Mit ‘Brauch’ getaggte Artikel

Megalithkulturen in Nordhessen – Teil IV geschrieben von Mara

Samstag, 01. Juni 2013

11. Nachleben der Megalithkulturen in Sagen und Volksbräuchen

Mit der Inbesitznahme Europas durch die kriegerischen und patriarchalen Indoeuropäer (Streitaxtleute, Kelten, Germanen, Slawen etc.) endete die Megalithkulturen, die jahrtausendelang den Kontinent prägten. Aber die Dominanz der Eindringlinge war nicht vollkommen. Sie konnten zwar mittels ihrer überlegenen Waffen die alteuropäischen Kulturen zerstören und ihre patriarchale Gesellschaftsordnung etablieren. Allerdings war die Zahl der Indoeuropäer gering im Vergleich zur unterdrückten Urbevölkerung (vgl. de Vries 2006, S. 140). Religiöse Vorstellungen der Megalithkultur überlebten deshalb v.a. in Volksbräuchen und Sagen, in Erzählungen über Feen, Zwerge und Riesen, also in der sog. „Niederen Mythologie“, während die „Hohe Mythologie“, also die Sphäre der Götter, stärker von indoeuropäischen Vorstellungen beeinflusst wurde.

Häufig werden die Megalithgräber nun als die als Aufenthaltsort der Feen, Elfen oder der Unterirdischen betrachtet. Das gilt z.B. für Irland, Dänemark und Schweden. In Sardinien heißen viele Felsengräber „Domu de janas“, also Feenhäuser. Das Wort Jana für Fee leitet sich möglicherweise von der Großen Göttin Alteuropas und des Mittelmeeres, Dana, Danu, Ana oder später Diana ab (vgl. Derungs 1999, S. 162).

Zahlreiche lokale Sagen berichten auffällig oft davon, dass die Steine eines Megalithgrabes oder zusammen stehende Menhire eine versteinerte Hochzeitsgesellschaft seien. Die Braut wünschte, lieber zu Stein zu erstarren, als einen ungeliebten Mann zu heiraten, was nach Aussprechen des Wunsches eintrat. Sie liebte einen anderen Mann, mit dem sie aber nicht mehr zusammen kommen durfte, denn im vorindustriellen Patriarchat arrangierten im Allgemeinen die Väter des Braut und des Bräutigams die Ehen; die Wünsche der Tochter spielten da kaum eine Rolle. Die Braut hatte dem Bräutigam zu folgen, er führte sie weg von ihrem angestammten Zuhause und ihren Verwandten und Freundinnen in seine Sippe, wo sie nun seinen Ahnen vorgestellt wird und deren Wiedergeburt sichern soll. Bevor sie lebende Söhne geboren hat, hatte sie nur einen sehr geringen Status in dieser neuen Sippe. Sie wurde häufig schikaniert und mit den niedrigsten Arbeiten betraut. So wird der Hochzeitszug für die Braut zum Trauerzug. Kein Wunder, dass sie sich lieber in Stein verwandeln will, als diesem Mann zu folgen.

Diese Sagen sind möglicherweise eine Erinnerung an die Zeit des Umbruchs vom Matriarchat zum Patriarchat. Zur Zeit des Matriarchats waren Dolmen oder Steinkreise vielleicht Orte, an dem das Ritual der Heiligen Hochzeit stattfand. In diesem religiösen und sexuellen Ritual repräsentierte eine junge Frau die Göttin und ein Mann ihren Geliebten oder Heros. Es war immer die Frau, die sich ihren Geliebten unter den zahlreichen Bewerbern aussuchte. Ihre Vereinigung symbolisierte die wiederkehrende Fruchtbarkeit des Landes. Das änderte sich mit der Ankunft der Indoeuropäer. Der Eroberer-König heiratete jetzt zwangsweise im patriarchalen Sinne die Repräsentantin der Göttin und des Landes und erreichte so die Legitimation seiner Herrschaft. Die Ehefrauen und insbesondere die Frau des Königs waren von nun an zum Monogamie verpflichtet. Die Dolmen oder Steinkreise – bisher Orte der Lebensfreude – wurden jetzt für die Braut zu Orten der Trauer (vgl. Derungs 1999, S. 169). Einen vergleichbaren Hintergrund haben auch die altirischen Aitheda („Flucht“)-Geschichten, deren bekannteste das Epos von Tristan und Isolde ist (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 251).

Häufig fanden in älterer Zeit Hochzeiten an Megalithgräbern statt. Noch im Jahr 1197, am 25. Mai, heirateten der deutsche König Philipp von Schwaben und Irene von Konstantinopel auf dem Gunzenle, einem heute längst verschwundenen Grabhügel bei Augsburg (vgl. Kirchner 1999, S. 111ff).

Überall in den Megalithregionen Europa gab es den Brauch, dass sich Frauen auf den Deckstein eines Megalithgrabes setzten, von ihm herabrutschten oder von ihm heruntersprangen, wenn sie Kinder bekommen wollten.

Mancherorts gilt das Megalithgrab oder ein Menhir als Herkunftsort der Kinder, wie anderswo Quellen und Teiche (vgl. Kirchner 1999, S. 112).

Diese Bräuche gehen offensichtlich auf die sehr alten Vorstellungen zurück, nach denen die toten Vorfahren der Sippe aus den Megalithgräbern heraus in segensreicher Weise auf die Lebenden einwirken und schließlich in der eigenen Sippe wiedergeboren werden. Viele Frauen wollten sich durch direkte Berührung des Grabes dieser generative Macht der AhnInnen versichern.

Vermutlich steht auch der Brauch der Näpfchenbohrung in einem Zusammenhang mit diesen Vorstellungen. Viele Menhire, darunter auch der von Langenstein und der Wotanstein haben mehr oder weniger zahlreiche runde Grübchen und Ausschabungen. Wann diese angebracht wurden oder was sie bedeuten, ist unklar. Allerdings gibt es noch bekannte Volksbräuche, wie das Wetzen von Messern oder das Vernageln von Krankheiten an einem Menhir, die damit möglicherweise im Zusammenhang stehen. Der Brauch des Auswetzens von Rillen oder Näpfchen aus Steinen wurde im Mittelalter auch auf manche Kirchen übertragen und der Steinstaub aus diesen Ausschabungen galt noch im 19. Jahrhundert als Heilmittel. In einer magischen Denkweise überträgt sich die heilsame und schützende Kraft der AhInnen auf das Grab oder den Menhir selbst und von da auch auf kleine ausgeschabte Stücke dieses Grabes oder Menhirs. Nach ähnlichen Vorstellungen erhofften sich die Menschen im Mittelalter Linderung ihrer Leiden durch Berührung von Reliquien, also kleinen Stücken aus dem Besitz oder der sterblichen Überreste von Heiligen (vgl. Kirchner 1999, S. 116).

Auf die Rolle des Ahnengrabes als Kultplatz, an dem Versammlungen und kultische Spiele stattfanden und wo Recht gesprochen wurde, weist im deutschen Sprachraum der Begriff des Rosengartens hin. Er findet sich im Mittelalter in zahlreichen Varianten sehr häufig als Bezeichnung für Friedhöfe, Asylorte, Stätten der Rechtsprechung, Hinrichtungsorte, davon abgeleitet Gefängnisse und Orte, an denen Prostituierte oder andere Menschen mit als unehrlich angesehenen Berufen wohnten, aber auch als eingehegte Spiel- oder Festplätze. Häufig standen diese „Rosengärten“ nach Aussagen alter Urkunden in Zusammenhang mit einem Menhir oder einem Hügelgrab. Diese sind aber inzwischen besonders in den großen Städten fast alle beseitigt worden. Ursprünglich hießen diese Bezirke die Roten Gärten. Nach der Christianisierung ist aber der frühere Sinn dieser Bezeichnung vergessen worden und aufgrund von Lautähnlichkeit kam es zu einer Identifizierung mit dem Begriff Rose, aus den Roten Gärten wurden Rosengärten (vgl. Ranke 1999, S. 98ff).

Ende Teil IV

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VI

Samstag, 23. April 2011

Wenn Jahreskreisfeste um die Welt reisen

Kommen wir nun zu einer interessanten Problematik. Wir haben gesehen, dass die klimatischen Bedingungen und der Sonnenlauf meistens einen Haupteinfluss auf den Sinn der Jahreskreisfeste haben. In den traditionellen Religionen, die meist auf die jeweiligen Völker beschränkt geblieben sind, ist das weiter kein Problem. In dem Moment, wo aber Religionen oder Kulturen expandieren, missionieren oder sich anderweitig ausbreiten (z. B. durch Migration) werden natürlich auch Festtage und Mythen exportiert. Wenn es sich um Mythen oder Feiertage handelt, die keinen Bezug zu Natur und Klima des Heimatlandes haben, ist das nicht so schlimm. Wenn es aber Feste oder Bräuche sind, die mit der Vegetation oder dem Sonnenstand zu tun haben, wird es manchmal sehr grotesk.

Weihnachten, das ja absichtlich zur Wintersonnenwende installiert wurde, fällt auf der Südhalbkugel auf den Sommerbeginn. (Zum Weihnachtsdatum siehe das Kapitel über das Christentum.) Dessen ungeachtet wird auch auf der Südhalbkugel am 25. Dezember Weihnachten gefeiert, was irgendwie recht komisch anmutet. Noch krasser wird es, wenn Menschen außerhalb der entsprechenden kulturellen Heimat traditionelle oder neuheidnische Religionen praktizieren wollen, da diese oft unmittelbar mit dem Heimatland zu tun haben. Wie also z. B. brasilianische Keltenfans mit dem altirischen Kalender umgehen, wann Ásatruar in Australien nun Jul feiern, oder ob es viel Sinn hat, an der schönen blauen Donau den Beginn der Nilüberschwemmung zu feiern, bleibt fraglich.

Es gibt dafür grundsätzlich zwei Lösungsansätze: Der eine ist, dass man den Mythos von der irdischen Begebenheit abhebt und 1:1 einfach auf die andere Klimazone überträgt. Das heißt, Jul ist immer Jul, auch wenn grad auf der Südhalbkugel der längste Tag des Jahres stattfindet. Da alle Germanenfreaks auf der Nordhalbkugel auch am 21. Dezember Jul feiern, so die Idee, wirkt das Datum automatisch und ist daher auch richtig für die Südhalbkugel. Je mehr Menschen also zu einem bestimmten Datum das Fest feiern, desto mächtiger wird das Fest an sich – unabhängig von der tatsächlichen Jahreszeit und Vegetation. Auf diese Weise funktionieren dann auch die vier altirischen Feste im brasilianischen Regenwald, und die Donau muss eben kurz mal so tun, als wäre sie der Nil. Die zweite Möglichkeit ist, dass man die Kalender und Feste der jeweiligen klimatischen Realität anpasst. Das würde bedeuten, dass man auf der Südhalbkugel die Feste gegengleich feiert, also Jul am 21. Juni, weil das dort der kürzeste Tag ist. Das würde bedeuten, dass unser Keltenfan in Brasilien die dortigen Klimabedingungen als Kalendergrundlage für die keltischen Feste verwendet oder sogar, dass einheimische brasilianische Feste einen Synkretismus mit dem irischen Festkreis eingehen und dass die Donau vielleicht einfach so in einem angepassten ägyptischen Ritus gefeiert wird, ohne jetzt den Nil samt Überschwemmung bemühen zu müssen. Beide Lösungen haben gute Gründe und ihre Nachteile.

Das achtspeichige Jahresrad

Beschreibung

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste (auch „achtspeichiges Jahresrad“ oder „achtfaches Jahr“ genannt) setzen sich im Prinzip aus zwei Festkreisen zusammen: die vier vom Sonnenstand beeinflussten Feste, nämlich Wintersonnenwende (21./22. Dezember), Frühlingsäquinoktium (20./21. März), Sommersonnenwende (21. Juni) und Herbstäquinoktium (22./23. September) einerseits, (die ich im Folgenden immer „Sonnenfeste“ nenne) und die Feste am 1. Februar, 1. Mai, 1. August und 1. November andererseits, (die ich im Folgenden immer „Feuerfeste“ nenne). Diese beiden Festkreise zusammengelegt ergeben das achtspeichige Jahresrad, hier vorgestellt mit den im Wicca (und verwandten neuheidnischen Traditionen) üblichen Namen, wobei ich mit der Wintersonnenwende beginne, weil ich das am passendsten finde:

21./22. Dezember:

Jul, Yule, Mittwinter, Midwinter, Wintersonnenwende, Winter Solstice

(Winterbeginn, Tod und Wiedergeburt der Sonne)

1. Februar:

Imbolc, Brighid, February Eve, Lichtmess, Candlemas

(Wintermitte, erstes Sonnenlicht)

20./21. März:

Ostara, Eostre, Summerfinding, Frühlingsäquinoktium, Spring Equinox,

Vernal Equinox, Lady Day

(Frühlingsbeginn, Vegetation ersteht neu)

1. Mai:

Beltaine, Walpurgisnacht, Maifeiertag, May Day, Hohe Maien, May Eve

(Frühlingsmitte, Natur erblüht und erstarkt)

21. Juni:

Litha, Mittsommernacht, Midsummer, Sommersonnenwende, Summer Solstice

(Sommerbeginn, Sonnenfest)

1. August:

Lughnasad, Schnitterfest, August Eve, Lammas, Loaf Mass

(Sommermitte, Erntefest)

22./23. September:

Mabon, Herbstfest, Erntedankfest, Harvest Home, Winter Finding,

Herbstäquinoktium, Autumnal Equinox, Fall Equinox

(Herbstbeginn, Erntedank, Vegetation verwelkt)

1. November:

Samhain, Halloween, Hallowmas, November Eve

(Herbstmitte, Nebel, Vegetation ist gestorben)

Wenn man ein Jahr wie ein Ziffernblatt darstellt und die acht Jahreskreisfeste darin markiert, ergibt sich ein fast symmetrisches Bild eines achtspeichigen Rades. Aber nur fast. Die zwei Einzeljahreskreise für sich genommen sind symmetrisch. Zusammengelegt schaut es ein bisschen schief aus, denn die Anzahl der Tage zwischen den einzelnen Festen variiert etwas:

21. Dez. – 1. Feb:       41 Tage

1. Feb. – 20. März:     46 Tage

20. März – 1. Mai:      41 Tage

1. Mai – 21. Juni:        50 Tage

21. Juni – 1. Aug.:      40 Tage

1. Aug. – 22. Sep.:     51 Tage

22. Sep. – 1. Nov.:     39 Tage

1. Nov. – 21. Dez:      49 Tage

Die Zwischenräume von einem Sonnenfest bis zum nächsten Feuerfest dauern durchschnittlich 40 Tage (ca. 10 Tage bis Monatsende plus ein ganzer Monat). Die Zwischenräume von einem Feuerfest bis zu einem Sonnenfest dauern durchschnittlich 49 Tage (ein Monat plus ca. 20 Tage), sind also neun Tage länger. Trotzdem kann man durchaus behaupten, dass die Feuerfeste etwa in der Mitte zwischen zwei Sonnenfesten liegen und umgekehrt. Das achtspeichige Jahresrad zeichnet sich also durch eine annähernde Symmetrie aus und auch durch sehr einfach einzuprägende Daten. (Ein Feuerfest fällt immer auf den Monatsersten des übernächsten Monats nach einem Sonnenfest).