Mit ‘Esoterik’ getaggte Artikel

Die (spirituelle) Krise – Teil I geschrieben von Suna Jones

Samstag, 15. März 2014

Die äußere Krise

Im Folgenden begegnet uns eine Krise. Eine von vielen. Die Krise ist uns allgegenwärtig geworden. Wir begegnen ihr in den täglichen Nachrichten, auf der Straße, im eigenen Wohnzimmer. Wer war nicht selbst schon in einer Krise? Die Religion soll noch heute einen Ausweg für verschiedenste Sackgassen des Lebens bereithalten. Immer mehr Menschen aber wenden sich einer alternativen Spiritualität außerhalb traditioneller Gotteshäuser zu, die die Lebensqualität zwischen Burnout und Midlifecrisis zurückbringen soll. Sinn, Verstand und Stumpfsinn im Krisenmarathon der Gegenwart.

Krise

Im ersten Teil begegnet uns die Krise auf mehreren äußeren Ebenen. Was meinen wir, wenn wir heute von Krisen sprechen? Und welchen Stellenwert bekommt die Spiritualität im Hinblick auf (zwischen/menschliche) Krisen? Was steckt hinter der modernen Spiritualität und was kostet uns die Wirklichkeit der Krise?

Im nächsten Teil geht es um die inneren Krisen unserer Zeit und deren verborgene (?) Ursachen. Die Psyche als Spiegel einer gesellschaftlichen Wirklichkeit: Krisen am Rande eines neuen Verständnishorizontes seelischer Krank- und Gesundheit. Das Konzept der „Spirituellen Krise“ nach Stanislav und Christina Grof.

Teil III liefert dann das Portrait einer spirituellen Krise. Subjektive Ein- & Ausblicke.

Was ist {k}eine spirituelle Krise?

Krisen gibt es immer und überall; daran sind wir gewöhnt. Es gibt Welt- und Wirtschaftskrisen, Beziehungskrisen, Lebenskrisen – die großen und kleinen Katastrophen der Existenz eben. Und was soll man sich dann unter einer „spirituellen“ Krise vorstellen?

Krisenzeichen in Krisenzeiten?

Zur Krise heißt es auf Wikipedia:

Die Krise (Alt- und gelehrtes Griechisch κρίσις krísis ursprünglich ‚die Meinung‘, ‚Beurteilung‘, ‚Entscheidung‘, später mehr im Sinne von ‚die Zuspitzung‘) bezeichnet eine problematische, mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation. „Krise“ wird in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen auf sehr unterschiedliche Weise thematisiert: in der Medizin und Psychologie[1], in der Wirtschaftswissenschaft und Soziologie (Soziologie als Krisenwissenschaft[2]) wie auch in der Ökologie und Systemtheorie.

Dann entsinne ich mich spontan noch dem teilweise verbreiteten und sinnverwandten Glauben, dass das Chinesische Schriftzeichen für „Krise“ in seiner Doppelbedeutung  die  Begriffe „Chance“ wie „Gefahr“ gleichermaßen beinhaltet.

Krisengefahrenchance

Ob das so auch wirklich stimmt und wo man eine entsprechende Doppelbedeutung in der westlichen Sprachkultur findet, kann man hier lesen. Was soll das sein – so eine Krise? Haben wir uns daran nicht längst schon gewöhnt?

Und täglich grüßt die Krisenzeit.

Krisenzeiten? Der kalte Krieg ist vorüber, die Mauern sind gefallen und „Frieden“ herrscht in Mitteleuropa seit über sechzig Jahren. Erst kürzlich starb die letzte bekannte Überlebende des Holocaust, Alice Herz-Sommer, im Alter von 110 Jahren.  Eine Kurz-Dokumentation über ihr Leben steht im Rennen der diesjährigen Oscars. Die Generation, die die Schrecken des Krieges noch am eigenen Leib miterlebt hat, verschwindet langsam aber sicher vom Angesicht dieser Erde.

Wir, ihre Kinder und Enkel, wiegen uns in Sicherheit, sind zum Demonstrieren viel zu bequem und für Aufstände längst zu träge geworden. Krisen schlucken wir doch zum Frühstück! Die jüngeren Generationen haben in Krisenzeiten gehen gelernt! Der kalte Krieg war ständige Bedrohung am Rande des Vorstellungshorizontes. Das Schicksal einer ganzen Gattung hing am seidenen Faden, einem sehr dünnen Geduldsfaden. Und noch heute, über sechzig Jahre nach Kriegsende und fast 25 Jahre nach dem Mauerfall, ist Terror und Kriegsgeschrei allgegenwärtig. Nach der Krise ist vor der Krise. Und wir sind demgegenüber doch schon längst abgestumpft (worden).

krisenzeit

Krisen in der Spiritualität?

Spirituelle Krisen? Wer hat denn heute noch Glaubenskrisen, wo doch keiner mehr irgendwas glauben will? Außer im Nahen Osten vielleicht – „die“ verstehen unter Glauben ja auch etwas ganz anderes als „wir“. Glauben ist im wissenschaftlichen Verständnis doch längst ausrangiert. Religion ist in unseren Breiten größtenteils out, Kirche nicht mehr wirklich angesagt. Man hat vielleicht gerade noch ein paar östlich geprägte Philosophien im Wandschrank neben der Bibel. Aber sicher keine Haustempel mehr wie in der Antike! O Zeter O Mordio!

O Zeiten O Sitten!

Glauben ist, wie so Vieles im 21. Jahrhundert,  zu einer Geschmackssache geworden. Und am Geschmack scheiden sich ja bekanntlich auch die Geister.

buddhakitsch

Ein Freund (er ist Physiker) berichtete vor kurzem über eine Konfrontation mit einer dieser „Geschmackssachen“: Er stieß – in einer Tankstelle! – auf eine Armee von Buddhafiguren außerhalb aller vorstellbaren Größen- und Farbauswahlen. Auch an der Autobahnraststätte findet man heute nicht selten vermeintlich uraltes ‘Geheimwissen’ oder auch andere Lebensweisheiten wie „Zen für die Businessclass“ oder „Anleitungen zum Glücklichsein“. Sogar für Fernfahrer gibt es inzwischen offenbar eine Buch-Rubrik im Tankstellenformat für günstiges {Halb}Wissen in der Esoterik. Die Branche boomt. Mein Freund weiß das zwar, konnte um die Erschütterung aber trotzdem nicht umhin. ‚Wer kauft sowas?‘, fragte er voller belustigtem Entsetzten. Darum kann man sich einige Gedanken machen; eine mögliche Antwort wäre:

Die Menschen, die sich den Anschein (religiöser) Autonomie geben und sich außerhalb staatlich subventionierter Glaubenssysteme eben anderweitig orientieren wollen. Und welche, die sich gleichzeitig noch immer sehr um ihre „materiellen Belange“ – den Luxus der Konsumgesellschaft – bemühen. Spiritualität ist eher eine Lifestyle- und Wellnessbeschäftigung für zahlungskräftige, gelangweilte Kunden geworden. Und die vielfältigen und zum Teil halbseidenen Angebote in dieser Richtung lassen einen entsprechenden Absatzmarkt dahinter vermuten. Dort, wo jemand sich in einer (existenziellen) Krise befindet und sich die Hilfe etwas kosten lässt, ist der Scharlatan oft nicht weit.

Krise oder klingelnde Kassen?

Alternative Meinungsbilder und Ernährungsweisen gehören genauso zum modernen Alltag wie Yoga und Feng Shui für die Stadtwohnung. Werbeslogans versprechen uns Balance, Harmonie und innere Ruhe auf jedem Teebeutel, während die Zeit uns davon läuft und wir immer mehr die grundlegende Verbindung zu uns selbst verlieren. Viele, vor allem „skeptische“ Stimmen behaupten gar, jede Form der Spiritualität sei im Wesentlichen nicht mehr als Geschäftemacherei. Beweisen ließen sich ihre Heilsversprechen alle Mal nicht und geschmacklos seien sie noch dazu!

buddhagames

Was kriselt da überhaupt?

Ist die spirituelle Krise dann also eine Glaubenskrise des Individuums in der Konsumgesellschaft der Gegenwart?

Ja. Und nein. Moderne Spiritualität darf nicht nur mit negativer Voreinstellung betrachtet werden, auch wenn man landläufig der Meinung ist, Geistigkeit gehöre strikt von jeder Geistlichkeit getrennt. Das heißt, dass unser Denken immer rational sein soll – frei von Affekten und unmittelbar objektiv. Wir preisen die Vernunft als höchstes Gut an und bemühen uns akkurat um Objektivität, die wir als „heilige Maßnahme“ der Kommunikation überhöhen. Jeder muss den gleichen Standpunkt teilen, während wir parallel dazu den (Selbst)Anspruch auf Individualität nicht aufgeben wollen. Glaube oder Spiritualität ist demzufolge eine Art Anti-Rationalität geworden, die sich nur außerhalb der messbaren Wirklichkeit abzuspielen scheint. Denn ihre “Erscheinungen” zeigt sich nur auf dem Territorium der Subjektivität. Somit sind auch all ihre Vertreter und Zeugen prinzipiell aus dieser messbaren Wirklichkeit ausgeschlossen. Man spricht oft herablassend von „Spinnern“, „Verrückten“ oder „fehlgeleiteten Intellekten“. Denn innerhalb des materiell-mechanistischen Weltbildes hat den Gottesbeweis noch keine Wissenschaft liefern können! Die Göttlichkeit schließen wir daher logischerweise aus unserer erlebbaren Realität aus. Ist die Religion nun also die Krise der Wissenschaften? Oder umgekehrt? Verkörpert Spiritualität nur ein hirngespinstiges Phantom der Psyche? Welches metaphysische Schauspiel scheint den Messmethoden der allgemeinen Wirklichkeit zu entgehen?

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AUSBLICK

grof

~ Im zweiten Teil geht es um die persönlichen Krisen unserer Zeit und deren verborgene (?) Ursachen. Die Psyche als Spiegel einer (gesellschaftlichen) Wirklichkeit.

Ende Teil I

Gesunde Skepsis geschrieben von Martin Marheinecke

Samstag, 25. Mai 2013

Das altgriechische Wort σκέψις (sképsis) bedeutet „Prüfung, kritische Untersuchung“. Die davon abgeleitete philosophische Haltung ist der Skeptizismus.

Das Gegenteil von „Skeptizismus“ ist „Dogmatismus“: Glauben, ohne zu zweifeln.

Skeptizismus ist ein Konzept, das es auch in nichteuropäischen Kulturen gibt:

Glaube nichts, weil ein Weiser es gesagt hat.
Glaube nichts, weil alle es glauben.
Glaube nichts, weil es geschrieben steht.
Glaube nichts, weil es als heilig gilt.
Glaube nichts, weil ein anderer es glaubt.
Glaube nur das, was Du selbst als wahr erkannt hast.

Siddhartha Gautama (Buddha)

(Was nebenbei auch jene Lügen straft, die Skeptizismus für „unspirituell“ halten.)

Was ist das überhaupt?

In der Alltagssprache ist jemand ein Skeptiker, der zweifelt, kritisch nachfragt, nicht alles glaubt.

Leider gibt es auch „Skeptiker“, die gar keine sind. Viele, die sich selbst „Skeptiker“ nennen (z.B. „Klimaskeptiker“, „Euroskeptiker“ oder „Evolutionsskeptiker“) haben eben keinen Zweifel mehr, dass die ganze Sache Unsinn oder Betrug ist. Sie sind „denialists“, „Ablehner“, die stur eine Meinung vertreten, unabhängig von der Faktenlage. Also im Grunde Dogmatiker.

Kritisches Nachfragen, Durchdenken, Durchblicken-wollen schlägt beim Denialist, ins kategorische Ablehnen und Niedermachen um.

Es sind vor allem „Esoteriker“, die Skeptizismus für unspirituell halten. Ich meine mit „Esoteriker“ denkfaule „Eso-Dödel“ und jene „Eingeweihten“, die glauben, den Schlüssel zu allen Geheimnissen des Universums zu besitzen, und daher alles ablehnen, was nicht in ihr System passt.

Skeptizismus ist unbequem. „Esoteriker“ ziehen eine Weltsicht vor, in der sie ohne viele Mühe die wildesten Theorien glauben dürfen. Richtig komfortabel ist es für den Eso, wenn es jemanden gibt, der einem die Denkarbeit abnimmt. Einfach bequem zurücklehnen und einfach nur Glauben und sich wohlfühlen! „Spiritualität“ im Sinne der Konsumgesellschaft.

(Die Denkfaulheit ist nebenbei auch einer der Gründe, wieso christliche und islamische Fundamentalisten Zulauf haben: einfache Rezepte für eine komplizierte Welt, der fruchtbar anstrengen Blick über den Tellerrand ist genau so überflüssig wie das Einfühlen in andere Menschen. Es reicht aus ganz fest zu Glauben. Zweifel ist schon Verrat.)

Spiritualität, zumindest in ihrer undogmatischen Form, hat auch immer etwas mit Kreativität zu tun. Sie schlägt Brücken, schließt Lücken, wo Fakten und „Beweise“ fehlen, wo sie vielleicht auch gar nicht geben kann. Undogmatische Spiritualität ist sehr individuell, etwas persönliches. Es gibt keine ewigen, allgemeingültigen Gewissheiten.

Weshalb bequeme „Konsumesos“ und sich eisern an Dogmen klammernden „Fundis“ mit dieser Form der Spitualität genau so wenig anfangen können wie mit Skepsis.

Denialisten, auch wenn sich sich selbst „Skeptiker“ nennen, denken streckenweise ähnlich. Es ist meiner Ansicht nach kein Zufall, dass z. B. in den USA viele „Klimawandelskeptiker“ aus dem religiös-konservativem Lager kommen. „Evolutionsskeptiker“ eint ein mehr oder weniger ausgeprägt fundamentalistisches Religionsverständnis. Hingegen haben „Skeptiker“, die z. B. die Relativitätstheorie, die etablierte Geschichtsschreibung oder die Wirksamkeit von Impfungen anzweifeln, auffällig oft einen „esoterischen“ Hintergrund.

Wie halte ich es mit der „Skepsis“?

Ich stelle die Möglichkeit einer gesicherten, nachweisbaren Erkenntnis dessen, was „Wirklichkeit“ ist, in Frage. Weniger dramatisch ausgedrückt vermute ich, dass jede Erkenntnis ist vorläufig und der Horizont der menschlichen Erkenntnisfähigkeit eng begrenzt ist. Außerdem ist unsere Wirklichkeit konstruiert – in einem Schlagwort: „die Theorie bestimmt was wir beobachten“.

Es gibt kein esoterisches Konzept, das einen „echten“ objektivierbaren Beleg für sich beanspruchen könnte. Das liegt in der Natur der im Kern metaphysischen, also sich nicht mit der materiellen Welt beschäftigenden, „esoterischen“ Konzepte. Ich werfe den „Eso“ vor, dass sie oft dazu neigen, Physik und Metaphysik durcheinanderzubringen, was dann regelmäßig zu pseudowissenschaftlichen Modellen führt. So ähnlich machen es übrigens auch die Kreationisten, die die (vermeintlichen) Lücken in einer naturwissenschaftlichen Theorie mit Metaphysik, mit Theologie, auffüllen.

Objektivierbar ist grundsätzlich nur die physikalische Ebene, und z. B. in der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik gilt selbst das nicht uneingeschränkt.

Nach meiner persönlichen – und sehr subjektiven Erfahrung – sind viele „paranormale“ Phänomene real – wobei ich Begriffe wie „paranormal“ oder gar „übernatürlich“ als inhaltsleer ablehne.

Ein Beispiel ist die Fähigkeit von Rutengängern in freier Landschaft eine gute Stelle zum Brunnenbohren zu finden. Mir ist ein kommerziell arbeitenden Brunnenbohrer bekannt, der sich darauf verlässt. Würde der Rutengeher nur zufällig richtig liegen, hat er jahrelang enorm viel Glück gehabt.

Schwierigkeiten habe ich mit dem pseudowissenschaftlichen Erklärungsmodell der „Erdstrahlen“ usw. . Meines Erachtens hat ein guter Rutengeher das, was man einen „Riecher“ für z. B. für gute Wasserfundstellen nennt, eine Mischung aus Erfahrung, Intuition (in meiner Deutung: unbewusstem Wissen) und nicht unbedingt an die Oberfläche des Bewusstseins dringenden Sinneswahrnehmungen. Damit ist auch klar, wieso das unter konstruierten Laborbedingungen schlecht reproduzierbar ist, denn dort gibt es z. B. keine Wuchsformen von Gras, die Grundwasser dicht unter der Oberfläche anzeigen könnten.

Ähnlich sieht es mit der Akupunktur aus – sie hat offensichtlich einen über den Placeboeffekt herausgehenden Wirkmechanismus, „funktioniert“ also. Das bestätigt das Qi-Prinzip der Traditionellen Chinesischen Medizin aber ebenso wenig wie die Hippokratische Säftelehre durch die Erfolge der ursprünglich mit dieser Lehre begründete Badekuren bestätigt wird.

Ich kann sehr gut nachvollziehen, wieso skeptische Köpfe angesichts des geballten Unsinns, der einem etwa auf Esoterik-Messen entgegenschlägt, irgendwann einmal „dicht“ schalten. Allerdings habe ich den Eindruck, dass schon die Grundhaltung vieler „Skeptiker“ sehr stark positivistisch geprägt ist – nur das, was beweisbar ist, gilt, Metaphysik ist irrelevant – und die Theorie bestimmt m. E. auch hier, was sie beobachten. Der Grat vom Skeptiker zum Dinalist, für den von vornherein alles Unsinn ist, ist bei dieser Grundhaltung schmal.

Ein Gedankenexperiment

Ich würde entdecken, dass ich die Psychokinese bzw. Telekinese beherrschen würde, ich könnte ohne Tricks einen Ball nur „per Gedankenkraft“ schweben lassen.

Könnte ich damit den Randi-Preis gewinnen, den der Skeptiker und Bühnenzauberer Randi für ein sicher nachgewiesenes „paranormales“ Phänomen ausgesetzt hat?

Ich vermute nicht. Denn jemand mit der Einstellung Randis würde wahrscheinlich vermuten: „Guter Trick, ich weiss nicht, wie er es macht, aber da ich Tricks kenne, mit denen sich so etwas Ähnliches bewerkstelligen ließe, wird es – nach meiner Erfahrung und nach Occams Razor, dass eine Erklärung umso besser ist, je weniger Annahmen sie macht, wird das wohl ein Trick sein.“

Die Beweislast läge bei mir, und es wäre für mich verdammt schwer, nachzuweisen, dass ich nicht trickse.

Außerdem halte ich es streng beim Wort genommen für unmöglich, die Bedingungen des Randi-Preises zu erfüllen, weil sie auf „übersinnliche, übernatürliche oder paranormale Fähigkeiten“ abzielen – denn wenn es Psychokinese gäbe, wäre sie ein völlig natürliches Phänomen.

Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden, Teil 1 (von Sati und Uhanek)

Samstag, 27. April 2013

Zugegeben, es vergeht ja selten ein Tag, an dem uns die Eso- und Okkultszene nicht Anlass zur Erheiterung bietet. Und da wir diesen Spaß gerne teilen, hier ein kleiner Einblick, was bei einer guten Flasche Rotwein auf gemütlichen Bommelkissen so alles herauskommen kann…

Foto by Sati

Sati: Tantra… das erste Mal hörte ich davon Anfang der 80er. Also ich bin mir ziemlich sicher, es war Anfang der 80er, weil ich mich noch gut erinnere, dass ich hoffte, dass meine Mutter nicht zur Tür reinplatzt und mitkriegt, was ich mir da gerade im Fernsehen ansah. Dort saß nämlich ein zotteliger, leicht ausgemergelter Vegetarier mit zwei Frauen und erzählte was über Polygamie und eben „Tantra“. Die eine von den beiden Frauen, eine großbusige, spärlich bekleidete Dunkelhaarige, hatte so einen komischen Punkt auf der Stirn und poste die ganze Zeit in die Kamera, während der Zottel im Schneidersitz und ebenfalls halbnackt über Besitzdenken in Beziehungen referierte. Die andere Frau, eine blasse Blondine, hatte in ihrer Unscheinbarkeit kaum eine Chance gegen die Dunkelhaarige, zumal man sie in einem 80er-Jahre-Schulterpolsterblazer genauso gut für eine Bankangestellte hätte halten können. Da half auch das durchsichtige Blüschen nicht.

Uhanek: Ach Gott, ja, an diese Art … nennen wir es mal „Neo-Tantra“-Präsentationen (böse Zungen sprechen ja zuweilen u.a. auch vom Swinger-Tantra) erinnere ich mich auch gut. Es gab da einen Herrn in Berlin, der gern für seine „Tantra-Kurse“ warb, indem er sich den Fernsehkameras nackt oder im knappen String-Tanga präsentierte, das lange Haar oberhalb der Ohren zu einem mit roten Bändern umwickelten Zopf gebunden. Vor ein paar Jahren schenkte mir ein äußerst spöttisch veranlagter Freund aus Berlin sogar mal eine DVD dieses „Tantrikers“ – falls ich mal ein wenig Erheiterung bräuchte.

Meine eigene Begegnung mit dem Begriff „Tantra“ fand Anfang der achtziger Jahre in Gestalt eines reich bebilderten, ganz ausgezeichneten Buches über tantrische Lehren des Hinduismus statt. Ich hatte bereits seit meiner Kindheit eine starke Affinität für Buddhismus, Hinduismus und allgemein indische Kultur und Religionsgeschichte. Dementsprechend befremdlich erschienen mir von Anfang die Publikationen (oder darf man an dieser Stelle ruhig von „Ergüssen“ sprechen…?) insbesondere aus Osho-Kreisen, die unter dem Begriff „Tantra“ im Wesentlichen über kosmische Orgasmen fabulierten.

Sati: Ich stolperte einige Jahre später wieder über den Begriff Tantra. Ich war um die 16 und entdeckte gerade meine Leidenschaft für Okkultimus und die Gothic-Szene. Ich hatte eine Brieffreundin aus Norddeutschland, die mir immer von schwarzen Messen berichtete, von Sexualmagie, nächtlichen Friedhoftouren und von Aleister Crowley. Ich glaube meine Mutter weiss bis heute nicht, was das für Bücher waren, die ich mir so sehnlichst gewünscht hatte und regelrecht verschlang. Irgendwo las ich dann was von „Tantra“ und Sexualmagie und da es damals weder Internet gab noch jemanden den ich als wohlbehütete Akademikertochter fragen konnte, dachte ich, Sexualmagie ist wohl die deutsche Übersetzung von „Tantra“.

Uhanek: „Sexualmagie“ ist ein schönes Stichwort. Unter dem Begriff finden sich großartig absurde Verzerrungen des Tantra-Begriffes. Ich hatte in einem sehr umfangreichen Archiv hier in Göttingen Gelegenheit, ziemlich viele interne Texte diverser Logen zu dieser Thematik zu lesen. Die meisten dieser Texte waren zusammengestückelt aus Versatzstücken hinduistischer und buddhistischer Tantra-Lehren, mit einem Schuss taoistischer Alchemie hier und dort. Bei vielen dieser Versatzstücke kannte ich die ursprünglichen Quellen und es war ganz interessant zu lesen, welche Verzerrungen sie durchlaufen hatten, um sie den machtlüsternen Fantasien ihrer Interpreten der „westlichen Tradition“ anzupassen. Letztlich waren derlei Deutungen fast noch komischer als die der Swinger-Tantriker, weil sie sich selbst noch sehr viel wichtiger nahmen.

In den 80ern hatte ich auch so einen Faible für Postpunk und Gothic. In der Szene wurde ja gerne mit okkultistischen Symbolen kokettiert, zumal es damals, ausgehend von Amerika, ja auch so eine leichte Okkultismus-Satanismus-Hysterie gab, die hinter jedem Pentagramm und jeder dahingeschmierten 666 den Teufel witterte. In den Grupppen, zu denen ich damals Kontakt hatte, wurden verschiedene Texte ganz unterschiedlicher esoterischer und okkultistischer Strömungen herumgereicht. Da fand man dann Starhawk neben LaVeys satanischer Bibel und natürlich Crowleys Texte. In der so zusammengerührten „Magie-Suppe“ durfte natürlich auch die Sexualmagie und viel Gerede über Tantra und Chakren nicht fehlen.

Goths, Foto: Sigurdas, Wikimedia Commons

Sati: Ja, genau so ähnlich kenne ich das auch, da fallen mir auch gleich Stars wie Marc Almond von Soft Cell oder Thomas Thorn von Thrill Kill Kult ein, die der „Church of Satan“ angehörten. Von  Chakren hatte ich damals noch keine Ahnung. Ich wuchs immer mehr in die Gothic-Szene hinein und tatsächlich gab es auch bei uns einige, die dem Okkultismus recht zugetan waren, und manche behaupteten auch von sich, Sexualmagie zu praktizieren. Das waren dann meistens jene, die irgendwann ihre Spitzenhemden und Samtröcke gegen Lackhosen, High Heels und Lederschlauchkleider eintauschten. Auch mir gefiel dieser Klamottenstil sehr und ich erinner mich noch gut daran, dass ich meine erste Lackhose für damals 80 Mark kaufte, was ein Vermögen angesichts meines Taschengeldes darstellte. Nicht dass jetzt Lackhosen grundsätzlich direkt was mit Tantra zu tun hätten…

Uhanek: Ich mochte das ja auch. Und ich habe mir damals auch gern mein silbernes Okkultgebamsel um den Hals gehängt. Machte sich ja gut auf den schwarzen Klamotten.

Sati: In meiner Gothic-Zeit lernte ich meine damals beste Freundin kennen, die der fernöstlichen Spiritualität sehr zugetan war. Auch sie sprach von „Tantra“ oder „Kama Sutra“ und ich staunte nicht schlecht, als ich erfuhr, was sie damit assoziierte, nämlich in wallenden Saris herum zu hüpfen, Räucherstäbchen abzufackeln und die neusten Kniffe aus ihren Massageseminaren an mir auszuprobieren, was mir außerordentlich gefiel. Was mir weniger gefiel war, dass sie das auch immer an Kerlen ausprobieren musste, in die sie gerade verknallt war. Das weiß ich, weil sie einmal wollte, dass ich mitmache. Ich muss sagen, ich fand es äußerst befremdlich einem fremden Mann, den ich zudem auch noch ziemlich unspektakulär fand, die haarigen Beine einzuölen.

Diese Freundin lernte bald darauf ihren zukünftigen Mann kennen – ein Ex-Sanyassin übrigens – der natürlich „Tantra“-erfahren war. Das sah dann in erster Linie so aus, dass er mir dauernd an die Wäsche wollte und behauptete mich ebenfalls „auf eine universelle Weise“ zu lieben, vor allem nachdem er meine Freundin versehentlich geschwängert hatte. Die beiden gründeten nach ihrer Hochzeit eine „spirituelle Gemeinschaft“ und bezogen ein großes Bauernhaus im Voralpenland als das Kind kam. Ich besuchte die kleine Familie einzweimal dort und erinnere mich noch gut, dass das kleine Mädchen beim Mittagessen ihren Rock hochhob und zu mir meinte „Guck mal das ist meine Klitoris.“ Als ich völlig entsetzt zu meiner Freundin blickte, meinte sie lächelnd zu mir „Wir wollen dass sie ohne körperliche Tabus aufwächst.“ Mir blieb der Salat im Hals stecken, zumal meine Freundin mir später anvertraute, dass sie besorgt war, dass ihre Tochter diese „Natürlichkeit“ auch beim Nachbarshof zeigen könnte.

Ihr Mann wollte mir übrigens immer noch an die Wäsche und versuchte mich mit widerlichen kleinen Psychospielchen ins Bett zu kriegen, was ihm nicht gelang, da ich immer noch auf Männer mit schwarzen Lackhosen, Springerstiefel und ausrasierten Schläfen stand. Auf Leinenschlabberhosen, Gesundheitssandalen und säuseliges Geschwafel fuhr ich so gar nicht ab. Ich beschloss mich von alldem zu distanzieren…

Ein paar Jahre später las ich in einer großen deutschen Esoterik-Zeitschrift einen Bekennerbericht einer Frau, die von ihrem Guru sexuell missbraucht worden war. Der Sitz der spirituellen Kommune, den diese Frau als „Tatort“ angab, stimmte ziemlich genau mit dem letzten Wohnsitz meiner Freundin überein. Die betroffene Frau, die in ihrer Kindheit langjährigen sexuellen Missbrauch erlebt hatte, schilderte wie ihr „Guru“ ihr verklickerte, dass sie ihr „Karma“ nur auflösen könne, wenn sie ihm zu Willen sei – gefolgt von anatomisch genauen Angaben, wie dies von Statten zu gehen hatte. Irgendwo trieb ich die Mailadresse von meiner Freundin auf und schrieb ihr von diesem Bericht. Die News waren dort wohl schon längst angekommen, denn ich platze mitten in einen großen Ehekrach. Mit Spiritualität hatte das alles nicht mehr viel zu tun…

Uhanek: Diese Verzerrungen des Tantra-Begriffes tragen im Grunde ja immer den Missbrauch in sich, kommt mir vor. Vielleicht hat das mit dieser unsäglichen, selbstgefälligen Ignoranz zu tun, die sich an fremden Kulturen bedient und ganz beliebig die aus ihrem Kontext gerissenen Versatzstücke fremdkultureller philosophischer Lehren und Praktiken, religiöser Kultformen, mystischer Vorstellungen u.ä. dem eigenen Ego anpassen. Oft scheint es wirklich nichts anderes als reiner Egokult und blanke Nabelschau zu sein.

Sannyas-Zeremonie, Foto: SAMVADO Gunnar Kossatz, Wikimedia Commons

Sati: Das erinnert mich tatsächlich sehr, an diesen Ex-Sanyassin, was Du beschreibst. Um noch mal zu den Lackhosen zurückzukehren… Gothicmode war ja damals sehr kostspielig und durch meine Großmutter mit einem Talent fürs Schneiderhandwerk gesegnet fing ich früh an meine Kleidung selbst herzustellen, was irgendwann soweit ging, dass ich mein eigenes Atelier für Schnürkorsetts eröffnete. Doch, doch ich bin immer noch bei Tantra! Irgendwann hatte ich nämlich mal eine Lieferung an einen benachbarten Swingerclub, der eine meiner Kreationen während einer Swingerparty verlosen wollte. Als ich am späten Nachmittag vor der Veranstaltung dort auftauchte, war man gerade mitten in den Vorbereitungen. Natürlich gab es auch einen Räucherstäbchen bestückten Raum für „Tantra“, der ein bisschen aussah wie ein chinesisches Restaurant bei dem man die Tische gegen ein Kingsize Bett mit vielen Bommelkissen eingetauscht hatte

Uhanek: Ach, da sind wir also beim Swingerclub angekommen…

Sati: Genau! In der Korsettszene lernte ich außerdem eine Frau kennen, die nicht nur Korsettliebhaberin sondern auch Philosophie-Dozentin an der Uni war. Eines ihrer Wissensgebiete war so einer Art „philosophische Sexualwissenschaften“, das heisst sie erforschte Sexualität in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Sie erklärte mir dass man über Tantra zu einer heilen Sexualität finden könne und dass dies in westlichen Kulturen aufgrund der christlichen Prägung nur schwerlich möglich sei, da die westliche Sexualität vor allem von Machtspielchen geprägt sei, die in der BDSM Szene besonders pervertiert worden seien. Sie nannte derartige Spiele „moderne Sklaverei“ – womit sie ja nicht ganz Unrecht hatte…

Ehrlich gesagt, ich habe immer noch keine Ahnung von Tantra. Ich denke aber, dass ich inzwischen ziemlich genau weiß, was es nicht ist. Das was ich unter diesem Label kennengelernt habe, fand ich meist für einen kurzen Zeitraum auf eine gruselige Art spannend, aber nie wirklich interessant, weil es mir immer wie eine groteske Inszenierung von etwas vorkam, dass eigentlich keinerlei Inszenierung bedarf. Ich liebe Bommelkissen, ich habe ein beachtliche Sammlung an Lederstiefeln und einen Sari hab ich mir kürzlich auch zugelegt. Aber jetzt möchte ich wirklich gerne mal hören, was Tantra eigentlich wirklich ist…
(Ende Teil 1)

Schamanismus in der Postmoderne geschrieben von Road Man – Teil I

Samstag, 04. August 2012

Seit einiger Zeit boomt der Schamanismus (schon wieder?) in der Esoterikszene, und er taucht auch auf dem Markt der alternativen Heilmethoden immer öfters auf. In einschlägigen Zeitschriften stehen Anzeigen, in denen Reisen zu echten Schamanen in Peru, Nordamerika oder sonst wo hin angeboten werden, gekoppelt mit Versprechen von Heilung, Sinnfindung und Spiritualität. Oder es werden Kurse angeboten, in denen man „in 6 Wochen“[1] zum Schamanen ausgebildet wird. Leider ruft dieser Boom auch viele Scharlatane auf den Plan, die den Schamanismus, der von der WHO als Heilmethode anerkannt ist, in Misskredit bringen. Auch glauben viele Menschen, daß es in unserer Kultur keinen Schamanismus gibt, demzufolge werden auch Menschen mit echter schamanischer Begabung nicht anerkannt oder als Exoten betrachtet, während Schamanen, die z.B. aus Nordamerika oder Sibirien eingeflogen werden,der Nimbus eine allwissenden Halbgottes und Heiligen anhaftet. Dieser Artikel will versuchen, einige dieser, aus meiner Sicht fatalen, Missverständnisse zu klären und den Schamanismus ein wenig aus seiner „Schmuddelecke“ herausholen.

Schamanismus – was ist das?

Der Schamanismus im eigentlichen Sinne ist eine Technik, mit der der Bewusstseinszustand verändert wird. Ein Schamane ist eine Person, die mittels bewusstseinsverändernder Techniken in einen tranceartigen Zustand geht und in diesem ihre Seele auf eine Reise in die Welt der Geister schickt, um dort Rat und Hilfe sowohl für Klienten als auch für sich zu erlangen. Die Techniken, um in Trance zu kommen, können recht verschieden sein: Singen, Tanzen, Trommeln, halluzinogene Drogen, Hyperventilation, „Zittern“ des Körpers etc. Bei vielen zirkumpolaren Völkern (also Sibirien, Alaska, Lappland) wird eine monoton gespielte Rahmentrommel verwendet, um quasi auf ihr in die Geisterwelt zu „reiten“.

In den meisten schamanisch geprägten Kulturen herrscht eine „mythologische“ Dreiteilung der Welt vor. Es gibt eine mittlere Welt, die Welt, in der wir leben, dann eine Welt darunter, die eher „unterirdischen“ Charakter hat, während die Welt über der mittleren Welt oft eher ätherisch und „himmlisch“ wahrgenommen wird. Selbst in unseren Breiten lebt diese Vorstellung, wenn auch christlich geprägt, in Himmel und Hölle weiter, während z.B. in den germanischen Eddas von 9 Welten gesprochen wird, sozusagen eine Potenzierung der Drei.

Diese 3 Welten werden oft durch eine Weltenachse, eine Leiter oder einen Heiligen Berg miteinander verbunden. Bei den Germanen war das der Weltenbaum Yggdrasil, an dem der Gott Odin 9 Nächte hing, um die Weisheit der Runen zu erlangen, bei dem Volk der Sami gibt es Höhleneingänge oder Seen, über die der Schamane im Geiste in die anderen Welten reist. In den keltischen Sagen gibt es die Feenhügel, mit deren Betreten ein Auserwählter die Elfen und Zwerge besucht und manchmal auch von ihnen entführt wird.

Der Schamane ist ein „Berufener“. Oftmals tritt er seinen Weg gar nicht freiwillig an, sondern wird z.B. in Träumen von Geistern besucht oder von ihnen mit Krankheiten geschlagen, bis er ihren Ruf annimmt und zu schamanisieren anfängt. Manchmal „zerfetzen“ tiefgreifende Geschehnisse im Leben des Anwärters sein Ego dermaßen, daß die Geister an der Grenze zum Wahnsinn ihn zu dem Auftrag, den er bekommen hat, zwingen können. Solche „Schamanenkrankheiten“ gibt es auch in der heutigen Zeit und in Mitteleuropa, sie werden nur nicht als solche erkannt.

Wie kam der Schamanismus in die Esoterik?

In den 60ern und 70ern waren die Bücher von Carlos Castaneda sehr populär, wobei diese aus ethnologischer Sicht mittlerweile widerlegt sind. Eine weitere wichtige Person, die die Bewegung ins Rollen brachte, war und ist Michael Harner. Als junger Ethnologe studierte er Anfang der 60er des letzten Jahrhunderts Indianerstämme Südamerikas und probierte von deren Schamanen auch das berüchtige „Ayahuasca“, meist als „Liane des Todes“ übersetzt. Dieses halluzinogene Gebräu versetzt den Konsumenten in einen visionären Zustand, der unter richtiger Führung durch einen Schamanen zu tiefen Einsichten oder Heilung führen kann. Harner war jedenfalls überzeugt, seine vorher eher atheistische Weltsicht war gründlich ins Wanken geraten, und er begann, bei vielen Ethnien den Schamanismus zu studieren. Im Laufe dieser Studien und Experimente löste er die Grundtechniken, die von jeder schamanischen Kultur verwendet wurde, heraus und bereitete sie so auf, daß sie auch für den gänzlichst „unschamanischen“ Westler zu erlernen waren. Diese Techniken sind folgende[2]:

  • Die schamanische Reise. Man hört einem monotonen Trommelrhythmus zu und visualisiert dabei einen Eingang in die Geisterwelt. Diese Visualisation gewinnt sehr schnell an Eigenleben, und man tritt im Idealfall den typischen Seelenflug an, den Autoren wie Mircea Eliade beschreiben.
  • Verbündete Geister. In der Geisterwelt werden Verbündete gefunden. Die wichtigsten „Hauptagenten“ sind hierbei das Krafttier und eine Lehrerpersönlichkeit. Vorrangig von ihnen bekommt der Schamanisierende Rat und Hilfe, und sie sind auch „Kanäle“ seiner persönlichen „Schamanenkraft“.
  • Zwei Hauptkonzepte von Krankheit. Das erste Konzept besagt, daß in der Geisterwelt etwas Schädliches in den Patienten eingedrungen ist, was oft als „Geist der Krankheit“, „Geisterpfeil“, „Elfenschuß“ oder ähnliches bezeichnet und vom Schamanen mittels seiner verbündeten Geister entfernt wird. Die FSS nennt das „Extraktion“. In der zweiten Variante wird vom „Seelenverlust“ ausgegangen. Hier verlässt den Patienten aufgrund z.B. eines Schocks, Schrecks oder auch eines Missbrauchs ein Teil der Seele und entschwindet in die Geisterwelt. Der Schamane muß die Seele „drüben“ suchen und wieder zum Patienten zurückbringen. Man geht im schamanischen Paradigma davon aus, daß manche Depressionen und Süchte hier ihren Ursprung haben. Tatsächlich nimmt der Patient solche Beschwerden oft als „mir fehlt etwas“ oder „ich habe das Gefühl, mit dem Rauchen (Saufen etc…) eine Leere ausfüllen zu müssen!“

Dieses Konzept vermittelte Harner in seiner FSS (siehe Fußnote 2), und es wurde dankbar von der Esoterikszene aufgegriffen, gerade auch weil es sehr leicht zu erlernen und sehr wirkungsvoll ist, was zum einen für eine Verbreitung der Techniken sorgte, sie zum anderem aber auch verwässerte und ins Oberflächliche abdriften ließ, da in vielen Veranstaltungen schnelle Initiation und Heilung versprochen wurde und wird. Dieser nicht sehr große Tiefgang und die „Licht-und-Liebe“-Schiene in einigen Bereichen der Esoterikszene, oft gepaart mit einer eklatanten Ignoranz medizinischer und psychologischer Sachverhalte, führte dazu, daß der Schamanismus einen nicht sehr seriösen Anschein hat bzw. als „spinnerte Psychotechnik“ belächelt wird. Zudem gelten nur „indigene“ Schamanen als authentisch, weil ihre Initiationen gewissermaßen gesellschaftlich anerkannt sind, während es bei uns seit Jahrhunderten keinen Schamanismus mehr gab und Bemühungen in die Richtung eines Wiedererstehens schwer Fuß fassen können. Wie auch? Ein wild trommelnder Halbirrer, der Geister beschwört und mit Zauberei arbeitet, wie soll denn der in unsere postmoderne Gesellschaft, geprägt von Christentum und Aufklärung, hineinpassen? Und doch – der Schamane fasziniert, sonst würde dieser Begriff nicht so inflationär in der Esoterik verwendet werden. Einige Esoteriker „verinnerlichen“ den Schamanismus, indem sie sowohl die schamanische Reise als auch die Geister als Instanzen der eigenen Psyche betrachten. Beschäftigt man sich aber ernsthaft mit den Techniken, dann kommt man schnell zu der Gewissheit, daß die Geisterwelt NICHT die eigene Psyche ist.

Es gibt tatsächlich einen „Esotourismus – Boom“, der so aussieht, daß Menschen z.B. in den Amazonas reisen, weil sie sich Heilung durch eine Ayahuasca[3] – Zeremonie erhoffen. Solche Bemühungen, wie sie auch von diversen Vereinen, die Schamanen zu ihren Kongressen einladen, getätigt werden, sind zwar an sich lobenswert und machen mit dem Phänomen Schamanismus etwas vertraut, sie gehen aber meines Erachtens nicht den nächsten Schritt: den des Versuches einer Integration des Schamanismus in unsere Kultur.

Wohlgemerkt: ich möchte hier nicht die Esoterikszene an sich schlecht machen, aber zumindest in Punkto Schamanismus habe ich einfach öfters diese von mir beschriebenen Umstände erlebt und spreche sie hiermit auch an. Da das Schamanische meine „Nische“ ist, maße ich mir nicht an, über andere Bereiche der Esoterk Bescheid zu wissen.

Es gibt auch bei uns Menschen, die zum einen diese Begabung zum Schamanisieren, zur Seelenreise haben, und es gibt von denen auch einige, die die weiter oben genannten Techniken eines Michael Harner anwenden, um Hilfestellung für sich und/oder Klienten „von drüben“ zu bekommen. Und hier bestünde die Möglichkeit einer Integration: das Augenmerk mehr auf solche Menschen richten und die ernsthaft und gut Arbeitenden von den Scharlatanen unterscheiden. Wir haben eben das Problem, daß aufgrund des fehlenden kulturellen Hintergrundes diese Leute nicht wirklich anerkannt sind. Und dieser Artikel möchte eine Lanze für die „Neo-Schamanen“ in unseren Breiten brechen. Man muß nicht ins Amazonasbecken zu einem berühmten Schamanen reisen, um dort Heilung zu erlangen.


[1] So Herr Fenkart in der ORF-Sendung „Help TV“ vom 8. November 2007. Sinngemäß behauptete er, jeder könne in 6 Wochenendkursen Schamane werden.

[2] Harner gründete Anfang der 80er dann die Organisation „The Foundation for Shamanic Studies (FSS), die weltweit in Seminaren schamanische Techniken vermittelt, auch an indigene Kulturen, um deren Schamanismus wiederzubeleben. Tuva ist hierfür ein erfolgreiches Beispiel, denn hier fasste der Schamanismus nach der Wende wieder Fuß.

[3] Zeremonie der Indianer Südamerikas, in der die Trance durch eine halluzinogenes Getränk namens Ayahuasca –„Ranke der Toten“, so die Übersetzung dieses Wortes- ausgelöst wird.

Ende Teil I

Karma – Gedanken zu einem missverstandenen Begriff, geschrieben von Uhanek – Teil II

Samstag, 29. Oktober 2011

Spiritualität vs. Privatreligion

Und was hat all das nun mit Karma und Reinkarnation zu tun? Inhaltlich zunächst einmal gar nichts. Und gleichzeitig auf einer etwas anderen Ebene sehr viel, denn das, was ich hier geschildert habe, ist Ausdruck und Ursache sogenannten negativen Karmas. Die geschilderten Vorstellungen sind zunächst nichts weiter, als unreflektierte Fantasien. Es hat nichts zu tun mit dem, was die Begriffe Karma und Reinkarnation bedeuten, damit, wie sie tatsächlich seit tausenden von Jahren in authentischen Traditionen wie dem Buddhismus und Hinduismus verstanden werden. Im Grunde hat es nicht einmal allzu viel mit Spiritualität zu tun. Spiritualität, die sich auf blanken Eskapismus in private Fantasiewelten beschränkt, ist keine Spiritualität, sondern kann bestenfalls als eine Art gläubige Privatreligiosität gedeutet werden, die sich mit oberflächlichem Wortgeklingel begnügt.

Unter Spiritualität verstehe ich die Wahrnehmung von und Interaktion mit umfassender, transpersonaler Wirklichkeit, die zwar durch die Mittel der Sprache und der Logik ausdrückbar ist, jedoch über alle kulturellen und sprachlichen Begrenzungen hinausreicht. Darüber hinaus bildet ein spirituelles System, das sprachliche Äquivalent also zu inneren Erfahrungen mit der Erfahrungsdimension des Absoluten, eine sprachliche und bildliche Einheit, in der sich die Begriffe gegenseitig erklären, so dass über die logisch-begriffliche Form die Erfahrung des hinter allen Begriffen stehenden Absoluten reproduziert werden kann. Da es um dieses Absolute geht, ergeben sich, bei Auslassung spezieller kultureller Komponenten (z.B. sozialer Normen, die ebenfalls in so ein System eingebaut sein können), trotz sprachlicher Unterschiede Parallelen in den verschiedenen spirituellen Systemen, denn das Absolute selbst bleibt immer gleich, nur die sprachlichen Äquivalente sind – aufgrund der Relativität von Sprache – verschieden. Dem gegenüber stehen private Ego-Welten, die, da sie in religiösen Vokabeln und abhängig von Lust und Unlust lediglich die Innenwelt eines Egos zum Ausdruck bringen, oft kaum mehr sind, als bloße Flickenteppiche aus unzusammenhängenden Konzepten. Vielleicht rührt daher die eine gewisse in Esoterikkreisen recht weit verbreitete Neigung zur Intellektfeindlichkeit, da diese Begriffsgebilde in sich zu instabil sind, als dass sie einer Hinterfragung standhalten könnten.

In der neuen Esoterik stehen allzu oft allerlei Konzepte merkwürdig isoliert und undifferenziert nebeneinander: Karma – Reinkarnation – Natur ist Heilig – Göttin und Gott – Magie – der Kreis – feindliche Christen – Umweltzerstörung – Unterdrückung – Stadt – Naturvölker – Aggressoren – Opfer etc. Mittendrin steht die esoterische Person, ist z.B. neuheidnisch und dualistisch wertend: Ist selbst naturreligiös, Priesterin oder Priester und eins mit der Natur; steht dadurch vermeintlich neben den „Naturvölkern“, ist damit Opfer und gehört nicht zu den Tätern; verehrt Göttin und Gott, betreibt Magie und hat dadurch Intuition; kann durch die Intuition, die sich als „so´n Gefühl“ äußert und immer im Recht ist, festlegen, wer zu den Feinden und Tätern zählt; Feinde und Täter agieren gegen die Natur; Aggression gegen die Feinde und Täter ist Verteidigung der Natur; das, was verteidigt wird, ist die Natur, die Natur sind die Götter, die Götter sind das eigene Selbst… Selbst-Verteidigung. Dienst an den Göttern ist somit Dienst am eigenen Selbst. Wird das eigene Selbst als Gottheit betrachtet, wird folglich jeder, der diesem grandiosen Selbst nicht genehm ist zum Feind. Dies ist der vollkommene, spirituell verbrämte Egotrip, spiritueller Materialismus, die perfekte Pervertierung einer tatsächlichen Spiritualität und Einheit mit der Natur.

Ich will an dieser Stelle nur kurz einwerfen, dass im Grunde auch der bei dieser Sichtweise verwendete Naturbegriff nicht das geringste mit Natur im eigentlichen Sinne zu tun hat, denn es handelt sich lediglich um ein ego- und anthropozentrisches Idealbild, dessen Wert einzig aus dem Bezug zum Ego und dem damit verbundenen Lustgewinn resultiert. Romantische Idealbilder sind doch letztlich Teil der immer gleichen Aufspaltung in Mensch und Natur, Mensch und Umwelt,  Mensch und Universum etc.  Natur jedoch schließt alle Erscheinungen mit ein und ist in keiner Weise vom Menschen antastbar, da er selbst in jeder Hinsicht ein untrennbarer Teil dieser Natur ist, gleichgültig, wie sehr er sich als getrennt und eigenständig existierend fantasiert. Unterscheidungen z.B. in Natur und Stadt sind ein Ding der Unmöglichkeit und ein Begriff wie „Naturzerstörung“ eigentlich absurd. Alles, was der Mensch zerstören kann, ist seine Lebenswelt, also seine eigene Existenzgrundlage und somit in letzter Konsequenz sich selbst, niemals aber die Natur als solche.

Die Leerheit der Erscheinungen

Doch zurück zum Thema. Karma in seiner eigentlichen Bedeutung zu begreifen, bedeutet zu verstehen, was es wirklich auf sich hat mit der Einheit aller Dinge. Die tibetische Tradition spricht von zwei Arten Wahrheit. Sie werden als dodam drenpa, absolute Wahrheit, bezeichnet und als kuntsob drenpa, relative Wahrheit. Während die absolute Wahrheit über den Dharma (die natürliche Ordnung und das innere Wesen der Wirklichkeit) spricht, bezieht sich die relative Wahrheit auf die Welt, unser Leben. Dennoch umfasst die absolute Wahrheit auch die Welt, indem sie  besagt, dass jedes Phänomen Leerheit ist. Diese leere Natur bezieht sich nicht auf einen körperlichen Aspekt, sondern eher auf die Tatsache, dass alles vergänglich ist, weil es in Abhängigkeit von der Gesetzmäßigkeit des Karmas entsteht. Alle Erscheinungen entstehen als temporäre Phänomene in gegenseitiger Abhängigkeit und sind Teil eines dynamischen Prozesses. Alles, was wir also wahrnehmen, ist nichts anderes als eine vorübergehende Illusion.

Karma ist ein Sanskritwort und bedeutet wörtlich „Tat“. Will man verstehen, was damit gemeint ist, hält man sich zunächst einmal vor Augen, dass alle Erscheinungen leer sind. Leerheit ist die Grundlage von allem. Diese  Leerheit ist allerdings kein nihilistisches Nichts, sondern sie ist Ausdruck für den Urgrund. Leerheit ist das, was alle Erscheinungen verbindet. Leerheit ist die Leerheit der Erscheinungen von inhärenter Eigenexistenz, d.h. der Glaube, dass die Erscheinungen der Dingwelt unabhängige Größen darstellen, ist eine Illusion. Zwei Punkte gilt es zu erkennen: 1) Dinge entstehen in Abhängigkeit von anderen Dingen und bleiben in dieser Abhängigkeit bis zu ihrem eigenen Verschwinden. 2) die Erscheinungen sind zusammengesetzt, das heißt Dinge bestehen aus Dingen bestehen aus Dingen etc. Das bedeutet, dass alles relativ ist, also in Beziehung zu etwas anderem existiert. Diesem Relativen steht die Leerheit als das Absolute gegenüber, oder besser: alles Relative ist vom Absoluten der Leerheit durchdrungen.

Nehmen wir zur Verdeutlichung einmal unseren fiktiven Michael aus dem oben genannten Beispiel: Die Erscheinung Michael ist weder eine eigenständige, noch eine in irgendeiner Beziehung unabhängige Größe. Er ist zusammengesetzt aus Millionen Zellen. Um existieren zu können, braucht er ein bestimmtes Gasgemisch zum Atmen, das in seiner Zusammensetzung keine allzu großen Abweichungen zugunsten eines einzelnen seiner Bestandteile aufweisen darf. Er braucht eine bestimmte Temperatur. Bereits relativ geringe Verschiebungen nach oben oder unten auf der Temperaturskala würden ihn verbrennen oder erfrieren lassen. Er benötigt regelmäßige Zufuhr von Wasser und fester Nahrung (die ihrerseits eine bestimmte Beschaffenheit aufweisen müssen) und die regelmäßige Ausscheidung der aus dem Verarbeitungsprozess entstehenden Schlacken. Auf diese Weise entsteht und vergeht der Körper in Abhängigkeit. Aber nicht nur der Körper allein. Ausnahmslos alles an unserem Michael ist ununterbrochen in Bewegung und Wandel. In jedem Augenblick sterben abertausende seiner Zellen, während andere, neue sich bilden. In jedem Moment werden all seine Überzeugungen und Erfahrungen von ihm angewandt, geprüft, korrigiert und bei Bedarf durch neue ersetzt. Seine Person ist wie alles andere auch ein ununterbrochener Prozess des Wandels. Blickte er zurück, er würde feststellen, dass der erwachsene Mann Michael in keiner Hinsicht identisch ist mit irgendeiner seiner früheren Erscheinungsweisen, da zu jedem früheren Zeitpunkt sich alle seine Bestandteile von allen Bestandteilen des jetzigen Michael unterschieden (ausgenommen seine DNS, die man vielleicht als eine Art Schablone betrachten kann). Dies alles gilt sowohl in physischer, wie auch in psychischer Hinsicht.

Emotionen und Energie

So nun verhält es sich mit der ganzen Person. Die Emotionen etwa sind abhängig von erlernten Deutungsmustern, von Maßstäben, geglaubten Idealen u.ä. Gerade Emotionen werden ja in der Esoszene so gerne überbewertet, als eigenständige Größen, als etwas Absolutes also betrachtet – aber genau das sind sie nicht. Wären sie das, so wären sie bei allen Menschen in allen Kulturen und Kontexten gleich. Sind sie aber nicht. Sie sind noch nicht einmal in einem einzigen kulturellen Kontext bei allen Menschen gleich. Und das ist so, weil sie erlernt sind. Sie haben ihre Grundlage in den Deutungsmustern, die sich zurückführen lassen auf den Dualismus Gut/Schlecht. Diese Deutungsmuster unterscheiden sich von Kultur zu Kultur, von Familie zu Familie, von Person zu Person. Emotion ist im Kern nichts anderes als reine, ungefärbte Energie, die erst durch Konditionierung ihre Färbung erhält und zu etwas wird, das man „Emotion“ nennt. Allerdings, um hier sofort einem weiteren möglichen Missverständnis vorzubeugen, heißt das nicht, das Emotion die Erfahrung von Energie im egozentrischen Sinne – „meine Emotion ist Energie“ – ist (womit wir dann wahrscheinlich wieder bei diesem dubiosen „Fühlen“ wären), sondern dies ist eine Erscheinungsform von Energie – genauso wie Denken und Wahrnehmung oder auch das, was als scheinbar äußere Welt erscheint.

Mit „Energie“ sind wir hier nun auch bei einem weiteren, für unser Thema relevanten Schlüsselbegriff. In den Traditionen des Vajrayana-Buddhismus werden das Spiel der Energien und die Dynamik der Wirklichkeit als göttlicher Palast dargestellt, d.h. als Mandala. In der heute allgemein verbreiteten Variante des sogenannten magischen Kreises haben wir die Aufteilung in vier Elemente: Erde, Wasser, Feuer und Wind. Ich füge an dieser Stelle noch ein fünftes hinzu: den Raum, das Element der Integration. Diese fünf Elemente nun meinen natürlich nicht nur die Erscheinungen, die wir mit unseren menschlichen Sinnen unter diesen Bezeichnungen wahrnehmen, sondern sie meinen sehr viel mehr. Sie bezeichnen energetische Qualitäten. Ein jedes Element ist in seiner Essenz Licht und äußert sich sowohl als äußeres Element, wie auch als Bewusstseinsfaktor. Als Bewusstseinsfaktor ist Erde das Prinzip der Form, Wasser ist Empfindung (als wahrnehmende Qualität, nicht Gefühlsduselei!) und Zusammenhalt, Feuer ist unterscheidendes Gewahrsein und Hitze/Schnelligkeit, Wind sind der Gedankenstrom und die Bewegung und Raum ist absolutes Bewusstsein, das all dies umfasst und beinhaltet. Aus diesen fünf Elementen besteht alles. Aber es besteht nicht statisch (wie es offenbar viele gerne hätten – womit sie einfach nur beweisen, dass sie in christlichen Strukturen denken), sondern ist ununterbrochene Bewegung, wie Wolken am Himmel. So kommen wir hiermit auch auf noch eine weitere Bedeutung von Leerheit: Die Negation der Existenz kleinster Teilchen. Wenngleich wir auch eine materielle Welt wahrnehmen, die fest zu sein scheint, ist doch ihre wahre Natur reine Energie. Es gibt keine kleinen, festen Materieteilchen, aus denen Materie zusammengeklumpt ist.

Dieses Konzept der Abhängigkeit der Phänomene in der buddhistischen Philosophie drückt die Überzeugung aus, dass nichts aus sich selbst heraus, getrennt von allem anderen existieren kann. Alle Dinge existieren in Abhängigkeit voneinander: Erde hängt ab von Wasser, Wasser hängt ab von Feuer, Feuer hängt ab von Wind und Wind existiert in Abhängigkeit vom Raum. Das tibetische Wort für diese Interdependenz oder Verflechtung ist ‘tendrel’.

Tendrel kann verglichen werden mit einem Netz, das alle Phänomene enthält, die darin miteinander verknüpft und verbunden sind, basierend auf dem, was als Karma bezeichnet wird. Dieses Gesetz oder dieser Zyklus ist, was alles darin hält, daher ist es sehr schwer, daraus auszubrechen, während es aber gleichzeitig unendliche Möglichkeiten bietet, es heilsam anzuwenden, wenn man weiß, wie man damit umgehen muss.

Für unser tägliches Leben wäre diese philosophische Sichtweise von der absoluten Wahrheit wahrscheinlich nicht recht praktikabel. Daher müssen wir uns, um ein gewöhnliches Leben führen können, auf Logik stützen, auf unsere Gesellschaft und auf unsere Welt. Sie alle sind Teil der relativen Wahrheit, die leichter mit unserer Art des Denkens verknüpft werden kann.

Ein Sprichwort in der Tradition der tibetischen Geomantie lautet: „Die absolute Wahrheit ist der Dharma, die relative Wahrheit ist die Erde“. Dies beschreibt vollkommen die beiden Sichtweisen auf die Wahrheit.

Was aber ist Karma?

An dieser Stelle haben wir jetzt also drei Punkte soweit geklärt (hoffentlich!): Die Leerheit der Erscheinungen, die Zusammengesetztheit der Erscheinungen, den Wandel der Erscheinungen als Bewegung der fünf Energien, also die Negation kleinster Teilchen. Kommen wir also nun zu einer weiteren Dreiheit: Die drei Ebenen unserer Existenz als Menschen. Die drei Ebenen, um die es hier geht sind Körper, Energie (korrespondierend zur Stimme) und Geist, wobei der Geist die Grundlage bildet. „Geist“ bedeutet hierbei aber nicht z.B. Intellekt oder so etwas. Geist bedeutet hier absolutes, kontinuierliches Bewusstsein – die (überindividuelle!) Grundlage. Intellekt und Gedankenstrom gehören einem anderen Bereich an, dem sogenannten konzeptuellen Geist, der vor allem mit dem Bewusstseinsfaktor Wind verbunden ist.

Auf diesen drei Ebenen entsteht Karma. Es handelt sich bei diesem Begriff nicht um eine religiöse Kategorie oder gar eine Art spiritueller Substanz, die von Göttern verwaltet wird, sondern um ein philosophisches und psychologisches Prinzip. Wie bereits erwähnt, bedeutet der Begriff Karma „Tat“ – und genau darum geht es hier. „Karma“ beschreibt, wie ein wahrnehmendes Bewusstsein gemäß seiner tief reichenden gewohnheitsmäßigen Tendenzen des Denkens und Fühlens eine ganze Wirklichkeit erschafft.  Die individuelle Erscheinung ist bereits in ihrer Gesamtheit der Ausdruck früherer karmischer Impulse, die jetzt zur Reife gelangt sind. Teil dieses Karmas sind auch die für vollkommen wahr und dauerhaft gehaltenen Konzepte, nach denen die Welt interpretiert wird. Diese Interpretationen wirken ihrerseits auf die Art, wie die Welt wahrgenommen wird, die damit verbundenen Emotionen und die daraus resultierende Interaktion mit der Erscheinungswelt. Anders ausgedrückt: In unserem Geist entwickeln wir Konzepte, die wir für wahre Abbildungen der Welt halten; auf der Ebene unserer Energie formen wir diese Konzepte weiter aus zu immer mehr inneren Bildern und damit verbundenen Emotionen, die wir schließlich auch sprachlich ausdrücken; zu guter Letzt folgt dann die entsprechende körperliche Handlung. Wo alle drei Ebenen beteiligt sind, ist volles Karma erfüllt.

Wir bewegen uns in einem Netz vollkommener gegenseitiger Bedingtheit, das bereits ein einziger gigantischer Ausdruck von Karma ist. Karma bedeutet, dass wir in dieser gewaltigen, ständig bewegten Energiewolke genannt Welt einen energetischen Impuls setzen, der zur Veränderung des gesamten Musters beiträgt. Die Art der Veränderungen, die so entstehen, und die Art, wie all dies dann auf uns zurückwirkt und wie wir es erleben, ist Karma, das zur Reife gelangt. Der von uns gesetzte Impuls ist dann am machtvollsten, wenn alle drei Daseinsebenen gleichermaßen beteiligt sind. Sehr grob vereinfacht könnte man sagen, dass „Karma“ soviel bedeutet wie „Denk- und Handlungsgewohnheiten, die zu Veränderungen in der erlebten Welt führen“. Karma lässt sich vergleichen mit einer Eisenbahn: Die Lokomotive ist das erlebende Ego, das sich für eine eigenständige Größe hält, die Schienen sind die Gewohnheiten im Denken, Reden und Handeln und die Landschaften, in die das ganze führt, sind das reifende Karma.

Das Konzept „Karma“ ist im Wesentlichen ein Hilfsmittel zur Selbsterkenntnis: Was ist meine innerste, zeitlose Natur, die mich mit allem verbindet, und was sind lediglich Wahrnehmungen, die geprägt sind durch meine Gewohnheiten des Denkens und Fühlens? Wo wirken sich diese Gewohnheiten schädigend aus und betonen meine Negativität? Was ist das Schädigende und was das Heilsame? Was sind die längerfristigen Konsequenzen, wenn ich in Hass, Gier und Ignoranz verharre? Diese und ähnliche Fragestellungen resultieren aus dem Karma-Begriff und führen zu Selbstreflektion und einer Persönlichkeitsentwicklung, in der das Individuum nicht lediglich um sich selbst kreist, sondern Qualitäten wie Liebe und Mitgefühl hervorbringt und sich als Teil einer lebendigen Welt entwickeln kann. Indem wir uns selbst so verändern, verändern wir unsere Welt.