Mit ‘Heliopolis’ getaggte Artikel

Von der Schöpfung der Welt – Teil IV geschrieben von Merienptah

Samstag, 18. Januar 2014

Diese unterschiedlichen Darstellungen von der Schöpfung der Welt spiegeln allerdings nicht nur die gegensätzlichen Überlieferungen verschiedener lokaler Kultzentren wieder, sondern stattdessen die unterschiedlichen Aspekte eines Einvernehmens darüber, wie die Welt und ihre Schöpfergötter entstanden sind. Denn so unterschiedlich die kemetischen Kosmogonien auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, sind sie sich doch in den meisten Punkten ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Man könnte diese Mythen als verschiedene Gedichte über das gleiche Thema betrachten. Wie man nämlich unschwer erkennen kann, läuft die Schöpfung als Prozess in allen Kosmogonien Kemets gleich ab. Den Beginn markiert das Auftauchen des Urhügels aus dem Nun mit der darauf folgenden Geburt des Sonnengottes und der Entstehung der verschiedenen Göttergeschlechter.

Dies führte zur Entstehung der bekannten Welt und schlussendlich zur Schöpfung von Mensch und Tier. Der einzige Unterschied in all diesen Schöpfungsmythen ist die personifizierte Universalzündung des Ganzen. Den Anstoß zur Schöpfung gibt jeweils die Hauptgottheit einer lokalen Götterfamilie. Der weitere Verlauf des Schöpfungsprozesses ist dann wieder überall gleich. Nachdem die Göttergeschlechter entstanden sind, herrschten diese über viele tausend Jahre über die Welt, das sogenannte „goldene Zeitalter“ brach an. Während dieser Zeit erschufen die Götter die Umwelt und Natur die wir heute kennen. In dieser Zeit spielen auch die meisten der Mythen über die Götter und ihr Verhältnis zueinander, wie zum Beispiel der berühmte Osirismythos.

Als die Götter auf dem Erdenthron sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst wurden, zogen sie sich nach und nach auf dem Rücken der Himmelskuh an das Himmelsgewölbe zurück, wo man sie noch heute als Sterne sehen kann. Als dann auch die Göttin Maat, als letzte Vertreterin der göttlichen Herrscherdynastie die Erde verließ, übergab sie die Herrschaft und die Verantwortung für die Schöpfung den Menschen, die in ihrem Sinne, also nach dem Prinzip der Maat, die Welt und die Wesen in ihr lenken sollten.

Warum nun die Kosmogonien von Heliopolis, Hermopolis, Memphis und Theben im Laufe der Zeit die anderen überstrahlt haben, freilich ohne sie jemals gänzlich zu ersetzen, mag unterschiedliche Gründe haben. Bei Memphis und Theben sind es unzweifelhaft auch politische Beweggründe die die Hauptgötter der beiden Reichshauptstädte (Memphis war seit Beginn des Alten Reiches die Verwaltungshauptstadt und Theben seit dem Mittleren Reich die Residenz der Könige) zu landesweit verehrten Schöpfern werden ließen. Heliopolis ist unzweifelhaft eine der ältesten Tempelstädte Kemets und ihr Sonnenkult wohl überhaupt der älteste Kult des Landes, was eine überregionale Verbreitung begünstigt. Dies merkt man auch daran, dass beinahe alle Kosmogonien in Heliopolis „abgeschrieben“ haben und nur ihren eigenen Schöpfergott dieser Geschichte hinzugefügt oder sie dadurch ergänzt haben. Als ebenfalls eine der ältesten Kultstädte Kemets und Heimat des Weisheitsgottes Thot, der den Menschen die Schrift gab, gilt auch Hermopolis als eine der „Stätten des ersten Males“ und somit hatte die Achtheit der Stadt auch viel Zeit ihre Version der Schöpfung über das Land zu verbreiten.

Bis heute bestehen die verschiedenen Versionen der Schöpfung im kemetischen Glauben nebeneinander ohne einander jedoch jemals in Frage zu stellen. All diese Erzählungen vom Anfang des Universums und dem Beginn des immerfort andauernden Schöpfungsprozesses durch die Götter sind für uns gleich wahr. Sie sind verschiedene Sichtweisen auf die gleiche Materie; und der Zustand dass es in all den vergangenen Jahrtausenden unserer Geschichte nicht zu einer Vereinheitlichung dieser Mythen kam zeigt, dass in Kemet kein Wert auf eine absolute Wahrheit gelegt wird, wie sie so manche spätere Religion für sich in Anspruch nimmt.

Welche Gottheit nun „der Schöpfer“ ist, spielt im Ablauf des Geschehens, ebenso wie die genaue zeitliche Abfolge der einzelnen Stationen des Prozesses keine wirkliche Rolle. Das bemerkt man schon alleine daran, dass in einigen Texten nur von „Gott“ geredet wird; der Name der gemeinten Gottheit wird jedoch nicht erwähnt, ebenso wie über zeitliche Dimensionen an keiner Stelle genaue Aussage getroffen wird.

Dass die Schöpfung im Gange ist sieht man jeden Tag; die Sonne taucht jeden Morgen gemäß der göttlichen Ordnung am Osthimmel auf und versinkt nach ihrer Fahrt über den Himmel wieder im Westen; Tag und Nacht wechseln sich immerfort einer zeitlichen Ordnung folgend ab; ebenso folgt der Wechsel der Jahreszeiten den Regeln der Schöpfung. Tausende Naturereignisse zeugen täglich davon, dass die Schöpfung seit dem Auftauchen des Urhügels aus dem Urozean noch immer im Gange und auch im Wandel begriffen ist. Denn entgegen den starren und auf einen bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit fixierten Schöpfungsereignissen vieler anderer Religionen ist die Schöpfung im kemetischen Denken ein dynamischer Prozess, der erst am Ende allen Seins in einer Umkehrbewegung dieser Dynamik, nach dem Tod der Götter und dem damit einhergehenden erlöschen ihrer Schöpfungskraft, ein Ende findet; zu der Zeit wenn sich das Universum wieder in den Zustand wandelt, den es vor dem Beginn des Schöpfungsprozesses innehatte. Einzig Nun als Urchaos bleibt von diesem universellen Ende ausgeschlossen. Auch diese Sicht passt erstaunlich gut auf die Theorien der modernen Kosmologie, die am Ende aller Zeit einen Sogenannten Endknall (als kosmisches Gegenstück zum Urknall) erwartet, der den Kosmos und all seine Bestandteile wieder in den Urzustand zurückversetzt.

Am Ende der Schöpfung ist nach kemetischer Sicht, ganz gleich welche Kosmogonie man dafür heranzieht; denn in dem Punkt sind sich wiederum alle Schöpfungsmythen einig, alles wieder in dem Zustand wie vor dem Beginn des Ganzen. Somit schließt sich der Kreislauf des Seins und im Nun, dem nunmehr wieder alleinexistenten Urozean kann irgendwann eine neue Schöpfung beginnen.

Die Wahrheit in Kemet liegt ganz im Auge des Betrachters, und genau deshalb sind sich unsere Kosmogonien trotz ihrer lokalen und zeitlichen Unterschiede so unwahrscheinlich ähnlich, dass sie zusammen in der Lage sind für uns ein Bild der Wahrheit zu zeichnen und uns ein Verständnis für die Zusammenhänge der göttlichen Schöpfung zu vermitteln ohne sich gegenseitig als falsch zu bezeichnen. Eine „einzig wahre Wahrheit“ will uns keine der kemetischen Mythen unterbreiten, sondern eher eine größtmögliche Annäherung an das, was damals passiert ist, das was noch heute passiert und an das, was in Zukunft passieren wird. Sie vermitteln eine dem Menschen verständliche Erklärung des Schöpfungsprozesses, der ja so groß und umfangreich ist, dass der begrenzte menschliche Geist ihn in seiner Gänze nie wirklich wird fassen können.

© Merienptah

Von der Schöpfung der Welt – Teil I geschrieben von Merienptah

Samstag, 12. Oktober 2013

Das alte Kemet hat in seiner vieltausendjährigen Geschichte wohl mehr Schöpfungsmythen hervorgebracht als jede andere alte Kultur. Die scheinbare Ironie an der Sache ist, dass diese Kosmogonien und Theogonien auf den ersten Blick widersprüchliche Darstellungen ihrer mythischen Entstehung und Beherrschung des Kosmos beinhalten und dass sie im Laufe der gesamten Geschichte Kemets nie zu einer einzigen, allgemeingültigen Schöpfungsgeschichte verschmolzen wurden. Im Prinzip hatte jede größere Ortschaft mit ihrer lokalen Götterfamilie auch ihren eigenen Schöpfungsmythos, also ihre eigene Sicht auf die Entstehung der Welt, die diese meist in die Hand des lokalen Hauptgottes legte. Einig sind sich alle diese Mythen in der Beschreibung des Urzustandes vor der Schöpfung.

Am Anfang war das gesamte Universum von einem Urozean, genannt Nun, angefüllt. Dieses Urgewässer hatte weder Grenzen noch eine Oberfläche; es füllte das gesamte Universum aus und wird in den Mythen oft mit einem „kosmischen Ei“ umschrieben. Die Wasser des Nun standen und waren völlig bewegungslos. Die zweite Übereinstimmung aller Kosmogonien ist die Vorstellung von einem Urhügel, der sich am Beginn alles Seins durch Intervention des jeweiligen Schöpfergottes aus dem Urozean Nun erhob. Dieser Urhügel war die Verortung der jeweiligen Schöpfungsgeschichte. Diese Annahme lässt sich interessanterweise mit dem Zustand des Universums vergleichen, der der heutigen Kosmologie zufolge vor dem Urknall geherrscht hat. Der Urozean Nun steht also symbolisch für die ursprüngliche Singularität aus der beim Urknall, also dem Auftauchen des Urhügels, gemeinsam Materie, Raum und Zeit entstanden.

Die verschiedenen Mythen sind sich auch in der Ansicht einig, dass am Ende aller Zeiten das gesamte Universum wieder in diesen Urzustand zurückversetzt wird. Auch das deckt sich in gewisser Weise mit den Ansichten der modernen kosmologischer Wissenschaft innerhalb der Physik, die davon ausgeht, dass am Ende aller Zeit eine Art umgekehrter Urknall das Universum wieder in seinen Anfangszustand zurückversetzt.

Diese Gedankengänge zur Schöpfung lassen sich auch mit den ins kosmische übersteigerten Naturbeobachtungen im Niltal erklären, da jedes Jahr das aus den Fluten des Nils auftauchende Fruchtland bei der nächsten Nilschwelle wieder in den Wassern versank um danach erneut beim Absinken dieser Flut wieder aufzutauchen. Somit entsteht ein Bild eines fortwährenden Kreislaufes der Schöpfung.

Die Schöpfung wird in kemetischer Sicht auch nicht als plötzlicher Schöpfungsakt sondern mehr als langsamer und fortwährender Prozess verstanden. Wie unterschiedlich auch immer die Ereignisse der Schöpfung und deren Abfolge ausgelegt werden, so stimmen sie doch auch darin überein, dass die sogenannte „Erste Zeit“, also die Epoche, in der die Götter tatsächlich auf der Erde lebten und dort ihre Königreiche hatten, ein glückliches und goldenes Zeitalter gewesen ist, in dem vollständige Gerechtigkeit (Maat) auf der Erde herrschte. Der legitime Nachfolger dieser Götter auf der Erde, der König von Kemet, hat also die Aufgabe, die Herrschaft der Maat, der Richtigkeit und Gerechtigkeit, die oft auch als gerechte Weltordnung bezeichnet wird, zu bewahren.

Eine der ältesten Schöpfungsmythen ist die, die im Laufe der Zeit wohl die weiteste Anerkennung im alten Kemet fand, ohne allerdings die anderen Mythen gänzlich zu verdrängen; die Kosmogonie der Enneade (Neunheit) von Heliopolis, welches in alter Zeit Iunu genannt wurde.

Im alten Iunu, dem Hauptzentrum des Sonnenkultes, entwickelte sich eine Kosmogonie, die um die sogenannte Neunheit von Gottheiten errichtet war, die aus dem Sonnengott und acht seiner Nachkommen bestand. Die mit dieser Schöpfung für gewöhnlich verknüpfte Gestalt des Sonnengottes ist der oftmals als „Allherr“ bezeichnete Urgott Atum. Es heißt von ihm dass er im Urozean Nun bereits „in seinem Ei“ existierte. Im Moment der beginnenden Schöpfung wurde Atum durch die Kraft seines eigenen Willens als der „Selbstentstandene“ geboren und somit zur Quelle aller weiteren Schöpfung. Sein Name bedeutet in etwa „der Vollendete“ und somit kann er als personifizierter Urhügel betrachtet werden, der sich aus dem Urozean erhob und auf dem sich der Schöpfungsprozess einzig durch die Macht und den Willen Atums in Gang setzte.

Das Auftauchen des Atum wird als Erscheinen des Lichts interpretiert, das die chaotische Dunkelheit des Nun vertrieb. Atum musste, da er ja allein war, seine Nachkommenschaft ohne Gefährtin zeugen. Er erreichte sein Ziel durch Selbstbesamung, wobei „die Hand des Atum“ den weiblichen Part dieses Prozesses übernahm. Demzufolge wird Atum oft zweigeschlechtlich als „der große Er-Sie“ bezeichnet; als „Vater-Mutter der Götter“.

Seinen Sohn Schu gebar Atum indem er ihn ausspuckte, und seine Tochter Tefnut, indem er sie erbrach. Die Funktion des Schu als Gott der Luft wird dadurch abgeleitet wie er geboren wurde, also dem Luftzug der beim Ausspucken entstand, und Tefnut wurde aufgrund ihrer Geburtsweise zur Göttin der Feuchtigkeit und des Feuers; wohl vergleichbar mit dem Brennen im Hals beim Erbrechen und dem feuchten Endprodukt des Ganzen. Somit war das erste göttliche Paar entstanden. Während das Ka in Atum noch zweigeschlechtlich ist, trennt Atum durch diesen Schöpfungsvorgang das Ka in das männliche (Ka) und weibliche (Kat) Prinzip. Schu und Tefnut wurden so zu Göttern, die geeignet waren, den Schöpfungszyklus fortzusetzen. Schu und Tefnut als Urgötterpaar wurden von Nun, dem personifizierten Urozean aufgezogen und das Auge des Atum wachte über sie.

Das Auge von Atum konnte sich von seinem Körper lösen und war auch eigenständig im Handeln und Fühlen. Dieses Auge, das Udjat, spielt in wichtigen Mythen eine große Rolle. Der eine Mythos berichtet, dass die Kinder Schu und Tefnut in den dunklen Wasserwüsten des Nun aus dem Gesichtskreis des Atum verschwanden. Atum sandte daraufhin sein Auge aus, sie zu suchen und zurückzubringen. Während das Auge nach Schu und Tefnut forschte, hatte Atum es durch ein anderes, viel helleres ersetzt. Oftmals wird der Sonnengott Ra als das „junge Auge des Atum“ bezeichnet. Als das erste Auge bei seiner Rückkehr bemerkte, dass sein Platz besetzt war, erboste es. Atum nahm daher das erste Auge und setzte es an seine Stirn, wo es die ganze Welt, die er zu erschaffen im Begriff war, bewachen konnte. Oft wird das Stirnauge als zerstörerische und übelabwehrende Göttin dargestellt (ein Aspekt der brennenden Sonne). In dieser Gestalt wurde das Stirnauge zur Göttin Uto, der sich aufbäumenden Kobra, die in Gestalt der Uräusschlange auf der Stirn der späteren Könige Kemets als Symbol und Verteidigerin ihrer Macht prangte. Weitere Mythen berichten dass aus der Verbindung von Ra und Uto die beiden Göttinnen Maat, die Richtigkeit, und Isfet, das Chaos, hervorgegangen sind.

Ende Teil I

Ma’at als Schöpfungsprinzip

Samstag, 21. Januar 2012

Die  Ägypter, ein Agrarvolk

Wenn etwas die Kemeten (eigentl. „Remetiu Kemeti“ – „Menschen des schwarzen Landes“) im besonderen Maße auszeichnete dann ihr Pragmatismus und ihre Bodenständigkeit. Das mag vielleicht ungewöhnlich anmuten, da wohl kaum eine Kultur so ausgeprägte kultische und mythologische Aspekte besitzt wie die der Ägypter. Dennoch waren sie vor allem eines: ein Agrarvolk, das in enger Verbundenheit mit den Zyklen der Natur lebte. Daher ist es  nicht verwunderlich, dass Ma’at ein Prinzip ist, das der intensiven Beobachtung und dem Erleben der natürlichen Rhythmen entspringt, derer es in Kemet viele gab. Die stets aufs Neue wiederkehrende Nilschwemme, die den fruchtbaren schwarzen Schlamm über die Felder brachte, der Lauf der Sonne, die auf der östlichen Seite des Nils aufging und im Westen wieder unterging, die Bahnen verschiedener Sterne und Sternbilder, die Zeiten von Aussaat, Wachstum und Ernte…

Götter in der Schöpfung

Um Ma’at als Prinzip der Schöpfung zu begreifen, ist es zunächst wichtig zu verstehen, dass die Götter Ägyptens nicht in einer Sphäre fernab der menschlichen Welt existierten, sondern in der Natur – um nicht zu sagen, die Götter waren die Natur selbst. Die kemetische Religion ist keine Religion im eigentlichen Sinne, denn ein „religio“ – also eine Rückverbindung an das Göttliche – war praktisch nicht erforderlich, waren doch die Götter allgegenwärtig und greifbar. Auch die Frage nach Existenz oder Nichtexistenz der Götter stellt sich folglich gar nicht erst. So war z.B. der Nil das Ka* des Osiris in seiner Rolle als Fruchtbarkeitsgott oder der Wind das Ka des Luftgottes Schu oder die Milchstraße die Gestalt der Himmelsgöttin Nut. Es ist also naheliegend, dass auch Ma’at nicht nur kosmisches Prinzip ist sondern auch eine Gottheit. Diese Doppelbedeutung – Person und Prinzip – lässt sich bei jeder der ägyptischen Gottheiten nachvollziehen. Das eine ist dabei vom anderen nicht scharf abgegrenzt, sondern geht ineinander über. Ma’at ist eine oft kniend dargestellte Frau mit ausgebreiteten Schwingen und einer Straußenfeder auf dem Kopf. Die ausgebreiteten Schwingen und die Feder symbolisieren ihren luftigen und damit transzendenten Aspekt, der alle Formen des Seins zu durchdringen vermag.

Die Göttin Ma'at

 

Schöpfung als Prozess

Die Vorstellung der Kemeten von der sie umgebenden Schöpfung war, dass sie in unendlich vielen ineinandergreifenden Zyklen funktioniere und diesen unzähligen Zyklen ein initialer Akt, also ein „erstes Mal“ vorausging. Die Kosmongonie ist also kein Akt eines immanenten Schöpfers, sondern ein Vorgang des Sich-selbst-Entfaltens. Damit ist die Schöpfung vielmehr ein Prozess, der fortwährend aufs Neue beginnt, gelingen muss und als solcher auch stets erneut vom Scheitern bedroht ist. Dies führt dann zum antagonistischen Prinzip von Ma’at, nämlich Isfet, welches oft mit „Chaos“ übersetzt wird, aber an Dramatik und Destruktivität doch weit über diesen Begriff hinausgeht. Das schöpferische Potential muss also in eine Form fließen, eine Ordnung, so dass diese Schöpfungskraft in greifbare Erscheinung treten kann. Diese Ordnung ist Ma’at. Man kann sich also den Verlauf des Schöpfungsprozesses in etwa wie einen Dominoeffekt vorstellen.

Auszug aus einem Sargtext zur Kosmogonie von Heliopolis:

Ich bin am Schwimmen und sehr ermattet, meine Glieder sind träge.
Mein Sohn „Leben“ ist es, der mein Herz erhebt.
Er wird meinen Geist beleben, nachdem er diese
meine Glieder zusammengerafft hat, die sehr müde sind.
Da sprach Nun zu Atum:
„Küsse deine Tochter Ma’at, gib sie an Deine Nase!
Dein Herz lebt, wenn sie sich nicht von Dir entfernen.
Ma’at ist Deine Tochter,
zusammen mit Deinem Sohn Schu,
dessen Name „Leben“ ist.
(CT II 34g-35h)

Dieser Sargtext beschreibt das Bild von einem Schöpfergott (Atum) der ohne Bewusstsein (Mattigkeit) im Urmeer (Nun) treibt. Er verkörpert damit das Noch-Nicht-Seiende, das Prä-existente. Die Welt entsteht also nicht aus einem „Nichts“ sondern aus einem „ungeordneten Etwas“. Atums Beiname lautet auch „Der sich selbst erschaffen hat“. Durch die Zeugung seiner beiden Kinder Ma’at (Ordnung) und Schu (reine ungerichtete Lebenskraft), wird Atum be-lebt. Diese Zeugung geht einher mit der Bewusstwerdung Atums, welches den Übergang vom Prä-Existenten in das Existente darstellt. Die kosmische Parthenogenese Atums taucht in den Mythen durch recht derbe Bilder wie „Ausspucken“, „Aushusten“ bzw. Masturbation auf. Indem also die reine ungerichtete Kraft in seiner Verkörperung als Schu in eine geordnete Form -nämlich  Ma‘at- fließt um Gestalt anzunehmen, zeugt sich das Seiende aus sich selbst heraus.

Hier sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, dass Ma’at in dieser Betrachtungsweise der Schöpfung synonym für Tefnut in Erscheinung tritt, was eher ungewöhnlich ist, denn in den Erläuterungen zur Kosmogonie von Heliopolis besteht das erste Götterpaar aus Schu und Tefnut. Tefnut kann daher als „Ma’at des ersten Males“ interpretiert werden, wohingegen Ma’at die Ordnung des fortlaufenden Schöpfungsprozesses darstellt.

Küssen bedeutet hier „Einatmen“ und steht sinnbildlich für die Einverleibung der Ma’at. Ma’at taucht in den Mythen nämlich auch als Stirnschlange des Sonnengottes Re auf. Atum wie Re eint der solare Aspekt, da die Sonne als Verkörperung der Schöpfungskraft galt. Diese sog. Uräusschlange findet sich an allen Königskronen wieder und in vielen Darstellungen unterschiedlicher Gottheiten und erinnert so an den notwendigen Ablauf des stetig wiederkehrenden Schöpfungsaktes. Denn ausnahmslos jede Gottheit unterwirft sich der kosmischen Ordnung Ma’at und gewährleistet so das Gelingen der Schöpfung. Ma’at ist hier „der Navigator“ des Re, der mit seiner Sonnenbarke des Tages über den Himmel fährt, deren Bahn Ma’at vorgibt.

Sonnenaufgang über dem Nil

 

Ma’at – ein Begriff, viele Bedeutungen

Für Ma’at wurden schon viele Übersetzungen herangezogen, wie z.B. „Gleichgewicht“, „Harmonie“, „Weltenordnung“, „Gerechtigkeit“ oder „Gesetz“. Doch sie alle werden diesem alles umfassenden und alles durchdringenden komplexen Prinzip nicht annähernd gerecht. Ma’at ist vielmehr die Grundlage dem all diese genannten Begriffe entspringen, das unsichtbare Netz, dass diese Dinge eint um darin in Erscheinung zu treten und erfahrbar zu werden. Gerade Begriffe wie „Gerechtigkeit“ oder „Harmonie“ werden dem prozesshaften und dynamischen Charakter Ma’ats in keiner Weise gerecht. Ma’at ist „das Richtige“ das je nach Situation immer wieder neue Erscheinungsformen annehmen wird um den Schöpfungsprozess am Laufen zu halten.

*Ka: hier der „Geist“ oder das Wirken einer Gottheit

 

Literatur

Jan Assmann, Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten

Jan Assmann, Schöpfungsmythen und Kreativitätskonzepte im Alten Ägypten

Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte

Bilder, Wikimedia Commons