Mit ‘Carlos Castaneda’ getaggte Artikel

Schamanismus in der Postmoderne geschrieben von Road Man – Teil I

Samstag, 04. August 2012

Seit einiger Zeit boomt der Schamanismus (schon wieder?) in der Esoterikszene, und er taucht auch auf dem Markt der alternativen Heilmethoden immer öfters auf. In einschlägigen Zeitschriften stehen Anzeigen, in denen Reisen zu echten Schamanen in Peru, Nordamerika oder sonst wo hin angeboten werden, gekoppelt mit Versprechen von Heilung, Sinnfindung und Spiritualität. Oder es werden Kurse angeboten, in denen man „in 6 Wochen“[1] zum Schamanen ausgebildet wird. Leider ruft dieser Boom auch viele Scharlatane auf den Plan, die den Schamanismus, der von der WHO als Heilmethode anerkannt ist, in Misskredit bringen. Auch glauben viele Menschen, daß es in unserer Kultur keinen Schamanismus gibt, demzufolge werden auch Menschen mit echter schamanischer Begabung nicht anerkannt oder als Exoten betrachtet, während Schamanen, die z.B. aus Nordamerika oder Sibirien eingeflogen werden,der Nimbus eine allwissenden Halbgottes und Heiligen anhaftet. Dieser Artikel will versuchen, einige dieser, aus meiner Sicht fatalen, Missverständnisse zu klären und den Schamanismus ein wenig aus seiner „Schmuddelecke“ herausholen.

Schamanismus – was ist das?

Der Schamanismus im eigentlichen Sinne ist eine Technik, mit der der Bewusstseinszustand verändert wird. Ein Schamane ist eine Person, die mittels bewusstseinsverändernder Techniken in einen tranceartigen Zustand geht und in diesem ihre Seele auf eine Reise in die Welt der Geister schickt, um dort Rat und Hilfe sowohl für Klienten als auch für sich zu erlangen. Die Techniken, um in Trance zu kommen, können recht verschieden sein: Singen, Tanzen, Trommeln, halluzinogene Drogen, Hyperventilation, „Zittern“ des Körpers etc. Bei vielen zirkumpolaren Völkern (also Sibirien, Alaska, Lappland) wird eine monoton gespielte Rahmentrommel verwendet, um quasi auf ihr in die Geisterwelt zu „reiten“.

In den meisten schamanisch geprägten Kulturen herrscht eine „mythologische“ Dreiteilung der Welt vor. Es gibt eine mittlere Welt, die Welt, in der wir leben, dann eine Welt darunter, die eher „unterirdischen“ Charakter hat, während die Welt über der mittleren Welt oft eher ätherisch und „himmlisch“ wahrgenommen wird. Selbst in unseren Breiten lebt diese Vorstellung, wenn auch christlich geprägt, in Himmel und Hölle weiter, während z.B. in den germanischen Eddas von 9 Welten gesprochen wird, sozusagen eine Potenzierung der Drei.

Diese 3 Welten werden oft durch eine Weltenachse, eine Leiter oder einen Heiligen Berg miteinander verbunden. Bei den Germanen war das der Weltenbaum Yggdrasil, an dem der Gott Odin 9 Nächte hing, um die Weisheit der Runen zu erlangen, bei dem Volk der Sami gibt es Höhleneingänge oder Seen, über die der Schamane im Geiste in die anderen Welten reist. In den keltischen Sagen gibt es die Feenhügel, mit deren Betreten ein Auserwählter die Elfen und Zwerge besucht und manchmal auch von ihnen entführt wird.

Der Schamane ist ein „Berufener“. Oftmals tritt er seinen Weg gar nicht freiwillig an, sondern wird z.B. in Träumen von Geistern besucht oder von ihnen mit Krankheiten geschlagen, bis er ihren Ruf annimmt und zu schamanisieren anfängt. Manchmal „zerfetzen“ tiefgreifende Geschehnisse im Leben des Anwärters sein Ego dermaßen, daß die Geister an der Grenze zum Wahnsinn ihn zu dem Auftrag, den er bekommen hat, zwingen können. Solche „Schamanenkrankheiten“ gibt es auch in der heutigen Zeit und in Mitteleuropa, sie werden nur nicht als solche erkannt.

Wie kam der Schamanismus in die Esoterik?

In den 60ern und 70ern waren die Bücher von Carlos Castaneda sehr populär, wobei diese aus ethnologischer Sicht mittlerweile widerlegt sind. Eine weitere wichtige Person, die die Bewegung ins Rollen brachte, war und ist Michael Harner. Als junger Ethnologe studierte er Anfang der 60er des letzten Jahrhunderts Indianerstämme Südamerikas und probierte von deren Schamanen auch das berüchtige „Ayahuasca“, meist als „Liane des Todes“ übersetzt. Dieses halluzinogene Gebräu versetzt den Konsumenten in einen visionären Zustand, der unter richtiger Führung durch einen Schamanen zu tiefen Einsichten oder Heilung führen kann. Harner war jedenfalls überzeugt, seine vorher eher atheistische Weltsicht war gründlich ins Wanken geraten, und er begann, bei vielen Ethnien den Schamanismus zu studieren. Im Laufe dieser Studien und Experimente löste er die Grundtechniken, die von jeder schamanischen Kultur verwendet wurde, heraus und bereitete sie so auf, daß sie auch für den gänzlichst „unschamanischen“ Westler zu erlernen waren. Diese Techniken sind folgende[2]:

  • Die schamanische Reise. Man hört einem monotonen Trommelrhythmus zu und visualisiert dabei einen Eingang in die Geisterwelt. Diese Visualisation gewinnt sehr schnell an Eigenleben, und man tritt im Idealfall den typischen Seelenflug an, den Autoren wie Mircea Eliade beschreiben.
  • Verbündete Geister. In der Geisterwelt werden Verbündete gefunden. Die wichtigsten „Hauptagenten“ sind hierbei das Krafttier und eine Lehrerpersönlichkeit. Vorrangig von ihnen bekommt der Schamanisierende Rat und Hilfe, und sie sind auch „Kanäle“ seiner persönlichen „Schamanenkraft“.
  • Zwei Hauptkonzepte von Krankheit. Das erste Konzept besagt, daß in der Geisterwelt etwas Schädliches in den Patienten eingedrungen ist, was oft als „Geist der Krankheit“, „Geisterpfeil“, „Elfenschuß“ oder ähnliches bezeichnet und vom Schamanen mittels seiner verbündeten Geister entfernt wird. Die FSS nennt das „Extraktion“. In der zweiten Variante wird vom „Seelenverlust“ ausgegangen. Hier verlässt den Patienten aufgrund z.B. eines Schocks, Schrecks oder auch eines Missbrauchs ein Teil der Seele und entschwindet in die Geisterwelt. Der Schamane muß die Seele „drüben“ suchen und wieder zum Patienten zurückbringen. Man geht im schamanischen Paradigma davon aus, daß manche Depressionen und Süchte hier ihren Ursprung haben. Tatsächlich nimmt der Patient solche Beschwerden oft als „mir fehlt etwas“ oder „ich habe das Gefühl, mit dem Rauchen (Saufen etc…) eine Leere ausfüllen zu müssen!“

Dieses Konzept vermittelte Harner in seiner FSS (siehe Fußnote 2), und es wurde dankbar von der Esoterikszene aufgegriffen, gerade auch weil es sehr leicht zu erlernen und sehr wirkungsvoll ist, was zum einen für eine Verbreitung der Techniken sorgte, sie zum anderem aber auch verwässerte und ins Oberflächliche abdriften ließ, da in vielen Veranstaltungen schnelle Initiation und Heilung versprochen wurde und wird. Dieser nicht sehr große Tiefgang und die „Licht-und-Liebe“-Schiene in einigen Bereichen der Esoterikszene, oft gepaart mit einer eklatanten Ignoranz medizinischer und psychologischer Sachverhalte, führte dazu, daß der Schamanismus einen nicht sehr seriösen Anschein hat bzw. als „spinnerte Psychotechnik“ belächelt wird. Zudem gelten nur „indigene“ Schamanen als authentisch, weil ihre Initiationen gewissermaßen gesellschaftlich anerkannt sind, während es bei uns seit Jahrhunderten keinen Schamanismus mehr gab und Bemühungen in die Richtung eines Wiedererstehens schwer Fuß fassen können. Wie auch? Ein wild trommelnder Halbirrer, der Geister beschwört und mit Zauberei arbeitet, wie soll denn der in unsere postmoderne Gesellschaft, geprägt von Christentum und Aufklärung, hineinpassen? Und doch – der Schamane fasziniert, sonst würde dieser Begriff nicht so inflationär in der Esoterik verwendet werden. Einige Esoteriker „verinnerlichen“ den Schamanismus, indem sie sowohl die schamanische Reise als auch die Geister als Instanzen der eigenen Psyche betrachten. Beschäftigt man sich aber ernsthaft mit den Techniken, dann kommt man schnell zu der Gewissheit, daß die Geisterwelt NICHT die eigene Psyche ist.

Es gibt tatsächlich einen „Esotourismus – Boom“, der so aussieht, daß Menschen z.B. in den Amazonas reisen, weil sie sich Heilung durch eine Ayahuasca[3] – Zeremonie erhoffen. Solche Bemühungen, wie sie auch von diversen Vereinen, die Schamanen zu ihren Kongressen einladen, getätigt werden, sind zwar an sich lobenswert und machen mit dem Phänomen Schamanismus etwas vertraut, sie gehen aber meines Erachtens nicht den nächsten Schritt: den des Versuches einer Integration des Schamanismus in unsere Kultur.

Wohlgemerkt: ich möchte hier nicht die Esoterikszene an sich schlecht machen, aber zumindest in Punkto Schamanismus habe ich einfach öfters diese von mir beschriebenen Umstände erlebt und spreche sie hiermit auch an. Da das Schamanische meine „Nische“ ist, maße ich mir nicht an, über andere Bereiche der Esoterk Bescheid zu wissen.

Es gibt auch bei uns Menschen, die zum einen diese Begabung zum Schamanisieren, zur Seelenreise haben, und es gibt von denen auch einige, die die weiter oben genannten Techniken eines Michael Harner anwenden, um Hilfestellung für sich und/oder Klienten „von drüben“ zu bekommen. Und hier bestünde die Möglichkeit einer Integration: das Augenmerk mehr auf solche Menschen richten und die ernsthaft und gut Arbeitenden von den Scharlatanen unterscheiden. Wir haben eben das Problem, daß aufgrund des fehlenden kulturellen Hintergrundes diese Leute nicht wirklich anerkannt sind. Und dieser Artikel möchte eine Lanze für die „Neo-Schamanen“ in unseren Breiten brechen. Man muß nicht ins Amazonasbecken zu einem berühmten Schamanen reisen, um dort Heilung zu erlangen.


[1] So Herr Fenkart in der ORF-Sendung „Help TV“ vom 8. November 2007. Sinngemäß behauptete er, jeder könne in 6 Wochenendkursen Schamane werden.

[2] Harner gründete Anfang der 80er dann die Organisation „The Foundation for Shamanic Studies (FSS), die weltweit in Seminaren schamanische Techniken vermittelt, auch an indigene Kulturen, um deren Schamanismus wiederzubeleben. Tuva ist hierfür ein erfolgreiches Beispiel, denn hier fasste der Schamanismus nach der Wende wieder Fuß.

[3] Zeremonie der Indianer Südamerikas, in der die Trance durch eine halluzinogenes Getränk namens Ayahuasca –„Ranke der Toten“, so die Übersetzung dieses Wortes- ausgelöst wird.

Ende Teil I

Geist – Seele – Bewusstsein – Körper oder Das Eine und die Vielen – Teil X von Questing Wolf

Samstag, 03. März 2012

Wir sind die Konstrukteure unserer Wirklichkeit. Bewusstsein lässt das Universum manifest werden!

Die andere Sprache

Hatte das Universum wirklich einen Anfang?
Entspricht die Theorie vom Urknall der Wahrheit?
Das sind keine Fragen, obwohl es den Anschein hat.
Ist die Logik, die einen Anfang, Entwicklungen
und ein Ende als Darlegung von Fakten verlangt,
die einzige bestehende Logik?
Das ist die eigentliche Frage.
Es gibt mehr als eine Logik.
Es gibt zum Beispiel eine, die verlangt, dass man eine
Vielfalt von Intensitäten als Fakten anerkennen muss.
Nach dieser Logik beginnt nichts und endet nichts.
So gesehen, ist die Geburt kein klares eindeutiges Ereignis,
sondern eine besondere Art der Intensität.
Das gilt auch für das Heranreifen und für den Tod.
Ein Mann mit dieser Logik stell fest, wenn er seine Gleichungen betrachtet,
dass er genug unterschiedliche Intensitäten berechnet hat,
um glaubwürdig sagen zu können,
dass Universum hatte keinen Anfang,
und es wir niemals enden,
aber es durchlief, es durchläuft und wir in Zukunft
endlose Veränderungen der Intensität durchlaufen.
Dieser Mann könnte sehr wohl zu dem Schluss kommen
und sagen:
Das Universum ist das Vehikel der Intensität.
Man kann es benutzen,
um sich endlos lange durch Veränderungen zu begeben.
All das und noch viel mehr wird er erkennen,
ohne vielleicht jemals zu begreifen,
dass er bloß die Logik seiner Muttersprache bekräftigt.

Carlos Castaneda [i]

Schauen wir also, was die Mystik zu dieser Thematik sagt.

Zur Mystik gehören Mythen und natürlich der Schöpfungsmythos, auch wenn vielleicht nicht sofort verständlich ist, was denn der Schöpfungsmythos mit dem Thema „Körper-Geist-Seele-Bewusstsein“ zu tun haben könnte. Aber schließlich sind wir ja schon bei unserer Erörterung der quantenmechanischen Implikationen darauf gestoßen, dass das Bewusstsein – unser Bewusstsein – an der Manifestwerdung der materiellen Welt beteiligt ist. Genau genommen möchte ich nicht einfach nur einen Schöpfungsmythos beschreiben, sondern die erste Hälfte eines Prozessen, welchen ich gerne den „Großen Zyklus“ nenne; und außerdem handelt es sich nicht um eine Schöpfung in dem Sinne wie die monotheistischen Religionen diesen Begriff verwenden. Zudem glaube ich, dass es notwendig ist, diesen „Großen Zyklus“ zu kennen, um verstehen zu können, in welchem Zusammenhang menschlicher Geist, menschliche Psyche und menschlicher Körper stehen und welche Rolle wir tatsächlich in der Welt „spielen“. Da es sich um einen Zyklus handelt, könnte ich genauso gut an einer ganz anderen Stelle einsetzen; in einem Zyklus gibt es keinen wirklichen Anfang und kein wirkliches Ende, vielmehr fallen Anfangspunkt und Endpunkt zusammen; aber es liegt nun mal in der Natur des menschlichen Denkens, stets nach einem Anfang zu suchen.

Mit dem „Großen Zyklus“ meine ich den Zyklus von Manifestation respektive Inkarnation und Rückkehr, vom Entstehen und Wiedervergehen der Welt. Man kann diesen Zyklus sehr gut kabbalistisch beschreiben und verstehen, aber vermutlich nicht, ohne wenigstens über Grundkenntnisse der Kabbala zu verfügen und mit deren Terminologie vertraut zu sein. Es würde aber den Rahmen dieses Essays bei Weitem sprengen, wenn ich hier im Detail auf die Kabbala eingehen würde. Es gibt viele gute Bücher zu diesem Thema, auf die ich den Leser hier verweisen möchte. Daher werde ich hier primär etwas andere Metaphern verwenden, die aus der Gnostik stammen und meiner Meinung nach genauso gut geeignet sind, um das zu verdeutlichen, was ich zum Ausdruck bringen will. Ich werde aber wenigstens ein bisschen auf die Kabbala eingehen, nicht zuletzt deswegen, um den nicht kabbalistisch vorbelasteten Leser dazu anzuregen sich selbst Gedanken zu machen oder damit zu beginnen sich mit der Kabbala zu beschäftigen (Es lohnt sich). Im Anhang gebe ich eine wenn auch zugegebenermaßen sehr grobe Übersicht über die Kabbala und den Baum des Lebens und erläutere einige Grundbegriffe, die zum Verständnis des Weiteren nötig sind. Außerdem werde ich mit meiner Beschreibung an die Ideen des griechischen Philosophen Plotin anlehnen (siehe auch Personenverzeichnis).

Und nun zum „Großen Zyklus“

Worüber man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen.
Ludwig Wittgenstein [ii]

Der Meister sagte zu mir: Alle Buddhas und alle Lebewesen sind nichts als der eine Geist, neben dem nichts anderes existiert. Dieser Geist, der ohne Anfang ist, ist ungeboren und unzerstörbar. Er ist weder grün noch gelb, hat weder Form noch Erscheinung. Er gehört nicht zu der Kategorie von Dingen, die existieren oder nicht existieren. Auch kann man nicht in Ausdrücken wie alt oder neu von ihm denken. Er ist weder lang noch kurz, weder groß noch klein, denn er überschreitet alle Grenzen, Maße, Namen, Zeichen und Vergleiche. Du siehst ihn stets vor dir, doch sobald du über ihn nachdenkst, verfällst du dem Irrtum. Er gleicht der unbegrenzten Leere, die weder zu ergründen noch zu bemessen ist.

Huang-Po [iii]

Bei dem Großen Zyklus handelt es sich um einen Mythos, der sich um die drei großen Ws rankt, der beschreibt woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen. Er beschreibt, wie aus Nichts Etwas entstehen konnte, die Entwicklung des Kosmos und seinen Sinn und Zweck. Es ist ein Mythos, der (zunächst) vom Primat des Bewusstseins ausgeht und nicht – wie die Naturwissenschaften und bis zu einem gewissen Grad auch die Psychologie, die Medizin und sogar die Geisteswissenschaften – vom Primat der Materie.

Eigentlich sollte es natürlich erscheinen, dass Bewusst-Sein die Voraussetzung für Sein schlechthin ist; denn wenn kein Bewusstsein ist, das wahrnimmt, welchen Sinn sollte es dann machen, davon zu sprechen, dass etwas ist? Dennoch kann Bewusstsein nicht die Quelle alles Seins sein, denn solange nichts als Bewusstsein ist, hat das Bewusstsein nichts, dessen es sich bewusst sein kann, also ist es sich über nichts bewusst, folglich ist es nicht bewusst sondern unbewusst, wenn nicht gar bewusst-(seins)-los. Bewusstsein braucht etwas, dessen es sich bewusst sein kann, und mit diesem Etwas ist es untrennbar verbunden. Dem Begriff des Bewusstseins ist ein Dualismus immanent, den wir nicht umgehen können. Wenn wir die Quelle alles Seins suchen, müssen wir nach etwas suchen, was jenseits aller Dualität liegt und damit auch jenseits aller Begrifflichkeit und das vor allem nicht Etwas sein kann, denn sonst wäre es begrifflich und dual (komplementär zu Nichts), und aus dem gleichen Grund kann es auch nicht Nichts sein.

Da ich schlechterdings nicht umhin kann, für dieses Weder-Etwas-Noch-Nichts jenseits der Begrifflichkeit eben doch einen Begriff einzuführen, möchte ich es das Mysterium nennen. Würde ich darauf verzichten, an dieser Stelle einen Begriff einzuführen, wohl wissend, dass es sich nur um eine Metapher handeln kann, so müsste ich in Anlehnung an Siddharta Gautama mit einem donnernden Schweigen fortfahren, aber das lässt sich ebenso schwer zu Papier bringen wie die weiter oben zitierte Empfehlung Ludwig Wittgensteins; und ich bin mir durchaus darüber im Klaren, dass ich mich – zumindest semantisch – in der gleichen Situation befinde wie der Physiker, der das zu beschreiben versucht, was einmal als Welle und ein anderes Mal als Teilchen erscheint und doch keines von beiden ist. Das Mysterium existiert außerhalb – jenseits – der Dualität von Wissendem und Gewusstem, von Beobachter und Beobachtetem etc. Genau genommen dürfte ich gar nicht schreiben, „das Mysterium existiert“, denn es „ist“ jenseits der Dualität der Existenz. Es sollte vor allem nicht mit dem Schöpfer-Gott der monotheistischen Religionen verwechselt werden; mit dieser Vorstellung hat es nichts gemein.

Die Toten kamen zurück von Jerusalem, wo sie nicht fanden, was sie suchten.
Sie begehrten bei mir Einlass und verlangten bei mir Lehre und so lehrte ich sie:
Höret, ich beginne beim Nichts. Das Nichts ist dasselbe wie die Fülle.
In der Unendlichkeit ist voll so gut wie leer.
Das Nichts ist leer und voll.
Ihr könnt auch ebenso gut etwas anderes vom Nichts sagen, zum Beispiel es sei weiß oder schwarz
oder es sei nicht, oder es sei.
Ein Unendliches und Ewiges hat keine Eigenschaften, weil es alle Eigenschaften hat.
Das Nichts oder die Fülle nennen wir das PLEROMA.
Dort drin hört Denken und Sein auf, denn das Ewige und Unendliche hat keine Eigenschaften.
In ihm ist keiner, denn er wäre dann vom Pleroma unterschieden und hätte Eigenschaften,
die ihn als etwas vom Pleroma unterschieden.
Im Pleroma ist nichts und alles:
Es lohnt sich nicht über das Pleroma nachzudenken, denn das hieße: Sich selber auflösen.

C.G.Jung [iv]


[i] Carlos Castaneda, Das Wirken der Unendlichkeit

[ii] Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 1921

[iii] Huang-Po, Der Geist des Zen

[iv] C.G.Jung: Die sieben Predigten an die Toten (Septem Sermones ad Mortuos); aus der ersten Predigt

Paul Uccusic – Der Schamane in uns: Schamanismus als neue Selbsterfahrung. Hilfe und Heilung

Samstag, 22. Oktober 2011

Erstauflage: 1991/Heinrich Hugendubel Verlag/ISBN: ISBN 3720521818/335 Seiten

Wiederlauflagen: Juni 2000/Ariston Verlag/ ISBN: 3720516679/335 Seiten; 2001/ Ariston Verlag/ ISBN: 3720521818/335 Seiten

Erstauflage, Taschenbuch: 1993/ Verlag Goldmann Wilhelm GmbH/ ISBN: 3442138264/ 335 Seiten

Wiederauflage: Juli 1994/ Verlag Goldmann Wilhelm GmbH/ ISBN: 3442121876/335 Seiten

Über den Autor

Paul Uccusic (geboren 1937 in Wien), ist vor allem als Journalist bei der österreichischen Tageszeitung Kurier bekannt. Hier war er unter anderem in der Kommunalpolitik, der Wissenschaft, als Lokalchef und stellvertretender Chefredakteur tätig.

Ab 1971 beschäftigte er sich mit Geistheilung und Parapsychologie, kam unter anderem mit Uri Geller in Kontakt, über dessen Auftritte er schrieb. Zehn Jahre später lernte er in Alpbach in Tirol Michael Harner kennen und ist seitdem nicht nur der deutsche Vertreter für Harners „Core-Schamanismus“, sondern auch der Direktor der Foundation for Shamanic Studies Europa.

Artikel und Bücher: „Psi-Resümee“ (1975), „Naturheiler“ (1978), „Doktor Biene“ (1982), „Heilen“ (1984) und „Der Schamane in uns“ (1991)

Über das Buch

Ja, „Der Schamane in uns“ ist ein Buch über Schamanismus. Ja, Paul Uccusic schreibt über Heilmethoden, Spirit Guides, auch persönliche Erfahrungen. Und ja, das Buch sollte auch kein Handbuch des Schamanismus werden – wie Uccusic in seinem Vorwort betont (S.15) – da dies mit Michael Harners mit „Der Weg des Schamanen“ bereits geschehen sei. Wer also dieses Buch als Einstiegslektüre zur Hand nimmt, um seinen ersten Kontakte mit der Welt der Krafttiere zu machen, wird enttäuscht, weil es in dem Buch eher um die Erfahrungen mit der Nichtalltäglichen Wirklichkeit (NAW) geht, als um die Arbeit mit Krafttieren. Obwohl Uccusic auch dies erwähnt.

Was ein Leser von diesem Buch tatsächlich erwarten kann, darauf soll im Folgenden näher eingegangen werden.

Auf den ersten Seiten des Buches widmet sich Paul Uccusic der Frage, was Schamanismus eigentlich ist. Eine Frage, die wegen der vielen unterschiedlichen Ansichten zum Thema nicht so einfach beantwortet werden kann. Der Autor sucht die Lösung darin, in dem er vielen Ansichten, die es dazu gibt, aufzählt. Zu diesen Meinungen zählen zum Beispiel der Streit um die Bedeutung. Hier wechseln die Ansichten zwischen „tobendes Umherschlagen“ (von Shaman), aus Knaurs großer Religionsführer (1986), oder „Wissen, der Wissende“ (von tungusisch-mandschur „sa“), Encyclopaedia Britannica, 1953 oder „sich anheizen, verbrennen, mit Hitze oder Feuer arbeiten (ostsibirische Abstammung), Lörler, 1986.

Anschießend behandelt er einige Schlüsse von Forschern, die über den Schamanismus veröffentlicht wurden: Zum Beispiel, dass man es hier mit einer Primitivreligion zu tun hätte oder er sei nichts weiter als „kontrollierte Geistbesessenheit“. Zur Klärung dieses Problems führt er schließlich verschiedene Forscher der 60er Jahre an, die eines begriffen, was die vor ihnen nicht begriffen hatten: Um Schamanismus zu verstehen, mussten sie sich selbst in die schamanische Welt begeben. Hier greift er auf zwei zurück, denen dies gelungen ist: Carlos Castaneda und Michael Harner.

Nach diesen Erkenntnissen kommt Uccusic zum Schluss: „Schamanismus ist eine psychische Technik des Kontakt mit der Nicht-alltäglichen Wirklichkeit (NAW), charakterisiert durch den bewußten Übergang des Ausführenden in den Schamanischen Bewußtseinszustand (SB) und die Rückkehr daraus in den normalen Bewußtseinszustand (NB), verbunden mit einem bestimmten Zweck im Dienste der Gesellschaft.“ (S.32)

Im nächsten Abschnitt beschäftigt er sich mit den verschiedenen Methoden, die verwendet werden können, um in die NAW zu gelangen – zum Beispiel die Trommel, Rasseln, Hölzer, Schalen und Didgeridoos, Halluzinogene oder das Reisen mit optischen Hilfsmitteln (Lichtblitze, Stimmungsmaschinen).

Er erklärt kurz den ersten Kontakt mit der NAW, das Finden des Krafttiers und die Reise in die Obere Welt, die Begegnung mit dem Lehrer. Die Betonung liegt hier auf „kurz“, denn dieser Abschnitt fällt um einiges ungenauer aus als bei Harner. Aber um hier noch einmal auf das Vorwort Uccusics zu verweisen – dieses Buch ist kein Handbuch des Schamanismus.

Dan Tiertanz bringt er dem Leser in einer Geschichte des Marquis von Frontenac näher, der 1671 Gouverneur von Kanada war und eine Begegnung mit dem Büffelgeist hatte.

Weiter geht’s mit dem Weltbild des Schamanismus, das im Wesentlichen auf einen Satz zusammenfassen lässt: Alles lebt, alles ist lebendig! Jeder Strauch, jeder Baum, jeder Stein, jedes Tier – alles hat eine Seele, alles ist Teil des Ganzen. Anhand verschiedener Sichtweisen unterschiedlichster Religionen versucht Uccusic nun dem Leser zu verdeutlichen, was ein Schamane als sein Weltbild versteht.

Faszinierend ist die Geschichte des Mädchens, deren Familienmitglieder bei einem Autounfall im Jahr 1986 gestorben waren. Sie selbst lag auf der Intensivstation eines Grazer Krankenhauses. Anhand dieses Beispiels erklärt Uccusic die Mittelweltreise: Denn eine Gruppe schamanisch arbeitender Menschen machte sich auf den Weg, um einerseits dem Mädchen mit Hilfe ihrer Krafttiere zu helfen (was auch gelang), andererseits den Seelen, die am Unfallort umher irrten zu erklären, dass sie tot seien und sie hinüberzugeleiten.

Passend zu dieser Geschichte setzt sich Uccusic im nächsten Abschnitt mit „Gesundheit und Krankheit“ auseinander, erklärt, wie ein Schamane einen Patienten gesund macht, die Krankheit aus ihm heraussaugen kann. Und er führt verschiedene Techniken einiger Stämme an. Fehlen darf hier natürlich nicht die schamanische Sichtweise von Gesundheit und Krankheit.

„Krank wird man, wenn man etwas zuviel in sich hat, einen Fremdkörper, einen Krankheitsstoff, einen Eindringling.

Krank wird man, wenn einem etwas fehlt, Kraft zum Beispiel. Die Heilung beziehungsweise Behandlung geschieht folgerichtig dadurch, daß man

im ersten Fall den Krankheitsstoff, den Eindringling, aus dem Kranken herauszuholen versucht

und im zweiten Fall das Fehlende zu ersetzen oder wiederzubeschaffen trachtet, zum Beispiel das verlorengegangene Krafttier“ (S.87)

Auf den anschließenden Seiten geht es um die verschiedenen Arten der Extraktion und um das Holen eines Krafttiers.

Ein geschichtlicher Abriss des Massakers von Wounded Knee am 29. Dezember 1890, dessen Ereignisse Uccusic extra für dieses Buch erforscht und neu aufgerollt haben, ist eine wertvolle und interessante Ergänzung.

Nicht minder interessant ist die Auseinandersetzung mit dem Tod: Uccusic beschreibt das Ende des Lebens aus der heutigen Sicht: Kirchliche Theologen, die einen großen Bogen um das Thema machen oder medizinische Begriffe, wie „Gehirntod“ oder „biologischer Tod“, die entwickelt wurden, um die Todesstadien zu beschreiben. Der Tod wird verdrängt, wegdefiniert. Uccusic beleuchtet die schamanische Sichtweise, erklärt, wie ein Schamane einen Sterbenden in seinen letzten Stunden begleitet, Verstorbene hinüberbringt.

In den letzten Kapiteln geht es unter anderem um eine Umfrage, die im Herbst 1989 in Österreich durchgeführt wurde und sich damit beschäftigt, wie der Schamanismus das Leben von Menschen verändert hatte und um verschiedene Erfahrungsberichte von Teilnehmern aus Uccusics eigenen Seminaren.

Fazit: „Der Schamane in uns“ hält über weite Wegstrecken das, was es verspricht. Die Kapitel über den Schamanismus sind fesselnd und machen Lust, die Nichtalltägliche Wirklichkeit selbst zu erleben. Uccusic spannt einen weiten Bogen, beleuchtet den Schamanismus aus verschiedenen Blickwinkeln der Weltreligionen, versucht dem Leser klar zu machen, warum der Schamanismus seine Existenzberechtigung hat, weit, weit mehr ist als nur irgendein Hirngespinst primitiver Eingeborener. Und warum der Schamane heute mehr gebraucht wird als zu irgendeiner anderen Zeit.

Dennoch müssen hier zwei Kritikpunkte stehen bleiben: Uccusic kommt abschnittsweise einen Tick zu wissenschaftlich daher, was das Buch an eine Doktorarbeit erinnern lässt. Der zweite Kritikpunkt betrifft sein Vorwort und die auch im Buch vorkommende Kritik an den österreichischen Soziologen Eduard Guggenberger und Roman Schweidlenka, die, so Uccusic, „von der Sache kaum etwas verstehen“ und sich „trotz selbsteingestandener ungenügender Kenntnis der Szene zu Richtern [aufspielen]“ (S.217) sowie eine Kritik des deutschsprachigen Schriftstellers Arthur Koestler an Carl Gustav Jungs Arbeit „Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge“ (S.235). Die Erstauflage des Buches wurde 1991 geschrieben, die mir vorliegende dritte Wiederauflage stammt aus dem Jahr 2000. Für mich persönlich ist einerseits die Kritik der Kritik über ein Buch, das ich nicht selbst gelesen habe und andererseits auch keine Werke der Soziologen Guggenberger und Schweidlenka kenne und deren Gedankengänge daher nicht nachvollziehen kann, in diesem Buch einfach fehl am Platz. Im Jahr 1991 mag deren Meinung brisant und für Paul Uccusic essenziell gewesen sein, im Jahr 2000 hätte er meiner Ansicht nach die Passagen entfernen können.

Trotzdem ist „Der Schamane in uns“ empfehlenswert, um das Wissen in den Schamanismus zu vertiefen. Als Einsteigerliteratur ist Michael Harners „Der Weg des Schamanen“ besser geeignet.