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Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen, geschrieben von Mc Claudia – Teil XXVII

Samstag, 20. September 2014

Hier nun das achtfache Jahr im katholischen Festkreis:

Weihnachten und Jul:

Weihnachten wird in der neuheidnischen Szene oft als christianisierte Version des Julfestes begriffen. Wie im Germanenkapitel schon ausgeführt, deuten die historischen Schriften darauf hin, dass Jul wahrscheinlich ein pangermanisches Fest war, das je nach germanischem Volk und je nach Epoche und Kalender an verschiedenen Festdaten zwischen November und Jänner seinen Platz hatte. Der 25. Dezember selbst, der Weihnachtstag, hat historisch nur im angelsächsischen Modranecht-Fest seine Entsprechung. Dass in den nordischen Ländern Weihnachten heute noch Jul oder Jol heißt, deutet in jedem Fall darauf hin, dass die Wichtigkeit und Beliebtheit des heidnischen Julfestes dazu geführt hatte, dass das Weihnachtsfest mit diesem assoziiert wurde und Festtagsnamen und auch Bräuche auf das christliche Weihnachtsfest übertragen wurden.

ABER: Das christliche Weihnachtsfest am 25. Dezember war längst Bestandteil der katholischen Kirche, als die frisch christianisierten Germanen beschlossen, Weihnachten mit Jul in Verbindung zu bringen. Jul war also nicht der Grund für die Etablierung des Weihnachtsfestes sondern lediglich Namensgeber und Brauchtumsinspiration für das Weihnachtsfest in Skandinavien und Island. Inwieweit germanische Bräuche in den anderen germanischen Gebieten für Weihnachten belegt sind, entzieht sich meinem Wissen. Die Rauhnächte und das dazugehörige Brauchtum mögen vielleicht dazuzählen. Der Weihnachtsbaum übrigens nicht – der wird erstmals im 16. Jhdt. im Elsass historisch erwähnt und war anfangs vor allem in evangelischen Gebieten verbreitet. Verschiedene Zünfte, die Zunftbäume aufstellten (daher kommt wahrscheinlich auch der heutige Maibaum), waren für die Verbreitung dieses Brauchs verantwortlich. Auch sind Weihnachtsbäume meines Wissens für das vorchristliche Julfest nicht erwiesen. Nichtsdestotrotz sind Assoziationen mit dem Weltenbaum durchaus legitim. Wie gesagt – auch Heiden übernehmen gerne christliche Bräuche …

Zurück zum Festtagstermin: Weihnachten ist natürlich nicht aus dem Nichts entstanden. Bis zur Etablierung des Festdatums im Jahre 336 (knapp vor dem Tod Kaiser Constantins d. Großen – das ist jener römische Kaiser, der als erster den Christen Religionsfreiheit gewährte und die Kirche aktiv förderte) für den 25. Dezember gab es die verschiedensten Vorschläge innerhalb der christlichen Gemeinschaften, wann man der Geburt des Messias gedenken sollte. Das historische Geburtsdatum von Jesus ist ja nicht bekannt. Als christlicher Grund wird angegeben, dass neun Monate zuvor, am 25. März, Maria vom Erzengel Gabriel aufgesucht wurde, der ihr verkündete, dass der Heilige Geist über sie kommen werde. Im Fest „Mariae Verkündigung“ (englisch: Lady Day) wird dieses Ereignis an diesem Datum gefeiert. Und nach neun Monaten Schwangerschaft, am 25. Dezember, gebar Maria dann das Jesusbaby – soweit der Mythos. (Ich konnte allerdings nicht herausfinden, ob Mariae Verkündigung vor oder nach Weihnachten etabliert wurde – wenn danach, scheint es logisch, dass einfach neun Monate vom 25. Dezember nach vorn gerechnet wurde, um auf das Datum für Mariae Verkündigung zu kommen.)

Ein weit plausiblerer Grund für das Weihnachtsdatum scheint mir die Wichtigkeit des römischen Sonnenkultes in der Spätantike zu sein. Zu Zeiten Kaiser Constantins war sowohl der Kult um den Sol Invictus (unbesiegbare Sonne), der im 3. Jhdt. durch andere Kaiser zum Staatskult erklärt wurde, von größter Bedeutung, andererseits war der Mithraskult (der aus Persien kam) vor allem bei den römischen Soldaten äußerst beliebt. Beide Götter waren untrennbar mit dem Kaiserkult verbunden. Und beide Götter hatten am 25. Dezember Geburtstag. Ein Beiname des Mithras war ebenfalls Sol Invictus. Wenn nun aber, beginnend mit Kaiser Constantin d. Großen, der Kaiser christlich wurde und den Sonnen- und Mithraskult nicht mehr pflegte oder, wie spätere Kaiser, sogar verbot, erübrigte sich der Kult an sich. Da beide Kulte aber staatstragend waren und für die Soldaten auch Symbol der Loyalität zum Kaiser darstellten, musste offenbar die religiöse Lücke geschlossen werden, die sich nach dem Niedergang der beiden heidnischen Kulte bildete. So führte man noch unter Regentschaft des Constantin den 25. Dezember als Tag der Geburt Christi ein. Dass auch Christus den Beinamen „Sol Invictus“ erhielt, mag dabei nicht mehr verwundern.

Die Frage, warum nicht die Wintersonnenwende selbst (21./22. Dezember) den Geburtstag des (heidnischen und christlichen) Sonnengottes markierte, könnte damit beantwortet werden, dass Caesar bei seiner Kalenderreform den 25. Dezember auf den kürzesten Tag des Jahres legte. Das heißt, im 1. Jhdt. v. Chr. stimmte der 25. Dezember mit der Wintersonnenwende überein. Da aber nun der julianische Kalender, wie wir oben im Kapitel über die Kalender gesehen haben, das Jahr zu lange rechnet (genau um 0,0078 Tage pro Jahr zu lang in Bezug auf das „richtige“ astronomische Sonnenjahr), rutschte die echte Wintersonnenwende im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte zurück auf den 22. Dezember, das heißt, der 25. Dezember um 300 n. Chr. befand sich schon drei Tage nach der Sonnenwende (und er wanderte weiter, bis Papst Gregor den Kalender reformierte und der 25. Dezember wieder seinen Platz aus dem 3. Jhdt. erhielt). Jedenfalls ignorierte man im 3. Jhdt. die „echte“ Sonnenwende und hielt sich stattdessen streng an das Kalenderdatum, in der Annahme, es handle sich noch immer um das Sonnwenddatum.

Feiertag der heiligen Brigitte von Kildare, Lichtmess und Imbolc:

Im Kapitel über die Kelten ist bereits auf den Zusammenhang des Imbolc-Festes mit dem heutigen Fest der hl. Brighid (zu Deutsch Brigitte) eingegangen worden. Die Ähnlichkeit der Göttin Brigit mit der namensgleichen Heiligen, deren Leben in das 5./6. Jhdt. datiert wird, in Attributen und Brauchtum sowie die Wichtigkeit des Brighid-Festes im gälischen Raum lassen vermuten, dass zwischen Imbolc und dem Brighid-Fest ein Zusammenhang besteht. Für Österreich hat die Brigitte von Kildare allerdings keine Bedeutung.

Mariae Lichtmess (engl.: Candlemas) findet am 2. Februar, also 40 Tage nach Weihnachten, statt. Mythologisch geht es darum, dass Maria nach jüdischem Brauch 40 Tage lang nach der Geburt Jesu unrein war. Am 40. Tag ging sie mit dem Baby dann in den Tempel, um die vorgeschriebenen Reinigungsopfer darzubringen. Außerdem übergab sie dort das Jesusbaby symbolisch Gott, da nach jüdischer Lehre der erstgeborene Sohn Eigentum Gottes war. Der alte Prophet Simeon erkannte dann in Jesus den Messias, das Licht der Welt – deshalb auch die Kerzensymbolik zu Lichtmess.

Die beiden Feste am 1. und am 2. Februar gehören im irisch-katholischen Brauchtum zusammen, denn am 1. Februar wird Brighid als Amme des Jesus geehrt, am 2. Februar Maria mit dem Jesuskind. Die Verehrung der hl. Brighid in Irland und Schottland ist übrigens dermaßen beliebt, dass sie als „Maria der Gälen“ bezeichnet wird und manchmal sogar als Jesu Mutter angerufen wird.

Ostern und Ostara:

Der lateinische Begriff für Ostern ist Pascha, abgeleitet vom hebräischen Pessach. Pessach ist das jüdische Freudenfest, an dem der Auszug aus der ägyptischen Sklaverei gefeiert wird. Pessach wird vom 15. bis 22. Nisan gefeiert, was März/April entspricht. Da der jüdische Kalender lunisolar ist, heißt das, dass Pessach mit dem Vollmond beginnt und dann eine Woche lang dauert. Das christliche Osterfest entspricht ungefähr diesem Datum: Ostersonntag ist der erste Sonntag nach dem Vollmond zu oder nach dem Frühlingsäquinox. Der früheste Termin ist der 22. März der späteste der 25. April. Laut biblischem Mythos wurde Jesus am Freitag in der Pessachwoche gekreuzigt und ist am Sonntag darauf wieder auferstanden.

Im Gegensatz zu Jesu Geburt ist Jesu Tod und Auferstehung deutlich aus dem Neuen Testament herauszulesen, weshalb es keine Unklarheiten darüber gab, dass das Osterfest in die jüdische Pessachwoche fallen müsste. Nur über die genaue Datumsberechnung wurde gestritten. Im ersten Konzil von Nicaea 325 n. Chr. wurde unter Kaiser Constantin die obige Berechnung des Osterfestes bestimmt.

Dass der April und das Pascha-Fest im germanischen Raum nach dem „Osten“ benannt wurde, könnte zwei Gründe haben: Zum einen ist der Osten die Richtung der aufgehenden Sonne, die der Auferstehung Christi entsprechen würde (auch Kirchen werden für gewöhnlich „geostet“, also nach dem Sonnenaufgang ausgerichtet). Zum anderen haben wir den Bericht von Beda Venerabilis über die Angelsachsen (siehe Kapitel über die Germanen). Zumindest für dieses germanische Volk haben wir den Beleg, dass Monat (Eosturmonath), Fest und Göttin (Eostrae) namensgebend für das christliche Pascha-Fest waren. Wir haben hier also dieselbe Vorgangsweise wie für Weihnachten: Ein christliches Fest wurde nach einem germanischen Fest benannt, das an einem ähnlichen Datum stattfand.

Aus all diesen Fakten dürfte hervorgehen, dass nicht Christen Ostern erfunden haben, weil die Germanen ein Frühlingsfest hatten, sondern dass die Germanen Namen (und Bräuche?) des heidnischen Eostrae-Festes mit dem Pascha-Fest verbanden. Inwieweit heutige Osterbräuche (Hase, Eier, Lämmer, Palmzweige, Küken, Feuer etc.) heidnischen Ursprungs sind, müsste man gesondert erforschen. Zumindest für die Ostereier gibt es eine christliche Erklärung: Eier waren früher in der Fastenzeit verboten, weshalb sie gesammelt und zu Ostern verschenkt wurden. Dass das Ei an sich eine Menge Symbolik in sich trägt, die in verschiedensten Kulturen zum Ausdruck kommt, ist klar. Speziell für Ostern kann man aber nur spekulieren, ob und welche heidnischen Symbole in das Osterei geflossen sein mögen.

Anmerkung zum Schluss: Das neuheidnische Ostara-Fest wird für gewöhnlich zu Frühlingsäquinox gefeiert, was mit den Quellen zum angelsächsischen Eostrae-Datum (lunisolarer Monat im März/April) nicht genau übereinstimmt. Historisch korrekter wäre es, das Ostara-Fest auf eine bestimmte Mondphase im März/April zu legen. Direkt auf die Frühlingstagundnachtgleiche fiel hingegen das Uppsala-Fest. Auch die slawischen und baltischen Frühlingsfeste Maslenitsa und Velykos wurden offenbar direkt zu Frühlingsbeginn gefeiert.

Ende Teil XXVII

Ein Märchen zu Imbolc – Teil II geschrieben von Cerri und übersetzt von MartinM

Samstag, 29. März 2014

Teil I

Aber, sagt sie, sie hatte sie alle gerufen? Fühlten ihre Brüder das Gleiche wie sie? Sie hatte oft den einen oder anderen dabei aus Augenwinkel dabei gesehen, wie sie von ihnen beobachtet wurde, als sie über der Brunnenrand gelehnt durch das eiserne Gitter in das Wasser blickte. Hatte sie darauf gewartet, dass sie ginge, oder sich gefragt, was sie fühlte? Sie hatte nicht vorstellen können, dass sie überhaupt etwas dachten oder fühlten, wie kann man etwas fühlen, wenn man hier herumtobt, als ob sich überhaupt nichts verändert hätte? Waren sie in Wirklichkeit auch so unglücklich? War ihre Mutter genauso traurig und einsam, wie sie es war?

All diese Gedanken rasten durch ihren Kopf. Sie hinterfragte jedes Gefühl, alle diese Empfindungen von Verlust, Wut und Aufregung, von denen sie geglaubt hatte, nur sie allein hätte sie. Jetzt wurde ihr klar, dass das nicht stimmte, jeder fühlte das Gleiche. Sie hatten sich alle genauso so unglücklich gefühlt, es war nur so, dass niemand gewusst hätte, wie man mit jemanden anderen als der Weißen Frau darüber spricht. Sie sah sich sich ihre Familie an und fühlte einen Anflug von Schuld. Sie sah ihre Mutter an und erkannte, wie schwer es gewesen sein muss, alles alleine zusammen zu halten haben. Sie hatte nie vorher beachtet, dass ihre Mutter Gefühle hat und fragte sich, wieso sie so blind gewesen sein konnte.

„So darfst du nicht denken, Jenny”, schalt sie die sanfte Stimme. „Du bist ein Kind gewesen und durftest eine Weile nur an dich denken, aber du veränderst dich.”

Sie trat in den Raum und fasst das junge Mädchen bei der Hand und fuhr fort:„Sie bist jetzt bereit für den Übergang vom Kind zur jungen Frau. Bald wirst du die kindischen Dinge beiseite legen. Du bist offen und fähiger, Dinge zu fühlen und zu sehen, als du jemals warst, darum kann ich dir helfen. Du hast die Macht, dir selbst und auch ihnen allen zu helfen.” Während sie sprach, ließ die die dunkeläugige Frau ihren Blick durch den Raum schweifen und sah jeden an, dann ließ sie ihn auf Jennys verwirrten Zügen ruhen. „Man braucht nur eine kleine gütige Tat, um die Welt zu verändern, aber man braucht eine tapfere Person, die sie vollbringt. Wie mutig bist du, Jenny? Kannst du es in dir selbst finden, um deine Welt zu verändern?”

„Ich verstehe nicht, was wollen Sie von mir?” Das Mädchen fühlte sich überfordert und von all dem eingeschüchtert, es war unheimlich, was wollte diese Frau? Warum passierte das alles? Nichts davon ergab einen Sinn.

„Ich will meine Mutter.” Sie weinte, das Geräusch kam von ganz tief unten, hoch durch ihre Eingeweide, und dann aus ihrem Mund heraus.

„Ich will meine Mutter und ich will meinen Vater und ich will das hier nicht. Ich will, dass alles wieder in Ordnung ist” Sie heulte einen Schrei aus rohem Schmerz und heulende weiter. Ihre Knie gaben nach, als jedes Gefühl ausgoss, dass sie seit ihres Vaters Tod für sich selbst behalten hatte.

Die Welt explodierte, die Stille zerbrach in einem Aufruhr aus klappernden Dosen, fallenden Eiern und auf den Boden aufprallenden Kindern – alles auf einmal. Von weitem hörte Jenny ihre Mutter schreien. „Oh mein Gott Mädchen, wo zum Teufel kommst du her?” Zugleich schrie Joseph vor Schmerzen, als er auf den kalten Fliesen aufschlug.

Sofort reagierte die Mutter der Kinder zuerst praktisch, sie vergewisserte sich, dass Joseph nicht schwer verletzt war, bevor sie sich wieder zu Jenny umdrehte, die schluchzend auf dem Boden saß.

„Jamie setzte den Teekessel auf und gibt mir bitte ein Tuch.”

„OK.”

Jamie füllte den Wasserkocher und holte ein Tuch aus dem Waschbecken, während Joseph auf dem Boden saß und sich die Ellbogen rieb, wobei er Jamie, dann seine Mutter und dann das zitternden, heulenden Etwas von einer Schwester ansah; er war völlig verwirrt.

Jenny spürte, wie ihre Mutter sie auf einen Stuhl hob und ihr Haar streichelte, dann fing so an, die Rühreier unter dem Tisch aufzuwischen, es dauerte ein paar Minuten, bis sie die klebrige Schweinerei zusammengekratzt hatte. Als sie auf dem Stuhl saß bemerkte Jenny, dass die einzigen echten Geräusche, die in der Küche zu hören waren, das Gas unter dem Kessel war, das das Wasser zum sieden brachte, und ihr eigenes Schluchzen waren. Die Atmosphäre im Raum war zu der ruhiger Besorgnis geworden, jeder beobachtete sie. Ein plötzlicher Drang, zur Treppe und in das Heiligtum ihres Zimmers zu flitzen überkam sie.

„Hast du den Mut, die Zukunft deiner Familie zu ändern, Jenny?” Die Stimme war in ihrem Kopf, wie sie wusste, aber sie sah sich trotzdem im Zimmer um.

Ein weiteres lautes Schluchzen blieb in ihrer Kehle stecken, als sie in die Tiefe der Quelle des Grolls eintauchte. Sie konnte ihre Mutter nicht ansehen, als der verbale Ansturm der Gefühle aus ihr sprudelte, alles, was sie im letzten Jahr gedacht oder gefühlt oder sich Gedanken gemacht hatte, prustete zwischen der schweren Schluchzen heraus. Wie wütend war sie über ihrer Eltern gewesen, auf ihren Vater dafür, dass er starb und sie verlassen hatte, auf auf ihre Mutter dafür, dass sie immer zornig war, ihre Brüder dafür, das sie Jungs waren, es war nicht fair, nichts davon war fair. „Warum konnte nicht alles so sein, wie es war?” jammerte sie

Chalice Wells   - 20140322 [mobile]

Ihre Mutter hörte ruhig zu, bis die Tirade nachgelassen hatte, dann stellte sie einen Stuhl neben den ihrer Tochter und setzte sich, schlang einen Arm um das Mädchen, winkte dann die Jungs herbei. Sie hielten sich für eine lange Zeit, während der Kessel dauernd auf dem Herd pfiff und Jenny in den Schoß ihrer Mutter schluchzte.

Jamie war der erste, der den Zauber brach, er zog sich aus dem Arm seiner Mutter, um das Gas abzudrehen, und brachte den pfeifenden Dämon zum Schweigen. Er machte Tee für alle und stellte die Tassen zwischen die verstreuten Reste des Kuchenbackens, dann fing er an, die Küche aufräumen.

„Ich bin so traurig, ich verspreche dir, dass die Dinge in diesem Jahr anders werden.” Die Stimme ihrer Mutter war heiser und stockte, als sie sprach: „Dieses Jahr war so hart, auch ich war wütend und traurig. Ich dachte, dass, wenn ich nur normale Leben würde, wir durchkommen würden und alles in Ordnung wäre.” Sie schniefte und wischte sich die Nase mit dem eiverschmierten Tuch. „Es fühlt sich doch nicht normal an, nicht wahr? Und glaube ich wirklich nicht, dass irgend etwas davon fair war?” Sie schaute nach unten und streichelte den zerzausten Kopf, der in ihrem Schoß vergraben hatte. „Es kann nicht immer so sein, wie es war, Jenny, das weißt du, dass wissen wir alle. Daddy kann niemals zurück kommen. Wir müssen ihm gehen lassen und ohne ihn weiterleben; du, ich und die Jungs zusammen.” Ihre Stimme bliebt ihr im Hals stecken, als sie den letzten Satz sprach..

Joseph rückte noch näher an seine Mutter heran und wischte ihr etwas von dem Mehl aus dem Gesicht. „Es ist in Ordnung, Mum,” grinste er „wir schaffen das, du hast nun uns als Männer im Haus jetzt, was Jamie?”

„Jo“, bestätigte Jamie als er die Backpapierstücke aufsammelte und sie zurück in die Backformen legte und dann zum Kühlschrank ging, um noch einige Eier zu holen.

„Oh, keine Eier mehr da, soll ich nachsehen gehen, ob die Hühner welche gelegt haben, Mum?“

Mum schaute auf Jenny herab, die nun meistens ruhig war und nur hin und wieder von Gefühlen überwältigt erschauderte.

„Vielleicht will Jenny gehen?” Jenny hob ihren Kopf aus dem Schoß ihrer Mutter und sah ihr in die Augen. „Du wolltest vorhin nach draußen gehen und es gerade noch hell genug, um etwas zu sehen, du könntest die Hühner zu Bett bringen, wenn du willst.” Sie beide rangen sich ein schwaches Lächeln ab.

„OK“

„Zieh bitte deine Gummistiefel an, Liebes.“

„Wird gemacht.”

„Und deinen Mantel, und geh nicht zu nah an den Brunnen, es ist wirklich tückisch da draußen mit bei der Nässe.”

„Mach ich nicht”

„Vergiss nicht den Eierkorb.”

„Den hab‘ ich.” Und die Hintertür knallte hinter ihr zu.

Auf dem Weg durch den dämmerigen Garten in Richtung Hühnerstall nahm Jenny tiefe Atemzüge der kalten, klaren Luft. Ihr Kopf schwirrte vor Müdigkeit und verausgabten Gefühlen, aber es fühlte sich gut an, draußen zu sein.

Was war passiert? War nichts davon real? Sie musste auf der Fensterbank eingeschlafen sein und hatte so etwas wie einen irren Traum gehabt. Vielleicht ist sie in die Küche gegangen, während sie immer noch schlief, zumindest würde das irgendwie Sinn ergeben.

„Weil nichts davon Sinn hat, solche Dinge passieren nicht, das Leben ist nicht Harry Potter, nicht wahr?” Sie stellte die rhetorische Frage den Hühnern, als sie in den Nestkästen kramte und im Stroh verborgene Eier einsammelte. Die Hühner blieben erstaunlich ruhig bei der ganzen Sache, offensichtlich zogen sie es vor, ihre normalerweise lautstarken Kommentare dieses Mal für sich zu behalten.

Jenny verließ den Hühnerstall und sorgte dafür, dass die Riegel fest geschlossen waren, so sehr sie Füchse mochte, so wenig sollten sie ihre Hühner verspeisen. Sie nahm den Eierkorb und war auf dem Weg zur Hintertür, als irgendwas sie stehenbleiben ließ. Irgend etwas bewegte sich drüben beim Brunnen, als sie sich langsam umdrehte, dachte sie an einen Fuchs oder Dachs auf der Pirsch. Es war ein wenig zu früh am Abend für einen von beiden, überlegte sie, und dann lies sie beinahe dem Eierkorb fallen. Die Frau aus ihrem Traum ging auf sie zu, zumindest dachte sie, das es die selbe Frau wäre.
Als sie näher kam bemerkte Jenny, dass die Frau einen dunklen Mantel mit aufgesetzter Kapuze trug und, obwohl der Wind noch recht böig war, der Mantel sich kaum bewegt.

Gesicht und Hände der Frau wurden nicht vom Mantel bedeckt und ihre weiße Haut schien im Freien noch heller zu glänzen. Sie lächelte das Mädchen breit an und streckte eine schlanke Hand nach ihr aus. Ohne nachzudenken ergriff Jenny die dargebotene Hand und ließ sich in Richtung des Brunnen führen; ihre Stiefel ließen das in den Pfützen stehende Wasser spritzten. Beim Gehen schaute sie in verblüffter Bewunderung auf das schöne Gesicht der Frau. Es war jünger, weniger vor Erschöpfung gezeichnet als vorher.

„Warum sagten Sie mir nicht, wer Sie früher waren?”

„Ich brauchte es nicht zu sagen, Kind, du wusstest er schon.” Die Frau lachte.

„Sie waren vorher alt.”

„Ich bin es immer noch, aber die Welt dreht sich und die Dinge ändern sich, so dass jeden Tag jünger aussehen werden, für eine Weile zumindest.”

Sie erreichten den Brunnen, das Wasser lief fast über. Jenny hatte nie, in all ihren elf Jahren gesehen, dass es so hoch stand. Sie fühlte sich unwohl als sich ihre Stiefel in der schlammigen Erde fest sogen, jetzt verstand sie, warum ihre Mutter so viel Wert darauf legte, dass sie nicht zu nahe an den Brunnen gehen sollte. Jenny Stiefel tauchten bis zur Mitte des Schaftes ein, aber die Füße der Weiße Dame zu Füßen schien knochentrocken zu sein.

„Das Leben ist nicht wie Harry Potter”, stimmte das Mädchen in ihrem Kopf an, aber ein weiterer Blick auf die anscheinend trockenen Füße der Dame ließen sie an der Gültigkeit dieser Aussage zweifeln.

„Dieser Ort wird dir nie schaden, Jenny, er liebt dich so sehr wie du ihn liebst, aber höre trotzdem auf deine Mutter. Ich möchte, dass du weißt, dass du heute etwas mutiges getan hast. Jemand musste die Dinge sagen, die du sagtest.”

„Ich fühlte mich nicht mutig”, protestierte das Mädchen. „Ich war wütend und frustriert, es war nicht mutig, sie alle anzuschreien.”

„Manchmal scheinen Worte ärgerlich zu sein, die in Wirklichkeit voller Liebe sind. Wenn du lernst, wirklich zuzuhören, wirst du anfangen, die wahren Bedeutungen unter der Flut der Gefühle zu spüren, du wirst mehr als nur die Worte, die jemand sagt, hören. Wenn du freundlich reagieren kannst, gibst du ihnen die Gelegenheit, ihre Situation klarer zu sehen. Der Brunnen der Gefühle wird oft überlaufen, aber wenn du vorsichtig bist, brauchen sie dich nie zu überwältigen. Heute hast du eine dunkle Wolke von deinen Zuhause vertrieben und für etwas klare Luft gesorgt, damit deine Familie wieder atmen kann; wenn ihr weiterhin miteinander redet und einander zuhört, werdet mit euch alles gut werden.”

„Jenny, wo bist du? Du bist schon ewig da draußen.” Die Stimme ihrer Mutter war angespannt und klang grollend.

„Grollend oder ängstlich?” Die weiße Dame lächelte.

„Beides, denke ich”, grinste Jenny. „Ich gehe besser”

Sie ging so schnell wie möglich durch den saugenden Schlamm und versuchte verzweifelt, unterwegs nicht ihre Stiefel oder den Eierkorb zu verlieren, nach ein paar Schritten drehte sie sich um, um sich zu bedanken, aber die Frau war nirgends zu sehen.

„Jenny?”

„Ich komme.”

„Du warst beim Brunnen. Ich dachte, ich hätte dir gesagt, dass du nicht zu nahe heran gehen sollst.”

„Entschuldigung Mum, ich dachte, ich hätte etwas gesehen. Ich habe die Eier.”

„Komm, zieht diese schlammigen Stiefel aus und lassen sie hier draußen. Was soll ich mit dir bloß anfangen?”

Jenny stand auf der Hintertreppe und blickte wieder zum Brunnen. Sie flüsterte: „Danke”, als sie ihre Stiefel auszog und hinein ging.

„Das ist also das neue normal sein, nicht wahr? Na ja, vielleicht könnte das Leben also doch ein kleines bisschen Harry Potter sein.”

von Cerri Lee

Ein Märchen zu Imbolc – Teil I geschrieben von Cerri und übersetzt von MartinM

Samstag, 08. März 2014

Cerri Lee erlaubte uns freundlicherweise, ihr schönes und sehr zu Herzen gehendes modernes Märchen für den RegenBogen des „WurzelWerks“ zu übernehmen.

Imbolc mag schon eine Weile vorbei sein, aber die Geschichte ist nicht an einen bestimmten Festtermin gebunden – sie ist eine Geschichte aus dem Vorfrühling oder dem frühen Frühling. (Da Eier in ihr eine wichtige Rolle spielen, könnte sie vielleich sogar eine Ostara-Geschichte sein ;) ).

Wir danken Cerri herzlich und senden ihr unseren Frühlingssegen!

MartinM
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Ein Märchen zu Imbolc

Geschrieben am 9. Februar 2014 von Cerri

Es ist wieder ein bisschen zu spät geworden, aber hier ist meine neueste Jahreszeiten-Geschichte. Es ist wohl die persönlichste, die ich bisher schrieb, aber auch die längste. Ich hoffe, sie gefällt euch.

Frühlingssegen euch allen!

Eine Imbolc-Erzählung

Der graue Himmel füllte die Fläche des Fensters aus. Jenny beobachtete, wie der Winterwind noch eine Decke aus grollenden Wolken durch ihr Blickfeld blies. Normalerweise liebte sie es, die Welt von ihrem Fensterplatz aus zu betrachten; normalerweise machte es ihr nichts aus, ob der Regen gegen das Glas schlug oder die Sonne ihr, wenn sie durch den Tag reiste, in die Augen schien. Es war meistens eine endlose Freude, zu beobachten, wie die Hügel und Bäume ihre Farben wechselten und unglaubliche Schatten im wechselnden Sonnenlicht warfen, wie das Getreide auf den Feldern von Jahreszeit zu Jahreszeit wuchs und sich veränderte, und alle Geschäftigkeiten und Kabbeleien der Vögel und Tiere, die ihrem täglichen Leben nachgingen. Jenny sah es alles von dieser hohen Warte; es berührte immer ihr Herz, aber nicht heute. Heute gab es nichts zu sehen außer dem endlosen Grau. Sie fühlte sich unruhig, stellte sich vor, ein Tiger zu sein, der hinter den undurchdringlichen Gittern eines Zoos auf und ab lief, und es den Menschen übel nahm, dass sie jenseits der Absperrung frei herumgingen.

Der Wind und der Regen waren unerbittlich gewesen, endlose Wochen lang ließen sie nicht nach. Sie vermisste es draußen zu sein, sie fühlte sich gefangen, und am schlimmsten war, dass sie sich langweilte. Trotz all ihre Bitten und Versprechen vorsichtig zu sein, ließ ihre Mutter sie nicht nach draußen gehen, wegen all der Überschwemmungen, sagte sie, so dass sie ins Haus verbannt war. Mutter hatte versucht, sie zu beschwichtigen, indem sie versuchte, das Mädchen zu überreden, mit ihr und den Jungen Kuchen zu backen, aber Jenny ließ sich nicht von ihrer Stinklaune abbringen und stapfte davon, um sich mürrisch in ihr Zimmer zurückzuziehen.

In verdrießlicher Stimmung beobachtete sie den das Stück Garten unter ihrem Fenster, es sah zerwühlt und aufgeweicht aus, selbst die Hühner waren nicht aus dem Hühnerstall gekommen, um zwischen den Beeten zu picken, so nass war es. Sie seufzte und schlang ihre Arme um die Knie, dann legte sie das Kinn auf sie. Sie konnte Joseph und Jamie durchs Haus laufen hören, die ihren üblichen Spektakel machten, und ärgerte sich, dass sie sich nicht um die erzwungene Gefangenschaft kümmerten.

„Jungs”, schnaubte sie und tauchte tiefer in den dunklen Brunnen des Grolls gegen das Wetter, ihre Mutter und die Welt überhaupt.

„Wenn Dad hier wäre, ließe er mich gehen.” Aber er war nicht hier, und das war ein weiterer Groll, den sie zu ihrer Liste hinzufügte. Sie vergrub ihren Kopf in die Knie und ließ die Tränen fallen.

„So viel Schmerz in einem kleinen Herzen.” Die sanfte Stimme drang durch den düsteren Raum. Jenny öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit „Mum?“

Sie musste sich das eingebildet haben, war sie eingeschlafen? Sie erhob sich vorsichtig, streckte ihre steifen Beinen und rieb sich ihre kalten Arme, als sie nach einer Strickjacke suchte.

„Es war ein langer, dunkler Winter, nicht wahr, Kind?” Jenny drehte sich um, ihr Herzklopfen drohte ihre Brust zu sprengen, und sie starrte in Richtung der Stimme. Es kam aus der dunkelsten Ecke ihres Zimmers. Sie konnte gerade noch die Form des Stuhls, der dort stand, und die schattenhafte Gestalt einer Frau ausmachen. Sie schien das Mädchen vom Schatten aus ungerührt zu beobachten.

Wer war das und was machte sie in ihrem Zimmer? Jenny spürte wachsende Entrüstung darüber, dass eine Unbekannte in ihren Raum eingedrungen war.

„Wer sind Sie? Ich hörte Sie nicht kommen, und warum ließ meine Mutter Sie hier hereinkommen, ohne mich vorher zu fragen?”

„Deine Mutter weiß nicht, dass ich hier bin”. Die Stimme war beruhigend und völlig unbekümmert durch den Wutausbruch des Mädchens. „Ich bin für dich hier, Jenny. Ich habe dich weinen gehört. Ich spürte, du brauchst mich.”

„Aber, wer sind Sie und wie sind Sie hier hereingekommen, ohne dass es Mum weiß?” Die Stimme des Mädchens vibrierte vor Verwirrung und Angst. „Und wie konnten Sie mich weinen hören?“

„Ich höre alle, die Schmerzen haben und der Heilung bedürfen. Jenny, es gibt es so viel Schmerz in diesem Haus Ich konnte nicht einfach daran vorbeigehen, nicht an diesem Abend.”

„Ich verstehe nicht, ich verstehe nicht, wovon Sie reden, und ich weiß nicht, wie Sie in mein Zimmer gekommen sind. Ich rufe Mum”

„Sie wird dich nicht hören.”

„Mum, Mum, es ist jemand in meinem Zimmer, Mum.”

Das Kind ging rückwärts zur Tür, wobei es seine Augen auf den Schatten gerichtet hielt und wartete darauf, dass seine Mutter angerannt kam. Als nichts passierte, zog sie die Tür auf und sprang aus dem Zimmer und erwarte ihre Mutter auf dem Flur zu treffen. Sie hielt kurz in der Mitte des leeren Raumes inne, das Haus war unheimlich still und ruhig. Kein Ton von den ungestümen Brüdern, die durchs Haus tobten, kein Radio oder Fernsehen, weder in der Küche noch im Wohnzimmer, gar nichts. Sie warf einen Blick zurück in ihr Zimmer, dann rannte sie Hals über Kopf zur Treppe. Sie sprang, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter, landete hart auf dem Boden und ging zur Küche, wo ihre Mutter am ehesten zu finden war. Sie rutschte zur Küchentür, wo sie anhielt, gebannt von der Szene, die sich ihr darbot.

Die Küche war ein erstarrtes Bild chaotischer Ereignisse. Ihre Mutter stand am Küchentisch, starr und still wie eine Statue. Ihr Körper war verzerrt von dem Versuch, sich selbst und den Tisch im Gleichgewicht zu halten und den jungsförmigen Raketen, die durch den Raum schossen, auszuweichen und gleichzeitig zu versuchen, ihr Gesicht mit einer mehligen Hand abzuwischen. Der Tisch war voll mit schwer getroffenen Backzutaten für Kuchen: Butter, Zucker, Mehl, Formen und Backpapierstücke, alle in verschiedenen Zuständen des Kippens und Rutschens. Jenny bemerkte, dass Eier zerbrochen und ebenfalls unterwegs zu einem unordentlichen Treffen mit dem Fußboden waren.

Die Schuldigen dieses Durcheinanders, ihre Brüder, wirkten wie ein in dem Moment, in dem sie um den Tisch kurvten und ihn dabei seitlich anstießen, aufgenommenes 3D-Foto. Einer der Jungen, Joseph, hing in der Luft, im Fallen angehalten. Sein Gesicht war von der Gewissheit verzerrt, dass eine Welt des Schmerzes unterschiedlichen Arten seine unmittelbare Zukunft bestimmen würde. Dagegen war sein Zwillingsbruder, der es sicher auf die andere Seite des Tisches geschafft hatte, abrupt angehalten während er sich zum Geschehen hinter ihm umdrehte. Das Mädchen sah seinen neugierigen Gesichtsausdruck, der zwischen verschiedenen Gefühlen gefangen zu sein schien.

Jenny starrte mit großen Augen und offenem Mund in den eingefrorenen Raum. Neugierde überwältigte die Angst, sie ging vorsichtig in den Raum und fürchtete, dass sie die Luft verwirbeln und damit die ganze Szene zusammenbrechen lassen könnte. Sie beugte sich vor und schaute ins Gesicht ihres fallenden Bruders und lachte. Sie untersuchte die gefrorenen Tropfen Eiweiß und den in der Luft hängenden Mehlstaub. Jedes Detail war kristallklar, ein Moment eingefangen in … in was gefangen? Sie zog weiter durch den Raum, untersuchte alles genau, bis sie zu Jamie kam. Er sah ihre Mutter an, sein Gesichtsausdruck war richtig verwirrt. Jenny wusste nicht warum sich ihr der Magen umdrehte, als sie sein Gesicht betrachtete. Sie konnte in seinen Augen das Gefühl der Schadenfreude über den Fall seines Bruders sehen, auch die Erkenntnis, dass seine Mutter wütend werden würde, aber da war noch etwas anderes. Als sie genauer hinsah und einen Anflug von Angst und Verwirrung in seinen Augen erkannte, folgte sie seinem Blick.

Ihre Mutter war der Mittelpunkt des Chaos. Alles drehte sich um sie herum, und als sie sie betrachtete, verstand sie Jamies Gesichtsausdruck besser. Die Augen ihrer Mutter waren rot, sie weinte, Tränen waren dabei, Spuren auf ihren mehligen Wangen zu hinterlassen. Warum weinte ihre Mutter? Sie hat nie geweint, sie rief und schrie, und sie sagte ihnen, sie sollen rausgehen, aber sie weinte nie. In all diesem eingefrorenen Chaos war ihrer Mutter in Tränen das, was Jenny am härtesten traf.

„Sie weint die ganze Zeit, weißt du, aber nur, wenn sie allein ist.”

Jenny zog scharf die Luft ein, sie hatte die Frau in ihrem Schlafzimmer vergessen. Eine große, elegante Dame stand in der Küchentür, sie trug Kleidung, die aussah, als sei sie schon hundert Jahre außer Mode. Ihre Haut war alt und fast so weiß wie Schnee, der Effekt war ätherisch, sie schimmerte beinahe. Aber es war ihre dunklen, tiefliegenden Augen, dass das Mädchen nach Luft schnappen lies. Kein Weißes, gab es kein Weißes in ihren Augen! Die Frau ging nicht in den Raum, sondern stand da und betrachtete Jenny mit milder Besorgnis.

„Wer sind Sie? Und was ist mit meiner Familie passiert?” Die Stimme des Kindes war voller Verwirrung und Angst. „Ich verstehe nicht, was hier passiert, wie ist das passiert?” Sie unterdrückte ein Schluchzen, da sie der Frau nicht die Genugtuung geben wollte, sie weinen zu sehen.

„Ich bin hier, weil ihr alle mich gerufen habt.”

„Ich weiß nicht, wer Sie sind oder wie ich Sie gerufen haben könnte, aber das interessiert mich jetzt nicht. Was ich wissen will, ist, was mit ihnen passiert ist?“ Sie zeigte empört mit dem Finger auf ihre Familie und redete weiter.

Die Frau hob die Hand, um das empörte Schimpfen aufzuhalten. „Es geht ihnen gut, sie sind nicht verletzt, nur angehalten. Jeder von euch hat mich, jeder auf eigene Weise, im vergangenen Jahr gerufen. Ich habe deine Gebete gehört, als du am Brunnen im Garten saßt. Du hast mir geopfert, Blumen und Münzen, aber ich kann nicht das geben, wonach du gebeten hast. Ich kann nicht die Zeit zurückdrehen, ich kann deinen Vater nicht zurück bringen und all den Schmerz beseitigen. Dieser Schmerz ist ein Geschenk, auch wenn du das für eine lange Zeit nicht verstehen wirst, nur glaube mir, eines Tages wird es dir helfen.”

Jenny unterdrückte ein weiteres Schluchzen, das in ihre Kehle stieg und blinzelte eine Träne davon. „Der Brunnen im Garten?” flüsterte sie und erinnerte sich daran, wie sie stundenlang dasaß und mit dem Wasser redete. Sie alle hatten das getan? Mum und die Jungs auch? Sie hatten alle das gleiche gefühlt?
Sie alle kannten die Geschichten über die Weiße Frau vom Brunnen, wie sie den Menschen geholfen hatte, könnte sie das wirklich sein?

Wasser im Brunnen

Der Brunnen selbst war viel älter als das Haus und jedes Jahr im Frühling hatten sie ihn mit Blumen geschmückt und die alten Lieder gesungen, es war eine Tradition in der Familie. Oma und Opa hatten es getan, und ihre Eltern auch. „Ehrt die Dame des Brunnens, erzählt ihr eure Sorgen”, hatte Oma gesagt, immer wenn Jenny sich beklagte, dass sie Ärger mit ihren Brüdern oder ihre Eltern hatte, „sie wird immer hören, auch wenn es niemand sonst macht.” Deshalb hatte immer ihre Sorgen und Nöte mit einer Blume oder einer Münze in den Brunnen geworfen.

Im vergangenen Jahr hatte sie so oft jemanden zum Reden gebraucht, wenn sie sich allein und hilflos fühlte. Dad war weg, Mum war die ganze Zeit wütend, und die Jungen? Sie waren einfach zu jung und, nun ja, eben Jungs, wie kann man mit denen reden? Daher sprach sie zum Brunnen, es gab niemanden sonst, der sie verstand, jedenfalls hatte sie das bis jetzt gedacht.
Ende Teil I

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil XVII

Samstag, 17. November 2012

Keltisch rekonstruiertes Heidentum

Exkurs zum rekonstruktionistischen Heidentum allgemein:

Das keltisch rekonstruierte Heidentum und die folgenden neuheidnischen Traditionen (Ásatrú, Hellenismos, Religio Romana, Rodnoverie und Romuva) gehören zum rekonstruktionistischen Neuheidentum (abgekürzt: Recon). Recon-Heiden sind polytheistisch, einer bestimmten vorchristlichen Kultur verbunden, und ihre Riten sind in erster Linie dazu da, um in der Kultgemeinschaft die Gottheiten mit Gebet und Opfergaben zu ehren (do-ut-des-Prinzip), was das Heil zwischen den Gottheiten und der Menschen gewährleisten soll. Da in allen vorchristlichen Religionen, die rekonstruiert werden, auch Tiere geopfert wurden, ist dieses Thema oft ein Streitpunkt. Die meisten Recons verzichten meines Wissens aber auf Tieropfer.

Magie und das „Arbeiten mit Gottheiten“ sowie esoterische Dinge wie „Energie“ oder „spirituelle Entwicklung“ spielen keine oder kaum eine Rolle in der offiziellen Lehre und im Kult. Ebenso wenig gibt es Mysterien, die Außenstehende nicht kennen können. Das heißt auch, die für Wicca und das Neodruidentum typische Aufnahme in die Gruppe durch Initiation in die „Geheimnisse des Covens/des Hains“ ist obsolet. Recon kann jede/r sofort praktizieren, und Gruppenbildungen sind meist offen und transparent. Wichtig ist das Verständnis der vorchristlichen Kultur, deren Religion wiederbelebt werden soll, weshalb die Mitglieder angehalten sind, sich umfassend darüber zu bilden. Soweit möglich, werden bekannte Glaubensvorstellungen und Rituale ins Heute übersetzt und praktiziert und ansonsten mit passenden Vorstellungen und Praktiken ähnlicher, besser bekannter Religionen bereichert. Gemeinschaft, Familie und Ahnenverehrung spielen ebenfalls oft eine wichtige Rolle.

Die größte Gefahr beim Recon-Heidentum ist das Abdriften in übersteigerten Nationalismus oder auch in patriarchale Wert- und Familienvorstellungen. Ersteres, da oft eine vorchristliche Kultur des eigenen Staates rekonstruiert wird und so ein monolithisches Bild der eigenen Kultur entsteht und eine gewisse Art von Kulturrelativismus propagiert wird. Von diesem Gedanken ist es manchmal nur mehr ein kleiner Schritt zu rassistischen und rechtsextremen Ideen. Letzteres, weil die meisten rekonstruierten Religionen aus Kulturen stammen, die patriarchal strukturiert waren, und es gibt leider einige Recons, die nicht nur die Religion sondern auch gleich die patriarchalen Gesellschaftsformen wiederbeleben wollen. Auch herrscht bei einigen Recons die Meinung vor, sie täten und glaubten dasselbe wie ihre vorchristlichen Altvorderen, was faktisch natürlich Unsinn ist, da aufgrund von Jahrhunderten der Nichtexistenz der rekonstruierten Religion einfach zu viel an gelebter Überlieferung verlorengegangen ist. Recon ist eine neue Religion, eingebettet in die Kultur der Moderne und kann immer nur eine Annäherung an das Alte sein. (Dieser Satz gilt natürlich auch für alle anderen neuen Heidentümer.)

Zurück zur keltischen Version des Recon:

Mitte der 1990er Jahre entwickelte sich im englischsprachigen Raum der westlichen Welt eine neuheidnische Bewegung, die sich Celtic Reconstructionist Paganism (Keltisch rekonstruiertes Heidentum, abgekürzt CR) nennt. Da dieser Begriff zwar korrekt ausdrückt, was er meint, aber nicht gerade locker über die Zunge geht, haben die verschiedenen lokalen Gruppen, die sich daraus entwickelten, eigene Namen dafür entwickelt. Im englischen Raum wäre z. B. der irische Begriff „Págánacht“ zu nennen, und im deutschsprachigen Raum gibt es seit einigen Jahren ein Forum, das die CR-Begeisterten dort unter dem gallischen Begriff „Celtoi“ zusammenfasst. CR definiert sich selbst politisch als eher links verortet. Rassismus und Sexismus werden radikal abgelehnt. (Ich persönlich hoffe, dass das auch so bleibt.)

CR ist meines Wissens die einzige neuheidnische Tradition, die die wissenschaftlichen Arbeiten über die keltische Religion ernst nimmt und darauf ihre Lehre und ihre Riten aufbaut. Wie im Kapitel über Neodruiden erwähnt, gibt es auch einige Druidenorden, die sich  dem Weg der Rekonstruktion annähern. Abgesehen davon ist das Druide-Sein im CR aber reichlich unwichtig und wird auch kontrovers diskutiert. Die Celtic-Recon-Lehre ist polytheistisch und animistisch. Verehrt werden die keltischen Gottheiten mittels Gebet und Opfergaben. Da CR keine einheitlichen Riten proklamiert, vor allem, weil auch zu wenig darüber aus der Historie bekannt ist, entscheidet jede/r Gläubige, jede Gruppe selbst, wie die Zeremonien am besten rekonstruiert werden. Beliebte Ritualelemente sind: kultische Reinigung, Segen, Musik, Umtrünke mit Met oder Bier, Trankopfer, Opfer als Ritualhöhepunkt, Mittelpunktsymbolik (z. B. ein Feuer, eine Quelle, ein Kultpfahl etc.), Gebete und Hymnen, Tanz, das Erkunden des Götterwillens durch Orakel oder Trancetechniken etc. Wicca-typische Elemente, wie das Ziehen und Lösen von magischen Kreisen, das Rufen der vier Elemente, Pentagramme oder ähnliches, sind nicht Teil des CR.

Einigkeit besteht über den Jahreskreis, der durch die vier altirischen Hochfeste definiert ist – diese sind sozusagen Pflicht (was sonst noch gefeiert wird, kann jede/r selbst entscheiden). Anleihen für die Zeremonien werden an historischem, manchmal auch an zeitgenössischem inselkeltischem Brauchtum genommen. Oft werden zu den vier Jahreskreisfesten die Festtagsgottheiten besonders geehrt: zu Samain alle Gottheiten oder die eigene Landesgottheit (für Ostösterreich wäre das Noreia) oder die Matronen oder auch Teutates (Vater des Stammes), für Imbolc ist es natürlich Brigit (Gallisch: Brigantia), für Beltaine der Gott Bel (Gallisch: Belenos) und für Lugnasad Lugh (Gallisch: Lugus).

Ende Teil XVII

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil XV

Samstag, 21. Juli 2012

Kelten und Celtic Recon

Kelten

Da uns die Neodruiden kaum etwas über die Kelten verraten, müssen wir leider in die historische Tiefe gehen. Erst einmal zur Quellenlage. Diese ist, was keltisch-heidnische Religion betrifft, nicht gerade günstig – um es vorsichtig auszudrücken. Weniger vorsichtig ausgedrückt: Wenn man sich das ganze Gebiet heidnisch-keltischer Religion als ein fertiges Puzzle-Bild vorstellt, haben wir von einem 1000-Teile-Puzzle vielleicht 100 Stück, die unregelmäßig auf der Bildfläche verteilt sind. Man kann also so eine Art „roten Faden“ erkennen, Zusammenhänge und Ähnlichkeiten und vielleicht errät man sogar das ganze Bild im Groben. Aber faktisch weiß man nicht, welche Teile die großen leeren Flächen füllen.

Um diese bescheidene Quellenlage besser verstehen zu können, hier erst einmal ein kurzer Abriss über die keltische Geschichte: Die Kelten – eine vielfältige Kultur mit gemeinsamem Sprachzweig (nämlich Keltisch – nona) – breiteten sich in der Antike seit ca. 700 v. Chr. über weite Teile Europas aus. Die antike keltische Zivilisation (Festlandkelten), die wegen ihrer großen Verbreitung und ihrer Aufsplitterung in verschiedene Stämme, Völker und Königreiche das Gegenteil von einheitlich war, ist archäologisch vor allem durch die La Tène-Kultur (teilweise auch durch die Hallstattkultur) fassbar. Dabei handelt es sich um eisenzeitliche Epochen. Mit der Unterwerfung unter das römische Reich um die Zeitenwende entwickelte sich eine reiche gallo-römische Mischkultur, welche ab ca. 500 n. Chr. durch Germanisierung, Völkerwanderung und Christianisierung verschwand bzw. assimiliert wurde. Die einzigen Gebiete, die seitdem noch keltisch besiedelt sind, beschränken sich auf Irland, Schottland, die Insel Man, Cornwall, Wales und die Bretagne. Die mittelalterliche bis neuzeitliche Kultur dieser Gebiete wird „inselkeltisch“ genannt, die Gebiete selbst als „keltischer Gürtel“. Das heidnische Keltentum fand ab ca. 400 n. Chr. nach und nach sein Ende, da die keltischen Gebiete (auch jene, die von den Römern unberührt blieben, wie Irland) zu den ersten gehörten, die christianisiert wurden.

Wir haben also drei historische Großgruppen: Die eisenzeitlichen Kelten, die durch archäologische Funde, griechische und römische Geschichtsschreiber und einer Handvoll keltischer Inschriften belegt sind. Die gallorömische Kultur, die trotz (und auch wegen) der Romanisierung die meisten keltischen Inschriften hinterlassen hat – auch hier haben wir zusätzlich archäologische Funde und schriftliche Aufzeichnungen römischer und griechischer Autoren. Und dann die Inselkelten, die selbst viel aufgeschrieben haben aber dummerweise schon christlich waren, als sie die Geschichten über ihre heidnischen Vorfahren zu Pergament brachten. Hier interessieren vor allem die mittelalterlichen irischen Handschriften, da sie die frühesten und umfassendsten inselkeltischen Aufzeichnungen darstellen (sprachlich teilweise bis ins 7. Jhdt. n. Chr. datierbar).

Für die Jahreskreisfeste stütze ich mich vor allem auf das Buch „Die hohen Feste der Kelten“ von Le Roux u. Guyonvarc’h, in dem alle historischen Hinweise zu diesem Thema herausgearbeitet sind. Ich kann dieses Buch für Keltenfans nur wärmstens empfehlen, da es zu diesem Thema auf Deutsch nichts Besseres gibt. Die Quellen zum Jahresfestkreis sind nämlich in allen möglichen mittelalterlichen Handschriften verstreut, die in dem genannten Werk zusammengetragen wurden.

Die ältesten Aufzeichnungen über den altirischen Jahresfestkreis finden wir bei Geoffrey Keating, einem irischen Gelehrten aus dem 17. Jhdt., in seinem Werk „History of Ireland“, der aus verschiedenen mittelalterlichen Handschriften, die zum Großteil heute verschollen sind, schöpfte. Dort wird beschrieben, wie der mythische Hochkönig Tuathal Techtmar, der im 1. Jhdt. n. Chr. gelebt haben soll, die kultische Zentralprovinz Meath (Midhe) gründete. Dafür teilte er die Provinz in vier Teile, wobei jeder Teil einer der anderen Provinzen zugeordnet wurde, und in jedem dieser Teile war ein Königssitz für den jeweiligen Provinzkönig. Und an jedem der vier Königssitze wurde eine Festversammlung im Jahr abgehalten:

Der König von Munster war am Königssitz von Tlachtga. Dort sollte jährlich am 1. November die Samain-Nacht gefeiert werden. Die Druiden kamen zusammen, um allen Gottheiten in einem Feuer Opfer darzubringen. Alle Feuer in den Häusern mussten gelöscht werden (wer es nicht tat, bekam eine Geldstrafe aufgebürdet), und vom Opferfeuer musste man sich dann neues Feuer holen.

Der König von Connaught saß in Uisneach. Die Versammlung dort fand an Beltaine am 1. Mai statt. Man opferte dem meistverehrten Gott Bel und hielt Markt ab, wo Güter getauscht wurden. Überall wurden zwei Feuer angezündet, um zwischen den Feuern ein krankes Tier jeder Gattung hindurchzuführen, was alles Vieh in Irland vor Krankheiten schützen sollte. Jeder Anführer, der zur Versammlung kam, musste Pferd und Ausrüstung als Steuer dem König überlassen.

Der König von Ulster weilte in Tailtiu (Teltown). Hier fand zu Lugnasad am 1. August ein Jahrmarkt statt. Ehen und Freundschaften wurden geschlossen, wobei die Eltern die Verträge für ihre Töchter und Söhne besiegelten, während sich diese nach Geschlechtern getrennt am Fest aufhalten mussten. Der Gott Lughaid Lamhfhada stiftete das Lugnasad-Fest für seine Ziehmutter Tailtiu, da sie gestorben war und in Teltown bestattet wurde. Ihr zu Ehren war das Fest. Jedes Paar, das hier vermählt wurde, musste dem König Steuern zahlen.

Der König von Leinster weilte in Tara. Alle drei Jahre fand hier am 1. November das Fest von Tara statt, wobei, wie zu Samain, allen Gottheiten geopfert wurde. Das königliche Fest wurde offiziell angekündigt. Es wurden Gesetze und Bräuche beschlossen, die Annalen und Altertümer Irlands verabschiedet. Alle Beschlüsse wurden von den obersten Geistlichen in das Buch der Könige verzeichnet. Jeder Brauch, der mit diesem Buch nicht übereinstimmte, wurde nicht als echt angesehen.

Soweit zum Gründungsmythos von Midhe. (Weitere historische Hinweise auf die Feste im Alten Irland sind im Anhang zu finden.) Auffällig ist, dass der 1. November mit zwei Festen belegt ist (Samain und das Fest von Tara – wobei beide im Sinn ähnlich sind) während Imbolc am 1. Februar fehlt. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass letzteres eher ein Familienfest gewesen sein dürfte und keine königliche Volksversammlung. Nichtsdestotrotz sind Samain, Imbolc, Beltaine und Lugnasad als markante Feste und Jahreszeitenbeginne in den mittelalterlichen irischen Schriften oft erwähnt. Man kann also flapsig sagen, dass die Hälfte der Feste des achtfachen Jahres von den Kelten beigesteuert wurde. Während aber für die drei Versammlungen Samain, Beltaine und Lugnasad zumindest einige Hinweise über Sinn und Ablauf der Feste zu finden sind, ist nichts dergleichen über Imbolc bekannt. Mehr als dass es sich wahrscheinlich um ein Fest der rituellen Reinigung zum Frühlingsbeginn, wo die Mutterschafe Lämmer bekommen und Milch geben, mit anschließendem Festmahl gehandelt hat, ist nicht bekannt. (Ein anderer Name für Imbolc, das mit „umfassender Reinigung“ übersetzt werden kann, ist „Oimelc“, was „Schafsmilch“ bedeutet.)  Fraglich ist damit auch, ob die heilige Brigit, die in christlicher Zeit am 1. Februar so einen großen Festtag hat, auch in heidnischer Zeit als diesbezügliche Festtagsgöttin so wichtig war. Denkbar ist es, da auch die Mythen um die Göttin und die Heilige Ähnlichkeiten aufweisen. Aber es gibt keinen literarischen Hinweis darauf.

Die vier Hochfeste des Alten Irland werden im keltischen Gürtel – und einige darüber hinaus – noch heute in christianisierter und/oder säkularer Form gefeiert. Samain hat sich zu Halloween entwickelt, wobei die Bräuche des neuzeitlichen Samhain mit denen des anglisierten Halloween identisch sind. Das Totengedenken zu Allerseelen hat ebenfalls auf das Samhain-/Halloween-Fest abgefärbt. Imbolc wurde zum Fest der hl. Brighid, das im goidelischen Raum (Irland, Schottland, Insel Man) gefeiert wird und um die Heilige zahlreiche Familienbräuche ausgebildet hat. Beltaine entwickelte sich zum Maifest, welches ähnliche Bräuche aufweist wie hierzulande. Und Lugnasad hat heutzutage mehrere Feste im keltischen Gürtel um den 1. August, das bekannteste ist vielleicht der Garland Sunday, der letzte Sonntag im Juli, wo unter anderem die Wallfahrt auf den Berg Croagh Patrick stattfindet. Die altirischen und neuzeitlichen Feste weisen teils Unterschiede auf (siehe Anhang).

Wie schon angemerkt, markieren die vier Feste auch den Beginn der Jahreszeiten. Samain ist der Beginn des Jahres überhaupt und auch der Beginn des Winters (die Bedeutung des Namens ist „Sommerende“), Imbolc ist der Frühlingsbeginn, Beltaine (Feuer des Bel) der Sommerbeginn und Lugnasad (Versammlung des Lug) der Herbstbeginn. Da zu Samain und zu Beltaine im alten Irland jeweils Notfeuerbräuche stattfanden (alle Herdfeuer mussten ausgemacht werden, und die Druiden (zu Samain) bzw. der König (zu Beltaine) entzündeten das neue Feuer für das Volk), markieren diese beiden Feste die Zeitpunkte zwischen den Jahreshälften: von Samain bis Beltaine ist die dunkle Zeit und von Beltaine bis Samain die helle Zeit.

Man mag sich nun wundern, warum die alten Iren so ausgefallene Jahreszeitenbeginne hatten. Von Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen ist in den Handschriften jedenfalls nirgends die Rede. Die Antwort ist meines Erachtens vielleicht, dass es einen religiösen Grund hatte, denn auch wenn es in Irland durch den Golfstrom im Winter wärmer ist als in Kontinentaleuropa, ist das nicht unbedingt ein Grund, den Sonnenlauf zu ignorieren. Vielleicht kamen die vier Feste auch aus Spanien mit keltiberischen Einwanderern nach Irland, also aus einem mediterranen Klima. Sicher werden wir es wohl nie wissen.

Drei der vier Feste sind noch heute irische Monatsnamen: Bealtaine heißt der Mai, Lúnasa der August und Samhain der November. Die Namen für Juni (Meitheamh – Mitte des Sommers), September (Meán Fómhair – Mitte der Ernte) und Oktober (Deireadh Fómhair – Ende der Ernte) könnten darauf hinweisen, dass die Jahresaufteilung in den alten inselkeltischen Gebieten in 4 x 3 Monate geschah, wobei die vier Viertel vielleicht in „Anfang“, „Mitte“ und „Ende“ einer Jahreszeit aufgeteilt waren. (Ähnliche Monatsbezeichnungen gibt es auch in den anderen inselkeltischen Sprachen.) Wie auch immer – es gibt bei den Inselkelten keinen Hinweis auf einen vorchristlichen Mond- oder Sonnemondkalender. Ich nehme daher an, dass schon in heidnischer Zeit ein Sonnenkalender eingeführt wurde. Altirische Monatsnamen, geschweige denn heidnisch-inselkeltische Kalender, konnte ich bei meiner Recherche leider nicht finden. Im Gegenteil: Die irischen Kirchenväter verwendeten schon im frühen Mittelalter die lateinischen Monatsnamen.

Natürlich gab es auch bei den anderen Inselkelten Jahreskreisfeste. Die mittelalterlichen Schriften in diesen Gebieten geben aber meines Wissens zu diesem Thema kaum etwas her.