Mit ‘Horus’ getaggte Artikel

Kemetismus – ist das was für mich?

Samstag, 22. Oktober 2016

Es ist schwer sich für einen Weg zu entscheiden, über den man zumeist nur rudimentäre Kenntnisse hat. Das Augenscheinliche der altägyptischen Kultur und des kemetischen Kults mag noch so attraktiv erscheinen, viele wenden sich nach kurzer Zeit wieder von diesem Weg ab und sind enttäuscht, weil sie völlig andere Erwartungen hatten. Dieser Artikel soll eine Entscheidungshilfe bieten, die natürlich rein subjektiv ist, sich aber dennoch auf die geteilten Erfahrungen anderer Kemeten beruft. Wenn Ihr also nach dem Lesen dieser Worte immer noch beherzt „ja“ zum Kemetismus sagen könnt, dann seid ihr hier vermutlich genau richtig. Wenn Ihr einen anderen Weg als den Euren anseht, ist dieser nicht weniger richtig und vielleicht kann Euch der Kemetismus dann zumindest die ein oder andere wertvolle Inspiration bieten. Denn die Entscheidung zu diesem Weg liegt letztlich bei jedem selbst. Es gibt weder ein verbindliches Glaubensbekenntnis noch eine Verpflichtung ihn zu gehen. Die Entscheidung ihn zu gehen fällt jeder ganz allein für sich und täglich aufs Neue.

Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons, Foto: Ricardo Liberato
Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons, Foto: Ricardo Liberato

Anfänge

Die Gründe, warum Menschen plötzlich den Wunsch haben Kemetismus zu praktizieren sind sehr unterschiedlich. Sehr häufig ist es eine der bekannteren ägyptischen Gottheiten wie Isis, Horus oder Ra, die einen in ihren Bann gezogen haben. Oder es ist einfach die Faszination für die altägyptische Kultur an sich. Viele Leute finden auch über die stark ägyptophile Ritualmagie ihren Weg in den Kemetismus.

Ehe man beginnt, sollte man sich mit einigen wichtigen Merkmalen der altägyptischen Religion und der kemetischen Praxis befassen und sich ausreichend Zeit nehmen zu prüfen, ob man wirklich bereit ist diesen Weg zu gehen.

Unterschiede zum mitteleuropäischen Heidentum

Was den Kemetismus von anderen heidnischen und neuheidnischen Traditionen besonders hier in Mitteleuropa unterscheidet ist das unglaublich dichte Informationsspektrum. Während man im nordischen Heidentum mühsam seinen spirituellen bzw. religiösen Weg aus wenigen Quellen heraus interpretieren muss, ist die altägyptische Kultur äußerst gut und umfangreich belegt. Möchte man einigermaßen authentisch praktizieren, fehlt also im Gegensatz zum hiesigen Heidentum ein ganz entscheidendes Merkmal, das vielen spirituell interessierten eigentlich am Herzen liegt: der Raum für die eigene Intuition und Kreativität. Gerade zu Beginn des kemetischen Weges kann es sinnvoll sein die eigene Interpretation hinsichtlich Weltanschauung oder Ritualistik äußerst sparsam einzusetzen um erst einmal ein Gefühl für die authentische überlieferte Tradition und deren Inhalte als solche zu entwickeln und so eine solide Basis bestehend aus mythologischem Wissen und kultischen Grundlagen zu festigen. Kemetismus ist traditionell, das liegt nicht jedem, vor allem dann nicht, wenn man auf der Suche nach einer spirituellen Praxis ist, die flexibel und frei interpretierbar ist.

Christ Church Library, Oxford, Wikimedia Commons, Foto: -JvL-
Christ Church Library, Oxford, Wikimedia Commons, Foto: -JvL-

Freud und Leid der Literatur

Eine weitere Herausforderung stellt die Art der Literatur über das alte Ägypten dar. Zusammenfassend kann man sagen, dass sie äußerst gespalten ist. Auf der einen Seite finden sich leicht zu lesende ausschweifende und passionierte Werke, die hauptsächlich im Bereich des New Age und der Esoterik anzusiedeln sind. Von Theorien über die außerirdische Herkunft der altägyptischen Götter, über Channeling Botschaften und Einweihungen verschiedener Gottheiten bis hin zu einem phantasieriechen Göttinnenkult um Isis finden sich eine Menge blumige Schriftwerke mit leider sehr dünnem und teilweise fehlerhaftem sachlichem Inhalt.

Auf der anderen Seite bietet die ägyptologische Fachliteratur sehr wenig Informationen für den Laien an und schon gar nicht für religiös Praktizierende, man muss also schon fast ein halbes Ägyptologiestudium auf sich nehmen um sich einen einigermaßen authentischen Überblick zu verschaffen und praktikable Rituale abzuleiten. Literatur zum eigentlichen Kemetismus ist weitestgehend auf Englisch, da die amerikanische Szene in dieser Hinsicht um einiges ausgeprägter ist und bereits seit den 80er Jahren in stetiger Entwicklung ist. Neben Büchern, stehen zahlreiche Blogs, Websites und social media Gemeinschaften zur Verfügung, die einen großen, dynamischen und diskussionsfreudigen Pool an unterschiedlichsten Infos bieten. Englische Sprachkenntnisse sind daher von großem Vorteil. Inzwischen gibt es im deutschen Sprachraum wenige hochwertige virtuelle Informationsquellen zum Thema Kemetismus. Dies hat sich u.a. auch diese Seite zum Ziel gemacht.

Tägliche Kultpraxis

Über eines sollte man sich als im Klaren sein, wenn man sich dem Kemetismus widmen möchte: für diesen Weg braucht man Zeit, Geduld und Beständigkeit. Ein typisches Merkmal der kemetischen Praxis ist ihre Regelmäßigkeit und weniger ihre prunkvollen Rituale. An dieser Beständigkeit scheitern sehr viele. Wenn man erwähnt, dass tägliche Opferrituale keine Seltenheit sind, dann kommt schon mal die verwunderte Gegenfrage „Wirklich jeden Tag?“. Ja, wirklich jeden Tag.

Der altägyptische Kult hatte eine sehr wichtige mythologische Bedeutung. Er war darauf ausgerichtet die vielen verschiedenen ineinandergreifenden Zyklen der Schöpfung in Gang zu halten. Den Lauf der Sonne, die jährliche Wiederkehr der Nilflut, die Zyklen der Landwirtschaft, den Wechsel von Nacht und Tag usw. Durch den Ritus bindet sich der Mensch als spirituelles und natürliches Wesen in diesen Lauf der Schöpfung mit ein, nimmt daran Teil und bewirkt ihn letztlich. Der Kult ist also nicht nur Dienst an den Göttern und Ausdruck ihrer Verehrung, es ist auch eine praktische Bewusstseinsschule um sich auf die kemetische Weltanschauung auch im täglichen Leben ganz und gar einzulassen.

Der tägliche Aufwand muss nicht übermässßg groß, aber dennoch regelmäßig sein. Man tut also gut daran ein tägliches Maß zu finden, dass man einigermaßen leicht über mehrere Monate hinweg durchhalten kann.

DSC_0370Tägliche Opfergaben, Foto: Sat-Ma’at

 

Das Kalenderproblem

Hinzu kommen eine schier unerschöpfliche Zahl an Feiertagen und Festen, deren korrekter Zeitpunkt heutzutage nur noch schwer zu rekonstruieren ist, weil der altägyptische Kalender zum einen anders strukturiert ist und sich aufgrund der zeitlichen Ferne der altägyptischen Kultur Zeitrechnungsfehler eingeschlichen haben, die zu einer nicht unerheblichen Verschiebung der Feiertage geführt habe. Auch die geographische Lage Ägyptens im Gegensatz zu der in Mitteleuropa spielt eine große Rolle bei der Berechnung verschiedener astronomischer Ereignisse. Wikipedia liefert aber trotz allem einen relativ guten Überblick über die verschiedenen Festtage und größere Tempel in USA verfügen teilweise über einen eigenen Kalenderlauf, der auch für freie Kemeten erhältlich ist.

Canis Major, Canis Minor, Orion & Lepus (animiert), Wikimedia Commons, Bild: Michelet BCanis Major, Canis Minor, Orion & Lepus (animiert),
Wikimedia Commons, Bild: Michelet B

Göttinnen und Götter

Die Göttin Isis, der Sonnengott Re, die musikalische Hathor, der falkengestaltige Horus oder die Katzengöttin Bastet sind weit über die altägyptische Tradition hinaus bekannt. Häufig werden sie auch innerhalb völlig anderer Traditionen verehrt. Viele die sich für den Kemetismus zu interessieren beginnen, finden über diese Gottheiten ihren Weg. Die altägyptische Kultur hat aber unendlich viele Gottheiten, mindestens 1.500 sind namentlich belegt, die teilweise natürlich nicht minder wichtig sind als die allseits beliebten und bekannten. Es ist sehr lohnend sich auch mit den weniger bekannten zu beschäftigen, ehe man sich einer bestimmten zuwendet, da sie oft tragende Rollen in der Mythologie spielen und es wichtig ist ihre kosmologische Aufgabe zu verstehen. Dennoch wird man natürlich schwerlich alle kennenlernen können. Die meisten Kemeten enden bei etwa 2-3 Gottheiten um die sie einen intensiveren Kult praktizieren und vielleicht 4-5 weitere für die sie eine sporadische Praxis betreiben und schätzungsweise weitere 10 die eher unter die Kategorie „bekannt“ fallen ohne explizite Praxis. Natürlich wird man dafür abermals viel Zeit, Geduld und Motivation aufbringen müssen.

Egyptische Götter und Göttinnen, Wikimedia Commons, Foto: Gryffindor
Ägyptische Götter und Göttinnen, Wikimedia Commons, Foto: Gryffindor

Der Erhalt der Ma’at

Auch steht der Götterkult im Kemetismus durchaus nicht so stark im Vordergrund wie es scheint. Der wichtigste Aspekt ist die Einhaltung eines ungeschriebenen ethischen Codex, die gleichbedeutend mit der kosmischen Weltenordnung ist, nämlich die sogenannte Ma’at. Dabei handelt es sich um ein gesellschaftliches Ideal gegenseitiger Unterstützung und sozialen Bewusstseins, dass die eigentliche Grundlage des Kemetismus bildet. Ein soziales Prinzip geradzu altruistischer Ideale in einer Welt der Ellbogenmentalität zu leben, deren Erfolgskonzept der blanke Narzissmus ist, kann zu einer psychischen Zerreißprobe werden. Dessen sollte man sich unbedingt bewusst sein.

Außenseiter und manchmal Feindbild

Ein leidiges Thema, dass hier bereits mehrfach angedeutet wurde, ist die Situation für den Kemetismus in Deutschland. Er ist bis auf wenige einzelne Ausnahmen so gut wie nicht vorhanden. Das hiesige Heidentum versteht sich in erster Linie als Wiederbelebung der prächristlichen deutschen Religionsgeschichte, die daher meist das Germanentum und zum Teil vielleicht das Keltentum umfasst. Verschiedene neopagane Strömungen wie Wicca, Hexentum oder Schamanentum stehen oft in enger Verwandtschaft zu den nordischen Traditionen, so dass man sich als Verehrer der altägyptischen Götter auf eine wahrhafte Exotenrolle einstellen darf. Auch gibt es vereinzelt durchaus Feindseligkeiten gegenüber der zivilisierten Hochkultur der Ägypter, die mit ihrem schillernden Pharaonentum, dem ausgefeilten Staatswesen und den beeindruckenden Prunkbauten in starkem Kontrast zu der naturnahen Tradition nordischer und germanischer Völker steht. Die Parallelen der altägyptischen Theologie zur frühchristlichen, die sich insbesondere im koptischen Christentum manifestiert, sorgt vereinzelt auch dafür, dass man als Kemet zum „Heidenfeind“ und „Christenfreund“ erklärt wird und damit der kollektiven Christentumsverdrossenheit der mittel- und nordeuropäischen Heiden widerspricht. Man muss sich also wohl oder übel auf einen einsamen Weg gefasst machen, der mitunter auch von Anfeindungen geprägt sein kann.

Immer noch interessiert?

Wer also mit einer weitgehend selbstständigen Praxis, die Literaturrecherche, Hingabe und eine gewisse Akribie erfordert gut zurecht kommt, erfüllt schon mal die wichtigsten Voraussetzungen Kemetismus zu praktizieren. Wer auf die Enthüllung abenteuerlicher Weltengeheimnisse und Verschwörungstheorien hofft und sich nach göttlich-magischen Einweihungen sehnt wird jedoch sicher bald enttäuscht sein.

Eins kann man getrost versprechen, es wird sicher nie langweilig und es gibt immer wieder neues und beeindruckendes zu erfahren. Die altägyptischen Religion ist trotz ihres Prunks und ihrer hochentwickelten Ritualistik immer noch im Kern eine Natur- und naturverehrende Religion mit animistischen Grundzügen, die die täglich erlebte Welt tief zu verzaubern vermag. Die täglichen Rituale werden schnell zur Gewohnheit und ermöglichen ein intensives Erleben kosmischen Eingebundenseins ganz ohne die notwendige Bodenhaftung zu verlieren. Sie sind ein starkes Band zu unseren Göttern die dadurch sehr präsent und unmittelbar erfahrbar werden.

1239611_203709429790534_670520826_n

Von der Schöpfung der Welt – Teil III geschrieben von Merienptah

Samstag, 21. Dezember 2013

Eine dritte sehr weit verbreitete Schöpfungsgeschichte ist die Kosmogonie von Memphis

…, dem alten Mennefer, der königlichen Residenzstadt am Südende des Nildeltas, dem Schnittpunkt von Ober- und Unterägypten. Dieser etwas jüngere Mythos knüpft an die heliopolitanische Schöpfungsgeschichte an, behauptet aber darüber hinaus, dass der memphitische Gott Ptah, auch Ptah-Tatenen genannt, dem Sonnegott Re-Atum vorausgehe und das Ptah es war, der Atum und letztendlich die anderen Götter sowie alles andere durch „Herz und Zunge“, also die Macht von Geist und Wort, geschaffen habe. Der Ausdruck spielt auf die bewusste Planung der Schöpfung und ihre Ausführung durch rationales Denken und Sprechen an. Sie ist das früheste Beispiel für die sogenannte Lehre des „Logos“, in der die Welt durch kreative Rede einer Gottheit Gestalt annimmt.

Ptah, der „Herr des Schicksals“ wird darin zum Ursprungspunkt der gesamten Schöpfung und die Gottheiten der heliopolitanischen Neunheit zu dessen Manifestationen erklärt. In einer anderen Version dieser Geschichte ist Ptah nicht Tatenen, der personifizierte Urhügel, sondern der Urozean Nun selbst. Im System von Memphis ist Atum demnach nur der Vollstrecker von Ptahs Willen, der die Befehle des großen Gottes verstand und ausführte. Auch verlor Atum seine alleinige Stellung innerhalb der Schöpfung, denn ihm, der Sonne, wurde Thot als Gott des Mondes beigestellt, ebenso Seschat, die ordnende Kraft der Mathematik sowie die beiden Schwestern Maat und Isfet, die Ordnung und das Chaos.

Bis auf den Unterschied im Urschöpfer, den der memphitische Mythos in Ptah sieht, ist der weitere Verlauf des Schöpfungsprozesses dem der etwas älteren heliopolitanischen Kosmogonie nahezu gleich. Bedingt durch die räumliche Nähe der beiden Städte (die Kultzentren von Memphis und Heliopolis sind nur ca. 30 km voneinander entfernt) ist eine gegenseitige Beeinflussung dieser beiden uralten Mythen nicht ausgeschlossen.


Eine weitere Kosmogonie entstand zu Beginn des Mittleren Reiches in Theben, dem alten Waset


Um der Heimatstadt der Königsfamilie des wiedervereinten Kemet nach den Wirren und den religiösen Krisen der ersten Zwischenzeit auch in kultischer Hinsicht den ihr gebührenden Glanz und auch die Vorrangstellung vor allen anderen Städten einzuräumen, ersannen die Priester des Stadtgottes Amun einen eigenen Schöpfungsmythos. In dieser Version der Geschichte werden Versatzstücke der Kosmogonien von Heliopolis und Hermopolis miteinander vermischt. Amun, als bereits bekanntes Mitglied der hermopolitanischen Achtheit wird dort zum „ältesten der Acht“, der durch seinen eigenen Willen die Schöpfung in Gang setzt und den Urhügel aus dem Urozean hebt. Dort erscheint der Sonnengott (entweder in einem Ei, oder der Lotosblüte – da gibt es verschiedene Versionen), mit dem sich Amun zu Amun-Ra verbindet. Daraufhin setzt sich die Schöpfung ganz gemäß der alten Kosmogonien von Heliopolis, Hermopolis oder Memphis fort, die sich ja im weiteren Ablauf der Geschehnisse nicht wirklich voneinander unterscheiden. Durch die Verschmelzung der verborgenen Urkraft des Amun von Hermopolis, der solaren Aspekte des heliopolitanischen Schöpfergottes Ra sowie der willentlichen Schöpfungskraft des Ptah von Memphis entstand ein nahezu transzendenter Universalschöpfer. Amun „der älteste der Alten“, „der alles sieht und hört“, „der überall gleichzeitig sein kann“. Als Nisut-netjeru, „König der Götter“ wird Amun von da an im ganzen Land verehrt, sein Kult überstrahlte, sicherlich auch durch die Königsfamilie forciert, innerhalb weniger Jahrzehnte alle anderen Götter Kemets und sein Tempel in Theben wuchs im folgenden Jahrtausend zu einem der bis heute größten sakralen Gebäudekomplexe der Welt an. Zusammen mit den benachbarten Bezirken des alten Lokalgottes Month und dem der Göttin Mut ist der Tempelkomplex von Karnak mit zirka 41 Hektar etwa so groß wie die Vatikanstadt in Rom.

Man kann also sagen, dass fast jede größere Stadt im alten Kemet ihre eigene Schöpfungsgeschichte, oder besser gesagt, ihre eigene Version der Schöpfung hatte. Neben den vier am weitesten verbreiteten Mythen von der Entstehung des Universums und unserer Welt von Heliopolis, Hermopolis, Memphis und Theben gibt es noch eine Vielzahl weiterer. In Sais, dem alten Zau, der großen Stadt im westlichen Delta beispielsweise war die Urgöttin Neith, die Mutter der Götter und Schöpferin allen Seins, sie gebar aus sich selbst heraus den Sonnengott und setzte somit den Zyklus von Tag und Nacht als Initialzündung der weiteren Schöpfung in Gang. In Buto, der alten Doppelstadt Pe und Dep, wurden Horus von Buto mit seiner Gemahlin Uto als göttliches Schöpferpaar verehrt, aus deren Vereinigung der Urhügel entstand.

In Hierakonpolis (Nechen) standen Horus von Hierakonpolis sowie die Geiergöttin Nechbet als Urgötterpaar an der Spitze der Schöpfung. Als Nechbet-huret „Nechbet, die Geheime“ legt die Göttin das kosmische Ei aus dem der Sonnengott schlüpft. Ganz im Süden des Landes, in Assuan, dem alten Syene verehrte man die stellare Göttin Satet als Urschöpferin und Personifizierung des Sirius-Gestirns aus dem alles Sein hervorgeht, als Universalgöttin Isis-Sothis ging sie in der griechisch-römischen Periode auf Siegeszug durch das ganze Imperium bis nach Britannien hinauf.


Ende Teil III

Von der Schöpfung der Welt – Teil II geschrieben von Merienptah

Samstag, 26. Oktober 2013

Nut

Nachdem Schu und Tefnut erwachsen waren wurden sie die Eltern von Geb, der Erde, und dessen Schwester und Gemahlin Nut, dem Himmel. Damit waren die Götter der bedeutenden Naturaspekte definiert. Geb und Nut wurden von ihrem Vater Schu getrennt, der sich zwischen sie stellte und somit das real existierende kosmische Weltbild schuf; also die Erde über die sich der sternübersäte Himmel wölbt, beide voneinander getrennt durch die Luft. Geb und Nut bekamen fünf Kinder, Haroeris, also Horus den Älteren, Isis und Osiris, sowie Nephthys und Seth. Horus, der Archetyp der Könige Kemets war dann in der 5. Göttergeneration der Sohn von Isis und Osiris.

Die Zahl Neun in dieser Neunheit von Iunu könnte wiederum eine Anspielung auf den Zahlenkosmos der kemetischen Sprache sein, denn die Neun, ist das Produkt aus einer Multiplikation der Drei (Mehrzahl) mit sich selbst. Drei mal drei, also die Mehrzahl multipliziert mit der Mehrzahl, ergibt die Allheit des Ganzen. Man legt demzufolge in den Mythen auch mehr Wert auf die Zahl Neun als solche als auf die genaue Bestimmung der neun Götter, denn zu den Urgöttern der Neunheit gehören eigentlich elf: Atum, Schu, Tefnut, Geb, Nut, Haroeris, Isis, Osiris, Nephthys, Seth und Horus. In Manchen Fällen wird auch noch Ra als zwölfter Gott dazu gestellt oder er ersetzt Atum in der Aufzählung der Neunheit, wobei Haroeris, Horus oder auch Ra abwechselnd in einigen Darstellungen den im Osirismythos verfemten Seth ersetzen und sonst nicht aufgeführt werden. Auf jeden Fall werden immer nur neun Götter aufgezählt wenn von der Neunheit von Iunu gesprochen wird, obwohl einige Posten dabei wohl variabel zu besetzen sind, während andere nicht austauschbar sind.

Stammbaum

Wie dem auch sei, die sogenannte heliopolitanische Neunheit wurde im Laufe der Zeit zum Vorbild für die meisten anderen Zentren Kemets, deren Kosmogonien sich mehr oder weniger stark an der von Iunu orientierten und die für ihre Götterlehren ähnlich auf-gebaute familiäre Beziehungen ersannen. Im Laufe der Jahrtausende versuchte man immer wieder diese Kosmogonie an die aktuelle Situation und die Gegebenheiten der Zeit anzupassen, so dass mach fremder Götterkult in dieses bereits bestehende Weltbild integriert wurde.

Allerdings wurden diese Importkulte nie vollständig von der heliopolitanischen Kosmogonie assimiliert und ihre Widersprüche blieben bis heute nebeneinander bestehen ohne jedoch den Wahrheitsgehalt der Geschichte in Frage zu stellen. Ein Beispiel für diese nebeneinander stehenden Faktoren der heliopolitanischen Kosmogonie ist beispielsweise die Herkunft des Gottes Atum selbst. In einigen Darlegungen ist der „Selbsterschaffene“ lediglich der Sohn des zum Urgott erhöhten Urozeans Nun. Oder auch die Rolle des Gottes Ra innerhalb dieser Kosmogonie ist ein gutes Beispiel für verschiedene Sichtweisen auf das gleiche Thema. In den meisten Fällen wird Ra als „das junge Auge des Atum“ beschrieben, aber andere Versionen berichten davon dass, als der Urhügel aus den Fluten des Nun auftauchte auf diesem eine Lotosknospe sprieß, in der der junge Sonnengott Ra saß. Um diesen Widerspruch über den Schöpfer der solar ausgerichteten Lehre von Iunu auszuräumen verbanden sich Ra und Atum schon sehr früh zum solaren Allgott Ra-Atum, der in seiner Gesamtheit auch als Universal-Sonnengott Chepre-Ra-Atum auftreten kann, wobei er alle Aspekte des helipolitanischen Sonnenkultes in sich vereint; Chepre als junge, wiedergeborene Sonne; Ra, die kraftvolle Mittagssonne und Atum, die alte Sonne des Abends.

Nachdem nun die Neunheit die Schöpfung in Gang gesetzt hatte, begann das Goldene Zeitalter der vieltausendjährigen Götterherrschaft. Als erster Gott herrschte Atum (in anderen Versionen Ra) über die Erde, der später die Erde verließ und die Herrschaft an Geb übertrug, diesem folgte der ältere Horus nach. Nachdem auch Haroeris sich in den Himmel aufschwang übernahm Osiris die Herrschaft auf der Welt. In diese Zeit fällt der sogenannte Osirismythos. Nach der Ermordung des Osiris übernahm Seth zeitweise die Herrschaft bis er von Horus, dem Sohn der Isis vom Thron verdrängt wurde. Nach der Herrschaft des Horus übernahm der Mondgott Thot die Herrschaft, welche er dann an die Göttin Maat, die letzte Vertreterin der göttlichen Dynastie auf Erden, abtrat. Maat übergab dann nach ihrer Regierung den Thron an die Menschen weiter, die als legitime Nachfolger die Herrschaft gemäß den Gesetzen der Maat und in ihrem Namen ausüben sollten.

Jede dieser Gottheiten, die jeweils (bis auf Seth) für viele tausend Jahre über die Erde herrschten, fügte der Schöpfung neue Faktoren zu, so wurden weitere Götter geboren, der Zeitbegriff definiert, der physische Tod als Endpunkt der irdischen Existenz festgelegt, Landschaften geformt, Pflanzen geschaffen sowie die Tiere und Menschen wurden belebt und bevölkerten von nun an die Welt. So entstand in vielen tausend Jahren, wie viele es genau waren sagt keine der Mythen, die Welt die wir kennen.

Eine weitere uralte Schöpfungsgeschichte, die im Laufe der Jahrtausende ebenfalls weite Anerkennung fand, war die der Ogdoade (Achtheit) von Hermopolis, dem alten Chemenu. Die in Chemenu verehrte Achtheit repräsentiert die Urkräfte vor der physischen Entstehung der Welt. Die vier Urgötterpaare beschreiben daher den kosmischen Zustand vor der weltlichen Schöpfung. Diese vier Paare bestehen aus Nun und seiner Gemahlin Naunet, die für das Urgewässer stehen; Heh und dessen Gemahlin Hehet, die die Unendlichkeit symbolisieren; Kuk und seine Gemahlin Kauket, die personifizierte Urfinsternis sowie Amun und seine Gemahlin Amaunet, die die Verborgenheit darstellen. Diese trägen vier Urelemente; Urwasser, Unendlichkeit, Urfinsternis und Verborgenheit beinhalteten die Kraft zur Initialzündung eines Schöpfungsprozesses.

Die vier männlichen Gottheiten der Achtheit Nun, Heh, Kuk und Amun werden froschköpfig dargestellt während ihre weiblichen Pendants Naunet, Hehet, Kauket und Amaunet schlangenköpfig erscheinen. Dies leitet sich aus einer anderen Tradition Chemenus ab, nach der die acht Urgötter mit amphibischen Lebewesen verglichen werden können, die plötzlich, wie selbsterschaffen, im Schlamm wimmeln, der alljährlich nach dem Absinken der Nilflut auftauchte. Da sich nach dieser Vorstellung der Urhügel erst nach dem Erscheinen der Urgötter erhob, sagt man, der Urschlamm selbst habe die Götter hervorgebracht.

Die Urgötterpaare vereinigten sich und erschufen so den Urhügel Tatenen, den sie dann gemeinsam aus den Fluten des Nun hoben und somit die Schöpfung in Gang setzten. Danach erschien eine himmlische Gans, die oft mit dem heiligen Tier des Amun gedeutet wird, und die „der große Schnatterer“ genannt wird weil sie zuerst das Schweigen der Welt brach. Diese Gans legte auf dem Urhügel das kosmische Ei. Das Ei enthielt Ra, den Vogel des Lichts, der daraufhin die gesamte Welt mit allen Göttern und allem was existiert erschaffen sollte.

Eine spätere Version der Geschichte besagt dass das kosmische Ei mit dem Sonnengott in seinem Inneren nicht von einer Gans, sondern von einem Ibis gelegt worden ist, dem heiligen Tier des Gottes Thot, der zu dieser Zeit zum höchsten Stadtgott von Chemenu aufstieg. Diese Version der Legende besagt dass Thot, genau wie Atum in Iunu, sich selbst erschuf und „die Acht“ stellten seine Seelen dar. Aufgrund der Geschichte mit dem kosmischen Ei entstand der Brauch am Festtag zu Ehren des Sonnengottes Eier bunt einzufärben (vor allem aber grün, da das kosmische Ei grün war).

Die dritte Fassung der Kosmogonie von Hermopolis greift auf die Vorstellung der Schöpfung aus den Urwassern zurück. Nach dieser Version erhob sich eine Lotosblume aus den Wassern des „Meeres der zwei Messer“ (so nannte man den Heiligen See im Tempelbezirk von Chemenu). Als die Blütenblätter des Lotos sich öffneten, sah man dass der Kelch ein göttliches Kind barg – den Sonnengott Ra.

Nach der vierten Version der Geschichte öffnete sich der Lotos und gab einen Skarabäus, Chepri, frei. Dieser Skarabäus verwandelte sich dann in einen Knaben und als der Junge weinte, weil er so einsam war verwandelten sich seine Tränen in Menschen. Damit wird ausgedrückt dass die Menschen die Kinder des Sonnengottes sind. Die Acht Urgötter tragen die Verantwortung für das Fließen des Nils, das tägliche Aufgehen der Sonne und die Inganghaltung der Schöpfung. Es heißt auch sie hätten den Lotos geschaffen, der den Sonnengott aus den Wassern trug. In diesem Fall wird wieder eine Verbindung zu den Wassern des Nun hergestellt, die immer als Quelle der Schöpfung und der Fruchtbarkeit angesehen werden. Man sieht also dass die Mythen leicht miteinander zu vereinen sind und eher poetische Abweichungen darstellen, als einander widersprechende Lehren. Dennoch ist selbst die Lehre von Hermopolis in sich nicht ganz widerspruchsfrei. So behaupten die Texte beispielsweise: „… aus der von den acht Göttern geschaffenen Lotosblume entstand Ra, der alle Dinge, göttliche wie menschliche, erschuf.“ Das ist ein zeitliches Paradoxon, das den modern geprägten Leser womöglich die Stirn krauslegen lässt, aber einen gläubigen Kemeten keinesfalls verwirrt. Ein linearer Zeitgedanke wie er heutzutage Allgemeingültigkeit besitzt ist Kemet fremd. Zeit ist relativ und erst recht im Prozess der Schöpfung.


Ende Teil II

Das kemetische Jahr – Teil II

Samstag, 16. Juni 2012

Feste Feiern

„Zum Feiern gehört die Verschwendung, die ‚unproduktive Verausgabung‘.“
(Jan Assmann, Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten)

Für die Kemeten sind Feste weit mehr als Anlässe zu Zerstreuung und Vergnügen. Sie sind ein hohes gemeinschaftliches Gut, dass zu einer starken sozialen Identifikation beiträgt und damit eine wichtige Ausdrucksform der Ma’at. Die Tatsache, dass die Feste die göttliche Sphäre mit einbeziehen hat auch zur Folge, dass die Allgegenwart der Götter in der menschlichen Sphäre durch das Fest stets auf’s Neue erinnert wird. Da die Ma’at als soziales Prinzip nicht getrennt von der Ma’at als Schöpfungsprinzip ist, sind die Feste damit für uns nicht zuletzt ein wichtiger Faktor zur Erhaltung der Schöpfung selbst.

Kemetische Feiertage

„Feiertag“ ist in dem Zusammenhang nicht ganz das richtige Wort, da die meisten dieser Tage in erster Linie für den Tempelkult eine Rolle spielen und außerhalb der Tempelmauern etwas weniger Beachtung finden. Ein besserer Begriff dafür wäre daher Kulttag oder Festtag. Heute wie damals sind „Otto-Normal- und Lieschen-Müller-Kemeten“ zumeist weitaus weniger religiös als man gemeinhin annehmen mag. Religiosität und Kult ist größtenteils Aufgabe und Anliegen der Priesterschaft, die darin speziell ausgebildet ist. Natürlich steht es den „bürgerlichen“ Kemeten dennoch frei die unterschiedlichen Festtage nach eigener Façon zu begehen. Der strenge kultische Ablauf der Feste ist lediglich für die Priesterschaft verbindlich.

Wie bereits erwähnt sind die meisten Festtage in unserem Kalender auf bestimmte Daten fixiert und wandern somit nicht mehr den Mondphasen entsprechend durchs Jahr.

Fixe Feiertage

Vom 1. – 5. Tag des Monats Thot (16. – 20. Juni) feiern wir das Neujahrsfest das wir „heb mesiu renpet“- „Fest der Geburt des Jahres“ nennen.

Direkt am nächsten Tag, also am 6. Tag des Thot (21. Juni) begehen wir den Festtag zur Sommersonnenwende. Entgegen zu der hohen Kultbedeutung dieser solaren Festtage im nordischen Raum spielen die vier Sonnenfeste aufgrund geographischen Lage Kemets und der daraus resultierenden geringeren Schwankungen der Tageslänge bei uns eher eine untergeordnete Rolle.

Am 18. Tag des Thot (03. Juli) feiern wir das Totenfest des Osiris bei dem der Ermordung des Osiris gedacht wird und an den beiden darauffolgenden Tagen (04. – 05. Juli) das Fest der Hathor.

Vom 1. – 3. Tag des Monats Paophi (16. – 18. Juli) feiern wir das Fest des Ptah das die schöpferische Kraft des Handwerks zum Inhalt hat.

Am 17. Paophi (01. August) begehen wir den Geburtstag des Sonnengottes Re-Harachte.

Der 3. Tag des Monats Athyr (18. August) ist der Festtag des Sieges des Horus über Seth. An diesem Tag gedenken wir der Wiederherstellung der göttlichen Erbfolge, die durch den Brudermord des Seth zeitweilig unterbrochen war.

Vom 27. Tag des Athyr bis zum 12. des Choiak (11. – 27. September) begehen wir das große Opetfest. In diese Festzeit fällt die erste (laut gregorianischem Kalender die zweite) Tag- und Nachtgleiche am 7. Choiak (22. September) und die heilige Hochzeit von Amun und Mut am 8. Choiak, also am 23. September.

Vom 24. – 29. Choiak (09. – 14. Oktober) feiern wir das Sokarfest, eines der Totenfeste, das am letzten Tag im Errichten des Djed-Pfeilers als Symbol der Dauer und Beständigkeit seinen Höhepunkt hat.

Am 30. Choiak (15. Oktober) feiern wir die Wiedergeburt des Osiris und Tags drauf am 01. Tag des Tybi, also am 16. Oktober, die Geburt des Horus.

Am 17. Tag des Tybi (01. November) begehen wir das Totenfest des Sonnenauges.

Am ersten Tag des Monats Phamenat (16. Dezember) feiern wir das Fest des großen Königs Amenhotep (I.), des Schutzherren unserer Grabstätten.

Am 6. Phamenat, also am 21. Dezember, begehen wir den Festtag der Wintersonnenwende.

Der erste Tag des Monats Pharmuti (16. Januar) ist der Festtag des Month. Dieses Fest hat den Schutz vor Feinden durch den Kriegsgott Month zum Thema.

Vom 29. – 31. Pharmuti (13. – 15. Februar) feiern wir das große Fest der Göttin Mut in ihrer Funktion als Muttergöttin. Tags drauf, am 1. Tag des Monats Pachons (16. Februar), begehen wir das kultisch eng mit dem Mutfest in Zusammenhang stehende Geburtsfest des Chons (des Sohnes von Amun und Mut)

Vom 10. – 12. Pachons (25. – 27. Februar) wird das Fruchtbarkeitsfest des Gottes Min gefeiert. Dieses Fest bezieht sich auf die männliche Zeugungskraft.

Nun kommt die Besonderheit. Der 14. Tag des Pachons (29. Februar) gilt als Schalttag und wird nur alle vier Jahre zu Ehren des Zeitgottes Heh gefeiert. Im Normaljahr gibt es diesen Festtag nicht und der Kalender springt direkt vom 13. auf den 15. Tag des Monats weiter!

Vom 29. Pachons bis zum vierten Tag des Monats Payni (15. – 19. März) feiern wir das Hochfest des Amun, zu Ehren des höchsten Gottes Amun.

Am Tag danach, also dem 05. Payni (20. März) feiern wir die zweite (laut gregorianischem Kalender die erste) Tag- und Nachtgleiche.

Die zwei darauffolgenden Tage, also der 06. und 07. Tag des Payni (21. und 22. März) sind die Festtage der Renenutet. Dieses Fest könnte man mit einem Erntedankfest vergleichen.

Das Ipipfest zu Ehren von Hathor, Horus Behedeti, Horsemtaui (Harsomthus) und Ihi begehen wir in der Zeit vom 25. Tag des Payni bis zum 08. Tag des Epiphi (09. – 23. April)

Der Hauptfesttag des Ipipfestes ist der erste Tag des Monats Epiphi, (16. April) an diesem Tag feiern wir die Hochzeit von Hathor und Horus Behedeti.

Vom 09. – 15. Epiphi (24. – 30. April) zelebrieren wir das schöne Fest vom Wüstental zu Ehren unserer Verstorbenen.

Die Tage vom 01. – 03. Tag des Mesore (16. – 18. Mai) sind die Festtage der Sachmet.

Am 25. Mesore (09. Juni) begehen wir das Weisheitsfest des Gottes Thot.

Mit dem Fest der Trunkenheit am 26. Tag des Mesore (10. Juni) werden die Feierlichkeiten zum Jahresende eingeleitet.

Vom 27. – 31. Mesore (11. – 15. Juni) begehen wir die Lampen- oder Lichterfeste in Entsprechung der altägyptischen Epagomenen-Tage. Die Tage sind der Reihe nach den Göttern Osiris, Horus. Seth, Isis und Nephthys geweiht und markieren die Geburtstage dieser Urgötter. Somit bilden sie die letzten Tage des Jahres und sind kultisch von sehr hoher Bedeutung.

 

Bewegliche Feiertage

Es gibt einige Feste, die sich nach den Mondphasen richten und demzufolge als bewegliche Feste begangen werden.

Zum einen gibt es die Vollmondriten zu Ehren des Osiris, die an jedem Vollmond als Teil der Osiris-Mysterien begangen werden. In den Tempeln werden nach den Reinigungsriten an Vollmond die Regenerationsriten zu Ehren des Osiris begangen.

Weiterhin gibt es die oben erwähnten Reinigungsriten, die zum Fest der Vereinigung der beiden Stiere gehören, das ebenfalls jeweils zu Vollmond begangen wird und die Vereinigung der beiden Mondkräfte des Chons und des Thot zum Thema hat. Während dieses Festes werden die Kultbilder und die Schreine gereinigt.

Das Fest der eintreffenden Nilschwemme wird am ersten Vollmond nach dem Fest der Trunkenheit – zwischen 27. Mesore und 24. Thot (zwischen 11. Juni und 09. Juli ) gefeiert. Es handelt sich dabei um ein Fruchtbarkeitsfest zu Ehren des Flussgottes Hapi. Es steht kultisch in enger Beziehung zum zweiten Neujahrsfest.

Das zweite Neujahrsfest ist das Hervorkommen der Sopdet das am zweiten Neumond nach der Sommersonnenwende – zwischen 05. Paophi und 03. Athyr (zwischen 20. Juli und 18. August) gefeiert wird. Bei diesem Fest geht es um den schon an anderer Stelle erwähnten heliakischen Aufgang des Sirius am Himmel und ist ein Festtag zu Ehren der Fruchtbarkeits- und Jahresgöttin Sopdet.

Das Fest der Vereinigung der beiden Länder am ersten Vollmond nach der Geburt des Re-Harachte – zwischen 18. Paophi und 15. Athyr (zwischen 02. und 30. August) ist ein auf König Serqet zurückgehendes Fest. Zum Vollmond nach der Geburt des Sonnengottes gelang ihm der Überlieferung nach erstmalig die Vereinigung Ober- und Unterägyptens unter einer Krone. Das Fest wird begangen zu Ehren des Horus als Königsgott und zu Ehren des Königs Serqet.

Das Lichterfest der Isis wird am Choiak Neumond gefeiert. Es gehört mit dem Fest der Wiedergeburt des Osiris am 30. Choiak zusammen.

Das Schöne Fest des Gottes Neheb-kau ist ein Fest zu Ehren des Totengottes Neheb-kau und des Horus als Königsgott und wird am ersten Vollmond nach der Geburt des Horus – zwischen 02. und 30. Tybi (zwischen 17. Oktober und 14. November) begangen. Das schöne Fest des Neheb-kau kann in einigen Fällen mit dem Horusgeleit auf einen Tag fallen.

Das Horusgeleit wird am ersten Vollmond nach dem Totenfest des Sonnenauges – zwischen 15. Tybi und 15. Mechir (zwischen 02. und 30. November) gefeiert. Bei diesem Fest beschenkt der königliche Hofstaat oder in Vertretung für diesen die Priesterschaft als Begleiter des Horus die Bevölkerung mit Duftölen, Blumen oder anderen Geschenken. Auch die Bevölkerung begeht dieses Fest ausgiebig und nimmt es zum Anlass den Angehörigen Geschenke zu machen. Auch das „Ehrengold“ als besondere Auszeichnung wird an diesem Tag verliehen.

Als letztes der beweglichen Feste muss noch das Fest der Himmelskuh am Neumond nach der Wintersonnenwende – zwischen 07. Phamenat und 04. Pharmuti (zwischen 22. Dezember und 19. Januar) bei dem die Rückkehr des Auges des Re gefeiert wird.

Auf ein Neues…

Zum Beginn unseres neuen Jahreskreises wünschen wir, die Kemeten, Euch ein glückliches neues Jahr. Mögen Euch die Götter reich mit Gesundheit, Glück und Freude beschenken und auf Euch und Eure Lieben stets ein wachsames Auge haben!

***
Als kleines Extra bieten wir Euch eine fertige Druckversion unseres Kalenders  an.
Einfach unter redaktion[at]wurzelwerk.at anfordern!

 

 

Quellen:
Aufzeichnung zum kemetischen Kalender von Merienptah
Jan Assmann, Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten
Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte
Foto Merienptah

Mithras steht für Weihnachten – Teil I von Kim Morgan übersetzt von Anufa

Samstag, 24. Dezember 2011

Als Heiden kennen wir wohl alle die Frustration, dass unsere Yule-Traditionen vom weltlichen Christentum durch die Jahrhunderte vereinnahmt und als Eigentum beansprucht worden sind. Wo fangen wir an …

  1. Erlöser geboren von Jungfrauen – Isis und Horus
  2. Die Geburt der Sonne/des Sohnes, der/der Gott ist, im tiefsten Winter
  3. Grünpflanzen ins Haus zu bringen um es zu erneuern
  4. Der „Yule Log“ – nicht die Schokoladenversion sondern ein Holzscheit, das die zwölf Weihnachtstage durchbrennen würde
  5. Die zwölf Weihnachtstage – Wintersonnwende bis zur alten Wintersonnwende
  6. Der Weihnachtsmann in Rot gekleidet – Rot und Weiß, die Farben, die in dieser Jahreszeit beim bärtigen Fliegenpilzheiligen zu finden sind, der Magie wirkt, ein Schamane aus dem Norden

Wo fangen wir also an um die heidnischen Ursprünge von Weihnachten zu finden? Sowohl im alten Ägypten als auch in Babylon wurde das Fest des Sohnes von Isis oder Astarte (Muttergottheiten) am 25. Dezember gefeiert. Diese Feiern basierten auf wilden Feiern mit massenhaft Speisen und Getränken und dem Austausch kleiner Geschenke zwischen Freuden und Familie.

In der ganzen heidnischen Welt gibt es rund um die Zeit der Wintersonnwende Feiern. In Rom gab es einige Festtage und Feiern die stattfanden, einschließlich der Saturnalien, die sich über sechs Tage rund um die Wintersonnwende erstreckten und die wesentlich älter als jede christliche Einmischung.

Gemeinsam mit den Saturnalien in rom gab es die Calenden des Jänner, die parallel zu den Saturnalien verliefen, was diese ganzen Festivitäten als „Dies Natalis Solis Invicti“ bekannt werden liess –  das Fest der Rückkehr der unbesiegbaren Sonne. Von diesem Fest her rührt es, dass die Christen in Rom die Sonne und den Sohn Gottes als dasselbe ansahen, besonders natürlich, weil die unbesiegbare Sonne den Sieg des Lebens über den Tod versinnbildlichte. Das stammt aus der Beobachtung der Sonne, die zur Wintersonnwende geschwächt während der Calenden des Jänner immer stärker und heller wird.
Das ganze Fest der Dies Natalis Solis Invicti war ein wunderbarer Anlass um zu feiern, zu prassen, aus sich heraus zu gehen und wie viele „Yule“festestammt das Verkleiden während dieses Festes ebenfalls aus dem alten Rom.
„Mummers“ waren Gruppen von kostümierten Sängern und Tänzern, die von Haus zu Haus zogen und für Geld, das in Form von milden Gaben an die Armen verteilt wurde, ihre Nachbarn unterhielten. Nicht nur, dass die Mummers kostümiert waren, die Götter und Göttinnen des Pantheons darstellten, sie trugen auch Masken oder Bemalungen, die ihre Gesichter verbargen. Aus diesem Mumming im alten Rom entstanden zwei Weihnachtstraditionen – Mumming und Carolling (Singen)

Während dieser Zeit warne in Rom die Gerichte geschlossen und das römische Gesetz sagte, dass während dieser Festwoche niemand bestraft werden konnte, der entweder Eigentum beschädigte oder Leute verletzte. Das Fest begann damit, dass die römischen Autoritäten einen „Feind des römischen Volkes“ auswählten, der den „Herrn  des Tumult“ darstellen sollte. Jede römische Gesellschaft erwählte ein Opfer, das sie dazu zwangen innerhalb dieser Woche Speisen und anderen Genüssen zu frönen.

Heiden in Nordeuropa hatten viele Traditionen, die mit Yule in Verbindung gebracht werden und die wir heute noch haben. Viele davon wurden vom Christentum korrumpiert und zu ihren eigenen Traditionen gemacht obwohl die gebräuchlich waren, lang bevor die Teilnehmer etwas von Christus gehört hatten.
Wie heute auch noch, feierten die Heiden in ganz Nordeuropa die Wintersonnwende, bekannt als Yule. Oft waren diese Traditionen in der Naturmagie beheimatet und mit immergrünen Bäumen, Stechpalme und Mistel verbunden.
In den Hallen unserer alten heidnischen Ahnen wurden massive „Yule logs“ verbrannt um die Sonne zu ehren. Diese Scheite standen symbolisch für das Holz der Yggdrasil, dem Weltenbaum der nordischen Traditionen. Das Wort „Yule“ selber bedeutet „Rad“ und es ist genau diese Drehung des Rades, die die Wintersonnwende so wichtig macht. Eine von vier Markierungen durch Sonnwenden und Tag-und-Nachtgleichen, die für unsere Vorfahren so wichtig waren.

Das universelle Symbol des immergrünen Baumes ist das Hauptsymbol, das fast alle nordeuropäischen Wintersonnwenden miteinander verbindet.

Ein Symbol, dass das Leben auch in Härtezeiten des Eises und der Schnees im Winter weitergeht. Das Grün des lebenden Baumes trotz der Härte als Symbol dass das Leben weitergeht und deshalb wurden anfänglich immergrüne Zweige ins Haus und in die Hallen gebracht, um den Herd und die Feuerstellen zu schmücken. Die Hitze verstärkte aromatische Gerüche, die wieder das Gefühl verstärkten, dass das Leben trotz der Härte des Winters weitergehen würde.
Erst spätere Traditionen brachten dann ganze Bäume in die Häuser der Menschen. Oft wird von modernen Wissenschaftlern angenommen, dass der Christbaum als viktorianische Tradition, aus Deutschland stammt. Tatsächlich ist diese Tradition tausend Jahre älter, als sie die Menschen im viktorianischen Zeitalter bekannt gemacht haben.

Unsere Ahnen wählten Tannen und Fichten. Man denkt auch an die Eibe, die ebenfalls immergrün ist und oftmals in heiligen Hainen, die heute oft Plätze mit alten Kirchen darauf sind, wächst. Die Eibe ist ein machtvolles Symbol, das für die Verehrung der Ahnen Verwendung findet.
Bäume als heilig anzusehen und sich in Hainen zu den Jahreszeitenfesten zu treffen war für viele Heiden, das Druidentum eingeschlossen, heilig. Cäsar schrieb, dass die Druiden Haine mit heiligen Bäumen als Fokus für ihre Riten und Zeremonien verwendeten, besonders wenn das Augenmerk der Feier auf der Rückkehr der Sonne, in der Zeit nach der Sonnendwende, wenn die Sonne am tiefsten am Himmel stand und am schwächsten strahlte, lag.

Gemeinsam mit den Zweigen der heiligen Bäume wurden auch immergrüne Pflanzen wie Stechpalme und Mistel, als heilige Pflanzen, in die Häuser gebracht. Die Mistel wurde heilig, weil sie auf sehr offensichtliche Weise (für jeden, der schon einmal eine Mistelbeere zerquetscht hat) ein Symbol für Fruchtbarkeit ist. Die Samen, die in den Beeren enthalten sind ähneln sehr dem menschlichen Sperma, das am Höhepunkt der sexuellen Vereinigung verströmt wird (obwohl Sperma schwerer zu erkennen ist, wussten unsere heidnischen Vorfahren sehr wohl, dass der Samen nötig war um menschliches Leben zu schaffen und so wurde die Mistel ein Symbol der Fruchtbarkeit).
Die altnordische Mythologie erzählt, wie der Gott Balder von seinem Rivalen Hödur mittels eines Mistelzweigpfeils getötet wurde, während sie um Nanna stritten. Deshalb war die Mistel in allen heidnischen Kulturen Nordeuropas als mächtiges Symbol bekannt. Sogar der Brauch sich unter dem Mistelzweig zu küssen hat seinen Ursprung in der sexuellen Freizügigkeit der Saturnalien des römischen Reiches.

Ende Teil I