Mit ‘Karma’ getaggte Artikel

Vom großen „Danach“ geschrieben – Teil I von Väinäsisu

Samstag, 08. Februar 2014

Obwohl es wohl das Thema ist, über das jeder und jede früher oder später ins Grübeln kommt, hat es sich in 15 Jahren aus irgendeinem Grund nie ergeben, mich darüber mit anderen Praktizierenden auszutauschen. Das Folgende ist demgemäß höchst subjektiv – wobei ich allerdings davon ausgehe dass es einige Gemeinsamkeiten mit den Erfahrungswerten anderer gibt.


Das „Land der Toten“

Wie ich es für mich nenne – oder im Sinne germanisch-heidnischen Denkens das Totenreich „Hel“, dessen Schilderungen in der Edda man wohl vor dem Hintergrund der Glorifizierung des Schlachtentods in der Wikingerzeit und auch einfließenden christlichen Vorstellungen betrachten muss, hat in meiner praktischen Erfahrung nichts, aber auch gar nichts mit den Schilderungen in den schriftlichen Quellen zu tun.

Zunächst mal ist dieses eine Totenreich (nebst anderen) meinen Eindrücken nach nur Teil der verschiedenen Regionen und Ebenen der Unteren Welt…wozu erwähnt sei, dass an dieser Stelle eigentlich etwas Grundsätzliches über Topographie und Bewohner der Anderswelt geplant war – aber da komm ich derzeit nicht recht voran; Zum Anderen ist mir persönlich nur eine Möglichkeit, bzw. ein Grund begegnet, warum man es überhaupt betreten sollte:

Wenn man…in diesem Falle ich…mal damit konfrontiert wurde, Verstorbene – oder Seelenteile Verstorbener (auf die Thematik „Seelenverluste“ bzw. „-rückführung“ gehe ich zu anderer Zeit nochmal ein) ins Totenreich zu begleiten, dann ging diese Reise ansich immer nur bis an eine klar definierte Grenze, nämlich die zum Totenreich selbst.

Entsprechend ist der einzige mir bekannte nennenswerte Grund diese Region überhaupt zu betreten, der – Seelenteile noch Lebender zurückzuholen, etwa weil sie mit dem Tod eines geliebten Menschen „versehentlich“ auf die andere Seite mit hinüber gewechselt sind. Ich belass es an dieser Stelle mal bei diesem zugegeben unvollständigen Beispiel; Alles darüber Hinausgehende würde jetzt zu weit in den Bereich der Möglichkeiten für Verluste von Seelenteilen hineinreichen.

Wie erwähnt ist das Totenreich meinen Eindrücken nach „nur“ ein eindeutig abgegrenzter Teil der Unteren Welt; Übersehen oder versehentlich überschreiten kann man diese Grenze nicht; und auch wenn ich grundsätzlich eine kultivierte Neugier befürworte, was das Reisen in die Anderswelt angeht, nehme ich den Bereich hinter dieser Grenze aus dem einfachsten aller Gründe aus: Die Lebenden haben dort per se nichts zu suchen !

Um genau zu sein, wurde ich seinerzeit von meinen Spirits auf ihre Initiative hin auf den ersten Eintritt in diesen Bereich in einer sehr spezifischen Weise vorbereitet – und auch das hat (für mich jedenfalls) offenbar seine Gründe. Ob ich darauf noch mal genauer eingehe, überlege ich mir noch.

Was ist also auf der anderen Seite – oder näher an der eigentlichen Frage:


Was passiert nach dem physischen Tod?

Sofern ich Verstorbene an die Grenze zum Totenreich führte, hatte ich oft das Erleben, dass sie von ihnen bekannten Personen in Empfang genommen wurden; Hinter dieser „Wand“ allerdings gestalteten sich meine Erfahrungswerte etwas anders:

Bei den Gelegenheiten, in denen ich dieses „Reich“ tatsächlich betreten habe, waren die für mich berührendsten Momente, dass ich – soweit ich mich entsinne – immer das Lachen spielender Kinder hörte; Als Vater weiß ich, wie das klingt.

Auch habe ich bei diversen Gelegenheiten Menschen gesehen, die hingebungsvoll verschiedenen Alltagstätigkeiten nachgingen – etwa das Hegen eines Schrebergarten Beets.

In der Summe haben mir diese Erlebnisse den Eindruck vermittelt, dass zumindest manche Menschen an diesem Ort in den Erinnerungen weiterleben dürfen, was ihnen zu Lebzeiten am Herzen lag.

Es gab auch andere Situationen, die ich gesehen habe – aber alles in allem lief es immer darauf hinaus, dass dieser Aufenthaltsort grundsätzlich ein Ort der Heilung ist !

Auch die Wesenheit…die Totengöttin – als germanisch orientierter Heide nenne ich sie „Hel“ – war in meinen Augen eine in dunkelblau gekleidete mütterlich-fürsorgliche Person.

Daraus ergibt sich für mich persönlich die Frage: Sollte der Tod das Ende von allem sein – wozu bräuchte es dann einen solchen Ort der Heilung ?!

Auf der anderen Seite bin ich trotz etwaiger Erfahrungen, die in eine solche Richtung deuten doch immer noch sehr ambivalent, was das Thema „Wiedergeburt“ angeht. Die modellhaften Erklärungen, die mir diesbezüglich im Lauf der Jahre untergekommen sind, haben im besten Falle an irgendeiner Stelle gehinkt – im schlimmsten Falle haben sich mir innerlich die Zehennägel aufgerollt. Und auch mit dem Begriff „Karma“ im Sinne einer Lebensspanne übergreifenden Aufgabenstellung kann ich persönlich nichts anfangen – aber das muss ich ja auch nur für mich entscheiden, wie jede_r Andere auch.

Auch die Überzeugung, dass Ahnen zuweilen ihre noch lebenden Angehörigen aufsuchen können, scheint vor der relativen Endgültigkeit dieses Aufenthaltsortes eher paradox…aber man muss auch nicht alles rational erklären können, denk ich – auch das hat seine Grenzen.

Spätestens wenn man nun eine gewisse Erfahrung mit dem Reisen hat, macht man irgendwann die Feststellung, dass sich manche Erlebnisse im Sinne einer Überzeugung festsetzen. So geht es mir unter anderem mit ebendiesem Ort. Dass ihm eine friedvolle Atmosphäre anhaftet – und dass er, so denke ich – eine glaubensübergreifende Existenz hat. Dass ich ihn halt „Hel“ nenne, ist nur Sache meines persönlichen Geschmacks.


Ende Teil I

Täglich er-lebt nicht nur theoretisch gedacht – Teil II

Samstag, 03. November 2012

Eins und eins ist zwei

Was ich noch nicht angesprochen habe ist das, was vielfach unter „Karma“ verstanden wird. Für mich ist es schlichtweg eine Frage von Ursache und Wirkung. Wie ich in den Wald rein rufe, so schallt es auch wieder zurück – wie meine Oma immer so gern sagte. So einfach und schlüssig ist es zwar (leider) im täglichen Leben nicht wirklich, aber für mich ist es trotzdem ein sehr wichtiger Punkt meines Alltags.
Es ist der Grund, warum ich mir, so gut ich es vermag, bei allem was ich tue überlege, was die Konsequenzen meines Tuns sein könnten und ob ich bereit bin/wäre diese zu tragen. Bin ich mir nicht sicher, ob ich die Konsequenzen tragen kann, dann lasse ich es (was auch immer ich tun wollte) lieber bleiben. Auch wenn ich mich gezwungen fühle, etwas zu tun, bleibt mir – in meiner Welt – nichts anderes über als die darauf folgenden Konsequenzen trotzdem zu tragen. Wobei ich nochmal betonen möchte, dass ich unter „Handlung“ sowohl das Tun, als auch das Nicht-tun verstehe. Denn auch wenn ich nichts tue, tue ich etwas! Wieder ist dazu aber auch zu sagen, dass ich niemals von Absolutem ausgehe. Es gibt immer Faktoren, die ich nicht überblicken, berechnen und voraussehen kann. Genauso ist es mit den Konsequenzen. Es wird immer welche geben, die ich nicht erkennen kann. Das ist für mich völlig normal im Leben. Was mir wichtig ist – mich so gut es mir eben völlig ehrlich möglich ist, damit auseinander zu setzen!

Wie am Beispiel der Gazelle oben (im ersten Teil) ein wenig klarer werden mag. Die Gazelle ist nicht das Opfer (obwohl sie für einen Löwen wohl in 99,9% der Fälle ausschließlich Beutetier sein wird) aber sie wird unter gewissen Umständen von einem Löwen, einer Hyäne oder einem anderen Raubtier getötet werden und wird dann zum Opfer. Sie kann besonders guten Instinkt haben, und das wird ihre Chance zu überleben wohl auch verbessern, aber es gibt ebenso Krankheiten, Dürren etc etc und dagegen hilft auch kein Instinkt.
Genauso kann ich alles Mögliche unternehmen um meine Gesundheit zu stärken, Sicherheit wird es dabei nicht geben. Allerdings stehen meine Chancen nicht krank zu werden höchst wahrscheinlich wesentlich besser als wenn ich darauf absolut keinen Wert legen würde. Was aber wieder nicht heißt, dass jemand, der ungesund lebt auf jeden Fall davon krank werden muss …

Das Prinzip von Ursache und Wirkung ist für mich die Basis mich selber und mein Leben zu gestalten, quasi nach Wahrscheinlichkeiten. Wenn ich mich entscheide ohne fixe Beziehungen zu leben, dann habe ich wahrscheinlich wesentlich mehr persönliche Freiheit, als jemand, der ein Leben mit eigenen Kindern führen will. Keines davon ist „einfach so“ das Paradies der Freiheit oder die Hölle der Fremdbestimmung aber beide können es – je nach persönlicher Einstellung, die dabei immer eine mehr als wichtige Rolle spielt, sein. Ursache und Wirkung …

War alles schon mal da

Reinkarnation gehört für mich auch zu diesem Komplex dazu. Manchmal stoße ich auf Aussagen wie, „wir können gar nicht anders als eine Beziehung haben, wir kannten uns schon in vielen Leben“ oder „bei dem Leben jetzt bist Du sicher nächstes Mal ein Regenwurm“. Beides (ob scherzhaft gemeint oder nicht) deckt sich nicht mit meiner Sicht der Dinge.
Die Sache mit dem Regenwurm käme für mich einer Bestrafung gleich und ein Prinzip ist, meiner Ansicht nach unparteiisch, urteilt und bestraft nicht. Wenn ich mir mit dem Hammer auf den Finger haue, dann kann das gut sein, dass ich einfach nur unaufmerksam war. Genauso kann es aber sein, dass ich auf jemand extrem zornig und deshalb unaufmerksam bin, weil ich dem gerade die Pest an den Hals wünsche. Es kann aber auch sein, dass ich mit jemandem Streit habe, der andere mir die Pest an den Hals wünscht, ich „ein schlechtes Gewissen habe“ und deshalb mir unaufmerksam auf den Finger haue. Es „trifft“ mich in diesem Fall ein Prinzip: Unaufmerksamkeit = blauer Fingernagel; aber dieses straft mich nicht.

Auf dieser Basis sehe ich auch Reinkarnation. Ich werde wahrscheinlich wiedergeboren werden, ob ich will oder nicht. Meiner Ansicht nach, passiert das, weil ich in diesem Leben nur eine gewisse Breite an Erfahrungen machen und nur bestimmte Fähigkeiten/Fertigkeiten erlangen oder bleiben lassen kann. Ich reinkarniere weder als Strafe noch als Belohnung, sondern es passiert einfach. Allerdings wirken sich andere Leben (frühere Leben würden einen Zeitschiene voraus setzen, von der ich nicht sicher bin, dass sie in diesem Bereich auch wirklich existiert…) auch auf dieses Leben hier aus – wie im Beispiel mit der Unachtsamkeit.
Deshalb gibt es für mich auch keine Veranlassung instant erleuchtet, unfehlbar oder heilig sein  zu wollen. Mir reicht es schon, in diesem Leben mein Leben so gut es eben geht zu leben und möglichst wenig Schaden dabei anzurichten. Bis zum nächsten Mal dann … oder eben auch nicht! Aber das ist real betrachtet einfach egal, weil es wahrscheinlich für mich als „Ich“ keinen Unterschied machen wird.

Wie wirkt sich das nun auf meinen Alltag aus

Karmische Verstrickungen im Sinne, dass ich böse oder unterlassene gute Taten aus einem anderen Leben abarbeiten müsste, spielen für mich keine Rolle. Es ist eher eine Erklärung für Vorlieben, Schwächen, Abneigungen und instinktive Verbindungen zu Plätzen und Menschen.
Es muss also nicht immer mit dem konkreten Gegenüber zu tun haben, wenn ich eine instinktive Abneigung empfinde – es kann aber so sein! Deshalb ist es mir dann ein Anliegen rauszufinden, wo der Haken sitzt. Wenn ich eine Affinität zu einem bestimmten Platz habe, dann versuche ich dahinter zu kommen, warum. Beide Beispiele haben Einfluss auf meine persönliche Befindlichkeit. Für mich ist Selbstbestimmung ein entscheidender Wohlfühlfaktor. Wenn ich instinktiv handle und diese Handlungen retrospektiv sinnvoll sind, dann kann ich das gut akzeptieren. Sind sie aber unsinnig oder sogar schädlich gewesen, dann werde ich anstreben rauszufinden warum ich „falsch“ reagiert habe und weiters rausfinden wollen, wie ich sinnvolles Reagieren erlernen kann. Es reduziert für mich die Lebensqualität an einer irrationalen Furcht vor Hunden zu leiden und deshalb instinktiv ständig nach Hunden Ausschau zu halten (um sie meiden zu können) nur weil mich als Kind mal eine gebissen hat…

Manchmal allerdings ist es auch nötig sich mit einem Status Quo für kurze oder längere Zeit abzufinden, weil die Energie für Veränderung nicht vorhanden ist, mensch mit anderen Dingen vollauf beschäftigt ist oder, oder, oder.

Wie aber entscheide ich, was ich nun tun soll und was nicht – wo ich für mich selber gute Ausreden finde und wo Rechtfertigungen berechtigt sind?

Wer bin ich denn??

Introspektion, Selbsterkenntnis und das Beschäftigen mit dem, was ich glaube zu sein, ist eine unabdingbare Sache um diese Aufgaben in Angriff nehmen zu können.
Um Dinge an und in mir ändern zu können, muss ich die Übersicht haben und auch im Auge behalten, was alles vorhanden ist und wie ich gestrickt bin. Für mich würde es z. B. keinen Sinn machen mich mit Belohnungsmodellen der einfachen Art (wenn ich zuerst das mache, dann erlaube ich mir nachher dieses) zu Handlungen bringen zu wollen. Erfahrungsgemäß funktioniert das nicht, weil ich mir damit eher die Belohnung verleide als eine unangenehme Sache getan zu kriegen. Ich kann ungeliebte Dinge tun, wenn ich darin einen wirklichen Sinn und vor allem einen erwünschten Effekt erkennen kann.

Also, wenn ich einmal einen Begriff davon habe, wer ich bin und wie ich funktioniere, dann kann ich auch Dinge an mir ändern. Das macht mir das Leben wesentlich schmackhafter (im Sinne von klarer, schlüssiger, befriedigender, spannender) und es fühlt sich für mich lebenswerter an … Wenn ich schon hier auf dieser Welt gelandet bin, dann bin ich der Ansicht, dass ich die Zeit hier nach Maßgabe auch möglichst lebenswert verbringen kann und nicht unnötig leiden muss!

Ende Teil II

Die Heiligkeit der Welt geschrieben von Uhanek – Teil II

Samstag, 10. März 2012

Die inneren und äußeren Umstände und Ereignisverläufe sind eine Widerspiegelung des Fließens der inneren subtilen Energien und des Wehens der karmischen Winde. Die Erfahrung der Sonne und ihres Verlaufs ist eine Spiegelung des Verlaufs der solaren Energie während des Tages. Die Erfahrung des Mondes und der Sterne spiegeln den Verlauf der lunaren Energie während der Nacht. Die Erfahrung des Raumes spiegelt die Grenzenlosigkeit des ursprünglichen Bewusstseins. Wohlgemerkt: Das Äußere ist Spiegelung des Inneren, nicht umgekehrt. Karma wiederum zeigt sich in den Ereignissen und Ereignisverläufen, sowie in der Art unseres Erlebens.

Der buddhistische Weg ist ein Pfad tiefgründiger Transformation. Der Körper und die Erscheinungen werden als unermesslich kostbare Manifestationen der befreienden Energien erkannt. Anders als in vielen von dualistischer Zersplitterung geprägten Sichtweisen gilt unser menschlicher Körper nicht als abzulehnende oder zu unterdrückende Unreinheit, sondern als eine schwer zu erlangende Kostbarkeit. Der Körper bildet die Grundlage unseres Erwachens in die Buddhanatur, daher muss er rein gehalten und gepflegt werden. Der Körper ist das alchemistische Gefäß, in dem die unreinen und unedlen Substanzen der karmischen Energien in das Gold der Verwirklichung umgewandelt werden. Den Körper rein zu halten und zu pflegen bedeutet, dass er angemessen gereinigt wird, dass ihm keine Giftstoffe zugeführt werden, dass er gut genährt wird, ausreichend Schlaf und Bewegung erhält, dass Exzesse aller Art vermieden werden etc. Ernähren wir uns von hochwertigen Nahrungsmitteln im natürlichen Wechsel eines gesunden Hungergefühls und daran anschließender genuss- und maßvoller Nahrungsaufnahme, so nehmen wir die Essenzen der Elemente auf und gelangen zu einem tiefen, sehr befriedigenden Gefühl der Sättigung und es fällt sehr leicht, auf alle erdenklichen Genussgifte einfach zu verzichten.

Das europäische Denken ist bis heute tiefgreifend von einem Dualismus geprägt, der das menschliche Dasein in Körper und Geist aufspaltet, wobei der Geist höher bewertet wird und dem Körper, lediglich materieller Besitz und Gebrauchsgegenstand eines vermeintlich eigenständig existierenden geistigen Selbst, mit seinen Funktionen Geringschätzung entgegen gebracht wird. Dies bildet die Grundlage für die Extreme Askese und Exzess. Die Verachtung des Körpers und der körperlichen Welt lässt uns ungeachtet der Folgen zu immer neuen Genussgiften greifen, bis wir fett und aufgedunsen vor uns hinvegetieren, mit stets überfülltem Bauch, doch unentwegtem Hunger. Oder wir verachten die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme, ernähren uns – kalorienzählend – jahrzehntelang nur mehr von Kaffee, Zigaretten, Keksen, Knäckebrot u.ä., ohne uns zu nähren. Der ausgezehrte, unterernährte Körper manifestiert Krankheiten aller Art, die wir mit Chemie zu bezwingen versuchen. Oder wir betrachten den Körper als eine Art Maschine, die wir durch verbissene Diäten und durch selbstquälerische sportliche Aktivitäten unserem Willen zu unterwerfen und zu „optimieren“ versuchen. Diese drei Beispiele offenbaren die immer gleiche tiefe Spaltung und Entfremdung gegenüber dem Körper und der natürlichen Welt.

In ähnlicher Weise wie der Körper werden auch die Stimme und der Geist rein gehalten und gepflegt. Die Stimme repräsentiert die Energie. Sie rein zu halten und zu pflegen bedeutet, nicht zu lügen, nicht in grober Weise zu reden, nicht die Stimme als Waffe zu missbrauchen, mit der man Wortprojektile auf andere abschießt, oder ihre Kraft durch Geschwätz zu zerstreuen. Der Geist wiederum wird in Qualitäten wie Mitgefühl, Achtsamkeit, Ruhe, Konzentration und Logik geschult. Auf diese Weise wird das psychophysische System immer weiter sensibilisiert und geschmeidig gemacht, um schließlich fähig zu werden, auch die subtilen Energien transformieren zu können.

All dies geschieht natürlich nicht aus Eigennutz, sondern zum Nutzen aller. Die Welt, die wir erleben, ist eine Widerspiegelung dessen, was in uns ist. Buddhismus beschränkt sich daher nicht auf die Läuterung innerer Energien, vielmehr muss mit den inneren Entwicklungen ein äußeres Handeln einhergehen. Im Buddhismus wird auf ganz verschiedenen Ebenen Entsagung geübt. Generell wird dem Unheilsamen entsagt und das Heilsame angestrebt. Das Unheilsame sind die verwirrten karmischen Sichtweisen – der Glaube an ein eigenständig existierendes Selbst und die damit verbundenen negativen Emotionen und neurotischen Zustände, die zusammengefasst werden in den drei Geistesgiften Gier, Hass und Unwissenheit oder Verblendung – und die daraus resultierenden verdrehten Arten des Handelns. Der Oberbegriff für die wahnhaften, unheilsamen Zustände ist Samsara. Die heilige Welt, in der wir uns befinden, ist in vielfacher Hinsicht kontaminiert mit den Giften Samsaras. Dies verschafft uns unendlich viele Möglichkeiten, unsere inneren heilsamen Entwicklungen in äußeres heilsames Handeln umzusetzen…

Samsara, das ist Verwirrung, Wahnsinn und Lüge. Wahrheit wird verzerrt und Verzerrungen werden zur Wahrheit erklärt. Hass und Gier werden gesät, tiefe Ignoranz wird kultiviert. Das betrifft natürlich auch den Buddhismus. Was man aber auch so alles zu lesen bekommt! Vor einiger Zeit las ich irgendwo, dass Buddhismus so furchtbar weltverneinend sei. Das zentrale Thema sei das Nichts und der Körper würde verachtet. Von Lustfeindlichkeit war gar die Rede. Gleichzeitig findet man Buddhismus mit Vegetarismus, Gewaltlosigkeit, Frieden und Meditation assoziiert. Der Umstand, dass es im Buddhismus monastische Traditionen gibt, kommt der europäischen Neigung zur Verachtung des Körpers sehr entgegen. Und natürlich gibt es weit verbreitete, durch allerlei romantisierende Kitschfotografie, Hollywooddramen und Japanromantik geprägte Vorstellungen von der Poesie des Buddhismus. Ein „richtiger“ Buddhist ist demzufolge offenbar eine Person, die als nihilistisch-asketischer Mönch oder Nonne mit brezelförmig verschlungenen Beinen herum sitzt, dann und wann ein wenig Grünzeug mümmelt, verzückt lächelnd einen Schmetterling oder eine Blume betrachtet und sich bisweilen dazu einen irgendwie poetischen Vierzeiler notiert.

Vielen Menschen scheinen derartige Vorstellungen in der einen oder anderen Weise durch den Sinn zu geistern. Ihr Glaube daran ist oft so fest, dass sie empört reagieren, wenn sie etwa erfahren, dass die Realität des Buddhismus nicht ihren Fantasien darüber entspricht, oder wenn sie vielleicht enttäuscht sind, dass ihr Lehrer nicht immer sanft und freundlich mit ihnen umgeht, oder wenn ihnen bewusst wird, dass ein Lama nicht zwingend auch ein zölibatärer Mönch sein muss. Zuweilen entwickeln sie dann sogar wilde Verschwörungstheorien, die sie als vermeintliche Enthüllungen in reißerischen Büchern veröffentlichen. Aus derlei verzerrten und verengten Vorstellungen leuchtet oft eine jahrhundertealte europäische Arroganz. Man kann ein ganzes Leben lang den Buddhismus studieren und auch nach Jahrzehnten des Studiums immer neue Aspekte und Tiefen erkunden, doch europäisches Denken liest einen Lexikoneintrag oder eine religionswissenschaftliche Zusammenfassung (und wie viel dort tatsächlich verstanden wurde, sei einmal dahingestellt), glaubt fortan alles über „den Buddhismus“ zu wissen und betrachtet dann ganz einfach die Oberfläche dieses Objektes durch die Brille präferierter Ideologien, halbverstandener christlicher Konzepte und selbst zusammengeschusterter Theorien.

Solch reduzierte Buddhismus-Klischees sind immer wieder erstaunlich: Glaubt tatsächlich irgendjemand, für so etwas seien Tempel und Stupas errichtet worden? Prinz Siddharta opferte sein luxuriöses Palastleben, umgeben von allen Annehmlichkeiten, der Suche nach Erleuchtung. Sollte man nicht annehmen, dass er mehr gesucht haben könnte, als einfach nur Passivität und Grünzeug? War er lediglich ein Luxusgeschöpf, das ein wenig Wellness gesucht hat? Oder entspannt lächelnde Körperfeindlichkeit?

Ende Teil II

Die Heiligkeit der Welt geschrieben von Uhanek – Teil I

Samstag, 18. Februar 2012

Buddhisten, die den Vajrayana praktizieren, bewegen sich durch eine dynamische Welt reiner Sinnlichkeit, klare Weite, die erfüllt ist von fließenden, Muster bildenden Energien. Die Welt, das ist das Spiel der fünf Elemente. Gemeint sind die Elemente Raum, Wind, Feuer, Wasser und Erde. In dieser Reihenfolge aufgezählt wird ein Schöpfungsprozess zum Ausdruck gebracht, in entgegen gesetzter Richtung aufgezählt bedeutet es Auflösung. Das Zusammenspiel und die Verflochtenheit der Elemente wird in der tibetischen Tradition als Mandala dargestellt. Der tibetische Ausdruck dafür lautet kyilkhor, das bedeutet Kreis, das Rotierende, die Rotation der Essenz, die zentrale Energie, das essenzielle Zentrum. Die grafische Darstellung eines Mandalas ist sehr einfach, nämlich ein Zentrum und vier Richtungen. Ohne ein Zentrum gibt es auch keine Richtungen, denn Richtungen lassen sich nur von einem zentralen Bezugspunkt aus definieren, daher bildet der Raum das zentrale Element. Raum ist identisch mit dem philosophischen Konzept der Leerheit. Raum und Leerheit bilden die Grundlage der Bewegung, d.h. die Bewegung kommt aus dem Raum.

Was aber bedeutet „Energie“ in diesem Zusammenhang? Energie ist Bewegung. Alle Phänomene sind in steter Bewegung. Die Bewegung als solche wird als Wind bezeichnet, der damit das Hauptelement nach dem Raum darstellt. Der Wind kann in zwei Hauptaspekte unterteilt werden: Er weht als äußeres Element, während er im Geist als Bewegung von Gedanken und Emotionen erscheint. Geht man sehr gründlich in die Tiefe, so finden sich weit mehr Details und viele verschiedene Arten von Bewegung: Unser Herz schlägt, unsere Lunge atmet, unser Verdauungssystem, das Nervensystem, der Blutkreislauf, die Muskeln etc., all diese Systeme unseres Lebens beruhen auf Bewegung. Geht man dann noch eine Ebene tiefer, so findet man z.B. in den Verdauungsorganen Mikroorganismen und Abermillionen von Zellen, die sich unaufhörlich bewegen. Die Grundlage des Gleichgewichts bildet die wiederkehrende Bewegung. Hört die Bewegung auf, so ist das der Tod. Nimmt man eine Körperzelle und dringt in ihr Inneres vor, so finden sich weitere, noch feinere Strukturen, Mineralien, Proteine etc. Geht man noch tiefer, so findet man Moleküle und dann Atome. Gehen wir sogar noch weiter in die Tiefe, so sehen wir Energie, von der niemand genau weiß, um was es sich handelt. Diese Energien sind Bewegung, sie sind wie eine Vibration. Das ist es, woraus Atome und Moleküle hervorgehen und schließlich die ganze von uns erlebte Welt mit ihren vermeintlich festen Erscheinungen. Doch obgleich sie fest erscheinen, sind sie doch ihrer inneren Natur nach nichts Festes, sondern vibrierende, sich bewegende Energie. Diese Bewegung wird in der tibetischen Beschreibung durch Lung repräsentiert, ins Deutsche übersetzt als „Wind“. So wird also Lung zwar als Wind übersetzt, doch seine Bedeutung ist Bewegung.

Der Vajrayana lehrt, dass alles Geist ist. Gemeint ist jedoch nicht unser gewöhnliches Tagesbewusstsein, das auch als Affengeist bezeichnet wird, weil es sich unentwegt von Objekt zu Objekt oder von Konzept zu Konzept hangelt, unberechenbar, nie wirklich zu Ruhe kommend. Gemeint ist eine überindividuelle Qualität oder Ebene des Bewusstseins, die über alle Konzepte und alle Begrenzungen hinausreicht. Dieses Bewusstsein entspricht dem Raum, es ist weit, klar und leuchtend, unerschütterlich, allwissend, ungeboren; es ist die grundlegende Buddhanatur. Frei von allen Begrenzungen und Konzepten ist sie die Leerheit. Sie ist leer von den Grenzen eines Selbst und sie ist gleichermaßen leer von Anderem, weil sie alles beinhaltet.

In der unermesslichen Weite dieses ursprünglichen Raumes ist die Bewegung – Wind. Zu den verschiedenen Arten Wind zählen auch die Winde des Karma, d.h. die gewohnheitsmäßigen Tendenzen, die zu einer bestimmten Erfahrung von Wirklichkeit führen. Sie können den ursprünglichen Raum niemals beeinflussen, aber sie können den Anschein erwecken, als überdeckten sie ihn. Buddhistische Praxis, das ist die Anwendung von Methoden, die alle Begrenzungen eines illusionären Selbst transzendieren, die karmischen Winde bereinigen und beruhigen und die ursprüngliche, raumgleiche Buddhanatur offenbar werden lassen.

Die Winde des Karma peitschen die Oberfläche des ozeangleichen Geistes und formen immer neue Muster aus den fließenden Elementen. Es ist ein Meer, das von gewaltigen Wellenbergen durchwogt wird. Die kleinsten Kräuselungen darauf sind die Individuen, verbunden mit etwas größeren Wellenbewegungen – das Karma von Familien -, die Teil noch größerer Wellen sind – das Karma von ethnischen Gruppen und ganzer Völker -, die sich wiederum zu riesigen Brechern formieren – das Karma eines ganzen Planeten. Wellenberg neben Wellenberg sind auch die unzähligen Weltsysteme miteinander verbunden, alle miteinander in der einen Buddhanatur.

Der von Illusionen verwirrte Geist durchläuft immer neue traumartige Zustände, vorangetrieben von den karmischen Winden. Eine Existenz endet, wenn ihr Karma zu einem Ende gelangt. Aber die karmischen Winde wehen weiter. Neue wurden entfacht, unvorstellbar alte gelangen zu voller Kraft und der Kern des Bewusstseins, das mit dem Tod seinen Namen und andere Faktoren seiner vergangenen Existenz hinter sich gelassen hat, wird vorangeweht, hinein in eine neue Existenz, die dem vorherrschenden Wind und den damit verbundenen Gewohnheiten und Emotionen entspricht. Es ist ein großes Glück, in die meist ausgewogenen Umstände einer überaus kostbaren menschlichen Existenz  geboren zu werden,  mit all ihren Möglichkeiten, aus dem karmischen Traumzustand erwachen zu können. Der Eintritt in die Existenz erfolgt im Augenblick der Zeugung, wenn drei Faktoren zusammentreffen: Die weiße, lunare Substanz des Vaters, die rote, solare Substanz der Mutter und der Bewusstseinskeim, der sich mit den Substanzen und dem Karma von Vater und Mutter verbindet. Aus dieser Verbindung bildet sich der karmische Körper – ein System aus subtilen Energien und Energiebahnen und Winden, durchweht und aufrechterhalten vom karmischen Wind. Im Herzen sitzt der Bewusstseinskeim, im Scheitel die lunare Essenz des Vaters und im Sexualzentrum die solare Essenz der Mutter. Zwischen der weißen und der roten Essenz weht der karmische Wind und hält sie an ihrem Ort. Gelangt die Existenz an ihr Ende, so kollabiert das System unumkehrbar, die beiden Essenzen fallen ins Herz, der Zwischenzustand des Todes setzt ein und eine Neuwerdung beginnt – sofern das Bewusstsein sich seiner wahren, raumgleichen Natur nicht vorher bewusst wird.

Karma – Gedanken zu einem missverstandenen Begriff, geschrieben von Uhanek – Teil II

Samstag, 29. Oktober 2011

Spiritualität vs. Privatreligion

Und was hat all das nun mit Karma und Reinkarnation zu tun? Inhaltlich zunächst einmal gar nichts. Und gleichzeitig auf einer etwas anderen Ebene sehr viel, denn das, was ich hier geschildert habe, ist Ausdruck und Ursache sogenannten negativen Karmas. Die geschilderten Vorstellungen sind zunächst nichts weiter, als unreflektierte Fantasien. Es hat nichts zu tun mit dem, was die Begriffe Karma und Reinkarnation bedeuten, damit, wie sie tatsächlich seit tausenden von Jahren in authentischen Traditionen wie dem Buddhismus und Hinduismus verstanden werden. Im Grunde hat es nicht einmal allzu viel mit Spiritualität zu tun. Spiritualität, die sich auf blanken Eskapismus in private Fantasiewelten beschränkt, ist keine Spiritualität, sondern kann bestenfalls als eine Art gläubige Privatreligiosität gedeutet werden, die sich mit oberflächlichem Wortgeklingel begnügt.

Unter Spiritualität verstehe ich die Wahrnehmung von und Interaktion mit umfassender, transpersonaler Wirklichkeit, die zwar durch die Mittel der Sprache und der Logik ausdrückbar ist, jedoch über alle kulturellen und sprachlichen Begrenzungen hinausreicht. Darüber hinaus bildet ein spirituelles System, das sprachliche Äquivalent also zu inneren Erfahrungen mit der Erfahrungsdimension des Absoluten, eine sprachliche und bildliche Einheit, in der sich die Begriffe gegenseitig erklären, so dass über die logisch-begriffliche Form die Erfahrung des hinter allen Begriffen stehenden Absoluten reproduziert werden kann. Da es um dieses Absolute geht, ergeben sich, bei Auslassung spezieller kultureller Komponenten (z.B. sozialer Normen, die ebenfalls in so ein System eingebaut sein können), trotz sprachlicher Unterschiede Parallelen in den verschiedenen spirituellen Systemen, denn das Absolute selbst bleibt immer gleich, nur die sprachlichen Äquivalente sind – aufgrund der Relativität von Sprache – verschieden. Dem gegenüber stehen private Ego-Welten, die, da sie in religiösen Vokabeln und abhängig von Lust und Unlust lediglich die Innenwelt eines Egos zum Ausdruck bringen, oft kaum mehr sind, als bloße Flickenteppiche aus unzusammenhängenden Konzepten. Vielleicht rührt daher die eine gewisse in Esoterikkreisen recht weit verbreitete Neigung zur Intellektfeindlichkeit, da diese Begriffsgebilde in sich zu instabil sind, als dass sie einer Hinterfragung standhalten könnten.

In der neuen Esoterik stehen allzu oft allerlei Konzepte merkwürdig isoliert und undifferenziert nebeneinander: Karma – Reinkarnation – Natur ist Heilig – Göttin und Gott – Magie – der Kreis – feindliche Christen – Umweltzerstörung – Unterdrückung – Stadt – Naturvölker – Aggressoren – Opfer etc. Mittendrin steht die esoterische Person, ist z.B. neuheidnisch und dualistisch wertend: Ist selbst naturreligiös, Priesterin oder Priester und eins mit der Natur; steht dadurch vermeintlich neben den „Naturvölkern“, ist damit Opfer und gehört nicht zu den Tätern; verehrt Göttin und Gott, betreibt Magie und hat dadurch Intuition; kann durch die Intuition, die sich als „so´n Gefühl“ äußert und immer im Recht ist, festlegen, wer zu den Feinden und Tätern zählt; Feinde und Täter agieren gegen die Natur; Aggression gegen die Feinde und Täter ist Verteidigung der Natur; das, was verteidigt wird, ist die Natur, die Natur sind die Götter, die Götter sind das eigene Selbst… Selbst-Verteidigung. Dienst an den Göttern ist somit Dienst am eigenen Selbst. Wird das eigene Selbst als Gottheit betrachtet, wird folglich jeder, der diesem grandiosen Selbst nicht genehm ist zum Feind. Dies ist der vollkommene, spirituell verbrämte Egotrip, spiritueller Materialismus, die perfekte Pervertierung einer tatsächlichen Spiritualität und Einheit mit der Natur.

Ich will an dieser Stelle nur kurz einwerfen, dass im Grunde auch der bei dieser Sichtweise verwendete Naturbegriff nicht das geringste mit Natur im eigentlichen Sinne zu tun hat, denn es handelt sich lediglich um ein ego- und anthropozentrisches Idealbild, dessen Wert einzig aus dem Bezug zum Ego und dem damit verbundenen Lustgewinn resultiert. Romantische Idealbilder sind doch letztlich Teil der immer gleichen Aufspaltung in Mensch und Natur, Mensch und Umwelt,  Mensch und Universum etc.  Natur jedoch schließt alle Erscheinungen mit ein und ist in keiner Weise vom Menschen antastbar, da er selbst in jeder Hinsicht ein untrennbarer Teil dieser Natur ist, gleichgültig, wie sehr er sich als getrennt und eigenständig existierend fantasiert. Unterscheidungen z.B. in Natur und Stadt sind ein Ding der Unmöglichkeit und ein Begriff wie „Naturzerstörung“ eigentlich absurd. Alles, was der Mensch zerstören kann, ist seine Lebenswelt, also seine eigene Existenzgrundlage und somit in letzter Konsequenz sich selbst, niemals aber die Natur als solche.

Die Leerheit der Erscheinungen

Doch zurück zum Thema. Karma in seiner eigentlichen Bedeutung zu begreifen, bedeutet zu verstehen, was es wirklich auf sich hat mit der Einheit aller Dinge. Die tibetische Tradition spricht von zwei Arten Wahrheit. Sie werden als dodam drenpa, absolute Wahrheit, bezeichnet und als kuntsob drenpa, relative Wahrheit. Während die absolute Wahrheit über den Dharma (die natürliche Ordnung und das innere Wesen der Wirklichkeit) spricht, bezieht sich die relative Wahrheit auf die Welt, unser Leben. Dennoch umfasst die absolute Wahrheit auch die Welt, indem sie  besagt, dass jedes Phänomen Leerheit ist. Diese leere Natur bezieht sich nicht auf einen körperlichen Aspekt, sondern eher auf die Tatsache, dass alles vergänglich ist, weil es in Abhängigkeit von der Gesetzmäßigkeit des Karmas entsteht. Alle Erscheinungen entstehen als temporäre Phänomene in gegenseitiger Abhängigkeit und sind Teil eines dynamischen Prozesses. Alles, was wir also wahrnehmen, ist nichts anderes als eine vorübergehende Illusion.

Karma ist ein Sanskritwort und bedeutet wörtlich „Tat“. Will man verstehen, was damit gemeint ist, hält man sich zunächst einmal vor Augen, dass alle Erscheinungen leer sind. Leerheit ist die Grundlage von allem. Diese  Leerheit ist allerdings kein nihilistisches Nichts, sondern sie ist Ausdruck für den Urgrund. Leerheit ist das, was alle Erscheinungen verbindet. Leerheit ist die Leerheit der Erscheinungen von inhärenter Eigenexistenz, d.h. der Glaube, dass die Erscheinungen der Dingwelt unabhängige Größen darstellen, ist eine Illusion. Zwei Punkte gilt es zu erkennen: 1) Dinge entstehen in Abhängigkeit von anderen Dingen und bleiben in dieser Abhängigkeit bis zu ihrem eigenen Verschwinden. 2) die Erscheinungen sind zusammengesetzt, das heißt Dinge bestehen aus Dingen bestehen aus Dingen etc. Das bedeutet, dass alles relativ ist, also in Beziehung zu etwas anderem existiert. Diesem Relativen steht die Leerheit als das Absolute gegenüber, oder besser: alles Relative ist vom Absoluten der Leerheit durchdrungen.

Nehmen wir zur Verdeutlichung einmal unseren fiktiven Michael aus dem oben genannten Beispiel: Die Erscheinung Michael ist weder eine eigenständige, noch eine in irgendeiner Beziehung unabhängige Größe. Er ist zusammengesetzt aus Millionen Zellen. Um existieren zu können, braucht er ein bestimmtes Gasgemisch zum Atmen, das in seiner Zusammensetzung keine allzu großen Abweichungen zugunsten eines einzelnen seiner Bestandteile aufweisen darf. Er braucht eine bestimmte Temperatur. Bereits relativ geringe Verschiebungen nach oben oder unten auf der Temperaturskala würden ihn verbrennen oder erfrieren lassen. Er benötigt regelmäßige Zufuhr von Wasser und fester Nahrung (die ihrerseits eine bestimmte Beschaffenheit aufweisen müssen) und die regelmäßige Ausscheidung der aus dem Verarbeitungsprozess entstehenden Schlacken. Auf diese Weise entsteht und vergeht der Körper in Abhängigkeit. Aber nicht nur der Körper allein. Ausnahmslos alles an unserem Michael ist ununterbrochen in Bewegung und Wandel. In jedem Augenblick sterben abertausende seiner Zellen, während andere, neue sich bilden. In jedem Moment werden all seine Überzeugungen und Erfahrungen von ihm angewandt, geprüft, korrigiert und bei Bedarf durch neue ersetzt. Seine Person ist wie alles andere auch ein ununterbrochener Prozess des Wandels. Blickte er zurück, er würde feststellen, dass der erwachsene Mann Michael in keiner Hinsicht identisch ist mit irgendeiner seiner früheren Erscheinungsweisen, da zu jedem früheren Zeitpunkt sich alle seine Bestandteile von allen Bestandteilen des jetzigen Michael unterschieden (ausgenommen seine DNS, die man vielleicht als eine Art Schablone betrachten kann). Dies alles gilt sowohl in physischer, wie auch in psychischer Hinsicht.

Emotionen und Energie

So nun verhält es sich mit der ganzen Person. Die Emotionen etwa sind abhängig von erlernten Deutungsmustern, von Maßstäben, geglaubten Idealen u.ä. Gerade Emotionen werden ja in der Esoszene so gerne überbewertet, als eigenständige Größen, als etwas Absolutes also betrachtet – aber genau das sind sie nicht. Wären sie das, so wären sie bei allen Menschen in allen Kulturen und Kontexten gleich. Sind sie aber nicht. Sie sind noch nicht einmal in einem einzigen kulturellen Kontext bei allen Menschen gleich. Und das ist so, weil sie erlernt sind. Sie haben ihre Grundlage in den Deutungsmustern, die sich zurückführen lassen auf den Dualismus Gut/Schlecht. Diese Deutungsmuster unterscheiden sich von Kultur zu Kultur, von Familie zu Familie, von Person zu Person. Emotion ist im Kern nichts anderes als reine, ungefärbte Energie, die erst durch Konditionierung ihre Färbung erhält und zu etwas wird, das man „Emotion“ nennt. Allerdings, um hier sofort einem weiteren möglichen Missverständnis vorzubeugen, heißt das nicht, das Emotion die Erfahrung von Energie im egozentrischen Sinne – „meine Emotion ist Energie“ – ist (womit wir dann wahrscheinlich wieder bei diesem dubiosen „Fühlen“ wären), sondern dies ist eine Erscheinungsform von Energie – genauso wie Denken und Wahrnehmung oder auch das, was als scheinbar äußere Welt erscheint.

Mit „Energie“ sind wir hier nun auch bei einem weiteren, für unser Thema relevanten Schlüsselbegriff. In den Traditionen des Vajrayana-Buddhismus werden das Spiel der Energien und die Dynamik der Wirklichkeit als göttlicher Palast dargestellt, d.h. als Mandala. In der heute allgemein verbreiteten Variante des sogenannten magischen Kreises haben wir die Aufteilung in vier Elemente: Erde, Wasser, Feuer und Wind. Ich füge an dieser Stelle noch ein fünftes hinzu: den Raum, das Element der Integration. Diese fünf Elemente nun meinen natürlich nicht nur die Erscheinungen, die wir mit unseren menschlichen Sinnen unter diesen Bezeichnungen wahrnehmen, sondern sie meinen sehr viel mehr. Sie bezeichnen energetische Qualitäten. Ein jedes Element ist in seiner Essenz Licht und äußert sich sowohl als äußeres Element, wie auch als Bewusstseinsfaktor. Als Bewusstseinsfaktor ist Erde das Prinzip der Form, Wasser ist Empfindung (als wahrnehmende Qualität, nicht Gefühlsduselei!) und Zusammenhalt, Feuer ist unterscheidendes Gewahrsein und Hitze/Schnelligkeit, Wind sind der Gedankenstrom und die Bewegung und Raum ist absolutes Bewusstsein, das all dies umfasst und beinhaltet. Aus diesen fünf Elementen besteht alles. Aber es besteht nicht statisch (wie es offenbar viele gerne hätten – womit sie einfach nur beweisen, dass sie in christlichen Strukturen denken), sondern ist ununterbrochene Bewegung, wie Wolken am Himmel. So kommen wir hiermit auch auf noch eine weitere Bedeutung von Leerheit: Die Negation der Existenz kleinster Teilchen. Wenngleich wir auch eine materielle Welt wahrnehmen, die fest zu sein scheint, ist doch ihre wahre Natur reine Energie. Es gibt keine kleinen, festen Materieteilchen, aus denen Materie zusammengeklumpt ist.

Dieses Konzept der Abhängigkeit der Phänomene in der buddhistischen Philosophie drückt die Überzeugung aus, dass nichts aus sich selbst heraus, getrennt von allem anderen existieren kann. Alle Dinge existieren in Abhängigkeit voneinander: Erde hängt ab von Wasser, Wasser hängt ab von Feuer, Feuer hängt ab von Wind und Wind existiert in Abhängigkeit vom Raum. Das tibetische Wort für diese Interdependenz oder Verflechtung ist ‘tendrel’.

Tendrel kann verglichen werden mit einem Netz, das alle Phänomene enthält, die darin miteinander verknüpft und verbunden sind, basierend auf dem, was als Karma bezeichnet wird. Dieses Gesetz oder dieser Zyklus ist, was alles darin hält, daher ist es sehr schwer, daraus auszubrechen, während es aber gleichzeitig unendliche Möglichkeiten bietet, es heilsam anzuwenden, wenn man weiß, wie man damit umgehen muss.

Für unser tägliches Leben wäre diese philosophische Sichtweise von der absoluten Wahrheit wahrscheinlich nicht recht praktikabel. Daher müssen wir uns, um ein gewöhnliches Leben führen können, auf Logik stützen, auf unsere Gesellschaft und auf unsere Welt. Sie alle sind Teil der relativen Wahrheit, die leichter mit unserer Art des Denkens verknüpft werden kann.

Ein Sprichwort in der Tradition der tibetischen Geomantie lautet: „Die absolute Wahrheit ist der Dharma, die relative Wahrheit ist die Erde“. Dies beschreibt vollkommen die beiden Sichtweisen auf die Wahrheit.

Was aber ist Karma?

An dieser Stelle haben wir jetzt also drei Punkte soweit geklärt (hoffentlich!): Die Leerheit der Erscheinungen, die Zusammengesetztheit der Erscheinungen, den Wandel der Erscheinungen als Bewegung der fünf Energien, also die Negation kleinster Teilchen. Kommen wir also nun zu einer weiteren Dreiheit: Die drei Ebenen unserer Existenz als Menschen. Die drei Ebenen, um die es hier geht sind Körper, Energie (korrespondierend zur Stimme) und Geist, wobei der Geist die Grundlage bildet. „Geist“ bedeutet hierbei aber nicht z.B. Intellekt oder so etwas. Geist bedeutet hier absolutes, kontinuierliches Bewusstsein – die (überindividuelle!) Grundlage. Intellekt und Gedankenstrom gehören einem anderen Bereich an, dem sogenannten konzeptuellen Geist, der vor allem mit dem Bewusstseinsfaktor Wind verbunden ist.

Auf diesen drei Ebenen entsteht Karma. Es handelt sich bei diesem Begriff nicht um eine religiöse Kategorie oder gar eine Art spiritueller Substanz, die von Göttern verwaltet wird, sondern um ein philosophisches und psychologisches Prinzip. Wie bereits erwähnt, bedeutet der Begriff Karma „Tat“ – und genau darum geht es hier. „Karma“ beschreibt, wie ein wahrnehmendes Bewusstsein gemäß seiner tief reichenden gewohnheitsmäßigen Tendenzen des Denkens und Fühlens eine ganze Wirklichkeit erschafft.  Die individuelle Erscheinung ist bereits in ihrer Gesamtheit der Ausdruck früherer karmischer Impulse, die jetzt zur Reife gelangt sind. Teil dieses Karmas sind auch die für vollkommen wahr und dauerhaft gehaltenen Konzepte, nach denen die Welt interpretiert wird. Diese Interpretationen wirken ihrerseits auf die Art, wie die Welt wahrgenommen wird, die damit verbundenen Emotionen und die daraus resultierende Interaktion mit der Erscheinungswelt. Anders ausgedrückt: In unserem Geist entwickeln wir Konzepte, die wir für wahre Abbildungen der Welt halten; auf der Ebene unserer Energie formen wir diese Konzepte weiter aus zu immer mehr inneren Bildern und damit verbundenen Emotionen, die wir schließlich auch sprachlich ausdrücken; zu guter Letzt folgt dann die entsprechende körperliche Handlung. Wo alle drei Ebenen beteiligt sind, ist volles Karma erfüllt.

Wir bewegen uns in einem Netz vollkommener gegenseitiger Bedingtheit, das bereits ein einziger gigantischer Ausdruck von Karma ist. Karma bedeutet, dass wir in dieser gewaltigen, ständig bewegten Energiewolke genannt Welt einen energetischen Impuls setzen, der zur Veränderung des gesamten Musters beiträgt. Die Art der Veränderungen, die so entstehen, und die Art, wie all dies dann auf uns zurückwirkt und wie wir es erleben, ist Karma, das zur Reife gelangt. Der von uns gesetzte Impuls ist dann am machtvollsten, wenn alle drei Daseinsebenen gleichermaßen beteiligt sind. Sehr grob vereinfacht könnte man sagen, dass „Karma“ soviel bedeutet wie „Denk- und Handlungsgewohnheiten, die zu Veränderungen in der erlebten Welt führen“. Karma lässt sich vergleichen mit einer Eisenbahn: Die Lokomotive ist das erlebende Ego, das sich für eine eigenständige Größe hält, die Schienen sind die Gewohnheiten im Denken, Reden und Handeln und die Landschaften, in die das ganze führt, sind das reifende Karma.

Das Konzept „Karma“ ist im Wesentlichen ein Hilfsmittel zur Selbsterkenntnis: Was ist meine innerste, zeitlose Natur, die mich mit allem verbindet, und was sind lediglich Wahrnehmungen, die geprägt sind durch meine Gewohnheiten des Denkens und Fühlens? Wo wirken sich diese Gewohnheiten schädigend aus und betonen meine Negativität? Was ist das Schädigende und was das Heilsame? Was sind die längerfristigen Konsequenzen, wenn ich in Hass, Gier und Ignoranz verharre? Diese und ähnliche Fragestellungen resultieren aus dem Karma-Begriff und führen zu Selbstreflektion und einer Persönlichkeitsentwicklung, in der das Individuum nicht lediglich um sich selbst kreist, sondern Qualitäten wie Liebe und Mitgefühl hervorbringt und sich als Teil einer lebendigen Welt entwickeln kann. Indem wir uns selbst so verändern, verändern wir unsere Welt.