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Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets, geschrieben von Merienptah – Teil V

Samstag, 04. Oktober 2014

Weitere Opfergaben werden am Grab niedergelegt und Weihrauch wird verbrannt, dies soll gemeinsam mit den Ritualen des Sem-Priesters den Ba des Verstorbenen zurückrufen. Durch verschiedene Kulthandlungen und Rituale werden Ka, Ba und der gerechtfertigte Schut aufgefordert in den Körper des Toten zurückzukehren um sich dort auf ewig wiederzuvereinigen um als Ach wiedergeboren zu werden.

Der Widergeborene und nun im Körper des Verstorbenen gefangene Ach muss rituell „belebt“ und vom Körper „befreit“ werden um auf ewig weiterleben zu können. Dafür vollzieht der Sem-Priester an der auf reinem, weißen Sand vor dem Grab aufgestellten Totenstele das sogenannte Upet-ra (Mundöffnungsritual). „Ich öffne deinen Mund, damit du mit ihm redest, deine Augen, damit du Re erblickst, deine Ohren, damit du die Verklärung hörst, dass du deine Beine habest zum Gehen, dein Herz und deine Arme um deine Feinde abzuwehren.“ Damit werden dem Ach alle Fähigkeiten wiedergegeben, die er benötigt um sein jenseitiges Leben beginnen zu können. Darauf folgt dann Das Ritual der „Loslösung“ vom Körper, das es dem Ach ermöglicht den Leichnam zu verlassen um sich zu den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) aufzumachen oder um in den Himmel emporzusteigen um in der Barke des Sonnengottes seinen Platz einzunehmen.

Nach dem Abschluss der Zeremonien und Totenrituale folgt ein Festmahl, mit Musik und Tanz. Hier wird der Charakter dieses Festes als Wiedergeburtsfest deutlich. Wesentlich ist hier der Fokus auf der Feier einer neuen Geburt, Gedanken an Trauer und Verlust sind kein Bestandteil dieses Festes. Als letzter offizieller Akt des Festes wird die Totenstele von den Erben des Verstorbenen an die Priesterschaft übergeben, die diese in feines Leinen einhüllen und sie in den Tempel mitnehmen wo sie in den Archiven aufbewahrt wird.

Oftmals werden diese Zeremonien aus verschiedenen Gründen räumlich vom Grab getrennt durchgeführt. Einzig ein Priester, der die „Loslösung vom Körper“ vollzieht agiert direkt an der Grabstätte, die übrigen Rituale und Feierlichkeiten werden in einer Art Zelt im Tempelhof, wenn es sich bei dem Verstorbenen um ein Mitglied der Priesterschaft handelte, oder wenn der Verstorbene eine Privatperson war in einem Festsaal durchgeführt. Umfang und Aufwand der Feierlichkeiten hängt heute wie damals oftmals von der gesellschaftlichen Stellung und dem Geldbeutel des Verstorbenen ab. Im Übrigen wird auch das Grab im Nachhinein etwas anders behandelt als es hierzulande eigentlich üblich ist. Eine Grabbepflanzung und intensive Grabpflege findet nicht statt da das Grab eines Kemeten mit einer einfachen Steinplatte abgedeckt wird, Pflanzschalen oder gar aufwendige Bepflanzungen findet man nicht.

In den letzten Jahrzehnten macht sich in Kemet ein langsamer Renaissance-Trend bemerkbar, eine den Möglichkeiten der Moderne geschuldete oder zu verdankende Wiederbelebung alter Bestattungstraditionen, wie zum Beispiel die Beigabe von Ushebtis, die dem Verstorbenen in den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) die Arbeit gänzlich abnehmen sollen. Auch dass beispielsweise „Klageweiber“ den Trauerzug bei der Bestattung begleiten und ihre lautstarke Totenklage erklingen lassen kommt wieder „in Mode“. Auch verschiedene andere altkemetische Rituale finden langsam wieder ihren Weg zurück in die moderne Bestattungspraxis, was allerdings in Deutschland beispielsweise durch die recht strengen Bestattungsgesetze erheblich ausgebremst wird. Durch die gesetzlich bestimmten Rahmenbedingungen unterscheiden sich die Bestattungspraktiken der modernen Kemeten, also die Ausführung und die rituelle Ausgestaltung der Bestattung und des Totenfestes mittlerweile von Land zu Land teilweise recht stark voneinander. Aber trotz aller regionalen Unterschiede bleibt der religiöse Hintergrund der gleiche.