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Träume und Schlaf im Alten Ägypten

Samstag, 04. April 2015

Träume aus der Sicht der Psychologie

„Ein Traum ist eine psychische Aktivität während des Schlafes. Er wird als besondere Form des Erlebens im Schlaf charakterisiert, das häufig von lebhaften Bildern begleitet und mit intensiven Gefühlen verbunden ist. Der Träumende kann sich nach dem Erwachen meist nur teilweise oder gar nicht erinnern.“ (Definition Wikipedia)

In der modernen Psychologie werden Träume ausschließlich als Erscheinungen des individuellen Bewusstseins betrachtet. Alltagseindrücke, Ereignisse der Vergangenheit, einschneidende Erlebnisse, aber auch Erkrankungen psychischer wie physischer Art führen zu verschiedensten bildhaften und fühlbaren Erscheinungen während des Schlafes. Lediglich psychoaktive Substanzen oder andere pharmakologische Präparate finden als äußere Einflüsse die Akzeptanz der modernen Psychologie und Neurologie. Träume sind dabei das komplexe Resultat dessen, was das individuelle Gehirn mit all seinen Prägungen, bewussten und unbewussten Erinnerungen, Wissensspeichern und Emotionen aus den Sinneseindrücken des Wachzustandes geformt hat. In gewisser Weise entspricht damit der Traum auch dem was der gängigen Definition nach Mythos ist, nämlich die Verknüpfung von Fakten, Erlebtem und Empfundenem und individuell Interpretiertem und Erdachtem, ohne näher bestimmen zu wollen was Faktum und was Erscheinung des Geistes ist. Wie viele der modernen Ansätze geschieht dies auf der Grundlage des Descart’schen Modells einer dualen Körper-Geist-Trennung. Alles Reale ist physisch greifbar oder zumindest meßbar, alles Geistige ist höchstens erahnbar und nur eingeschränkt bis gar nicht verifizierbar.

Der Albtraum (18./19. Jh. unbekannter Künstler) Wikimedia Commons

Innen oder Außen, Eigenes oder Fremdes?

Die Annahme, dass alles Surreale eine Erscheinung des eigenen Geistes darstellt, ist tröstlich, impliziert es doch auch eine grundsätzliche Kontrollierbarkeit der Erscheinungen. Erst wenn der Geist außer Kontrolle gerät und sich deren Auswirkungen auch in der physischen Welt manifestieren, gerät dieKontrollierbarkeit ins Wanken. Die Grenze zum Pathologischen ist damit überschritten und es werden Mittel und Wege gesucht die Kontrolle wieder zu erlangen. Dennoch bleibt das Szenario auf das individuelle Körper-Seele-Kontinuum beschränkt. Das Problem ist ein Individuelles, selten findet es wie beispielsweise in systemischer oder soziopsychologischer Arbeit auch eine kollektive Dimension. Auch in der modernen Spiritualität wird immer noch gern an dem Grundsatz festgehalten, dass alle geistigen Erscheinungen die eigenen sind. Die Jungianische Archeytpenlehre bietet sich da geradezu als Denkmodell an und die Verbandelung von Mythologie, einer großen Begeisterung für’s Übersinnliche und noch junger medizinischer Forschung an der Seele sind letztlich auch der Stoff aus dem Jungs Theorien gestrickt sind. Um jedoch den altägyptischen Wirklichkeitsbegriff zu verstehen muss man ein wenig weiter zurück gehen als bis zur vorletzten Jahrhundertwende und die klassische Leib-Seele-Einteilung verlassen um sich einem Weltbild des Allesbeseelten zuzuwenden.

Wandel des Wirklichkeitsbegriffs

Man muss sogar weiter als bis zu jener Zeit zurückgehen, die Karl Jaspers als „Achsenzeit“ bezeichnet und die von einer globalen philosophischen und spirituellen Selbstreflexion und zunehmendem religiösen Individualismus geprägt war. Zwar ist der Begriff der Achsenzeit eher ein sehr theorethisches und durchaus kritisierbares Denkmodell, dennoch ist es hilfreich um sich das andere Realitätsbewusstsein naturnaher und Natur-deifizierender Völker zugänglich zu machen. Der altägyptische Wirklichkeitsbegriff spielt sich in einer Zeit ab, in der die Notwendigkeit der Gemeinschaft als Überlebensgarant noch in aller Menschen Bewusstsein ist und die vor der Schwelle zum Jenseitigen oder Göttlichen keineswegs Halt macht. Soziale und spirituelle Realität ist geprägt von fortwährender Interaktion mit Menschen, Göttern und Geistern. Denn diese Dinge sind es, die für den Altägypter kultur- und nicht zu letzt identitätsbildend sind, anstatt – wie es heute oft der Fall ist – die ständige psychosoziale und spirituelle Selbstbeschau, die nicht selten bis hin zur Selbstmystifizierung geht.

Ägyptische Kosmologie – Detail aus dem Greenfield Papyrus (Totenbuch des Nesitanebtashru). Der Luftgott Schu und der widderköfpige Gott Heh deities halten die Göttin des Himmelsgewölbes Nut , während sich der Erdgott Geb unter ihr ausbreitet (ca. 950 V. Chr. aufgenommen im British Museum, London) – Wikimedia Commons

So ist es nicht verwunderlich, dass im Alten Ägypten viele Erscheinungen des Bewusstseins ganz natürlich im Außen verortet wurden, jedoch weitaus weniger mystifiziert als man nach heutigem Verständnis von Mystik annehmen mag. Die Begegnung mit dem Anders- und Überweltlichen war vielmehr normaler Alltag und erforderte einen ebenso koordinierten und pragmatischen Umgang wie mit den alltäglich Herausforderungen des Diesseitigen. Das altägyptische Weltbild kann seine animistischen Wurzeln hier nicht verbergen, alles ist beseelt, wenn nicht sogar vergöttlicht, was in den zahlreichen als „netjer“(=Gott) bezeichneten Phänomenen zum Ausdruck kommt, egal ob es sich dabei um einen Frosch, einen Fluss oder die aufgehende Sonne handelt.

Schlaf als Zwischenwelt

Träume galten als Übergangswelt zwischen dem Jenseits und dem Diesseits, der Schlaf als Zone zwischen Leben und Tod, was ihn zu einem recht ambivalenten Gebiet machte. Tatsächlich war der Tod auch physischer Ort, denn das Westufer des Nils, dem Standort vieler Nekropolen war im Grunde schon Totenreich. Dort wo die grüne Oase des Nils aufhörte und die Wüste begann, war auch die Grenze zum Nichtkontrollierbaren für den Menschen, das Reich des Geheimnisvollen und nur noch Erahnbaren, dass sich im flimmernden Horizont ins Unendliche verlor. So sind auch gerade viele Gottheiten, die der Wüste zugeordnet werden, meist sehr ambivalente Gottheiten, die grausam und zerstörerisch, aber auch schützend und kriegerisch sein können. Die wohl bekannteste aller Wüstengottheiten ist der Gott Seth, der den Sonnengott Re auf seiner Verjüngungsfahrt durch die Unterwelt vor der dämonischen Schlange Apophis schützt, die diesen zu verschlingen droht. Doch auch Hasen, Löwen, Schlangen, Falken tauchen in ihrer vergöttlichten Form als typische Götter der Wüste auf.

Tod, des Schlafes Bruder

Der Tod an sich war in Ägypten geradezu unaussprechlich, ein Tabu also, was ungewöhnlich erscheinen mag, da die gesamte altägyptische Kultur auf den Tod ausgerichtet zu sein scheint. Tatsächlich aber zielt der ausschweifende Kult auf eine Überwindung des Todes ab, der ebenfalls als eine Art Schlafzustand interpretiert wurde, aus dem man erweckt werden konnte. Nicht etwa um als Mensch wieder ins Diesseits in das gewohnte Leben zurückzukehren, wie heutige Reinkarnationsideen häufig beschaffen sind, sondern um ein transfigurierter sog. „verklärter“ Ahnengeist zu werden, der den Göttern gleich zwischen Unterwelt, Diesseits und Welt der Götter ungehindert umher wandeln konnte. Die Welt der Toten, Duat genannt, war ein wenig einladender Ort und man war bemüht die Verstorbenen mittels Totenkult schnell von ihrem dortigen Dasein als „ungerechtfertigter Ahnengeist“ zu erlösen. Dennoch wusste man wiederrum, dass die Durchquerung der Duat auch notwendig war, der Prozess des Todes durchlaufen werden musste um – gleich dem Sonnengott – am Ende der Reise verjüngt wieder in das nun ewige Leben zu treten. Die alten Ägypter waren sich der wunderbaren, aber auch gefährlichen Aspekte von Tod und Geburt durchaus bewusst und sahen darin keinen Widerspruch. Die verschiedenen Unterweltsbücher stellen den wichtigsten Teil der Totenliteratur dar und waren eine Art Reiseführer, die den Toten zusammen mit vielen Amuletten und magischen Schutzformeln mit auf den Weg ins Jenseits gegeben wurden.

Mache dein Haus im Westen trefflich
statte reichlich aus Deinen Sitz in der Nekropole
Nimm dies an, denn gering gilt uns der Tod,
nimm dies an, denn hoch steht uns das Leben.
Aber das Haus des Todes dient ja dem Leben.
(Lehre des Hordjedef, Sohn des Cheops, 4. Dynastie)

Feindselige Totengeister als Verursacher von Albträumen

Jene ungerechtfertigten Totengeister waren es, die man für Albträume zur Verantwortung zog. In Träumen, so glaubte man, war der Mensch in der Lage in die Duat einzutreten. Zeigten sich ihm dort Götter, galt dies als etwas positives, obgleich auch durchaus nicht alle Götter ein stets freundliches und wohlwollendes Wesen besaßen. Jedoch konnte sich dem Träumenden auch gleichermaßen feindseligen Ahnengeister zeigen, ihm den erholsamen Schlaf rauben und ihn sogar bis in den Tag verfolgen und im schlimmsten Fall auch dort für Unglück sorgen. So erklärt sich, dass man sehr bemüht war die Rechtfertigung der Totenseelen vor dem Göttergericht in die Wege zu leiten, selbst wenn es dafür nötig war in Grabmalereien und -schriften ein wenig zu flunkern und den Lebenswandel des Verstorbenen arg zu beschönigen. Hier zeigt sich auch deutlich der Unterschied von einem Totenkult zum Ahnenkult. Im Allgemeinen war man beruhigter, wenn die Toten dort blieben, wo sie hingehörten: im Jenseits.

Totenkult oder Ahnenkult?

Lediglich im Neuen Reich manifestierte sich ganz untypisch für die vorhergehende Zeit im Alten und Mittleren Reich geradezu ein echter Ahnenkult und man war sogar darum bestrebt den Verstorbenen das sog. Herausgehen am Tag so angenehm wie möglich zu gestalten, gerade um sie zu besänftigen, aber auch um sich ihre Hilfe im Jenseits zu Nutze zu machen. Regelmäßige Opferungen an den Grabstätten, das Einrichten von Scheintüren an den Grabdenkmälern und sogar das Pflanzen von ganzen Gärten mit kultspezifischen Pflanzen, die die Ahnengeister zum Verweilen einluden waren allgemeiner Usus im neuen Reich. Die wohlwollenden und gerechtfertigten Ahnengeister, die „Akhu“, wurden als Berater und Helfer in andersweltlichen Belangen herangezogen, gerade wenn es Konflikte mit böswilligen Ahnengeistern gab oder auch als Mediatoren im Dialog mit den Göttern selbst. Unzählige Briefe von Lebenden an die Verstorbenen zeugen noch heute davon.

Die Duat („Binsengefilde“) Pap. Ani (ca. 1275 v. Chr.)
Wikimedia Commons

Praktischer Umgang mit dem Andersweltlichen

Die Traumwelt wurde also als eine Welt gesehen, die vom Träumenden nicht unmittelbar kontrollierbar war, also mussten Umwege und indirekte Maßnahmen ergriffen werden um sich vor den negativen Erscheinungen der Duat zu schützen, die sich unter Anderem in Form von Albträumen zeigten. Die Inhalte von Albträumen sind kaum oder nur vage angedeutet überliefert, denn genau wie der Tod selbst, waren auch Albträume tabuisiert. Das Tabu hat nichts mit einer Form der kollektiven Verdrängung zu tun, sondern ist bereits eine Art magische Intervention und wie eine Art damnatio memoriae zu verstehen. Das Aussprechen, Benennen und insbesondere das Aufschreiben von Dingen galt bereits als magisch-manifestierender Akt, den man hier natürlich so gut wie möglich zu verhindern suchte.

Interessanterweise gab es auch keine Gottheit, die für Träume zuständig war. Weder als Verursacher noch als Beschützer. Jedoch wurden unterschiedliche Gottheiten in diesen Belangen um Hilfe gebeten und typische Volksgottheiten wie Bes oder Tawaret, die in Hausschreinen verehrt wurden, waren auch mit der Aufgabe betraut Dämonen und böse Geister von Heim und Familie fernzuhalten. Vor allem um Schwangere und Kinder sorgte man sich dabei. Weitere Nachtwächter konnten auch in Gestalt von Krokodilen, Löwen, Panthern, Nilpferden und sogar Seth in seiner Tierform auftauchen.

Faience-Figur der Göttin Tawaret mit Uräusschlange aus der Spätzeit,
British Museum, Wikimedia Commons

Das Feuer galt als äußerst wirksam gegen nächtliche Heimsuchungen, zum einen da es die Nacht erhellen konnte und zum anderen weil Feuer das Bannungselement nach altägyptischem Verständnis schlechthin ist, da es in der Mythologie vielfach dazu dient die Feinde der Ma’at, der kosmischen Ordnung, zu bekämpfen. So wird nachvollziehbar, warum Bettpfosten und Bettpanelen häufig Schlangensymbolik zierte, da Kobras zum einen ein Symbol kosmischer Ordnung waren wie die Uräusschlange, Schutzgottheiten wie die Kronengöttin Wadjet und außerdem durch ihren „Feueratem“ in der Lage waren Feinde zu bekämpfen. Der Feueratem der Schlangen ist auf das brennende Gift der Schlangen zurückzuführen, welches Kobras auch über beachtliche Entfernungen ausspeien können. Die altägyptische Form von „Traumfängern“ waren aus Ton geformte Uräen mit denen Schlafräume ausgestattet wurden.

Grün glasiertes Kobra-Amulett aus Keramik, Neues Reich,
Harrogate Museums and Arts, Wikimedia Commons

.
Aus einer Totenklage im Grab eines Nefersecheru zur Zeit Ramses‘ II

Das Haus derer im Westen,
es ist tief und dunkel
Keine Tür, kein Fenster ist in ihm,
kein Licht zum Erhellen
kein Nordwind, das Herz zu erfrischen.
Die Sonne geht dort nicht auf.
Sie werden allzeit im Schlafe liegen
wegen der Finsternis auch bei Tage.

Die Nachtwächter in Form von Panthern sind besonders interessant, da das Pantherfell zur traditionellen Ausstattung des sog. Sem Priesters gehörte, der damit seine Fähigkeit zwischen dem Diesseits und dem Jenseits zu wandeln demonstrierte. Der Sem Priester kommt in seiner kultischen Aufgabe den Schamanen der Prädynastik am nächsten, den er bedient sich auch als einziger eines meditativen- oder tranceartigen Zustandes um in die Duat zu reisen und dort die Seelen der Verstorbenen während des Totenrituals einzufangen, zu geleiten und in ihren ewigen Wohnsitz als verklärter Ahnengeist zu überführen. Man nennt diesen Abschnitt des Totenkultes auch den „Schlaf des Sem“, dessen Ursprünge weit in das Alte Reich, evtl. sogar in die Prädynastik zurückreichen. Das Pantherfell steht auch in Verbindung mit einer Gottheit des Alten Reiches, nämlich der Himmelspanther, auch verehrt als die Duatgottheit Mafdet, deren Wirken als lebenserhaltend, die Toten schützend aber durchaus auch rächend und richtend galt.

Der Schlaf als Schwelle und kultisches Element

Der leitende Priester spricht im Verlauf des Totenrituals zum Sem:

„Verhüte, dass er [der Verstorbene] umherirre. Daß keine Störung mit ihm sei.“

Und der Sem spricht stellvertretend als Sohn des Verstorbenem zu diesem:

„Ich bin gekommen Dich zu suchen/umarmen, ich bin Horus. Ich habe Dir deinen Mund eingefügt, ich bin Dein Sohn der Dich liebt.“

Danach legt der Sem das Pantherfell an und projiziert den Geist des Verstorbenen in eine Statue, die in einer Prozession unter Schutz und Aufsicht des Sem und der Priesterschaft zum Grabmal getragen wird.

Sem Priester mit Pantherfell der eine Wasservase hoch hält
Ausschnitt aus einer Totenstele ca. 1400 – 1350 v. Chr.
Walters Arts Museum, Wikimedia Commons

An der Sphäre des Traumes wird deutlich wie fließend die Grenze zwischen dem Diesseitigen und dem Jenseitigen für die Alten Ägypter war. Vielmehr ergibt sich eine Dynamik parallel erscheinender interagierender Seinszustände des Individuums, die auch an der altägyptischen Seelenmatrix in Erscheinung tritt. Ohnmacht, Bewusstlosigkeit, Schlaf sind Zustände die dem Tode ähneln und potentiell bedrohlich sind, aber auch den Übertritt in die Welt der Götter ermöglichen und natürlicher Bestandteil des Lebens sind. Der Kontakt mit den Göttern und Geistern, war daher durchaus nicht nur dem Klerus und dem Pharao vorbehalten, er war lediglich in den Tempeln institutionalisiert und organisiert um den Göttern den Aufenthalt unter den Menschen angenehm zu gestalten und zu verhindern, dass sie sich entfernten und der Staatspolitik den religiösen Überbau zu verleihen. Zahlreiche religiöse Fetische aus dem Bereich der Volksmagie zeigen, dass auch der einfache Ägypter den Göttern nicht fern war und ihre Präsenz zu seiner alltäglichen Wirklichkeit gehörte. Letztlich ist auch dies ein Hauptfaktor für die erstaunliche Beständigkeit des Polytheismus in Ägypten, denn wie auch immer der Staatskult gerade beschaffen war, welche Gottheit auch immer gerade oberste Staatsgottheit war, die Ägypter waren emanzipiert genug in ihrer persönlichen Spiritualität, dass sie mit den Geistern und Göttern selbst zu interagieren wussten.

Literatur:

Die Wandlungen des Sem-Priesters im Mundöffnungsritual. Hartwig Altenmüller
Tod und Jenseits im Alten Ägypten, Jan Assmann
Nightmares in Ancient Egypt, Kasia Szpakowska
Die Unterweltsbücher der Ägypter, Erik Hornung

Mein Blog: „Kemetic Insights“

Der Schrecken der christlichen Seefahrt – Teil 2

Samstag, 14. März 2015

(Teil 1)

Einige Tage später hatte die „Rote Nelly” den Ärmelkanal hinter sich. Obwohl die kleine Brigg sich im langen Seegang des Atlantiks ständig hob und senkte, lag sie doch einigermaßen stabil auf ebenem Kiel. Deshalb waren die Schiffsbewegungen leichter zu ertragen als etwa die auf den steilen, kurzen Wellen der südlichen Nordsee. Außerdem gewöhnten sich die meisten Menschen an die Bewegungen des Schiffs. Selbst ihrem Passagier, der „hartnäckigen Landratte” Pastor Lehmann, ging es nun besser.
Es ging dem Geistlichen auch deshalb besser, weil sich die Männer ein wenig an die Anwesenheit eines „Pfaffen” gewöhnt hatten und ihn nicht länger provozierten.
Wenn sie gerade Zeit hatten, und er sie höflich fragte, beantworteten Kapitän Kruse, Steuermann Petersen oder Bootsmann Binning geduldig die Fragen ihres Passagiers. Die einfachen Seeleute zeigten dem „Schwarzrock” aber nach wie vor die kalte Schulter.

Der Pastor wunderte sich, dass es jeden Tag wärmer wurde. Obwohl es schon Mitte Oktober war, herrschten Temperaturen wie im Hochsommer. Außerdem entging ihm nicht, dass die Brigg auf Südkurs segelte.
„Mhmm, tja”, suchte Steuermann Petersen nach einer Antwort, als der neugierige Geistliche ihn gefragt hatte, wieso sie nicht direkt nach Westen segeln würden. Für der in langen Fahrenszeit ergrauten Navigator war der Kurs, „Roten Nelly” eine Selbstverständlichkeit. „Also, wenn wir auf direktem Kurs von Nordeuropa nach Neuengland segeln würden, dann hätten wir die meiste Zeit Wind aus dem Westen, also ziemlich genau von vorn. Und dann hätten wir auch noch den Golfstrom, eine starke, warme Meeresströmung, gegen uns. Sogar die dicken Dampfer, die sich um den Wind wenig scheren müssen, weichen dem Golfstrom auf Westfahrt aus, nach Norden. Das ist schneller, aber sie müsse da höllisch auf Eisberge aufpassen.”
Er zeigte dem Pastor die Übersichts-Seekarte, die im Kartenraum auf dem großen Navigationstisch lag. „Sehen Sie, wir sind jetzt hier, auf der Breite von Kap San Vincente, und segeln in Richtung der Kanarischen Inseln.” Lehmann war erstaunt – die lagen direkt vor der afrikanischen Küste. „Was für ein gewaltiger Umweg!”
„Jo!”, gab der Steuermann zu. „Vielleicht müssen wir sogar noch weiter nach Süden, um den Passat zu erwischen. Das ist der beständige Südostwind, der schon Kolumbus schnell und sicher über den Atlantik gebracht hat. Dann, wenn wir fast bei den Bahamas sind, nehmen wir Nordkurs, und nutzen so den Golfstrom aus – der fließt hier so nach Norden und biegt erst nördlich von Neuengland nach Osten ab. Obwohl das ein riesiger Umweg ist, sind wir so viel schneller in Boston, als ob wir uns mühsam ,bergauf´ gegen Wind und Strömung quälen würden.”
Lehrmann nickte. „Aha. Auf einem Segelschiff muss man den Ozean genau kennen.” Petersen nickte.

Allmählich begriff Lehmann, dass so mancher seemännischer Brauch, der ihm unverständlich und seltsam erschien, seinen gute Grund hatte. Oder wenigstens keinen abergläubischen Grund. Trotzdem blieb vieles für ihn rätselhaft.
Eines Nachts – die „Rote Nelly” machte unter Vollzeug im Passatwind gute Fahrt – klopfte irgend jemand im Kettenkasten vorn auf der Back. Pastor Lehmann, der wegen des warmen Wetters sowieso unruhig schlief, wachte davon auf. Er fragte sich, ob dass den sein müsse. Vielleicht eine dringende Notreparatur? Er nahm sich vor, den Kapitän beim Frühstück darauf anzusprechen.
Aber Kapitän Krause sagte ihm am nächsten Morgen, es sei alles in bester Ordnung, und in der Nacht hätte auch niemand gearbeitet.
Als er aufs Deck trat, wunderte er sich, dass neben dem Kettenkasten ein Glas mit Rum und ein Schälchen mit Pfeifentabak standen. Als Bootsmann Binning merkte, dass der Geistliche das gesehen hatte, wirkte er verlegen.
„Ist das eine Opfergabe?”, sprach ihn der Pastor direkt an.
„Nö. Wie kommen Sie denn da drauf?”, antwortete der Bootsmann etwas unwirsch.
„Ich weiß, dass manche abergläubische Zeitgenossen den Hausgeistern und Kobolden Schälchen mit Milch hinstellen, und dachte mir, dass Sie vielleicht …”
„Die Männer haben einen guten Grund dafür, aber einen Grund, den Sie vielleicht falsch verstehen würden”, fiel der Seemann ihm ins Wort. „Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich habe zu arbeiten.”
In der nächsten Nacht fand Pastor Lehmann keinen Schlaf. Die Luft war irgendwie schwül geworden, und das Schiff rollte und stampfte stärker als am Tage. Ihm war übel – die Seekrankheit meldete sich zurück.
Durch die Wand zur Kajüte des Kapitäns hörte er, dass sich Kruse mit jemanden unterhielt. Die Worte konnte er nicht verstehen, aber er hörte heraus, dass der Gast in der Kajüte eine sehr hohe, fast schrille, Stimme hatte. Mit so einer hohe Fistelstimme sprach keiner der Männer der Besatzung.
Irgendwie war das Lehmann unheimlich. Er betete. Dann, nach einer längeren stummen Zwiesprache mit seinem Gott, fiel er in einen unruhigen Schlummer.

Am nächsten Morgen sah Pastor Lehmann, dass sich das Wetter geändert hatte. Die während der letzten Woche grelle und heiße Sonne wirkte im dunstigen Himmel blass und wässerig. Einige Matrosen trimmten die Segelstellung nach. Das war nötig, denn der bisher so zuverlässige Passatwind „hustete“, wie die Leute sagten, und wurde böig. Die Luft war schwül.
„Die Dünung hat zugenommen”, stellte der Kapitän fest und sog unruhig an seiner Pfeife. „Sehr schlechtes Zeichen!“ Der stärkere Wellengang wies darauf hin, dass hinter dem Horizont ein Sturm die See aufwühlte.
Steuermann Petersen verschwand kurz im Kartenraum und prüfte das Barometer. Als er wieder an Deck erschien, war sein verwittertes, bärtiges Gesicht sorgenvoll verzerrt. „Sieht gar nicht gut aus, Kap’tän. Hinterm Horizont braut sich ganz gewaltig was zusammen.“
Kruse nickte und sagte halblaut: „Ich weiß. Es wird ein Hurrikan sein. Dem sollten wir ausweichen.” Mit lauter Stimme befahl er: „Neuer Kurs: Süd-Süd-West!”
Bootsmann Binning pfiff auf seiner Signalpfeife und befahl: „Klar zur Kursänderung!”
Die Rahen wurden gebrasst, und der Rudergänger ließ das große Steuerrad herumwirbeln, bis der neue Kurs anlag.
Interessiert beobachtete Pastor Lehmann, der sich in einen Winkel das Achterdecks zurückgezogen hatte, wo er nicht im Weg stand, die Männer bei der Arbeit.
Dabei hörte er, wie die beiden Männer, die die Schot des mächtigen Briggsegels bedienten, sich unterhielten: „Hoffentlich weiß der Alte, was er tut. Er kann doch gar nicht wissen, in welcher Richtung der Sturm tobt.”
„Keine Sorge, Piet”, beruhigte ihn sein ältere Kamerad. „Kruse kennt diese Gegend. Außerdem bin ich mir sicher, dass er einen guten Rat von einem alten Freund bekam.”
„Dem Klabautermann?”, wollte der Jüngere wissen.
„Ja. Einem guten Kap’tän steht der zur Seite.”
Der Geistliche war verwirrt. Waren die Männer doch Heiden? Aber nein, sie beten ja immer ganz brav, wenn auch einige auf katholische Weise zur Mutter Gottes oder zu irgendwelchen Heiligen.

Auch wenn den Schiff und seiner Mannschaft, dank der umsichtigen Kursänderung, die volle Kraft des Hurrikans erspart blieb, frischte der Wind auf.
Kapitän Kruse wies den Bootsmann an: „Lassen Sie Sturmbeseglung setzen, Binning!“
Der Bootsmann erteilte seine Befehle, und gleich darauf enterten Matrosen in die Takelage auf, um die Rahsegel zu bergen. Sie refften die Gaffelsegel und bargen die Stagsegel bis auf das Vorstagsegel. Zusätzlich wurden Manntaue an Deck gespannt, an denen man sich beim Sturm entlang hangeln konnte. Pastor Lehmann beobachtet die Männer, die oben in den Masten gewandt wie große Affen herumturnten, ohne die sonst üblichen Scherze zu machen. Sie arbeiten zügig und warfen nur gelegentlich einen Blick auf die unheilverkündenden Wolkenfetzen, die sich fächerartig über den Himmel zogen, oder hinab auf die See, die gar nicht mehr tiefblau war, sondern wie geschmolzenes Blei aussah und sich langsam hob und senkte.
Die Ausläufer der Wirbelsturms erfassten die „Rote Nelly”. Heftiger Platzregen prasselte beinahe waagerecht gegen die noch stehenden Segel. Der dichte Regen nahm den Männern die Sicht. Unheimlich heulte der stärker aufbrisende Wind in der Takelage.
Der Bug der Brigg tauchte in die schäumende See. Dann kam der er wieder hoch, Wasser spülte über das Deck.
Es wurde immer dunkler und die See immer kabbeliger, voller Strudel und scheinbar kreuz und quer laufender Wellen. Lehmann sah zu, dass er unter Deck kam. Sich immer mit einer Hand am Handlauf festhaltend, kletterte er mühsam den Niedergang hinunter und taumelte in seine winzige primitive Kabine, die gerade einmal einer Schlafkoje, einem Spind, einem Waschtisch und einem kleinen Wasserfass Raum bot.
Der Geistliche schälte sich aus seinem nassen Wettermantel, wobei er heftig mit seinem Mageninhalt kämpfte. Er stieg in seine Koje, sicherte sie mit einem Brett, damit er nicht im Liegen von den Schiffsbewegungen herausgeworfen wurde, und betete – auch, um sich von der Übelkeit abzulenken. Offenbar wurde der Sturm schlimmen, denn die „Rote Nelly” tanzte wie ein Korken auf den Wellenbergen. Was eben noch „Wand” war, konnte im nächsten Moment „Boden” spielen. Lehmann wurde in seiner Koje hin- und hergeworfen.

Plötzlich schreckte der Pastor auf. Da war doch jemand in der engen Kabine, obwohl er niemanden durch die Tür hatte kommen sehen! Er richtete sich in seiner Koje auf, wobei er sich den Kopf stieß. Er tastete auf dem kleinen Regal am Kopfende nach Streichhölzern. Es gelang ihm erst bei dritten Versuch, die kleine Laterne, die an einem Decksbalken hing, zu entzünden. Im Lichtschein der taumelnden Laternen sah er eine kleine Gestalt, die auf dem Wasserfass saß. Ein Kind? Nein, ein kleiner, ein sehr kleiner, Mann.
Das Männchen war ungefähr 30 cm groß, hatte struppige, lange feuerrote Haare und einen wuscheligen Bart derselben Farbe. Eine riesige Nase war Blickfang in seinem von tiefen Falten durchzogenen, wettergegerbten braunen Gesicht. Sein gedrungenen Körper steckte in typischer Seemannskleidung – einem großen Wetterhut, eine blauen Jacke, weiten Hosen und klobigen Seestiefeln. In der einen Hand hielt er seine qualmende Pfeife, in der Rechten einen Hammer. Einen Kalfaterhammer, wie ihn Lehmann bei Matrosen gesehen hatte, die Kalfaterten, dass heißt, mit Hanf die Fugen zwischen den hölzernen Planken abdichteten.
„Wer sind Sie?”, fragte Lehmann mit zitternder Stimme.
„Der Klabautermann”, antwortete das Männlein mit hoher Stimme. Eine Stimme, die der Pastor schon einmal gehört hatte – letzte Nacht, in der Kapitänskajüte.
„Ein Poltergeist?” Er dachte bei sich: ,Wäre ich ein abergläubischer Papist, dann würde ich jetzt an eine Exorzismus denken. Aber Gott sei dank bin ich ein aufgeklärter, nüchterner protestantischer Theologe, der ganz genau weiß, dass es keine Gespenster gibt. Keine Kobolde, keine Dämonenn, keine Klabautermänner. Aber was zum Teufel ist das?
„Nö. Wie kommen Sie denn da drauf? Nur weil ich meistens unsichtbar bin und mich durch ein kräftiges Klopfen gegen die Planken bemerkbar mache?” Das Männchen hob seinen Hammer.
„Eine Halluzination, ganz klar”, sprach der Pastor zu sich selbst. „Der ist gar nicht da. Meine Nerven spielen mir einen Streich.”Der Klaubermann kicherte. „Ach, ich muss Ihnen erst einen Streich spielen, damit Sie wirklich glauben, dass es mich gibt?” Er so an seiner Pfeife. „Das ist gar nicht meine Art, wissen Sie. Na, ja, ab und an, da gönne ich mir den einen oder anderen Schabernack mit der Schiffsbesatzung. Aber die Janmaaten, die wissen, wie’s gemeint ist. Sie dagegen …” Der kleine Mann ließ seinen Satz unvollendet und blickte dem Pastor tief in die Augen.
„Um auf Ihre Frage zurückzukommen”, sagte der Klaubermann nach einen Weile. „Ich bin schon so n‘ Art Geist, wenn Sie so wollen. So was wie Hausgeist der ,Roten Nelly`. Mir liegt das Wohl des Schiffes sehr am Herzen und ich schütze es vor den Gefahren der See. So gut ich eben kann.”
„Äh, ja … aber was wollen Sie von mir, Herr Klaubermann?”
„Jo, das ist schon was ganz Besonderes, dass ich mich Ihnen zeige. Die normalen Matrosen bekommen mich gut wie nie zu sehen. Dem guten Kapitän Kruse, dem zeige ich mich ab und an schon mal. Johannes Kruse ist ein würdiger Vertreter seiner Zunft und hält die Gesetze der See ein. Er hört auf mich, wenn ich ihn auf Gefahren für mein Schiff hinweise.”
Der kleine Mann deutete mit dem Stil seiner Pfeife auf Lehmann. Seine schrille Stimme klang auf einmal empört, als er sagte: „Und genau deshalb zeigte ich mich, mein lieber Herr Pastor Alfred Lehmann! Es war dieses Mal nämlich verdammt schwer, den Kapitän davon zu überzeugen, dass er dem Hurrikan am besten in Süden ausweicht. Er zweifelte nämlich daran, ob es einen guten Kapitän der christlichen Seefahrt geziemt, auf einen Schiffsgeist zu hören. Ob es nicht heidnischer Aberglaube sei, mir ein Gläschen Milch, oder besser noch, einen steifen Rum und guten Pfeifentabak zu überlassen? Tja, und wer hat diese gefährlichen Zweifel wohl geweckt, mein lieber Herr Pastor, mhm?”
Dann verschwand er. Buchstäblich, als hätte er sich in Luft aufgelöst.
Lehmann atmete auf und löschte das Licht. Gerade, als er eingeschlafen war, weckte ihn ein lauten Klopfen. Jemand hämmerte gegen den Rahmen seiner Koje.
„Was soll das?”, stöhnte er schlaftrunken.
„Was das soll? Sie zum Nachdenken bringen, mein Lieber!”, ertönte die nun schon vertraute hohe Stimme aus dem Nichts. „Dazu ist nichts besser geeignet, als eine durchwachte Nacht, nicht wahr?”
„In Ordnung, ich erzähle dem Kapitän gleich früh am Morgen, dass der Klabautermann kein unchristlicher Aberglaube ist.”
„Gut!” Das Klopfen hörte auf. „Aber manchen Sie es auch wirklich. Leere Versprechungen kann ich nämlich nicht ausstehen. Ach übrigens – mit meinem Klopfen mache ich die braven Seeleute darauf aufmerksam, wo etwas auf diesem Schiff in Ordnung gebracht werden muss. Wenn es nun ständig aus Ihrer Kabine klopft, dann werden sich so manche Matrosen so ihre Gedanken machen. Als Geistlicher müssten Sie eigentlich das Buch Jona gut kennen!” Das schrille Kichern gellte Alfred Lehmann noch lange in den Ohren.

Am nächsten Morgen wachte er auf, als die Sonne durchs Bullauge in sein Gesicht schien. Der Sturm hatte aufgehört, das Wetter war strahlend schön.
Pastor Lehmann rieb sich den Schlaf aus den Augen. Was für ein Alptraum! Natürlich würde er den Herrn Kapitän nicht damit belästigen.
Dann schnupperte er. Kalter Tabaksrauch. Verdammt, wer hatte in seiner Kabine geraucht? War das etwa …
Es lief ihm eiskalt den Rücken herunter. Er musste unbedingt mit Kapitän Kruse sprechen, noch vor dem Frühstück.

Ende

Worterklärungen:
Vollzeug – alle Segel sind gesetzt.
Seegang – kurz: „See”. Wellenbewegung der Meeresoberfläche. Man unterscheidet Windsee (vom aktuellen Wind erzeugten Seegang) und Dünung („Restwellen” von abgeflautem Wind oder von anderer Stelle hereingetragener Seegang).
Steuermann – Navigator, auf Handelsschiffen Stellvertreter des Kapitäns.
Bootsmann – befehligt die Decksmannschaften bei allen seemannschaftlichen Aufgaben, auf Handelsschiffen „Vorarbeiter” der Matrosen.
Brassen – Taue, dienen dazu, die Rah horizontal um den Mast zu drehen.
Schot – Leine zum Bedienen eines Segels.
Briggsegel – großes Gaffelsegel am achteren (hinteren) Mast einer Brigg.
Gaffelsegel -unsymmetrisch viereckiges Segel, in Richtung der Schiffslängsachse gesetzt (Schratsegel), das zwischen einer Gaffel und dem Baum aufgespannt ist.
Gaffel – eine verschiebbar an einem Mast befestigte, schräg nach oben ragende Spiere (Rundholz).
Baum – horizontale Spiere, untere Begrenzung eines Schratsegels.
Reffen – Segelfläche verkleinern.
Stagsegel – Dreieckige Segel, die an einer vorderen Mastabspannung (Stag) gesetzt werden.
Vorstagsegel – innerstes der vor dem Fockmast (vorderen Mast) gesetzten Stagsegel.
Niedergang – Treppe oder Leiter, die zwei Decks miteinander verbindet.

Gedanken zur Psi-Forschung – oder der Versuch, mit Stäbchen Suppe zu essen, geschrieben von Martin Marheinecke – Teil I

Samstag, 04. Oktober 2014

Die Parapsychologie versteht sich als wissenschaftlicher Forschungszweig zur Untersuchung „paranormaler“ Phänomene wie Telekinese, Telepathie, Präkognition usw. . Die „Wissenschaftlichkeit“ der Parapsychologie wird nicht nur von organisierten „Skeptikern“ wie der GWUP angezweifelt.

Martin Mahner benennt in seinem Artikel „Der Tod der Parapsychologie“ das meiner Ansicht nach zentrale Problem:

Schließlich müsse man feststellen, dass der Gegenstand der Parapsychologie – das ominöse Psi – immer noch rein negativ definiert ist (Alcock 2003). Psi ist immer gerade das, was nicht mit bekannten Mechanismen und Gesetzen erklärt werden kann. Das Fehlen einer positiven Charakterisierung führe aber dazu, dass man schlichtweg nicht sagen könne, ob ein festgestellter Effekt in einem Experiment wirklich auf derselben Ursache beruht wie ein Effekt in einem anderen Experiment.“

Allerdings sind damit die mangels anderen Bezeichnungen „Psi-Phänomene“ benannten Erscheinungen nicht aus der Welt. Oder anders gesagt: jedes Phänomen bzw. jede Klasse von Phänomenen braucht offensichtlich eine eigene Erklärung, die in vielen Fällen einfach „Täuschung“ oder „Selbsttäuschung“ heißen wird. In anderen Fällen sind „natürliche“, aber komplexe, Erklärungen naheliegend: etwa im Falle des Rutengehens.

Beim Rutengehen, Pendeln usw. usw. habe ich oft den Eindruck, dass das größte Hindernis für die Akzeptanz dieser Phänomene die pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuche sind. (Jemand, der einfach Wasser findet, aber nicht genau sagen kann, wieso, wirkt eben für skeptisch gesonnen Menschen überzeugender, als jemand, der lang und breit von öminösen „Erdstrahlen“ erzählt, die so gar nichts mit dem zu tun haben, was ein Physiker unter „Strahlung“ versteht. Vor allem, wenn derjenige nicht einmal Wasser findet.)

Um es noch mal zu sagen: „übernatürlich“ ist ein leeres Wort. Wenn z. B. Telepathie funktioniert, dann ist sie ein natürliches Phänomen, egal, ob wir es zufriedenstellend erklären können oder nicht.

Bei einigen – nur einigen – der unter „Psi“ zusammengefassten Erscheinungen neige ich dazu, der Forderung, die wissenschaftlichen Methoden zu ändern bzw. aufzuweichen oder, wie es Mahner formuliert, sich von der Wissenschaft abzuwenden und zum Okkultismus zurückzukehren, zuzustimmen. Mit der Konsequenz, dass auf dann auf die „harte“ Wissenschaftlichkeit verzichtet werden müsste. Die „Nicht-Alltägliche-Wirklichkeit“ des schamanischen Reisens lässt sich nun einmal nicht vermessen oder fotografieren. Es ist ein, wenn man so will, metaphysisches Erleben. Wie „Inspiration“, „Offenbarung“, „Vision“ ja auch.

Letzten Endes arbeitet die Parapsychologie mit dem kausal-mechanistischen Modell, das sich auf den Gebiet der klassischen Naturwissenschaften glänzend bewährt hat und, mit einigen Einschränkungen, auch in den Sozialwissenschaften anwendbar ist. Wenn es um etwas geht, was ich, wieder in Ermangelung eines besseren Begriffs, mit „Magie“ bezeichne, versagt die Parapsychologie notwendigerweise kläglich – denn der „Magie“ liegt ein Weltbild zugrunde, das sich dem analytische Denken prinzipiell entzieht. (Damit will ich allerdings nicht versuchen, die Existenz „paranormaler“ Phänomene wie Telekinese, Telepathie, Präkognition usw. gegen Widerlegungen zu immunisieren.)

Die Parapsychologie gleicht, auch wenn es nicht um „Magie“ geht, regelmäßig dem Versuch, mit Stäbchen Suppe zu essen.

Es gibt „paranormale“ Phänomene, die, wenn es sie gäbe, mit dem derzeitigen Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht kollidieren. Zu ihnen gehört die Telepathie.

Für andere gilt, dass sie für ihre Existenz bisher unbekannte Naturgesetze voraussetzen würden. Das gilt z. B. für die Präkognitation (die Fähigkeit, künftige Ereignisse vorhersagen zu können).

Ein dritte Kategorie würde, wenn es sie gäbe, sozusagen frontal mit den bekannten Naturgesetzen kollidieren, d. h, unsere Welterkenntnis wäre grundlegend falsch, wenn diese Phänomene real wären.

So einen Frontalzusammenstoß mit den bekannten Naturgesetzen erleiden die kinetischen Psi-Fähigkeiten bzw. die Psychokinese.

Dazu gehören:

  • das „Poltergeist“-Phänomen (Gegenstände werden ungezielt psychokinetisch bewegt),
  • die Telekinese: Gegenstände werden ohne direkte Berührung ertastet und gezielt manipuliert,
  • die psychokinetische Beeinflussung von Molekülen bzw. Atomen im Kristallgitter (Uri Geller behauptet, dass sein „Gabelbiegetrick“ so funktionieren würde),
  • die Pyrokinese – dabei werden die Moleküle psychokinetisch in so starke Schwingungen versetzt, dass das Material sich entzündet – (angebliche Ursache „spontaner Verbrennung“),
  • daneben wird auch die angebliche Beeinflussung des radioaktiven Zerfalls und die von Stromkreisen manchmal als „(Mikro-)Psychokinese“, auch wenn hier Energie und nicht Materie manipuliert werden soll.

Alle kinetischen Psi-Phänomene – einschließlich der rein energetischen – haben ein großes Problem: Wo kommt eigentlich die Energie her?

Tatsächlich wären psychokinetische Phänomene, würde sie so ablaufen, wie sie meistens in der parapsychologischen Literatur geschildert werden, glatte Verstöße gegen den

Energieerhaltungssatz, der übrigens entgegen einem in Esoteriker-Kreisen populären Missverständnis auch für die Quantenmechanik gilt. Die vom Gehirn „abgestrahlte“ Energie reicht jedenfalls nicht aus, auch nicht für die Mikro-Psychokinese: das menschliche Gehirn hat eine Gesamtleistung von 15 bis 20 Watt, die in Form chemischer Energie zugeführt wird, wobei sich die elektrische Gesamtleistung aller Hirnströme höchstens im Milliwattbereich bewegt.

Der gängigste „Rettungsversuche“ sind weitere Annahmen, etwa das Mana-Konzept, die Vorstellung, es gäbe eine universelle „Lebenskraft“ (bekanntestes popkulturelles Beispiel: die „Macht“ im „Star Wars-Universum“). Od, Psi-Energie, Orgon, Qi oder Prana sind verwandte Konzepte. Letzten Endes sind Mana, Od, Qi usw. eher metaphysische als physikalische Konzepte, und der Versuch, Metaphysik in eine wissenschaftliche Theorie einzubinden, führt zu nichts, außer Begriffsverwirrung.

Vom kritisch-rationalistischen Standpunkt aus gesehen kann jedenfalls die „Kraftfeldtheorie“ der Telekinese als widerlegt angesehen werden – es sei denn, es kommen bisher ungeahnte harte Beweise auf den Tisch. Außerdem sind die Indizien dafür, dass es Telekinese überhaupt gibt, ziemlich mager.

Manches, was uns wie „Spuk“ erscheint, ist eher ein sinnvoller Zufall: Ich denke konzentriert an meinen verstorbenen Großvater, und in diesem Moment fällt die alte Kamera vom Regal, die ich von Opa geerbt hatte. In anderen Fällen – auch solchen, die ich am eigenen Leib erfahren habe – liegt die Erklärung „Halluzination“ näher.

Weitaus spekulativer und scheinbar weit weg von der Alltagsrealität und dem „gesunden Menschenverstand“ sind Quanteneffekte. (Die sehr wohl Auswirkungen in der alltägliche Makrowelt haben, ich denke da an technische Anwendungen z. B. an Flash-Speicher.)

Nur im letztere Fall, dem des Quantenphänomens, wären „psychokinetische“ Vorgänge überhaupt materiell-energetisch real denkbar. Allerdings: um eine Gabel zu verbiegen oder einen Ball schweben zu lassen, reichen Quanteneffekte nicht aus.

Da es auch mit dem empirische Nachweis der Psychokinese gelinde gesagt schlecht bestellt ist, ist der Schluss, dass alle auf Psychokinese hindeutenden Beobachtungen und Versuchsergebnisse auf Fehlern, auf Selbsttäuschung oder Betrug beruhen, beinahe zwingend.

Bei anderen „Psi-Phänomenen“ ist die Situation für die Anhänger der Parapsychologie zwar nicht ganz so aussichtslos, aber es zeigt sich an den mageren Ergebnissen, dass sich mit Stäbchen die Suppe bestenfalls tröpfchenweise essen lässt.

Frontschamanismus geschrieben von Richard Chao

Samstag, 10. August 2013

Martialisch, gell? Nun hab ich nur eine geringe, vermutlich testosterongesteuerte, Neigung zu solchen Begriffsmodifikationen. Warum ich sie hier trotzdem verwende liegt an der zunehmenden Weichspülerei im Schamanentum, jedenfalls im deutschsprachigen Raum. Manchmal hab ich so Phasen in denen ich zunehmend Kopfschmerzen bekomme, wenn ich von Schamanen und ihren Engels, Matrix, Mütter Erden, Demut, Chakras, Edelsteinen und so weiter höre.

Copyright Richard Chao

Alles schön und gut mit Matrizen und Engeln und Mutter Erde hab ich auch gern, aber ich frag mich halt, wo liegt da die Praxis, wo finde ich in diesen Arbeitsweisen die Spezialität des Schamanen, wo sind die Geister, wo ist die Ekstase, wo sind die anderen Welten? Vielleicht sollte ich den Blick an der Stelle auf die Szene richten, bzw. die Szenen, denn eine einheitliche gibt es nicht. Was folgt ist wieder mal nur meine persönliche Meinung, wer sich auf den Schlips getreten fühlt, darf mir gerne eine Beschwerde schicken, dann kuscheln wir ´ne Runde und knuddeln mit unseren Krafttieren.

Ein Teil der „Szene“ und zwar in der Regel der vielleicht wirtschaftlich erfolgreichere, den nenne ich mal die Pseudoschamanen und dabei bin ich noch zurückhaltend. Die sind Schamanen, weil sie irgendwie mitbekommen haben, dass der Begriff Zugkraft und irgendwas mit Natürlichkeit oder Natur zu tun hat.
Den Schamanen aus dieser Szene zeichnet aus, dass er für Gewöhnlich eine Trommel hat, die schön bemalt ist. Er benutzt Worte und Pseudosätze wie „Heya Heya“ und natürlich hat er auch Federn (die nicht zwingend Mauserfedern sein müssen). In seiner Praxis benutzt er ein breites Spektrum aus der Wellness-Esoterik, bestenfalls also ein bisschen Handauflegen, sinnbefreites Trommeln (am besten muss es irgendwie „indianisch“ klingen, keine Ahnung was darunter genau zu verstehen ist) und wenn er sich wirklich anstrengt, kann er auch eine „schamanische Reise führen“. Also halt eine sogenannte Phantasiereise, worunter er eben etwas Schamanisches versteht. Oft erzählt er dann auch, dass es eine Reise in die Psyche des Betreffenden ist. Was ja prinzipiell in Ordnung und auch nützlich sein kann, nur ist es eben keine schamanische Reise. Aber egal! Meistens ist dieser Schamane auch gleichzeitig Druide, Familiensteller nach keine Ahnung welchem Konzept und noch so einiges mehr. Was den Schamanen dieser Spezies noch auszeichnet und was ihn zu den folgenden Sorten abgrenzt ist natürlich, dass er eigentlich keinen schamanischen Zugang hat, sondern nur bunt gemischt Attribute und Begriffe verwendet. In der Regel versteht er nicht einmal eines von mehreren schamanischen oder animistischen Weltbildern. Vermutlich hält er das ganze insgeheim auch für Quatsch, aber es ist geschäftsfördernd, von irgendeinem magischen Potential ganz zu schweigen.

Die nächste Art sind dann diejenigen mit Halbwissen

Das muss jetzt nicht zwingend schlecht sein und viele bezeichnen sich ja auch ganz offen nicht als Schamanen sondern als schamanisch praktizierend. Der Begriff Halbwissen bezieht sich darauf, dass grundsätzliche Elemente und Mechanismen verstanden und genutzt werden. Der Praktizierende ist schon schamanisch für sich, und idealerweise auch für andere gereist und hat vielleicht oder idealerweise schon mindestens einen Verbündeten, meistens eben das obligatorische Krafttier. Ob eine schamanische Initiation in dem Sinne vorliegt, dass der/die Betreffende wirklich von Geistern beauftragt, initiiert, „umgebaut“ wurde, ist meistens fragwürdig. Aber zum Glück behauptet das ja auch nicht jeder von sich.
Manchmal gibt es bei dieser Spezies ein durchaus starkes Potential magischer Kraft, das jedoch unausgegoren, meistens aber einfach untrainiert ist. Manchmal gibt es auch Spezialisierungen, d.h. manche Sachen kann der Betreffende erstaunlich effektiv, auch im Vergleich zu Adepten, die tiefer „drin“ stecken und auch berufen sind (aber aus diversen Gründen zu wenig Praxis oder Zugang haben, z.B. aufgrund Faulheit), so etwas nenne ich dann Magie-Dilettanten in dem Sinne, dass eben eine Sache durchaus effektiv bearbeitet/gehandelt werden kann (Z.B. eine Extraktion), dass aber die Erfahrung, Kraft (oder auch die Verbündeten) fehlen um ganzheitlich mit der Arbeit, ihren Folgen und etwaigen Worst-Case-Szenarien umzugehen. Prinzipiell halte ich so etwas für weit gefährlicher als wenn ein Klient an ein Mitglied erstgenannter Spezies gelangt (also jemanden der eigentlich gar nix macht und kann).

Kommen wir zu den eigentlichen Praktizierenden, nennen wir ihn mal, Anleihen bei den Hermetikern und Logenbrüdern machend, Adept. Den Begriff Schamane verwende ich hier absichtlich nicht, weil meiner Ansicht nach Schamane impliziert, dass der Betreffende in und für eine/r mehr oder weniger festen Gemeinschaft arbeitet. Früher war das die Sippe, der Stamm, der Clan. Diese Muster gibt es heute kaum mehr und möglicherweise muss sich da auch erst ein neues Konzept auf tun, was natürlich nicht uninteressant werden kann.

Der Adept hat in der Regel ein solides und in die Tiefe gehendes Verständnis von schamanischen Weltbildern und vor allem auch den Techniken, die er benötigt um in diesen Paradigmen zu arbeiten. Er hat Verbündete, also bitte mindestens das was z.B. bei der Foundation for Shamanic Studies als Krafttier und als Lehrer bezeichnet wird. Keine Verbündeten?
Nee sorry, dann hast du mit dem Kram nix zu tun, was natürlich nicht heißt, dass du kein guter Zauberer oder so etwas wärst. Er ist fähig, mit Trance zu arbeiten, und er ist fähig, Klienten und andere Welten anzureisen. Über diese Fähigkeiten verfügt er also, was ihm aber normalerweise abgeht ist eben obiger „Stamm“. Oft handelt es sich dabei auch – oder gerade deshalb – um ziemliche Egomanen. Unschön könnte man einige (natürlich nicht alle) dieser Gattung als Söldner, Huren oder Mischdienstleister bezeichnen. Ich meine das nicht wertend, je nach Klient gehöre ich auch zu den Huren!


Frontarbeiter

Mangels besseren Begriffes nenne ich die letzte und seltenste Gattung den Frontarbeiter. Den martialischen Begriff Front verwende ich ganz bewusst, denn diese Personen sind mit ihrem Wesen und ihrer Persönlichkeit vielleicht schon nicht mehr „auf dem Zaun“, sondern schon partiell dahinter. Der Frontarbeiter lebt ein schamanisches Weltbild, ohne sich davon beherrschen zu lassen. Er hat Verbündete und arbeitet mit Geistern. Er kämpft mit Geistern, wenn es sein muss und er kann das in der Regel auch sehr gut. Müßig zu erwähnen, dass er dadurch auch recht fähig ist, sich mit anderen Praktizierenden auseinanderzusetzen bzw. mit Effekten, die von diesen ins magische Leben gerufen wurden. Man könnte dies vielleicht als Kampfmagie bezeichnen, aber manche Frontarbeiter verwenden dabei – sinnbildlich – nicht die Waffen der Kampfmagie, sondern arbeiten lieber selbst als in den anderen Welten aktive, lebendige Waffe. Das kann je nach Krafttier und Verbündeten extrem potente Formen annehmen und man hat auch schon von Leuten gehört, in denen dieser Waffeneffekt im Diesseits manifest wird. Der Frontarbeiter ist ein Trancespezialist. Er sollte sich in den anderen Welten hervorragend orientieren können – und zwar auch ohne Hilfe von Verbündeten. Vor allem aber sollte er keine Angst haben, diese Dinge zu tun bzw. fähig sein, diese Angst zu überwinden und der Berufung zu folgen, die ihn initiiert hat.

Rainprayer, Copyright Richard Chao

Natürlich gibt es noch andere Gattungen und Exoten im großen Pool des Schamanismus, z. B. Mischformen wie die Angehörigen anderer, klarer definierter Traditionen, die erfolgreich schamanische Techniken in ihrer Magie und Arbeit verwenden (und im Idealfall darauf verzichten, sich dann Schamane zu nennen *g*).

Nochmal kurz zu den Begriffen, die mir oben Kopfschmerzen bereitet haben. Ich hab nichts gegen Chakren und Edelsteine, aber bitte mach nichts Schamanisches daraus

Du kommst hier ned rein geschrieben von Richard Chao

Samstag, 01. Juni 2013

Schutzkreise sind jedem ein Begriff, der mit Magie und Ritualen zu tun hat

Hoffe ich jedenfalls. Der effektive Nutzen so eines Kreises (oder vielmehr der Sphäre, man sollte ja mindestens dreidimensional denken *g*) ist u.a. der, störende Einflüsse draußen zu halten.

Je nach Tradition oder Ansicht kann man in diesem Konzept auch die Wichtigkeit der Erzeugung eines geschützten, sakralen Raumes meinen, oder aber die eindeutige (und vielleicht „abergläubische“) Abgrenzung gegen unerwünschte Wesenheiten. Das ist sicher auch abhängig davon, welches Magiemodell (Energie-, Geister-, Psychologisches usw.) man benutzt bzw. verinnerlicht hat. Wie auch immer, Schutzkreise sind so üblich und bekannt, dass ich mir hier weitere Bemerkungen spare sondern gleich zu meinem Bericht komme, einem Schutzkreisereignis der seltsamen Art am 30.4.2013, der Walpurgisnacht.

Ritualplatz

Zur Erklärung, wir veranstalteten ein Ritual mit 10+ Leuten im Wald. Das Ritual hatte zwei Hauptelemente, den feierlich-rituellen Teil mit archetypischer Maikönigin und Gehörntem (Strohpuppen) und den schamanischen Teil, Bildung eines Trommelkreises und spontane Schamanisierung der Teilnehmer im Kreis durch meine Wenigkeit. Den Schutzkreis zog ich selbst, unterstützt durch einen durchaus machtvollen und geladenen Stab (der jedoch, fällt mir grade ein, frisch war) mit einem Durchmesser von irgendwas zwischen 10 und 15m. Mittelpunkt des Kreises war als Altar ein moosbewachsener, wunderschöner Baumstumpf, dessen Wurzeln in alle Richtungen streben und der (mangels Platz für ein richtiges Walpurgisfeuer) mit vielen Kerzen und Kraftobjekten geschmückt war. Der rituelle Teil lief mit den üblichen kleinen Fehlern relativ geplant und (im positiven Sinne) unspektakulär ab.


Interessant wurde es dann beim schamanischen Teil


Warnung: Was folgt, stammt natürlich rein aus meiner eigenen, von einem mystifizierten Geistermodell getragenen, Wahrnehmung und natürlich auch modifiziert durch den schamanischen Bewusstseinszustand. Bei dieser Art von schamanischer Arbeit trommeln und rasseln die Teilnehmer im Kreis, während ich bei erkennbarem Bedarf kleinere Extraktionen mache, Kraftgegenstände bespreche und teilweise weitergebe u. ä. .

Das lief sich auch relativ normal an, im inneren Kreis entsteht Kraft und Energie, die sich im Idealfall potenziert und die ich für das Ritual und den Schamanenkram kanalisieren kann. Schon bald bemerkte ich aber auch außerhalb des Kreises interessante Vorkommnisse. Dass sich da je nach Örtlichkeit neugierige Geister sammeln oder sogar „der“ Geist des Ortes manifest auftritt, kennt man, aber das hier hatte eher etwas von einer Stampede, von wilden Geistern die wie gehetzt und wild um den äußeren, den schützenden Kreis, rannten und flogen wie die Wilde Jagd höchstselbst. Da meine Aufmerksamkeit aber auf den schamanischen Kram konzentriert sein sollte, kümmerte ich mich nicht weiter darum. Jedenfalls bis ich bemerkte dass an einer bestimmten Stelle der Schutzkreis wie gestört wirkte; visualisiert wie als würde aus einer soliden Energiekuppel eine milchige halbdurchlässige Membran. Vorsichtshalber verstärkte ich an der Stelle den Kreis durch Kraftdinge und machte dann weiter. Bei einem Blick nach „draußen“ hatte sich der Eindruck von wild herumjagenden Walpurgisgeistern noch verstärkt, es wirkte nun eher, im Vergleich wie ein heulendes, ausgehungertes Wolfsrudel das um ein Feuer hetzt, sich aber nicht hin traut. Bei meiner nächsten Runde wurde ich dann doch stark irritiert. An oben beschriebener Stelle drückte etwas mit großer Kraft an die „Außenwand“ des Kreises und begann die Membran nach innen zu drücken. Das war mir vorher noch nicht passiert und das konnte ich natürlich auch nicht dulden. Also drückte ich die Entität zurück und machte die Lücke noch dichter. Damit wäre es vermutlich auch gegessen gewesen, wäre da nicht Murphys Law. In dem Moment verließ nämlich eine Teilnehmerin (ein Kind) den inneren Kreis und zu allem Übel auch noch den Schutzkreis und begab sich mitten ins Geistergetümmel und brach die Integrität des Kreises.
In meiner subjektiven Wahrnehmung sah das dann in Folge so aus, als würde das Kreisviertel zwischen der Stelle an der sich etwas von außen nach innen schieben wollte und der Stelle an der das Kind den Kreis verließ „nebelig“ und grau und einige meiner Verbündeten (die eher territorialen) griffen sofort ein um dort manifest werdende Kräfte zu binden. Nun ist das Verlassen eines solchen Kreises, vor allem an Tagen wie Walpurgis, ein absolutes No-go, aber es war nun mal passiert und mein Schwerpunkt lag nun darauf, schädliche Einflüsse fernzuhalten oder, derb ausgedrückt, ihnen in den Arsch zu treten. Auf für mich interessante Einzelheiten mag ich jetzt nicht detailliert eingehen, im Nachfeld wurde jedenfalls meine Aufmerksamkeit auf die Gefährlichkeit von symbiotischen Beziehungen gelenkt. Jedenfalls passierte dem Mädchen, das den Kreis verlassen hatte gar nichts, aber die unangenehmen Einflüsse, die man eventuell bei so etwas erwarten würde, trafen die Mutter die daraufhin krank wurde und bei einer anderen Teilnehmerin sprang der negative „Funke“ auf ihre Hündin über, die daraufhin todkrank wurde (im Kontext eines Erklärungsversuches von Verbündeten: durch einen Elfenpfeil den sie für ihre Besitzerin angenommen hatte).

Nach Beendigung des Rituals wurde gerade noch das gemeinsame Mahl eingenommen dann wollten alle möglichst schnell weg, was natürlich auch an den unangenehmen Temperaturen liegen mag.

Wesen, Wächter - Wächterwesen

Theorie und Praxis

Soweit dieser „Frontbericht“ der bestätigen soll, dass kein Schlachtplan den „Feindkontakt“ überlebt, um mal ein bisschen martialisch zu werden ;) . Als kleinen Lerneffekt nehme ich mit dass es dringend nötig ist unbeleckten aber auch erfahreneren Teilnehmern die Funktion und Wichtigkeit eines Kreises und der Verhaltensmaßregeln nahezubringen. Und möglichst die Aufgabe zu delegieren, den Kreis zu überwachen und zu stärken, falls nötig. Erspart mir dann im Idealfall auch die tagelange schamanische Nacharbeit und Nachbehandlung.

Bei allem Negativen konnte ich froh sein, dass es sich nicht zum Worst-Case-Szenario entwickelte, denn die Kräfte und Geister, die da unterwegs waren, waren ungewohnt wild, mutig und aktiv. Ich bringe das mal mit Walpurgis in Verbindung aber auch mit diesem besonderen Platz, der vermutlich für diese Art von Ritual nicht sehr geeignet ist, jedenfalls nicht für alle Leute. Interessant auch der absolut übergriffige und aggressive Versuch des Eindringens in den Kreis. Da wollte wer was von der freiwerdenden Energie abhaben und ließ sich auch durch Schutzeinrichtungen nicht sofort abbringen. Interessant war auch bei der Nacharbeit die mangelnde Kooperations- und Verhandlungsbereitschaft der dortigen Ortsgeister.

Nicht der Rede wert war mein Kater am nächsten Tag, weil ich bei Ritualen am nächsten Tag meistens einen Mordskater habe. Eigentlich sollte dieser Artikel auch das Thema Ritualkater haben, aber so ist eben ein kleiner Frontbericht draus geworden …