Mit ‘Kelten’ getaggte Artikel

„Nazi-Druide“ „Burgos“ alias „Hasspredix“ und die „Heidenszene“, geschrieben von MartinM

Samstag, 28. Januar 2017

Der „Druide“ und „Reichsbürger“ Burghard B., der sich selbst „Burgos von Buchonia I.“ nennt, wirkt in seinem offensichtlich von „Asterix“ und Fantasy-Filmen inspirierten „authentisch keltischen“ Druiden-Ornat auf den ersten Blick eher komisch als gefährlich. Selbst dass er sich wie ein Saruman-Imitator aufführt und die zu dieser Rolle passenden Machtphantasien zeigt, lässt noch nicht die inneren Alarmglocken läuten: Ein größenwahnsinniger „Heidenfürst“ in der an skurrilen Charakteren nicht gerade armen „Heidenszene“ mehr, was soll’s?

„Burgos“ führte als „keltischer Druide“ gewandet Wandergruppen durch die Rhön und galt bei den regionalen Medien hier und an seinem Wohnort Schwetzingen (bei Heidelberg) als interessanter Spinner. Sogar der Bayerische Rundfunk hielt den „Druiden“ vor einigen Jahren anscheinend für einen harmlosen Exzentriker und filmte ihn beim Kräutersammeln im Wald und beim Bogenschießen. Dabei erzählte er mit ernster Mine, er sei vor 2.500 Jahren in einer Winternacht als Neffe des Zauberers Merlin geboren worden.
Es ist nicht auszuschließen, dass „Burgos“ das wirklich glaubt. Er glaubt ja so Einiges, was halbwegs politisch gebildete Menschen für blühenden Unsinn halten – zum Beispiel, dass das „Deutsche Reich“ nach wie vor bestünde, die BRD eine GmbH und Deutschland nach wie vor besetzt sei. Er ist überzeugt, dass es „ohne Juden keine Kriege, ohne Kriege keine Asylanten“ gäbe, ist der Ansicht, Deutschland werde seit 130 Jahren „bekriegt“, Winston Churchill wäre Zionist gewesen und habe Befehl gegeben, „Millionen Menschen unseres Volkes“ zu vernichten und behauptet, zwei Weltkriege seien geführt worden, „um die dominante Rolle Deutschlands zu verhindern“. (Am Rande bemerkt: Der zweimalige britische Premierminister Winston Churchill (1874–1965) trat 1908 in die „Albion Loge“ des „Ancient Order of Druids“ (AOD) ein – er war also (Neu-)Druide!)
Selbst die meisten überzeugten Nazis würden das nicht so sehen wie „Burgos“. Wenn er jedoch fürchtet: „Wir sollen umgevolkt werden. Wir sollen unserer Identität beraubt werden“, dann sind das Ängste, die weit über die Nazi-Kreise hinaus von Rechtsextremisten (auch solchen, die sich lieber „besorgte Bürger“ nennen) geteilt werden. Auch seine zum Teil unflätige antisemitische und anti-muslimische Hetze und seine rassistischen Sprüche fanden beifällig nickende Zuhörer und Leser.

Spätestens seit Mittwoch, dem 25. Januar 2017 wird, von Gesinnungsgenossen vielleicht abgesehen, niemand mehr Burghard B. für einen „harmlosen Spinner“ halten.
Der Druide, der Juden vernichten will (tagesschau)
Der deutsche Generalbundesanwalt schickte am 24. Januar Polizisten zwecks Razzia zur Schwetzinger Wohnung B.’s und zu denen einiger seiner Gleichgesinnten. Die Beamten fanden in den Wohnungen der Beschuldigten neben zahllosen Waffen und Munition auch Pläne für Anschläge auf Juden, Muslime und Polizisten.
Die Bundesanwaltschaft wirft dem 62-Jährigen (bzw. nach eigenen Angaben mittlerweile 2506-Jährigen) „Druiden“ und seinen fünf mutmaßlichen Komplizen vor, gemeinsam eine rechtsterroristische Vereinigung gegründet zu haben. Allem Anschein nach zurecht.

Für uns ist das aus gleich mehreren Gründen äußerst ärgerlich!

„Burgos von Buchonia“ ist im deutschen Neuheidentum wirklich kein Unbekannter. Der selbsternannte Druide war gut vernetzt, sowohl persönlich, auf rechten wie auf heidnischen Treffen, wie auch auf facebook, YouTube und dem bei Verschwörungsideologen beliebten russischen sozialen Netzwerk VK.

Ärgerlich ist einerseits, dass solche kriminellen Gruselgestalten dem Ruf des Heidentums schaden. Dass wir als „germanisch“ bzw. „keltisch“ orientierte Heiden schnell und meistens zu Unrecht in die „rechte Ecke“ gestellt werden, liegt vor allem daran, dass völkisch-rassistische Spinner wie B. nicht nur in der „Bild“ (oder der „Krone“) das Bild des Heidentums bestimmen.

Vielleicht noch ärgerlicher ist andererseits, dass längst nicht alle auf „unserer“ Seite (also Heiden, die keine Nazis sind) klare Position gegen Rechtsextremisten wie „Burgos“ beziehen, und damit Nazis und Rassisten leichtfertig die Deutungshoheit über das, was die Öffentlichkeit über Heiden zu sehen bekommt, überlassen.

Sehr ärgerlich ist, dass nicht-rassistische Heiden mit dem mutmaßlichen Terroristen und schon damals als solchem erkennbaren völkischen Hetzer kuschelten.
Zum Beispiel war der „Druide“ bei der jährlichen Demonstration gegen das Bonifatius-Denkmal in Fritzlar dabei. Zur Erinnerung: Es liegt – unter Anderem – an der „Rechtsoffenheit“ dieser Veranstaltung, dass sich die Nornirs Ætt nicht daran beteiligt.

Für die ärgerliche Tatsache, dass offen erkennbare Hetzer einfach so in heidnischen Gruppen und auf Veranstaltungen mitmischen können, fehlt mir jedes Verständnis!

Die aus „Ættlingen“ bestehende Band „Singvøgel“ sang schon vor Jahren über die falsche Toleranz gegenüber falschen Freunden und zeigte, was von der „unpolitischen“ „Wir-sind-doch-alle-Heiden“-Gesinnung zu halten ist: Absolut nichts! „Freundchen“.

Zwar haben sich Druiden-Vereinigungen wie der OBOD und verschiedene keltische Gruppen und Vereine vom rechtsextremen „Druiden“ distanziert. Um der rechtsextremen Konnotation des Heidentums entgegen zu wirken, reicht es aber nicht aus, sich nur nach außen abzugrenzen – man muss in den eigenen Reihen anfangen!

Es geht auch anders: Der Steinkreisverein im badischen Brühl schloss 2012 seinen damaligen Vorstand aus, weil „Burgos von Buchonia“ auf Facebook Muslime beleidigt hatte. Dort hatte der „Druide“ damals das Bild einer brennenden Moschee gezeigt und die Hoffnung geäußert, bald möge auch das islamische Heiligtum in Mekka brennen. (Diese Äußerungen verhalfen B. zum „Druidennamen“ „Hasspredix“.)
Auch „Celtoi e. V.“ belässt es schon lange nicht mehr bei verbalen Abgrenzung – rassistische „Kelten“ haben hier keine Chance. So, wie rassistische „Germanen“ beim „Eldaring“ und erfreulicherweise inzwischen auch beim „Verein für Germanisches Heidentum e. V.“ keinen Zutritt haben. Und an der harten Haltung der Nornirs Ætt gegenüber rechtsdrehendem Heidentum und völkischer Ideologie dürfte ohnehin kein Zweifel bestehen.

Mistel – Schmarotzer, die zum Küssen verführen

Samstag, 26. Dezember 2015

In der laubfreien Zeit sind sie wieder besonders gut zu erspähen – die Mistel, oder auch Viscum album (Weißbeerige Mistel). Meist in den oberen Regionen der Baumkronen angesiedelt ziert das parasitäre Sandelholzgewächs sowohl Laub- als auch Nadelbäume. Um die Mistel ranken sich verschiedene Mythen, sie fand und findet Verwendung als Heilmittel, aus Amerika kommt der Weihnachtsbrauch sich unter dem Mistelzweig zu küssen und besonders in den Rauhnächten wird sie zum Räuchern verwendet.

Vögel gehen ihr auf dem Leim

Im Volksmund ist sie unter anderem unter den Namen Hexenbesen, Hexen- oder Trudennest beziehungsweise Vogelleimholz bekannt. Der letzte Namen bezieht sich auf die Verwendung vorwiegend der Eichenmistel bei der Vogeljagd. Ein Teil der Früchte wurde und wird zur Herstellung von Vogelleim verwendet, der in einigen europäischen Ländern noch immer beim Vogelfang eingesetzt wird. Der klebrige Schleim der Mistelbeeren wird dabei auf Ästen angebracht und wenn sich die Vögel darauf niederlassen bleiben sie kleben und können eingefangen werden. Vielleicht kommt daher auch der Ausspruch „Jemanden auf den Leim gehen“ – wer weiß.

Früchte der Weißbeerigen Mistel (Botanischer Garten, Karlsruhe)

Früchte der Weißbeerigen Mistel (Botanischer Garten, Karlsruhe)

Dieser klebrige Schleim kommt daher, dass die Mistelfrüchte keine Samenschalen bilden, sondern die Samen von einer klebrigen Schicht, die unter anderem aus Cellulose und Pektinen besteht, umschlossen werden. Dieser Schleim hilft der Mistel auch bei der Verbreitung, die vorwiegend durch Vögel passiert. Die klebrigen Samen bleiben an den Schnäbeln haften und werden später an anderen Zweigen abgestreift. Werden die Samen von den Vögeln gefressen, dann wird die klebrige Schicht nicht vollständig verdaut und beim Ausscheiden bleibt der Samen dadurch trotzdem gut an Ästen kleben.

Familienzugehörigkeit

Im Unterschied zur Weißbeerigen Mistel hat die Eichenmistel gelbe Beeren und gilt als eigene Gattung. Das Verbreitungsgebiet der Viscum album sind hauptsächlich Mittel- und Südeuropa, sowie Südskandinavien. Wohingegen die Eichenmistel vermehrt in Südosteuropa, Mittel- und Osteuropa und Kleinasien verbreitet ist. In Österreich beschränkt sich ihr Vorkommen hauptsächlich auf Ober- und Niederösterreich, Wien, Steiermark und das Burgenland. In den Voralpengebieten gilt sie als gefährdet. Im Unterschied zur Eichenmistel findet man die Weißbeerige Mistel auf unterschiedlichen Laubbäumen, zu denen unter anderem Apfelbäume, Linde, Birken, Weiden und Pappeln zählen. Aber auch auf Bäumen wie den Weißdorn, der Robinie und der Hainbuche findet man sie recht häufig. Die Eichenmistel ist nicht nur an den gelben Beeren von der Weißbeerigen Mistel zu unterscheiden. Sie ist auch sommergrün und ihre Äste sind ab dem zweiten Jahr braun bis schwarzgrau – im Gegensatz dazu bleiben die der Weißbeerigen Mistel grün.

Die Viscum Album kann man nach der unterschiedlichen Wirtsbaumart in verschiedene Unterarten einteilen – die Laubholz-Mistel, die Tannen-Mistel (hauptsächlich auf Weißtannen), die Kiefern- beziehungsweise Föhren-Mistel (häufiger auf Kiefern und seltener auf Fichten oder Lärchen) und die Kretische-Mistel (kommt nur auf Kreta und hier auf der Kalabrischen Kiefer vor). Als eigene Arten (neben der Eichenmistel) gelten heute auch noch die Koreanische oder die Japanische Mistel.

Weißbeerige Mistel

Weißbeerige Mistel

Schnorrer auf dem Dach

Wie kommt jetzt die Mistel zu ihren Wirtsbäumen? Sie zählt zu den Halbschmarotzern – das bedeutet, dass sie eigentlich nur auf das Wasser und darin enthaltene Nährstoffe des Wirtes angewiesen ist. Der Keimling setzt direkt an der Sprossachse des Wirtsbaumes an und bildet einen Saugfortsatz aus, der durch die Rinde wächst und hier zwischen Holz und Rinde Stränge ausbreitet. Der Hauptsaugfortsatz entwickelt sich mit der Zeit zur Primärwurzel und daraus entwickeln sich wieder die sogenannten Senkerwurzeln, die das Versorgungsleitungsgewebe der Wirtspflanze anzapfen. Erst wenn dieses Ziel erreicht ist entwickelt sich die Mistel weiter. Sie bildet dann kugelige Buschen von einem Durchmesser bis zu einem Meter aus und kann bis zu 70 Jahre alt werden. Das Wachstum der Viscum album ist sehr langsam – bei einer Astlänge von ca. 50 Zentimeter ist die Pflanze schon cirka 30 Jahre alt. Eine Besonderheit ist auch, dass die Mistel ab der Keimung voll photosynthetisch aktiv ist und daher in diesem Entwicklungsstadium einige Jahre überdauern kann – zum Beispiel wenn die Saugwurzeln die Leitungsbahnen der Wirtspflanzen nicht erreichen können. Wie einleitend erwähnt ist die Weißbeerige Mistel ein Halbschmarotzer und sie müsste daher dem Wirtsbaum nur Wasser und Mineralsalze entziehen. Warum sie dennoch die Leitungsbahnen für die organischen Substanzen des Baumes anzapft und ob sie ihm dabei auch andere Nährstoffe entzieht ist noch immer Gegenstand kritischer Diskussionen unter den Biologen.

Keimlinge einer Mistel

Keimlinge einer Mistel

Giftig und heilsam zugleich?

Die Mistel gilt als giftig, wobei einige Arten beziehungsweise Bestandteile giftiger sind als andere. Viscum Album von Pappel, Robinie, Linde, Walnuss und Ahorn sind am Giftigsten und die vom Apfelbaum als am wenigsten giftig. Die Blütenknospen und Früchte haben ihren höchsten Giftgehalt im Winter und die Blätter erhöhen ihre Dosis bereits im Herbst. Dieser Giftgehalt muss man bei der Verwendung der Mistel zu Heilzwecken besonders beachten.

Die jungen Zweige mit Blättern, Blüten und Früchten dienten und dienen als Heildroge und werden traditionell als Misteltee oder als Fertigpräparat mit Mistelextrakten zur Unterstützung des Kreislaufes und als Vorbeugung der Ateriosklerose eingenommen, wobei diese Anwendungen in der Wissenschaft auf Skepsis stößt.

Was allerdings auch in der westlichen Medizin gut aufgenommen wird, sind die Präparate aus frischem Mistelkraut, die zum Beispiel bei entzündlich-degenerativen Gelenkserkrankungen, Bandscheibenerkrankungen oder Arthrosen herangezogen werden. Und dann gibt es noch die sogenannte Misteltherapie die hauptsächlich in Österreich, Deutschland und der Schweiz verbreitet und in der alternativ- und komplementärmedizinischen Krebsbehandlung zum Einsatz kommt. Dazu werden Extrakte der Weißbeerigen Mistel nach der antiken Signaturlehre herangezogen. Da auch Krebs als „Parasit“ im menschlichen Körper empfunden wird und die Mistel in ihrer „Lebensart“ diesem entspricht wird sie zur Heilung desselben verwendet. Trotz langjähriger Forschung und Anwendung der Mistelpräparate konnte keine Heilung von Krebs oder eine Hemmung des Tumorwachstums nachgewiesen werden. Was allerdings schon nachweisbar ist, ist die Verbesserung der Lebensqualität bei paralleler Anwendung von Chemotherapie und Mistelpräparate zum Beispiel bei Brustkrebspatientinnen.

Querschnitt Mistelzweig mit Wurzeln in einem Wirtsbaum

Querschnitt Mistelzweig mit Wurzeln in einem Wirtsbaum

Mythologisches Heilmittel, Fruchtbarkeitssymbol, Schutz und ewige Liebe

Im Altertum wurde die Mistel als Heilmittel und für kultische Handlungen von den Druiden benutzt. Laut Plinius war den keltischen Priestern besonders die selten vorkommende Eichenmistel heilig. Aufgrund ihrer immergrünen Erscheinungsart wurde sie bei den Kelten und Germanen auch als Fruchtbarkeitssymbol verehrt. Dies wird ihr angeblich auch heute noch in der Schweiz nachgesagt.

Abseits der Medizin wird der Mistel eine schützende Wirkung nachgesagt, was dazu führt, dass sie in manchen Gegenden besonders zur Zeit der Wintersonnenwende (oder als Weihnachtsschmuck) an Türen und Dächern angebracht wird. Ein weiterer Brauch aus dieser Jahreszeit ist das Küssen unter dem Mistelzweig – wen zwei dies tun dann soll aus ihnen ein besonders glückliches Liebespaar werden.

Weiters soll die Mistel hauptsächlich auf Bäumen wachsen die an „schwierigen“ Standorten (vermehrte Erdstrahlung, Wasseraderkreuzungen, etc.) stehen. Dies soll bewirken, dass sie beim Verräuchern „negative“ Schwingungen in positive umwandelt.

Wie ihr seht, ist die Mistel also ein sehr vielfältig einsetzende Gewächs deren Geheimnisse noch immer nicht alle entdeckt sind. Daher finde ich sie als sehr passende Pflanze für die Zeit der Wintersonnenwende und der Rauhnächte – mögen auch wir unsere vielfältigen Talente und Gaben entdecken und einsetzen. In diesem Sinne wünsche ich euch entspannte Feiertage und einen guten Start ins neue Kalenderjahr!

Quelle:
Unterlagen Ausbildung zum Natur- und Landschaftsführer – LFI St. Pölten
www.wikipedia.at

Mythologische Landschaften in Mitteleuropa – Das Matronenheiligtum von Nettersheim – Teil IX geschrieben von Mara

Samstag, 28. Juni 2014

5. TrägerInnen der Matronenverehrung

Von den 30 bis 40 im Matronenheiligtum von Nettersheim gefundenen Weihealtären konnten 10 soweit rekonstruiert werden, dass der Name des Stifters erkennbar ist. Auf acht der Weihesteine wird der Stifter als Beneficiarier bezeichnet und auf den restlichen zwei stand nur ein Name. Die in den Grundmauern des Bonner Münsters gefundenen Weihealtären an die Aufanien wurden teilweise von den höchsten Offizieren der in Bonn stationierten Legio I Minervia, ihren Frauen und von den obersten provinziellen Verwaltungsbeamten gestiftet.

In den übrigen Heiligtümern sind Angehörige der provinziellen römischen Oberschicht und Beneficiarier kaum vertreten. Die auf den Weihesteinen angegebenen Namen lassen darauf schließen, dass z.B. das Heiligtum von Nöthen/Pesch rein zivil geprägt war. In Morken-Harff überwiegt bei den Namen sogar das keltische Element. Offensichtlich waren die Träger des Kultes hier ausschließlich einheimischer Abstammung, von denen viele noch nicht einmal das römische Bürgerrecht besaßen. Die Namen sind höchstens notdürftig latinisiert. Irgendwelche Hinweise darauf, dass Dedikanten aus einem anderen Teil des römischen Reiches kamen, fanden sich bei keinem der Heiligtümer außer bei den Aufanien (vgl. Biller 2010, S. 282ff).

Aber auch der Aufanienkult war wohl ursprünglich einheimisch. Er ging nicht von Bonn, sondern vermutlich von Nettersheim aus, wo ihn die hier stationierten Beneficiarier adoptierten und wohl auch in Bonn bekannt machten. Hier stifteten hohe Militär- und Zivilbeamte dann besonders prächtige Weihealtäre und Statuen. Allerdings kann damit noch nicht die Ausbreitung des Aufanienkultes nach Jülich, Zülpich und Xanthen erklärt werden. Möglicherweisen galten die Aufanischen Matronen bereits vorher als besonders wirkmächtig.

Insgesamt wurden etwa 10% der den Matronen geweihten Altäre von Frauen gestiftet, also ungefähr 40 (vgl. Petrikovits 1987, S. 253).

Die TrägerInnen der Matronenverehrung wohnten in der unmittelbaren Umgebung der Tempelbezirke. Organisiert waren sie in Kurien. Das waren keine Männerbünde, wie Christoph B. Rüger irrtümlich annahm, sondern Kultgemeinschaften, also religiöse Vereinigungen, die ursprünglich auf eine an dieser Stelle siedelnde Großfamilie oder Sippe zurückgingen aber sich später wohl auch für nicht verwandte Neusiedler öffneten. Diese Kurien unterhielten die Matronenheiligtümer und feierten dort ihre Jahresfeste. Im Heiligtum von Nöthen/Pesch gab es neben dem Umgangstempel sogar eine Basilika als Versammlungsraum der lokalen Kurie (vgl. Biller 2010, S. 290).

Ausgrabungen und Lesefunde aus Nettersheim lassen darauf schließen, dass eine römerzeitliche Siedlung, vermutlich das antike Marcomagus, in der Nähe des Matronenheiligtums lag.

Matronenheiligtum copyright Mara

6. Kultformen

Die Formen der Verehrung waren, soweit bekannt, an römische Gottesdienste angelehnt und beinhalteten wohl gemeinschaftliche Opfer, ein Kultmahl und eine feierliche Kultprozession. Es wurden wohl hauptsächlich Obst, Getreide und andere Früchte geopfert, seltener Tiere wie Schweine. Auf einem Bonner Kultbild sind interessanterweise sechs Frauen abgebildet, die in einer feierlichen Prozession langsam voran schreiten. Ihre Köpfe wurden später wohl von den Christen ausgemeißelt, allerdings können sie keine so großen Hauben getragen haben, wie die Matronen auf den Standbildern. Häufig kamen auch individuelle Opfer vor. Auf den Weihesteinen sind sowohl Männer als auch Frauen dargestellt, die die Opfer vollziehen (vgl. Biller 2010, S. 301ff).

In unmittelbarer Nähe des Matronenheiligtums von Nettersheim fand sich ein Gebäude, dass bereits der Erstausgräber Lehner profanen Zwecken zuordnete. Es könnte die Wohnung eines Priesters oder einer Priesterin gewesen sein. Sichere Hinweise darauf gibt es allerdings nicht. Es wurden allerdings in Zülpich und Köln in Gräbern Stabaufsätze mit einer Minerva und einer Matronentriade gefunden. Das könnte ein archäologischer Hinweis auf eine Priesterschaft innerhalb der Matronenkulte sein. Frank Biller geht offenbar davon aus, dass diese Priester, wenn sie denn existierten, immer männlich waren (vgl. Biller 2010, S. 305). Die Möglichkeit von Priesterinnen diskutiert er erst gar nicht, obwohl auf den Matronenweihesteinen auch Frauen dargestellt sind, die Opfer darbringen oder in einer Prozession voranschreiten. Allerdings könnte er sich auf Tacitus berufen, der auch nur von Priestern der Nerthus berichtet.

7. Matronenverehrung bei den Kelten und Germanen

In der Provinz Germania inferior, insbesondere im Ubierland, lebte zur Römerzeit eine keltisch-germanische Mischbevölkerung. Deshalb fällt es schwer, die Matronen eindeutig einer dieser Volksgruppen zuzuordnen. Tatsächlich kamen sie in beiden Völkern vor, bei den Kelten v.a. als Weihealtäre und Terrakotten, bei den Germanen in Sagen und Überlieferungen von Kulthandlungen. Die Belegsituation ist also bei beiden Volksgruppen sozusagen komplementär.

Das Ubierland war zwar ein Zentrum der Matronenverehrung im römischen Reich, aber Matronendarstellungen in Form von Weihealtären und Terrakotten kamen auch in anderen keltisch geprägten Provinzen vor, insbesondere in der Gallia Narbonensis (dem heutigen Südfrankreich), der Gallia Lugdunensis (Zentralfrankreich), der Gallia Cisalpina (Norditalien und westlicher Alpenraum) und – weniger intensiv – der Germania superior (Süddeutschland, vgl. de Vries 2006, S. 120). Möglicherweise gab es die Matronenverehrung schon längere Zeit, sie wurde aber erst für uns sichtbar, als die Kelten den Brauch annahmen, ihre Gottheiten nach dem Vorbild der Römer in Ton und Stein darzustellen. Sagen über die gallischen Matronen sind nicht überliefert.

Die hier vorkommenden mütterlichen Göttinnen werden in antiken Inschriften als Matronae (523), Matres/Matrae (184), Parcae (72), Iunones (59), Deae (53), Cereces (46), Suleviae (39), Campestres (38), Proxumae (36), Fatae (35), Silvanae (28), Nutrices (18) oder Fontes (11) genannt. Bereits diese Namen deuten die Vielfalt der Nebenfunktionen an, die diese Mütter ursprünglich hatten. Die Matres gelten häufig als die Schutzgöttinnen von ganzen Stämmen und Völkern, wie etwa die Treverischen Mütter aus dem Raum Tier (vgl. Birkhan 1997, S. 513).

Weiheinschriften für Matres und Matrae einerseits und für Matronae andererseits sind komplementär verteilt. Die Matres/Matrae erscheinen bevorzugt in der Gallia Narbonesis, der Gallia Lugdunensis und der Germania Superior. In der Gallia Cisalpina und der Germania Inferior werden unsere Göttinnen meistens Matronae genannt (vgl. Birkhan 1997, S. 516).

Die Matronen hatten offenbar auch eine Beziehung zu Gewässern. Die Matronae Vacallinehae aus Nöthen/Pesch steht offenbar in einem Zusammenhang mit dem Flussnamen Waal. Der Name des Flusses Marne geht ebenfalls auf die Matronen zurück; er hieß in der Römerzeit Matrona.

Die Göttinnen treten entweder allein oder als Triaden auf und erscheinen fast immer thronend. Sie sind in Gallien meistens nach klassisch griechisch-römischer Mode mit Tunika und Palla bekleidet und tragen als Attribute Früchte in Körben und Schalen, teilweise auch Ähren oder ein Füllhorn. Gelegentlich werden die Göttinnen mit Kleinkindern auf dem Schoß bzw. spielenden Kindern in ihrer Nähe abgebildet. Solche Darstellungen kommen bei Terrakotten viel häufiger vor als bei Steindenkmälern.

Andere Göttinnen werden als junge Frauen vom Typ der Venus Pudica dargestellt, die nur durch eine Fruchtschale als Matres zu erkennen sind.

Häufig werden die Matronen zusammen mit Tieren wie Hund, Schlange, Stier und Widder dargestellt. Oder auch mit Spinnrocken und Spindel sowie Gefäßen, aus denen Wasser quillt (vgl. Schauerte 1987, S. 62).

Wenn die Matronen als Triade dargestellt werden, sind in Gallien auch andere Kombinationen möglich, als im Ubierland. So werden manchmal drei identische Frauen mit offenen Haaren abgebildet oder aber zwei junge Frauen rechts und links und eine ältere Frau mit einer Haube in der Mitte.

Auf den gallischen Weihesteinen werden die Matronen – wie im Ubierland – meistens als Triade dargestellt, sehr selten auch als einzelne, als zwei, vier oder mehr Frauen. Diese Weihesteine wurden in Tempeln aufgestellt. Wie aus der Weiheformel VSLM ersichtlich ist, hauptsächlich in Erfüllung eines Gelübdes.

Es existieren aber sehr viel mehr Terracottenstatuetten als Weihesteine. In den ersten drei Jahrhunderten u.Z. wurden nach überschlägigen Berechnungen in den gallischen und rheinischen Töpferateliers 500.000 bis 1.000.000 Statuetten angefertigt, davon haben mütterliche Gottheiten einen Anteil von deutlich über 50%. Es handelt sich also schon fast um eine Massenproduktion. Hier ist der Anteil der einzelnen Gottheit deutlich höher. Wenn mehrere Frauen dargestellt werden, dann allerdings bevorzugt ebenfalls als Triaden.

Schauerte erklärt den hohen Anteil von Einzelgottheiten bei den Terrakotten damit, dass diese eher von den niedrigeren Volksschichten gekauft wurden und deshalb die Hersteller bestrebt sein mussten, sie für die geringen finanziellen Möglichkeiten dieser Schichten erschwinglich zu halten (vgl. Schauerte 1987, S. 60).

Terrakotten mütterlicher Gottheiten wurden hauptsächlich in Heiligtümern, in der Nähe von Quellen, bei Megalithen und allgemein bei Plätzen von besonders Ehrfurcht gebietendem Charakter gefunden. Weniger häufig auch in Gräbern und Privathäusern, wo sie dann nicht selten auf einem Hausaltar aufgestellt wurden. Diese Terrakotten wurden also häufig als Opfer dargebracht oder den Toten mitgegeben (vgl. Schauerte 1987, S. 89).

Der größte Teil Germaniens blieb außerhalb des römischen Reiches. Deshalb gibt es dort keine erhaltenen Matronendarstellungen. Dafür aber zahlreiche Sagen über eine Dreizahl von mystischen Frauen.

Als Disen werden im altnordischen verehrungswürdige, mystische Frauen bezeichnet. Matrona ist fast die exakte Übersetzung dieses Begriffs in das Lateinische. Nach der nordischen Mythologie sind die Disen geheimnisvolle Frauen, die den Menschen helfen, ihr Schicksal bestimmen und in einer nicht mehr klar erkennbaren Weise auch etwas mit ihrem Tod zu tun haben. In den Gesta Danorum wird berichtet, wie der Held Fridlefus das Schicksal seines Sohnes von drei in einem Tempel thronenden weisen Frauen erfahren möchte. Solche das Schicksal bestimmenden Gruppen von Frauen werden im Reginsmal (einem Teil der Liederedda) als Disen bezeichnet (vgl. Simek 2003, S. 126).

Den Disen entsprechen vielleicht die kontinentalgermanischen Idisen, die aus dem ersten Merseburger Zauberspruch und dem Namen Idistaviso, eigentlich Idisiaviso, also Frauenwiese, bekannt sind (vgl. Simek 2003, S. 127). Auf der Idisiaviso fand im Jahr 16 u.Z. eine Schlacht zwischen Germanen und Römern statt.

Eine ähnliche Funktion als Schicksalsfrauen hatten auch die Nornen, die der Edda zufolge als Dreiheit auftraten. Die Nornen sind Frauen, die in der Geburtsstunde das Schicksal für das Leben des Kindes bestimmen. In der Völuspa (ebenfalls ein Teil der Lieder-Edda) sitzen die drei Frauen Urd, Verdandi und Skuld (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) unter dem Weltenbaum Yggdrasil und bestimmen das Schicksal der Menschen.

Die Disen wurden auch kultisch verehrt, worauf die Bezeichnung Disablot („Disenopfer“) hinweist. In Skandinavien existieren zahlreiche Ortsnamen, die auf die Disen zurückgehen. Der Ortsname Dystingbo aus Norwegen bedeutet „Siedlung am Disen-Thing“ (vgl. Simek 2003, S. 126).

Beda Venerabilis berichtet davon, dass die Angelsachsen (zwischen 500 und 700 u.Z.) am 6. Januar das neue Jahr mit der Feier der „Modranicht“, also der Mütternacht begangen (vgl. Simek 2003, S. 127).

Allerdings gibt es in der germanischen Mythologie auch männliche Göttertriaden. Hier sind insbesondere die in den Erzählungen über die Erschaffung der Welt wichtigen Triaden Odin, Vili, Ve und Odin, Hönur, Loki zu erwähnen (vgl. Simek 2003, S. 108).

Hieraus und aus der Ikonographie der Matronen, in der zwei oder manchmal drei scheinbar identische Frauen dargestellt werden, schließen die meisten Wissenschaftler, dass die Matronendreiheit keine echte Dreiheit von Göttinnen mit unterschiedlichen Merkmalen, sondern eine Sekundärbildung einer ursprünglich männlichen Trinität ist. Einen weiteren Beleg hierfür sehen sie in der Tatsache, dass die Matronen bei offenbar identischer Bedeutung entweder als Einzelgottheit oder als Triade dargestellt werden.

Sie verweisen hier auf die Forschungen von Georges Dumézil, der bei seiner Analyse der indoeuropäischen Mythologie herausfand, dass sich deren Götter auf drei Funktionen zurückführen lassen, die den drei Ständen einer idealen indoeuropäischen Gesellschaft entsprechen, also Priester, Krieger und Bauern/Hirten. Daher komme die große Bedeutung der Zahl drei bei den indoeuropäischen Völkern (vgl. de Vries 2006, S. 157). Allerdings musste Dumézil zugestehen, dass die meisten Göttinnen, die ja zum größten Teil aus der alteuropäischen Kultur übernommen wurden, nicht in sein Schema passen (vgl. Gimbutas 2006, S. XVIII). Jan de Vries ist denn auch der Auffassung, dass die Matronenverehrung bei den Kelten zwar indoeuropäischen Ursprungs ist, aber zum Teil auch auf eine alteuropäische Kulturschicht zurückgeht (vgl. de Vries 2006, S. 123).

Ende Teil IX

Megalithkulturen in Nordhessen – Teil IV geschrieben von Mara

Samstag, 01. Juni 2013

11. Nachleben der Megalithkulturen in Sagen und Volksbräuchen

Mit der Inbesitznahme Europas durch die kriegerischen und patriarchalen Indoeuropäer (Streitaxtleute, Kelten, Germanen, Slawen etc.) endete die Megalithkulturen, die jahrtausendelang den Kontinent prägten. Aber die Dominanz der Eindringlinge war nicht vollkommen. Sie konnten zwar mittels ihrer überlegenen Waffen die alteuropäischen Kulturen zerstören und ihre patriarchale Gesellschaftsordnung etablieren. Allerdings war die Zahl der Indoeuropäer gering im Vergleich zur unterdrückten Urbevölkerung (vgl. de Vries 2006, S. 140). Religiöse Vorstellungen der Megalithkultur überlebten deshalb v.a. in Volksbräuchen und Sagen, in Erzählungen über Feen, Zwerge und Riesen, also in der sog. „Niederen Mythologie“, während die „Hohe Mythologie“, also die Sphäre der Götter, stärker von indoeuropäischen Vorstellungen beeinflusst wurde.

Häufig werden die Megalithgräber nun als die als Aufenthaltsort der Feen, Elfen oder der Unterirdischen betrachtet. Das gilt z.B. für Irland, Dänemark und Schweden. In Sardinien heißen viele Felsengräber „Domu de janas“, also Feenhäuser. Das Wort Jana für Fee leitet sich möglicherweise von der Großen Göttin Alteuropas und des Mittelmeeres, Dana, Danu, Ana oder später Diana ab (vgl. Derungs 1999, S. 162).

Zahlreiche lokale Sagen berichten auffällig oft davon, dass die Steine eines Megalithgrabes oder zusammen stehende Menhire eine versteinerte Hochzeitsgesellschaft seien. Die Braut wünschte, lieber zu Stein zu erstarren, als einen ungeliebten Mann zu heiraten, was nach Aussprechen des Wunsches eintrat. Sie liebte einen anderen Mann, mit dem sie aber nicht mehr zusammen kommen durfte, denn im vorindustriellen Patriarchat arrangierten im Allgemeinen die Väter des Braut und des Bräutigams die Ehen; die Wünsche der Tochter spielten da kaum eine Rolle. Die Braut hatte dem Bräutigam zu folgen, er führte sie weg von ihrem angestammten Zuhause und ihren Verwandten und Freundinnen in seine Sippe, wo sie nun seinen Ahnen vorgestellt wird und deren Wiedergeburt sichern soll. Bevor sie lebende Söhne geboren hat, hatte sie nur einen sehr geringen Status in dieser neuen Sippe. Sie wurde häufig schikaniert und mit den niedrigsten Arbeiten betraut. So wird der Hochzeitszug für die Braut zum Trauerzug. Kein Wunder, dass sie sich lieber in Stein verwandeln will, als diesem Mann zu folgen.

Diese Sagen sind möglicherweise eine Erinnerung an die Zeit des Umbruchs vom Matriarchat zum Patriarchat. Zur Zeit des Matriarchats waren Dolmen oder Steinkreise vielleicht Orte, an dem das Ritual der Heiligen Hochzeit stattfand. In diesem religiösen und sexuellen Ritual repräsentierte eine junge Frau die Göttin und ein Mann ihren Geliebten oder Heros. Es war immer die Frau, die sich ihren Geliebten unter den zahlreichen Bewerbern aussuchte. Ihre Vereinigung symbolisierte die wiederkehrende Fruchtbarkeit des Landes. Das änderte sich mit der Ankunft der Indoeuropäer. Der Eroberer-König heiratete jetzt zwangsweise im patriarchalen Sinne die Repräsentantin der Göttin und des Landes und erreichte so die Legitimation seiner Herrschaft. Die Ehefrauen und insbesondere die Frau des Königs waren von nun an zum Monogamie verpflichtet. Die Dolmen oder Steinkreise – bisher Orte der Lebensfreude – wurden jetzt für die Braut zu Orten der Trauer (vgl. Derungs 1999, S. 169). Einen vergleichbaren Hintergrund haben auch die altirischen Aitheda („Flucht“)-Geschichten, deren bekannteste das Epos von Tristan und Isolde ist (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 251).

Häufig fanden in älterer Zeit Hochzeiten an Megalithgräbern statt. Noch im Jahr 1197, am 25. Mai, heirateten der deutsche König Philipp von Schwaben und Irene von Konstantinopel auf dem Gunzenle, einem heute längst verschwundenen Grabhügel bei Augsburg (vgl. Kirchner 1999, S. 111ff).

Überall in den Megalithregionen Europa gab es den Brauch, dass sich Frauen auf den Deckstein eines Megalithgrabes setzten, von ihm herabrutschten oder von ihm heruntersprangen, wenn sie Kinder bekommen wollten.

Mancherorts gilt das Megalithgrab oder ein Menhir als Herkunftsort der Kinder, wie anderswo Quellen und Teiche (vgl. Kirchner 1999, S. 112).

Diese Bräuche gehen offensichtlich auf die sehr alten Vorstellungen zurück, nach denen die toten Vorfahren der Sippe aus den Megalithgräbern heraus in segensreicher Weise auf die Lebenden einwirken und schließlich in der eigenen Sippe wiedergeboren werden. Viele Frauen wollten sich durch direkte Berührung des Grabes dieser generative Macht der AhnInnen versichern.

Vermutlich steht auch der Brauch der Näpfchenbohrung in einem Zusammenhang mit diesen Vorstellungen. Viele Menhire, darunter auch der von Langenstein und der Wotanstein haben mehr oder weniger zahlreiche runde Grübchen und Ausschabungen. Wann diese angebracht wurden oder was sie bedeuten, ist unklar. Allerdings gibt es noch bekannte Volksbräuche, wie das Wetzen von Messern oder das Vernageln von Krankheiten an einem Menhir, die damit möglicherweise im Zusammenhang stehen. Der Brauch des Auswetzens von Rillen oder Näpfchen aus Steinen wurde im Mittelalter auch auf manche Kirchen übertragen und der Steinstaub aus diesen Ausschabungen galt noch im 19. Jahrhundert als Heilmittel. In einer magischen Denkweise überträgt sich die heilsame und schützende Kraft der AhInnen auf das Grab oder den Menhir selbst und von da auch auf kleine ausgeschabte Stücke dieses Grabes oder Menhirs. Nach ähnlichen Vorstellungen erhofften sich die Menschen im Mittelalter Linderung ihrer Leiden durch Berührung von Reliquien, also kleinen Stücken aus dem Besitz oder der sterblichen Überreste von Heiligen (vgl. Kirchner 1999, S. 116).

Auf die Rolle des Ahnengrabes als Kultplatz, an dem Versammlungen und kultische Spiele stattfanden und wo Recht gesprochen wurde, weist im deutschen Sprachraum der Begriff des Rosengartens hin. Er findet sich im Mittelalter in zahlreichen Varianten sehr häufig als Bezeichnung für Friedhöfe, Asylorte, Stätten der Rechtsprechung, Hinrichtungsorte, davon abgeleitet Gefängnisse und Orte, an denen Prostituierte oder andere Menschen mit als unehrlich angesehenen Berufen wohnten, aber auch als eingehegte Spiel- oder Festplätze. Häufig standen diese „Rosengärten“ nach Aussagen alter Urkunden in Zusammenhang mit einem Menhir oder einem Hügelgrab. Diese sind aber inzwischen besonders in den großen Städten fast alle beseitigt worden. Ursprünglich hießen diese Bezirke die Roten Gärten. Nach der Christianisierung ist aber der frühere Sinn dieser Bezeichnung vergessen worden und aufgrund von Lautähnlichkeit kam es zu einer Identifizierung mit dem Begriff Rose, aus den Roten Gärten wurden Rosengärten (vgl. Ranke 1999, S. 98ff).

Ende Teil IV

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil XVIII

Samstag, 09. Februar 2013

Ásatrú und die Germanen

Germanen

Die historische Einteilung und Quellenlage der Germanen ist etwas komplizierter als bei den Kelten, da die Germanen nicht nur aus vielen verschiedenen Völkern und Stämmen bestanden sondern auch, weil sie nicht wie die Kelten in abgegrenzte Randgebiete zurückgedrängt wurden sondern, im Gegenteil, spätestens mit der Völkerwanderung ab ca. 500 n. Chr. weite Teile Europas annektierten und verschiedene Kulturen ausprägten. Der wahrscheinliche Ursprung der germanischen Kulturen findet sich in Skandinavien und Nordosteuropa. Ab 120 v. Chr., mit der Völkerwanderung der Kimbern und Teutonen in den Süden, kam es vermehrt zu germanischen Besiedlungen keltischer Gebiete. Die Kelten wurden zurückgedrängt, und etwa 100 Jahre nach der Varusschlacht um 9 n. Chr. wurde die römische Grenze mit dem Rhein und der Donau und dazwischen mit dem Limes festgelegt. Links des Rheins gab es aber auch germanische Völker, die allerdings zum römischen Reich gehörten und – ähnlich wie die gallorömische Kultur – eine römisch-germanische Mischkultur herausbildeten (so sind auch einige germanische Gottheiten auf römischen Weihesteinen zu finden). Trotz der Grenze drangen ab dem 3. Jhdt. n. Chr. immer wieder rechtsrheinische Germanen in das römische Reich ein. Dieses (genauer das weströmische Reich) fand bekanntlich um ca. 500 n. Chr. sein Ende, und Germanen eroberten weite Teile Europas.

Die Zeitpunkte der Christianisierung der Germanen sind verschieden. So wurden germanische Stämme im Süden, wie die Goten, schon ab dem 4. Jhdt. n. Chr. christianisiert (erwähnt sei hier die berühmte gotische Bibel des Wulfila). Andere Stämme folgten, und nach und nach wurden auch christlich-germanische Königreiche gegründet (z. B. das Frankenreich durch Chlodwig I. im 6. Jhdt. oder das Imperium Karls des Großen im 9. Jhdt.). Während dieser Zeit des „dunklen“ Frühmittelalters existierten heidnische Stämme neben christlichen, und das Christentum hat sich erst nach und nach durchgesetzt – teils gewaltsam.

England, das von einheimischen Kelten und römischen Migranten besiedelt war, wurde ca. ab dem 5. Jhdt. n. Chr. (ein großer Teil der Bevölkerung war zu dieser Zeit bereits christlich) von einwandernden, heidnischen Angeln, Jüten und Sachsen, die dort dann unter dem Namen Angelsachsen zusammengefasst wurden, annektiert. Um ca. 700 n. Chr. waren auch die Angelsachsen weitgehend christianisiert. Die Sprache der Angelsachsen war Altenglisch.

Die letzte große Gruppe ist die der Wikinger, das sind die Germanen, die in Skandinavien sesshaft waren und durch Emigration in der Zeit vom 8. bis ins 11. Jhdt. n. Chr. auch in Russland, Großbritannien, Irland, Grönland und Island heimisch wurden. Ihre Sprache war großteils das Altnordische. Um das 10. Jhdt. wurden auch die Wikinger nach und nach christianisiert (in Island sogar durch parlamentarische Abstimmung!).

Wenn man von „Germanen“ spricht, meint man also eine Vielzahl von Völkern und Stämmen, die eine germanische Sprache sprechen, zeitlich von der Eisenzeit bis zum Beginn des Hochmittelalters fassbar sind (rein von der Sprache her wären heutzutage alle Menschen Germanen, die Deutsch, Englisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, Niederländisch etc. sprechen) und räumlich in fast ganz Europa und teilweise darüber hinaus verbreitet waren. Damit die Sache nicht allzu kompliziert wird, werde ich, was Jahreskreisfeste betrifft, mich vor allem auf die Angelsachsen und die Wikinger konzentrieren. Für diese beiden Einheiten habe ich auch die meisten Hinweise gefunden. Anmerken muss ich aber, dass die Art der Quellen ähnlich unbefriedigend ist wie bei den Kelten: Bei den antiken Germanen haben wir literarische Quellen von griechischen oder römischen Autoren und ab dem Mittelalter finden sich Beschreibungen heidnischer Germanen nur bei christlichen Gegenspielern oder Nachfolgern. Um beim Puzzle-Bild zu bleiben: Vielleicht haben wir bei den Germanen 200 Stück eines 1000-Teile-Puzzles.

Fangen wir aber in der Antike an. Die ersten umfassenden Zeugnisse über die Germanen finden wir beim römischen Schriftsteller Tacitus (1. Jhdt. n. Chr.) in seiner „Germania“ (frühere Hinweise sind eher spärlich). Dort beschreibt er, dass die Germanen an Neu- oder Vollmonden Volksversammlungen (die später als „Thing“ bekannt wurden) abhielten, da sie diese Zeiten für besonders günstig hielten. Aus diesem Hinweis könnte man entnehmen, dass die antiken Germanen einen Mond- oder Sonnemondkalender hatten. Auch rechneten die Germanen die Tage nach den Nächten davor – also so wie auch die Kelten.

Tacitus ist es auch, der einen ersten Hinweis für ein Jahreskreisfest liefert, allerdings nicht in der Germania sondern als kurze Erwähnung in seinen Annalen (I, 51). Es handelt sich um das bereits oben erwähnte Fest der Göttin Tamfana (Stammesgöttin der Marser), deren Heiligtum von den Truppen des Claudius Germanicus genau an ihrem Festtag (der für den 28. September oder den 27. Oktober angenommen wird) zerstört worden war. Tamfana dürfte vielleicht eine Herbst- oder Erntegöttin sein.

Gehen wir ein paar Jahrhunderte weiter zu den Goten. Dort haben wir ein kleines Kalenderfragment, den Codex Ambrosianus A aus dem 6./7. Jhdt. n. Chr., wo zum ersten Mal das Julfest erwähnt wird. Da steht für den Monat November: „Naubaimbair: fruma Jiuleis“ (November: der Monat vor der Julzeit/der erste Julmonat).

Um noch kurz am europäischen Festland zu bleiben: Hinweise auf vorchristliche Jahreskreisfeste sind hier offenbar eher eine Seltenheit. Zwei Dinge habe ich aber entdeckt:  Einen vorchristlichen Maibaum im Gebiet um Aachen und Sommersonnwendfeiern in Flandern. Näheres dazu im Kapitel über das Christentum und im Anhang.

Kommen wir nun zu einem weit besser bezeugten Jahreskreis und reisen hierzu nach England des 7./8. Jhdts. n. Chr. Hier weilte der angelsächsische Benediktinermönch Beda Venerabilis und schrieb eine Abhandlung über verschiedene Kalender, nämlich „De Temporum Ratione“. Freundlicherweise hat er auch den heidnischen angelsächsischen Kalender in seinem Werk aufgenommen und zwar im Kapitel „De mensibus Anglorum“.

Beda schreibt, dass die vorchristlichen Engländer die Monate nach dem Mond berechneten (also einen lunisolaren Kalender hatten). Der Mond hieß Mona, der Monat Monath. Jedes Jahr bestand aus vier Jahreszeiten zu je drei Monaten, mit Ausnahme der Schaltjahre, die einen vierten Sommermonat, „Thri-lidi“ genannt, hatten. Vor dieser Zeiteinteilung hatte das Jahr nur zwei Jahreszeiten, nämlich Sommer und Winter. Der Sommer war von April bis September (die Zeit, wo die Tage länger als die Nächte waren) und der Winter dauerte von Oktober bis März (die Zeit, wo die Nächte länger als die Tage waren).

Die einzelnen Monate, wie Beda sie beschreibt:

Der Jahresbeginn fiel auf den 25. Dezember, wenn Weihnachten ist. Er hieß Modranecht „Mütternacht“, weil da Rituale stattfanden. Giuli heißt so, weil die Sonne umkehrt und wieder stärker wird. (Der Jahresbeginn fiel also in den Monat Giuli. Es gab zwei Giuli-Monate – der eine markierte den Jänner der andere den Dezember am Ende des Jahres.)

Solmonath heißt so wegen der Kuchen, die in diesem Monat den Göttern geopfert werden.

Hred-monath heißt so wegen ihrer Göttin Hreda, der in diesem Monat Opfer gebracht werden.

Eostur-monath, der heute Pessach (Ostern) ist, heißt so wegen der Göttin Eostrae, die in diesem Monat mit Festen geehrt wird. Nun bezeichnen sie das Pessachfest mit dem Namen ihres Monats (Eostur-Monath).

Thrimilchi heißt so, weil in diesem Monat das Vieh dreimal täglich gemolken wird.

Lida heißt sanft/mild oder schiffbar, weil in dieser Zeit immer eine sanfte Brise weht und diese Zeit gut für die Schifffahrt ist. Lida gibt es zweimal hintereinander.

Weod-Monath heißt Monat des Grases, das zu dieser Zeit reichlich wächst.

Haleg-Monath ist der Monat der heiligen Riten.

Zu Winter-fylleth beginnt der Winter, und zwar an Vollmond (fylleth heißt Fülle- bzw. Vollmond).

Blot-Monath ist der Opfer-Monat, da das Schlachtvieh ihren Göttern versprochen wird.

Ende Teil XVIII