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Inyan – Der Fels als Ursprung allen Seins

Samstag, 17. März 2012

In der letzten Zeit bin ich mit vielen Geschichten über die Lakota Indianer in Verbindung gekommen. Freunde haben mir diese Geschichten erzählt, mir Literatur dazu gegeben und mir Filme, Serien und Dokumentationen empfohlen, die sich mit diesem Thema befassen. Am Anfang war ich mir nicht sicher, inwieweit ich mich auf diese Erzählungen einlassen sollte, da ich meinen Bezug zu dieser Kultur nicht wirklich erkennen konnte. Trotzdem entwickelte sich ein gewisses Interesse und mir fiel ein Buch in die Hände, das sich mit dem Unterschied zwischen verbreiteten Vorstellungen über das Leben der Natives und ihrem tatsächlichen Leben befasst. Eine Geschichte die ich besonders schön fand und die für die SteinWeise sehr passend ist, ist die Geschichte über die Entstehung des Universums aus der Sicht der Lakota. Ich selbst bin kein Experte auf diesem Gebiet, werde aber versuchen diese wunderschöne Schöpfungsgeschichte so gut ich kann wiederzugeben.

Die Entstehung des Universums

Am Anfang gab es nur Inyan, den Fels, der das ganze Universum beinhaltete. Inyan entstand nicht irgendwann einfach aus dem Nichts heraus und wurde auch von keinem anderen Wesen erschaffen, Inyan hatte bereits immer schon existiert. Das heißt, dass alle Dinge dieser Welt, alles Leben direkt aus Inyan, also aus dem Fels entstanden sind. Inyan sehnte sich danach, seine Kräfte ausüben zu können, da er aber alleine war, war ihm dies nicht möglich. So entschied er sich dazu, weitere Wesen zu erschaffen. Aus einem Teil seiner selbst formte er eine enorme Scheibe, die Maka – die Erde – wurde. Als Inyan der Felsen Maka erschuf, öffneten sich seine Venen so stark, dass all sein Blut das blau war, herausquoll. Inyan erhärtete daraufhin und verlor seine Kraft, die mit seinem Blut aus ihm herausfloss. Aus diesem blauen Blut entstanden die Gewässer der Erde. Inyans Kräfte konnten aber nicht im Wasser leben. So spalteten sie sich ab und wurden zu Skan, dem großen blauen Himmel.

Zu diesem Zeitpunkt existierten drei materielle Wesen: Inyan der Fels, Maka die Erde sowie das Wasser auf der Erde. Alle diese Wesen hatten eine Gestalt und bestanden aus Materie. Nur Skan der Himmel war kein materielles Wesen, denn er wurde erschaffen aus Geist und Energie. Skan war somit alles was von der ursprünglichen Kraft Inyans noch übrig war. Demnach war Skan zwar der dritte der Götter, war aber mächtiger als die beiden Götter Inyan und Maka.

Makas Unzufriedenheit

Bald war Maka frustriert, da sie an Inyan gebunden und somit kein eigenständiges Wesen war. Da es außerdem nur Dunkelheit gab, vermochte sie sich selbst und alles andere dieser Welt nicht zu sehen. Ebenso hatte sie nicht die Macht das Wasser zu kontrollieren. Da Inyan seine Kräfte nicht mehr besaß, musste sich Maka an Skan wenden. Dieser entschied, dass Maka immer ein Teil von Inyan bleiben müsse, doch er gab Maka die Macht das Wasser zu kontrollieren. Skan teilte Han (die Dunkelheit) in zwei Hälften. Eine Hälfte blieb dunkel und wurde in die Regionen unter der Welt verbannt. Die andere Hälfte wurde zu Anp, dem Licht, das kein Wesen war, sondern das Rot das in der Welt schien. Han wurde durch Anp ersetzt. Skan befahl Anp Licht in die Welt zu bringen, damit alle Dinge sichtbar wurden.

Bald wurde Maka aber wieder unzufrieden, denn nun da sie sich sehen konnte, befand sie sich selbst als hässlich. Da sie aber die Gewässer wunderschön fand, teilte sie diese in Meere, Flüsse und Seen und schmückte sich selbst damit. Doch dies reichte Maka noch nicht und sie beklagte sich über die Tatsache, dass es keine Veränderung auf der Welt gäbe und immerwährendes Licht und Kälte auf der Erde herrschten. Um Maka zu besänftigen nahm Skan Teile von sich selbst, Maka, Inyan und dem Wasser und erschuf eine glühende Scheibe, die er Wi (Sonne) nannte. Nun erhitze Wi die Welt und auch Schatten für alle materiellen Dinge, nicht aber für die Spirituellen, existierten von nun an.

Wasserfall & Regenbogen

Da ihr nun aber bald zu heiß wurde, war Maka wiederum missmutig. Skan teilte nun die Zeit in zwei Teile, gab einen Teil an Anp und nannte ihn Tag und den zweiten Teil an Han und nannte ihn Nacht.

Es gab nun vier Götter: Inyan den Felsen, Maka die Erde, Skan den Himmel und Wi die Sonne. Alle zusammen bildeten das „Große Geheimnis“.

Da die Götter einsam waren, gab Skan jedem von ihnen die Macht sich einen Gefährten zu erschaffen. Wi erschuf Wi-win (weibliche Sonne bzw. Mond). Maka erschuf Unk (Passion, Leidenschaft). Da aber Unk so schön war, wurde Maka bald eifersüchtig und warf Unk ins Wasser, sie blieb fortan ohne einen Gefährten. Skan erschuf ein Wesen, das so wie er nicht aus Materie sondern aus Geist bestand und nannte es Tate (Wind). Inyan erschuf einen Gefährten der anders war als alles was bisher existierte und nannte ihn Wakinyan (Thunderstorm). Wakinyan war aber von so mächtiger Natur, dass alle die ihn sahen auf der Stelle verrückt wurden. Deshalb befahl ihm Skan sich zu verstecken um dies so zu vermeiden. Wakinyan versteckte ich nun in verschiedenen formlosen Gewändern, die weiß, schwarz oder manchmal orange waren und die wir Wolken nennen.


Persönliche Gedanken zur Bedeutung des Steins in dieser Geschichte

Durch die Schöpfung neuer Wesen hat Inyan der Felsen seine ursprüngliche Stellung und Macht verloren, man kann fast sagen abgegeben, bleibt aber dennoch Teil des Ganzen und weiterhin ein Gott. Für mich ist der Gedanke inspirierend und tröstlich, weiterhin Teil des Ganzen zu sein, auch wenn meine „Kräfte“ irgendwann nicht mehr in der jetzigen mir vertrauten Form, vorhanden sein werden. Veränderung bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz andere Bedeutung – das Loslassen alter Denkmuster, das Annehmen neuer Überzeugungen, das älter Werden und die damit verbundenen körperlichen oder geistigen Veränderungen, das Erleben des eigenen Sterbens, der eigene Tod und die damit einhergehende Transformation des „Ichs“ in etwas das wir jetzt sicher noch nicht verstehen können.

Und all das aus Inyan dem Felsen, Ursprung allen Seins. Ich mag diese Geschichte.

Quelle: „The Book of Imaginary Indians“, Phil Hart
Bildquelle: http://mein.salzburg.com/fotoblog/heimat/2011/02/regenbogen-wasserfall.html

Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition (3)

Samstag, 27. März 2010

3. Ist Schamanismus ein weltweites Phänomen?
Von Martin Marheinecke

Nicht nur der Begriff Schamane stammt von den Ewenken bzw. Tungusen. Dieses sibirische Volk stellt sozusagen den „ethnologische Prototyp“ des Schamanismus dar.

Bereits im 18. Jahrhundert erkannten europäische Forschungsreisende, wie der in russischen Diensten stehende deutsche Geograph Georg Wilhelm Steller, dass es auch bei Völkern außerhalb Zentralsibiriens spirituelle Spezialisten gab, die ähnliche Aufgaben übernahmen, ähnliche Methoden verwendeten und ein vergleichbares Weltbild wie die sibirischen Schamanen hatten.
Im 19. Jahrhundert wurde es üblich, den Begriff „Schamanismus“ auf die den Praktiken der sibirischen Schamanen ähnliche Erscheinungen überall auf der Erde anzuwenden.
Weil sich einige schamanische Vorstellungen und Praktiken fast überall auf der Erde finden, sehen nicht nur Anhänger Mircea Eliades den Schamanismus als universelles Phänomen an.
Eine schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gängige Vorstellung ist, dass jede Kultur eine „schamanische Phase“ durchlaufen würde. Nach einem damals weit verbreiten evolutionistischen Geschichtsmodell wurden zeitgenössische „primitive“ Kulturen mit den steinzeitlichen Kulturen der europäischen Vorgeschichte gleichgesetzt. Auf der Annahme, dass etwa die australischen Ureinwohner sozusagen den Urmenschen konserviert hätten, bauten sogar solche Größen wie Freud, Malinowski oder Durkheim ihre Hypothesen auf. In den Völkern des nördlichen Sibiriens sah man ein Modell für die europäischen Jägervölker der letzten Eiszeit.

Trommeln, Ritualgewand/Jakuten
Schamanentrommeln und Ritualgewand der Jakuten Foto: Volkmar Kuhnle

Weil es bei diesen nordsibirischen Völker Schamanen gibt, spekulierten die Gelehrten des späten 19. Jahrhunderts, dass der Schamanismus bereits in frühester Vergangenheit verbreitet gewesen sein müsste.
Obwohl die eurozentrische Idee, „primitive“ Völker seien einfach in ihrer Entwicklung den „Kulturvölkern“ um mehrere zehntausend Jahre „zurückgeblieben“ in der Ethnologie genau so passé ist, wie der naive Evolutionismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, konnte sich die Hypothese des prähistorischen Schamanismus halten. Die Spekulationen der damaligen Wissenschaft werden, obwohl sie von falschen Annahmen ausgingen, anscheinend durch archäologische Erkenntnisse bestätigt.
Ein profilierter Vertreter der These, dass schon die steinzeitliche Jäger im Aurignacien (um 13.000 v. u. Z.) schamanisch gearbeitet hätten, ist der Archäologe Horst Kirchner. Als Indiz deutetet er zum Beispiel eine bekannte Zeichnung aus der Höhle von Lascaux: Sie zeigt einen Vogelkopf auf einer Stange, einen Bison und einen Mann mit offensichtlichem Ithyphallus in Schräglage. Kirchner zufolge handelt es sich um die Darstellung einer schamanistischen Geisterbeschwörung mit Hilfsgeist (Stangenvogel), Schamane (Mann) und Opfertier (Bisonstier). Der berühmte „tanzende Zauberer“ aus der Höhle von Les Trois Frères, ein Mann mit Geweih, Pferdeschweif, Bärenpranken und eindeutig menschlichen Beinen, wird auch von anderen Forschern als Schamane gedeutet.
Es gibt ähnliche Felszeichnungen unterschiedlichen Alters – vom Eiszeitalter bis in die Neuzeit – in anderen Teilen der Erde, beispielsweise in Südafrika oder in Nordaustralien. Sie sind aber allenfalls ein Beleg dafür, dass es dem Schamanismus ähnliche Praktiken gab.
Es gibt aber auch handfestere Hinweise auf Schamanismus in der jüngeren Altsteinzeit. 2008 fanden Archäologen in einer 12.000 Jahre alten Grabstätte in Israel Artefakte, die schamanistisch sein könnten. Das Grab enthielt nicht nur das Skelett einer zierlichen, etwa 45 jährigen, wahrscheinlich gehbehinderten Frau, sondern auch 50 Schildkrötenpanzer und ausgewählte Körperteile eines Wildschweins, eines Adlers, einer Kuh, eines Leoparden, einer Gazelle und von zwei Mardern. Sogar ein vollständiger menschlicher Fuß gehörte dazu. Die Beerdigungsrituale und die Art, wie das Grab gebaut und versiegelt wurde, deuten nach Ansicht der Forschergruppe der Universität von Jerusalem um den Archäologen Leore Grosman auf ein Schamanengrab hin.

Während die Frage, ob es schon vor über zehntausend Jahren Schamanen gab, vorsichtig mit „wahrscheinlich ja“ beantwortet werden kann, sind andere Fragen noch offen.
Warum ähneln sich die schamanischen Praktiken in verschieden Teilen der Erde so sehr? Tatsächlich ähneln sich die Arbeitsmethoden der sprituellen Handwerker in so weit voneinander entfernten Regionen wie Grönland, dem Amazonasbecken, der Mongolei oder Borneo in verblüffenden Weise.
Für diese Übereinstimmungen gibt es zwei Erklärungsmodelle. Während Diffusionisten davon ausgehen, dass der Schamanismus als religiöses Phänomen in einer einzelnen Kultur zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden sei und sich anschließend auf zahlreiche andere Kulturen ausgedehnt habe, behaupten Generalisten jeder Mensch besäße schamanische Anlagen. Der Schamanismus wird so zu einer anthropologischen Konstante.
Das es einer Berufung bedarf, um Schamane zu sein, spricht gegen die Hypothese, dass jeder „Durchschnittsmensch“ das Schamanisieren erlernen könnte, so wie etwa beinahe jeder in der Lage ist, Lesen und Schreiben zu lernen. Wenn manche Neoschamanen von schamanistische Techniken im Sinne von erlernten Fertigkeiten sprechen, unterschlagen sie regelmäßig Phänomene wie die Berufung oder die „Schamanenkrankheit“, und würden sich in schamanischen Stammeskulturen nur lächerlich machen.
Fast überall auf der Erde gibt es Animismus, die Vorstellung, dass alles im Universum belebt oder von Geistern bewohnt sei – Pflanzen, Tiere, Naturerscheinungen, aber auch Felsen, Häuser, Geräte, Waffen. Ohne einen mehr oder minder ausgeprägter Animismus funktioniert das schamanische Denken nicht. Man hüte sich vor dem weit verbreiteten Vorurteil, nur „primitive“ Kulturen seien animistisch. Kenner japanischer Filme, Romane oder Comics („Mangas“) wissen, wie stark selbst das moderne Japan von animistischen Vorstellungen durchdrungen ist. Alltagsanimismus, der sich etwa in der viel bespöttelten Angewohnheit von Computerbenutzern oder Autofahrern, ihrer jeweiligen „Kiste“ gut zuzureden, zeigt, findet sich sogar im animismusfeindlichen „christlichen Abendland“.
Eng mit dem Schamanismus verbunden, und in den meisten Kulturen zu finden, sind Ahnenkult und Geisterglaube. Der Totemismus ist nicht ganz so universell, aber immerhin gibt es ihn in allen Erdteilen. Es gibt auch fast überall auf der Erde die Vorstellung von „Anderswelten“. In den meisten Kulturen kennt man Trance induzierende Methoden und halluzinogene Drogen.
Was die Grundvoraussetzungen für Schamanismus angeht, haben die Generalisten also offensichtlich recht: Menschen aus allen Kulturen können schamanische Fähigkeiten haben.
Es lässt sich zwar nicht genau berechnen, aber in Stammesgesellschaften mit intaktem traditionellen Schamanismus empfängt etwa jedes dreißigste bis fünfundzwanzigste Stammesmitglied eine schamanische Berufung. Das bedeutet, vorausgesetzt, dass schamanische Fähigkeiten tatsächlich eine „anthropologische Konstante“ wären, dass allein in Deutschland über 2,7 Millionen Menschen leben müssten, die potenziell eine schamanische Funktion übernehmen könnten.

Die Generalisten haben aber insofern Unrecht, da das oben skizzierte „Berufsbild“ des Schamanen oder ein schamanischer Komplex in den meisten Kulturen nicht zu finden ist.

Walrosszähne, bemalt
Walross-Stoßzähne, bemalt mit schamanischen Motiven Foto: Volkmar Kuhnle

Voll entwickelte schamanische Techniken und ein schamanisches Weltbild – die zusammen den schamanischen Komplex bilden – findet man nur bei relativ wenigen Kulturen, meistens bei Stammeskulturen, die teilweise oder ganz von der Jagd leben oder die Hirtennomaden sind. In diesen Fällen kann man von schamanischen Kulturen im engeren Sinne sprechen. Neben diesen schamanischen Kulturen gibt es schamanische Kulturen im weiteren Sinne, in denen einzelne Merkmale des Schamanismus fehlen – z. B. unternehmen die koreanischen Schamaninnen keine Seelenreisen.

Wie schon erwähnt, gibt es schamanische Kulturen im engeren Sinne in Sibirien und in der Mongolei. Die arktische und subarktische Kultur der Inuit (Eskimos) ist eindeutig schamanisch und dem sibirischen Schamanismus sehr ähnlich. Im südlichen Innerasien und in Tibet gibt es ebenfalls Schamanismus, der aber durch andere Kulturen „überformt“ ist und damit Schamanismus im weiteren Sinn ist. Auf dem indischen Subkontinent und in Ostasien finden sich abgewandelte Formen der schamanischen Praktiken, die sich in mancher Hinsicht vom nordasiatischen Muster unterscheiden. Ob das noch Schamanismus genannt werden kann, ist umstritten.

Bei den Indianern der nordamerikanischen Nordwestküste kommen Trance und Geistreise manchmal, aber nicht überall vor. Noch weiter südlich sind tiefe Trance und Seelenreisen seltener. Dafür tritt in den Präriegebieten die Praxis der „Visionssuche“ in den Vordergrund. Nicht alle nordamerikanische Ureinwohner praktizierten Schamanismus, auch wenn gemäß der ethnographischen Datenbank „Human Relations Area Files“ bei 97 % aller nordamerikanischen indigenen Kulturen Rituale zur Bewusstseinsveränderung bekannt sind.

In Zentral- und Südamerikas ist der „Drogen-Schamanismus“ besonders entwickelt. Während sibirische Schamanen allenfalls Fliegenpilze (und Wodka) als „sprituellen Treibstoff“ verwenden, sind im tropischen Amerika über 100 Pflanzen mit psychotropen oder halluzinogenen Eigenschaften im Gebrauch. Noch Eilade sah im Drogengebrauch durch Schamanen eine Degenerationserscheinung, heute wissen wir, dass es sowohl drogengebrauchende wie drogenabstinente Traditionen des Schamanismus gibt.
Einige halluzinogene Pflanzen, wie Datura (Stechapfel), der Peyote-Kaktus, die Mescal-Bohne oder Pilze der Gattung Psylocibe werden auch im südlichen Nordamerika verwendet, aber die erstaunlichsten Kenntnisse in der Anwendung halluzinogener Pflanzen als Treibstoff schamanischer Reisen haben südamerikanische Schamanen. Etwa 80% aller heute bekannten psychoaktiven Drogen stammen aus dem Arzneischatz süd- und mittelamerikanischer Vegetalistas. Die „Mehr-Komponenten-Droge“ Ayahuasca ist das bekannteste Beispiel höchst raffinierter Dschungelpharmakologie.
Die in Sibirien und Nordamerika übliche Schamanentrommel ist in Südamerika meistens durch die Rassel ersetzt. Es ist eindeutig Schamanimus, denn ein „schamanischer Komplex“ ist vorhanden, der sich aber vom sibirischen Prototyp deutlich unterscheidet.

In Vorderasien, Afrika, Ozeanien und Australien ist die Situation anders. Zwar gibt es auch hier Kulturen mit vielen schamanische Elemente jedoch keinen kompletten, wenn auch vielleicht abgewandelten, schamanischen Komplex. Einige dieser Kulturen, z. B. die Aranda oder die Walbiri Zentralaustraliens, könnte man dennoch als schamanische Kulturen im weiteren Sinne bezeichnen.
Der Kulturvergleich legt eine diffusionistische Deutung nahe: je weiter eine schamanische Kultur vom nördlichen Sibirien entfernt lebt, desto deutlicher weichen Teile der schamanischen Praktiken vom „Original“ ab – wobei diese Diffusion allerdings kulturelle und sprachliche Unterschiede überwinden musste.

Auch wenn es Anhängern der romantischen Vorstellung, es gäbe einen einzig wahren, monolithischen „Schamanismus“ und daneben allenfalls „Degenerationsformen“, sicher nicht gerne hören, spiegeln sich in schamanischen Praktiken immer auch die Grundwerte und die Weltsicht einer Kultur wieder. Vielleicht sollte man besser von „Schamanismen“ als von „dem Schamanismus“ reden, denn trotz eines „harten Kerns“ an Gemeinsamkeiten ist der Schamanismus verschiedener Völker genau so vielfältig wie ihre übrige Kultur.

Einzelne schamanische Praktiken und Anschauungen gibt es in allen Teilen der Welt, aber selbst Schamanismus im weiteren Sinne ist kein universelles Phänomen. Schamanismus im engeren Sinne gibt es nur bei einigen Jäger- und Hirtennomadenvölkern Nordasiens und Amerikas.