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Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen, geschrieben von Mc Claudia – Teil XXVII

Samstag, 20. September 2014

Hier nun das achtfache Jahr im katholischen Festkreis:

Weihnachten und Jul:

Weihnachten wird in der neuheidnischen Szene oft als christianisierte Version des Julfestes begriffen. Wie im Germanenkapitel schon ausgeführt, deuten die historischen Schriften darauf hin, dass Jul wahrscheinlich ein pangermanisches Fest war, das je nach germanischem Volk und je nach Epoche und Kalender an verschiedenen Festdaten zwischen November und Jänner seinen Platz hatte. Der 25. Dezember selbst, der Weihnachtstag, hat historisch nur im angelsächsischen Modranecht-Fest seine Entsprechung. Dass in den nordischen Ländern Weihnachten heute noch Jul oder Jol heißt, deutet in jedem Fall darauf hin, dass die Wichtigkeit und Beliebtheit des heidnischen Julfestes dazu geführt hatte, dass das Weihnachtsfest mit diesem assoziiert wurde und Festtagsnamen und auch Bräuche auf das christliche Weihnachtsfest übertragen wurden.

ABER: Das christliche Weihnachtsfest am 25. Dezember war längst Bestandteil der katholischen Kirche, als die frisch christianisierten Germanen beschlossen, Weihnachten mit Jul in Verbindung zu bringen. Jul war also nicht der Grund für die Etablierung des Weihnachtsfestes sondern lediglich Namensgeber und Brauchtumsinspiration für das Weihnachtsfest in Skandinavien und Island. Inwieweit germanische Bräuche in den anderen germanischen Gebieten für Weihnachten belegt sind, entzieht sich meinem Wissen. Die Rauhnächte und das dazugehörige Brauchtum mögen vielleicht dazuzählen. Der Weihnachtsbaum übrigens nicht – der wird erstmals im 16. Jhdt. im Elsass historisch erwähnt und war anfangs vor allem in evangelischen Gebieten verbreitet. Verschiedene Zünfte, die Zunftbäume aufstellten (daher kommt wahrscheinlich auch der heutige Maibaum), waren für die Verbreitung dieses Brauchs verantwortlich. Auch sind Weihnachtsbäume meines Wissens für das vorchristliche Julfest nicht erwiesen. Nichtsdestotrotz sind Assoziationen mit dem Weltenbaum durchaus legitim. Wie gesagt – auch Heiden übernehmen gerne christliche Bräuche …

Zurück zum Festtagstermin: Weihnachten ist natürlich nicht aus dem Nichts entstanden. Bis zur Etablierung des Festdatums im Jahre 336 (knapp vor dem Tod Kaiser Constantins d. Großen – das ist jener römische Kaiser, der als erster den Christen Religionsfreiheit gewährte und die Kirche aktiv förderte) für den 25. Dezember gab es die verschiedensten Vorschläge innerhalb der christlichen Gemeinschaften, wann man der Geburt des Messias gedenken sollte. Das historische Geburtsdatum von Jesus ist ja nicht bekannt. Als christlicher Grund wird angegeben, dass neun Monate zuvor, am 25. März, Maria vom Erzengel Gabriel aufgesucht wurde, der ihr verkündete, dass der Heilige Geist über sie kommen werde. Im Fest „Mariae Verkündigung“ (englisch: Lady Day) wird dieses Ereignis an diesem Datum gefeiert. Und nach neun Monaten Schwangerschaft, am 25. Dezember, gebar Maria dann das Jesusbaby – soweit der Mythos. (Ich konnte allerdings nicht herausfinden, ob Mariae Verkündigung vor oder nach Weihnachten etabliert wurde – wenn danach, scheint es logisch, dass einfach neun Monate vom 25. Dezember nach vorn gerechnet wurde, um auf das Datum für Mariae Verkündigung zu kommen.)

Ein weit plausiblerer Grund für das Weihnachtsdatum scheint mir die Wichtigkeit des römischen Sonnenkultes in der Spätantike zu sein. Zu Zeiten Kaiser Constantins war sowohl der Kult um den Sol Invictus (unbesiegbare Sonne), der im 3. Jhdt. durch andere Kaiser zum Staatskult erklärt wurde, von größter Bedeutung, andererseits war der Mithraskult (der aus Persien kam) vor allem bei den römischen Soldaten äußerst beliebt. Beide Götter waren untrennbar mit dem Kaiserkult verbunden. Und beide Götter hatten am 25. Dezember Geburtstag. Ein Beiname des Mithras war ebenfalls Sol Invictus. Wenn nun aber, beginnend mit Kaiser Constantin d. Großen, der Kaiser christlich wurde und den Sonnen- und Mithraskult nicht mehr pflegte oder, wie spätere Kaiser, sogar verbot, erübrigte sich der Kult an sich. Da beide Kulte aber staatstragend waren und für die Soldaten auch Symbol der Loyalität zum Kaiser darstellten, musste offenbar die religiöse Lücke geschlossen werden, die sich nach dem Niedergang der beiden heidnischen Kulte bildete. So führte man noch unter Regentschaft des Constantin den 25. Dezember als Tag der Geburt Christi ein. Dass auch Christus den Beinamen „Sol Invictus“ erhielt, mag dabei nicht mehr verwundern.

Die Frage, warum nicht die Wintersonnenwende selbst (21./22. Dezember) den Geburtstag des (heidnischen und christlichen) Sonnengottes markierte, könnte damit beantwortet werden, dass Caesar bei seiner Kalenderreform den 25. Dezember auf den kürzesten Tag des Jahres legte. Das heißt, im 1. Jhdt. v. Chr. stimmte der 25. Dezember mit der Wintersonnenwende überein. Da aber nun der julianische Kalender, wie wir oben im Kapitel über die Kalender gesehen haben, das Jahr zu lange rechnet (genau um 0,0078 Tage pro Jahr zu lang in Bezug auf das „richtige“ astronomische Sonnenjahr), rutschte die echte Wintersonnenwende im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte zurück auf den 22. Dezember, das heißt, der 25. Dezember um 300 n. Chr. befand sich schon drei Tage nach der Sonnenwende (und er wanderte weiter, bis Papst Gregor den Kalender reformierte und der 25. Dezember wieder seinen Platz aus dem 3. Jhdt. erhielt). Jedenfalls ignorierte man im 3. Jhdt. die „echte“ Sonnenwende und hielt sich stattdessen streng an das Kalenderdatum, in der Annahme, es handle sich noch immer um das Sonnwenddatum.

Feiertag der heiligen Brigitte von Kildare, Lichtmess und Imbolc:

Im Kapitel über die Kelten ist bereits auf den Zusammenhang des Imbolc-Festes mit dem heutigen Fest der hl. Brighid (zu Deutsch Brigitte) eingegangen worden. Die Ähnlichkeit der Göttin Brigit mit der namensgleichen Heiligen, deren Leben in das 5./6. Jhdt. datiert wird, in Attributen und Brauchtum sowie die Wichtigkeit des Brighid-Festes im gälischen Raum lassen vermuten, dass zwischen Imbolc und dem Brighid-Fest ein Zusammenhang besteht. Für Österreich hat die Brigitte von Kildare allerdings keine Bedeutung.

Mariae Lichtmess (engl.: Candlemas) findet am 2. Februar, also 40 Tage nach Weihnachten, statt. Mythologisch geht es darum, dass Maria nach jüdischem Brauch 40 Tage lang nach der Geburt Jesu unrein war. Am 40. Tag ging sie mit dem Baby dann in den Tempel, um die vorgeschriebenen Reinigungsopfer darzubringen. Außerdem übergab sie dort das Jesusbaby symbolisch Gott, da nach jüdischer Lehre der erstgeborene Sohn Eigentum Gottes war. Der alte Prophet Simeon erkannte dann in Jesus den Messias, das Licht der Welt – deshalb auch die Kerzensymbolik zu Lichtmess.

Die beiden Feste am 1. und am 2. Februar gehören im irisch-katholischen Brauchtum zusammen, denn am 1. Februar wird Brighid als Amme des Jesus geehrt, am 2. Februar Maria mit dem Jesuskind. Die Verehrung der hl. Brighid in Irland und Schottland ist übrigens dermaßen beliebt, dass sie als „Maria der Gälen“ bezeichnet wird und manchmal sogar als Jesu Mutter angerufen wird.

Ostern und Ostara:

Der lateinische Begriff für Ostern ist Pascha, abgeleitet vom hebräischen Pessach. Pessach ist das jüdische Freudenfest, an dem der Auszug aus der ägyptischen Sklaverei gefeiert wird. Pessach wird vom 15. bis 22. Nisan gefeiert, was März/April entspricht. Da der jüdische Kalender lunisolar ist, heißt das, dass Pessach mit dem Vollmond beginnt und dann eine Woche lang dauert. Das christliche Osterfest entspricht ungefähr diesem Datum: Ostersonntag ist der erste Sonntag nach dem Vollmond zu oder nach dem Frühlingsäquinox. Der früheste Termin ist der 22. März der späteste der 25. April. Laut biblischem Mythos wurde Jesus am Freitag in der Pessachwoche gekreuzigt und ist am Sonntag darauf wieder auferstanden.

Im Gegensatz zu Jesu Geburt ist Jesu Tod und Auferstehung deutlich aus dem Neuen Testament herauszulesen, weshalb es keine Unklarheiten darüber gab, dass das Osterfest in die jüdische Pessachwoche fallen müsste. Nur über die genaue Datumsberechnung wurde gestritten. Im ersten Konzil von Nicaea 325 n. Chr. wurde unter Kaiser Constantin die obige Berechnung des Osterfestes bestimmt.

Dass der April und das Pascha-Fest im germanischen Raum nach dem „Osten“ benannt wurde, könnte zwei Gründe haben: Zum einen ist der Osten die Richtung der aufgehenden Sonne, die der Auferstehung Christi entsprechen würde (auch Kirchen werden für gewöhnlich „geostet“, also nach dem Sonnenaufgang ausgerichtet). Zum anderen haben wir den Bericht von Beda Venerabilis über die Angelsachsen (siehe Kapitel über die Germanen). Zumindest für dieses germanische Volk haben wir den Beleg, dass Monat (Eosturmonath), Fest und Göttin (Eostrae) namensgebend für das christliche Pascha-Fest waren. Wir haben hier also dieselbe Vorgangsweise wie für Weihnachten: Ein christliches Fest wurde nach einem germanischen Fest benannt, das an einem ähnlichen Datum stattfand.

Aus all diesen Fakten dürfte hervorgehen, dass nicht Christen Ostern erfunden haben, weil die Germanen ein Frühlingsfest hatten, sondern dass die Germanen Namen (und Bräuche?) des heidnischen Eostrae-Festes mit dem Pascha-Fest verbanden. Inwieweit heutige Osterbräuche (Hase, Eier, Lämmer, Palmzweige, Küken, Feuer etc.) heidnischen Ursprungs sind, müsste man gesondert erforschen. Zumindest für die Ostereier gibt es eine christliche Erklärung: Eier waren früher in der Fastenzeit verboten, weshalb sie gesammelt und zu Ostern verschenkt wurden. Dass das Ei an sich eine Menge Symbolik in sich trägt, die in verschiedensten Kulturen zum Ausdruck kommt, ist klar. Speziell für Ostern kann man aber nur spekulieren, ob und welche heidnischen Symbole in das Osterei geflossen sein mögen.

Anmerkung zum Schluss: Das neuheidnische Ostara-Fest wird für gewöhnlich zu Frühlingsäquinox gefeiert, was mit den Quellen zum angelsächsischen Eostrae-Datum (lunisolarer Monat im März/April) nicht genau übereinstimmt. Historisch korrekter wäre es, das Ostara-Fest auf eine bestimmte Mondphase im März/April zu legen. Direkt auf die Frühlingstagundnachtgleiche fiel hingegen das Uppsala-Fest. Auch die slawischen und baltischen Frühlingsfeste Maslenitsa und Velykos wurden offenbar direkt zu Frühlingsbeginn gefeiert.

Ende Teil XXVII

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil XV

Samstag, 21. Juli 2012

Kelten und Celtic Recon

Kelten

Da uns die Neodruiden kaum etwas über die Kelten verraten, müssen wir leider in die historische Tiefe gehen. Erst einmal zur Quellenlage. Diese ist, was keltisch-heidnische Religion betrifft, nicht gerade günstig – um es vorsichtig auszudrücken. Weniger vorsichtig ausgedrückt: Wenn man sich das ganze Gebiet heidnisch-keltischer Religion als ein fertiges Puzzle-Bild vorstellt, haben wir von einem 1000-Teile-Puzzle vielleicht 100 Stück, die unregelmäßig auf der Bildfläche verteilt sind. Man kann also so eine Art „roten Faden“ erkennen, Zusammenhänge und Ähnlichkeiten und vielleicht errät man sogar das ganze Bild im Groben. Aber faktisch weiß man nicht, welche Teile die großen leeren Flächen füllen.

Um diese bescheidene Quellenlage besser verstehen zu können, hier erst einmal ein kurzer Abriss über die keltische Geschichte: Die Kelten – eine vielfältige Kultur mit gemeinsamem Sprachzweig (nämlich Keltisch – nona) – breiteten sich in der Antike seit ca. 700 v. Chr. über weite Teile Europas aus. Die antike keltische Zivilisation (Festlandkelten), die wegen ihrer großen Verbreitung und ihrer Aufsplitterung in verschiedene Stämme, Völker und Königreiche das Gegenteil von einheitlich war, ist archäologisch vor allem durch die La Tène-Kultur (teilweise auch durch die Hallstattkultur) fassbar. Dabei handelt es sich um eisenzeitliche Epochen. Mit der Unterwerfung unter das römische Reich um die Zeitenwende entwickelte sich eine reiche gallo-römische Mischkultur, welche ab ca. 500 n. Chr. durch Germanisierung, Völkerwanderung und Christianisierung verschwand bzw. assimiliert wurde. Die einzigen Gebiete, die seitdem noch keltisch besiedelt sind, beschränken sich auf Irland, Schottland, die Insel Man, Cornwall, Wales und die Bretagne. Die mittelalterliche bis neuzeitliche Kultur dieser Gebiete wird „inselkeltisch“ genannt, die Gebiete selbst als „keltischer Gürtel“. Das heidnische Keltentum fand ab ca. 400 n. Chr. nach und nach sein Ende, da die keltischen Gebiete (auch jene, die von den Römern unberührt blieben, wie Irland) zu den ersten gehörten, die christianisiert wurden.

Wir haben also drei historische Großgruppen: Die eisenzeitlichen Kelten, die durch archäologische Funde, griechische und römische Geschichtsschreiber und einer Handvoll keltischer Inschriften belegt sind. Die gallorömische Kultur, die trotz (und auch wegen) der Romanisierung die meisten keltischen Inschriften hinterlassen hat – auch hier haben wir zusätzlich archäologische Funde und schriftliche Aufzeichnungen römischer und griechischer Autoren. Und dann die Inselkelten, die selbst viel aufgeschrieben haben aber dummerweise schon christlich waren, als sie die Geschichten über ihre heidnischen Vorfahren zu Pergament brachten. Hier interessieren vor allem die mittelalterlichen irischen Handschriften, da sie die frühesten und umfassendsten inselkeltischen Aufzeichnungen darstellen (sprachlich teilweise bis ins 7. Jhdt. n. Chr. datierbar).

Für die Jahreskreisfeste stütze ich mich vor allem auf das Buch „Die hohen Feste der Kelten“ von Le Roux u. Guyonvarc’h, in dem alle historischen Hinweise zu diesem Thema herausgearbeitet sind. Ich kann dieses Buch für Keltenfans nur wärmstens empfehlen, da es zu diesem Thema auf Deutsch nichts Besseres gibt. Die Quellen zum Jahresfestkreis sind nämlich in allen möglichen mittelalterlichen Handschriften verstreut, die in dem genannten Werk zusammengetragen wurden.

Die ältesten Aufzeichnungen über den altirischen Jahresfestkreis finden wir bei Geoffrey Keating, einem irischen Gelehrten aus dem 17. Jhdt., in seinem Werk „History of Ireland“, der aus verschiedenen mittelalterlichen Handschriften, die zum Großteil heute verschollen sind, schöpfte. Dort wird beschrieben, wie der mythische Hochkönig Tuathal Techtmar, der im 1. Jhdt. n. Chr. gelebt haben soll, die kultische Zentralprovinz Meath (Midhe) gründete. Dafür teilte er die Provinz in vier Teile, wobei jeder Teil einer der anderen Provinzen zugeordnet wurde, und in jedem dieser Teile war ein Königssitz für den jeweiligen Provinzkönig. Und an jedem der vier Königssitze wurde eine Festversammlung im Jahr abgehalten:

Der König von Munster war am Königssitz von Tlachtga. Dort sollte jährlich am 1. November die Samain-Nacht gefeiert werden. Die Druiden kamen zusammen, um allen Gottheiten in einem Feuer Opfer darzubringen. Alle Feuer in den Häusern mussten gelöscht werden (wer es nicht tat, bekam eine Geldstrafe aufgebürdet), und vom Opferfeuer musste man sich dann neues Feuer holen.

Der König von Connaught saß in Uisneach. Die Versammlung dort fand an Beltaine am 1. Mai statt. Man opferte dem meistverehrten Gott Bel und hielt Markt ab, wo Güter getauscht wurden. Überall wurden zwei Feuer angezündet, um zwischen den Feuern ein krankes Tier jeder Gattung hindurchzuführen, was alles Vieh in Irland vor Krankheiten schützen sollte. Jeder Anführer, der zur Versammlung kam, musste Pferd und Ausrüstung als Steuer dem König überlassen.

Der König von Ulster weilte in Tailtiu (Teltown). Hier fand zu Lugnasad am 1. August ein Jahrmarkt statt. Ehen und Freundschaften wurden geschlossen, wobei die Eltern die Verträge für ihre Töchter und Söhne besiegelten, während sich diese nach Geschlechtern getrennt am Fest aufhalten mussten. Der Gott Lughaid Lamhfhada stiftete das Lugnasad-Fest für seine Ziehmutter Tailtiu, da sie gestorben war und in Teltown bestattet wurde. Ihr zu Ehren war das Fest. Jedes Paar, das hier vermählt wurde, musste dem König Steuern zahlen.

Der König von Leinster weilte in Tara. Alle drei Jahre fand hier am 1. November das Fest von Tara statt, wobei, wie zu Samain, allen Gottheiten geopfert wurde. Das königliche Fest wurde offiziell angekündigt. Es wurden Gesetze und Bräuche beschlossen, die Annalen und Altertümer Irlands verabschiedet. Alle Beschlüsse wurden von den obersten Geistlichen in das Buch der Könige verzeichnet. Jeder Brauch, der mit diesem Buch nicht übereinstimmte, wurde nicht als echt angesehen.

Soweit zum Gründungsmythos von Midhe. (Weitere historische Hinweise auf die Feste im Alten Irland sind im Anhang zu finden.) Auffällig ist, dass der 1. November mit zwei Festen belegt ist (Samain und das Fest von Tara – wobei beide im Sinn ähnlich sind) während Imbolc am 1. Februar fehlt. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass letzteres eher ein Familienfest gewesen sein dürfte und keine königliche Volksversammlung. Nichtsdestotrotz sind Samain, Imbolc, Beltaine und Lugnasad als markante Feste und Jahreszeitenbeginne in den mittelalterlichen irischen Schriften oft erwähnt. Man kann also flapsig sagen, dass die Hälfte der Feste des achtfachen Jahres von den Kelten beigesteuert wurde. Während aber für die drei Versammlungen Samain, Beltaine und Lugnasad zumindest einige Hinweise über Sinn und Ablauf der Feste zu finden sind, ist nichts dergleichen über Imbolc bekannt. Mehr als dass es sich wahrscheinlich um ein Fest der rituellen Reinigung zum Frühlingsbeginn, wo die Mutterschafe Lämmer bekommen und Milch geben, mit anschließendem Festmahl gehandelt hat, ist nicht bekannt. (Ein anderer Name für Imbolc, das mit „umfassender Reinigung“ übersetzt werden kann, ist „Oimelc“, was „Schafsmilch“ bedeutet.)  Fraglich ist damit auch, ob die heilige Brigit, die in christlicher Zeit am 1. Februar so einen großen Festtag hat, auch in heidnischer Zeit als diesbezügliche Festtagsgöttin so wichtig war. Denkbar ist es, da auch die Mythen um die Göttin und die Heilige Ähnlichkeiten aufweisen. Aber es gibt keinen literarischen Hinweis darauf.

Die vier Hochfeste des Alten Irland werden im keltischen Gürtel – und einige darüber hinaus – noch heute in christianisierter und/oder säkularer Form gefeiert. Samain hat sich zu Halloween entwickelt, wobei die Bräuche des neuzeitlichen Samhain mit denen des anglisierten Halloween identisch sind. Das Totengedenken zu Allerseelen hat ebenfalls auf das Samhain-/Halloween-Fest abgefärbt. Imbolc wurde zum Fest der hl. Brighid, das im goidelischen Raum (Irland, Schottland, Insel Man) gefeiert wird und um die Heilige zahlreiche Familienbräuche ausgebildet hat. Beltaine entwickelte sich zum Maifest, welches ähnliche Bräuche aufweist wie hierzulande. Und Lugnasad hat heutzutage mehrere Feste im keltischen Gürtel um den 1. August, das bekannteste ist vielleicht der Garland Sunday, der letzte Sonntag im Juli, wo unter anderem die Wallfahrt auf den Berg Croagh Patrick stattfindet. Die altirischen und neuzeitlichen Feste weisen teils Unterschiede auf (siehe Anhang).

Wie schon angemerkt, markieren die vier Feste auch den Beginn der Jahreszeiten. Samain ist der Beginn des Jahres überhaupt und auch der Beginn des Winters (die Bedeutung des Namens ist „Sommerende“), Imbolc ist der Frühlingsbeginn, Beltaine (Feuer des Bel) der Sommerbeginn und Lugnasad (Versammlung des Lug) der Herbstbeginn. Da zu Samain und zu Beltaine im alten Irland jeweils Notfeuerbräuche stattfanden (alle Herdfeuer mussten ausgemacht werden, und die Druiden (zu Samain) bzw. der König (zu Beltaine) entzündeten das neue Feuer für das Volk), markieren diese beiden Feste die Zeitpunkte zwischen den Jahreshälften: von Samain bis Beltaine ist die dunkle Zeit und von Beltaine bis Samain die helle Zeit.

Man mag sich nun wundern, warum die alten Iren so ausgefallene Jahreszeitenbeginne hatten. Von Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen ist in den Handschriften jedenfalls nirgends die Rede. Die Antwort ist meines Erachtens vielleicht, dass es einen religiösen Grund hatte, denn auch wenn es in Irland durch den Golfstrom im Winter wärmer ist als in Kontinentaleuropa, ist das nicht unbedingt ein Grund, den Sonnenlauf zu ignorieren. Vielleicht kamen die vier Feste auch aus Spanien mit keltiberischen Einwanderern nach Irland, also aus einem mediterranen Klima. Sicher werden wir es wohl nie wissen.

Drei der vier Feste sind noch heute irische Monatsnamen: Bealtaine heißt der Mai, Lúnasa der August und Samhain der November. Die Namen für Juni (Meitheamh – Mitte des Sommers), September (Meán Fómhair – Mitte der Ernte) und Oktober (Deireadh Fómhair – Ende der Ernte) könnten darauf hinweisen, dass die Jahresaufteilung in den alten inselkeltischen Gebieten in 4 x 3 Monate geschah, wobei die vier Viertel vielleicht in „Anfang“, „Mitte“ und „Ende“ einer Jahreszeit aufgeteilt waren. (Ähnliche Monatsbezeichnungen gibt es auch in den anderen inselkeltischen Sprachen.) Wie auch immer – es gibt bei den Inselkelten keinen Hinweis auf einen vorchristlichen Mond- oder Sonnemondkalender. Ich nehme daher an, dass schon in heidnischer Zeit ein Sonnenkalender eingeführt wurde. Altirische Monatsnamen, geschweige denn heidnisch-inselkeltische Kalender, konnte ich bei meiner Recherche leider nicht finden. Im Gegenteil: Die irischen Kirchenväter verwendeten schon im frühen Mittelalter die lateinischen Monatsnamen.

Natürlich gab es auch bei den anderen Inselkelten Jahreskreisfeste. Die mittelalterlichen Schriften in diesen Gebieten geben aber meines Wissens zu diesem Thema kaum etwas her.

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil IX

Samstag, 06. August 2011

Kalender, Festkreisbeginn und Festdaten

Da das achtfache Jahr eine moderne Erfindung ist, braucht man nicht nach einem traditionellen, dahinterliegenden Kalender suchen. Die acht Jahreskreisfeste sind als Fixdaten konzipiert, die sich hervorragend im gregorianischen Kalender einfügen. Praktischerweise fällt die Hälfte der acht Jahreskreisfeste auch genau oder ungefähr auf gesetzlich anerkannte Feiertage: Beltaine (Tag der Arbeit am 1. Mai) und Samain (Allerheiligen am 1. November) sowie Jul (Weihnachtstag am 25. Dezember) und Ostara (Osterwochenende) – wenn man es nicht so genau nimmt mit dem Sonnendatum. Auch die Tagundnachtgleichen und Sonnenwenden (also die Jahreszeitenbeginndaten) sind zumeist in jedem Taschenkalender eingetragen, die Mondphasen sowieso.

Wenn man die germanischen und keltischen Wurzeln der einzelnen Feste bedenkt, kann man natürlich auch überlegen, einen germanischen oder keltischen Kalender zugrunde zu legen. Näheres dazu in den entsprechenden Kapiteln weiter unten. Aber es gibt auch moderne Hexenkalender, die man verwenden kann. (Der bekannteste ist der Ogamkalender von Ranke-Graves, wie er im Kapitel über die Neodruiden vorgestellt ist.) Für die Festtagsdaten macht das aber keinen Unterschied. – Es sei denn, man kommt auf die Idee, die acht Jahreskreisfeste (oder einen Teil davon) auf eine bestimmte Mondphase zu legen.

Tatsächlich habe ich beim Surfen im Netz öfters die Idee gefunden, zumindest die Feuerfeste an einem in der Nähe des jeweiligen Festdatums liegenden Neu- oder Vollmond zu feiern. Die Begründung dafür dürfte sein, dass man die Sonnenfeste der Sonne zuordnet und die anderen Feste, die jetzt nicht auf ein Sonnen-Eckdatum fallen, will man auch irgendwie an einem markanten Punkt haben. Der Mond bietet sich an, weil er der zweitgrößte Himmelskörper ist – von der Erde aus betrachtet -, außerdem hat man so zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: man hat fixe Mond-Feierzeiten eingerichtet (Der Vollmond gehört ja zu den Hexen wie der Besen und der brodelnde Kessel), die zugleich auch große Feiertage sind. Eine weitere Begründung, die Feiertage auf eine Mondphase zu legen, liegt im lunisolaren Kalender der Gallier und einiger germanischer Völker (siehe dazu die Kapitel über die Kelten und die Germanen).

Zurück zu der Version mit den Fixdaten. Wenn keine anderen zwingenden Gründe dagegen sprechen (eine Wicca-Bekannte erzählte mir einmal, sie feiere Samhain ein paar Tage später, weil das besser mit der Astrologie zusammenpasse – die Sonne stehe da genau in 15° Skorpion), feiern die meisten Neuheiden die Feste an den oben beschriebenen Daten bzw., wenn der Job es nicht anders zulässt, an nahegelegenen Wochenenden oder Feiertagen.

Die Daten für die Sonnenfeste sind ja relativ klar. Es geht um die Tage vor der kürzesten Nacht (Sommersonnenwende) oder der längsten Nacht (Wintersonnenwende) oder um den Tag, der gleich lang ist wie die darauffolgende Nacht (Tagundnachtgleichen). Bei den Feuerfesten muss ich aber noch etwas ausholen, denn Samhain wird für gewöhnlich nicht am 1. November gefeiert sondern am Abend des 31. Oktober, Beltaine nicht am 1. Mai, sondern am Abend des 30. April, Imbolc nicht am 1. Februar sondern am Abend des 31. Jänner und Lughnasad nicht am 1. August sondern am Abend des 31. Juli. Vor allem für Samhain und Beltaine sind die Daten sehr bekannt, fällt ja auch Halloween (die moderne Version von Samhain) auf den 31. Oktober und die Walpurgisnacht (die festlandeuropäische Entsprechung zu Beltaine) auf den 30. April. Der Grund dafür liegt in der keltischen Tagesrechnung, bei der der Tag am Vorabend beginnt (diese Rechnung gab es auch bei den Germanen, Griechen und heute noch bei den Juden).

Da Gardner – im Gegensatz zu den Sonnenfesten, die in ihrer Gesamtheit kein bestimmtes historisches Vorbild haben – bei den Feuerfesten wahrscheinlich auf den altirischen Festkalender geschielt hat, hat er auch die Tradition des „Abend davor“ übernommen.

Imbolc wird in einigen Jahreskreisbeschreibungen auch auf den 2. Februar gelegt. Der Grund dafür dürfte das katholische Mariae-Lichtmess-Fest sein, das am 2. Februar stattfindet und mit dem Imbolc manchmal assoziiert wird. Die irische Heilige (und frühere Göttin) Brighid wird allerdings am 1. Februar geehrt. Das „keltisch-korrekte“ Feierdatum ist damit der Abend vor dem 1. Februar.

Bleibt noch zu ergründen, wann das achtfache Jahr nun richtigerweise beginnt. Ich habe einige Jahreskreisbeschreibungen in meinen Büchern miteinander verglichen. Die einzigen Feste, die NICHT als Beginnzeiten genannt wurden, sind: Beltaine, Litha und Mabon (aber vielleicht gibt es ja irgendeinen Coven irgendwo auf der Welt, der seinen Festkreisbeginn auf genau eines dieser Feste legt – ich meine, wenn man kurz die oben beschriebenen Jahresbeginndaten verschiedener Kulturen im Auge hat, könnte es griechischen Neuheiden einfallen, Litha als Jahresbeginn zu postulieren, jüdischen Mabon und tamilischen Beltaine – nur mal spaßhalber so angedacht …).

Alle anderen Feste dienen im einen oder anderen neuheidnischen System als Beginndatum des Jahresrades: Samhain hat jedenfalls den altirischen Kalender als Grund, Jul könnte sich auf die germanische oder römische Kultur berufen oder einfach auf die Wintersonnenwende selbst (Geburt der Sonne), Imbolc hat vielleicht Jahresbeginn-Symbolik in der Natur (Vorfrühling, wieder erstarkende Sonne), und Ostara als Festkreisanfang könnte sich neben der Symbolik der wiedergeborenen Natur auch auf persische, baltische oder slawische Tradition berufen.

Fazit: Wenn man keiner speziellen Tradition angehört oder einem bestimmten Dogma folgt, gibt es kein „richtig“ oder „falsch“ bei den Daten und Festkreisbeginnzeiten des achtfachen Jahresrades. Es bleibt der Kreativität und den Wünschen der Feiernden überlassen.

Ritualpraxis

Im folgenden Kapitel geht es nicht nur um Gruppen, die die acht Jahresfeste begehen, sondern um alle Neuheiden, da das Meiste sowohl für die „Acht-Jahreskreisfeste-Traditionen“ als auch für die Recons und die anderen Neuheiden Gültigkeit hat.

Die Wicca-basierten bzw. -inspirierten Gruppen (allgemeines Neuheidentum und andere) übernehmen oft (nicht immer) Elemente der Ritualpraxis aus dem Wicca. Beliebte Ritualelemente sind: Das Ziehen eines Schutzkreises am Anfang und das Auflösen desselben am Schluss des Rituals, das Rufen der vier Elemente in die vier Himmelsrichtungen (beliebtes Schema: Luft – Osten, Feuer – Süden, Wasser – Westen und Erde – Norden), das Invozieren bzw. das „Energiearbeiten“ oder „magische Arbeiten“ mit Gottheiten (entweder nach Wicca-Tradition eine Göttin und ein Gott, nur Göttinnen in frauenzentrierten Gruppen oder in polytheistischen Gruppen auch mehrere zum Fest passende Gottheiten), das Aufbauen eines Kraftkegels bzw. das „Kreisenlassen von Energie“ (z. B. durch Tanz, Konzentrationsübungen, Chanten, Trommeln etc.). Andere Ritualteile aus dem traditionellen Wicca dürften im „allgemeinen Heidentum“ keinen so großen Anklang finden, wie z. B. der fünffache Kuss, die Verwendung einer Peitsche, der große Ritus o.ä.

Die Rituale traditioneller Gruppen sind – nona – traditionell und Recon-Gruppen versuchen, sich möglichst an historisch fassbare Zeremoniengestaltung zu halten (soweit möglich), was sich oft sehr vom Wicca unterscheidet.

Inwieweit man Kreativität in ein Jahreskreisfest einbringen kann, hängt davon ab, wie eng die Ritualvorgaben in der jeweiligen Tradition sind. In traditionellen Wicca-Coven, Neodruidenorden, traditionellen Heidentümern oder Recon-Gruppen mit vielen historischen Anhaltspunkten (z. B. Religio Romana oder Hellenismos) ist der Rahmen zur freien Ritualgestaltung naturgemäß enger als im „allgemeinen Heidentum“ oder im germanischen oder keltischen Recon (da dort genaue historische Ritualvorgaben meist fehlen). Weiters entscheidet jede Gruppe auch selbst, wie streng sie sein will, wie viel individuelle Gestaltung sie zulässt oder nicht. So kann auch eine chaosmagische, allgemein heidnische Gruppe sehr dogmatisch und eng strukturiert sein während eine Familientradition sich auch durchaus liberal geben kann. Wie auch immer: Durch die Vielfalt der Traditionen und Gruppen ergibt sich beim Vergleich der Jahresfestpraktiken sicher ein sehr buntes Bild.

Oft ist es üblich, einheimisches Brauchtum in die Jahresfeste zu inkludieren. Dieses Brauchtum ist in der westlichen Welt zumeist christlich geprägt, kann aber leicht in den heidnischen Kontext übernommen werden. Was Österreich betrifft, ließen sich für die acht Jahresfeste z. B. folgende Bräuche übernehmen: Weihnachtsbaum zu Jul, Lichtmesskerzen zu Imbolc, Ostereier zu Ostara, Maibaum zu Beltaine, Sonnwendfeuer zu Litha, Kräuterweihe zu Lugnasad, Erntekränze zu Mabon und Friedhofsbesuche zu Samain.

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VIII

Samstag, 09. Juli 2011

Herkunft und Bedeutung der Festtagsnamen

Gleich vorweg: Die Schreibweise, vor allem der mittelalterlichen Namensbezeichnungen der Festtage der Iren, Waliser, Angelsachsen, Wikinger etc. kann variieren. Da es damals keine einheitliche Rechtschreibung gab und es auch einen Unterschied macht, ob man das Fest in einer älteren oder neueren Schreibweise buchstabiert, gibt es oft mehrere Versionen, einen Namen zu schreiben, z. B. Samain (Altirisch), Samhain (modernes Irisch). Das soll aber weiter nicht stören.

Die üblichen neuheidnischen Namen der acht Jahreskreisfeste haben ihre Wurzeln vor allem im Wicca, wobei sich die Wiccas wiederum an traditionellen irischen, angelsächsischen, nordischen und britischen Festnamen orientieren (und im deutschsprachigen Raum auch an entsprechenden hiesigen, traditionellen Bezeichnungen). Manchmal sind die Festnamen auch Neuerfindungen.

Ich beginne mit den einfachen Bezeichnungen der Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen: Wintersonnenwende (engl.: Winter Solstice), Frühlingstagundnachtgleiche/Frühlingsäquinoktium (engl.: Spring Equinox, Vernal Equinox), Sommersonnenwende (engl.: Summer Solstice) und Herbsttagundnachtgleiche/Herbstäquinoktium (engl.: Autumnal Equinox, Fall Equinox) sind einfach im Alltag übliche Bezeichnungen für die Tagundnachtgleichen und die Sonnenwenden.

Eindeutig christlicher Herkunft sind die Bezeichnungen: (Mariae) Lichtmess (engl.: Candlemas – „Kerzenmesse“), Brighid (Brighid bzw. Brigitte ist eine christliche Heilige), Lady Day – „Frauentag“ (Mariae Verkündigung), Walpurgisnacht (Walburga ist eine christliche Heilige), Lammas/Loaf Mass – „Brotlaibmesse“ und Halloween/Hallowmas – „(Abend vor) Allerheiligen“. (Näheres dazu im Kapitel über das Christentum.)

Die Bezeichnungen „Maifeiertag/May Day/Hohe Maien“ sowie „Herbstfest/Erntedankfest/ Harvest Home“ sind deutsche und englische Bezeichnungen, die für die ausgelassenen Frühlingsfeierlichkeiten am 1. Mai und für die diversen Erntedankfeste im September/Oktober im englischsprachigen und deutschsprachigen Raum üblich sind. Auch sie sind – auch wenn das Brauchtum teilweise recht heidnisch anmutet – eingebettet im christlichen Festkalender.

Der Begriff „Schnitterfest“ für Lugnasad dürfte eine neuheidnische Bezeichnung sein, die sich auf die Ernte, also das Schneiden des Getreides bezieht.

Die Festtagsnamen Mittwinter (engl.: Midwinter), Summerfinding – „Sommer-Findung“, Mittsommer (engl.: Midsummer) und Winter Finding – „Winter-Findung“ sind deutsche bzw. englische Bezeichnungen, die sich auf den germanischen Raum Skandinaviens und Islands (= nordischer Sprachraum) beziehen. Ebenfalls aus dem germanischen Raum kommen die Begriffe Jul (engl.: Yule) – Nordisch für „Zauber, Beschwörung“, Eostre (Altenglisch) und Ostara (rekonstruiertes Althochdeutsch) für „östlich, Osten“ und Litha – Altenglisch für „durchlaufen, gehen, vergehen“. (Näheres im Kapitel über die Germanen.)

Imbolc – „umfassende Reinigung, im Bauch“, Beltaine – „Bel‘s-Feuer“, Lug(h)nasad „Lug‘s-Versammlung“ und Sam(h)ain – „Sommerende“ sind altirische (und damit keltische) Bezeichnungen für die vier Hochfeste im alten Irland. (Siehe das Kapitel über die Kelten.)

February Eve, May Eve, August Eve und November Eve (also Februar-, Mai-, August- und November-Abend) sind die Namen der Feuerfeste, wie sie in Gardners Book of Shadows (siehe Quellenverzeichnis) zu finden sind. Da diese Festbezeichnungen für die jeweils an diesen Daten stattfindenden christlichen Feste eher unüblich sind (ich konnte nichts Diesbezügliches finden), dürfte es sich um Gardners Idee handeln, die Sabbate einfach nach ihrem jeweiligen Datum zu benennen.

Fast alle Festnamen haben also einen heidnisch oder christlich tradierten Ursprung oder sind logische Bezeichnungen (wie „Schnitterfest“ oder „May Eve“).

Bleibt der mysteriöseste Festtagsnamen, der nirgends hineinpasst, nämlich Mabon. Mabon vab Modron (übersetzt: „Mabon, Sohn der Modron“) ist ein Held im mittelalterlichen walisischen (und damit keltischen) Mythos Culhwch ac Olwen, wo er eine Nebenrolle spielt. Und zwar war er in einem Kerker eingesperrt (er war als Kleinkind von drei Jahren seiner Mutter geraubt worden), bis er von Kaiser Arthur (dem meistverfilmten König aller Zeiten) und seinen Mannen befreit wurde, um mit ihnen danach gemeinsam auf die Jagd nach dem gefährlichen Keiler Twrch Trwyth zu gehen. Mabon und Modron haben sogar Entsprechungen in der antiken festlandkeltischen Götterwelt: Der walisische Mabon leitet sich etymologisch vom gallischen Maponos ab, was „Sohn, Kind“ bedeutet. Von den Römern wurde er mit Apollon, dem Gott der Dichtkunst, der Orakel und der Sonne verglichen. Walisisch „Modron“ wiederum kommt vom gallischen Matrona – „große Mutter“. Diese Göttin ist als Singular ein Fluss (nämlich die Marne) und als Dreiergruppe von Göttinnen (Matronen) war sie im römischen Gallien (vor allem im Rheinland) äußerst populär.

Seitdem ich den Mythos kenne, frage ich mich, was genau jemanden veranlasst, ein Erntedankfest nach diesem Helden zu benennen. Man könnte spekulieren, dass das Eingesperrtsein vielleicht einen Initiationsritus oder den Abstieg in die Unterwelt symbolisiert – analog zur Sonne, die im Herbst in die Unterwelt wandert oder auch analog zu den Eleusinischen Mysterien. Vielleicht ist es auch die Eberjagd, weil im Herbst die Jagdsaison beginnt. Und dann gab es im alten Griechenland um diese Zeit noch das Fest Pyanopsia, das Apollon geweiht war.

Wie auch immer, Mabon als Name für ein walisisches (oder anderes keltisches) Fest ist nach meiner gründlichen Recherche historisch nicht erwiesen (weder im Herbst noch sonstwann, weder christlich noch heidnisch). Aber Modron sei Dank gibt es ja das englische Wikipedia. Im Eintrag „Wheel of the Year“ ist zu lesen, dass Aidan Kelly, ein neuheidnischer Autor, in den 1970er Jahren diesen Namen für das Herbstfest geprägt hätte. Warum er das gemacht hat, weiß ich aber nicht.

Auch wenn sich „Mabon“ längst als Festtagsname eingebürgert hat, möchte ich doch darauf hinweisen, dass er damit eine gewisse Asymmetrie bei der Namenswahl der acht Jahreskreisfeste verursacht. Denn die vier Feuerfeste haben keltische Bezeichnungen (Imbolc, Beltaine, Lugnasad und Samain), und drei der vier Sonnenfeste tragen germanische Namen (Jul, Ostara, Litha). Wäre es da nicht konsequent, auch dem Herbstäquinoktium einen schönen germanischen Namen zu geben? Ich finde z. B. „Tamfana“ sehr passend. Das ist eine südgermanische Göttin, die laut Tacitus Ende September vom Stamm der Marser mit einem Fest geehrt wurde. Damit hätten wir sogar einen historischen Namen!

Wie auch immer. Die kreative Namensgestaltung der acht Feste dürfte erst nach der Expansion der Wicca-Idee in verschiedenen Wicca-, Wicca-ähnlichen und anderen Traditionen stattgefunden haben. Schaut man sich nämlich die Namen der acht Sabbate in Gardners Book of Shadows an, muten diese sehr nüchtern an. Sie heißen einfach „…-Equinox“, „….-Solstice“ oder „…-Eve“, also eigentlich nur Datumsbeschreibungen. Warum er keine passenden keltischen oder germanischen Namen benutzte, die er sicherlich kannte, ist fraglich. Vielleicht wollte er keine kulturspezifischen Festtagsnamen einführen, um den Sabbaten einen universellen Charakter zu verleihen?

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VI

Samstag, 23. April 2011

Wenn Jahreskreisfeste um die Welt reisen

Kommen wir nun zu einer interessanten Problematik. Wir haben gesehen, dass die klimatischen Bedingungen und der Sonnenlauf meistens einen Haupteinfluss auf den Sinn der Jahreskreisfeste haben. In den traditionellen Religionen, die meist auf die jeweiligen Völker beschränkt geblieben sind, ist das weiter kein Problem. In dem Moment, wo aber Religionen oder Kulturen expandieren, missionieren oder sich anderweitig ausbreiten (z. B. durch Migration) werden natürlich auch Festtage und Mythen exportiert. Wenn es sich um Mythen oder Feiertage handelt, die keinen Bezug zu Natur und Klima des Heimatlandes haben, ist das nicht so schlimm. Wenn es aber Feste oder Bräuche sind, die mit der Vegetation oder dem Sonnenstand zu tun haben, wird es manchmal sehr grotesk.

Weihnachten, das ja absichtlich zur Wintersonnenwende installiert wurde, fällt auf der Südhalbkugel auf den Sommerbeginn. (Zum Weihnachtsdatum siehe das Kapitel über das Christentum.) Dessen ungeachtet wird auch auf der Südhalbkugel am 25. Dezember Weihnachten gefeiert, was irgendwie recht komisch anmutet. Noch krasser wird es, wenn Menschen außerhalb der entsprechenden kulturellen Heimat traditionelle oder neuheidnische Religionen praktizieren wollen, da diese oft unmittelbar mit dem Heimatland zu tun haben. Wie also z. B. brasilianische Keltenfans mit dem altirischen Kalender umgehen, wann Ásatruar in Australien nun Jul feiern, oder ob es viel Sinn hat, an der schönen blauen Donau den Beginn der Nilüberschwemmung zu feiern, bleibt fraglich.

Es gibt dafür grundsätzlich zwei Lösungsansätze: Der eine ist, dass man den Mythos von der irdischen Begebenheit abhebt und 1:1 einfach auf die andere Klimazone überträgt. Das heißt, Jul ist immer Jul, auch wenn grad auf der Südhalbkugel der längste Tag des Jahres stattfindet. Da alle Germanenfreaks auf der Nordhalbkugel auch am 21. Dezember Jul feiern, so die Idee, wirkt das Datum automatisch und ist daher auch richtig für die Südhalbkugel. Je mehr Menschen also zu einem bestimmten Datum das Fest feiern, desto mächtiger wird das Fest an sich – unabhängig von der tatsächlichen Jahreszeit und Vegetation. Auf diese Weise funktionieren dann auch die vier altirischen Feste im brasilianischen Regenwald, und die Donau muss eben kurz mal so tun, als wäre sie der Nil. Die zweite Möglichkeit ist, dass man die Kalender und Feste der jeweiligen klimatischen Realität anpasst. Das würde bedeuten, dass man auf der Südhalbkugel die Feste gegengleich feiert, also Jul am 21. Juni, weil das dort der kürzeste Tag ist. Das würde bedeuten, dass unser Keltenfan in Brasilien die dortigen Klimabedingungen als Kalendergrundlage für die keltischen Feste verwendet oder sogar, dass einheimische brasilianische Feste einen Synkretismus mit dem irischen Festkreis eingehen und dass die Donau vielleicht einfach so in einem angepassten ägyptischen Ritus gefeiert wird, ohne jetzt den Nil samt Überschwemmung bemühen zu müssen. Beide Lösungen haben gute Gründe und ihre Nachteile.

Das achtspeichige Jahresrad

Beschreibung

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste (auch „achtspeichiges Jahresrad“ oder „achtfaches Jahr“ genannt) setzen sich im Prinzip aus zwei Festkreisen zusammen: die vier vom Sonnenstand beeinflussten Feste, nämlich Wintersonnenwende (21./22. Dezember), Frühlingsäquinoktium (20./21. März), Sommersonnenwende (21. Juni) und Herbstäquinoktium (22./23. September) einerseits, (die ich im Folgenden immer „Sonnenfeste“ nenne) und die Feste am 1. Februar, 1. Mai, 1. August und 1. November andererseits, (die ich im Folgenden immer „Feuerfeste“ nenne). Diese beiden Festkreise zusammengelegt ergeben das achtspeichige Jahresrad, hier vorgestellt mit den im Wicca (und verwandten neuheidnischen Traditionen) üblichen Namen, wobei ich mit der Wintersonnenwende beginne, weil ich das am passendsten finde:

21./22. Dezember:

Jul, Yule, Mittwinter, Midwinter, Wintersonnenwende, Winter Solstice

(Winterbeginn, Tod und Wiedergeburt der Sonne)

1. Februar:

Imbolc, Brighid, February Eve, Lichtmess, Candlemas

(Wintermitte, erstes Sonnenlicht)

20./21. März:

Ostara, Eostre, Summerfinding, Frühlingsäquinoktium, Spring Equinox,

Vernal Equinox, Lady Day

(Frühlingsbeginn, Vegetation ersteht neu)

1. Mai:

Beltaine, Walpurgisnacht, Maifeiertag, May Day, Hohe Maien, May Eve

(Frühlingsmitte, Natur erblüht und erstarkt)

21. Juni:

Litha, Mittsommernacht, Midsummer, Sommersonnenwende, Summer Solstice

(Sommerbeginn, Sonnenfest)

1. August:

Lughnasad, Schnitterfest, August Eve, Lammas, Loaf Mass

(Sommermitte, Erntefest)

22./23. September:

Mabon, Herbstfest, Erntedankfest, Harvest Home, Winter Finding,

Herbstäquinoktium, Autumnal Equinox, Fall Equinox

(Herbstbeginn, Erntedank, Vegetation verwelkt)

1. November:

Samhain, Halloween, Hallowmas, November Eve

(Herbstmitte, Nebel, Vegetation ist gestorben)

Wenn man ein Jahr wie ein Ziffernblatt darstellt und die acht Jahreskreisfeste darin markiert, ergibt sich ein fast symmetrisches Bild eines achtspeichigen Rades. Aber nur fast. Die zwei Einzeljahreskreise für sich genommen sind symmetrisch. Zusammengelegt schaut es ein bisschen schief aus, denn die Anzahl der Tage zwischen den einzelnen Festen variiert etwas:

21. Dez. – 1. Feb:       41 Tage

1. Feb. – 20. März:     46 Tage

20. März – 1. Mai:      41 Tage

1. Mai – 21. Juni:        50 Tage

21. Juni – 1. Aug.:      40 Tage

1. Aug. – 22. Sep.:     51 Tage

22. Sep. – 1. Nov.:     39 Tage

1. Nov. – 21. Dez:      49 Tage

Die Zwischenräume von einem Sonnenfest bis zum nächsten Feuerfest dauern durchschnittlich 40 Tage (ca. 10 Tage bis Monatsende plus ein ganzer Monat). Die Zwischenräume von einem Feuerfest bis zu einem Sonnenfest dauern durchschnittlich 49 Tage (ein Monat plus ca. 20 Tage), sind also neun Tage länger. Trotzdem kann man durchaus behaupten, dass die Feuerfeste etwa in der Mitte zwischen zwei Sonnenfesten liegen und umgekehrt. Das achtspeichige Jahresrad zeichnet sich also durch eine annähernde Symmetrie aus und auch durch sehr einfach einzuprägende Daten. (Ein Feuerfest fällt immer auf den Monatsersten des übernächsten Monats nach einem Sonnenfest).