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Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung – Teil II, geschrieben von Mara

Samstag, 07. März 2015

Das folgende Kapitel beschreibt den Landschaftstempel Dreisamtal im Schwarzwald bei Freiburg im Breisgau. Es ist neu für dieses Buch geschrieben worden.

Die letzten drei Kapitel des Buches beschäftigen sich mit den Landschaften Niederbayerns, also den Siedlungen an der Donau zwischen Regensburg und Passau, dem Bayerischen Wald und dem Böhmerwald, auch Hinterer Bayerischer Wald genannt. Mit 152 von 352 Seiten bilden sie den inhaltlichen Schwerpunkt des Bandes. Das ist auch kein Wunder, den Heide Göttner-Abendroth lebt im kleinen Ort Winzer an der Donau im Landkreis Deggendorf. Dort betreibt sie ihre Akademie HAGIA in einem Bauernhof außerhalb des Ortskerns. Teile der Kapitel sind bereits in Mythologische Landschaft Deutschlands erschienen, aber sie sind stark erweitert worden. Diese Abschnitte sind meiner Meinung nach die besten des Buches und bringen viele neue und verblüffende Erkenntnisse, von denen nur einige genannt werden können.

So stellt die Autorin eine hochentwickelte Megalithkultur im Osten Bayerns in der Überschwemmungsebene zwischen Landshut und Passau vor. Dort befinden sich sechs jungsteinzeitliche Kreisgrabenanlagen, die als Sonnenuhren und Kalenderbauten dienten. Damit waren sie auch Kultbauten. Sie entstanden alle in den Jahren zwischen 4800 und 4600 v.u.Z. und gelten als die frühesten Monumentalanlagen der Menschheit. In der Nähe dieser Anlagen gab es Siedlungen, die mit 10 ha eine beträchtliche Größe erreichten und als die ersten Städte auf deutschem Territorium gelten können. Die Siedlungen bestanden aus Langhäusern. Allein das legt nahe, dass ihre BewohnerInnen in matriarchalen Clans lebten.

Die Entdeckung der Kalenderbauten gilt als archäologische Sensation. Dennoch werden sie kaum herausgestellt, sondern von der Archäologie weitgehend totgeschwiegen. Wenn man das mit unglaublichen wissenschaftlichen und Propaganda-Aufwand vergleicht, der um das Massaker von Thalheim betrieben wurde, erkennt man, wie rigoros Geschichtspolitik auch mit unserer Vorgeschichte gemacht wird. Jedes Land möchte die eigene Geschichte durch archäologische Funde möglichst weit zurück datieren. Warum wird diese Megalith-Kultur dennoch verschwiegen? Vielleicht deshalb, weil sie zu friedlich ist, weil zu viel auf eine egalitäre Gesellschaft und das Matriarchat hindeuten. Das würde ja bedeuten, es gab eine Gesellschaft, in der die Menschen glücklicher als in der heutigen waren! Das darf nicht sein und wird mit dem Verdikt rückwärtsgewandte Utopie abgeschmettert.

Weitere Abschnitte beschreiben die zahlreichen Marienkirchen an der Donau, z.B. Maria Hilf in Passau. Hier kann Heide Göttner-Abendroth zeigen, dass sich auch in den verschiedenen Mariendarstellungen noch die alte Ikonographie der Dreifaltigen Göttin wiederspiegelt. Dem steht auch nicht entgegen, dass die meisten dieser Kirchen in Bayern aus dem Zeitalter des Barocks stammen. Vermutlich hat die einfache Bevölkerung die Große Göttin z.B. in der Gestalt von Perchta auf diesen Bergen auch noch im christlichen Mittelalter verehrt und dorthin „Wallfahrten“ unternommen, höchstens notdürftig christianisiert. Damals wurde das von der Kirche als Aberglauben abgetan und weitgehend ignoriert. Schließlich war es damals kaum von Bedeutung, wenn die einfache Bevölkerung die Feinheiten der Mariologie nicht verstand und sie de facto doch als Göttin verehrte. Im Zeitalter der Gegenreformation war diese Toleranz vorbei und jetzt ging es darum, diesen „Aberglauben“ auszurotten. Am einfachsten wäre es, wenn alle diese verdächtigen Berge mit Marienkapellen besetzt würden. Dafür hat die Kirche beträchtliche Mittel bereitgestellt, aber sie konnte auch hohe Einnahmen durch Spenden der Wallfahrer erwarten, zumindest in den ersten Jahrzehnten nach dem Bau der jeweiligen Kapelle oder Kirche.

Und schließlich werden auch die Berge des Böhmerwaldes als Göttinnen beschrieben. Die Lusen stellt die weiße, die Rachel die rote und die Arber die schwarze Göttin dar. Besonders interessant ist eine alte Steintreppe im Gipfelbereich der Lusen, von der angeblich niemand weiß, wie alt sie ist. Dass sie aus der Jungsteinzeit stammt, dafür sprechen die zahlreichen Näpfchenbohrungen auf den Treppenstufen. In einer späteren Epoche wären sie wahrscheinlich nicht mehr angelegt worden. Sie könnte im Zusammenhang mit alten Handelswegen nach Böhmen stehen, die bereits in der Jungsteinzeit begangen wurden. Überhaupt war das Gebiet des Bayerischen Waldes in der Jungsteinzeit und der Bronzezeit zwar nur sehr dünn besiedelt, aber längst nicht völlig menschenleer, wie die Kirche und später die Geschichtsschreibung behaupteten.

Heide Göttner-Abendroth verwendet für den hinteren Bayerischen Wald durchgehend dem Begriff Böhmerwald. Das ist treffender, denn das Gebirge ist ja erst nach dem zweiten Weltkrieg von der bayerischen Landesregierung umbenannt worden, da Böhmen eine Landschaft in der Tschechoslowakei war und damit zum Ostblock gehörte. Deshalb galt die Bezeichnung Böhmerwald nicht mehr als opportun.

Kritik

Es gibt allerding auch einige Aussagen, die kritisch hinterfragt werden müssen. So schreibt Heide Göttner-Abendroth, dass die Kelten die ersten kriegerischen Stämme waren, die eine noch weitgehend matriarchale Bevölkerung in Europa überrannten (S. 18). Das trifft wohl auf Westeuropa zu, wo die Kelten noch auf eine matriarchale Urbevölkerung trafen, aber nicht auf Mitteleuropa. Hier waren Indoeuropäer bereits ab 3100 v.u.Z. ansässig. Das heißt nun nicht, dass sie gleich das gesamte Gebiet erobert hätten. Das war ein langsamer Prozess, der durchaus Jahrhunderte oder auch ein Jahrtausend gedauert haben kann. Aber die Kelten haben sich wohl aus einem Indoeuropäischen Kontinuum erst ab 900 v.u.Z. ausgegliedert. Nach Marija Gimbutas stellt sich die Reihenfolge der Kulturen in Mitteleuropa wie folgt dar:

Jahr Name Bemerkungen
Ab 5500 v.u.Z. Bandkeramik Alteuropäisch, matriarchal
Ab 4500 v.u.Z. Rössener Kultur Alteuropäisch, möglicherweise in Teilen bereits indoeuropäisch beeinflusst
Ab 4200 v.u.Z. Trichterbecherkultur Wahrscheinlich alteuropäisch, möglicherweise aber auch indoeuropäisch beeinflusst
Ab 3100 v.u.Z. Kugelamphorenkultur undifferenziert Indoeuropäisch
Ab 2800 v.u.Z. Schnurkeramik (Streitaxtleute)
Ab 1300 v.u.Z. Urnenfelderkultur
Ab 900 v.u.Z. Kelten Ausgliederung aus der Urnenfelderkultur
Ab 600 v.u.Z. Germanen Ausgliederung aus indoeuropäischem Kontinuum bereits ab 2500 v.u.Z., ab 600 v.u.Z. Wanderung nach Süden

Vgl. Marija Gimbutas: Die Ethnogenese der europäischen Indogermanen, Innsbruck 1992

Des Weiteren finde ich einige Etymologien nicht nachvollziehbar. Nach einer alten Sage heißt die Nordsee, in die der Rhein mündet, Mutter Rahen (S. 135). Heide Göttner-Abendroth bringt dieses Wort mit der Urmutter Rahab zusammen, die in Altpalästina vorkam.

Den Bergnamen Rachel leitet die Autorin von der gleichnamigen jüdischen Urmutter ab (S. 317), ohne zumindest auch andere Etymologien zu diskutieren.

Wo mir die Etymologien bekannt sind, waren sie allerdings alle korrekt.

Fazit

Heide Göttner-Abendroth stellt eine Fülle von landschaftsmythologischen Beobachtungen vor. Es ist gut zu erkennen, dass sie daran eine lange Zeit gearbeitet haben muss. Das Buch lädt geradezu zu Wanderungen in den beschriebenen Gebieten ein.

Auch die Darstellung der Methode ist sehr wertvoll und ermöglicht eigenständige Forschungen in der Landschaftsmythologie, wie ich sie in der Serie Mythologische Landschaften Mitteleuropas auf Wurzelwerk versucht habe, freilich ohne das Buch zu kennen.

Selbst für diejenigen, die Mythologische Landschaft Deutschland von 1999 bereits kennen, bietet das Buch immer noch viele neue Erkenntnisse.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung – Teil I, geschrieben von Mara

Samstag, 28. Februar 2015

Matriarchale Landschaftsmythologie heißt das neueste Buch der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. Es geht auf die zahlreichen Studien- und Wanderreisen von Besucherinnen der Akademie HAGIA zurück, die die Autorin leitete. Sie besuchten ab 1987 vor allem die Megalithanlagen aus der Jungsteinzeit, der klassisch matriarchalen Epoche, aber auch Museen mit Artefakten aus dieser Zeit.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale LandschaftsmythologieStuttgart 2014, Kohlhammer
ISBN 978-3-17-022336-3

352 Seiten

Preis 29,90 E

Dabei kamen folgende Fragen auf:

  • Warum liegen solche Anlagen in einem bestimmten Platz in der Landschaft?
  • Was haben sich die Menschen aus jenen Kulturepochen dabei gedacht, wenn sie ein Bauwerk an diesen bestimmten Platz setzten?

Um diese Fragen zu beantworten, muss auch die Mythologie und Symbolik der Menschen jener Epoche berücksichtigt werden. Auf diese Weise können sich neue Erkenntnisse ergeben.

Die Menschen der Jungsteinzeit waren die ersten, die dauerhafte Siedlungen errichteten. Sie orientierten sich dabei nicht ausschließlich an Aspekten des Nutzens. Sondern sie betrachteten die Erde selbst als göttlich, als Mutter allen Lebens. Stellen, die einen bestimmten weiblichen Zug der Erdgöttin betonten, galten als besonders heilig und hier finden wir zahlreiche Kultbauten, z.B. Megalithen. Auch Sichtlinien, also die Anordnung dieser Kultbauten in geraden Linien, waren sehr wichtig. Sie dienten nicht zuletzt astronomischen Zwecken.

Bei der Landschaftsmythologie geht es also darum, zu verstehen, wie Menschen der früheren Epochen die Landschaft sahen. Sie hatte immer auch eine symbolische und mythologische Bedeutung. Der Begriff selbst wurde vom Schweizer Kurt Gerungs geprägt, aber Heide Göttner-Abendroth und andere Frauen praktizierten entsprechende Forschungen schon lange, bevor es diesen Begriff gab. Die Autorin nennt ihre Forschungen ausdrücklich matriarchale Landschaftsmythologie, da das matriarchale Weltbild Basis und Zentrum ihrer Forschungen ist.

Die Jungsteinzeit war die klassische Zeit des Matriarchats. Heide Göttner-Abendroth gibt im weiteren Verlauf des Buches eine ausführliche Definition dessen, was sie unter einem Matriarchat versteht. Dabei wird die ökonomische, soziale, politische und kultische Ebene berücksichtigt.

Methode

Im zweiten Kapitel stellt Heide Göttner-Abendroth die Methoden der matriarchalen Landschaftsmythologie vor. Damit regt sie auch zu eigenständigen Forschungen an. Sie geht in zehn Schritten vor:

  1. Begehen einer Landschaft
  2. Entdecken heiliger Hügel mit abgesenktem Horizont. Das sind Hügel, auf denen früher Megalithanlagen und heute vor allem Kirchen, Kapellen und Burgen zu finden sind. Diese Hügel ermöglichen einen weiten Blick in die Landschaft, vor allem nach Osten, Süden und Westen.
  3. Prüfen von Sichtlinien, die von diesem Hügel ausgehen. Besonders wichtig sind Linien, die zum Auf- und Untergang der Sonne zu Beginn der verschiedenen Jahreszeiten zeigen.
  4. Prüfen von Kultlinien: Gibt es auf den Sichtlinien vielleicht noch weitere Hügel mit Megalithanlagen, Kirchen, Burgen etc.?
  5. Archäologische Analyse: War die Landschaft bereits in der Jungsteinzeit besiedelt?
  6. Linguistische Analyse: Namenskunde dieser Hügel. Gibt es alte vorindoeuropäische Namen wie z.B. den Bergnamen Similaun? Konzentrieren sich hier Namen mit dem Bestandteil Frau, wie z.B. Frauenau, Frauenberg etc.?
  7. Kirchenforschung: Wichtig sind hier vor allem die Patrozinien, also die Benennung der Kirche. St. Michaels und St. Georgs-Kirchen können darauf hindeuten, dass diese christlichen Drachentöter Namenspaten wurden, um eine starke heidnisch-matriarchale Tradition zu bekämpfen. Mit Marienkirchen sollten vor allem alte Kultplätze der Göttin vereinnahmt werden.
  8. Sagen- und Mythenforschung: Welche Mythen gibt es zu dem Ort?
  9. Folklore-Forschung: Welche Gebräuche existieren an diesen Orten?
  10. Erforschung von Rückzugsgebieten und kulturellen Nischen.

Landschaften

Im Hauptteil des Buches stellt die Autorin mehrere Landschaften vor, die sie mit den oben genannten Methoden interpretiert hat. Allerdings sind im Buch längst nicht alle deutschen Landschaften vertreten, aber das könnte ein Mensch alleine nicht leisten.

Einige Kapitel sind allerdings schon in dem inzwischen vergriffenen Buch Mythologische Landschaft Deutschlands von Heide Göttner-Abendroth und Kurt Derungs aus dem Jahr 1999 erschienen, ohne dass darauf hingewiesen würde.

Im ersten Kapitel beschreibt sie die Megalithkultur auf Rügen. Dieses Kapitel ist weitgehend unverändert aus dem oben genannten Buch übernommen worden.

Im zweiten Kapitel geht es um die Heiligen Berge in Mitteldeutschland. Hier werden der Hohe Meißner, die thüringischen Holleberge und die beiden Gleichberge bei Römhild beschrieben. Alle diese Berge sind der Frau Holle heilig. Dieses Kapitel ist zwar auch schon in Mythologische Landschaft Deutschland erschienen, aber stark erweitert worden.

Das nächste, völlig neue Kapitel ist überschrieben mit: Der Strom der Frau Ley und meint den Rhein. Der Vater Rhein gilt als ein typisch männlicher Fluss. Aber es gibt alte Sagen, die eine Frau Ley erwähnen, sie soll die Gattin des Rheinkönigs sein. In diesen Sagen sind sie und ihre Töchter, die Witten-Ley (Lahn) und die Uhte-Ley (Mosel), die aktiv Handelnden, während sich der Vater Rhein nur in Sorgen ergeht. Das könnte darauf hindeuten, dass auch der Rhein in früheren Zeiten als weiblich gedacht wurde, wie fast alle anderen Flüsse Mitteleuropas.

Dass dies keineswegs unwichtig ist und selbst heute noch mit dem Geschlecht des Rheines Propaganda betrieben wird, zeigt der Kinofilm Rheingold (2014), der als Dokumentation den Fluss von der Quelle bis zur Mündung aus der Vogelperspektive begleitet. Hier tritt Vater Rhein persönlich auf und kommentiert seinen Lauf mit heiserer Stimme. Vom Alpenrhein berichtet er, dass frühere Völker ihre Neugeborenen in den Fluss geworfen haben, um mit einer Wasserprobe zu bestimmen, ob das Kind tatsächlich vom Ehemann stammt oder ob die Frau ihm „untreu“ geworden ist. „Legitime“ Kinder werden an das Ufer getragen, während „Kuckuckskinder“ vom Strom verschlungen werden. Fast hört man ein Bedauern in seiner Stimme, dass dieser schreckliche Brauch heute nicht mehr möglich ist. Unnötig zu erwähnen, dass keine der matriarchalen Sagen und Stätten am Rhein, die Heide Göttner-Abendroth beschreibt, in dieser Kino-Dokumentation auch nur erwähnt werden. So wurden z.B. viele und prächtige Matronensteine im Bonner Münster gefunden, das nahe am Rhein liegt.

(Anmerkung der Rezensentin: Im Buch wird der Film Rheingold nicht erwähnt. Im wollte mit diesem Absatz nur verdeutlichen, dass es auch heute keinesfalls unwichtig ist, ob der Rhein als männlich oder weiblich gedacht wird.)


Ende Teil I

Megalithkulturen in Nordhessen – Teil V geschrieben von Mara

Samstag, 10. August 2013

12. Heutige wissenschaftliche Sichtweise

Die hier dargestellte Entwicklung der Megalithkulturen, die weite Verbreitung des „Mutterrechts“ (Matriarchat) in der menschlichen Vorgeschichte und der in Europa durch die indoeuropäischen Invasionen ausgelöste Übergang zum „Vaterrecht“ (Patriarchat) wurde bis zum Ende der 80er Jahre in den Wissenschaften noch sehr häufig vertreten. So auch im Überblickswerk Megalithkulturen (1978) der Archäologin Sibylle von Reden – erschienen im renommierten DuMont-Kunstverlag. Sie hatte ja den Anspruch, den aktuellen Forschungsstand zu diesem Thema abzubilden. Auf einem Kolloquium des Rheinischen Landesmuseums Bonn aus den frühen 80er Jahren zum Thema Matronen wurden ganz selbstverständlich die Kurgan-Hypothese von Marija Gimbutas sowie ihre Darstellung zu den Göttinnen Alteuropas referiert und als Grundlage eigener Forschungsarbeiten genommen. Ein Jahrzehnt später wäre das völlig undenkbar!

Auch heute noch wird diese Sichtweise von einigen WissenschaftlerInnen geteilt. Allerdings ist das kein Konsens mehr und die Mehrheit sieht die Dinge anders:

1. Ein weitverbreitetes Matriarchat in der menschlichen Vorgeschichte habe niemals existiert, sondern sei eine Erfindung der Moderne. Da Verwandtschaftsbeziehungen mit Methoden der Archäologie kaum nachgewiesen werden können, ist die Interpretation der zahlreichen weiblichen Statuetten und Bildnisse des Neolithikums von großer Wichtigkeit für die Annahme eines vorzeitlichen Matriarchats. Deshalb setzen die KritikerInnen der Matriarchatstheorie bevorzugt hier an. Die zahlreichen Statuetten mit weiblichen Zügen stellen angeblich keineswegs die Große Göttin dar, wie das bisher weitgehend unbestritten angenommen wurde, sondern könnten auch völlig anders interpretiert werden. Das steigert sich bis hin zu so absurden Behauptungen, diese Statuetten seien in Wirklichkeit paläolithisches Sexspielzeug (Peter Ucko) oder bildeten Sumoringer ab (Cynthia Eller, vgl. Dashu 2000, Spretnak 2003, S. 106) Die Interpretation der weiblichen Figurinen als Sexspielzeug scheint sich inzwischen in der Archäologie als herrschende Meinung zu etablieren.
Manchmal wird die Existenz von Darstellungen der Großen Göttin auch schlicht und einfach unterschlagen. So im Wikipediaartikel zum Steinkammergrab von Züschen: Obwohl das Heft von Irene Kappel als einzige Quelle der ausführlichen Beschreibung des Steinkammergrabes angegeben ist, kommt die von ihr an zwei Stellen erwähnte und als bedeutend eingeschätzte Dolmengöttin im Wikipediaartikel nicht vor. Das ist dann wieder ein Baustein von vielen für die Schlussfolgerung, dass es niemals eine grundlegend andere Gesellschaftsform gegeben habe und dass das Patriarchat schon seit Beginn der Menschheit existiert habe.

2. Eine Invasion der Indoeuropäer, wie sie die Archäologin Marija Gimbutas in ihrer Kurganhypothese darstellt, habe niemals stattgefunden. Die frühesten neolithischen Ackerbauern Europas waren angeblich bereits Indoeuropäer. Ihr Ursprung liege keineswegs im der südrussischen Steppe, sondern entweder in Anatolien (Colin Renfrew) oder in Mitteleuropa selbst (Alexander Häusler). Häusler knüpft damit neuerlich an bisher diskreditierte nationalsozialistische Theorien zum Ursprung der Indoeuropäer an. Insbesondere die Theorie von Renfrew wurde in den 90er und frühen 00er Jahren sehr häufig vertreten und rezipiert. Allerdings zeigten sich ausgerechnet viele SprachwissenschaftlerInnen nicht sonderlich überzeugt, so dass sie gegenwärtig wieder etwas an Zustimmung verloren hat (vgl. Haarmann 2010, S. 156ff). Auch der einflussreiche Archäologe David W. Anthony kommt in seinem neuesten Buch zu der Schlussfolgerung, dass der Ursprung der Indoeuropäer in den südrussischen Steppen zu finden ist und dass sie aus den Steppen nach Europa hinein ausgebreitet haben. Er spielt allerdings den gewaltsamen Charakter dieser Ausbreitung herunter, bestreitet den matriarchalen Charakter Alteuropas und stellt Marija Gimbutas in eine Reihe mit Naziwissenschaftlern (vgl. Anthony 2007, S. 10, S. 225ff).

3. Gemeinsamkeiten der europäischen Megalithkulturen sind auf analoge Entwicklungen zurückzuführen und nicht auf kulturellen Austausch.

4. Die europäische Ethnologie beschäftigt sich gegenwärtig nur noch wenig mit vorindustriellen Bräuchen und Sagen. Im Zweifelsfalle – so habe ich den Eindruck – nimmt sie eine möglichst späte Entstehung des jeweiligen Brauchs an.

Diese Entwicklungen sind nicht so sehr auf neue Funde zurückzuführen, sondern auf eine andere Interpretation bestehender Funde.

Meiner Meinung nach ist es schon sehr auffällig, dass dieser Umschwung ausgerechnet dann erfolgte, als einige WissenschaftlerInnen wie Heide Göttner-Abendroth damit begannen, aus Forschungen zum Matriarchat auch politische Schlussfolgerungen zu ziehen und mit bestimmten Zweigen des Wiccatums, der Reclaiming-Traditions Starhawks und der Göttin-Spiritualität religiöse Richtungen entstanden, die auf diesen Erkenntnissen aufbauten. Sie üben in der Regel scharfe Kapitalismus- und Patriarchatskritik.

Andererseits kam heftige Kritik an der Matriarchatstheorie auch von feministischen Autorinnen wie Cynthia Eller. Sie und die Archäologinnen Margaret Conkey und Ruth Tringham argumentierten im Sinne von Simone de Beauvoires Werk „Das zweite Geschlecht“ von 1949 dass es nach der herrschenden Ideologie die Männer sind, die – „in der glücklichen Lage, von Schwangerschaft und Geburt befreit zu sein“, – Kultur schaffen. Die Frauen dagegen würden mit der Natur identifiziert und nicht als richtige Menschen angesehen. Die oben genannten Autorinnen halten deshalb auch nur jede Erwähnung einer Verbindung zwischen weiblichem Körper und religiöser Ehrerbietung für eine essenzialistische Begrenzung der Frau auf rein biologische Funktionen und akzeptieren damit implizit die im modernen Patriarchat in der Tat vorhandene Spaltung von Natur und Kultur (vgl. Spretnak 2003, S. 104f). Mit vergangenen oder gegenwärtigen matriarchalen Gesellschaften hat das freilich gar nichts zu tun. So schreibt Heide Göttner-Abendroth: „In matriarchalen Gesellschaften sind Frauen hingegen in keiner Weise auf ihre Gebärfähigkeit reduziert, sondern die frei entscheidenden Subjekte ihres Handelns, die Mutterschaft wählen können, oder auch nicht. Daher kommt in Matriarchaten auch kein Mutterkult vor.“ Vielmehr sei der Mutterkult ein typisches Merkmal patriarchaler Gesellschaften (Göttner-Abendroth 2003, S. 71).

Mit der zunehmenden sozialen Ungleichheit wuchs auch in den westlichen Gesellschaften das Bedürfnis, das gegenwärtig herrschende dominierende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, den Kapitalismus zu „naturalisieren“, also immer weiter in die Vergangenheit zurückzuversetzen. Vertreter der gegenwärtig dominierenden neoklassischen oder neoliberalen Wirtschaftstheorie behaupten dementsprechend, der Kapitalismus habe in der menschlichen Geschichte immer schon existiert, nur noch nicht ganz so perfekt, wie heute. Demnach könne es keine grundlegende anderen Formen des Zusammenlebens in der Vergangenheit gegeben haben, denn diese seien unnatürlich und von vorherein zum Scheitern verurteilt. Das ergebe sich auch aus Forschungen der Soziobiologie (vgl. Candeias 2004, S. 97ff). Ein Matriarchat hat in diesen Vorstellungen selbstverständlich keinen Platz.

Mir ist bewusst, dass diese Aussagen höchst umstritten sind. Sie können meiner Meinung aber plausibel erklären, warum die Matriarchatstheorie gegenwärtig so stark bekämpft wird.

Matronen-Weihealtäre von Nettersheim, Copyright Mara

13. Literatur

David W. Anthony: The Horse, the Wheel, and Language, Princeton 2007

Mario Candeias: Neoliberalismus, Hochtechnologie, Hegemonie, Hamburg 2004

Horst Kirchner: Menhire in Mitteleuropa, in: Heide Göttner-Abendroth / Kurt Derungs (Hg.): Mythologische Landschaft Deutschland, Bern 1999 (Erstveröffentlichung 1953)

Karsten Koch: Wotanstein in Gudensberg: Menhir zu Maden, 2009, im Internet: http://www.nordhessen.de/de/wotanstein-menhir-zu-maden

Max Dashu: Knocking Down Straw Dolls, a Critique of Cynthia Eller’s “The Myth of Matriarchal Prehistory”, 2000, im Internet: http://www.suppressedhistories.net/articles/eller5.html

Kurt Derungs: Brautstein und Ahnenstätte, in: Heide Göttner-Abendroth / Kurt Derungs (Hg.): Mythologische Landschaft Deutschland, Bern 1999

Jan de Vries: Keltische Religion, Bern 2006 (Erstveröffentlichung 1961)

Claus Dobiat: Der Menhir in Langenstein, Stadt Kirchhain, Kreis Marburg-Biedenkopf, Archäologische Denkmäler in Hessen 65, Wiesbaden 1987

Claus Dobiat: Grabhügel der Urnenfelderzeit auf den Lahnbergen bei Marburg, Archäologische Denkmäler in Hessen 52, 2., vollständig neu bearbeitete Auflage, Wiesbaden 2010

Rolf Gensen: Althessens Frühzeit, Führer zur hessischen Vor- und Frühgeschichte, Band 1, Wiesbaden 1979

Marija Gimbutas: The Language of the Goddess, New York 2006, (Erstauflage 1989)

Heide Göttner-Abendroth: „Verhindert sie mit allen Mitteln!“ Die Diskriminierung der modernen Matriarchatsforschung und die praktischen Folgen, in: AutorInnengemeinschaft: Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung, Bern 2003

Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, Erweiterte Neuausgabe, Stuttgart 2011

Harald Haarmann: Weltgeschichte der Sprachen, München 2010

E. O. James: Der Kult der Großen Göttin, Bern 2003 (Erstveröffentlichung 1959)

Irene Kappel: Steinkammergräber und Menhire in Nordhessen, Führer zur nordhessischen Ur- und Frühgeschichte, Heft 5, 2., überarbeitete Auflage, Kassel 1989

Kurt Ranke: Rosengarten, in: Heide Göttner-Abendroth / Kurt Derungs (Hg.): Mythologische Landschaft Deutschland, Bern 1999 (Erstveröffentlichung 1955)

Sibylle von Reden: Megalithkultur, in: Heide Göttner-Abendroth / Kurt Derungs (Hg.): Mythologische Landschaft Deutschland, Bern 1999 (Erstveröffentlichung 1960)

Sibylle von Reden: Die Megalithkulturen – Zeugnisse einer verschollenen Urreligion, Köln 1978

Charlene Spretnak: Die wissenschaftspolitische Kampagne gegen Marija Gimbutas, in: Heide Göttner-Abendroth / Kurt Derungs (Hrsg.): Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung, Bern 2003

Thomas Witzke, Megalithgräber und Menhire in Hessen, 2008, im Internet: http://tw.strahlen.org/praehistorie/hessen/madenwotanstein.html

14. Besuchshinweise

Der Megalith von Langenstein ist frei zugänglich (wenn in der benachbarten Kirche nicht gerade eine Hochzeit stattfindet J), ebenso wie der Wotanstein von Maden.

Das Steinkammergrab von Züschen war bis 1986 noch frei zugänglich. Zunehmender Vandalismus führte dazu, dass es überdacht und mit Gittern eingezäunt wurde. Bis 1999 konnte ein Schlüssel für das Grab gegen Kaution beim Regionalmuseum Fritzlar (s.u.) ausgeliehen werden. Dass ist inzwischen nicht mehr möglich, denn es kam weiterhin zu Einritzungen, Abschlagen von Ecken zur Gewinnung von Steinstaub für angebliche Heilzwecke und massiver Vermüllung nach dort abgehaltenen Ritualen und Feiern. Deshalb kann das Grab inzwischen nicht mehr ohne Aufsicht betreten werden. Allerdings können die meisten Einzelheiten auch durch das Gitter noch gut gesehen werden (siehe Fotos). Das Regionalmuseum Fritzlar bietet Führungen für größere Gruppen an.

Im Regionalmuseum Fritzlar (Am Hochzeitshaus 6-8, 34560 Fritzlar) sind einige Funde der Wartbergkultur zu sehen, darunter ein Abguss des eines Teils des Wandsteins des Grabes von Züschen mit dem Gesicht der Dolmengöttin. Das Museum ist geöffnet zwischen März und Dezember:

Dienstags bis Freitags

10:00 bis 12:00 Uhr

15:00 bis 17:00 Uhr

Samstags (Mai bis Oktober)

10:00 bis 12:00 Uhr

15:00 bis 17:00 Uhr

Sonntags

15:00 bis 17:00 Uhr

Montags

geschlossen

Webseite: http://www.regionalmuseum-fritzlar.de/

Im Hessischen Landesmuseum Kassel sind zahlreiche Funde der regionalen Megalithkultur ausgestellt, u.a. auch Abgüsse der Wandsteine des Grabes von Züschen mit Zeichen. Das Museum ist allerdings wegen Renovierungsarbeiten bis mindestens 2013 geschlossen.

Webseite: http://www.museum-kassel.de/index_navi.php?parent=1056

Megalithkulturen in Nordhessen – Teil III geschrieben von Mara

Samstag, 30. März 2013

7. Soziale Merkmale

Die jungsteinzeitliche Megalithkultur war eine Gesellschaft von AckerbäuerInnen mit einer sesshaften Lebensweise. Gesellschaftliche Klassen und soziale Ungleichheit waren unbekannt (vgl. Derungs 1999, S. 158).

Wenn die religiösen Vorstellungen eine idealisierte Form der Lebenswelt der Menschen darstellen, ist die Annahme plausibel, dass die Menschen in matrilinearen Sippen lebten. Dann wären hier alle Kriterien gegeben, die Heide Göttner-Abendroth für die Existenz des Matriarchats nennt (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 19):

  1. Auf der ökonomischen Ebene: egalitäre Agrargesellschaften hauptsächlich mit Subsistenzwirtschaft. Das ist für die Megalithkulturen durch Ausgrabungen belegt.
  2. Auf der sozialen Ebene: Zusammenleben in matrilinearen Sippen (Matrilinearität und Matrilokalität). Dieses Merkmal ist spekulativ, aber es war wahrscheinlich vorhanden (siehe oben).
  3. Auf der politischen Ebene: Konsensdemokratie bei Abwesenheit einer Zentralinstanz mit Erzwingungsstab. In der Archäologie werden unterschiedlich große Hausformen mit einem oder wenigen großen Häusern und vielen kleinen Häusern in einer Siedlung und unterschiedlich ausgestattete Gräber als Beleg für eine beginnende Klassenspaltung und Herausbildung einer Zentralinstanz angesehen. Eine solche Differenzierung konnte aber in Siedlungen der Megalithkultur nicht festgestellt werden.
  4. Auf der religiösen Ebene: Vorstellung von der Großen Göttin als der Mutter Erde, die alles Lebendige hervorbringt, große Bedeutung der AhnInnenverehrung. Belege hierfür existieren in Form zahlreicher Bildnisse und Statuetten, die die Große Göttin zeigen. Die große Bedeutung der AhnInnenverehrung ergibt sich aus den Megalithbauten insgesamt.

8. Entwicklung der Megalithkulturen

Die frühesten Megalithanlagen befinden sich in Palästina. Der steinerne Wall von Jericho, der ältesten Stadt der Welt, stammt aus den Jahren um 8000 v.u.Z. Dieser Wall muss nicht unbedingt eine Stadtmauer gewesen sein, sondern er war vermutlich ein Hochwasserdamm. Dafür spricht, dass er nach den aktuellen Ausgrabungen gar nicht vollständig geschlossen ist. In Palästina finden sich auch weiterhin sehr alte Menhire, Dolmen und Steinkreise. Auch die neolithische Stadt Catal Hüyük in Anatolien (7000 bis 5600 v.u.Z.) wird zu den Megalithkulturen gezählt (vgl. von Reden 1978, S. 31ff).

Es scheint so, als hätte sich die religiösen Vorstellungen der Megalithkultur vom Nahen Osten ausgehend fast über das gesamte Mittelmeergebiet bis hin nach Nordeuropa ausgebreitet. Auffällig ist, dass die größten und ältesten Anlagen häufig in der Nähe der Küsten oder auf Inseln liegen. Dies könnte darauf hindeuten, dass der bereits in der Jungsteinzeit florierende Seehandel über das Mittelmeer und den Atlantik, der bis nach Dänemark führte, eine bedeutende Rolle bei der Ausbreitung von Kulturtechniken und Glaubensvorstellungen gespielt hat. Megalithmonumente finden sich in Ägypten, Zypern, der Ägäis, auf Malta, Sardinien, Korsika, den Balearen, in Süditalien, der Iberischen Halbinsel, Frankreich, Britannien, Irland, Mitteleuropa, Dänemark und Südschweden. Besonders beeindruckende Megalithbauten stehen auf der kleinen Mittelmeerinsel Malta, so das Hypogäum von Hal Saflieni und der Tempel von Hagar Kim mit seinen zahlreichen Göttinnendarstellungen aus dem 3. Jahrtausend v.u.Z, in der Bretagne mit den Steinreihen von Carnac aus dem 4. Jahrtausend v.u.Z und in England mit dem Rundsanktuarium von Stonehenge ab 3000 v.u.Z. Die Nordeuropäische Megalithkultur brachte von Anfang ein einen ganz eigenen Stil hervor und erreichte in der Töpferei, der Stein- und Metallverarbeitung nach Sibylle von Reden „Leistungen von einmaliger Schönheit und höchster technischer Vollendung“ (von Reden 1999, S. 140). Sie begann ab 4000 v.u.Z. Hier kommen vor allem sehr große und gut gebaute Megalithgräber (Dolmen) vor, während Menhire nicht typisch sind (vgl. von Reden 1999, S. 137f, von Reden 1978, S. 65ff).

9. Die Wartbergkultur

Die nordhessische Wartbergkultur, zu der der Menhir von Langenstein, der Wotanstein und das Grab von Züschen gezählt werden, existierte von 3500 bis 2800 v.u.Z. Sie ist nicht mit der nordeuropäischen Megalithkultur verwandt, sondern es bestehen vielmehr erstaunliche Ähnlichkeiten mit den Megalithgräbern des Pariser Beckens, auch in der Ikonographie (vgl. Kappel 1989, S. 55ff).

Untersuchungen der Skelette der Toten in den nordhessischen Steinkammergräbern von Altendorf und Calden ergaben, dass die durchschnittliche Körpergröße bei Frauen 1,57 m, bei Männern 1,62 m betrug. Die Menschen Alteuropas waren also tatsächlich recht klein. Sie wurden demnach zurecht von den später eindringen Indoeuropäern als das Kleine Volk bezeichnet. WissenschaftlerInnen fanden ausgeheilte Knochenbrüche bei einigen der Skelette, die Zähne waren häufig abgenutzt, einige wenige kariös. Das Durchschnittsalter der Toten war 32 Jahre. Von den c.a. 250 Toten des Grabes von Altendorf konnte bei 115 das Geschlecht bestimmt werden: Ergebnis: 75 männlich und 40 weiblich. Beim Grab von Calden ist das Geschlechterverhältnis fast ausgeglichen (vgl. Kappel 1989, S. 28ff und 35ff). Die Skelette des Grabes von Züschen sind größtenteils verloren und konnten deshalb nicht untersucht werden (vgl. Kappel 1989, S. 11).

10. Das Ende der Megalithkulturen und die Invasion der Indoeuropäer

Ab 2500 v.u.Z. wurde der mitteleuropäische Raum durch den Einbruch patriarchaler, kampfgewohnter beweglicher Reiter- und Hirtenvölker erschüttert, die in verschiedenen Wellen aus dem Schwarzmeergebiet bis hinauf nach Skandinavien vorstießen. Ihre Hauptwaffe waren Streitäxte, dementsprechend wurden sie Streitaxtleute genannt. Das ist vermutlich die älteste indoeuropäische Kultur in Mitteleuropa.

Die zahlreichen gespalteten Schädel bei den späten Bestattungen der Ganggräber, die Pfeil- und Lanzenspitzen, die man noch in den Skeletten steckend fand, bezeugen harte Kämpfe mit den Eindringlingen.

Die Invasoren kannten keine kollektiven Megalithgräber. Sie setzten ihre Toten vielmehr einzeln in Erdgruben bei (vgl. von Reden 1999, S. 146ff). Denn die indoeuropäischen Jenseitsvorstellungen bildeten den denkbar größten Gegensatz zu denen der Megalithkulturen. Hier gelten die Toten nur als kraftlose Schatten, die dazu verurteilt sind, mit der Erinnerung an sie ins Nichts versinken. Das kommt z.B. in den Vorstellungen vom griechischen Hades oder der germanischen Hell zum Ausdruck (vgl. Kirchner 1999, S. 109). Dem entspricht die Wirtschaftsform der Indoeuropäer, der Hirtennomadismus, der bedingt, dass die Menschen mit ihren Herden ständig umherziehen müssen und sich niemals lange an einem Ort aufhalten können, um den Totendienst zu verrichten.

In der mittleren Bronzezeit war das Einzelgrabvolk vermutlich bereits zur Herrenschicht der mittel- und nordeuropäischen Länder geworden. Der Einbruch der Streitaxt- und Einzelgrabvölker überwältigte die alte Kultur und Religion des Megalithikums; aber auch die Invasoren wurden in diesem Geschehen gewandelt. Die alteuropäischen Kulturen, die auf der religiösen Ebene vom Kult der Toten und der Großen Göttin geprägt waren, begegneten den patriarchalen indoeuropäischen Reitervölkern aus dem Osten mit ihren männlichen, kriegerischen Gottheiten. Im Mythos vom Wanenkrieg lebt noch die Erinnerung an diesen Zusammenprall. Später sind diese Kämpfe abgeflaut und die verschiedenartigen Stämme und Kulturen zu einer Einheit verschmolzen. Die Wanen, die Toten- und Fruchtbarkeitsgötter des Megalithikums hatten sich mit den Asen versöhnt und wurden gemeinsam mit ihnen verehrt, allerdings bei Dominanz der patriarchalen Asen.

Mit der Vorherrschaft der Einzelgrableute wurde der alte Brauch der Kollektivbestattung aufgegeben. Die langen Steinkisten westeuropäischer Art wurden nicht mehr errichtet, danach kamen nur noch kleine Steinkisten, die nur eine Leichte enthielten.

Die Macht der Großen Göttin war aber auch in der älteren Bronzezeit noch nicht völlig erloschen. In einem Tumulus aus dieser Epoche bei Beldorf im Kreis Rendsburg-Eckernförde kam ein Langstein zutage, in den in Linien das typische Schema der weiblichen Menhir-statuen Westeuropas eingemeißelt ist. Sie wird als die Dolmengöttin von Beldorf bezeichnet (vgl. von Reden 1999, S. 150ff).

In Nordhessen dominierte in der Bronzezeit die indoeuropäische Urnenfelderkultur, die ihre Toten verbrannte und eine mit der Asche der Toten gefüllte Urne in flachen, kreisrunden Grabhügeln beisetzte. Im Unterschied zu vielen anderen von den Indoeuropäern dominierten Regionen, in denen nur Männer in Grabhügeln beigesetzt wurden und Frauen höchstens als Witwenopfer zusammen mit ihrem Ehemann und seinen Tieren und Sklaven unter einem solchen Hügel begraben wurden, kamen hier auch Frauengräber vor (vgl. Dobiat 2010, S. 3ff).

Ende Teil III

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil XIII

Samstag, 11. Februar 2012

Göttinnen-Spiritualität

Die Göttinnenspiritualität, die auch unter den Begriffen Dianic Wicca, Thealogie, Göttinnenreligion, Pandea, Goddess-Movement, Frauenspiritualität etc. bekannt ist (wahrscheinlich gibt es zwischen diesen Begriffen Unterschiede, die mir aber nicht bekannt sind), hat ihren Anfang ungefähr in den 1970er Jahre genommen. Beeinflusst vom herkömmlichen Wicca, vom Feminismus und teilweise auch von der Matriarchatsidee (Urheber derselben ist Johann Jakob Bachofen mit seinem 1861 erschienen Werk „Das Mutterrecht“) wurde diese Bewegung von engagierten Frauen ins Leben gerufen. Zu nennen sind z. B. Mary Daly (1928 – 2010), Marija Gimbutas (1921 – 1994), Zsuzsanna Budapest, Starhawk, Barbara Walker und für den deutschsprachigen Raum Heide Göttner-Abendroth, Luisa Francia oder Ute Schiran. Neben Einzelpersonen gibt es auch zahlreiche Vereine und Gruppen, die sich der Göttinnenspiritualität verschrieben haben. Zu den größeren gehören z. B. die „Fellowship of Isis“ mit Sitz in Clonegall/Irland oder die „Sisterhood of Avalon“ mit Sitz in Glastonbury/England, wo man auch einen kleinen Goddess Temple aufsuchen kann. Die Vereinigungen der Göttinnenspiritualität veranstalten jährlich internationale Goddess-Conferences oder Goddess-Festivals.

Die Gruppen und Traditionen (auch hier gibt es verschiedene) haben eines gemeinsam: die Göttin/nen und Rituale ihr/ihnen zu Ehren und damit verbunden eine Stärkung der Frauen in spiritueller Hinsicht. Das Bild der Göttin/nen differiert von Gruppe zu Gruppe. Einige postulieren neben der Göttin (die, wie im Wicca, eine ist mit vielen Namen) einen männlichen Gefährten (der aber nicht dieselbe Verehrung genießt), andere sehen in der Göttin ein pantheistisches Prinzip, dann gibt es welche, die alle möglichen Göttinnen quer durch die Weltgeschichte ehren und letztlich gibt es auch Göttinnen-Verehrende innerhalb kulturspezifischer Heidentümer, das heißt, dass Göttinnen einer bestimmten Kultur verehrt werden. Viele Gruppen sehen in den Göttinnen weibliche Archetypen und machtvolle spirituelle Vorbilder, deren Energie und Charakter man nutzen kann, die Frauen Selbstbewusstsein geben und ihren spirituellen Weg leiten. Aber auch die „normale“ heidnische Version eines Göttinnen-zentrierten Polytheismus mit Gebeten, Hymnen und Opfergaben gibt es. Und natürlich viele Zwischenformen. Die Rituale können Wicca-ähnlich sein oder ganz neu und anders – je nach Tradition und Vorliebe.

In der Göttinnenspiritualität gibt es sowohl gemischte Gruppen als auch reine Frauengruppen. Vom Weltbild her reicht der Rahmen von aufgeklärt-feministisch bis hin zur Matriarchatsideologie. Letztere gründet im deutschsprachigen Raum vor allem auf den Arbeiten von Heide Göttner-Abendroth. Die Matriarchatsideologie wird allerdings von feministischer Seite kritisiert, da diese die Geschlechterklischees, wie sie auch im patriarchalen Denken üblich sind, postuliert, wenn auch mit einer anderen Intention: Frauen seien friedliebender, mütterlicher und daher die eigentlichen Trägerinnen der Kultur, weshalb sie das Sagen haben sollten – und – Frauen und Männer seien von Grund auf unterschiedlich und lebten in getrennten Welten. Einige Matriarchatsforscher/innen nehmen es auch mit der Geschichtswissenschaft nicht allzu genau. So wird gerne ein weltweites friedliches Matriarchat in der Urgeschichte angenommen, das dann im Laufe der Geschichte durch patriarchale Kriegerhorden zerstört worden sei. (Natürlich sind matriarchale Gesellschaftsordnungen in der Urgeschichte genauso möglich wie patriarchale oder andersgeartete (immerhin gibt es noch heute matrizentrische Kulturen). Nur bleibt es da bei Spekulationen, da archäologische Funde alleine leider kaum Rückschlüsse auf Gesellschaftsstrukturen zulassen – weder auf matriarchale noch auf patriarchale.) Abgesehen davon hat die Göttinnenspiritualität einiges für Frauen in punkto Spiritualität erreicht. Zum einen werden religiöse/magische Freiräume für Frauen geschaffen in einer von Männern dominierten spirituellen Welt. Auch für Lesben bietet diese Tradition oft ein Zuhause. Zum anderen wurden sogar Feminist/innen in monotheistischen Religionen dazu animiert, Gott auch als Göttin zu sehen. Göttinnenspiritualität und feministische Theologie dürften sich jedenfalls gegenseitig befruchten. Letztere übt auch immer wieder Kritik an den patriarchalen Strukturen innerhalb der Religionsgemeinschaften.

Zurück zu den Jahreskreisfesten. Viele Göttinnengläubige adaptieren das achtfache Jahr und gestalten die Feste so, dass jeweils passende Göttinnen im Mittelpunkt des jeweiligen Festes stehen. Die schönsten und kraftvollsten Gedichte zu den acht Jahreskreisfesten fand ich übrigens in Ute Schirans Buch „Menschenfrauen fliegen wieder“. Dianic-Wiccas verwenden auch manchmal den im Wicca-Kapitel beschriebenen Jahreskreismythos, wobei die Stelle des dynamisch durch das Jahr reisenden Gottes die Göttin einnimmt. Nicht der Gehörnte wird geboren, wächst, vergeht und stirbt sondern die Göttin, die für diesen Zweck auch oft drei Lebensalter (junge Frau, Erwachsene, Alte) durchläuft. Diese Form der Dreifaltigkeit ist nicht nur in der Göttinnenspiritualität sondern auch im Wicca beliebt. Andere legen besonderen Wert auf die Mondphasen. So stellt Luisa Francia in ihrem Buch „Mond-Tanz-Magie“ 13 Mondrituale im Jahreskreis vor. Eine ganz andere Form des Jahresfestkreises findet man in Budapests Werk „Das magische Jahr“: Die Autorin sammelte aus aller Herrinnen Länder Jahresfeste zusammen (mit Schwerpunkt „griechische Antike“), die entweder frauen- oder göttinnenbezogen waren/sind. So ist ihr Jahreskreis ziemlich voll geworden – ein wahrer Fundus an Frauen- und Göttinnenfesten!

Neodruidentum

Das moderne Druidentum oder Neodruidentum hat bereits an die 300 Jahre Tradition auf dem Buckel. Im 17. und 18. Jhdt. machten sich in Großbritannien einige Gelehrte Gedanken darüber, wer denn die Erbauer der vielen Megalithanlagen, die man auf den britischen Inseln findet, gewesen sein könnten. Sie kamen auf die Druiden, denn römisch waren diese Steine mitnichten (von den Römern hatte man ja genug Ahnung), und die moderne Archäologie, geschweige denn die Idee von einer Erde, die nicht erst biblische 6000 Jahre alt ist, war noch nicht geboren. Die Kelten waren daher die einzige Kultur, die für Britannien als Vorgänger der Römer in Frage kam. Und weil die Megalithanlagen so toll aussahen, wurden sie als Tempel interpretiert, und die Druiden waren ja nun die Priester und Weisen der Kelten, ergo mussten Stonehenge, Avebury & Co Druidentempel gewesen sein.

Diese Idee wurde erstmals vom Altertumsforscher John Aubrey (1626 – 1697) in die Welt gesetzt und erlangte durch den Privatgelehrten William Stukeley (1687 – 1765) ihre Bekanntheit. Letzterer vertrat auch die Meinung, die Lehre der Druiden hätte historische Verbindungen zu Judentum und Christentum, sei monotheistisch, hochweise und geprägt vom Humanismus gewesen. Diese Ideen – die Verbindung zu den Megalithanlagen einerseits und das humanistisch-christliche Ideal andererseits – hatten auf alle nachfolgenden Generationen von Neodruiden einen massiven Einfluss.

Seit dieser Zeit gab es immer wieder Menschen (meist Männer), die sich aus den verschiedensten Gründen als Druiden bezeichneten. Und 1772 wurde auf Anglesey auch der erste Druidenorden „Druidic Society“ gegründet, der sich vor allem der Wohlfahrt widmete, allerdings einige Jahrzehnte später sein Ende fand. Weitere Druidenorden folgten, wobei man sich in der Ordensstruktur und den Ideen oft an die Freimaurer anlehnte. Diese Gemeinschaften beschäftigten sich mit schöngeistigen Dingen, humanistischen Ideen, Musik und Literatur. (Die Rekonstruktion keltisch-heidnischer Religion blieb erst einmal außen vor, was angesichts der Selbstbeschreibung als Druiden verwundert.)

Edward Williams, alias Iolo Morganwg (1747 – 1826), brachte dann ein neues Element in die neodruidische Entwicklung: den Bezug zur bestehenden (in seinem Fall der walisischen) keltischen Kultur. Iolo Morganwg kannte sich in der walisischen Literatur sehr gut aus und war auch poetisch veranlagt. Er postulierte, dass die walisischen Barden, die bis ins Mittelalter eine reiche Tradition pflegten, ihren Ursprung in den Lehren der antiken Druiden gehabt hätten. Diese druidische Tradition soll sich durch das walisische (längst christliche!) Bardentum erhalten haben. Um dies zu beweisen, erfand er in genialer Weise Lehren und Rituale, mischte eigene Texte mit historischen und gab diese schriftstellerische Melange als echtes, altes, druidisch/bardisches Wissen aus. Iolo Morganwg gilt deshalb als einer der größten Literaturfälscher der britisch-walisischen Geschichte.

Nichtsdestotrotz hatte sein Werk, das sich vor allem im Buch „The Barddas“ niederschlägt (und heute netterweise im Internet unter „Sacred Texts“ zu finden ist), eine enorme Wirkung auf das neue Druidentum. Seine Ideen finden sich in vielen verschiedenen Druidenorden wieder. Auf Wales hatte Morganwgs Werk eine den Patriotismus fördernde, selbstbewusstseinsstärkende Wirkung. (Die inselkeltischen Länder waren wegen der britischen Politik nicht gerade gut auf diese zu sprechen – und Iolo hasste die Engländer ebenfalls.) Er erfand das Ritual des Gorsedd, eine Versammlung von walisischen Barden, welche bis heute besteht und eine wichtige Funktion bei den jährlichen „Eisteddfod“ genannten Musik- und Dichterfestivals inne hat. Diese Festivals ziehen unzählige Besucher/innen an und sind mittlerweise untrennbar mit Wales verbunden.