Mit ‘Heilmittel’ getaggte Artikel

Mistel – Schmarotzer, die zum Küssen verführen

Samstag, 26. Dezember 2015

In der laubfreien Zeit sind sie wieder besonders gut zu erspähen – die Mistel, oder auch Viscum album (Weißbeerige Mistel). Meist in den oberen Regionen der Baumkronen angesiedelt ziert das parasitäre Sandelholzgewächs sowohl Laub- als auch Nadelbäume. Um die Mistel ranken sich verschiedene Mythen, sie fand und findet Verwendung als Heilmittel, aus Amerika kommt der Weihnachtsbrauch sich unter dem Mistelzweig zu küssen und besonders in den Rauhnächten wird sie zum Räuchern verwendet.

Vögel gehen ihr auf dem Leim

Im Volksmund ist sie unter anderem unter den Namen Hexenbesen, Hexen- oder Trudennest beziehungsweise Vogelleimholz bekannt. Der letzte Namen bezieht sich auf die Verwendung vorwiegend der Eichenmistel bei der Vogeljagd. Ein Teil der Früchte wurde und wird zur Herstellung von Vogelleim verwendet, der in einigen europäischen Ländern noch immer beim Vogelfang eingesetzt wird. Der klebrige Schleim der Mistelbeeren wird dabei auf Ästen angebracht und wenn sich die Vögel darauf niederlassen bleiben sie kleben und können eingefangen werden. Vielleicht kommt daher auch der Ausspruch „Jemanden auf den Leim gehen“ – wer weiß.

Früchte der Weißbeerigen Mistel (Botanischer Garten, Karlsruhe)

Früchte der Weißbeerigen Mistel (Botanischer Garten, Karlsruhe)

Dieser klebrige Schleim kommt daher, dass die Mistelfrüchte keine Samenschalen bilden, sondern die Samen von einer klebrigen Schicht, die unter anderem aus Cellulose und Pektinen besteht, umschlossen werden. Dieser Schleim hilft der Mistel auch bei der Verbreitung, die vorwiegend durch Vögel passiert. Die klebrigen Samen bleiben an den Schnäbeln haften und werden später an anderen Zweigen abgestreift. Werden die Samen von den Vögeln gefressen, dann wird die klebrige Schicht nicht vollständig verdaut und beim Ausscheiden bleibt der Samen dadurch trotzdem gut an Ästen kleben.

Familienzugehörigkeit

Im Unterschied zur Weißbeerigen Mistel hat die Eichenmistel gelbe Beeren und gilt als eigene Gattung. Das Verbreitungsgebiet der Viscum album sind hauptsächlich Mittel- und Südeuropa, sowie Südskandinavien. Wohingegen die Eichenmistel vermehrt in Südosteuropa, Mittel- und Osteuropa und Kleinasien verbreitet ist. In Österreich beschränkt sich ihr Vorkommen hauptsächlich auf Ober- und Niederösterreich, Wien, Steiermark und das Burgenland. In den Voralpengebieten gilt sie als gefährdet. Im Unterschied zur Eichenmistel findet man die Weißbeerige Mistel auf unterschiedlichen Laubbäumen, zu denen unter anderem Apfelbäume, Linde, Birken, Weiden und Pappeln zählen. Aber auch auf Bäumen wie den Weißdorn, der Robinie und der Hainbuche findet man sie recht häufig. Die Eichenmistel ist nicht nur an den gelben Beeren von der Weißbeerigen Mistel zu unterscheiden. Sie ist auch sommergrün und ihre Äste sind ab dem zweiten Jahr braun bis schwarzgrau – im Gegensatz dazu bleiben die der Weißbeerigen Mistel grün.

Die Viscum Album kann man nach der unterschiedlichen Wirtsbaumart in verschiedene Unterarten einteilen – die Laubholz-Mistel, die Tannen-Mistel (hauptsächlich auf Weißtannen), die Kiefern- beziehungsweise Föhren-Mistel (häufiger auf Kiefern und seltener auf Fichten oder Lärchen) und die Kretische-Mistel (kommt nur auf Kreta und hier auf der Kalabrischen Kiefer vor). Als eigene Arten (neben der Eichenmistel) gelten heute auch noch die Koreanische oder die Japanische Mistel.

Weißbeerige Mistel

Weißbeerige Mistel

Schnorrer auf dem Dach

Wie kommt jetzt die Mistel zu ihren Wirtsbäumen? Sie zählt zu den Halbschmarotzern – das bedeutet, dass sie eigentlich nur auf das Wasser und darin enthaltene Nährstoffe des Wirtes angewiesen ist. Der Keimling setzt direkt an der Sprossachse des Wirtsbaumes an und bildet einen Saugfortsatz aus, der durch die Rinde wächst und hier zwischen Holz und Rinde Stränge ausbreitet. Der Hauptsaugfortsatz entwickelt sich mit der Zeit zur Primärwurzel und daraus entwickeln sich wieder die sogenannten Senkerwurzeln, die das Versorgungsleitungsgewebe der Wirtspflanze anzapfen. Erst wenn dieses Ziel erreicht ist entwickelt sich die Mistel weiter. Sie bildet dann kugelige Buschen von einem Durchmesser bis zu einem Meter aus und kann bis zu 70 Jahre alt werden. Das Wachstum der Viscum album ist sehr langsam – bei einer Astlänge von ca. 50 Zentimeter ist die Pflanze schon cirka 30 Jahre alt. Eine Besonderheit ist auch, dass die Mistel ab der Keimung voll photosynthetisch aktiv ist und daher in diesem Entwicklungsstadium einige Jahre überdauern kann – zum Beispiel wenn die Saugwurzeln die Leitungsbahnen der Wirtspflanzen nicht erreichen können. Wie einleitend erwähnt ist die Weißbeerige Mistel ein Halbschmarotzer und sie müsste daher dem Wirtsbaum nur Wasser und Mineralsalze entziehen. Warum sie dennoch die Leitungsbahnen für die organischen Substanzen des Baumes anzapft und ob sie ihm dabei auch andere Nährstoffe entzieht ist noch immer Gegenstand kritischer Diskussionen unter den Biologen.

Keimlinge einer Mistel

Keimlinge einer Mistel

Giftig und heilsam zugleich?

Die Mistel gilt als giftig, wobei einige Arten beziehungsweise Bestandteile giftiger sind als andere. Viscum Album von Pappel, Robinie, Linde, Walnuss und Ahorn sind am Giftigsten und die vom Apfelbaum als am wenigsten giftig. Die Blütenknospen und Früchte haben ihren höchsten Giftgehalt im Winter und die Blätter erhöhen ihre Dosis bereits im Herbst. Dieser Giftgehalt muss man bei der Verwendung der Mistel zu Heilzwecken besonders beachten.

Die jungen Zweige mit Blättern, Blüten und Früchten dienten und dienen als Heildroge und werden traditionell als Misteltee oder als Fertigpräparat mit Mistelextrakten zur Unterstützung des Kreislaufes und als Vorbeugung der Ateriosklerose eingenommen, wobei diese Anwendungen in der Wissenschaft auf Skepsis stößt.

Was allerdings auch in der westlichen Medizin gut aufgenommen wird, sind die Präparate aus frischem Mistelkraut, die zum Beispiel bei entzündlich-degenerativen Gelenkserkrankungen, Bandscheibenerkrankungen oder Arthrosen herangezogen werden. Und dann gibt es noch die sogenannte Misteltherapie die hauptsächlich in Österreich, Deutschland und der Schweiz verbreitet und in der alternativ- und komplementärmedizinischen Krebsbehandlung zum Einsatz kommt. Dazu werden Extrakte der Weißbeerigen Mistel nach der antiken Signaturlehre herangezogen. Da auch Krebs als „Parasit“ im menschlichen Körper empfunden wird und die Mistel in ihrer „Lebensart“ diesem entspricht wird sie zur Heilung desselben verwendet. Trotz langjähriger Forschung und Anwendung der Mistelpräparate konnte keine Heilung von Krebs oder eine Hemmung des Tumorwachstums nachgewiesen werden. Was allerdings schon nachweisbar ist, ist die Verbesserung der Lebensqualität bei paralleler Anwendung von Chemotherapie und Mistelpräparate zum Beispiel bei Brustkrebspatientinnen.

Querschnitt Mistelzweig mit Wurzeln in einem Wirtsbaum

Querschnitt Mistelzweig mit Wurzeln in einem Wirtsbaum

Mythologisches Heilmittel, Fruchtbarkeitssymbol, Schutz und ewige Liebe

Im Altertum wurde die Mistel als Heilmittel und für kultische Handlungen von den Druiden benutzt. Laut Plinius war den keltischen Priestern besonders die selten vorkommende Eichenmistel heilig. Aufgrund ihrer immergrünen Erscheinungsart wurde sie bei den Kelten und Germanen auch als Fruchtbarkeitssymbol verehrt. Dies wird ihr angeblich auch heute noch in der Schweiz nachgesagt.

Abseits der Medizin wird der Mistel eine schützende Wirkung nachgesagt, was dazu führt, dass sie in manchen Gegenden besonders zur Zeit der Wintersonnenwende (oder als Weihnachtsschmuck) an Türen und Dächern angebracht wird. Ein weiterer Brauch aus dieser Jahreszeit ist das Küssen unter dem Mistelzweig – wen zwei dies tun dann soll aus ihnen ein besonders glückliches Liebespaar werden.

Weiters soll die Mistel hauptsächlich auf Bäumen wachsen die an „schwierigen“ Standorten (vermehrte Erdstrahlung, Wasseraderkreuzungen, etc.) stehen. Dies soll bewirken, dass sie beim Verräuchern „negative“ Schwingungen in positive umwandelt.

Wie ihr seht, ist die Mistel also ein sehr vielfältig einsetzende Gewächs deren Geheimnisse noch immer nicht alle entdeckt sind. Daher finde ich sie als sehr passende Pflanze für die Zeit der Wintersonnenwende und der Rauhnächte – mögen auch wir unsere vielfältigen Talente und Gaben entdecken und einsetzen. In diesem Sinne wünsche ich euch entspannte Feiertage und einen guten Start ins neue Kalenderjahr!

Quelle:
Unterlagen Ausbildung zum Natur- und Landschaftsführer – LFI St. Pölten
www.wikipedia.at

Metall des Lichts – 2000 Jahre Heilung durch Gold

Samstag, 23. Mai 2015

„Aurum metallicum“ pflegte man es zu nennen – „Metall des Lichtes“. Abgesehen von den endlos vielen Möglichkeiten, die es der Schmuckindustrie bietet, war Gold bereits schon vor 2000 Jahren ein heiß begehrtes Medikament. In der Tat ist es eines der ältesten bekannten Heilmittel überhaupt und bis heute wird es in den unterschiedlichsten Bereichen der Medizin eingesetzt. Beispielsweise kann man Zahnfüllungen oder so genannte Inlays aus Gold herstellen lassen. Eine besondere Bedeutung kommt dem Gold aber in der Homöopathie zu. Dort wird es bei Depressionen, Angstzuständen, allgemeiner Erschöpfung sowie Rheumaerkrankungen eingesetzt.

Und tatsächlich wurde die Wirkung belegt

Zwei Universitäten in den USA und Schweden (Duke University, Durham, USA & Karolinska-Institut, Stockholm, Schweden) nahmen dies zum Anlass, eine ausführliche Studie durchzuführen, um die Heilwirkung des Goldes und vor allen Dingen die Ursache jeder Wirkung, zu erforschen und belegen zu können. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Organische Goldverbindungen können den Austritt entzündungsfördernder Stoffe aus den Zellen des menschlichen Körpers verhindern. Aufgrund dieser Wirkung werden Medikamente mit goldhaltigen Verbindungen bei Rheuma eingesetzt.

Die Aufbereitung der heutigen, modern hergestellten Arzneien aus anorganischen Goldsalzen wie Goldchlorid, kann allerdings zu starken Nebenwirkungen wie Hautreaktionen und Leberschäden führen. Dies ist vor allem bei Injektion solcher Verbindungen möglich, während eine heilende Wirkung eventuell erst nach Monaten einsetzt. Doch auch wenn die Verabreichung daher auf anderem Wege passieren sollte, sind doch die Ergebnisse für die Forscher von erheblicher Bedeutung, da auf dieser Basis ein gezielterer Einsatz der Stoffe möglich werden könnte.

Alchemistisch aufbereiteten Gold-Essenzen wurde im Vergleich dazu seit je her eine außergewöhnliche Heilkraft zugesprochen. Es wird vermutet, dass es damals gelang, Arzneien aus heute unbekannten organischen Goldverbindungen herstellen die entweder frei von den oben angeführten Nebenwirkungen moderner Goldsalze waren oder diese zumindest nur sehr abgeschwächt auftraten. Leider ist das Wissen um die Herstellung dieser ursprünglichen Heilmittel verloren gegangen, womit alle Behauptungen in diesem Zusammenhang definitiv im Bereich der reinen Spekulation anzusiedeln sind.

Kolloidales Gold

Die Bezeichnung „kolloidal“ kommt aus dem Griechischen und wird von „kolla“ (Leim) und „eidos“ (Aussehen, Form) abgeleitet. Kolloidales Gold ist flüssig oder als Gel erhältlich. Es handelt sich um Dispersionen, in denen winzige Goldpartikel schweben, welche in Homöopathie und Alternativmedizin eingesetzt werden. Es hilft angeblich bei Krankheiten ganz allgemein, in dem es Energieblockaden lösen soll. Demnach unterstützen Goldpartikel den Körper dabei, die Energien wieder zum Fließen zu bringen, was sich natürlich positiv auf jeden Heilungsprozess auswirkt. Man sagt kolloidalem Gold auch eine Gewebe verjüngende Wirkung nach. Auch soll es eine positive und ausgleichende Wirkung auf unser Drüsensystem und den Elektronenfluss haben, den Stoffwechsel ankurbeln und die Aufnahme von Nährstoffen verbessern. Sogar bei sexuellen Funktionsstörungen soll es regulativ anwendbar sein und im Allgemeinen die Nerven beruhigen. Ob die Nervenberuhigung jetzt durch das Schlucken von Goldkolloid-Wasser oder das Kaufen eines wertvollen Goldringes als Wertanlage passiert, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, hier eröffnet uns das Gold mit Sicherheit viele Möglichkeiten.

Armer Gollum – ob er es schon wusste?

Und wenn wir schon von Ringen reden: Wir alle kennen ihn wohl, den kleinen fiesen Gollum, einst ein harmloser Hobbit, der nur noch gierig seinem „Schatz“ durch alle Widrigkeiten hinterher hetzt. Ob er nun um die Heilwirkung seines Ringes wusste oder nicht, leider hat der Kleine nun mal Pech gehabt und seine Gier hat ihn ins Verderben gestürzt. Doch wer schon jemals nach einem passenden Ehering gesucht hat, kann vielleicht die „winzige“ Obsession, die so ein kleines Stück Gold auf einen ausüben kann, verstehen. Gefühlte Millionen verschiedener Modelle und Meinungen später, hat man hoffentlich sein lebenslanges Schmuckstück gefunden und was kann einem das – sofern man sich für Gold entschieden hat – nun abgesehen vom Bund fürs Leben alles bringen? Auch auf der Haut getragen, entfaltet Gold eine durchaus positive Wirkung. So ergaben Forschungen zudem, dass es den Zustand der roten Blutkörperchen verbessert und dazu führt, dass der Körper Umweltgifte schneller und besser ausscheiden kann. Auf der Haut getragen wirkt sich das Gold vor allem auch regulierend auf unsere Chakren-Energie aus. Dies führt zu einer allgemeinen Ausbalancierung und Verbesserung unseres physisch-emotionalen Gleichgewichts. Irgendwie kann man sagen, dass Gold in jeder Hinsicht ein äußerst attraktives Wundermittel zu sein scheint. Ich würde sagen, es ist auf jeden Fall eine Versuchung wert.

Quellen: http://www.welt.de/wissenschaft/article1316229/Uraltes-Heilmittel-Gold-wird-jetzt-erklaert.html;
http://www.weingraber.info/Kolloidales_Gold.pdf;
http://www.horusmedia.de/2012-aurum/aurum.php;

Bildquellen: http://www.wochenblatt.de/nachrichten/welt/China-Hirte-im-Glueck-findet-Acht-Kilo-Goldklumpen;art29,288725;
http://thevpo.org/tag/gollum/

Verweis auf Studie:
„Pivotal Advance: Inhibition of HMGB1 nuclear translocation as a mechanism for the anti-rheumatic effects of gold sodium thiomalate“, 2007 (im Journal 2008);
Departments of Woman and Child Health, Pediatric Rheumatology Research Unit, and Medicine, Rheumatology Unit, Karolinska Institutet/Karolinska University Hospital, Stockholm, Sweden;
Division of Rheumatology and Immunology, Department of Medicine, Duke University, Durham, North Carolina, USA; and Surgery and Bioengineering, DAMP Laboratory, University of Pittsburgh, Pittsburgh, Pennsylvania, USA
Autoren: Cecilia K. Zetterström, Weiwen Jiang, Heidi Wähämaa, Therese Östberg, Ann-Charlotte Aveberger, Hanna Schierbeck, Michael T. Lotze§, Ulf Andersson, David S. Pisetsky and Helena Erlandsson Harris;
Quelle: http://www.jleukbio.org/content/83/1/31.full?sid=b8f7e357-6c8d-42da-ab87-a3fc7254de70
im: Journal of Leukocyte Biology

Quellen: http://www.welt.de/wissenschaft/article1316229/Uraltes-Heilmittel-Gold-wird-jetzt-erklaert.html#
http://www.weingraber.info/Kolloidales_Gold.pdf
http://www.horusmedia.de/2012-aurum/aurum.php

Verweis auf Studie:

„Pivotal Advance: Inhibition of HMGB1 nuclear translocation as a mechanism for the anti-rheumatic effects of gold sodium thiomalate“, 2007 (im Journal 2008)

Departments of Woman and Child Health, Pediatric Rheumatology Research Unit, and Medicine, Rheumatology Unit, Karolinska Institutet/Karolinska University Hospital, Stockholm, Sweden;

Division of Rheumatology and Immunology, Department of Medicine, Duke University, Durham, North Carolina, USA; and

Surgery and Bioengineering, DAMP Laboratory, University of Pittsburgh, Pittsburgh, Pennsylvania, USA

Autoren: Cecilia K. Zetterström, Weiwen Jiang, Heidi Wähämaa, Therese Östberg, Ann-Charlotte Aveberger, Hanna Schierbeck, Michael T. Lotze§, Ulf Andersson, David S. Pisetsky and Helena Erlandsson Harris

Quelle: http://www.jleukbio.org/content/83/1/31.full?sid=b8f7e357-6c8d-42da-ab87-a3fc7254de70

im: Journal of Leukocyte Biology

Look like a Distel … die Wilde Karde

Samstag, 06. April 2013

Heute stelle ich euch eine Pflanze vor, der ich (und wahrscheinlich auch ihr) bei meinen Spaziergängen immer wieder begegne. Allerdings fällt sie mir persönlich meist im verblühten Stadium auf und weniger wenn sie in ihrem vollen Glanz steht. Meist ist sie durch ihre auffällige Höhe mit der sie viele der anderen Pflanzen in ihrer Umgebung überragt und dem kratzigen, eiförmigen „Kopf“ in dieser Phase schon von weitem zu sehen. Immer wieder dachte ich mir, dass ich mal nachschauen muss wie diese Pflanze heißt und was es über sie so zu lesen gibt. Oft habe ich darauf vergessen, aber bei der Durchsicht meines Fotoarchivs auf der Suche nach einem Artikelthema bin ich wieder über sie gestolpert und habe jetzt (endlich) mal angefangen über sie zu recherchieren.

abgestorbener Blütenstand der Wilden Karde

abgestorbener Blütenstand der Wilden Karde

Durstige „Distel“

Die Wilde Karde – Dipsacus sativus (Dipsacus fullonum bzw. Dipsacus sylvestri) sieht aus wie eine Distel, ihr Name leitet sich von „Carduus (=Distel) ab, aber sie bildet trotzdem eine eigene Pflanzenfamilie – die Kardengewächse (Dipsacaceae). Der Name der Pflanzenfamilie leitet sich aus dem griechischen „dipsa“ für Durst ab und bezieht sich auf die zusammengewachsenen Blätter im Bereich des unteren Stängels, auf deren Funktion ich später noch eingehen werde. Im Volksmund nennt man die Karde auch noch Igelkopf, Immerdurst, Kardätschendistel, Kratzkopf, Venusbecken oder auch Weberdistel. Einige dieser Namen weisen auf den Gebrauch der getrockneten, stacheligen Kardenköpfe hin, die zum „Karden“ (=Kämmen) der Wolle vor dem Spinnen zum Garn bzw. auch zum Aufrauen und damit zum Abdichten von Stoffen verwendet wurden. Diese Verwendungsmöglichkeiten lassen sich bis in die ältere Eisenzeit (Hallstattzeit) zurückverfolgen.

Grundsätzlich ist die Karde in ganz Europa verbreitet, liebt wärmere Standorte und ist im Tiefland eher selten beziehungsweise ab einer Höhe von 1000 Meter nicht mehr zu finden. Sie bevorzugt sowohl stickstoffhaltige und kalkreiche als auch humose Böden . Gleichzeitig können es auch Lehm- oder Tonböden sein, was aus der Karde auch eine Zeigerpflanze für diese Böden macht. Am häufigsten ist sie auf Schuttböden, Bahndämmen, Weiden und allgemein auf Ruderalflächen zu finden und zählt somit auch zur Gruppe der Pionierpflanzen .

Becken der Venus und Insektenfalle

Die Karde zählt zu den zweijährigen Pflanzen. Im ersten Jahr bildet sich im Frühsommer eine Blattrosette, die aus hellgrünen, um neunzig Grad versetzt wachsende Blättern besteht. Ein Jahr darauf wächst aus dieser Rosette der Stängel der über zwei Meter hoch werden kann. Am Stängel wachsen jeweils zwei lange Blätter die sowohl miteinander als auch mit dem Stängel selbst verwachsen sind. Sie bilden eine Art Gefäß beziehungsweise Becken indem sich Regenwasser oder auch Tau sammelt. Da Wanderer aber auch Tiere daraus ihren Durst stillen konnten (und können) ist diese Besonderheit für den oben erwähnten griechischen Namen der Pflanzenfamilie verantwortlich. Einige Überlieferungen besagen, dass im Mittelalter dieses Wasser anscheinend für kosmetische Zwecke verwendet wurde. Aus dieser Zeit stammt auch einer der volkstümliche Name der Wilden Karde – Venusbecken. Heute vermuten die Botaniker, dass dieses Wasserbecken zur Abhaltung flugunfähiger Insekten, wie zum Beispiel Ameisen, dient. Dadurch wird einerseits der Befall durch Blattläuse verhindert und andererseits könnte die Pflanze dadurch auch Verwesungsstoffe als zusätzliche Stickstoffversorgung aufnehmen.

Venusbecken der Wilden Karde

Venusbecken der Wilden Karde

Nach oben hin verzweigt sich der Stängel und bildet an den verschiedenen Spitzen eiförmige, stachelige Blütenstände aus. Diese Stachelblüten sind am Anfang grün und beginnen von Ende Juni bis Ende August von der Mitte aus violett zu blühen. Die Blüten an diesem Kranz öffnen sich nicht gleichzeitig sondern die Blühzone wandert von der Mitte weg gleichzeitig nach oben und unten. Den Nektar der Blüten lassen sich hauptsächlich Hummeln und Schmetterlinge schmecken. Nach dem Verblühen stirbt die Karde ab und bleibt bis ins nächste Frühjahr als stabile, braune Trockenpflanze an ihrem Standort stehen. Im Winter sind die Samen für verschiedene Vogelarten, zum Beispiel dem Distelfink, eine beliebte Nahrungsquelle und die Wurzeln werden bei Wühlmäusen als Delikatesse angesehen. Die getrockneten Blütenstände werden auch gerne von Gärtnern und Floristen als Dekoration verwendet.

Stärkende Tinkturen für alte und neue Leiden

In der Naturheilkunde beziehungsweise der Volksmedizin wird und wurde hauptsächlich die Wurzel verwendet. Die Erntezeit dafür ist Herbst oder Frühling. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten sie zu verarbeiten – entweder sie wird zügig im Backofen bei ungefähr 40 Grad getrocknet oder es wird aus der frischen Wurzel eine Tinktur angesetzt. In letzter Zeit wurde diese Tinktur oder ein Tee aus der Wurzel der Wilden Karde vermehrt als Heilmittel bei Borreliose eingesetzt. Der Kulturanthropologe und Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl beschreibt in seinem Buch „Borreliose natürlich heilen“ die von ihm selbst erprobte Wirkung der Karde als Antibiotika-Alternative in Kombination mit verschiedenen anderen therapeutischen Maßnahmen .

Blütenstand der Wilden Karde

Blütenstand der Wilden Karde

Generell soll die Kardenwurzel das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Verdauung stärken, sie wird bei Kopfschmerzen aber auch bei Arthritis, Gicht und Rheuma eingesetzt. Die Wirkstoffe der Wilden Karde – Bitter- und Gerbstoffe, Glykoside, Inulin, Kalisalze, verschiedene organische Säuren, Saponine und Tannin – wirken antibakteriell, entgiftend, harn-, galle- und schweißtreibend sowie blutreinigend. Die chinesische Kräuterheilkunde setzt die Wurzel der Chinesischen Karde (Xu Duan) zur Unterstützung bei Leber-Blut-Schwäche und zur Stärkung bei Nierenessenzmangel ein. Äußerlich lässt sich die abgekochte Kardenwurzel oder die verdünnte Tinktur auch bei verschiedenen Hautkrankheiten anwenden. Im Mittelalter wurde sie bei Schrunden und Warzen beziehungsweise angeblich auch zum Bleichen von Sommersprossen verwendet. Die getrockneten Pflanzenteile wurden zu dieser Zeit auch als wasserlöslicher Ersatz für den Farbstoff Indigo eingesetzt.

Bei meiner Recherche hab ich mir fest vorgenommen heuer die Wilde Karde auch schon im Frühjahr und Sommer an ihren Standorten zu besuchen. Und irgendwann wird auch sicher das Wetter wieder schön werden um diesen Plan in die Tat um zu setzen.

Quellen:
Kursunterlagen Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten
www.wikipedia.at
www.heilkrauter.de
www.natur-lexikon.com
www.donauauen.at
www.sein.de

Die Heißlände als Ein- und Auswanderungsgebiet – Donau, Traisen und die Au – Teil 3

Samstag, 13. Oktober 2012

Überall dort wo es noch einen einigermaßen natürlichen Flusslauf gibt, sind immer wieder mal Schotterbänke, meist an den Randzonen der Flüsse zu sehen. Diese Zonen werden in  Österreich Heißländen und in Deutschland Brennen genannt. Sie werden einerseits durch die normalen Ablagerungen des Flusses (mitgeführter Schotter z.B. aus dem Quellgebiet) und andererseits durch den angeschwemmten Schotter bei Hochwasserereignissen gebildet. Solche Aufschüttungen bestehen aus wasserdurchlässigem und normalerweise nährstoffarmen Material, wo sich eine dünne Humusschicht erst mit der Ansiedlung von verschiedenen Pflanzen bildet. Durch die Überdüngung des Bodens gelangt allerdings immer mehr nähstoffreiches Material in die Flüsse, und dieses lagert sich auch in den Heißländen ab.

Copyright Rothani

Heißlände in der Traisen

Die ersten Siedler sind trockenheitsresistente, krautige Pflanzen denen anspruchsvollere folgen. Sobald die ersten Gehölze aufkommen und mit ihren Wurzeln Anschluss an das Grundwasser finden, wächst die Heißlände zu und wird zum Vorwald.

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Heißlände mit krautigem Bewuchs

I’m sexy and i know it …

Eines der ersten Gewächse, die die mittlerweile nährstoffreichere Heißlände bevorzugt, ist das Indische oder Drüsige Springkraut – Impatiens glandulifera. Wie der Name schon nahe legt, stammt diese Pflanze ursprünglich aus dem Himalaya-Gebiet, genauer gesagt aus Kaschmir und wurde im 19. Jahrhundert gezielt als Zier- und Gartenpflanze nach England eingeführt. Mittlerweile hat sie sich zu einem nicht mehr so gern gesehenen Gast in der freien Natur entwickelt. Das Drüsige Springkraut verfügt über etliche Verbreitungsmechanismen und ist dadurch in der Lage, viele der heimischen Pflanzen, wie zum Beispiel die Brennnessel, zu verdrängen.

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Indisches bzw. Drüsiges Springkraut

Das Indische Springkraut ist zwar nur eine einjährige Pflanze, aber sie erreicht in kürzester Zeit eine Wuchshöhe von bis zu 2 Meter und kann so etliche andere Pflanzen überdecken. Weiters produziert sie pro Stunde und pro Pflanze 40 mal so viel Nektar wie eine vergleichbare heimische Pflanze – dies merken sich auch die natürlichen Bestäuber wie z.B. die Hummel, die über ein ausgezeichnetes Langzeitgedächtnis bezüglich Futterpflanzen verfügt. Durch dieses Überangebot an Nektar wirkt das Indische Springkraut auf die bestäubenden Insekten um einiges sexuell attraktiver als der Rest der Pflanzen in ihrem Umkreis. Einen weiteren Vorteil sichert ihr die Verbreitung ihrer Samen durch einen Schleudermechanismus, der schon durch einen Regentropfen ausgelöst werden kann. Die Samen können bis zu 7 Meter weit weg geschleudert werden. Die Samenproduktion einer Pflanze liegt zwischen 1600 und 4300 Samen, und diese können bis zu 5 Jahre im Boden keimfähig bleiben. Zusätzlich können abgerissene Pflanzenteile, die durch Wind oder Wasser fortgetragen werden jederzeit wieder im Boden wurzeln.

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Bestäuber bei der Arbeit

All diese Mechanismen haben dazu geführt, dass das Indische Springkraut vielerorts als Bedrohung angesehen wird. Durch eine tiefe Mahd bzw. das Ausreißen der Pflanzen vor der Samenreifung und einer anschließenden Kompostierung können die Bestände aber sehr wohl in Zaum gehalten werden. Allerdings wäre ein Rückgang der Düngung und somit eine Reduzierung des Nährstoffgehaltes in unseren Flüssen viel effektiver. Dadurch hätte die heimische Flora die Möglichkeit, sich selbst gegen solche Neophyten wie das Drüsige Springkraut durch zu setzen.

Evolution goes on …

Eine weitere krautige Pflanzengattung, die die Heißländen, aber auch die normalen Uferzonen bzw. auch Bahndämme bevorzugt, ist die Goldrute – Solidago. In Europa war ursprünglich nur die Echte Goldrute beheimatet, aber der Bestand wurde durch die aus Amerika eingewanderte Riesen Goldrute – Solidago gigantea bzw. die Kanadische Goldrute – Solidago canadensis erweitert. Wie das Indische Springkraut zählt auch die Kanadische bzw. die Riesen Goldrute zu den invasiven[1] Neophyten, da sie andere Pflanzen, die eine enge Standortwahl haben und die damit verbundene Fauna verdrängen. Andererseits dient sie auch den Insekten, die sich an das veränderte Angebot angepasst haben als Nahrungsquelle. Solche Pflanzen beschleunigen zwar den Artenwandel in einem ökologischen System, auf der anderen Seite haben sie aber erst durch schon vorhandene Störungen (wie das aktive Eingreifen des Menschen) und Landschaftsschäden überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich in diesem Maße auszubreiten.

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Goldrute

Generell werden die Pflanzen der Gattung Goldrute als harntreibende Mittel eingesetzt, weil sie die Wasserausscheidung im Körper fördern. Die Kanadische Goldrute wird auch als Färberpflanze verwendet.

Eine Pflanze wandert aus …

Auch der Gewöhnliche Blutweiderich – Lythrum salicaria ist auf der Heißlände beheimatet. Er wurde als Heil- und Gartenpflanze im 19. Jahrhundert von Europa nach Amerika eingeführt und gilt dort mittlerweile als lästiges Unkraut – obwohl nicht festgestellt werden konnte, dass er (wie bei andere Neophyten üblich) heimische Arten aus ihrem ökologischen System verdrängt.

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Gewöhnlicher Blutweiderich

Durch den hohen Gerbstoffgehalt besitzt die Pflanze blutstillende, harntreibende und bakterizide Eigenschaften, die quer durch die Jahrhunderte von der Volksmedizin genutzt wurden. Als Heilmittel wurde der Blutweiderich bei Ekzemen, Durchfall, Blutspeien, Ruhr und auch bei Choleraepidemien eingesetzt. Früher wurden Teile der Pflanze auch in Notzeiten dem Speiseplan hinzugefügt. Untersuchungen der Landbevölkerung im mediterranen Raum haben gezeigt, dass der Blutweiderich auch gegen Diabetes (Typ 2) schützt. Der Blutweiderichsaft wurde auch zum Gerben von Leder und zum Imprägnieren von Holz und Seilen gegen das Faulen im Wasser verwendet.

Und die Moral von der Geschicht …

Wie ihr hier in diesem Artikel sehen könnt, hat der Mensch wieder einmal einen großen Part in der Evolution übernommen. Einerseits durch das aktive Einführen von ursprünglich nicht heimischen Pflanzenarten und durch die Veränderung des Nährstoffgehaltes im Boden (Stichwort Düngung). Andererseits durch den Rückbau von Flüssen, was zur Wiedergewinnung von Landschaftsräumen für spezielle Pflanzen und Tieren führt. Vieles spielt bei der ökologischen Entwicklung zusammen – einige Auswirkungen kann man in einem ziemlich kurzen Zeitraum beobachten, und andere zeigen sich erst in etlichen Generationen. Meiner Meinung nach lässt sich dieses System nicht mehr in seinen ursprünglichen Zustand zurück versetzen – die „gute, alte Zeit“ ist vorbei!

Die von uns ausgelösten Veränderungen können meiner Meinung nach vielleicht etwas verlangsamt werden. Aber wir haben jetzt die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen und uns durch die Beobachtungen der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte bewusst machen, welche Kettenreaktionen wir auslösen, wenn wir in bestehende Systeme eingreifen. Manchmal wird es sich wahrscheinlich nicht verhindern lassen, aber manchmal ist vielleicht ein Innehalten und „Nicht-Tun“ sinnvoller.

Im nächsten Artikel möchte ich euch noch ein paar Pflanzen der Heißlände, wie zum Beispiel die Rossminze und das Seifenkraut, und der Uferzonen, wie zum Beispiel den Sumpfhornklee und die Kohldistel vorstellen.

Quellen:
Kursunterlagen Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten
www.wikipedia.at


[1] Unter invasiven Neophyten versteht man eingewanderte Pflanzen die sich zu einem Problem entwickelt haben.

Eine tolle Kirsche – Atropa belladonna

Samstag, 25. Dezember 2010

Die Liebe und der Tod – bei der Tollkirsche liegen diese zwei Erfahrungen sehr nahe beieinander. Sie wurde im Laufe der Geschichte sowohl als Aphrodisiaka als auch als Gift eingesetzt.

Schönheit, die ver-rückt

Den Gattungsnahmen Atropa legte als erster der schwedische Naturforscher Carl von Linné fest. Atropa kommt aus dem griechischen und bezieht sich auf die griechische Schicksalsgöttin Atropos, die eine der drei Parzen ist: Klotho spinnt den Lebensfaden, Lachesis zieht ihn aus und Atropos schneidet ihn durch. Auf einigen Bildern wird Atropos mit einem Tollkirschenzweig anstelle einer Schere dargestellt.

Der Name Belladonna kommt aus dem italienischen und heißt übersetzt soviel wie „schöne Frau“. Dies bezieht sich einerseits auf die frühere kosmetische Anwendung von Tollkirschensaft – Frauen träufelten sich diesen Saft in die Augen und vergrößerten sich dadurch ihre Pupillen um dem damals gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Andererseits kann der Name aber auch auf die römische Göttin Bellona zurückgeführt werden. Ihre Priester sollen bei verschiedenen Zeremonien zu ihren Ehren Tollkirschensaft getrunken haben. Mit der Ausbreitung des Christentums geriet die Göttin in Vergessenheit und der Name wandelte sich von „Bellona“ zu „bella donna“.

Atropa belladonna (Copyright Markus Dürnberger)

Atropa belladonna (Copyright Markus Dürnberger)

Bevor Linné ihr einen eigenen wissenschaftlichen Namen gab wurde die Tollkirsche unter anderem als die Rasende, Verhängnisvolle, Todbringende, Verzaubernde, Schlafbringende aber auch als Hexen- oder Mörderbeere bezeichnet. Sie wird auch Wolfsbeere oder Wolfskirsch genannt. Diese Bezeichnung bezieht sich auf die verschiedenen Erfahrungen von Menschen, die im Selbstversuch die Wirkung der Tollkirsche getestet haben. Sie erzählen von Begegnungen mit Wölfen in diesen Phasen, die sie als Wächter oder Begleiter in die Astral- oder Anderswelt erlebt haben.

Der deutsche Name Tollkirsche bezieht sich auf ihre „doll“ machende Wirkung – „doll“ kann mit „geil“ übersetzt werden, was sich auf die Wirkung als Aphrodisiakum bezieht. Durch ihre halluzinogene Wirkung verursacht sie allerdings auch „Tollheit“ im Sinne von Verrücktheit.

Bevor wir uns jetzt weiter mit der Wirkung der Tollkirsche beschäftigen möchte ich noch kurz auf ihr Aussehen und Vorkommen eingehen.

Verwechslungen kommen teuer zu stehen

Als mehrjähriges, staudenartiges Gewächs kann die Tollkirsche bis über eineinhalb Meter hoch werden. Die violetten bis bräunlichen Blüten sind glockenförmig und wachsen aus einem fünfzipfeligen Kelch. Die Frucht sind schwarze Beeren die leicht mit der Schwarzkirsche (Traubenkirsche) verwechselt werden kann und enthält einen stark violett färbenden, süßen Saft. Die Blütezeit reicht von Juni bis August (vereinzelt bis in den Oktober) und die Beeren bilden sich von August bis September.

Alle Teile der Tollkirsche (Wurzeln, Blätter, Blüten und Früchte) sind hochgiftig und enthalten als Hauptbestandteil Atropin und L-Hyoscyamin. Die frische Pflanze enthält hauptsächlich Hyoscyamin das sich bei der Trocknung in Atropin wandelt.

Atropa belladonna (Copyright Markus Dürnberger)

Atropa belladonna (Copyright Markus Dürnberger)

Atropa belladonna kommt in Europa (Mittel-, West- und Südeuropa, Irland, Dänemark und Schweden), Kleinasien (Iran und Balkan) und heute auch in Nordafrika vor. In Griechenland ist sie hauptsächlich in bergigen Gebieten verbreitet. In den Alpen findet sie sich bis in einer Höhe von 1700 Metern. Die Tollkirsche bevorzugt schattige Plätze auf kalkreichen Böden an Waldrändern, Waldwegen und Lichtungen und in Laubwäldern. Da sie allerdings sehr anpassungsfähig ist findet sie sich mitunter auch in der prallen Sonne in Großstädten.

Giftige Schönheit die verzaubert

In der botanischen Literatur findet sich die Tollkirsche ab dem 15. Jahrhundert und wird als Gift- und Zauberpflanze beschrieben. Sie wird unter anderem zur Herstellung von Flug- und Hexensalben verwendet, die aber wegen ihrer Giftigkeit seltener angewendet wird als zum Beispiel der Stechapfel.

Ein weiteres Einsatzgebiet im Laufe der Geschichte findet sie als Kriegstoxikum. In der Steinzeit wurde sie als Pfeilgift verwendet und in späterer Zeit verschiedenen alkoholischen Getränken beigefügt. Mit diesen Gebräuen wurden die Feinde umgebracht oder ruhiggestellt.

Als Beispiel dient hier die überlieferte Geschichte von der Vernichtung der Armee des dänischen Königs Swenos nach der Invasion in Schottland. Die Schotten hatten den Dänen, wie in einem Waffenstillstandabkommen vereinbart, Met ins Lager geschickt. Dieser war allerdings mit Tollkirschensaft vermischt und machte die Dänen so betrunken, dass die Schotten über sie herfallen konnten und viele im Schlaf getötet wurden.

Das letzte Mal kam das Atropin der Tollkirsche 1943 zum Einsatz. Die Alliierten erfuhren, dass die Deutschen ein geruch- und farbloses Nervengift herstellten, das in kürzester Zeit zum Tod führte. Das einzige Gegengift stelle Atropin dar und so wurden große Mengen aus der Tollkirsche gewonnen. Das Gegengift wurde allerdings nie gebraucht, da das Gift von den Deutschen im Kampf nicht eingesetzt wurde.

In der Volksmedizin wurde sie in der Antike als Schmerzmittel und als Psychopharmaka verwendet. Ihre Blätter und Beeren fanden Anwendung als Mittel unter anderem gegen Gelbsucht, Husten, Epilepsie, Scharlach, Hautkrankheiten, Masern, Röteln, Geschwüre, Bluthochdruck, Hitzewallungen und Nierenkoliken. Trotz dieser vielfältigen Anwendbarkeit wurde sie in der volksmedizinischen Praxis relativ selten verwendet. Für die Schulmedizin wurde sie, durch ihre Pupillen erweiternde Eigenschaft zuerst in der Augenheilkunde interessant. In Bulgarien verwendete ein Kräutersammler die Tollkirsche für die Heilung der chronischen Gehirngrippe (Parkinson). Diese Anwendung fand unter dem Namen „Bulgarische Kur“ ihre Verbreitung, war aber wegen ihrer häufig auftretenden Nebenwirkungen (Mundtrockenheit, Sehstörungen, …) nicht ganz einfach zu handhaben.

Atropa belladonna(Copyright Markus Dürnbergr)

Atropa belladonna(Copyright Markus Dürnbergr)

Die heutige Medizin verwendet das Atropin der Tollkirsche vor allem in der Augenheilkunde und in der internistischen und chirurgischen Notfallmedizin. Die Wirkstoffe werden bei Augenoperationen und Asthma als Entspannungsmittel, zur Einleitung der Narkose und als Stimulanz bei Herzkreislauf-Stillstand eingesetzt. Die Homöopathie setzt Belladonna unter anderem gegen Gelenksbeschwerden, Blasen- und Augenbeschwerden, Bluthochdruck, Eiterungen, Erkältungen, Gicht, Delirium, Halsschmerzen, Husten, Migräne, Fieber, Menstruationsbeschwerde, Sonnenallergie, Basedow-Krankheit und Lichtscheu ein.

Aphrodisiaka und Schönheitsmittel, Heilmittel und Gift, Zauberpflanze für die Reise in die Anderswelt, … die „tolle Kirsche“ zeigt uns damit ihr gesamtes Spektrum und es liegt in unserer Verantwortungen wie wir sie nutzen – Liebe oder Tod.

Quellen:

Berger, Markus u. Hotz, Oliver: Die Tollkirsche. Königin der dunklen Wälder. Solothurn 2008.
Hansen, Harold A.: Der Hexengarten. Die Zauberkräuter des Mittelalters und ihre Wirkung. München 1980
Yilmaz, Martina: Zauberkräuter Hexengrün. Bergen 1989.