Mit ‘Isfet’ getaggte Artikel

Von der Schöpfung der Welt – Teil III geschrieben von Merienptah

Samstag, 21. Dezember 2013

Eine dritte sehr weit verbreitete Schöpfungsgeschichte ist die Kosmogonie von Memphis

…, dem alten Mennefer, der königlichen Residenzstadt am Südende des Nildeltas, dem Schnittpunkt von Ober- und Unterägypten. Dieser etwas jüngere Mythos knüpft an die heliopolitanische Schöpfungsgeschichte an, behauptet aber darüber hinaus, dass der memphitische Gott Ptah, auch Ptah-Tatenen genannt, dem Sonnegott Re-Atum vorausgehe und das Ptah es war, der Atum und letztendlich die anderen Götter sowie alles andere durch „Herz und Zunge“, also die Macht von Geist und Wort, geschaffen habe. Der Ausdruck spielt auf die bewusste Planung der Schöpfung und ihre Ausführung durch rationales Denken und Sprechen an. Sie ist das früheste Beispiel für die sogenannte Lehre des „Logos“, in der die Welt durch kreative Rede einer Gottheit Gestalt annimmt.

Ptah, der „Herr des Schicksals“ wird darin zum Ursprungspunkt der gesamten Schöpfung und die Gottheiten der heliopolitanischen Neunheit zu dessen Manifestationen erklärt. In einer anderen Version dieser Geschichte ist Ptah nicht Tatenen, der personifizierte Urhügel, sondern der Urozean Nun selbst. Im System von Memphis ist Atum demnach nur der Vollstrecker von Ptahs Willen, der die Befehle des großen Gottes verstand und ausführte. Auch verlor Atum seine alleinige Stellung innerhalb der Schöpfung, denn ihm, der Sonne, wurde Thot als Gott des Mondes beigestellt, ebenso Seschat, die ordnende Kraft der Mathematik sowie die beiden Schwestern Maat und Isfet, die Ordnung und das Chaos.

Bis auf den Unterschied im Urschöpfer, den der memphitische Mythos in Ptah sieht, ist der weitere Verlauf des Schöpfungsprozesses dem der etwas älteren heliopolitanischen Kosmogonie nahezu gleich. Bedingt durch die räumliche Nähe der beiden Städte (die Kultzentren von Memphis und Heliopolis sind nur ca. 30 km voneinander entfernt) ist eine gegenseitige Beeinflussung dieser beiden uralten Mythen nicht ausgeschlossen.


Eine weitere Kosmogonie entstand zu Beginn des Mittleren Reiches in Theben, dem alten Waset


Um der Heimatstadt der Königsfamilie des wiedervereinten Kemet nach den Wirren und den religiösen Krisen der ersten Zwischenzeit auch in kultischer Hinsicht den ihr gebührenden Glanz und auch die Vorrangstellung vor allen anderen Städten einzuräumen, ersannen die Priester des Stadtgottes Amun einen eigenen Schöpfungsmythos. In dieser Version der Geschichte werden Versatzstücke der Kosmogonien von Heliopolis und Hermopolis miteinander vermischt. Amun, als bereits bekanntes Mitglied der hermopolitanischen Achtheit wird dort zum „ältesten der Acht“, der durch seinen eigenen Willen die Schöpfung in Gang setzt und den Urhügel aus dem Urozean hebt. Dort erscheint der Sonnengott (entweder in einem Ei, oder der Lotosblüte – da gibt es verschiedene Versionen), mit dem sich Amun zu Amun-Ra verbindet. Daraufhin setzt sich die Schöpfung ganz gemäß der alten Kosmogonien von Heliopolis, Hermopolis oder Memphis fort, die sich ja im weiteren Ablauf der Geschehnisse nicht wirklich voneinander unterscheiden. Durch die Verschmelzung der verborgenen Urkraft des Amun von Hermopolis, der solaren Aspekte des heliopolitanischen Schöpfergottes Ra sowie der willentlichen Schöpfungskraft des Ptah von Memphis entstand ein nahezu transzendenter Universalschöpfer. Amun „der älteste der Alten“, „der alles sieht und hört“, „der überall gleichzeitig sein kann“. Als Nisut-netjeru, „König der Götter“ wird Amun von da an im ganzen Land verehrt, sein Kult überstrahlte, sicherlich auch durch die Königsfamilie forciert, innerhalb weniger Jahrzehnte alle anderen Götter Kemets und sein Tempel in Theben wuchs im folgenden Jahrtausend zu einem der bis heute größten sakralen Gebäudekomplexe der Welt an. Zusammen mit den benachbarten Bezirken des alten Lokalgottes Month und dem der Göttin Mut ist der Tempelkomplex von Karnak mit zirka 41 Hektar etwa so groß wie die Vatikanstadt in Rom.

Man kann also sagen, dass fast jede größere Stadt im alten Kemet ihre eigene Schöpfungsgeschichte, oder besser gesagt, ihre eigene Version der Schöpfung hatte. Neben den vier am weitesten verbreiteten Mythen von der Entstehung des Universums und unserer Welt von Heliopolis, Hermopolis, Memphis und Theben gibt es noch eine Vielzahl weiterer. In Sais, dem alten Zau, der großen Stadt im westlichen Delta beispielsweise war die Urgöttin Neith, die Mutter der Götter und Schöpferin allen Seins, sie gebar aus sich selbst heraus den Sonnengott und setzte somit den Zyklus von Tag und Nacht als Initialzündung der weiteren Schöpfung in Gang. In Buto, der alten Doppelstadt Pe und Dep, wurden Horus von Buto mit seiner Gemahlin Uto als göttliches Schöpferpaar verehrt, aus deren Vereinigung der Urhügel entstand.

In Hierakonpolis (Nechen) standen Horus von Hierakonpolis sowie die Geiergöttin Nechbet als Urgötterpaar an der Spitze der Schöpfung. Als Nechbet-huret „Nechbet, die Geheime“ legt die Göttin das kosmische Ei aus dem der Sonnengott schlüpft. Ganz im Süden des Landes, in Assuan, dem alten Syene verehrte man die stellare Göttin Satet als Urschöpferin und Personifizierung des Sirius-Gestirns aus dem alles Sein hervorgeht, als Universalgöttin Isis-Sothis ging sie in der griechisch-römischen Periode auf Siegeszug durch das ganze Imperium bis nach Britannien hinauf.


Ende Teil III

Von der Schöpfung der Welt – Teil I geschrieben von Merienptah

Samstag, 12. Oktober 2013

Das alte Kemet hat in seiner vieltausendjährigen Geschichte wohl mehr Schöpfungsmythen hervorgebracht als jede andere alte Kultur. Die scheinbare Ironie an der Sache ist, dass diese Kosmogonien und Theogonien auf den ersten Blick widersprüchliche Darstellungen ihrer mythischen Entstehung und Beherrschung des Kosmos beinhalten und dass sie im Laufe der gesamten Geschichte Kemets nie zu einer einzigen, allgemeingültigen Schöpfungsgeschichte verschmolzen wurden. Im Prinzip hatte jede größere Ortschaft mit ihrer lokalen Götterfamilie auch ihren eigenen Schöpfungsmythos, also ihre eigene Sicht auf die Entstehung der Welt, die diese meist in die Hand des lokalen Hauptgottes legte. Einig sind sich alle diese Mythen in der Beschreibung des Urzustandes vor der Schöpfung.

Am Anfang war das gesamte Universum von einem Urozean, genannt Nun, angefüllt. Dieses Urgewässer hatte weder Grenzen noch eine Oberfläche; es füllte das gesamte Universum aus und wird in den Mythen oft mit einem „kosmischen Ei“ umschrieben. Die Wasser des Nun standen und waren völlig bewegungslos. Die zweite Übereinstimmung aller Kosmogonien ist die Vorstellung von einem Urhügel, der sich am Beginn alles Seins durch Intervention des jeweiligen Schöpfergottes aus dem Urozean Nun erhob. Dieser Urhügel war die Verortung der jeweiligen Schöpfungsgeschichte. Diese Annahme lässt sich interessanterweise mit dem Zustand des Universums vergleichen, der der heutigen Kosmologie zufolge vor dem Urknall geherrscht hat. Der Urozean Nun steht also symbolisch für die ursprüngliche Singularität aus der beim Urknall, also dem Auftauchen des Urhügels, gemeinsam Materie, Raum und Zeit entstanden.

Die verschiedenen Mythen sind sich auch in der Ansicht einig, dass am Ende aller Zeiten das gesamte Universum wieder in diesen Urzustand zurückversetzt wird. Auch das deckt sich in gewisser Weise mit den Ansichten der modernen kosmologischer Wissenschaft innerhalb der Physik, die davon ausgeht, dass am Ende aller Zeit eine Art umgekehrter Urknall das Universum wieder in seinen Anfangszustand zurückversetzt.

Diese Gedankengänge zur Schöpfung lassen sich auch mit den ins kosmische übersteigerten Naturbeobachtungen im Niltal erklären, da jedes Jahr das aus den Fluten des Nils auftauchende Fruchtland bei der nächsten Nilschwelle wieder in den Wassern versank um danach erneut beim Absinken dieser Flut wieder aufzutauchen. Somit entsteht ein Bild eines fortwährenden Kreislaufes der Schöpfung.

Die Schöpfung wird in kemetischer Sicht auch nicht als plötzlicher Schöpfungsakt sondern mehr als langsamer und fortwährender Prozess verstanden. Wie unterschiedlich auch immer die Ereignisse der Schöpfung und deren Abfolge ausgelegt werden, so stimmen sie doch auch darin überein, dass die sogenannte „Erste Zeit“, also die Epoche, in der die Götter tatsächlich auf der Erde lebten und dort ihre Königreiche hatten, ein glückliches und goldenes Zeitalter gewesen ist, in dem vollständige Gerechtigkeit (Maat) auf der Erde herrschte. Der legitime Nachfolger dieser Götter auf der Erde, der König von Kemet, hat also die Aufgabe, die Herrschaft der Maat, der Richtigkeit und Gerechtigkeit, die oft auch als gerechte Weltordnung bezeichnet wird, zu bewahren.

Eine der ältesten Schöpfungsmythen ist die, die im Laufe der Zeit wohl die weiteste Anerkennung im alten Kemet fand, ohne allerdings die anderen Mythen gänzlich zu verdrängen; die Kosmogonie der Enneade (Neunheit) von Heliopolis, welches in alter Zeit Iunu genannt wurde.

Im alten Iunu, dem Hauptzentrum des Sonnenkultes, entwickelte sich eine Kosmogonie, die um die sogenannte Neunheit von Gottheiten errichtet war, die aus dem Sonnengott und acht seiner Nachkommen bestand. Die mit dieser Schöpfung für gewöhnlich verknüpfte Gestalt des Sonnengottes ist der oftmals als „Allherr“ bezeichnete Urgott Atum. Es heißt von ihm dass er im Urozean Nun bereits „in seinem Ei“ existierte. Im Moment der beginnenden Schöpfung wurde Atum durch die Kraft seines eigenen Willens als der „Selbstentstandene“ geboren und somit zur Quelle aller weiteren Schöpfung. Sein Name bedeutet in etwa „der Vollendete“ und somit kann er als personifizierter Urhügel betrachtet werden, der sich aus dem Urozean erhob und auf dem sich der Schöpfungsprozess einzig durch die Macht und den Willen Atums in Gang setzte.

Das Auftauchen des Atum wird als Erscheinen des Lichts interpretiert, das die chaotische Dunkelheit des Nun vertrieb. Atum musste, da er ja allein war, seine Nachkommenschaft ohne Gefährtin zeugen. Er erreichte sein Ziel durch Selbstbesamung, wobei „die Hand des Atum“ den weiblichen Part dieses Prozesses übernahm. Demzufolge wird Atum oft zweigeschlechtlich als „der große Er-Sie“ bezeichnet; als „Vater-Mutter der Götter“.

Seinen Sohn Schu gebar Atum indem er ihn ausspuckte, und seine Tochter Tefnut, indem er sie erbrach. Die Funktion des Schu als Gott der Luft wird dadurch abgeleitet wie er geboren wurde, also dem Luftzug der beim Ausspucken entstand, und Tefnut wurde aufgrund ihrer Geburtsweise zur Göttin der Feuchtigkeit und des Feuers; wohl vergleichbar mit dem Brennen im Hals beim Erbrechen und dem feuchten Endprodukt des Ganzen. Somit war das erste göttliche Paar entstanden. Während das Ka in Atum noch zweigeschlechtlich ist, trennt Atum durch diesen Schöpfungsvorgang das Ka in das männliche (Ka) und weibliche (Kat) Prinzip. Schu und Tefnut wurden so zu Göttern, die geeignet waren, den Schöpfungszyklus fortzusetzen. Schu und Tefnut als Urgötterpaar wurden von Nun, dem personifizierten Urozean aufgezogen und das Auge des Atum wachte über sie.

Das Auge von Atum konnte sich von seinem Körper lösen und war auch eigenständig im Handeln und Fühlen. Dieses Auge, das Udjat, spielt in wichtigen Mythen eine große Rolle. Der eine Mythos berichtet, dass die Kinder Schu und Tefnut in den dunklen Wasserwüsten des Nun aus dem Gesichtskreis des Atum verschwanden. Atum sandte daraufhin sein Auge aus, sie zu suchen und zurückzubringen. Während das Auge nach Schu und Tefnut forschte, hatte Atum es durch ein anderes, viel helleres ersetzt. Oftmals wird der Sonnengott Ra als das „junge Auge des Atum“ bezeichnet. Als das erste Auge bei seiner Rückkehr bemerkte, dass sein Platz besetzt war, erboste es. Atum nahm daher das erste Auge und setzte es an seine Stirn, wo es die ganze Welt, die er zu erschaffen im Begriff war, bewachen konnte. Oft wird das Stirnauge als zerstörerische und übelabwehrende Göttin dargestellt (ein Aspekt der brennenden Sonne). In dieser Gestalt wurde das Stirnauge zur Göttin Uto, der sich aufbäumenden Kobra, die in Gestalt der Uräusschlange auf der Stirn der späteren Könige Kemets als Symbol und Verteidigerin ihrer Macht prangte. Weitere Mythen berichten dass aus der Verbindung von Ra und Uto die beiden Göttinnen Maat, die Richtigkeit, und Isfet, das Chaos, hervorgegangen sind.

Ende Teil I

Ma’at als soziales Prinzip

Samstag, 10. März 2012

 

Ma’at ist ein schwer fassbarer Begriff. Jeder Versuch sie kurz und knapp zu Beschreiben muss notwendig zu kurz greifen. Das Problem liegt zum einen in der prinzipiellen Unübersetzbarkeit des Begriffes „Ma’at“, was ungefähr übersetzt „Wahrheit, Gerechtigkeit, Weltordnung, Richtigkeit“ bedeutet, wobei die vier Übersetzungsvorschläge in vielen Punkten nicht klar getrennt werden können und nahtlos ineinander übergehen. Zum anderen durchzieht das Prinzip der Ma’at praktisch jeden Bereich des Lebens, sowohl in der Welt der Götter, in jener der Menschen, als auch im Reich der Toten (hier sind die Übergänge ebenfalls fließend) – das Prinzip der Ma’at ist ein ganzheitliches Prinzip. 

Sat-Maat hat in ihrem Artikel „Ma’at als Schöpfungsprinzip“ bereits skizziert, dass die Schöpfung nichts ist, was einmal vom Urgott Atum getan wurde und seit dem einfach vor sich hin existiert, sondern der Schöpfungsakt Atums war „das Erste Mal“, d.h. die Schöpfung muss stetig wiederholt werden. Und tatsächlich: Jedes mal, wenn ein Samen keimt, ein Lebewesen geboren wird, oder ein Stern entsteht, widerholt sich dieser Akt der Schöpfung. Ma’at ist etwas, dass immer wieder getan werden muss! Sowohl von den Göttern in der Natur (zb. Nilflut, Sonnenlauf, Jahreskreis, Werden und Vergehen von Lebewesen jeder Art), aber auch von ihren Kindern, den Menschen – und zwar vom zwischenmenschlichen Bereich und Gesellschaft bis hin zur abstraktesten Form menschlichen Zusammenlebens: Dem Staat. Es geht um die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. Zivilisation und Kultur ist nichts, was einmal für alle Zeiten errungen wurde, sondern ein stetiger Prozess, der von den Menschen aktiv immer und immer wieder erhalten werden muss. 

Eine Besonderheit des Prinzips der Ma’at, ist ihr Bezugspunkt in der Endlichkeit des menschlichen Lebens. Man kann sich diesen Bezugspunkt, um einen Begriff aus der perspektivischen bildenden Kunst zu gebrauchen, auch als eine Art „Fluchtpunkt des Handelns“ vorstellen, der sich in die Ewigkeit, nach dem eigenen Tod, fortsetzt. Alles, was wir tun, oder unterlassen, hat Folgen über unser eigenes Leben hinaus. So wurden soziale Verhaltensweisen, „richtiges“ Handeln, selbst der Kultbetrieb in den Tempeln bis hin zum Schalten und Walten der Staatsbeamten und des Pharaos, mit Blick auf den Tod über diesen hinaus gedacht. Das eigene Handeln sollte so gestaltet werden, dass man nach seinem Tod in „guter Erinnerung“ bleibt. 

„Das Denkmal eines Mannes ist seine Tugend, der mit schlechtem Charakter aber wird vergessen.“ (aus der biograf. Inschrift d. Mentuhotep) 

Da das eigene Handeln, im Guten wie im Schlechten und weit über unseren Tod hinaus reichend, keine isolierte Aktion ist, und im Kontext von vorangegangenen Handlungen steht, ist die Eigenverantwortung ein wesentlicher Aspekt kemetischen Handelns! Denn beim Totengericht vor Osiris und Anubis, wo das Herz (Ib) gegen die Feder der Ma’at gewogen wird, gibt es keine Vergebung. Führte man kein ma’atgerechtes Leben, wenn man also Isfet (etwa: „Lüge, Ungerechtigkeit, Chaos“) anstelle der Ma’at setzte, wird man unweigerlich von der Seelenfresserin Ammit gefressen und stirbt einen zweiten, endgültigen Tod. 

Wie nun aber eine ma’atgerechte Lebensführung, die den eigenen Namen, das eigene Ansehen (in Kemet als „Ach“ bezeichnet, einer von neun eigenständigen Seelenaspekten) über den Tod hinaus am Leben, in „guter Erinnerung“, erhält, aussieht, lässt sich vereinfacht an drei zentralen Aspekten des ganzheitlichen Prinzips der Ma’at skizzieren. Die Aspekte der Ma’at dienen als Orientierungshilfen, Verhaltensregeln und Lebensweisheiten für ein harmonisches und friedvolles Leben als Teil der Gemeinschaft, die die Aufgabe hat sich selbst und damit den Einzelnen zu schützen, denn – dass wussten bereits die alten Ägypter – der Einzelne braucht die Anderen, braucht die Gesellschaft, um wirklich lebendig zu sein. 

Die Ma’at sagen“ 

Unerlässlich für jede Art gesellschaftlichen Zusammenlebens ist die Kommunikation – das galt vor 5000 Jahren genau so wie heute – da ohne sie eine Gesellschaft nicht gelingt. Nach kemetischer Auffassung ist der bedeutsamste Teil der Kommunikation das aufmerksame Zuhören! In den Lehren des Ptahhotep steht um 2200 v.Chr. dazu: 

Du sollst keine Verleumdung weitergeben und sollst sie (auch) nicht anhören, (denn) sie entspringt dem „Hitzigen“. Gib nur weiter, was du gesehen, nicht was du gehört hast. Wenn es unbeachtet blieb, rede auch nicht darüber – nur was dir vor Augen liegt, ist wissenswert.“ 

Hüte dich, mit Worten Schlimmes auszurichten (…). Halte dich an die Wahrheit, (aber) übertreibe sie nicht; man berichtet Herzensergüsse nicht weiter. Rede keinen Klatsch über irgend jemand, hoch oder gering – das ist dem Ka ein Gräuel!“ 

Verleumdung, Klatsch und, wie wir heute sagen, üble Nachrede sind Gift für jede Gesellschaft, da sie auf Dauer die Zugewandtheit und gesellschaftliche Harmonie untergräbt und Misstrauen und Abgrenzung an ihre Stelle treten. Aber ebenso ist schlechte Rede auch gefährlich für den, der die schlimmen Worte spricht! Wer lügt und ständig auf vermeintliche Fehler pocht und andere Menschen schlecht redet, wird irgendwann isoliert von der Gesellschaft sein und in der Einsamkeit versinken, weil niemand ihn in seiner Nähe ertragen möchte. Einsamkeit, gesellschaftlich isoliert zu sein, ist für den Kemeten wie lebendig tot zu sein. Deshalb ist schlechte Kommunikation „dem Ka ein Gräuel“ (das Ka ist ein weiterer Seelenaspekt, der ungefähr „Lebenskraft“ bedeutet); sie führt zu Unfrieden und ist sowohl für die Gesellschaft, als auch für den Einzelnen, destruktiv. Im Zweifelsfall ist es besser zu schweigen, als schlecht zu reden. 

Wenn du ein Beamter in leitender Stellung bist, dann höre geduldig auf die Worte des Bittstellers. Weise ihn nicht ab, (…), bis er (alles) gesagt hat, was er vorbringen wollte. Wer Kummer hat, möchte lieber sein Herz erleichtern, als mit seinen Bitten Erfolg haben. Wer einen Bittsteller entmutigt, von dem sagt man: „Weshalb will er ihm schaden?“ Nicht alles, worum er bittet, kann gewährt werden, aber (schon) gut Zuhören tut dem Herzen wohl.“ 

Was für Beamte gilt, gilt natürlich auch für den „Normalkemeten“, für Freunde und Familienmitglieder, Kollegen, usw. Einfach „nur“ Zuhören kann das Herz eines Menschen oft schon so weit erleichtern, dass jene Herz beschwerenden Umstände sich als weit weniger drückend erweisen. Ein Mensch mit erleichtertem Herzen wirkt aber wiederrum positiv auf die Gesellschaft. Wenn wir uns gut und erleichtert fühlen, fällt es uns auch wesentlich leichter gute Handlungen und Taten zu tun. 

Die Ma’at tun“ 

Kommunikation und aktive Handlungen gehen nahtlos ineinander über. So schreibt Ptahhotep: 

Sei nicht eingebildet auf dein Wissen, (sondern) unterhalte dich mit dem Unwissenden wie mit dem Wissenden. Nie erreicht man die Grenze der Kunst, und es gibt keinen Künstler, dem Vollkommenheit eignet. Die Redekunst ist verborgener als ein kostbarer Stein, (aber) man kann sie bei den Dienerinnen über dem Mahlstein finden.“ 

Kein Mensch ist besser, oder schlechter, weil er von einer Sache mehr versteht oder einen höheren Grad an Bildung besitzt! In Kemet konnte jeder ungeachtet seiner sozialen Herkunft Schreiber und Beamter werden und damit sozial aufsteigen. Sozialer Aufstieg geschieht aber nicht um seiner selbst willen, sondern unterliegt einer großen Verantwortung! Sämtliche Regeln und Gebote der Ma’at dienen letztlich auch einem ganz wichtigen Punkt: Dem Schutz der Schwachen vor den Starken! Das bedeutet, wenn man an etwas Überfluss hat, sei es Wissen, Reichtum oder Fähigkeiten, dann darf man diesen Überfluss nicht für egoistische Motive verwenden, sondern steht in der gesellschaftlichen Verantwortung diesen Überfluss zum Wohle anderer zu verwenden. 

Die Ma’at geben“ 

Vielleicht kann man sich diesen Aspekt als einen Fluss vorstellen, der von den sozial höchsten Punkten hinab zu den geringsten fließt. Wie der Nil, die Lebensader Ägyptens, durchfließt die Ma’at die gesamte menschliche Kultur. Wie der Nil tritt auch die Ma’at, der Fluss des Lebens, über die Ufer und es entstehen Feste, Feiern und all die Freuden, die über das Notwendige hinaus das Leben lebenswert machen. Doch wie jeder Fluss kann auch der Fluss der Ma’at gestaut werden. Geschieht dies nicht, um brachliegende Felder zu bewässern, also Menschen, die aus irgendeinem Grund nicht an der Gesellschaft teilnehmen können wieder mit einzubeziehen, sondern aus rein egoistischen Motiven, versiegt der Fluss: Kein fruchtbarer Schlamm erreicht mehr die Felder, kein Leben fließt durch die Gesellschaft. Vor diesem Bild wird deutlich, warum die größte Sünde gegen die Ma’at die Habgier ist. 

Wenn du willst, dass deine Führung vollkommen sei, dann halte dich fern von allem Bösen und sei gewappnet gegen die Habgier…“ (Lehre des Ptahhotep) 

Die Ma'at mit ihrem Attribut, die Feder, im Tempel von Edfu

Assmann, Jan: „Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten“; 2. TB-Auflage, München 2006

 Assmann, Jan: „Ma’at“, in: Assmann, Schmidt-Glintzer, Krippendorf (Hsg): „Ma’at, Konfuzius, Goethe“; Frankfurt a.M. & Leipzig 2006.

 Hornung, Erik (Hsg): „Der weise Ptahhotep“ in: „Altägyptische Dichtung“; Reclam Stuttgart 2006.

 Abbildung: Ma’at mit ihrem Attribut, der Feder, im Tempel von Edfu; Fotograf: Rémih, Wikimedia Commons.

 

Ma’at als Schöpfungsprinzip

Samstag, 21. Januar 2012

Die  Ägypter, ein Agrarvolk

Wenn etwas die Kemeten (eigentl. „Remetiu Kemeti“ – „Menschen des schwarzen Landes“) im besonderen Maße auszeichnete dann ihr Pragmatismus und ihre Bodenständigkeit. Das mag vielleicht ungewöhnlich anmuten, da wohl kaum eine Kultur so ausgeprägte kultische und mythologische Aspekte besitzt wie die der Ägypter. Dennoch waren sie vor allem eines: ein Agrarvolk, das in enger Verbundenheit mit den Zyklen der Natur lebte. Daher ist es  nicht verwunderlich, dass Ma’at ein Prinzip ist, das der intensiven Beobachtung und dem Erleben der natürlichen Rhythmen entspringt, derer es in Kemet viele gab. Die stets aufs Neue wiederkehrende Nilschwemme, die den fruchtbaren schwarzen Schlamm über die Felder brachte, der Lauf der Sonne, die auf der östlichen Seite des Nils aufging und im Westen wieder unterging, die Bahnen verschiedener Sterne und Sternbilder, die Zeiten von Aussaat, Wachstum und Ernte…

Götter in der Schöpfung

Um Ma’at als Prinzip der Schöpfung zu begreifen, ist es zunächst wichtig zu verstehen, dass die Götter Ägyptens nicht in einer Sphäre fernab der menschlichen Welt existierten, sondern in der Natur – um nicht zu sagen, die Götter waren die Natur selbst. Die kemetische Religion ist keine Religion im eigentlichen Sinne, denn ein „religio“ – also eine Rückverbindung an das Göttliche – war praktisch nicht erforderlich, waren doch die Götter allgegenwärtig und greifbar. Auch die Frage nach Existenz oder Nichtexistenz der Götter stellt sich folglich gar nicht erst. So war z.B. der Nil das Ka* des Osiris in seiner Rolle als Fruchtbarkeitsgott oder der Wind das Ka des Luftgottes Schu oder die Milchstraße die Gestalt der Himmelsgöttin Nut. Es ist also naheliegend, dass auch Ma’at nicht nur kosmisches Prinzip ist sondern auch eine Gottheit. Diese Doppelbedeutung – Person und Prinzip – lässt sich bei jeder der ägyptischen Gottheiten nachvollziehen. Das eine ist dabei vom anderen nicht scharf abgegrenzt, sondern geht ineinander über. Ma’at ist eine oft kniend dargestellte Frau mit ausgebreiteten Schwingen und einer Straußenfeder auf dem Kopf. Die ausgebreiteten Schwingen und die Feder symbolisieren ihren luftigen und damit transzendenten Aspekt, der alle Formen des Seins zu durchdringen vermag.

Die Göttin Ma'at

 

Schöpfung als Prozess

Die Vorstellung der Kemeten von der sie umgebenden Schöpfung war, dass sie in unendlich vielen ineinandergreifenden Zyklen funktioniere und diesen unzähligen Zyklen ein initialer Akt, also ein „erstes Mal“ vorausging. Die Kosmongonie ist also kein Akt eines immanenten Schöpfers, sondern ein Vorgang des Sich-selbst-Entfaltens. Damit ist die Schöpfung vielmehr ein Prozess, der fortwährend aufs Neue beginnt, gelingen muss und als solcher auch stets erneut vom Scheitern bedroht ist. Dies führt dann zum antagonistischen Prinzip von Ma’at, nämlich Isfet, welches oft mit „Chaos“ übersetzt wird, aber an Dramatik und Destruktivität doch weit über diesen Begriff hinausgeht. Das schöpferische Potential muss also in eine Form fließen, eine Ordnung, so dass diese Schöpfungskraft in greifbare Erscheinung treten kann. Diese Ordnung ist Ma’at. Man kann sich also den Verlauf des Schöpfungsprozesses in etwa wie einen Dominoeffekt vorstellen.

Auszug aus einem Sargtext zur Kosmogonie von Heliopolis:

Ich bin am Schwimmen und sehr ermattet, meine Glieder sind träge.
Mein Sohn „Leben“ ist es, der mein Herz erhebt.
Er wird meinen Geist beleben, nachdem er diese
meine Glieder zusammengerafft hat, die sehr müde sind.
Da sprach Nun zu Atum:
„Küsse deine Tochter Ma’at, gib sie an Deine Nase!
Dein Herz lebt, wenn sie sich nicht von Dir entfernen.
Ma’at ist Deine Tochter,
zusammen mit Deinem Sohn Schu,
dessen Name „Leben“ ist.
(CT II 34g-35h)

Dieser Sargtext beschreibt das Bild von einem Schöpfergott (Atum) der ohne Bewusstsein (Mattigkeit) im Urmeer (Nun) treibt. Er verkörpert damit das Noch-Nicht-Seiende, das Prä-existente. Die Welt entsteht also nicht aus einem „Nichts“ sondern aus einem „ungeordneten Etwas“. Atums Beiname lautet auch „Der sich selbst erschaffen hat“. Durch die Zeugung seiner beiden Kinder Ma’at (Ordnung) und Schu (reine ungerichtete Lebenskraft), wird Atum be-lebt. Diese Zeugung geht einher mit der Bewusstwerdung Atums, welches den Übergang vom Prä-Existenten in das Existente darstellt. Die kosmische Parthenogenese Atums taucht in den Mythen durch recht derbe Bilder wie „Ausspucken“, „Aushusten“ bzw. Masturbation auf. Indem also die reine ungerichtete Kraft in seiner Verkörperung als Schu in eine geordnete Form -nämlich  Ma‘at- fließt um Gestalt anzunehmen, zeugt sich das Seiende aus sich selbst heraus.

Hier sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, dass Ma’at in dieser Betrachtungsweise der Schöpfung synonym für Tefnut in Erscheinung tritt, was eher ungewöhnlich ist, denn in den Erläuterungen zur Kosmogonie von Heliopolis besteht das erste Götterpaar aus Schu und Tefnut. Tefnut kann daher als „Ma’at des ersten Males“ interpretiert werden, wohingegen Ma’at die Ordnung des fortlaufenden Schöpfungsprozesses darstellt.

Küssen bedeutet hier „Einatmen“ und steht sinnbildlich für die Einverleibung der Ma’at. Ma’at taucht in den Mythen nämlich auch als Stirnschlange des Sonnengottes Re auf. Atum wie Re eint der solare Aspekt, da die Sonne als Verkörperung der Schöpfungskraft galt. Diese sog. Uräusschlange findet sich an allen Königskronen wieder und in vielen Darstellungen unterschiedlicher Gottheiten und erinnert so an den notwendigen Ablauf des stetig wiederkehrenden Schöpfungsaktes. Denn ausnahmslos jede Gottheit unterwirft sich der kosmischen Ordnung Ma’at und gewährleistet so das Gelingen der Schöpfung. Ma’at ist hier „der Navigator“ des Re, der mit seiner Sonnenbarke des Tages über den Himmel fährt, deren Bahn Ma’at vorgibt.

Sonnenaufgang über dem Nil

 

Ma’at – ein Begriff, viele Bedeutungen

Für Ma’at wurden schon viele Übersetzungen herangezogen, wie z.B. „Gleichgewicht“, „Harmonie“, „Weltenordnung“, „Gerechtigkeit“ oder „Gesetz“. Doch sie alle werden diesem alles umfassenden und alles durchdringenden komplexen Prinzip nicht annähernd gerecht. Ma’at ist vielmehr die Grundlage dem all diese genannten Begriffe entspringen, das unsichtbare Netz, dass diese Dinge eint um darin in Erscheinung zu treten und erfahrbar zu werden. Gerade Begriffe wie „Gerechtigkeit“ oder „Harmonie“ werden dem prozesshaften und dynamischen Charakter Ma’ats in keiner Weise gerecht. Ma’at ist „das Richtige“ das je nach Situation immer wieder neue Erscheinungsformen annehmen wird um den Schöpfungsprozess am Laufen zu halten.

*Ka: hier der „Geist“ oder das Wirken einer Gottheit

 

Literatur

Jan Assmann, Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten

Jan Assmann, Schöpfungsmythen und Kreativitätskonzepte im Alten Ägypten

Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte

Bilder, Wikimedia Commons