Mit ‘Germanen’ getaggte Artikel

„Irminsul“ auf den Externsteinen – kein harmloser Streich! geschrieben von MartinM

Samstag, 07. Januar 2017

Am Neujahrstag 2017 thronte eine Holzsäule, die offenkundig eine Nachbildung der Irminsul sein sollte, auf dem höchsten Felsen der Externsteine. Die Feuerwehr Horn-Bad Meinberg baute sie am Sonntagabend mit großem Aufwand wieder ab. Die Denkmalstiftung des Landesverbandes Lippe hat Anzeige erstattet.

Unbekannte installieren in Silvesternacht „Irminsul“-Symbol auf den Externsteinen

Staatsschutz ermittelt wegen „Irminsul“-Symbol auf den Externsteinen

Eine Überreaktion auf einen gelungenen Streich? Keineswegs!
Es ist auch kein Anlass zur klammheimlichen Freude.

Die Säule, die die unbekannten Täter auf Fels II der Externsteine installierten, war wahrscheinlich nicht zufällig in den „Reichsfarben“ schwarz, weiß und rot bemalt. Wenn der Landesverband Lippe einen „eindeutig rechtsradikalen Hintergrund“ sieht, dann dürfte er recht haben. Die Irminsul in der dargestellten Form ist in der Tat ein charakteristisches Symbol völkischer Heiden und ein beliebtes „legales Ersatzsymbol“ für Nazis. Sie war zudem ein Emblem der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ der SS.
Frederic Clasmeier von der „Mobilen Beratung gegen Rechts“ kamen nicht von ungefähr unsere „besonderen Freunde“, die „Nazitrus“ der ultra-rassistischen und antisemitischen „Artgemeinschaft – germanistische Glaubensgemeinschaft“, in den Sinn, deren Symbol die Irminsul in der von den „Scherzbolden“ verwendeten Form ist.
(Dass die „Irminsul“ auch von nicht-rechten Heiden und unter Esoterikern verwendet wird, dürfte der Unkenntnis oder bewusster Ignoranz „schulwissenschaftlichen Wissens“ geschuldet sein – mehr dazu weiter unten.)

Selbst wenn es keinen „rechten Hintergrund“ geben sollte, ist der „Streich“ als Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz strafrechtlich relevant. Und, wenn man an die erheblichen Kosten des aufwendigen Feuerwehreinsatzes denkt, ein teurer „Streich“. (Hoffentlich für die Täter!)

Für demokratisch gesonnenen Heiden – und auch für „harmlose Esoteriker“ – ist der „Streich“ ein echtes Ärgernis.
Der Landesverband Lippe zeigt schon seit Jahren eine klare Haltung den Misssbrauch der Externsteine für rechte, reaktionäre Positionen, und zwar erfreulicherweise über eindeutig erkennbare Nazi-Ideologie hinaus. Zum anderen wendet er sich auch gegen wissenschaftlich nicht belegbare Deutungen der Externsteine, etwa als heidnische bzw. germanische Kultstätte. Und genau hier droht unter Umständen Ärger: Jene, die schon seit eh und je fordern, heidnische Kulthandlungen und Sonnenwendfeiern an den „Steinen“ müssten endlich verboten werden, dürften mit dieser strunzdämlichen Aktion Auftrieb erhalten.

Die Irminsul

Einigermaßen sicher ist nur bekannt, dass die Irminsul ein Stammesheiligtum der Sachsen war. Unbekannt ist, ob es nur diese eine Säule gab oder doch mehrere „Irminsulen“.

Die in den fränkischen Reichsanalen als „Ermensul“ bezeichnete Säule wurde auf Veranlassung Karls „des Großen“ 772 zerstört.
Es gibt nur wage Hinweise darauf, wo diese Säule stand. Nach den „Reichsannalen“ stand sie in einiger Entfernung von der Eresburg beim heutigen Obermarsberg. Das liegt bekanntlich im Hochsauerland, und damit wäre es ausgeschlossen, dass die von den Soldaten Karls zerstörte Säule auf den Externsteinen stand.
Die Befürworter der „Externsteinhypothese“ berufen sich deshalb auf (unsichere) Überlieferungen, nach denen das Heer Karls am Bullerborn, einer intermittierenden Quelle bei Altenbeken, lagerte, bevor es an den darauffolgenden Tagen das Irminsul-Heiligtum eroberte und zerstörte. Das wäre immerhin von der Marschleistung her möglich gewesen, ist aber mit den als einigermaßen zuverlässige Quelle bekannten Reichsannalen nur dann vereinbar, wenn es, entgegen dem Wortlaut der Annalen, mehrere Irminsul-Heiligtümer gegeben hätte.

Über die kultische Funktion und das Aussehen der Irminsul ist sehr wenig bekannt. Die „ausführlichsten“ Angaben hierzu finden sich in Rudolf von Fuldas „De miraculis sancti Alexandri“ aus dem Jahre 863, also einer nicht mehr zeitgenössen Quelle. Demnach war sie ein unter freiem Himmel senkrecht aufgerichteter großer Baumstamm. „Irminsul“ bedeutet nach Rudolf columna universalis, also „Säule des Universums“ und trägt gewissermaßen das All. „All-Säule“ ist daher eine mögliche Deutung von „Irminsul“; von der Entymologie wahrscheinlicher ist „Große Säule“. Ein Bezug zum aus der altnordischen Mythologie bekannten „Weltenbaum“ Yggdrasil liegt nahe, ist aber mangels weiterer Quellen nicht beweisbar.

Alles, was über diese mageren Fakten wesendlich hinaus geht, ist pure Spekulation!
Und damit sind wir bei den „völkischen Esoterikern“ des 19. und 20. Jahrhunderts. Das u. A. bei der neonazistische „Artgemeinschaft“ und dem ariosophischen „Armanenorden“ verwendete „Design“ der am Neujahrstag auf den Externsteinen“ aufgestellten Säule geht auf den völkischer Laienforscher Wilhelm Teudt zurück. In seinem 1929 erschienenen Buch „Germanische Heiligtümer“ behauptete er, das Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen zeige mit dem gebogenen Gegenstand am Fuß des Kreuzes die Kultsäule der Sachsen. Als Symbol für den Sieg des Christentums über das Heidentum sei sie dort allerdings gebeugt dargestellt worden. Einen Beleg für diese kühne Vermutung hatte Teudt nicht, trotzdem wurde die „wiederaufgerichtete Irminsul“ schnell populär, vielleicht auch wegen ihrer „gefälligen“ Formgebung.
Die Form dieser vermeindlichen „Irminsul“ findet sich auch bei Säulenkapitellen in einigen romanischen Kirchen, ist also keineswegs einmalig. Diese Kapitellform geht wahrscheinlich auf silisierte Dattelpalmen zurück, die die Kunsthandwerker der deutschen Romanik wohl nur von vereinfachten Abbildungen her gekannt haben dürften. Wieso es eine geknickte Dattelpalme als Leiterersatz in ein Kreuzabnahmerelief schaffte, ist mangels weiterer Indizien das Geheimnis des unbekannten mittelalterlichen Bildhauers.

Wenn man so will, haben die mutmaßlich völkischen und sicherlich germanentümelnden „Scherzbolde“ am Neujahrsmorgen eine Dattelpalme auf den Felsen II der Externsteine gepflanzt!

Ja, und noch etwas: Dafür, dass die Externsteine in „germanischer Zeit“ *), also zwischen dem Beginn der Eisenzeit und den „Sachsenkriegen“ als Kultstätte genutzt wurden, gibt es in der Tat keine tragfähigen Hinweise.
Wenn man bedenkt, wie umfangreich die Fundlage bei den bekannten eisenzeitlichen Kultstätten ist, und dass das „Ahnenerbe“ trotz gezielter Suche keine germanischen Artefakte fand, dürfte das mit aller gebotener Vorsicht bedeuten, dass die „Steine“ keine bedeutende Kultstätte der alten Sachsen gewesen sein können.

Und ohne viel benutzten Kultplatz würde eine Irminsul auf den Externsteinen irgendwie keinen Sinn ergeben.

*) Ergänzung: „Germanische Zeit“ in „völkischer“ Lesart. Tatächlich gab es im „Teuteburger Wald“ Höhenfestungen, die der Latènekultur zugeordnet werden können, mithin also „keltisch“ waren.

Mistel – Schmarotzer, die zum Küssen verführen

Samstag, 26. Dezember 2015

In der laubfreien Zeit sind sie wieder besonders gut zu erspähen – die Mistel, oder auch Viscum album (Weißbeerige Mistel). Meist in den oberen Regionen der Baumkronen angesiedelt ziert das parasitäre Sandelholzgewächs sowohl Laub- als auch Nadelbäume. Um die Mistel ranken sich verschiedene Mythen, sie fand und findet Verwendung als Heilmittel, aus Amerika kommt der Weihnachtsbrauch sich unter dem Mistelzweig zu küssen und besonders in den Rauhnächten wird sie zum Räuchern verwendet.

Vögel gehen ihr auf dem Leim

Im Volksmund ist sie unter anderem unter den Namen Hexenbesen, Hexen- oder Trudennest beziehungsweise Vogelleimholz bekannt. Der letzte Namen bezieht sich auf die Verwendung vorwiegend der Eichenmistel bei der Vogeljagd. Ein Teil der Früchte wurde und wird zur Herstellung von Vogelleim verwendet, der in einigen europäischen Ländern noch immer beim Vogelfang eingesetzt wird. Der klebrige Schleim der Mistelbeeren wird dabei auf Ästen angebracht und wenn sich die Vögel darauf niederlassen bleiben sie kleben und können eingefangen werden. Vielleicht kommt daher auch der Ausspruch „Jemanden auf den Leim gehen“ – wer weiß.

Früchte der Weißbeerigen Mistel (Botanischer Garten, Karlsruhe)

Früchte der Weißbeerigen Mistel (Botanischer Garten, Karlsruhe)

Dieser klebrige Schleim kommt daher, dass die Mistelfrüchte keine Samenschalen bilden, sondern die Samen von einer klebrigen Schicht, die unter anderem aus Cellulose und Pektinen besteht, umschlossen werden. Dieser Schleim hilft der Mistel auch bei der Verbreitung, die vorwiegend durch Vögel passiert. Die klebrigen Samen bleiben an den Schnäbeln haften und werden später an anderen Zweigen abgestreift. Werden die Samen von den Vögeln gefressen, dann wird die klebrige Schicht nicht vollständig verdaut und beim Ausscheiden bleibt der Samen dadurch trotzdem gut an Ästen kleben.

Familienzugehörigkeit

Im Unterschied zur Weißbeerigen Mistel hat die Eichenmistel gelbe Beeren und gilt als eigene Gattung. Das Verbreitungsgebiet der Viscum album sind hauptsächlich Mittel- und Südeuropa, sowie Südskandinavien. Wohingegen die Eichenmistel vermehrt in Südosteuropa, Mittel- und Osteuropa und Kleinasien verbreitet ist. In Österreich beschränkt sich ihr Vorkommen hauptsächlich auf Ober- und Niederösterreich, Wien, Steiermark und das Burgenland. In den Voralpengebieten gilt sie als gefährdet. Im Unterschied zur Eichenmistel findet man die Weißbeerige Mistel auf unterschiedlichen Laubbäumen, zu denen unter anderem Apfelbäume, Linde, Birken, Weiden und Pappeln zählen. Aber auch auf Bäumen wie den Weißdorn, der Robinie und der Hainbuche findet man sie recht häufig. Die Eichenmistel ist nicht nur an den gelben Beeren von der Weißbeerigen Mistel zu unterscheiden. Sie ist auch sommergrün und ihre Äste sind ab dem zweiten Jahr braun bis schwarzgrau – im Gegensatz dazu bleiben die der Weißbeerigen Mistel grün.

Die Viscum Album kann man nach der unterschiedlichen Wirtsbaumart in verschiedene Unterarten einteilen – die Laubholz-Mistel, die Tannen-Mistel (hauptsächlich auf Weißtannen), die Kiefern- beziehungsweise Föhren-Mistel (häufiger auf Kiefern und seltener auf Fichten oder Lärchen) und die Kretische-Mistel (kommt nur auf Kreta und hier auf der Kalabrischen Kiefer vor). Als eigene Arten (neben der Eichenmistel) gelten heute auch noch die Koreanische oder die Japanische Mistel.

Weißbeerige Mistel

Weißbeerige Mistel

Schnorrer auf dem Dach

Wie kommt jetzt die Mistel zu ihren Wirtsbäumen? Sie zählt zu den Halbschmarotzern – das bedeutet, dass sie eigentlich nur auf das Wasser und darin enthaltene Nährstoffe des Wirtes angewiesen ist. Der Keimling setzt direkt an der Sprossachse des Wirtsbaumes an und bildet einen Saugfortsatz aus, der durch die Rinde wächst und hier zwischen Holz und Rinde Stränge ausbreitet. Der Hauptsaugfortsatz entwickelt sich mit der Zeit zur Primärwurzel und daraus entwickeln sich wieder die sogenannten Senkerwurzeln, die das Versorgungsleitungsgewebe der Wirtspflanze anzapfen. Erst wenn dieses Ziel erreicht ist entwickelt sich die Mistel weiter. Sie bildet dann kugelige Buschen von einem Durchmesser bis zu einem Meter aus und kann bis zu 70 Jahre alt werden. Das Wachstum der Viscum album ist sehr langsam – bei einer Astlänge von ca. 50 Zentimeter ist die Pflanze schon cirka 30 Jahre alt. Eine Besonderheit ist auch, dass die Mistel ab der Keimung voll photosynthetisch aktiv ist und daher in diesem Entwicklungsstadium einige Jahre überdauern kann – zum Beispiel wenn die Saugwurzeln die Leitungsbahnen der Wirtspflanzen nicht erreichen können. Wie einleitend erwähnt ist die Weißbeerige Mistel ein Halbschmarotzer und sie müsste daher dem Wirtsbaum nur Wasser und Mineralsalze entziehen. Warum sie dennoch die Leitungsbahnen für die organischen Substanzen des Baumes anzapft und ob sie ihm dabei auch andere Nährstoffe entzieht ist noch immer Gegenstand kritischer Diskussionen unter den Biologen.

Keimlinge einer Mistel

Keimlinge einer Mistel

Giftig und heilsam zugleich?

Die Mistel gilt als giftig, wobei einige Arten beziehungsweise Bestandteile giftiger sind als andere. Viscum Album von Pappel, Robinie, Linde, Walnuss und Ahorn sind am Giftigsten und die vom Apfelbaum als am wenigsten giftig. Die Blütenknospen und Früchte haben ihren höchsten Giftgehalt im Winter und die Blätter erhöhen ihre Dosis bereits im Herbst. Dieser Giftgehalt muss man bei der Verwendung der Mistel zu Heilzwecken besonders beachten.

Die jungen Zweige mit Blättern, Blüten und Früchten dienten und dienen als Heildroge und werden traditionell als Misteltee oder als Fertigpräparat mit Mistelextrakten zur Unterstützung des Kreislaufes und als Vorbeugung der Ateriosklerose eingenommen, wobei diese Anwendungen in der Wissenschaft auf Skepsis stößt.

Was allerdings auch in der westlichen Medizin gut aufgenommen wird, sind die Präparate aus frischem Mistelkraut, die zum Beispiel bei entzündlich-degenerativen Gelenkserkrankungen, Bandscheibenerkrankungen oder Arthrosen herangezogen werden. Und dann gibt es noch die sogenannte Misteltherapie die hauptsächlich in Österreich, Deutschland und der Schweiz verbreitet und in der alternativ- und komplementärmedizinischen Krebsbehandlung zum Einsatz kommt. Dazu werden Extrakte der Weißbeerigen Mistel nach der antiken Signaturlehre herangezogen. Da auch Krebs als „Parasit“ im menschlichen Körper empfunden wird und die Mistel in ihrer „Lebensart“ diesem entspricht wird sie zur Heilung desselben verwendet. Trotz langjähriger Forschung und Anwendung der Mistelpräparate konnte keine Heilung von Krebs oder eine Hemmung des Tumorwachstums nachgewiesen werden. Was allerdings schon nachweisbar ist, ist die Verbesserung der Lebensqualität bei paralleler Anwendung von Chemotherapie und Mistelpräparate zum Beispiel bei Brustkrebspatientinnen.

Querschnitt Mistelzweig mit Wurzeln in einem Wirtsbaum

Querschnitt Mistelzweig mit Wurzeln in einem Wirtsbaum

Mythologisches Heilmittel, Fruchtbarkeitssymbol, Schutz und ewige Liebe

Im Altertum wurde die Mistel als Heilmittel und für kultische Handlungen von den Druiden benutzt. Laut Plinius war den keltischen Priestern besonders die selten vorkommende Eichenmistel heilig. Aufgrund ihrer immergrünen Erscheinungsart wurde sie bei den Kelten und Germanen auch als Fruchtbarkeitssymbol verehrt. Dies wird ihr angeblich auch heute noch in der Schweiz nachgesagt.

Abseits der Medizin wird der Mistel eine schützende Wirkung nachgesagt, was dazu führt, dass sie in manchen Gegenden besonders zur Zeit der Wintersonnenwende (oder als Weihnachtsschmuck) an Türen und Dächern angebracht wird. Ein weiterer Brauch aus dieser Jahreszeit ist das Küssen unter dem Mistelzweig – wen zwei dies tun dann soll aus ihnen ein besonders glückliches Liebespaar werden.

Weiters soll die Mistel hauptsächlich auf Bäumen wachsen die an „schwierigen“ Standorten (vermehrte Erdstrahlung, Wasseraderkreuzungen, etc.) stehen. Dies soll bewirken, dass sie beim Verräuchern „negative“ Schwingungen in positive umwandelt.

Wie ihr seht, ist die Mistel also ein sehr vielfältig einsetzende Gewächs deren Geheimnisse noch immer nicht alle entdeckt sind. Daher finde ich sie als sehr passende Pflanze für die Zeit der Wintersonnenwende und der Rauhnächte – mögen auch wir unsere vielfältigen Talente und Gaben entdecken und einsetzen. In diesem Sinne wünsche ich euch entspannte Feiertage und einen guten Start ins neue Kalenderjahr!

Quelle:
Unterlagen Ausbildung zum Natur- und Landschaftsführer – LFI St. Pölten
www.wikipedia.at

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen – Teil XXVIII, geschrieben von Mc Claudia

Samstag, 27. Dezember 2014

Walpurgisnacht, Maifest und Beltaine:

Für den inselkeltischen und britischen Raum kann man sicher annehmen, dass das heidnische Beltaine-Fest heutige Maifeste beeinflusst hat. Aber auch germanische (angelsächsische, wikingische, normannische) und spätere christliche oder auch säkulare (Tag der Arbeit) Einflüsse sind anzunehmen. Beltaine hatte für den Rest Europas keine Bedeutung.

Dass wir am 1. Mai überhaupt einen Feiertag haben, verdanken wir erst einmal der US-Arbeiterbewegung aus dem Jahre 1886. Am 1. Mai dieses Jahres streikten nämlich die Arbeiter/innen in Chicago für gerechtere Arbeitszeiten (Haymarket Riot). Der 1. Mai wurde auf diese Weise zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse und im Laufe der Zeit in den verschiedensten Staaten der Welt zu einem gesetzlichen Feiertag – auch in Österreich und Deutschland (im Jahre 1919).

Aber es gab auch schon vor dem „Tag der Arbeit“ (der Tag davor ist seit Kurzem zum „Tag der Arbeitslosen“ avanciert) zahlreiche Feierlichkeiten und Bräuche zum 1. Mai. Liebe, Frühlingsgefühle und die Fruchtbarkeit der Natur werden mit allerlei „heidnischen“ Bräuchen gefeiert. Dazu gehört das Aufstellen des Maibaums, der Bändertanz darum, das Erklettern desselben, das Stehlen (und Verhindern von Diebstahl) des Baums, die Wahl einer Maikönigin oder eines Maikönigspaares, diverse Liebes- und Anbandelbräuche, spezielle Getränke (Maibowle, Maibock), Schützenumzüge, Wallfahrten, Fahrzeugsegnungen etc. Kirchlich gesehen ist der Mai der Maria gewidmet und traditionell gibt es in diesem Monat viele Marienandachten.

Die erste Erwähnung eines Maibaums gibt es aus dem Jahre 1225 aus Aachen, wo die Bürger/innen einen Maibaum aufstellten und darum tanzten. Der Pfarrer sei darüber aber nicht erfreut gewesen und hätte den Maibaum mit einer Axt gefällt (und sich dabei sogar verletzt). Der Vogt aber hielt nichts von der Prüderie des Pfarrers und ließ einen noch größeren Maibaum aufstellen. Diese Erwähnung soll vom Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach stammen, der auch auf vorchristliche germanische Bräuche des Tanzes um ein Götzenbild, einen Hammel und einen Maibaum hinweist. Wenn der Mönch Recht hat, so haben wir hier einen Hinweis darauf, dass der Maibaum eine germanische Erfindung ist. (Allerdings bleibt offen, an welchem Datum genau die vorchristlichen Germanen im deutschen Gebiet den Maibaum aufstellten, da man ja auch hier von einem nicht-julianischen Kalender ausgehen muss.) So abwegig scheint es jedenfalls nicht, denn viele germanisch besiedelten Gebiete kennen diesen Brauch. Sogar in Irland, wo in vor-wikingischer Zeit keine Rede von Maibäumen ist, gibt es diesen Brauch in der heutigen Zeit. Das einzige germanische Maifest, das ich ausmachen konnte, ist das Sigrblot in Skandinavien. Aber auf dieses wird nicht näher eingegangen. Ob also das norwegische Sigrblot mit einem Maibaum gefeiert wurde, bleibt Spekulation. Noch komplizierter wird die Sache, wenn man bedenkt, dass der „Maibaum“ in Schweden ein Sonnwendbaum ist und Majstången (das „Maj“ heißt hier „Blumenschmuck“) heißt. Einen Maibaum am 1. Mai gibt es in Schweden meines Wissens aber nicht.

Einen weiteren wichtigen Einfluss auf das Maifest hat die katholische Heilige Walpurgis oder Walburga aus dem 8. Jhdt., deren heiliger Tag der 1. Mai ist. In der Walpurgisnacht, also in der Nacht von 30. April auf den 1. Mai, sollen laut Volksglauben die Hexen umgehen, auf den Brocken im Harzgebirge (und auf andere Berge) fliegen und dort ihren Hexensabbat feiern. Dieser Glaube dürfte seinen Ursprung im 15./16. Jhdt. haben, also mit Beginn der europäischen Hexenverfolgungen. Diese könnten auch für den Brauch verantwortlich sein, in der Walpurgisnacht symbolische Hexenverbrennungen durchzuführen, wobei eine Puppe verbrannt wird. Es kann sich aber auch um das symbolische Austreiben böser Geister handeln, um so Platz für den Wonnemonat Mai zu machen. Ob das römische Floralia-Fest ebenfalls Einfluss auf unser heutiges Maifest hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Johannistag und Litha:

Die Sonnwendfeuer und -feiern heutzutage finden für gewöhnlich nicht am 21. Juni statt sondern drei Tage später, am 24. Juni. Dies ist der Tag, der Johannes dem Täufer geweiht ist. Der Grund hierfür liegt im Evangelium. In Lukas 1,26 wird berichtet, dass Johannes sechs Monate vor Jesus geboren wurde. Nachdem man also Christi Geburt auf den 25. Dezember festgelegt hatte, rechnete man ein halbes Jahr nach vorn und hatte den Geburtstag von Johannes. Die Feststellung im Johannesevangelium (3,30), dass Johannes der Täufer abnehmen müsse, Jesus aber wachsen, wird mit Weihnachten und dem Johannestag an den Sonnenwenden wunderbar im Kirchenjahr symbolisiert. Laut Wikipedia ist das erste Johannisfeuer im 12. Jhdt. belegt.

Soviel zum christlichen Ursprung. Einen Hinweis auf christliche Festübernahme einer Sonnwendfeier fand ich beim hl. Eligius aus dem 7. Jhdt. Während seiner Missionsarbeit im germanisch besiedelten Flandern soll er laut einer Vita gegen die dortigen heidnischen Bräuche gewettert haben: „Kein Christ feiert die Sonnenwende mit Tänzen oder Sprüngen oder teuflischen Gesängen am Fest des hl. Johannes oder am Festtag eines anderen Heiligen.“ Dieser Hinweis, die heutige Beliebtheit von Sonnwendbräuchen in ehemals germanisch besiedelten Gebieten, vielleicht das schwedische Midsommar sowie das Althing in Island machen es wahrscheinlich, dass die Sommersonnenwende von vorchristlichen Germanen gefeiert wurde. Der neuheidnische Begriff Litha ist allerdings kein Hinweis auf Sonnwendfeiern, da er nur die angelsächsischen Sommermonate bezeichnete aber keine Feier dazu angegeben ist.

Auch die Feiern der Sommersonnenwende bei Slawen und Balten, die dort eine große Wichtigkeit haben, können heutiges Brauchtum beeinflusst haben. Vor allem für Österreich ist fraglich, welcher heidnische Einfluss für die Johannisfeiern in Frage kommt: Möglich wären sowohl germanische als auch slawische Einflüsse.

Petri Kettenfeier, Mariae Himmelfahrt und Lugnasad:

Das altirische Lugnasad-Fest hat im heutigen Festkalender der britischen Inseln seine Spuren hinterlassen. Im keltischen Gürtel gibt es Ende Juli/Anfang August zahlreiche Feste und Bräuche, die Rückschlüsse auf das heidnische Lugnasadfest zulassen (Puck Fair, Garland Sunday, Pardon of Ste Anne, St. Margaret’s Fair, Morvah Feast, …), und in Großbritannien ist an diesem Datum das Lammas-Fest (Brotlaibmesse) angesiedelt. (Siehe auch das Kapitel über die Kelten.)

Das christliche Fest, das auf den 1. August fällt, nennt sich Petri Kettenfeier (auch St. Peter in Ketten oder St. Peter ad Vincula). Es geht darum, dass der hl. Petrus durch Herodes Agrippa I. in Jerusalem festgenommen und in Ketten gelegt wurde. (Laut Mythos wurde er aber von einem Engel befreit.) Diese Ketten wurden auf wundersame Weise gefunden und kann man heute in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom besichtigen. Diese Kirche wurde am 1. August im 5. Jhdt. geweiht, daher auch das Festdatum. (Ob man dabei Anleihen beim heidnisch-römischen Fest der Spes (Hoffnung) und Victoria (Sieg) genommen hat, das am 1. August gefeiert wurde, ist bedenkenswert.) In Österreich hat dieses Fest keine Bedeutung, und 1960 wurde es (aus welchen Gründen immer) aus dem katholischen Kalender gestrichen.

Im August selbst gibt es außerdem zahlreiche Marienfeiertage, wobei der bekannteste Mariae Himmelfahrt am 15. August ist. Vom 15. August bis 12. September (Mariae Namen) wird auch manchmal der „Frauendreißiger“ begangen, eine Zeit des Kräutersammelns und der beginnenden Erntedankfeste. Laut Mythos ist Maria am 15. August in den Himmel aufgefahren und zur Himmelskönigin gekrönt worden. Das Fest am 15. August ist ca. ab dem 6. Jhdt. (auch für Gallien (Frankreich)) erwiesen, wobei die östlichen Kirchen am selben Datum feierten wie die katholische Kirche. Festgeschrieben hat dieses Fest Bischof Kyrill von Alexandria im 5. Jhdt. auf Basis verschiedener Hinweise in der Apokalypse und auch in apokryphen Schriften. In Wikipedia fand ich den Hinweis, dass der 15. August ein heidnisches Fest zu Ehren der Astraea (Sternengöttin) gewesen sein soll, die an diesem Datum in den Himmel (im Sternbild Jungfrau) versetzt worden sein soll. Ich habe dazu aber keine anderen Quellen gefunden.

Die frühe Etablierung der christlichen Feste Petri Kettenfeier und Mariae Himmelfahrt macht einen Zusammenhang mit dem Lugnasad-Fest unwahrscheinlich. Es handelt sich hier eher um zwei verschiedene Festtraditionen, wobei die christlichen Versionen des Lugnasad/Lammas-Festes auf die britischen Inseln beschränkt blieben. Konkrete heidnische Vorgänger für Petri Kettenfeier und Mariae Himmelfahrt konnte ich nicht ausmachen. (Das litauische Žolines-Fest am 15. August scheint mir eher eine neuheidnische Adaption des christlichen Festes zu sein.)

Mauritius, Erntedank und Mabon:

Mabon ist als Fest ja eine neuheidnische Erfindung, wie wir im Kapitel über die Festtagsnamen des achtfachen Jahres gesehen haben. Bei den Germanen ist genau an diesem Datum kein Fest überliefert, bei den Römern gibt es nur ein unbedeutendes Fest zu Ehren verschiedener Gottheiten, und das litauische Dagotuvés-Fest, das mit 21. September wiedergegeben wird, ist datumsmäßig auch nicht so gesichert (da es ja auch ein Monddatum sein könnte). Auch im katholischen Jahreskreis hat der Herbstbeginn keine besondere Bedeutung. (Natürlich gibt es auch am 22. und 23. September eine Menge Namenstage, aber keiner davon hat jetzt herausragende, pankatholische Bedeutung.) Von allen vier Sonnendaten ist also der Herbstbeginn das unwichtigste Datum.

Der bedeutendste Heilige, der am 22. September seinen Festtag hat (an dem er laut Legende starb), ist der heilige Mauritius aus Ägypten. Er war im Jahre 290 n. Chr. Anführer der thebäischen Legion unter der Herrschaft von Kaiser Maximian. Seine Legion erhielt den Befehl, über die Alpen zu ziehen und Christen zu verfolgen. Bei Agaunum (heute St. Maurice in Wallis/Schweiz) meuterten Mauritius und die christlichen Soldaten, da sie sich weigerten, den Befehl auszuführen. Daraufhin ließ Maximian mehrmals die Legion dezimieren und die Flüchtenden ebenfalls hinrichten. Mauritius und andere christliche Legionäre fielen der Dezimierung zum Opfer und wurden so zu Märtyrern. Ein Hinweis, dass der hl. Mauritius etwas mit dem Herbst und der Ernte zu tun haben könnte, liegt vielleicht in seiner Darstellung als dunkelhäutiger Afrikaner (analog zum Beginn der dunklen Jahreszeit – das bitte nicht rassistisch zu verstehen!) und darin, dass er unter anderem Schutzpatron des Weinbaus ist. Für Österreich hat die Verehrung des Mauritius keine Bedeutung.

Wenn man das Datum des Herbstäquinoktiums weitgehend außer Acht lässt, eröffnen sich natürlich eine Fülle von Erntedankfesten, die je nach Art des Ernteguts und der Örtlichkeit von August bis in den Oktober angesetzt sind. Auch in Österreich gibt es verschiedene Daten für das Erntedankfest, oft begleitet von Kirtagen und Jahrmärkten (siehe Anhang). Erntedankfeste aller Art finden wir natürlich auch bei den heidnischen Vorfahr/innen: Bei den Germanen das Fest der Tamfana und der angelsächsische Halig-Monath, bei den Slawen das Erntefest zu Ehren des Svantevit und in Litauen das Dagotuvés-Fest. Auch die großen Eleusinischen Mysterien aus Griechenland gehören dazu. Die Erntefeste der Römer sind im August angesiedelt, im alten Irland feierte man die Ernte zu Lugnasad und Erntedank zu Samain. Auch die nordischen Germanen dürften ihr Erntedankfest mit dem Winterbeginn (Ende Oktober) angesetzt haben.

Welches heidnische Erntedankfest für das heutige, christliche Erntedankfest Pate gestanden ist, und ob es überhaupt ein bestimmtes Fest war, konnte ich nicht herausfinden. Laut Kath.net und Wikipedia sind christliche Erntedankfeste seit dem 3. Jhdt. n. Chr. erwiesen. Natürlich kann auch das jüdische Erntedankfest Sukkot („Laubhüttenfest“ im Sept./Okt.) als Inspiration für die christlichen Erntedankfeiern gedient haben.

Allerheiligen, Allerseelen und Samain:

Die Wichtigkeit des Samain-Festes im alten Irland und das daraus entstandene Halloween-Fest wurden bereits im Kapitel über die Kelten behandelt. Das heutige Halloween und das heutige inselkeltische Samhain haben eindeutige Wurzeln im altirischen Neujahrsfest Samain. Wenn man aber von der weltweiten Halloween-Verbreitung in den letzten 15 Jahren absieht, ist dieses Fest nur für den inselkeltisch beeinflussten Raum, also die britischen Inseln (und später die USA) belegt.

Woher kommen aber die wichtigen katholischen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen? Fakt ist, dass die Totensymbolik von Allerseelen in das heutige Halloween-Fest Einzug gehalten hat. (Das altirische Samain-Fest war in erster Linie eine große Volksversammlung mit Erntedankcharakter und von politischer Wichtigkeit. Von bösen Geistern und Totengedenken ist da kaum die Rede.)

Das Allerheiligenfest nimmt seinen Beginn in einem Problem, das für gewöhnlich nur wir Polytheist/innen haben: Bei einer Unzahl von Gottheiten (bzw. Heiligen) wird es irgendwann einmal unmöglich, allen gleichermaßen gebührend Respekt zu erweisen. In Rom hat man deswegen in heidnischer Zeit den noch heute erhaltenen Tempel für alle Gottheiten errichtet – das berühmte Pantheon (mit der weltweit größten Steinkuppel).

Die Ostkirchen haben auf dieses Problem als erstes reagiert und am Beginn des 4. Jhdts. ein Allerheiligenfest eingerichtet, und zwar am ersten Sonntag nach Pfingsten. Anfang des 7. Jhdts. hat die katholische Kirche nachgezogen, und Papst Bonifatius IV. machte aus dem heidnischen Pantheon eine christliche Kirche für „Maria und alle Märtyrer“. Dazu ordnete er ein Jahresfest für Freitag nach Ostern an. Papst Gregor III. verlegte das Fest hundert Jahre später, im 8. Jhdt., auf den 1. November, wobei er eine Kapelle in der Peterskirche allen Heiligen weihte. Im 9. Jhdt. war dieses Fest dann in der katholischen Kirche etabliert. Einen spezifisch christlichen Grund für das Datum konnte ich nicht finden. Zwar hätte es einige heidnische Vorbilder für das Festdatum gegeben, einerseits von christianisierten Kulturen, wie die der Römer (Ahnenfest Mania), der Inselkelten (Jahresbeginn Samain) und der meisten Germanen (Blot-Monath bei den Angelsachsen) andererseits von den noch heidnischen Kulturen, wie die der Wikinger (Dísablót, Álfablót), der Slawen (Mokosh-Fest) und der Balten (Velinës-Ahnenfest). Aber ich fand keinen Hinweis darauf, dass eines dieser Feste als Inspiration für Gregor III. gedient haben könnte. Es bleibt daher offen, ob das Allerheiligenfest heidnischen Ursprungs ist.

Dasselbe gilt für das Allerseelenfest am 2. November, das im Jahre 998 von Abt Odilo von Cluny für die dortigen Klöster festlegt wurde. Es dauerte nicht lange, und der Allerseelentag wurde in der ganzen katholischen Kirche gefeiert. Der Sinn des Allerseelenfestes liegt in der Vorstellung des Fegefeuers. Dort sollen nach katholischem Mythos die Seelen der Verstorbenen bis zum Tag des Jüngsten Gerichts verharren und geläutert werden. Hilfe erhalten sie von den lebenden Angehörigen und ihren Gebeten.
Ende Teil XXVIII

Thorshammer ist ein Hammer

Samstag, 05. Juli 2014

Das ist doch der Hammer! Nachdem ein Thorshammer mit der Runeninschrift „Das ist ein Hammer“ gefunden wurde, ist entgültig klar, dass die als Thorhammer bezeichnenten Amulette tatsächlich Hämmer darstellen. (mehr …)

Mythologische Landschaften in Mitteleuropa – Das Matronenheiligtum von Nettersheim – Teil IX geschrieben von Mara

Samstag, 28. Juni 2014

5. TrägerInnen der Matronenverehrung

Von den 30 bis 40 im Matronenheiligtum von Nettersheim gefundenen Weihealtären konnten 10 soweit rekonstruiert werden, dass der Name des Stifters erkennbar ist. Auf acht der Weihesteine wird der Stifter als Beneficiarier bezeichnet und auf den restlichen zwei stand nur ein Name. Die in den Grundmauern des Bonner Münsters gefundenen Weihealtären an die Aufanien wurden teilweise von den höchsten Offizieren der in Bonn stationierten Legio I Minervia, ihren Frauen und von den obersten provinziellen Verwaltungsbeamten gestiftet.

In den übrigen Heiligtümern sind Angehörige der provinziellen römischen Oberschicht und Beneficiarier kaum vertreten. Die auf den Weihesteinen angegebenen Namen lassen darauf schließen, dass z.B. das Heiligtum von Nöthen/Pesch rein zivil geprägt war. In Morken-Harff überwiegt bei den Namen sogar das keltische Element. Offensichtlich waren die Träger des Kultes hier ausschließlich einheimischer Abstammung, von denen viele noch nicht einmal das römische Bürgerrecht besaßen. Die Namen sind höchstens notdürftig latinisiert. Irgendwelche Hinweise darauf, dass Dedikanten aus einem anderen Teil des römischen Reiches kamen, fanden sich bei keinem der Heiligtümer außer bei den Aufanien (vgl. Biller 2010, S. 282ff).

Aber auch der Aufanienkult war wohl ursprünglich einheimisch. Er ging nicht von Bonn, sondern vermutlich von Nettersheim aus, wo ihn die hier stationierten Beneficiarier adoptierten und wohl auch in Bonn bekannt machten. Hier stifteten hohe Militär- und Zivilbeamte dann besonders prächtige Weihealtäre und Statuen. Allerdings kann damit noch nicht die Ausbreitung des Aufanienkultes nach Jülich, Zülpich und Xanthen erklärt werden. Möglicherweisen galten die Aufanischen Matronen bereits vorher als besonders wirkmächtig.

Insgesamt wurden etwa 10% der den Matronen geweihten Altäre von Frauen gestiftet, also ungefähr 40 (vgl. Petrikovits 1987, S. 253).

Die TrägerInnen der Matronenverehrung wohnten in der unmittelbaren Umgebung der Tempelbezirke. Organisiert waren sie in Kurien. Das waren keine Männerbünde, wie Christoph B. Rüger irrtümlich annahm, sondern Kultgemeinschaften, also religiöse Vereinigungen, die ursprünglich auf eine an dieser Stelle siedelnde Großfamilie oder Sippe zurückgingen aber sich später wohl auch für nicht verwandte Neusiedler öffneten. Diese Kurien unterhielten die Matronenheiligtümer und feierten dort ihre Jahresfeste. Im Heiligtum von Nöthen/Pesch gab es neben dem Umgangstempel sogar eine Basilika als Versammlungsraum der lokalen Kurie (vgl. Biller 2010, S. 290).

Ausgrabungen und Lesefunde aus Nettersheim lassen darauf schließen, dass eine römerzeitliche Siedlung, vermutlich das antike Marcomagus, in der Nähe des Matronenheiligtums lag.

Matronenheiligtum copyright Mara

6. Kultformen

Die Formen der Verehrung waren, soweit bekannt, an römische Gottesdienste angelehnt und beinhalteten wohl gemeinschaftliche Opfer, ein Kultmahl und eine feierliche Kultprozession. Es wurden wohl hauptsächlich Obst, Getreide und andere Früchte geopfert, seltener Tiere wie Schweine. Auf einem Bonner Kultbild sind interessanterweise sechs Frauen abgebildet, die in einer feierlichen Prozession langsam voran schreiten. Ihre Köpfe wurden später wohl von den Christen ausgemeißelt, allerdings können sie keine so großen Hauben getragen haben, wie die Matronen auf den Standbildern. Häufig kamen auch individuelle Opfer vor. Auf den Weihesteinen sind sowohl Männer als auch Frauen dargestellt, die die Opfer vollziehen (vgl. Biller 2010, S. 301ff).

In unmittelbarer Nähe des Matronenheiligtums von Nettersheim fand sich ein Gebäude, dass bereits der Erstausgräber Lehner profanen Zwecken zuordnete. Es könnte die Wohnung eines Priesters oder einer Priesterin gewesen sein. Sichere Hinweise darauf gibt es allerdings nicht. Es wurden allerdings in Zülpich und Köln in Gräbern Stabaufsätze mit einer Minerva und einer Matronentriade gefunden. Das könnte ein archäologischer Hinweis auf eine Priesterschaft innerhalb der Matronenkulte sein. Frank Biller geht offenbar davon aus, dass diese Priester, wenn sie denn existierten, immer männlich waren (vgl. Biller 2010, S. 305). Die Möglichkeit von Priesterinnen diskutiert er erst gar nicht, obwohl auf den Matronenweihesteinen auch Frauen dargestellt sind, die Opfer darbringen oder in einer Prozession voranschreiten. Allerdings könnte er sich auf Tacitus berufen, der auch nur von Priestern der Nerthus berichtet.

7. Matronenverehrung bei den Kelten und Germanen

In der Provinz Germania inferior, insbesondere im Ubierland, lebte zur Römerzeit eine keltisch-germanische Mischbevölkerung. Deshalb fällt es schwer, die Matronen eindeutig einer dieser Volksgruppen zuzuordnen. Tatsächlich kamen sie in beiden Völkern vor, bei den Kelten v.a. als Weihealtäre und Terrakotten, bei den Germanen in Sagen und Überlieferungen von Kulthandlungen. Die Belegsituation ist also bei beiden Volksgruppen sozusagen komplementär.

Das Ubierland war zwar ein Zentrum der Matronenverehrung im römischen Reich, aber Matronendarstellungen in Form von Weihealtären und Terrakotten kamen auch in anderen keltisch geprägten Provinzen vor, insbesondere in der Gallia Narbonensis (dem heutigen Südfrankreich), der Gallia Lugdunensis (Zentralfrankreich), der Gallia Cisalpina (Norditalien und westlicher Alpenraum) und – weniger intensiv – der Germania superior (Süddeutschland, vgl. de Vries 2006, S. 120). Möglicherweise gab es die Matronenverehrung schon längere Zeit, sie wurde aber erst für uns sichtbar, als die Kelten den Brauch annahmen, ihre Gottheiten nach dem Vorbild der Römer in Ton und Stein darzustellen. Sagen über die gallischen Matronen sind nicht überliefert.

Die hier vorkommenden mütterlichen Göttinnen werden in antiken Inschriften als Matronae (523), Matres/Matrae (184), Parcae (72), Iunones (59), Deae (53), Cereces (46), Suleviae (39), Campestres (38), Proxumae (36), Fatae (35), Silvanae (28), Nutrices (18) oder Fontes (11) genannt. Bereits diese Namen deuten die Vielfalt der Nebenfunktionen an, die diese Mütter ursprünglich hatten. Die Matres gelten häufig als die Schutzgöttinnen von ganzen Stämmen und Völkern, wie etwa die Treverischen Mütter aus dem Raum Tier (vgl. Birkhan 1997, S. 513).

Weiheinschriften für Matres und Matrae einerseits und für Matronae andererseits sind komplementär verteilt. Die Matres/Matrae erscheinen bevorzugt in der Gallia Narbonesis, der Gallia Lugdunensis und der Germania Superior. In der Gallia Cisalpina und der Germania Inferior werden unsere Göttinnen meistens Matronae genannt (vgl. Birkhan 1997, S. 516).

Die Matronen hatten offenbar auch eine Beziehung zu Gewässern. Die Matronae Vacallinehae aus Nöthen/Pesch steht offenbar in einem Zusammenhang mit dem Flussnamen Waal. Der Name des Flusses Marne geht ebenfalls auf die Matronen zurück; er hieß in der Römerzeit Matrona.

Die Göttinnen treten entweder allein oder als Triaden auf und erscheinen fast immer thronend. Sie sind in Gallien meistens nach klassisch griechisch-römischer Mode mit Tunika und Palla bekleidet und tragen als Attribute Früchte in Körben und Schalen, teilweise auch Ähren oder ein Füllhorn. Gelegentlich werden die Göttinnen mit Kleinkindern auf dem Schoß bzw. spielenden Kindern in ihrer Nähe abgebildet. Solche Darstellungen kommen bei Terrakotten viel häufiger vor als bei Steindenkmälern.

Andere Göttinnen werden als junge Frauen vom Typ der Venus Pudica dargestellt, die nur durch eine Fruchtschale als Matres zu erkennen sind.

Häufig werden die Matronen zusammen mit Tieren wie Hund, Schlange, Stier und Widder dargestellt. Oder auch mit Spinnrocken und Spindel sowie Gefäßen, aus denen Wasser quillt (vgl. Schauerte 1987, S. 62).

Wenn die Matronen als Triade dargestellt werden, sind in Gallien auch andere Kombinationen möglich, als im Ubierland. So werden manchmal drei identische Frauen mit offenen Haaren abgebildet oder aber zwei junge Frauen rechts und links und eine ältere Frau mit einer Haube in der Mitte.

Auf den gallischen Weihesteinen werden die Matronen – wie im Ubierland – meistens als Triade dargestellt, sehr selten auch als einzelne, als zwei, vier oder mehr Frauen. Diese Weihesteine wurden in Tempeln aufgestellt. Wie aus der Weiheformel VSLM ersichtlich ist, hauptsächlich in Erfüllung eines Gelübdes.

Es existieren aber sehr viel mehr Terracottenstatuetten als Weihesteine. In den ersten drei Jahrhunderten u.Z. wurden nach überschlägigen Berechnungen in den gallischen und rheinischen Töpferateliers 500.000 bis 1.000.000 Statuetten angefertigt, davon haben mütterliche Gottheiten einen Anteil von deutlich über 50%. Es handelt sich also schon fast um eine Massenproduktion. Hier ist der Anteil der einzelnen Gottheit deutlich höher. Wenn mehrere Frauen dargestellt werden, dann allerdings bevorzugt ebenfalls als Triaden.

Schauerte erklärt den hohen Anteil von Einzelgottheiten bei den Terrakotten damit, dass diese eher von den niedrigeren Volksschichten gekauft wurden und deshalb die Hersteller bestrebt sein mussten, sie für die geringen finanziellen Möglichkeiten dieser Schichten erschwinglich zu halten (vgl. Schauerte 1987, S. 60).

Terrakotten mütterlicher Gottheiten wurden hauptsächlich in Heiligtümern, in der Nähe von Quellen, bei Megalithen und allgemein bei Plätzen von besonders Ehrfurcht gebietendem Charakter gefunden. Weniger häufig auch in Gräbern und Privathäusern, wo sie dann nicht selten auf einem Hausaltar aufgestellt wurden. Diese Terrakotten wurden also häufig als Opfer dargebracht oder den Toten mitgegeben (vgl. Schauerte 1987, S. 89).

Der größte Teil Germaniens blieb außerhalb des römischen Reiches. Deshalb gibt es dort keine erhaltenen Matronendarstellungen. Dafür aber zahlreiche Sagen über eine Dreizahl von mystischen Frauen.

Als Disen werden im altnordischen verehrungswürdige, mystische Frauen bezeichnet. Matrona ist fast die exakte Übersetzung dieses Begriffs in das Lateinische. Nach der nordischen Mythologie sind die Disen geheimnisvolle Frauen, die den Menschen helfen, ihr Schicksal bestimmen und in einer nicht mehr klar erkennbaren Weise auch etwas mit ihrem Tod zu tun haben. In den Gesta Danorum wird berichtet, wie der Held Fridlefus das Schicksal seines Sohnes von drei in einem Tempel thronenden weisen Frauen erfahren möchte. Solche das Schicksal bestimmenden Gruppen von Frauen werden im Reginsmal (einem Teil der Liederedda) als Disen bezeichnet (vgl. Simek 2003, S. 126).

Den Disen entsprechen vielleicht die kontinentalgermanischen Idisen, die aus dem ersten Merseburger Zauberspruch und dem Namen Idistaviso, eigentlich Idisiaviso, also Frauenwiese, bekannt sind (vgl. Simek 2003, S. 127). Auf der Idisiaviso fand im Jahr 16 u.Z. eine Schlacht zwischen Germanen und Römern statt.

Eine ähnliche Funktion als Schicksalsfrauen hatten auch die Nornen, die der Edda zufolge als Dreiheit auftraten. Die Nornen sind Frauen, die in der Geburtsstunde das Schicksal für das Leben des Kindes bestimmen. In der Völuspa (ebenfalls ein Teil der Lieder-Edda) sitzen die drei Frauen Urd, Verdandi und Skuld (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) unter dem Weltenbaum Yggdrasil und bestimmen das Schicksal der Menschen.

Die Disen wurden auch kultisch verehrt, worauf die Bezeichnung Disablot („Disenopfer“) hinweist. In Skandinavien existieren zahlreiche Ortsnamen, die auf die Disen zurückgehen. Der Ortsname Dystingbo aus Norwegen bedeutet „Siedlung am Disen-Thing“ (vgl. Simek 2003, S. 126).

Beda Venerabilis berichtet davon, dass die Angelsachsen (zwischen 500 und 700 u.Z.) am 6. Januar das neue Jahr mit der Feier der „Modranicht“, also der Mütternacht begangen (vgl. Simek 2003, S. 127).

Allerdings gibt es in der germanischen Mythologie auch männliche Göttertriaden. Hier sind insbesondere die in den Erzählungen über die Erschaffung der Welt wichtigen Triaden Odin, Vili, Ve und Odin, Hönur, Loki zu erwähnen (vgl. Simek 2003, S. 108).

Hieraus und aus der Ikonographie der Matronen, in der zwei oder manchmal drei scheinbar identische Frauen dargestellt werden, schließen die meisten Wissenschaftler, dass die Matronendreiheit keine echte Dreiheit von Göttinnen mit unterschiedlichen Merkmalen, sondern eine Sekundärbildung einer ursprünglich männlichen Trinität ist. Einen weiteren Beleg hierfür sehen sie in der Tatsache, dass die Matronen bei offenbar identischer Bedeutung entweder als Einzelgottheit oder als Triade dargestellt werden.

Sie verweisen hier auf die Forschungen von Georges Dumézil, der bei seiner Analyse der indoeuropäischen Mythologie herausfand, dass sich deren Götter auf drei Funktionen zurückführen lassen, die den drei Ständen einer idealen indoeuropäischen Gesellschaft entsprechen, also Priester, Krieger und Bauern/Hirten. Daher komme die große Bedeutung der Zahl drei bei den indoeuropäischen Völkern (vgl. de Vries 2006, S. 157). Allerdings musste Dumézil zugestehen, dass die meisten Göttinnen, die ja zum größten Teil aus der alteuropäischen Kultur übernommen wurden, nicht in sein Schema passen (vgl. Gimbutas 2006, S. XVIII). Jan de Vries ist denn auch der Auffassung, dass die Matronenverehrung bei den Kelten zwar indoeuropäischen Ursprungs ist, aber zum Teil auch auf eine alteuropäische Kulturschicht zurückgeht (vgl. de Vries 2006, S. 123).

Ende Teil IX