weiß, wovon man spricht, und kaum wer hinterfragt dieses Konzept, weil es längst zum Selbstläufer geworden ist. Es mutierte zu einer feststehenden Größe, zu einer universellen panheidnischen Matrix, die je nach Tradition mit Inhalt gefüllt werden kann. Es ist wahrlich schwer, sich dem Charme des achtspeichigen Jahresrades zu entziehen. Das geht so weit, dass manchmal sogar rekonstruktionistische Gruppen (z. B. Celtic Recon, Ásatrú etc.) die acht Feste begehen. Sei es wider besseres historisches Wissen über die je eigene kulturelle Jahreskreistradition, sei es, weil man mit Wicca-ähnlichen Gruppen zusammen feiert oder sei es einfach, weil man das achtfache Jahresrad liebgewonnen hat. Bei den historisch basierten „Recons“ stößt die inflationäre Nutzung des achtfachen Jahres jedenfalls auf Kritik, da damit der Eindruck erweckt wird, es handle sich um etwas allgemein Heidnisches, das für alle Völker irgendwie Gültigkeit hätte.

Ende Teil VII