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Kemetismus – ist das was für mich?

Samstag, 22. Oktober 2016

Es ist schwer sich für einen Weg zu entscheiden, über den man zumeist nur rudimentäre Kenntnisse hat. Das Augenscheinliche der altägyptischen Kultur und des kemetischen Kults mag noch so attraktiv erscheinen, viele wenden sich nach kurzer Zeit wieder von diesem Weg ab und sind enttäuscht, weil sie völlig andere Erwartungen hatten. Dieser Artikel soll eine Entscheidungshilfe bieten, die natürlich rein subjektiv ist, sich aber dennoch auf die geteilten Erfahrungen anderer Kemeten beruft. Wenn Ihr also nach dem Lesen dieser Worte immer noch beherzt „ja“ zum Kemetismus sagen könnt, dann seid ihr hier vermutlich genau richtig. Wenn Ihr einen anderen Weg als den Euren anseht, ist dieser nicht weniger richtig und vielleicht kann Euch der Kemetismus dann zumindest die ein oder andere wertvolle Inspiration bieten. Denn die Entscheidung zu diesem Weg liegt letztlich bei jedem selbst. Es gibt weder ein verbindliches Glaubensbekenntnis noch eine Verpflichtung ihn zu gehen. Die Entscheidung ihn zu gehen fällt jeder ganz allein für sich und täglich aufs Neue.

Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons, Foto: Ricardo Liberato
Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons, Foto: Ricardo Liberato

Anfänge

Die Gründe, warum Menschen plötzlich den Wunsch haben Kemetismus zu praktizieren sind sehr unterschiedlich. Sehr häufig ist es eine der bekannteren ägyptischen Gottheiten wie Isis, Horus oder Ra, die einen in ihren Bann gezogen haben. Oder es ist einfach die Faszination für die altägyptische Kultur an sich. Viele Leute finden auch über die stark ägyptophile Ritualmagie ihren Weg in den Kemetismus.

Ehe man beginnt, sollte man sich mit einigen wichtigen Merkmalen der altägyptischen Religion und der kemetischen Praxis befassen und sich ausreichend Zeit nehmen zu prüfen, ob man wirklich bereit ist diesen Weg zu gehen.

Unterschiede zum mitteleuropäischen Heidentum

Was den Kemetismus von anderen heidnischen und neuheidnischen Traditionen besonders hier in Mitteleuropa unterscheidet ist das unglaublich dichte Informationsspektrum. Während man im nordischen Heidentum mühsam seinen spirituellen bzw. religiösen Weg aus wenigen Quellen heraus interpretieren muss, ist die altägyptische Kultur äußerst gut und umfangreich belegt. Möchte man einigermaßen authentisch praktizieren, fehlt also im Gegensatz zum hiesigen Heidentum ein ganz entscheidendes Merkmal, das vielen spirituell interessierten eigentlich am Herzen liegt: der Raum für die eigene Intuition und Kreativität. Gerade zu Beginn des kemetischen Weges kann es sinnvoll sein die eigene Interpretation hinsichtlich Weltanschauung oder Ritualistik äußerst sparsam einzusetzen um erst einmal ein Gefühl für die authentische überlieferte Tradition und deren Inhalte als solche zu entwickeln und so eine solide Basis bestehend aus mythologischem Wissen und kultischen Grundlagen zu festigen. Kemetismus ist traditionell, das liegt nicht jedem, vor allem dann nicht, wenn man auf der Suche nach einer spirituellen Praxis ist, die flexibel und frei interpretierbar ist.

Christ Church Library, Oxford, Wikimedia Commons, Foto: -JvL-
Christ Church Library, Oxford, Wikimedia Commons, Foto: -JvL-

Freud und Leid der Literatur

Eine weitere Herausforderung stellt die Art der Literatur über das alte Ägypten dar. Zusammenfassend kann man sagen, dass sie äußerst gespalten ist. Auf der einen Seite finden sich leicht zu lesende ausschweifende und passionierte Werke, die hauptsächlich im Bereich des New Age und der Esoterik anzusiedeln sind. Von Theorien über die außerirdische Herkunft der altägyptischen Götter, über Channeling Botschaften und Einweihungen verschiedener Gottheiten bis hin zu einem phantasieriechen Göttinnenkult um Isis finden sich eine Menge blumige Schriftwerke mit leider sehr dünnem und teilweise fehlerhaftem sachlichem Inhalt.

Auf der anderen Seite bietet die ägyptologische Fachliteratur sehr wenig Informationen für den Laien an und schon gar nicht für religiös Praktizierende, man muss also schon fast ein halbes Ägyptologiestudium auf sich nehmen um sich einen einigermaßen authentischen Überblick zu verschaffen und praktikable Rituale abzuleiten. Literatur zum eigentlichen Kemetismus ist weitestgehend auf Englisch, da die amerikanische Szene in dieser Hinsicht um einiges ausgeprägter ist und bereits seit den 80er Jahren in stetiger Entwicklung ist. Neben Büchern, stehen zahlreiche Blogs, Websites und social media Gemeinschaften zur Verfügung, die einen großen, dynamischen und diskussionsfreudigen Pool an unterschiedlichsten Infos bieten. Englische Sprachkenntnisse sind daher von großem Vorteil. Inzwischen gibt es im deutschen Sprachraum wenige hochwertige virtuelle Informationsquellen zum Thema Kemetismus. Dies hat sich u.a. auch diese Seite zum Ziel gemacht.

Tägliche Kultpraxis

Über eines sollte man sich als im Klaren sein, wenn man sich dem Kemetismus widmen möchte: für diesen Weg braucht man Zeit, Geduld und Beständigkeit. Ein typisches Merkmal der kemetischen Praxis ist ihre Regelmäßigkeit und weniger ihre prunkvollen Rituale. An dieser Beständigkeit scheitern sehr viele. Wenn man erwähnt, dass tägliche Opferrituale keine Seltenheit sind, dann kommt schon mal die verwunderte Gegenfrage „Wirklich jeden Tag?“. Ja, wirklich jeden Tag.

Der altägyptische Kult hatte eine sehr wichtige mythologische Bedeutung. Er war darauf ausgerichtet die vielen verschiedenen ineinandergreifenden Zyklen der Schöpfung in Gang zu halten. Den Lauf der Sonne, die jährliche Wiederkehr der Nilflut, die Zyklen der Landwirtschaft, den Wechsel von Nacht und Tag usw. Durch den Ritus bindet sich der Mensch als spirituelles und natürliches Wesen in diesen Lauf der Schöpfung mit ein, nimmt daran Teil und bewirkt ihn letztlich. Der Kult ist also nicht nur Dienst an den Göttern und Ausdruck ihrer Verehrung, es ist auch eine praktische Bewusstseinsschule um sich auf die kemetische Weltanschauung auch im täglichen Leben ganz und gar einzulassen.

Der tägliche Aufwand muss nicht übermässßg groß, aber dennoch regelmäßig sein. Man tut also gut daran ein tägliches Maß zu finden, dass man einigermaßen leicht über mehrere Monate hinweg durchhalten kann.

DSC_0370Tägliche Opfergaben, Foto: Sat-Ma’at

 

Das Kalenderproblem

Hinzu kommen eine schier unerschöpfliche Zahl an Feiertagen und Festen, deren korrekter Zeitpunkt heutzutage nur noch schwer zu rekonstruieren ist, weil der altägyptische Kalender zum einen anders strukturiert ist und sich aufgrund der zeitlichen Ferne der altägyptischen Kultur Zeitrechnungsfehler eingeschlichen haben, die zu einer nicht unerheblichen Verschiebung der Feiertage geführt habe. Auch die geographische Lage Ägyptens im Gegensatz zu der in Mitteleuropa spielt eine große Rolle bei der Berechnung verschiedener astronomischer Ereignisse. Wikipedia liefert aber trotz allem einen relativ guten Überblick über die verschiedenen Festtage und größere Tempel in USA verfügen teilweise über einen eigenen Kalenderlauf, der auch für freie Kemeten erhältlich ist.

Canis Major, Canis Minor, Orion & Lepus (animiert), Wikimedia Commons, Bild: Michelet BCanis Major, Canis Minor, Orion & Lepus (animiert),
Wikimedia Commons, Bild: Michelet B

Göttinnen und Götter

Die Göttin Isis, der Sonnengott Re, die musikalische Hathor, der falkengestaltige Horus oder die Katzengöttin Bastet sind weit über die altägyptische Tradition hinaus bekannt. Häufig werden sie auch innerhalb völlig anderer Traditionen verehrt. Viele die sich für den Kemetismus zu interessieren beginnen, finden über diese Gottheiten ihren Weg. Die altägyptische Kultur hat aber unendlich viele Gottheiten, mindestens 1.500 sind namentlich belegt, die teilweise natürlich nicht minder wichtig sind als die allseits beliebten und bekannten. Es ist sehr lohnend sich auch mit den weniger bekannten zu beschäftigen, ehe man sich einer bestimmten zuwendet, da sie oft tragende Rollen in der Mythologie spielen und es wichtig ist ihre kosmologische Aufgabe zu verstehen. Dennoch wird man natürlich schwerlich alle kennenlernen können. Die meisten Kemeten enden bei etwa 2-3 Gottheiten um die sie einen intensiveren Kult praktizieren und vielleicht 4-5 weitere für die sie eine sporadische Praxis betreiben und schätzungsweise weitere 10 die eher unter die Kategorie „bekannt“ fallen ohne explizite Praxis. Natürlich wird man dafür abermals viel Zeit, Geduld und Motivation aufbringen müssen.

Egyptische Götter und Göttinnen, Wikimedia Commons, Foto: Gryffindor
Ägyptische Götter und Göttinnen, Wikimedia Commons, Foto: Gryffindor

Der Erhalt der Ma’at

Auch steht der Götterkult im Kemetismus durchaus nicht so stark im Vordergrund wie es scheint. Der wichtigste Aspekt ist die Einhaltung eines ungeschriebenen ethischen Codex, die gleichbedeutend mit der kosmischen Weltenordnung ist, nämlich die sogenannte Ma’at. Dabei handelt es sich um ein gesellschaftliches Ideal gegenseitiger Unterstützung und sozialen Bewusstseins, dass die eigentliche Grundlage des Kemetismus bildet. Ein soziales Prinzip geradzu altruistischer Ideale in einer Welt der Ellbogenmentalität zu leben, deren Erfolgskonzept der blanke Narzissmus ist, kann zu einer psychischen Zerreißprobe werden. Dessen sollte man sich unbedingt bewusst sein.

Außenseiter und manchmal Feindbild

Ein leidiges Thema, dass hier bereits mehrfach angedeutet wurde, ist die Situation für den Kemetismus in Deutschland. Er ist bis auf wenige einzelne Ausnahmen so gut wie nicht vorhanden. Das hiesige Heidentum versteht sich in erster Linie als Wiederbelebung der prächristlichen deutschen Religionsgeschichte, die daher meist das Germanentum und zum Teil vielleicht das Keltentum umfasst. Verschiedene neopagane Strömungen wie Wicca, Hexentum oder Schamanentum stehen oft in enger Verwandtschaft zu den nordischen Traditionen, so dass man sich als Verehrer der altägyptischen Götter auf eine wahrhafte Exotenrolle einstellen darf. Auch gibt es vereinzelt durchaus Feindseligkeiten gegenüber der zivilisierten Hochkultur der Ägypter, die mit ihrem schillernden Pharaonentum, dem ausgefeilten Staatswesen und den beeindruckenden Prunkbauten in starkem Kontrast zu der naturnahen Tradition nordischer und germanischer Völker steht. Die Parallelen der altägyptischen Theologie zur frühchristlichen, die sich insbesondere im koptischen Christentum manifestiert, sorgt vereinzelt auch dafür, dass man als Kemet zum „Heidenfeind“ und „Christenfreund“ erklärt wird und damit der kollektiven Christentumsverdrossenheit der mittel- und nordeuropäischen Heiden widerspricht. Man muss sich also wohl oder übel auf einen einsamen Weg gefasst machen, der mitunter auch von Anfeindungen geprägt sein kann.

Immer noch interessiert?

Wer also mit einer weitgehend selbstständigen Praxis, die Literaturrecherche, Hingabe und eine gewisse Akribie erfordert gut zurecht kommt, erfüllt schon mal die wichtigsten Voraussetzungen Kemetismus zu praktizieren. Wer auf die Enthüllung abenteuerlicher Weltengeheimnisse und Verschwörungstheorien hofft und sich nach göttlich-magischen Einweihungen sehnt wird jedoch sicher bald enttäuscht sein.

Eins kann man getrost versprechen, es wird sicher nie langweilig und es gibt immer wieder neues und beeindruckendes zu erfahren. Die altägyptischen Religion ist trotz ihres Prunks und ihrer hochentwickelten Ritualistik immer noch im Kern eine Natur- und naturverehrende Religion mit animistischen Grundzügen, die die täglich erlebte Welt tief zu verzaubern vermag. Die täglichen Rituale werden schnell zur Gewohnheit und ermöglichen ein intensives Erleben kosmischen Eingebundenseins ganz ohne die notwendige Bodenhaftung zu verlieren. Sie sind ein starkes Band zu unseren Göttern die dadurch sehr präsent und unmittelbar erfahrbar werden.

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Von der Schöpfung der Welt – Teil II geschrieben von Merienptah

Samstag, 26. Oktober 2013

Nut

Nachdem Schu und Tefnut erwachsen waren wurden sie die Eltern von Geb, der Erde, und dessen Schwester und Gemahlin Nut, dem Himmel. Damit waren die Götter der bedeutenden Naturaspekte definiert. Geb und Nut wurden von ihrem Vater Schu getrennt, der sich zwischen sie stellte und somit das real existierende kosmische Weltbild schuf; also die Erde über die sich der sternübersäte Himmel wölbt, beide voneinander getrennt durch die Luft. Geb und Nut bekamen fünf Kinder, Haroeris, also Horus den Älteren, Isis und Osiris, sowie Nephthys und Seth. Horus, der Archetyp der Könige Kemets war dann in der 5. Göttergeneration der Sohn von Isis und Osiris.

Die Zahl Neun in dieser Neunheit von Iunu könnte wiederum eine Anspielung auf den Zahlenkosmos der kemetischen Sprache sein, denn die Neun, ist das Produkt aus einer Multiplikation der Drei (Mehrzahl) mit sich selbst. Drei mal drei, also die Mehrzahl multipliziert mit der Mehrzahl, ergibt die Allheit des Ganzen. Man legt demzufolge in den Mythen auch mehr Wert auf die Zahl Neun als solche als auf die genaue Bestimmung der neun Götter, denn zu den Urgöttern der Neunheit gehören eigentlich elf: Atum, Schu, Tefnut, Geb, Nut, Haroeris, Isis, Osiris, Nephthys, Seth und Horus. In Manchen Fällen wird auch noch Ra als zwölfter Gott dazu gestellt oder er ersetzt Atum in der Aufzählung der Neunheit, wobei Haroeris, Horus oder auch Ra abwechselnd in einigen Darstellungen den im Osirismythos verfemten Seth ersetzen und sonst nicht aufgeführt werden. Auf jeden Fall werden immer nur neun Götter aufgezählt wenn von der Neunheit von Iunu gesprochen wird, obwohl einige Posten dabei wohl variabel zu besetzen sind, während andere nicht austauschbar sind.

Stammbaum

Wie dem auch sei, die sogenannte heliopolitanische Neunheit wurde im Laufe der Zeit zum Vorbild für die meisten anderen Zentren Kemets, deren Kosmogonien sich mehr oder weniger stark an der von Iunu orientierten und die für ihre Götterlehren ähnlich auf-gebaute familiäre Beziehungen ersannen. Im Laufe der Jahrtausende versuchte man immer wieder diese Kosmogonie an die aktuelle Situation und die Gegebenheiten der Zeit anzupassen, so dass mach fremder Götterkult in dieses bereits bestehende Weltbild integriert wurde.

Allerdings wurden diese Importkulte nie vollständig von der heliopolitanischen Kosmogonie assimiliert und ihre Widersprüche blieben bis heute nebeneinander bestehen ohne jedoch den Wahrheitsgehalt der Geschichte in Frage zu stellen. Ein Beispiel für diese nebeneinander stehenden Faktoren der heliopolitanischen Kosmogonie ist beispielsweise die Herkunft des Gottes Atum selbst. In einigen Darlegungen ist der „Selbsterschaffene“ lediglich der Sohn des zum Urgott erhöhten Urozeans Nun. Oder auch die Rolle des Gottes Ra innerhalb dieser Kosmogonie ist ein gutes Beispiel für verschiedene Sichtweisen auf das gleiche Thema. In den meisten Fällen wird Ra als „das junge Auge des Atum“ beschrieben, aber andere Versionen berichten davon dass, als der Urhügel aus den Fluten des Nun auftauchte auf diesem eine Lotosknospe sprieß, in der der junge Sonnengott Ra saß. Um diesen Widerspruch über den Schöpfer der solar ausgerichteten Lehre von Iunu auszuräumen verbanden sich Ra und Atum schon sehr früh zum solaren Allgott Ra-Atum, der in seiner Gesamtheit auch als Universal-Sonnengott Chepre-Ra-Atum auftreten kann, wobei er alle Aspekte des helipolitanischen Sonnenkultes in sich vereint; Chepre als junge, wiedergeborene Sonne; Ra, die kraftvolle Mittagssonne und Atum, die alte Sonne des Abends.

Nachdem nun die Neunheit die Schöpfung in Gang gesetzt hatte, begann das Goldene Zeitalter der vieltausendjährigen Götterherrschaft. Als erster Gott herrschte Atum (in anderen Versionen Ra) über die Erde, der später die Erde verließ und die Herrschaft an Geb übertrug, diesem folgte der ältere Horus nach. Nachdem auch Haroeris sich in den Himmel aufschwang übernahm Osiris die Herrschaft auf der Welt. In diese Zeit fällt der sogenannte Osirismythos. Nach der Ermordung des Osiris übernahm Seth zeitweise die Herrschaft bis er von Horus, dem Sohn der Isis vom Thron verdrängt wurde. Nach der Herrschaft des Horus übernahm der Mondgott Thot die Herrschaft, welche er dann an die Göttin Maat, die letzte Vertreterin der göttlichen Dynastie auf Erden, abtrat. Maat übergab dann nach ihrer Regierung den Thron an die Menschen weiter, die als legitime Nachfolger die Herrschaft gemäß den Gesetzen der Maat und in ihrem Namen ausüben sollten.

Jede dieser Gottheiten, die jeweils (bis auf Seth) für viele tausend Jahre über die Erde herrschten, fügte der Schöpfung neue Faktoren zu, so wurden weitere Götter geboren, der Zeitbegriff definiert, der physische Tod als Endpunkt der irdischen Existenz festgelegt, Landschaften geformt, Pflanzen geschaffen sowie die Tiere und Menschen wurden belebt und bevölkerten von nun an die Welt. So entstand in vielen tausend Jahren, wie viele es genau waren sagt keine der Mythen, die Welt die wir kennen.

Eine weitere uralte Schöpfungsgeschichte, die im Laufe der Jahrtausende ebenfalls weite Anerkennung fand, war die der Ogdoade (Achtheit) von Hermopolis, dem alten Chemenu. Die in Chemenu verehrte Achtheit repräsentiert die Urkräfte vor der physischen Entstehung der Welt. Die vier Urgötterpaare beschreiben daher den kosmischen Zustand vor der weltlichen Schöpfung. Diese vier Paare bestehen aus Nun und seiner Gemahlin Naunet, die für das Urgewässer stehen; Heh und dessen Gemahlin Hehet, die die Unendlichkeit symbolisieren; Kuk und seine Gemahlin Kauket, die personifizierte Urfinsternis sowie Amun und seine Gemahlin Amaunet, die die Verborgenheit darstellen. Diese trägen vier Urelemente; Urwasser, Unendlichkeit, Urfinsternis und Verborgenheit beinhalteten die Kraft zur Initialzündung eines Schöpfungsprozesses.

Die vier männlichen Gottheiten der Achtheit Nun, Heh, Kuk und Amun werden froschköpfig dargestellt während ihre weiblichen Pendants Naunet, Hehet, Kauket und Amaunet schlangenköpfig erscheinen. Dies leitet sich aus einer anderen Tradition Chemenus ab, nach der die acht Urgötter mit amphibischen Lebewesen verglichen werden können, die plötzlich, wie selbsterschaffen, im Schlamm wimmeln, der alljährlich nach dem Absinken der Nilflut auftauchte. Da sich nach dieser Vorstellung der Urhügel erst nach dem Erscheinen der Urgötter erhob, sagt man, der Urschlamm selbst habe die Götter hervorgebracht.

Die Urgötterpaare vereinigten sich und erschufen so den Urhügel Tatenen, den sie dann gemeinsam aus den Fluten des Nun hoben und somit die Schöpfung in Gang setzten. Danach erschien eine himmlische Gans, die oft mit dem heiligen Tier des Amun gedeutet wird, und die „der große Schnatterer“ genannt wird weil sie zuerst das Schweigen der Welt brach. Diese Gans legte auf dem Urhügel das kosmische Ei. Das Ei enthielt Ra, den Vogel des Lichts, der daraufhin die gesamte Welt mit allen Göttern und allem was existiert erschaffen sollte.

Eine spätere Version der Geschichte besagt dass das kosmische Ei mit dem Sonnengott in seinem Inneren nicht von einer Gans, sondern von einem Ibis gelegt worden ist, dem heiligen Tier des Gottes Thot, der zu dieser Zeit zum höchsten Stadtgott von Chemenu aufstieg. Diese Version der Legende besagt dass Thot, genau wie Atum in Iunu, sich selbst erschuf und „die Acht“ stellten seine Seelen dar. Aufgrund der Geschichte mit dem kosmischen Ei entstand der Brauch am Festtag zu Ehren des Sonnengottes Eier bunt einzufärben (vor allem aber grün, da das kosmische Ei grün war).

Die dritte Fassung der Kosmogonie von Hermopolis greift auf die Vorstellung der Schöpfung aus den Urwassern zurück. Nach dieser Version erhob sich eine Lotosblume aus den Wassern des „Meeres der zwei Messer“ (so nannte man den Heiligen See im Tempelbezirk von Chemenu). Als die Blütenblätter des Lotos sich öffneten, sah man dass der Kelch ein göttliches Kind barg – den Sonnengott Ra.

Nach der vierten Version der Geschichte öffnete sich der Lotos und gab einen Skarabäus, Chepri, frei. Dieser Skarabäus verwandelte sich dann in einen Knaben und als der Junge weinte, weil er so einsam war verwandelten sich seine Tränen in Menschen. Damit wird ausgedrückt dass die Menschen die Kinder des Sonnengottes sind. Die Acht Urgötter tragen die Verantwortung für das Fließen des Nils, das tägliche Aufgehen der Sonne und die Inganghaltung der Schöpfung. Es heißt auch sie hätten den Lotos geschaffen, der den Sonnengott aus den Wassern trug. In diesem Fall wird wieder eine Verbindung zu den Wassern des Nun hergestellt, die immer als Quelle der Schöpfung und der Fruchtbarkeit angesehen werden. Man sieht also dass die Mythen leicht miteinander zu vereinen sind und eher poetische Abweichungen darstellen, als einander widersprechende Lehren. Dennoch ist selbst die Lehre von Hermopolis in sich nicht ganz widerspruchsfrei. So behaupten die Texte beispielsweise: „… aus der von den acht Göttern geschaffenen Lotosblume entstand Ra, der alle Dinge, göttliche wie menschliche, erschuf.“ Das ist ein zeitliches Paradoxon, das den modern geprägten Leser womöglich die Stirn krauslegen lässt, aber einen gläubigen Kemeten keinesfalls verwirrt. Ein linearer Zeitgedanke wie er heutzutage Allgemeingültigkeit besitzt ist Kemet fremd. Zeit ist relativ und erst recht im Prozess der Schöpfung.


Ende Teil II

Liebe auf Kemetisch…

Samstag, 19. Januar 2013

Ein Kuriosum der altägyptischen Sprache ist, dass der wohl wichtigste Satz in Sachen Liebe, nämlich „Ich liebe Dich“ nicht überliefert ist. Es gibt Wörter, wie „nefer“, das in seiner Bedeutung dem englischen „nice“ sehr nah ist und in etwa mit „lieb, nett, schön, gut“ übersetzt werden kann. Auch gibt es das Wort „meri“, das in vielen kemetischen Namen auftaucht und in etwa „geliebt von“ oder „Geliebte(r) des“ bedeutet und meist in Zusammenhang mit dem Namen einer Gottheit ausdrückt, dass diese einem besonders verbunden ist, wie in „Meri-Re“ oder „Merit Imen“. Der Satz „Ich liebe Dich“ ließe sich durchaus aus dem mittelägyptischen Vokabular zusammenbauen, aber die Tatsache, dass es ihn in der Überlieferung nicht gibt, lässt bereits die Vermutung zu welche Bedeutung Liebe in der kemetischen Philosophie hat. Liebe ist keine Empfindung, der man nur mit blumigen Worten Ausdruck verleiht, Liebe ist etwas dem man vor allem durch Handeln gerecht wird.

Ma’at ist das auf Handlung und Kommunikation ausgerichtete, allverbindende Prinzip, dass den Einzelnen in eine soziale und auch kosmische Gesellschaft einwebt, die sich als gegenwärtiges und gleichzeitig ewiges Gefüge versteht und damit die Raum-Zeit-Dimension sprengt. Ma’at überdauert den Tod, das Tun der Ma’at erwirkt das Erreichen von Unsterblichkeit, das antagonistische Prinzip von Ma’at, die „Habgier“ als Sinnbild des Narzissmus, lässt den Menschen bereits zu Lebzeiten im Sinne des Ewigen sterben, denn „der Habgierige hat kein Grab.“ Genauso besteht auch Liebe über den Tod hinaus. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, so hört deswegen die Liebe, die man für ihn empfindet noch lange nicht auf. Es ist also gut denkbar, dass sich die Auffassung von der Unsterblichkeit als Konsequenz der Ma’at darauf gründet, dass die Liebe vom Tod unangetastet bleibt. Somit rücken Ma’at und Liebe in ihrer Bedeutung eng zusammen und überlappen einander sogar.

Isis und Osiris


Isis und Osiris – Unsterbliche Liebe

Das wohl eindrucksvollste mythische Szenario für eine unsterbliche Liebe ist der Mythos von Isis und Osiris. Der Leichnam des von seinem Rivalen und Bruder Seth ermordeten und zerstückelten Osiris, wird von seiner Schwestergattin Isis zusammen gefügt. Der Mythos besagt, dass sie in lauter Klage sämtliche im Land verstreuten Teile des Leibes Osiris‘ zusammen mit ihrer Schwester Nephthys zusammensucht und wieder zusammenfügt. Hierbei hilft ihr Anubis, der Osiris‘ Körper mit Leinenbinden umhüllt und damit gewissermaßen die erste Mumifizierung durchführt. Isis beweint (gemeinsam mit Nephthys) den so zusammengesetzten Leichnam, benetzt und durchtränkt ihn mit ihren Tränen, „kittet“ und beseelt ihn auf diese Weise neu.

    Aus der Klage der Isis:
    Wie groß ist mein Verlangen, dich zu sehen!
    Ich bin deine Schwester Isis, die Geliebte deines Herzens,
    auf der Suche nach deiner Liebe, da du fern bist.
    Heute überflute ich dieses Land mit Tränen!
    […]
    Mein Geliebter, mein Herr, der zum Lande des Schweigens dahinging,
    komm zurück zu mir, so wie du einst warst, komm in Frieden, in Frieden !
    (Pap. Bremner-Rhind, 312/311 BC)

Hier zeigen sich ganz zentrale Symbole der altägyptischen Mythologie: Die laute Klage der Isis bringt die Bedeutung des Todes in der kemetischen Tradition zum Ausdruck, nämlich als gewaltsamen Eingriff in die Kontinuität des Lebens. Er wird nicht stoisch und gelassen „als Bestandteil des Lebens“ hingenommen, man lehnt sich stattdessen geradezu gegen ihn auf. Dennoch wird die Allgegenwärtigkeit des Todes nicht negiert, vielmehr wird dieser „Todeswiderstand“ zu einer andauernden Triebfeder sich ganz und gar zum Leben zu bekennen, wobei mit dem Tod durchaus nicht nur der physische Zerfall gemeint ist, sondern durchaus auch der „innere“ seelische Tod, der sich als Trennung von der kosmischen Gemeinschaft von Menschen und Göttern darstellt. Dieser innere Tod manifestiert sich in erster Linie durch die Abwesenheit ethischer Werte und sozialen Bewusstseins, kurzum das, was man heute mit Selbstsucht, Egoismus und Narzissmus umschreiben würde. Aus der Sicht des kemetischen Weltbildes wäre eine solche Haltung „todesbefallen“. Die Lebensbejahung und Lebenslust der Altägypter zeigt sich dafür in der ausgeprägten Festkultur, die Freude an Ästhetik, die ausdrückliche Bejahung und Hinwendung zur Körperlichkeit, die Liebe zur Gemeinschaft, zu den Göttern und der Natur.

Wasser als Symbol der Liebe

Ein weiteres wichtiges Symbol, das seinen Ursprung in der Beobachtung der Natur selbst hat, ist die lebensspendende Kraft des Wassers, welches sich hier in den Tränen der Isis darstellt. Um den Aspekt ihrer persönlichen Trauer erweitert, erhält das Wasser noch eine zusätzliche Bedeutungsfärbung, nämlich eben jene der Liebe und Zuneigung. Damit erhält Liebe auf mythologischem Wege die Charakterisierung von Wasser. Dass Liebe „fließt“, für Fruchtbarkeit sorgt – gleich ob nun tatsächlich oder metaphorisch – sind Sichtweisen, die auch weit über das kemetische Weltbild hinaus ihre Gültigkeit besitzen.

Eine geradezu magische Bedeutung kommt dem Wasser durch den Akt der Wiederbelebung zu und hier manifestiert sich die zentrale Bedeutung der Liebe, nämlich dass sie den Tod zu überdauern, ja, ihn sogar zu heilen vermag. Damit erhält Liebe eine geistige Dimension, die als Wiederbeseelung und damit als neuer Ka des Osiris in Erscheinung tritt. Liebe schafft also nicht nur physisches Leben, sie schafft auch geistiges, seelisches Leben, sie be-lebt neu und kann schlussendlich als die Lebenskraft schlechthin verstanden werden, die jeden beseelt, der in ihrem Sinne handelt. Liebe wäre damit gewissermaßen das „Material“ aus welchem die geistigen Bestandteile des Menschen bestehen (siehe Artikel „Seelenaspekte“).

Liebe in einer sozialen Dimension

In Liebe zu handeln, bedeutet in einer sozialen Dimension in Rechtschaffenheit, Sittlichkeit, unter Einhaltung ethischer Werte und in Rücksicht auf den Nächsten zu agieren und dies ist letztlich nichts anderes als das Fundament der Ma’at als soziales ethisches Prinzip. Ma’at ist Liebe in einer sozialen Dimension und letztlich kosmischen Dimension. Die Ähnlichkeit mit der christlichen Nächstenliebe kommt nicht von ungefähr, denn einige Religionswissenschaftlicher sehen in der neutestamentarischen Bewegung tatsächlich eine Hinwendung zur kemetischen Lebenshaltung und gleichzeitig eine Entfernung von der Abgrenzungstheologie der semitischen Kultur, welche sich ihrem Ursprung nach als Gegenbewegung zu den heidnischen Primärreligionen – insbesondere der altorientalischen – definierte.

Relief eines Liebespaares aus der Ptolemäerzeit

Ehe und Beziehung in Kemet

Das historische Kemet wie auch die uns vertraute moderne Kultur unterscheiden sich in Sachen Liebe und Beziehung erstaunlich wenig. Bereits im antiken Kemet lassen sich sehr moderne soziale Strukturen feststellen, wie etwa die Gleichstellung der Geschlechter oder eine recht freie Einstellung zur Sexualität, die auch die Toleranz unterschiedlicher sexueller Ausrichtung miteinschließt (wenn auch gelegentlich einige widersprüchliche Quellen zu verzeichnen sind). Das vorherrschende Beziehungsmodell war zwar die Monogamie bzw. die serielle Polygamie, jedoch gab es besonders in den Königshäusern auch die Polygamie (oft aus politischen Gründen). Zwar hat man sich besonders in den sog. „Sündenbekenntnissen“ meist gegen die Homosexualität ausgesprochen jedoch sprachen viele bildhafte Darstellung (vor allem in puncto lesbische Liebe) eine andere Sprache. Hart verurteilt wurden jegliche Formen sexueller Gewalt, sowohl an Frauen und vor allem natürlich an Kindern.

Die Partnerschaft in der Gesellschaft – früher und heute

Der moderne Kemetismus kann sich also mit einer traditionsorientierten Lebensweise nahtlos in die heutige Gesellschaft und deren Ehe- und Beziehungsstrukturen einfügen. Lediglich die Sexualität ist nicht nur ein Quell des persönlichen Vergnügens und schon gar keine gierige Lusthandlung, sondern vielmehr ein göttlicher Akt, der entsprechende Würdigung verlangt. Die vielen heute pornographisch anmutenden Papyri und Wandmalereien, sind meist Ausdruck heiligster göttlicher Aktivität zum Zwecke der lebensspendenden Fruchtbarkeit. Die kemetische Religion lehnt also die Sexualität nicht verstohlen ab, sie heiligt sie vielmehr. Die gänzlich typisch kemetische Tugendhaftigkeit im Umgang mit der Sexualität leitet sich also vielmehr aus dem Bewusstsein über ihre Göttlichkeit ab, als aus einer verschämten Ablehnung derselben. Zum Beispiel galt es als unschicklich den Akt vor den Augen anderer auszuführen, daher wurde der Ausspruch „das Haus einer Frau zu besuchen“ zu einer vielverwendeten poetischen Allegorie für die sexuelle Aktivität mit der betreffenden Frau.

Im Großen und Ganzen lässt sich die kemetische Sittlichkeit ein wenig mit der barocken „Contenance“ vergleichen. Sie verfolgt nicht den Zweck sich selbst von den Freuden des Lebens abzuschneiden, sondern vielmehr jenen, dabei niemand anderen unangenehm in seinem Lebenswandel zu stören oder gar zu verletzen. Daher sind auch Dinge wie Treue, Loyalität, Hingabe, Liebe, guter Umgang und Gewaltlosigkeit sowohl innerhalb einer Beziehung als auch außerhalb typisch kemetische Tugenden des liebevollen, zwischenmenschlichen Umgangs.

Ma’at ist eine soziale Verpflichtung. Geht man dem Ursprung des Wortes „Pflicht“ nach so landet man beim mittelhochdeutschen „pflegan, pflegen“, was also sehr viel mehr mit liebevoller Fürsorglichkeit und freiwilliger Hinwendung zu tun hat, als mit lästigem Zwang. Dieser Bedeutungsinhalt könnte also passender nicht sein um Ma’at zu erklären, nämlich als liebevolle Fürsorglichkeit und Herzenshinwendung zu der Gesellschaft in der man lebt und liebt.

Bilder:
Wikimedia Commons („Isis und Osiris“ von Rama, „Liebespaar“ Keith Schengili-Roberts)

Literatur:
Altägyptische Dichtung (Reclam)
Tod und Jenseits im Alten Ägypten (Jan Assmann),
Liebe und Sexualität im alten Ägypten (Lisa Manniche)

Die Göttin in der Schweiz – eine Spurensuche – Teil I geschrieben von Nepthis

Samstag, 08. Dezember 2012

In diesem Artikel berichtet Nepthis über ihren Vortrag über die Göttin in der Schweiz, den sie Anfang Oktober anlässlich der Pagan Federation Konferenz hielt. Sie erzählt von ihrer Spurensuche, von ihrer Begegnung mit der Göttin und von den historischen Erscheinungsformen der Göttin in der Schweiz.

Die Göttin in der Schweiz- eine Spurensuche

Vortrag anlässlich der ersten Pagan Federation Konferenz in der Schweiz

Manchmal übt man einen Vortrag so oft, dass man bei Vortragen dann den wichtigsten Satz vergisst. So erging es mir bei meinem Vortrag während der ersten Pagan Federation Konferenz in der Schweiz, die am 6. und 7. Oktober 2012 stattfand: „Wir befinden uns in Biel, eine Stadt, deren Namen man von Belena ableiten kann, also wahrscheinlich auf Verena zurückzuführen ist, von der ich in meinem Vortrag berichtet habe. Vielleicht spürt ihr ja genauso wie ich, dass dieser Ort hier kein Zufälliger ist.“ Doch möglicherweise war dieser Hinweis von meiner Seite her gar nicht nötig, denn offensichtlich spürten es die über vierzig Menschen, die aus verschieden Ländern zu dieser Konferenz zusammengekommen waren. Denn die Göttin ist immer noch da. Es braucht nicht viel, um dies zu erkennen. Aber doch einigen Aufwand, Sie oder besser gesagt Ihre Spuren zu finden.

Warum es (nicht) einfach ist, die Göttin zu finden

Mir war es wichtig, einen Vortrag zu halten, der zwar geprägt von meiner Weltsicht und inspiriert von meiner Religion ist, aber doch auf wissenschaftlichen Fakten gründet. Wo konnte man historisch gesehen die Göttin finden? In welcher Gestalt wurde Sie in der Schweiz verehrt? Ich begann meine Suche in der Bibliothek der theologischen Fakultät Zürich, zu der auch der Bereich Religionswissenschaft gehört, suchte dann weiter in der Zentralbibliothek Zürich und danach noch in der Bibliothek der historischen Fakultät. Doch ich fand kaum etwas. Wie war dies möglich? Erst jetzt begriff ich so langsam, dass mein Weltbild (katholisch-feministisch erzogen, naturreligiös) immer noch irgendwie exotisch ist. Ich dachte an den Moment zurück, als ich 2008 die Ausstellung „Gott weiblich“ in Fribourg besuchte und feststellte, welche Sensation für viele diese Ausstellung war, während ich nur immer dachte: Das ist doch alles schon länger bekannt. Der Katalog dieser Ausstellung befand sich immerhin bei den drei Büchern, die ich bei meiner Literaturrecherche fand. Ich hatte es mir einfacher vorgestellt, beschloss dann aber, aus meiner eigenen Bibliothek mehr oder weniger wissenschaftliche Literatur heranzuziehen. Doch natürlich blieb der Fingerzeig nicht aus. Warum suchte ich Sie denn in Büchern? Ich lief durch den Lichthof der Universität Zürich und da war Sie: Ein wenig kopflos zwar, aber immerhin beschirmte Sie mich mit Ihren Flügeln: Die griechische Siegesgöttin Nike. Und während ich noch über Alma Mater nachdachte und mein Mittagessen bezahlte, fiel mein Blick auf die Münzen: Da, auf der größeren war Helvetia abgebildet. Eine Göttin, die es streng genommen „nie“ gegeben hat, aber die doch offensichtlich für unseren Wohlstand sorgt. Und auf dem „Füfi“, der zurzeit kleinsten Münze, der Kopf der Göttin Libertas. Offensichtlich war es doch einfach, Sie zu finden. Doch seit wann war Sie denn im Gebiet der heutigen Schweiz bekannt?

In einem Land vor unserer Zeit …

Wie die Figuren belegen, die auch im Museumskatalog von Othmar Keel der Ausstellung „Gott weiblich“ abgebildet sind, gibt es Spuren einer Göttin, die mehrere Zehntausend Jahre alt ist. So zum Beispiel die sogenannte Venus vom hohlen Fels. Wie in einem anderen Vortrag während der Konferenz von Marco Nektan berichtet, gab es auch im Balkangebiet bereits in frühster Urzeit Göttinnen, wie diverse Funde belegen. Doch wenn man sich die Karte der Fundstätten der Venus-Figurinen in Europa im Buch „Die Göttin“ von Husain Sharukh ansieht, fällt einem auf, dass im Gebiet der heutigen Schweiz keine Funde verzeichnet sind, dafür umso mehr in Frankreich. Ob die Göttin in jenen Zeiten also auch hier im Gebiet der heutigen Schweiz verehrt wurde? Sicher ist, dass wir Ihre Spuren in der keltischen Zeit finden. Die dreieinige Göttin wurde von den Kelten als Epona, Dana und Artio verehrt, also als weiße Jungfrau, rote Mutter und schwarze Alte. (Es handelt sich meines Erachtens übrigens um eine Vierheit, denn natürlich gehört auch die Dunkelmondin dazu, nur dass Sie als Todin unsichtbar bleibt.) Diese finden wir in alten Sagen als Ambeth, Borbeth und Wilbeth wieder. So spricht in einer der von Robert Hermann Seiler, einem Schweizer Sagenforscher, im Buch „Bärwolfgeschichten“(1977) „die dritte der drei Frauen“: Ja, ich bin Wilbeth, die Mutter des Mondes.“ Im katholischen Volksglauben überlebten die Beten als die drei heiligen „Madl“: Margareta, Barbara und Katharina.

Römische Religion als Privatsache?

Nach den Kelten kamen die Römer ins Gebiet der heutigen Schweiz und führten die heute noch lebendige Tradition ein, Münzen mit dem Gesicht der Göttin zu prägen. Nur dass auf der anderen Seite nicht wie heute üblich eine Zahl stand, sondern das Gesicht des aktuellen römischen Herrschers. So fanden sich Claudius/Minerva- und Caligula/Vesta-Münzen. Doch nicht nur Geld brachten die Römerinnen und Römer mit, sondern offenbar auch die Verehrung der Göttin Isis. So wurde mündlich überliefert, dass auf dem Isenberg im Knonauer Amt ein Tempel der Isis gestanden hätte. Hans Trümpy stellte aber in seinem Bericht „Die Göttin Isis in schweizerischen Sagen“ ( 1986) fest, die gefunden Mauerreste seien kein Tempel, sondern gehörten zu einer römischen Villa, es sei also nur ein privates Heiligtum gewesen. Immerhin hinterließ dieser eine private Tempel einen solchen Eindruck, dass, wie Trümpy ebenfalls berichtet, noch 1729 in der Gegend das Sprichwort galt „dass sie von einem, der sich aus der Kirchen verschlägt, sagen, er seye in Iselis Kirchen gewesen.“ Und an einem anderen Ort, in Otelfingen gab es wohl 1918 immer noch alte Bäuerinnen, die im Isenbühl einen Stein oder eine Handvoll Erde auf das Grab einer Heidenfrau namens Isis warfen. Ein weiterer Hinweis auf die Verehrung der Göttin Isis in der Schweiz in römischer Zeit ist die Isis-Inschrift in Baden. Sie war also doch hier. Doch was geschah in der nachrömischen Zeit?

Mittelalter und heute

Lassen wir unseren Blick über die heutigen Landesgrenze hinwegsehen, dann finden wir in Bayern eines der schönsten Zeugnisse für die Verehrung der Göttin im Mittelalter: Es ist dies die Carmina Burana (ungefähr 11. – 13. Jahrhundert). Darin wird Fortuna, die Glücksgöttin erwähnt, die sich wie der Mond verändert und natürlich Venus, die Göttin der Liebe: „ Quidquid Venus imperat labor est suavis.“ „Was auch Venus befiehlt, ist süßes Bemühen.“ Und im Christentum? Lässt sich Maria als Göttin sehen? Ist sie denn eine würdige Nachfolgerin der Dreieinen? Kann es in monotheistischen Religionen überhaupt eine Göttin geben? Die drei Töchter Allahs, die im Koran in Sure 53,13 erwähnt sind, Al – Lat, al – Uzza und Manat gelten nach offizieller muslimischer Lesart als Eingebung Satans. Im Alten Testament wird die Göttin Isthar zwar erwähnt, aber immer nur als Gefahr, als eine, die die Menschen vom rechten Glauben abbringt. Doch jede Theologiestudentin heute weiß, dass Inschriften belegen, dass JHW nicht alleine war: Erwähnt wird immer wieder Seine Aschera. Doch die einzige Frau, die in der katholischen Kirche wichtig ist, ist nicht Aschera, sondern Maria.

Ende Teil I

Die kemetischen Seelenaspekte

Samstag, 31. März 2012

Um die kemetischen Seelenaspekte besser erfassen zu können, erweist es sich als sinnvoll sich von der verbreiteten „Körper-Seele-Trennung“ ein wenig zu lösen. Diese scharfe Abgrenzung gibt es im kemetischen Bewusstsein auf das Individuum bezogen ebenso wenig, wie auf die Schöpfung im Allgemeinen. Sehr viel zutreffender ist die Vorstellung von der beseelten und damit lebendigen Materie, in der sich der Schöpfungsprozess im Kleinen wie im Großen unentwegt von Neuem vollzieht. Auch gibt es kein „Gesamtkonzept“ der Seele. Die Vorstellung von miteinander verbundenen bzw. sich überschneidenden Einzelteilen kehrt im kemetischen Glauben an vielen Stellen wieder.

Einige der Seelenaspekte sind dem was man gemeinhin als Materie wahrnimmt deutlich näher, andere wiederrum von luftiger/geistartiger Qualität, manche sind eher ein Zustand, andere wiederrum durchaus wesenhaft und damit sehr nah an der Vorstellung eines eigenständigen Individuums. Einige beziehen sich vorwiegend auf die Sozialsphäre, andere wiederrum auf die Individualsphäre. Die Übergänge sind hier natürlich ebenfalls fließend.

Ka
Das Ka steht für das, was man auch als soziale Identität umschreiben könnte, bezieht sich dabei aber stark auf das individuelle Handeln in einem sozialen Kontext und weniger auf das So-Sein eines Menschen. Als solches bleibt es in der Erinnerung an einen Menschen auch nach dem Tod erhalten und wird gleichzeitig zum Schutzgeist des Verstorbenen. Man spricht ja auch heutzutage vom „Geist des Künstlers XY“ der in seinem Werk weiterlebt. Genauso verhält es sich auch mit dem Ka.

Ka-Statue des Horawibra
(Ägyptisches Museum, Kairo)

Ka ist auch die wesenhafte Lebenskraft, sowohl der Menschen als auch der Götter. Da Lebenskraft für die Kemeten gleichbedeutend ist mit prozesshafter, also sich fortwährend aufs Neue vollziehender Konnektivität, ist Ka auch so etwas wie die „Ma’at des Körpers“. Als solches ist Ka (als soziale Identität) natürlich auch in die Ma’at (als soziales Prinzip) untrennbar eingebunden. Tut etwas dem Ka nicht gut, wie etwa boshafte Zeitgenossen, üble Nachrede, Neid, Habgier, aber auch brennende Sehnsucht oder Liebeskummer, gefährdet dies auch immer die Gesundheit des Körpers. Hierin zeigt sich auch wieder das kemetische Bewusstsein über die Lebensnotwendigkeit der positiven und wohlwollenden Gemeinschaft.

Götter wie auch Könige haben oft mehrere Kas (kemetisch Kau), besonders post mortem, da das Ka dann als vervielfältigbar gilt. Das Ka bewohnt die unzähligen Bildnisse, die einem Verstorbenen geschaffen wurden, weswegen in Kemet auch ein ausdrückliches BilderGEbot herrscht um das Gedenken einer Person, aber auch eines Gottes aufrecht zu erhalten und damit die Unsterblichkeit des Ka zu sichern. Die Gemeinschaft als Lebensgrundlage löst sich damit also auch nach dem Tod nicht auf, sondern bleibt über diesen hinaus bestehen. In der Notwendigkeit des Bildnisses drückt sich wiederrum das Bewusstsein von der beseelten Materie aus. Damit erhält der Tod selbst auch einen sehr diesseitigen Aspekt.

Das spezifische Wirken einer Gottheit drückt sich ebenfalls durch Ka aus z.B. ist der Wind, das Ka des Luftgottes Schu oder das Wasser des Nils und dessen fruchtbarer Schlamm das Ka des Osiris.

Ba
Die frei bewegliche Individualseele Ba, wird als Falke mit einem Menschenkopf dargestellt. Ba hat einen engen Bezug zum Leib Chet. Besonders nach dem Tod und nach vollzogenem Totenkult braucht das Ba den Leib um immer wieder dorthin zurückzukehren und sich zu verjüngen. Diese Verjüngung hat seine Parallele im Sonnenlauf. Der Sonnengott Re durchfährt nachts die Unterwelt mit seiner Barke um am nächsten Morgen verjüngt wieder im Osten seine Himmelsbahn anzutreten. Den Toten wünscht man, dass sie einen Platz auf der Barke des Re erhalten mögen um an diesen Verjüngungsfahrten des Sonnengottes teilzunehmen und damit in den Zyklus der fortwährenden Verjüngung und somit des ewigen Lebens einzutreten.

Ach
„Der göttliche Glanz“ oder der Ahnengeist der die Verklärung durch den Totenkult erfahren hat ist das Ach. Es handelt sich dabei also um einen herbeigeführten Zustand des Ba, welcher aber auch Züge einer eigenen Wesenhaftigkeit hat und den Verstorbenen zu einem überirdischen Wesen macht – zu einem Gott, einem netjer. Damit weicht auch der menschenferne Gottesbegriff nach monotheistischem Verständnis etwas auf und die Götter (netjeru) rücken deutlich näher in die menschliche Sphäre und können teilweise sogar als eine Art Urahnen verstanden werden. Ihre Macht und Bedeutung hängt damit also nicht allein von ihrer Bezeichnung als Götter ab, sondern von ihrem Wirken und Handeln, was wiederrum dem Prinzip der Ma’at und dem darin enthaltenen Primat der Tat entspricht. So konnte zum Beispiel auch der berühmte Arzt und Würdenträger unter König Djoser Imhotep nach seinem Tod zu einem weithin verehrten mächtigen Heilsgott werden.

Der Schopfibis als Symbol für das Ach
(Ramesseum, Theben)


Chet

Für die Kemeten macht es zunächst keinen Unterschied ob der Leib tot oder lebendig ist. Chet ist der Leib und damit das perfekte Abbild eines Menschen. Durch den Erhalt des Leibes, die Mumifizierung, wird also ein vollkommenes Denkmal, geschaffen. Oft gab man den Verstorbenen aus diesem Grund auch Ersatz-Leiber in Form von Statuen mit auf den Weg ins Jenseits für den Fall, dass der mumifizierte Leib zerstört würde.

Das Chet ist wiederrum beseelt und damit belebt von Ba und Ka, welche ihrerseits auch das Chet benötigen um ein irdisches Leben zu führen und die Körperlichkeit zu erfahren. Den Toten wünscht man  sogar, dass sie durch die Vereinigung ihres Bas mit dem Chet der körperlichen Lust frönen mögen, denn dazu ist aus kemetischer Sicht ein Leib unverzichtbar.

Die Wichtigkeit und Heiligkeit des Körpers ist für Nicht-Kemeten oftmals ungewohnt und nicht leicht zu verstehen. Viele Religionen und Kulturen lehnen die Verehrung des Körpers und der Körperlichkeit ab oder sehen darin zumindest nichts von außerordentlicher Wichtigkeit. Oft gilt der Körper aufgrund seiner Anfälligkeit und Vergänglichkeit als wenig bedeutsam, mitunter sogar als Quelle allen Übels oder trägt lediglich die Bedeutung eines vorübergehenden Vehikels. Dies trifft in Kemet nicht zu. Man kann durchaus von einem regelrechten „Körperkult“ sprechen, was sich nicht zuletzt auch in einer sehr freien, unbeschwerten Haltung zur Sexualität äußert und sich aufs allerdeutlichste im Totenkult und der Mumifizierung manifestiert.

Sah
Chet wird durch Mumifizierung zu Sah, man spricht auch vom „Mumienadel“. Sah ist also nicht so sehr die Mumie selbst, sondern eher ein Zustand der Ehrung oder „Veredelung“ des Körpers, der von allem weltlichen gereinigt wurde und damit zu einem Sitz eines Gottes wird. Das was also mit dem Ba geschieht, wenn es zu Ach wird, ist eine Parallele zu dem was mit dem Chet geschieht, wenn es zu Sah wird.

Die mythologische Parallele ist hier das Zusammensetzen, Verbinden und neu beleben des ermordeten Osiris durch seine Gattin Isis, seine Schwester Nephthys, vor allem aber auch seinen Sohn Anubis. Auch hier stellt sich das Leben wiederrum als Inversion des Zerrissen-oder Zerstückeltseins dar. Die Mumienbinden können daher als Metapher für das Verbinden der einzelnen Körperglieder gesehen werden.

Ib
Das Herz ist für die Kemeten der Sitz des Fühlens und Denkens sowie Mittelpunkt des konnektiven Prinzips, das sowohl Körper- also auch Seelenaspekte zusammenhält. Eine etwas amüsante Bedeutung kam aus der Sicht der altägyptischen Medizin dem Gehirn zu, welches wir ja in der modernen Welt an der Spitze der physiologischen Hierarchie sehen: es war nämlich lediglich für die Schleimproduktion der Nase zuständig und damit nach der Mumifizierung verzichtbar. Es wurde durch die Nase entfernt.

Das Ib ist so etwas wie die „Blackbox“ eines Menschen, das sämtliche Herzensregungen seines Lebens enthält. Beim Totengericht wird es gegen die Feder der Ma’at aufgewogen und fungiert als eine Art Lügendetektor während der Verstorbene sich für sämtliche Taten seines Lebens vor dem Göttergremium rechtfertigt. Besteht der Verstorbene diesen Test, wird ihm sein Ib zurückgegeben und er darf ins ewige Leben als „Gott unter Göttern“ eintreten. Parallel dazu wird an der Mumie die Rückgabe des Herzens vollzogen, das eigene für die Ewigkeit konservierte Herz wird dieser also wieder in den mumifizierten Leib zurück gelegt. Erst später wurde es getrennt von der Mumie in Kanopen aufbewahrt,  jedoch mit dieser gemeinsam bestattet.

Sia
Die Erkenntnis oder göttliche Eingebung wird Sia genannt. Interessant ist hier, dass die kemetische Religion eine göttliche Offenbarung nicht als etwas vom Menschen getrenntes sieht, sondern als Seelenaspekt des Individuums. Damit ist Sia auch so etwas, wie der dem Menschen innewohnende göttliche Funke. Sia ist aber gleichzeitig auch eine eigene Gottheit und reiht sich damit in eine besondere Art von Personifikationsgottheiten ein, zu welchen auch Shai (das Schicksal, die Lebensdauer) oder Hu (der göttliche Ausspruch) gehören. Gerade in Zusammenhang mit Hu, tritt Sia sehr häufig auf.

Ren

Der Name eines Menschen wird als Ren Bezeichnet. Nach kemetischem Verständnis, kann niemand ohne Namen vollständig ins Leben treten. Man könnte sagen, Ren ist das, was sich als Empfindung des „Sich-gemeint-Fühlens“ manifestiert, wenn man den eigenen Namen hört oder ausspricht. Ren ist, was man an der Schwelle des Seienden in das Noch-Nicht-Seiende „hineinruft“ um jemanden ins Leben zu holen.

Oft enthalten altägyptische Namen auch einen eindeutigen Bezug zu Gottheiten, die auf diese Weise zu Lebensbegleitern werden. Solche Namen lauten z.B. Sat-Amun („Tochter des Amun“), Sahure („Re gelangt zu mir“), Amenhotep („Amun ist zufrieden“), Heqa-Ptah („Ptah ist mein Herrscher“). Andere Namen beziehen sich nicht auf Gottheiten, sondern sagen etwas über den Namensinhaber aus, wie z.B. Hatschepsut („Die erste der edlen Damen“) oder Nechetnebef („Der Starke seines Herrn“), Djoser („Der Erhabene“)

Kartusche mit dem Thronnamen Ramses II., Karnak-Tempel
User-maat-Re-setep-en-Re („Mächtig ist die Ma’at des Re, Erwählter des Re“)


Schut

Schut ist der beseelte Schatten und gehört zu den Seelenaspekten die mit am schwersten zu erfassen sind. Man könnte den Schatten es als eine Art Untermauerung des Seins erklären. Etwas das ist, wirft auch Schatten. Zwischen Ka und Schut besteht eine große Ähnlichkeit, jedoch ist Schut deutlich subtiler, aber dennoch unübersehbar vorhanden. Schut hat außerdem eine Schutzfunktion für den Menschen um Übel von ihm fernzuhalten.

Der Mensch aus kemetischer Sicht
In diesem Seelenmodell spiegelt sich die kemetische Auffassung vom Menschsein in allen Facetten wieder. Diese sieht den Menschen im fortwährenden Spannungsfeld zwischen Individualität und Kollektivität, Bewegung und Stille, Stofflichkeit und Geist, Leben und Tod. Dabei versucht es die Balance nicht in einem Ausgleich vermeintlicher Gegensätze zu finden, sondern darin das gesamte Spektrum zur gleichen Zeit zuzulassen, ihm Struktur zu geben und damit die Vielschichtigkeit der menschlichen Natur in vollem Umfang anzuerkennen.

Literatur:
Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten
Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte
Eberhard Kusber, Dissertation: Der altägyptische Ka – Seele oder Persönlichkeit?

Fotos und Hieroglyphen, Wikimedia Commons:
Relief  am Ramesseum in Theben, von Rémih
Ka-Statue des Horawibra, von Jeff Dahl
Thronname Ramses II., von Dapaan