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Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen – Teil XXVIII, geschrieben von Mc Claudia

Samstag, 27. Dezember 2014

Walpurgisnacht, Maifest und Beltaine:

Für den inselkeltischen und britischen Raum kann man sicher annehmen, dass das heidnische Beltaine-Fest heutige Maifeste beeinflusst hat. Aber auch germanische (angelsächsische, wikingische, normannische) und spätere christliche oder auch säkulare (Tag der Arbeit) Einflüsse sind anzunehmen. Beltaine hatte für den Rest Europas keine Bedeutung.

Dass wir am 1. Mai überhaupt einen Feiertag haben, verdanken wir erst einmal der US-Arbeiterbewegung aus dem Jahre 1886. Am 1. Mai dieses Jahres streikten nämlich die Arbeiter/innen in Chicago für gerechtere Arbeitszeiten (Haymarket Riot). Der 1. Mai wurde auf diese Weise zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse und im Laufe der Zeit in den verschiedensten Staaten der Welt zu einem gesetzlichen Feiertag – auch in Österreich und Deutschland (im Jahre 1919).

Aber es gab auch schon vor dem „Tag der Arbeit“ (der Tag davor ist seit Kurzem zum „Tag der Arbeitslosen“ avanciert) zahlreiche Feierlichkeiten und Bräuche zum 1. Mai. Liebe, Frühlingsgefühle und die Fruchtbarkeit der Natur werden mit allerlei „heidnischen“ Bräuchen gefeiert. Dazu gehört das Aufstellen des Maibaums, der Bändertanz darum, das Erklettern desselben, das Stehlen (und Verhindern von Diebstahl) des Baums, die Wahl einer Maikönigin oder eines Maikönigspaares, diverse Liebes- und Anbandelbräuche, spezielle Getränke (Maibowle, Maibock), Schützenumzüge, Wallfahrten, Fahrzeugsegnungen etc. Kirchlich gesehen ist der Mai der Maria gewidmet und traditionell gibt es in diesem Monat viele Marienandachten.

Die erste Erwähnung eines Maibaums gibt es aus dem Jahre 1225 aus Aachen, wo die Bürger/innen einen Maibaum aufstellten und darum tanzten. Der Pfarrer sei darüber aber nicht erfreut gewesen und hätte den Maibaum mit einer Axt gefällt (und sich dabei sogar verletzt). Der Vogt aber hielt nichts von der Prüderie des Pfarrers und ließ einen noch größeren Maibaum aufstellen. Diese Erwähnung soll vom Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach stammen, der auch auf vorchristliche germanische Bräuche des Tanzes um ein Götzenbild, einen Hammel und einen Maibaum hinweist. Wenn der Mönch Recht hat, so haben wir hier einen Hinweis darauf, dass der Maibaum eine germanische Erfindung ist. (Allerdings bleibt offen, an welchem Datum genau die vorchristlichen Germanen im deutschen Gebiet den Maibaum aufstellten, da man ja auch hier von einem nicht-julianischen Kalender ausgehen muss.) So abwegig scheint es jedenfalls nicht, denn viele germanisch besiedelten Gebiete kennen diesen Brauch. Sogar in Irland, wo in vor-wikingischer Zeit keine Rede von Maibäumen ist, gibt es diesen Brauch in der heutigen Zeit. Das einzige germanische Maifest, das ich ausmachen konnte, ist das Sigrblot in Skandinavien. Aber auf dieses wird nicht näher eingegangen. Ob also das norwegische Sigrblot mit einem Maibaum gefeiert wurde, bleibt Spekulation. Noch komplizierter wird die Sache, wenn man bedenkt, dass der „Maibaum“ in Schweden ein Sonnwendbaum ist und Majstången (das „Maj“ heißt hier „Blumenschmuck“) heißt. Einen Maibaum am 1. Mai gibt es in Schweden meines Wissens aber nicht.

Einen weiteren wichtigen Einfluss auf das Maifest hat die katholische Heilige Walpurgis oder Walburga aus dem 8. Jhdt., deren heiliger Tag der 1. Mai ist. In der Walpurgisnacht, also in der Nacht von 30. April auf den 1. Mai, sollen laut Volksglauben die Hexen umgehen, auf den Brocken im Harzgebirge (und auf andere Berge) fliegen und dort ihren Hexensabbat feiern. Dieser Glaube dürfte seinen Ursprung im 15./16. Jhdt. haben, also mit Beginn der europäischen Hexenverfolgungen. Diese könnten auch für den Brauch verantwortlich sein, in der Walpurgisnacht symbolische Hexenverbrennungen durchzuführen, wobei eine Puppe verbrannt wird. Es kann sich aber auch um das symbolische Austreiben böser Geister handeln, um so Platz für den Wonnemonat Mai zu machen. Ob das römische Floralia-Fest ebenfalls Einfluss auf unser heutiges Maifest hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Johannistag und Litha:

Die Sonnwendfeuer und -feiern heutzutage finden für gewöhnlich nicht am 21. Juni statt sondern drei Tage später, am 24. Juni. Dies ist der Tag, der Johannes dem Täufer geweiht ist. Der Grund hierfür liegt im Evangelium. In Lukas 1,26 wird berichtet, dass Johannes sechs Monate vor Jesus geboren wurde. Nachdem man also Christi Geburt auf den 25. Dezember festgelegt hatte, rechnete man ein halbes Jahr nach vorn und hatte den Geburtstag von Johannes. Die Feststellung im Johannesevangelium (3,30), dass Johannes der Täufer abnehmen müsse, Jesus aber wachsen, wird mit Weihnachten und dem Johannestag an den Sonnenwenden wunderbar im Kirchenjahr symbolisiert. Laut Wikipedia ist das erste Johannisfeuer im 12. Jhdt. belegt.

Soviel zum christlichen Ursprung. Einen Hinweis auf christliche Festübernahme einer Sonnwendfeier fand ich beim hl. Eligius aus dem 7. Jhdt. Während seiner Missionsarbeit im germanisch besiedelten Flandern soll er laut einer Vita gegen die dortigen heidnischen Bräuche gewettert haben: „Kein Christ feiert die Sonnenwende mit Tänzen oder Sprüngen oder teuflischen Gesängen am Fest des hl. Johannes oder am Festtag eines anderen Heiligen.“ Dieser Hinweis, die heutige Beliebtheit von Sonnwendbräuchen in ehemals germanisch besiedelten Gebieten, vielleicht das schwedische Midsommar sowie das Althing in Island machen es wahrscheinlich, dass die Sommersonnenwende von vorchristlichen Germanen gefeiert wurde. Der neuheidnische Begriff Litha ist allerdings kein Hinweis auf Sonnwendfeiern, da er nur die angelsächsischen Sommermonate bezeichnete aber keine Feier dazu angegeben ist.

Auch die Feiern der Sommersonnenwende bei Slawen und Balten, die dort eine große Wichtigkeit haben, können heutiges Brauchtum beeinflusst haben. Vor allem für Österreich ist fraglich, welcher heidnische Einfluss für die Johannisfeiern in Frage kommt: Möglich wären sowohl germanische als auch slawische Einflüsse.

Petri Kettenfeier, Mariae Himmelfahrt und Lugnasad:

Das altirische Lugnasad-Fest hat im heutigen Festkalender der britischen Inseln seine Spuren hinterlassen. Im keltischen Gürtel gibt es Ende Juli/Anfang August zahlreiche Feste und Bräuche, die Rückschlüsse auf das heidnische Lugnasadfest zulassen (Puck Fair, Garland Sunday, Pardon of Ste Anne, St. Margaret’s Fair, Morvah Feast, …), und in Großbritannien ist an diesem Datum das Lammas-Fest (Brotlaibmesse) angesiedelt. (Siehe auch das Kapitel über die Kelten.)

Das christliche Fest, das auf den 1. August fällt, nennt sich Petri Kettenfeier (auch St. Peter in Ketten oder St. Peter ad Vincula). Es geht darum, dass der hl. Petrus durch Herodes Agrippa I. in Jerusalem festgenommen und in Ketten gelegt wurde. (Laut Mythos wurde er aber von einem Engel befreit.) Diese Ketten wurden auf wundersame Weise gefunden und kann man heute in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom besichtigen. Diese Kirche wurde am 1. August im 5. Jhdt. geweiht, daher auch das Festdatum. (Ob man dabei Anleihen beim heidnisch-römischen Fest der Spes (Hoffnung) und Victoria (Sieg) genommen hat, das am 1. August gefeiert wurde, ist bedenkenswert.) In Österreich hat dieses Fest keine Bedeutung, und 1960 wurde es (aus welchen Gründen immer) aus dem katholischen Kalender gestrichen.

Im August selbst gibt es außerdem zahlreiche Marienfeiertage, wobei der bekannteste Mariae Himmelfahrt am 15. August ist. Vom 15. August bis 12. September (Mariae Namen) wird auch manchmal der „Frauendreißiger“ begangen, eine Zeit des Kräutersammelns und der beginnenden Erntedankfeste. Laut Mythos ist Maria am 15. August in den Himmel aufgefahren und zur Himmelskönigin gekrönt worden. Das Fest am 15. August ist ca. ab dem 6. Jhdt. (auch für Gallien (Frankreich)) erwiesen, wobei die östlichen Kirchen am selben Datum feierten wie die katholische Kirche. Festgeschrieben hat dieses Fest Bischof Kyrill von Alexandria im 5. Jhdt. auf Basis verschiedener Hinweise in der Apokalypse und auch in apokryphen Schriften. In Wikipedia fand ich den Hinweis, dass der 15. August ein heidnisches Fest zu Ehren der Astraea (Sternengöttin) gewesen sein soll, die an diesem Datum in den Himmel (im Sternbild Jungfrau) versetzt worden sein soll. Ich habe dazu aber keine anderen Quellen gefunden.

Die frühe Etablierung der christlichen Feste Petri Kettenfeier und Mariae Himmelfahrt macht einen Zusammenhang mit dem Lugnasad-Fest unwahrscheinlich. Es handelt sich hier eher um zwei verschiedene Festtraditionen, wobei die christlichen Versionen des Lugnasad/Lammas-Festes auf die britischen Inseln beschränkt blieben. Konkrete heidnische Vorgänger für Petri Kettenfeier und Mariae Himmelfahrt konnte ich nicht ausmachen. (Das litauische Žolines-Fest am 15. August scheint mir eher eine neuheidnische Adaption des christlichen Festes zu sein.)

Mauritius, Erntedank und Mabon:

Mabon ist als Fest ja eine neuheidnische Erfindung, wie wir im Kapitel über die Festtagsnamen des achtfachen Jahres gesehen haben. Bei den Germanen ist genau an diesem Datum kein Fest überliefert, bei den Römern gibt es nur ein unbedeutendes Fest zu Ehren verschiedener Gottheiten, und das litauische Dagotuvés-Fest, das mit 21. September wiedergegeben wird, ist datumsmäßig auch nicht so gesichert (da es ja auch ein Monddatum sein könnte). Auch im katholischen Jahreskreis hat der Herbstbeginn keine besondere Bedeutung. (Natürlich gibt es auch am 22. und 23. September eine Menge Namenstage, aber keiner davon hat jetzt herausragende, pankatholische Bedeutung.) Von allen vier Sonnendaten ist also der Herbstbeginn das unwichtigste Datum.

Der bedeutendste Heilige, der am 22. September seinen Festtag hat (an dem er laut Legende starb), ist der heilige Mauritius aus Ägypten. Er war im Jahre 290 n. Chr. Anführer der thebäischen Legion unter der Herrschaft von Kaiser Maximian. Seine Legion erhielt den Befehl, über die Alpen zu ziehen und Christen zu verfolgen. Bei Agaunum (heute St. Maurice in Wallis/Schweiz) meuterten Mauritius und die christlichen Soldaten, da sie sich weigerten, den Befehl auszuführen. Daraufhin ließ Maximian mehrmals die Legion dezimieren und die Flüchtenden ebenfalls hinrichten. Mauritius und andere christliche Legionäre fielen der Dezimierung zum Opfer und wurden so zu Märtyrern. Ein Hinweis, dass der hl. Mauritius etwas mit dem Herbst und der Ernte zu tun haben könnte, liegt vielleicht in seiner Darstellung als dunkelhäutiger Afrikaner (analog zum Beginn der dunklen Jahreszeit – das bitte nicht rassistisch zu verstehen!) und darin, dass er unter anderem Schutzpatron des Weinbaus ist. Für Österreich hat die Verehrung des Mauritius keine Bedeutung.

Wenn man das Datum des Herbstäquinoktiums weitgehend außer Acht lässt, eröffnen sich natürlich eine Fülle von Erntedankfesten, die je nach Art des Ernteguts und der Örtlichkeit von August bis in den Oktober angesetzt sind. Auch in Österreich gibt es verschiedene Daten für das Erntedankfest, oft begleitet von Kirtagen und Jahrmärkten (siehe Anhang). Erntedankfeste aller Art finden wir natürlich auch bei den heidnischen Vorfahr/innen: Bei den Germanen das Fest der Tamfana und der angelsächsische Halig-Monath, bei den Slawen das Erntefest zu Ehren des Svantevit und in Litauen das Dagotuvés-Fest. Auch die großen Eleusinischen Mysterien aus Griechenland gehören dazu. Die Erntefeste der Römer sind im August angesiedelt, im alten Irland feierte man die Ernte zu Lugnasad und Erntedank zu Samain. Auch die nordischen Germanen dürften ihr Erntedankfest mit dem Winterbeginn (Ende Oktober) angesetzt haben.

Welches heidnische Erntedankfest für das heutige, christliche Erntedankfest Pate gestanden ist, und ob es überhaupt ein bestimmtes Fest war, konnte ich nicht herausfinden. Laut Kath.net und Wikipedia sind christliche Erntedankfeste seit dem 3. Jhdt. n. Chr. erwiesen. Natürlich kann auch das jüdische Erntedankfest Sukkot („Laubhüttenfest“ im Sept./Okt.) als Inspiration für die christlichen Erntedankfeiern gedient haben.

Allerheiligen, Allerseelen und Samain:

Die Wichtigkeit des Samain-Festes im alten Irland und das daraus entstandene Halloween-Fest wurden bereits im Kapitel über die Kelten behandelt. Das heutige Halloween und das heutige inselkeltische Samhain haben eindeutige Wurzeln im altirischen Neujahrsfest Samain. Wenn man aber von der weltweiten Halloween-Verbreitung in den letzten 15 Jahren absieht, ist dieses Fest nur für den inselkeltisch beeinflussten Raum, also die britischen Inseln (und später die USA) belegt.

Woher kommen aber die wichtigen katholischen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen? Fakt ist, dass die Totensymbolik von Allerseelen in das heutige Halloween-Fest Einzug gehalten hat. (Das altirische Samain-Fest war in erster Linie eine große Volksversammlung mit Erntedankcharakter und von politischer Wichtigkeit. Von bösen Geistern und Totengedenken ist da kaum die Rede.)

Das Allerheiligenfest nimmt seinen Beginn in einem Problem, das für gewöhnlich nur wir Polytheist/innen haben: Bei einer Unzahl von Gottheiten (bzw. Heiligen) wird es irgendwann einmal unmöglich, allen gleichermaßen gebührend Respekt zu erweisen. In Rom hat man deswegen in heidnischer Zeit den noch heute erhaltenen Tempel für alle Gottheiten errichtet – das berühmte Pantheon (mit der weltweit größten Steinkuppel).

Die Ostkirchen haben auf dieses Problem als erstes reagiert und am Beginn des 4. Jhdts. ein Allerheiligenfest eingerichtet, und zwar am ersten Sonntag nach Pfingsten. Anfang des 7. Jhdts. hat die katholische Kirche nachgezogen, und Papst Bonifatius IV. machte aus dem heidnischen Pantheon eine christliche Kirche für „Maria und alle Märtyrer“. Dazu ordnete er ein Jahresfest für Freitag nach Ostern an. Papst Gregor III. verlegte das Fest hundert Jahre später, im 8. Jhdt., auf den 1. November, wobei er eine Kapelle in der Peterskirche allen Heiligen weihte. Im 9. Jhdt. war dieses Fest dann in der katholischen Kirche etabliert. Einen spezifisch christlichen Grund für das Datum konnte ich nicht finden. Zwar hätte es einige heidnische Vorbilder für das Festdatum gegeben, einerseits von christianisierten Kulturen, wie die der Römer (Ahnenfest Mania), der Inselkelten (Jahresbeginn Samain) und der meisten Germanen (Blot-Monath bei den Angelsachsen) andererseits von den noch heidnischen Kulturen, wie die der Wikinger (Dísablót, Álfablót), der Slawen (Mokosh-Fest) und der Balten (Velinës-Ahnenfest). Aber ich fand keinen Hinweis darauf, dass eines dieser Feste als Inspiration für Gregor III. gedient haben könnte. Es bleibt daher offen, ob das Allerheiligenfest heidnischen Ursprungs ist.

Dasselbe gilt für das Allerseelenfest am 2. November, das im Jahre 998 von Abt Odilo von Cluny für die dortigen Klöster festlegt wurde. Es dauerte nicht lange, und der Allerseelentag wurde in der ganzen katholischen Kirche gefeiert. Der Sinn des Allerseelenfestes liegt in der Vorstellung des Fegefeuers. Dort sollen nach katholischem Mythos die Seelen der Verstorbenen bis zum Tag des Jüngsten Gerichts verharren und geläutert werden. Hilfe erhalten sie von den lebenden Angehörigen und ihren Gebeten.
Ende Teil XXVIII

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil XVII

Samstag, 17. November 2012

Keltisch rekonstruiertes Heidentum

Exkurs zum rekonstruktionistischen Heidentum allgemein:

Das keltisch rekonstruierte Heidentum und die folgenden neuheidnischen Traditionen (Ásatrú, Hellenismos, Religio Romana, Rodnoverie und Romuva) gehören zum rekonstruktionistischen Neuheidentum (abgekürzt: Recon). Recon-Heiden sind polytheistisch, einer bestimmten vorchristlichen Kultur verbunden, und ihre Riten sind in erster Linie dazu da, um in der Kultgemeinschaft die Gottheiten mit Gebet und Opfergaben zu ehren (do-ut-des-Prinzip), was das Heil zwischen den Gottheiten und der Menschen gewährleisten soll. Da in allen vorchristlichen Religionen, die rekonstruiert werden, auch Tiere geopfert wurden, ist dieses Thema oft ein Streitpunkt. Die meisten Recons verzichten meines Wissens aber auf Tieropfer.

Magie und das „Arbeiten mit Gottheiten“ sowie esoterische Dinge wie „Energie“ oder „spirituelle Entwicklung“ spielen keine oder kaum eine Rolle in der offiziellen Lehre und im Kult. Ebenso wenig gibt es Mysterien, die Außenstehende nicht kennen können. Das heißt auch, die für Wicca und das Neodruidentum typische Aufnahme in die Gruppe durch Initiation in die „Geheimnisse des Covens/des Hains“ ist obsolet. Recon kann jede/r sofort praktizieren, und Gruppenbildungen sind meist offen und transparent. Wichtig ist das Verständnis der vorchristlichen Kultur, deren Religion wiederbelebt werden soll, weshalb die Mitglieder angehalten sind, sich umfassend darüber zu bilden. Soweit möglich, werden bekannte Glaubensvorstellungen und Rituale ins Heute übersetzt und praktiziert und ansonsten mit passenden Vorstellungen und Praktiken ähnlicher, besser bekannter Religionen bereichert. Gemeinschaft, Familie und Ahnenverehrung spielen ebenfalls oft eine wichtige Rolle.

Die größte Gefahr beim Recon-Heidentum ist das Abdriften in übersteigerten Nationalismus oder auch in patriarchale Wert- und Familienvorstellungen. Ersteres, da oft eine vorchristliche Kultur des eigenen Staates rekonstruiert wird und so ein monolithisches Bild der eigenen Kultur entsteht und eine gewisse Art von Kulturrelativismus propagiert wird. Von diesem Gedanken ist es manchmal nur mehr ein kleiner Schritt zu rassistischen und rechtsextremen Ideen. Letzteres, weil die meisten rekonstruierten Religionen aus Kulturen stammen, die patriarchal strukturiert waren, und es gibt leider einige Recons, die nicht nur die Religion sondern auch gleich die patriarchalen Gesellschaftsformen wiederbeleben wollen. Auch herrscht bei einigen Recons die Meinung vor, sie täten und glaubten dasselbe wie ihre vorchristlichen Altvorderen, was faktisch natürlich Unsinn ist, da aufgrund von Jahrhunderten der Nichtexistenz der rekonstruierten Religion einfach zu viel an gelebter Überlieferung verlorengegangen ist. Recon ist eine neue Religion, eingebettet in die Kultur der Moderne und kann immer nur eine Annäherung an das Alte sein. (Dieser Satz gilt natürlich auch für alle anderen neuen Heidentümer.)

Zurück zur keltischen Version des Recon:

Mitte der 1990er Jahre entwickelte sich im englischsprachigen Raum der westlichen Welt eine neuheidnische Bewegung, die sich Celtic Reconstructionist Paganism (Keltisch rekonstruiertes Heidentum, abgekürzt CR) nennt. Da dieser Begriff zwar korrekt ausdrückt, was er meint, aber nicht gerade locker über die Zunge geht, haben die verschiedenen lokalen Gruppen, die sich daraus entwickelten, eigene Namen dafür entwickelt. Im englischen Raum wäre z. B. der irische Begriff „Págánacht“ zu nennen, und im deutschsprachigen Raum gibt es seit einigen Jahren ein Forum, das die CR-Begeisterten dort unter dem gallischen Begriff „Celtoi“ zusammenfasst. CR definiert sich selbst politisch als eher links verortet. Rassismus und Sexismus werden radikal abgelehnt. (Ich persönlich hoffe, dass das auch so bleibt.)

CR ist meines Wissens die einzige neuheidnische Tradition, die die wissenschaftlichen Arbeiten über die keltische Religion ernst nimmt und darauf ihre Lehre und ihre Riten aufbaut. Wie im Kapitel über Neodruiden erwähnt, gibt es auch einige Druidenorden, die sich  dem Weg der Rekonstruktion annähern. Abgesehen davon ist das Druide-Sein im CR aber reichlich unwichtig und wird auch kontrovers diskutiert. Die Celtic-Recon-Lehre ist polytheistisch und animistisch. Verehrt werden die keltischen Gottheiten mittels Gebet und Opfergaben. Da CR keine einheitlichen Riten proklamiert, vor allem, weil auch zu wenig darüber aus der Historie bekannt ist, entscheidet jede/r Gläubige, jede Gruppe selbst, wie die Zeremonien am besten rekonstruiert werden. Beliebte Ritualelemente sind: kultische Reinigung, Segen, Musik, Umtrünke mit Met oder Bier, Trankopfer, Opfer als Ritualhöhepunkt, Mittelpunktsymbolik (z. B. ein Feuer, eine Quelle, ein Kultpfahl etc.), Gebete und Hymnen, Tanz, das Erkunden des Götterwillens durch Orakel oder Trancetechniken etc. Wicca-typische Elemente, wie das Ziehen und Lösen von magischen Kreisen, das Rufen der vier Elemente, Pentagramme oder ähnliches, sind nicht Teil des CR.

Einigkeit besteht über den Jahreskreis, der durch die vier altirischen Hochfeste definiert ist – diese sind sozusagen Pflicht (was sonst noch gefeiert wird, kann jede/r selbst entscheiden). Anleihen für die Zeremonien werden an historischem, manchmal auch an zeitgenössischem inselkeltischem Brauchtum genommen. Oft werden zu den vier Jahreskreisfesten die Festtagsgottheiten besonders geehrt: zu Samain alle Gottheiten oder die eigene Landesgottheit (für Ostösterreich wäre das Noreia) oder die Matronen oder auch Teutates (Vater des Stammes), für Imbolc ist es natürlich Brigit (Gallisch: Brigantia), für Beltaine der Gott Bel (Gallisch: Belenos) und für Lugnasad Lugh (Gallisch: Lugus).

Ende Teil XVII

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VIII

Samstag, 09. Juli 2011

Herkunft und Bedeutung der Festtagsnamen

Gleich vorweg: Die Schreibweise, vor allem der mittelalterlichen Namensbezeichnungen der Festtage der Iren, Waliser, Angelsachsen, Wikinger etc. kann variieren. Da es damals keine einheitliche Rechtschreibung gab und es auch einen Unterschied macht, ob man das Fest in einer älteren oder neueren Schreibweise buchstabiert, gibt es oft mehrere Versionen, einen Namen zu schreiben, z. B. Samain (Altirisch), Samhain (modernes Irisch). Das soll aber weiter nicht stören.

Die üblichen neuheidnischen Namen der acht Jahreskreisfeste haben ihre Wurzeln vor allem im Wicca, wobei sich die Wiccas wiederum an traditionellen irischen, angelsächsischen, nordischen und britischen Festnamen orientieren (und im deutschsprachigen Raum auch an entsprechenden hiesigen, traditionellen Bezeichnungen). Manchmal sind die Festnamen auch Neuerfindungen.

Ich beginne mit den einfachen Bezeichnungen der Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen: Wintersonnenwende (engl.: Winter Solstice), Frühlingstagundnachtgleiche/Frühlingsäquinoktium (engl.: Spring Equinox, Vernal Equinox), Sommersonnenwende (engl.: Summer Solstice) und Herbsttagundnachtgleiche/Herbstäquinoktium (engl.: Autumnal Equinox, Fall Equinox) sind einfach im Alltag übliche Bezeichnungen für die Tagundnachtgleichen und die Sonnenwenden.

Eindeutig christlicher Herkunft sind die Bezeichnungen: (Mariae) Lichtmess (engl.: Candlemas – „Kerzenmesse“), Brighid (Brighid bzw. Brigitte ist eine christliche Heilige), Lady Day – „Frauentag“ (Mariae Verkündigung), Walpurgisnacht (Walburga ist eine christliche Heilige), Lammas/Loaf Mass – „Brotlaibmesse“ und Halloween/Hallowmas – „(Abend vor) Allerheiligen“. (Näheres dazu im Kapitel über das Christentum.)

Die Bezeichnungen „Maifeiertag/May Day/Hohe Maien“ sowie „Herbstfest/Erntedankfest/ Harvest Home“ sind deutsche und englische Bezeichnungen, die für die ausgelassenen Frühlingsfeierlichkeiten am 1. Mai und für die diversen Erntedankfeste im September/Oktober im englischsprachigen und deutschsprachigen Raum üblich sind. Auch sie sind – auch wenn das Brauchtum teilweise recht heidnisch anmutet – eingebettet im christlichen Festkalender.

Der Begriff „Schnitterfest“ für Lugnasad dürfte eine neuheidnische Bezeichnung sein, die sich auf die Ernte, also das Schneiden des Getreides bezieht.

Die Festtagsnamen Mittwinter (engl.: Midwinter), Summerfinding – „Sommer-Findung“, Mittsommer (engl.: Midsummer) und Winter Finding – „Winter-Findung“ sind deutsche bzw. englische Bezeichnungen, die sich auf den germanischen Raum Skandinaviens und Islands (= nordischer Sprachraum) beziehen. Ebenfalls aus dem germanischen Raum kommen die Begriffe Jul (engl.: Yule) – Nordisch für „Zauber, Beschwörung“, Eostre (Altenglisch) und Ostara (rekonstruiertes Althochdeutsch) für „östlich, Osten“ und Litha – Altenglisch für „durchlaufen, gehen, vergehen“. (Näheres im Kapitel über die Germanen.)

Imbolc – „umfassende Reinigung, im Bauch“, Beltaine – „Bel‘s-Feuer“, Lug(h)nasad „Lug‘s-Versammlung“ und Sam(h)ain – „Sommerende“ sind altirische (und damit keltische) Bezeichnungen für die vier Hochfeste im alten Irland. (Siehe das Kapitel über die Kelten.)

February Eve, May Eve, August Eve und November Eve (also Februar-, Mai-, August- und November-Abend) sind die Namen der Feuerfeste, wie sie in Gardners Book of Shadows (siehe Quellenverzeichnis) zu finden sind. Da diese Festbezeichnungen für die jeweils an diesen Daten stattfindenden christlichen Feste eher unüblich sind (ich konnte nichts Diesbezügliches finden), dürfte es sich um Gardners Idee handeln, die Sabbate einfach nach ihrem jeweiligen Datum zu benennen.

Fast alle Festnamen haben also einen heidnisch oder christlich tradierten Ursprung oder sind logische Bezeichnungen (wie „Schnitterfest“ oder „May Eve“).

Bleibt der mysteriöseste Festtagsnamen, der nirgends hineinpasst, nämlich Mabon. Mabon vab Modron (übersetzt: „Mabon, Sohn der Modron“) ist ein Held im mittelalterlichen walisischen (und damit keltischen) Mythos Culhwch ac Olwen, wo er eine Nebenrolle spielt. Und zwar war er in einem Kerker eingesperrt (er war als Kleinkind von drei Jahren seiner Mutter geraubt worden), bis er von Kaiser Arthur (dem meistverfilmten König aller Zeiten) und seinen Mannen befreit wurde, um mit ihnen danach gemeinsam auf die Jagd nach dem gefährlichen Keiler Twrch Trwyth zu gehen. Mabon und Modron haben sogar Entsprechungen in der antiken festlandkeltischen Götterwelt: Der walisische Mabon leitet sich etymologisch vom gallischen Maponos ab, was „Sohn, Kind“ bedeutet. Von den Römern wurde er mit Apollon, dem Gott der Dichtkunst, der Orakel und der Sonne verglichen. Walisisch „Modron“ wiederum kommt vom gallischen Matrona – „große Mutter“. Diese Göttin ist als Singular ein Fluss (nämlich die Marne) und als Dreiergruppe von Göttinnen (Matronen) war sie im römischen Gallien (vor allem im Rheinland) äußerst populär.

Seitdem ich den Mythos kenne, frage ich mich, was genau jemanden veranlasst, ein Erntedankfest nach diesem Helden zu benennen. Man könnte spekulieren, dass das Eingesperrtsein vielleicht einen Initiationsritus oder den Abstieg in die Unterwelt symbolisiert – analog zur Sonne, die im Herbst in die Unterwelt wandert oder auch analog zu den Eleusinischen Mysterien. Vielleicht ist es auch die Eberjagd, weil im Herbst die Jagdsaison beginnt. Und dann gab es im alten Griechenland um diese Zeit noch das Fest Pyanopsia, das Apollon geweiht war.

Wie auch immer, Mabon als Name für ein walisisches (oder anderes keltisches) Fest ist nach meiner gründlichen Recherche historisch nicht erwiesen (weder im Herbst noch sonstwann, weder christlich noch heidnisch). Aber Modron sei Dank gibt es ja das englische Wikipedia. Im Eintrag „Wheel of the Year“ ist zu lesen, dass Aidan Kelly, ein neuheidnischer Autor, in den 1970er Jahren diesen Namen für das Herbstfest geprägt hätte. Warum er das gemacht hat, weiß ich aber nicht.

Auch wenn sich „Mabon“ längst als Festtagsname eingebürgert hat, möchte ich doch darauf hinweisen, dass er damit eine gewisse Asymmetrie bei der Namenswahl der acht Jahreskreisfeste verursacht. Denn die vier Feuerfeste haben keltische Bezeichnungen (Imbolc, Beltaine, Lugnasad und Samain), und drei der vier Sonnenfeste tragen germanische Namen (Jul, Ostara, Litha). Wäre es da nicht konsequent, auch dem Herbstäquinoktium einen schönen germanischen Namen zu geben? Ich finde z. B. „Tamfana“ sehr passend. Das ist eine südgermanische Göttin, die laut Tacitus Ende September vom Stamm der Marser mit einem Fest geehrt wurde. Damit hätten wir sogar einen historischen Namen!

Wie auch immer. Die kreative Namensgestaltung der acht Feste dürfte erst nach der Expansion der Wicca-Idee in verschiedenen Wicca-, Wicca-ähnlichen und anderen Traditionen stattgefunden haben. Schaut man sich nämlich die Namen der acht Sabbate in Gardners Book of Shadows an, muten diese sehr nüchtern an. Sie heißen einfach „…-Equinox“, „….-Solstice“ oder „…-Eve“, also eigentlich nur Datumsbeschreibungen. Warum er keine passenden keltischen oder germanischen Namen benutzte, die er sicherlich kannte, ist fraglich. Vielleicht wollte er keine kulturspezifischen Festtagsnamen einführen, um den Sabbaten einen universellen Charakter zu verleihen?

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VII

Samstag, 21. Mai 2011

Die Symmetrie dieses Jahresfestkreises hat einige Vorteile gegenüber weniger symmetrischen Jahresfestkreisen: Es macht einen harmonischen Eindruck und lässt sich durch ein schönes achtspeichiges Rad darstellen, das viele Künstler/innen inspiriert (hat). (Wenn Du im Google unter „Bilder“ nach „Jahreskreisfeste“ oder „Wheel of the year“ suchst, weißt Du, was ich meine, und jede anständige Neuheidin (mich inbegriffen) hat natürlich zu Hause so einen Jahreskreisposter herumhängen …) Jedes Jahresachtel wird gleichermaßen mit einem Fest bedacht (nicht mehr, nicht weniger), das heißt, es „stauen“ sich keine Feste irgendwo in einer Jahreszeit (wie es bei vielen anderen Jahreskreisen – oft bedingt durch das bäuerliche Jahr –  der Fall ist), was praktisch ist, weil man immer genügend Zeit hat, das nächste Fest vorzubereiten – man kommt nicht in Festtagsstress. Das achtspeichige Jahresrad vermittelt daher ein perfektes Abbild einer harmonisch funktionierenden Natur und ihrem Wandel durch die Jahreszeiten.

Dies gilt allerdings nur für die nördliche Hemisphäre und hier v.a. für die gemäßigte Zone (teils auch für die mediterrane und die kalte Klimazone). Das achtfache Jahr lässt sich – zumindest in seiner ursprünglich gedachten Bedeutung – nicht auf andere Klimazonen oder auf die Südhalbkugel übertragen. Die Idee hinter dem neuheidnischen Jahreskreis ist weitgehend europäisch, und auch die Mythen, die damit in Verbindung gebracht werden, stammen großteils (wenn auch nicht ausschließlich) aus den europäischen Kulturkreisen (vergangenen wie heutigen).

Wer hat’s erfunden?

Als ich im Google unter „acht Jahreskreisfeste“ suchte, fand ich interessante Erklärungen über den Ursprung derselben. So seien sie Jahrtausende alt, stammten aus matriarchalen Kulturen, basierten auf uraltem Geheimwissen, seien die heidnischen Feste der Germanen und Kelten, wären uralte Feste, die von Hexenzirkeln im Geheimen durch die christliche Zeit gerettet wurden, seien heidnische Feste, die von den Christen gestohlen und als christliche Feste verfälscht worden seien. Irgendwo liegt in diesen Aussagen sicher ein Körnchen Wahrheit, im Großen und Ganzen handelt es sich aber um unhaltbare Behauptungen. Ich hoffe, im Folgenden ein wenig Klarheit in die Materie zu bringen, und was die Aussage betrifft, dass es sich um Jahrtausende alte geheime Feste handle, möchte ich noch einmal kurz an das Kapitel über die Urgeschichte erinnern und an die Unmöglichkeit, über das geistige Erbe von Kulturen jenseits der Historie auch nur halbwegs gesicherte Aussagen machen zu können.

Die Erfindung des achtfachen Jahres jedenfalls (nicht die der einzelnen Feste!) liegt zeitlich viel näher, als man meinen könnte. Und die acht Jahresfeste haben sogar etwas mit geheimen Hexenzirkeln zu tun. Allerdings mit sehr modernen. Konkret geht es um die von dem Engländer Gerald B. Gardner (1884 – 1964) Mitte des 20. Jhdts. gegründete „Wicca“ genannte Hexenreligion, die in sogenannten Coven (geheimen Kleingruppen) praktiziert wird.

Gardner richtete neben verschiedensten Ritualen und Initiationsriten auch Jahreskreis- und Vollmondfeste ein. Wenn man Frederic Lamond, einem Wicca-Urgestein aus Gardners Zeiten, glauben darf, so ist der Grund für die Entwicklung des achtspeichigen Jahresrades reichlich banal: Lamond berichtet in „50 Jahre Wicca“, dass anfangs nur die vier Feuerfeste (die in seinem Coven „die großen Sabbate“, oder die „Jahreskreisfeste“ genannt wurden) begangen wurden. Daneben gab es noch die Vollmondfeste. Zu den magischen Vollmondritualen waren nur Covenmitglieder zugelassen, und als Ritualspeise wurden lediglich Kekse und Wein gereicht. Die vier Sabbate hingegen endeten immer in einem großen Festgelage mit reichlich Speis und Trank. Außerdem waren diese Feste offen, und die Covenmitglieder konnten ihre Freund/innen dazu einladen.

Auf die Frage, warum im Coven nicht die Sonnenfeste gefeiert würden, sondern die Daten so komisch seien (also immer zwischen den Sonnenfesten), soll Gardner geantwortet haben, dass im nördlicheren England (im Gegensatz zum südlicheren Teil Europas) die natürlichen Jahreszeiten etwas später begännen. Das wichtigste Fest für die Hexen sei das Frühlingsfest, bei dem junge Paare sich auf den frisch gepflügten Feldern sexuell vereinigen sollten. Da es in England erst im Mai warm genug dafür wäre, sei auf den britischen Inseln das Frühlingsfest daher am 1. Mai zu feiern (und nicht zur Frühlingstagundnachtgleiche).

Analog dazu würde das bedeuten, dass der 1. August den Sommer markiert, der 1. November den Herbst und der 1. Februar den Winter. Warum sich Gardner tatsächlich genau für diese Feste entschied, ist fraglich. Am ehesten glaube ich, dass er einfach die vier altirischen Hochfeste für seine neue Religion adaptierte, wobei er sie allerdings neu deutete, da die Jahreszeitenbeginndaten im alten Irland anders lauteten (siehe im Kapitel über die Kelten).

Vielleicht suchte er auch nur nach einem symmetrischen Jahresrad, wobei ihn das Maifest mit seinen sexuell anmutenden Maibaumbräuchen vielleicht am meisten reizte. Oder er sah einen Zusammenhang mit der Walpurgisnacht am 30. April, der wohl berühmtesten Hexennacht überhaupt. (Wenn Du wissen willst, was in der Walpurgisnacht so alles vor sich geht – zumindest in den Köpfen kreativer Dichter – empfehle ich Faust I und II von Goethe, dessen Walpurgisnachtstraum einem Drogenrausch entsprungen sein könnte!)

Sei es wie es sei. Gardners Covenmitglieder fanden an den freundschaftlichen Festgelagen zu den vier Sabbaten, wo es leckere Speisen und Gutes zu trinken gab, so viel Gefallen, dass sie im Frühling 1958 kurzerhand beschlossen, die vier Sabbate um die vier Sonnenfeste zu erweitern, damit nun acht große Festgelage (die allesamt nun Sabbate genannt wurden) stattfinden könnten. Allerdings ging das laut Lamond auf Kosten der 12 bzw. 13 Vollmondrituale, die wegen Festtagsstress nun auf fünf bis sechs pro Jahr schrumpften.

Überspitzt gesagt bedeutet das: Der achtfache Jahreskreis existiert in der Form nur deshalb, weil Gardners Covenmitglieder nach den Ritualen immer Kohldampf hatten. Weg mit den blöden Keksen und dem Wein (irgendwann wird’s fad, wer würde das nicht verstehen?), und her mit einem guten Drei-Gänge-Menü! Rituale feiern macht schließlich hungrig.

1958 ist also das Geburtsjahr unseres achtfachen Jahresrades und nicht irgendwelche diffusen uralten Zeiten. Schon damals machten die acht Jahresfeste auch außerhalb Gardners Coven Furore. Ross Nichols, ein moderner Druide und Freund von Gardner, übernahm 1964 für seinen neu gegründeten Druidenorden OBOD (siehe im Kapitel über das Neodruidentum) das Konzept des achtspeichigen Jahresrades, und nachdem es sich vor allem durch verschiedenste Wiccatraditionen in Europa und den USA ausgebreitet hatte, etablierte es sich schließlich in vielen anderen neuheidnischen, naturreligiösen und auch esoterischen Bereichen.

Verbreitung der acht Jahreskreisfeste

Wicca hat mit den acht Jahreskreisfesten sozusagen einen spirituellen Exportschlager in die westliche Welt gesetzt (und teilweise auch mit der Ritualpraxis, wie im entsprechenden Kapitel noch erläutert wird). Neben dem Neodruidentum und der Göttinnenspiritualität, denen je ein eigenes Kapitel gewidmet ist, hat das achtfache Jahr in vielen anderen esoterischen und neuheidnischen Richtungen Einzug gehalten. Zu nennen wären z. B. die Zeremonialmagie, die Kaosmagie, der Satanismus, verschiedene Hexentraditionen außerhalb des Wicca, der Core-Schamanismus sowie auch oft ganz allgemein die moderne Esoterik- und New-Age-Bewegung.

Die größte Gruppe aber, wie ich glaube (zumindest in Österreich), die auch den achtfachen Jahreskreis begeht, könnte man unter dem Begriff „allgemeines Heidentum“ oder „allgemeine Naturspiritualität“ zusammenfassen. Darunter verstehe ich Menschen, die sich keiner bestimmten Tradition zugehörig fühlen, sich aber aufgrund ihrer Liebe zur Natur, zum Umweltschutz, zu alternativen Heilmethoden, zur Kräuterkunde, zu einer autonomen bäuerlichen Lebensweise, in ihrer Ablehnung von „normaler“ Religiosität, in ihren intimen spirituellen Erfahrungen etc. trotzdem irgendwie als „heidnisch“, „naturreligiös“ bzw. „naturspirituell“, „pantheistisch“ oder ähnlich begreifen. Diese Menschen folgen ihrem ganz eigenen Weg, der sich an verschiedenen Traditionen orientieren kann bzw. sich derer bedient. Die acht Jahreskreisfeste bieten sich daher für das allgemeine Heidentum geradezu an, da diese selbst nicht kulturspezifisch sind sondern eine eigene, moderne Überlieferung darstellen.

Für all die genannten Gruppen spielen auch oft die Festbedeutungen aus dem Wicca eine Rolle bzw. werden für die eigenen Bedürfnisse adaptiert oder neu interpretiert. Nur selten bekommen die acht Feste ganz neue Bedeutungen (was sicher einmal ein erfrischender, spannender Ansatz wäre!). Ein Blick ins Internet genügt, und man findet – leicht abgewandelt – oft ganz ähnliche Festbedeutungen, obwohl es sich um verschiedene Richtungen handelt.

Die acht Jahreskreisfeste sind im esoterisch-neuheidnischen Bereich also hinlänglich bekannt, jede/r weiß, wovon man spricht, und kaum wer hinterfragt dieses Konzept, weil es längst zum Selbstläufer geworden ist. Es mutierte zu einer feststehenden Größe, zu einer universellen panheidnischen Matrix, die je nach Tradition mit Inhalt gefüllt werden kann. Es ist wahrlich schwer, sich dem Charme des achtspeichigen Jahresrades zu entziehen. Das geht so weit, dass manchmal sogar rekonstruktionistische Gruppen (z. B. Celtic Recon, Ásatrú etc.) die acht Feste begehen. Sei es wider besseres historisches Wissen über die je eigene kulturelle Jahreskreistradition, sei es, weil man mit Wicca-ähnlichen Gruppen zusammen feiert oder sei es einfach, weil man das achtfache Jahresrad liebgewonnen hat. Bei den historisch basierten „Recons“ stößt die inflationäre Nutzung des achtfachen Jahres jedenfalls auf Kritik, da damit der Eindruck erweckt wird, es handle sich um etwas allgemein Heidnisches, das für alle Völker irgendwie Gültigkeit hätte.

Ende Teil VII

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VI

Samstag, 23. April 2011

Wenn Jahreskreisfeste um die Welt reisen

Kommen wir nun zu einer interessanten Problematik. Wir haben gesehen, dass die klimatischen Bedingungen und der Sonnenlauf meistens einen Haupteinfluss auf den Sinn der Jahreskreisfeste haben. In den traditionellen Religionen, die meist auf die jeweiligen Völker beschränkt geblieben sind, ist das weiter kein Problem. In dem Moment, wo aber Religionen oder Kulturen expandieren, missionieren oder sich anderweitig ausbreiten (z. B. durch Migration) werden natürlich auch Festtage und Mythen exportiert. Wenn es sich um Mythen oder Feiertage handelt, die keinen Bezug zu Natur und Klima des Heimatlandes haben, ist das nicht so schlimm. Wenn es aber Feste oder Bräuche sind, die mit der Vegetation oder dem Sonnenstand zu tun haben, wird es manchmal sehr grotesk.

Weihnachten, das ja absichtlich zur Wintersonnenwende installiert wurde, fällt auf der Südhalbkugel auf den Sommerbeginn. (Zum Weihnachtsdatum siehe das Kapitel über das Christentum.) Dessen ungeachtet wird auch auf der Südhalbkugel am 25. Dezember Weihnachten gefeiert, was irgendwie recht komisch anmutet. Noch krasser wird es, wenn Menschen außerhalb der entsprechenden kulturellen Heimat traditionelle oder neuheidnische Religionen praktizieren wollen, da diese oft unmittelbar mit dem Heimatland zu tun haben. Wie also z. B. brasilianische Keltenfans mit dem altirischen Kalender umgehen, wann Ásatruar in Australien nun Jul feiern, oder ob es viel Sinn hat, an der schönen blauen Donau den Beginn der Nilüberschwemmung zu feiern, bleibt fraglich.

Es gibt dafür grundsätzlich zwei Lösungsansätze: Der eine ist, dass man den Mythos von der irdischen Begebenheit abhebt und 1:1 einfach auf die andere Klimazone überträgt. Das heißt, Jul ist immer Jul, auch wenn grad auf der Südhalbkugel der längste Tag des Jahres stattfindet. Da alle Germanenfreaks auf der Nordhalbkugel auch am 21. Dezember Jul feiern, so die Idee, wirkt das Datum automatisch und ist daher auch richtig für die Südhalbkugel. Je mehr Menschen also zu einem bestimmten Datum das Fest feiern, desto mächtiger wird das Fest an sich – unabhängig von der tatsächlichen Jahreszeit und Vegetation. Auf diese Weise funktionieren dann auch die vier altirischen Feste im brasilianischen Regenwald, und die Donau muss eben kurz mal so tun, als wäre sie der Nil. Die zweite Möglichkeit ist, dass man die Kalender und Feste der jeweiligen klimatischen Realität anpasst. Das würde bedeuten, dass man auf der Südhalbkugel die Feste gegengleich feiert, also Jul am 21. Juni, weil das dort der kürzeste Tag ist. Das würde bedeuten, dass unser Keltenfan in Brasilien die dortigen Klimabedingungen als Kalendergrundlage für die keltischen Feste verwendet oder sogar, dass einheimische brasilianische Feste einen Synkretismus mit dem irischen Festkreis eingehen und dass die Donau vielleicht einfach so in einem angepassten ägyptischen Ritus gefeiert wird, ohne jetzt den Nil samt Überschwemmung bemühen zu müssen. Beide Lösungen haben gute Gründe und ihre Nachteile.

Das achtspeichige Jahresrad

Beschreibung

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste (auch „achtspeichiges Jahresrad“ oder „achtfaches Jahr“ genannt) setzen sich im Prinzip aus zwei Festkreisen zusammen: die vier vom Sonnenstand beeinflussten Feste, nämlich Wintersonnenwende (21./22. Dezember), Frühlingsäquinoktium (20./21. März), Sommersonnenwende (21. Juni) und Herbstäquinoktium (22./23. September) einerseits, (die ich im Folgenden immer „Sonnenfeste“ nenne) und die Feste am 1. Februar, 1. Mai, 1. August und 1. November andererseits, (die ich im Folgenden immer „Feuerfeste“ nenne). Diese beiden Festkreise zusammengelegt ergeben das achtspeichige Jahresrad, hier vorgestellt mit den im Wicca (und verwandten neuheidnischen Traditionen) üblichen Namen, wobei ich mit der Wintersonnenwende beginne, weil ich das am passendsten finde:

21./22. Dezember:

Jul, Yule, Mittwinter, Midwinter, Wintersonnenwende, Winter Solstice

(Winterbeginn, Tod und Wiedergeburt der Sonne)

1. Februar:

Imbolc, Brighid, February Eve, Lichtmess, Candlemas

(Wintermitte, erstes Sonnenlicht)

20./21. März:

Ostara, Eostre, Summerfinding, Frühlingsäquinoktium, Spring Equinox,

Vernal Equinox, Lady Day

(Frühlingsbeginn, Vegetation ersteht neu)

1. Mai:

Beltaine, Walpurgisnacht, Maifeiertag, May Day, Hohe Maien, May Eve

(Frühlingsmitte, Natur erblüht und erstarkt)

21. Juni:

Litha, Mittsommernacht, Midsummer, Sommersonnenwende, Summer Solstice

(Sommerbeginn, Sonnenfest)

1. August:

Lughnasad, Schnitterfest, August Eve, Lammas, Loaf Mass

(Sommermitte, Erntefest)

22./23. September:

Mabon, Herbstfest, Erntedankfest, Harvest Home, Winter Finding,

Herbstäquinoktium, Autumnal Equinox, Fall Equinox

(Herbstbeginn, Erntedank, Vegetation verwelkt)

1. November:

Samhain, Halloween, Hallowmas, November Eve

(Herbstmitte, Nebel, Vegetation ist gestorben)

Wenn man ein Jahr wie ein Ziffernblatt darstellt und die acht Jahreskreisfeste darin markiert, ergibt sich ein fast symmetrisches Bild eines achtspeichigen Rades. Aber nur fast. Die zwei Einzeljahreskreise für sich genommen sind symmetrisch. Zusammengelegt schaut es ein bisschen schief aus, denn die Anzahl der Tage zwischen den einzelnen Festen variiert etwas:

21. Dez. – 1. Feb:       41 Tage

1. Feb. – 20. März:     46 Tage

20. März – 1. Mai:      41 Tage

1. Mai – 21. Juni:        50 Tage

21. Juni – 1. Aug.:      40 Tage

1. Aug. – 22. Sep.:     51 Tage

22. Sep. – 1. Nov.:     39 Tage

1. Nov. – 21. Dez:      49 Tage

Die Zwischenräume von einem Sonnenfest bis zum nächsten Feuerfest dauern durchschnittlich 40 Tage (ca. 10 Tage bis Monatsende plus ein ganzer Monat). Die Zwischenräume von einem Feuerfest bis zu einem Sonnenfest dauern durchschnittlich 49 Tage (ein Monat plus ca. 20 Tage), sind also neun Tage länger. Trotzdem kann man durchaus behaupten, dass die Feuerfeste etwa in der Mitte zwischen zwei Sonnenfesten liegen und umgekehrt. Das achtspeichige Jahresrad zeichnet sich also durch eine annähernde Symmetrie aus und auch durch sehr einfach einzuprägende Daten. (Ein Feuerfest fällt immer auf den Monatsersten des übernächsten Monats nach einem Sonnenfest).