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Rede an die Rechit, geschrieben von Merienptah

Samstag, 24. Januar 2015

Angesichts der erschreckenden Geschehnisse der letzten Tage, Wochen und Monate kann ich nicht länger schweigen und muss meine Worte an Euch richten.

Beschimpfe keinen einfachen Mann, denn Beleidigungen führen zu Schlägerei,

und Schlägerei führt zu Mord.

Sei nicht überheblich und arrogant,

beurteile nichts ohne es zu kennen,

verurteile niemanden ohne ihn zu hören.

Siehe, man kämpft auf dem Kampfplatz, denn das Gestern ist vergessen.

Nichts gelingt dem, der den nicht mehr kennt, den er gekannt hat.

Verhülle dein Angesicht nicht gegenüber dem, den du gekannt hast,

sei nicht blind gegenüber dem, auf den du geblickt hast,

stoße nicht zurück den, der sich bittend an dich wendet.

Wenn du in einer Stellung bist, dass man sich an dich wendet,

dann sollst du hören auf die Worte des Bittstellers.

Weise ihn nicht ab, bis er seinen Leib ausgefegt hat von dem,

was er sich zu sagen vorgenommen hat.

Wer Kummer hat, möchte lieber sein Herz erleichtern als Erfolg haben mit dem,

weswegen er gekommen ist.

Nicht alles, worum er bittet, kann erfüllt werden. Das weiß auch er.

Aber schon gut Zuhören tut seinem Herzen wohl.

Schneller ist die Rede eines, dessen Herz geschädigt ist, als Wind und Regen.

Er wird zerstört und er wird erbaut durch seine Zunge

und doch spricht er mangelhafte Rede.

Er gibt eine Antwort, die Prügel verdient, indem ihre Fracht Schädigung ist.

Er macht eine Fahrt unter den Menschen, indem er falsche Rede geladen hat.

Er ist ein Fährmann, der von Worten gefangen ist, er wird umgetrieben im Streit.

Er ist wie ein junger Wolf in der Viehherde.

Und so wird Maat gegeben dem, der tut, was geliebt wird.

Und so wird Isfet gegeben dem, der tut, was gehasst wird.

Und so wird Leben gegeben dem Friedfertigen

und Tod gegeben dem Rebellischen.

Tausende weitere Zitate aus den alten Lehren Kemets könnte man hier anführen, dennoch wäre die Botschaft immer nahezu dieselbe. Der Blick aus dem Fenster hinaus auf die Straße und in die Welt hinein zeigt uns aber leider deutlich dass die Menschen den Inhalt dieser einfachen Lehren für ein respektvolles Zusammenleben in einer Gesellschaft mittlerweile verdrängt oder gar gänzlich vergessen zu haben scheinen.

Redner aller Gruppierungen, Parteien und Minderheiten; dies ist kein Phänomen einzelner Gruppen sondern es durchzieht die Gesellschaft gerade wie ein roter Faden; verbreiten ihre Hetze im ganzen Land, entfachen damit Hass und Missgunst und stacheln eine Minderheit gegen eine Andere auf, Hilfesuchende und Flüchtende werden zu Feinden gemacht, Andersgläubige werden dämonisiert und denunziert, Randgruppen noch weiter ausgegrenzt. Mit vollen Händen wird Angst geschürt und Hass gesät und wenn diese Saat aufgeht, erblüht Terror und Gewalt was schlussendlich zum Mord führt.

Wo bleibt bei all dem künstlich geschürten Hass die Menschlichkeit? Ist das wirklich die Art von Gesellschaft in der wir alle gemeinsam leben wollen? Wo jeder, der auch nur ansatzweise anders ist als die breite Masse Furcht haben muss vor Beleidigungen, Denunziation, Ausgrenzung oder Verbalattacken und gewaltsamen Übergriffen bis hin zum Mord?

Wollen wir wirklich in so einer Welt leben, in einer Welt in der man Angst haben muss zu zeigen wer und wie man ist oder in der man sich fürchten muss offen zu sagen was man denkt?

Wenn ein jeder ehrlich zu sich selbst und zu den Menschen in seiner Umgebung ist, dann wird er zugeben müssen, dass auch er selbst auf die eine oder andere Weise zu der einen oder anderen Minderheit oder gar Randgruppe gehört. Wir Menschen sind nicht alle gleich und wir werden nie alle gleich sein. Diese Unterschiede allerdings machen uns weder besser noch schlechter als die Anderen und sollten einfach respektiert werden.

Ist es denn fair, nur um von der eigenen Andersartigkeit abzulenken und um diese zu überdecken Andere, die ebenfalls ein wenig anders sind als die Masse, zu beleidigen, sie zu Feinden zu stilisieren oder ihnen gar Gewalt anzutun?

Wer gibt einem Menschen das Recht sich aus ideologischen oder religiösen Gründen über einen anderen Menschen zu erheben, nur weil er anders ist?

Keine Religion der Welt, ganz gleich aus welcher Zeit und welcher Gegend sie auch immer stammen mag und ganz gleich wer auch immer versucht sie für sich zu instrumentalisieren, heißt derartige Barbarei gut. Und wer behauptet dass seine Religion ihm diese Bösartigkeiten, diesen unmenschlichen Hass und diese rohe Gewalt anderen gegenüber abverlangt, der lügt und hat nichts von den grundlegenden moralischen Werten einer jeden Religion verstanden.

Es geht hier nicht um Toleranz, denn Toleranz meint aufs Wesentliche heruntergebrochen nur etwas schlecht zu finden, es stillschweigend hinzunehmen aber nicht zu sagen dass man es schlecht findet. Es geht um Akzeptanz und Respekt. Akzeptieren und respektieren kann man allerdings nur das, was man kennt. Wer glaubt was einem die Hetzprediger einimpfen und diesen dann blind folgt ohne selbst darüber nachzudenken und für sich selbst zu hinterfragen was das Gesagte bedeutet und welche Folgen das hat, der ist entweder zu dumm um zu verstehen oder zu faul und zu bequem sich eine eigene Meinung zu bilden. Beides ist schlecht. Dabei sind die Dummen ohne Schuld, was sie aber nicht weniger gefährlich macht.

Wer sich einreden lässt, dass die Religion einer Minderheit eine Gefahr darstellt und wer sich einreden lässt dass Menschen, die aus Angst vor Krieg und Terror aus ihrer Heimat geflohen sind und bei uns Schutz suchen die Gesellschaft zerstören könnten, sollte sich, bevor er laut brüllend auf die Straßen geht und versucht einen imaginären Feind durch sinnleere Parolen zu beleidigen, die Mühe machen sich zu informieren wogegen er sein Wort erhebt. Nur weil einige wenige Fanatiker, die ihren eigenen Glauben und dessen moralische Grundsätze nicht mal ansatzweise verstanden haben, falsch handeln und Böses tun sind nicht gleich alle Anhänger dieser Religion auch schlecht.

Nur weil ein Hund einen Menschen angefallen hat sind doch nicht gleich alle Hunde gefährlich, nur weil ein Mann eine Frau geschlagen hat sind doch nicht alle Männer gewalttätig, nur weil ein Bettler einen Menschen bestohlen hat, sind doch nicht alle Bettler Diebe.

Die Saat des Hasses und der Angst fällt auf fruchtbaren Boden wenn die Menschen sich nicht mehr die Mühe machen eigenständig zu denken und dieses Denken dann einigen selbsternannten Führern überlassen, wenn sich die Menschen aus Bequemlichkeit das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lassen und aufhören für sich selbst zu bestimmen was sie gut oder schlecht finden oder was richtig und falsch ist. Jeder ist für seine Taten selbst verantwortlich und auch für das was er unterlässt zu tun, wenn es eigentlich an der Zeit wäre zu Handeln.

Das Denken kann einem niemand abnehmen und die Verantwortung für sein Handeln auch nicht.

Auch wir sind eine religiöse Minderheit, doch wünsche ich mir dass wir alle, egal welcher Minderheit oder Randgruppe wir auch immer angehören mögen, uns nicht einschüchtern lassen, dass wir uns nicht beherrschen und unterdrücken lassen durch die Angst vor fanatischen Irrläufern, dass wir uns nicht vertreiben lassen aus einer Gesellschaft, die uns und allen anderen Menschen hier so lange Frieden und Sicherheit bot.

Ich wünsche mir, dass wir als Minderheit auch nicht aus Angst stillschweigend dabei zusehen wie einige wenige Verwirrte diese Gesellschaft, die auch unsere Heimat ist, in den Untergang reißen.

Wir alle haben eine Stimme, und wir alle können „nein“ sagen zu dieser barbarischen Entwicklung von Hass, Gewalt und Missgunst. Wir können ein gutes Beispiel abgeben und zeigen dass wir nicht stillschweigend hinnehmen werden, wie die Welt in der wir leben von radikalen Islamisten, Salafisten, Antisemitisten, Rassisten, Homophobikern oder anderen Fanatikern allgemein in Chaos, Angst und Terror gestürzt wird.

Tränen für die unschuldigen Opfer dieses Wahnsinns, und Tränen für die verblendeten Täter, die nicht verstehen was sie sich selbst und denen in ihrer Umgebung antun.

Hilf denen, die Hilfe suchen.

Höre die an, die um Gehör bitten.

Schweige nicht aus Angst wenn Dir Unrecht begegnet.

Von der Weisheit Kemets – Teil III, geschrieben von Merienptah

Samstag, 10. Januar 2015

Auch dieser Text könnte gut seinen Platz in einem modernen Benimmbüchlein finden, auch wenn er etwas blumig formuliert ist. Diese Art der Formulierung der Weisheitslehren ist aber gar nicht so ungewöhnlich, zwingt sie doch den Leser dazu sich eingehender mit dem Text zu befassen um zu verstehen was er aussagt. Eine einfache Auflistung der Machart „Du sollst nicht… „ wie in den christlichen 10 Geboten wird man in den Weisheitslehren Kemets vergeblich suchen. Die Lehren sagen was man wie tun soll und erläutern was passieren wird wenn man es nicht tut, oder umgekehrt erwähnen sie was man besser lassen sollte damit gewisse Ereignisse eben nicht eintreten.

Dabei bleiben sie teilweise sehr vage in ihren Beschreibungen, gehen andererseits aber auch sehr ins Detail, das ist von Fall zu Fall verschieden. Einige der Lehren sind moralische Kompasse die einen groben Kurs vorgeben ohne bestimmte Details aufzulisten, andere sind derart detailverliebt dass kaum Spielraum für Interpretationen bleibt.

So sagt Ani an einer anderen Stelle zu seinem Sohn:

Gehe nicht in eine Menschenmenge hinein, auf die du getroffen bist,

wenn sie gerade begonnen haben sich zu prügeln.

Ihre Umgebung sollst du in weitem Abstand passieren,

damit du von Verletzungen verschont bleibst.“

Zum gleichen Thema besagt die etwa 600 Jahre ältere Lehre eines Mannes für seinen Sohn:

Suche keinen Streit, sondern sei zurückhaltend,

wenn du an einer Menschenansammlung vorübergehst.

Trenne ja nicht zwei Männer, die zornig aufeinander sind!

Ihre Wut nämlich richtet sich gegen den, der den Streit schlichten will!

Und wenn du vermeiden willst, zerkratzt zu werden,

dann mische dich niemals in den Streit zweier Frauen! “

Die Lehre des Anchscheschonq aus der hellenistischen Zeit hat auch zu diesem Thema etwas zu sagen und unterscheidet sich inhaltlich nicht wirklich von ihren älteren Vorgängern:

Wenn zwei Brüder miteinander streiten, gehe ja nicht dazwischen!

Wer sich dazwischendrängt, wenn sich zwei Brüder streiten,

den nehmen sie sich vor, wenn sie wieder versöhnt sind.“

Bei den Sebait handelt es sich ähnlich wie im Buch „Über den Umgang mit Menschen“ von Adolph Freiherr Knigge (1752–1796), das heutzutage ja noch immer allerorts zitiert wird, eher um die Grundsätze der guten Umgangsformen als weniger um die Regeln der Etikette. Die Sebait vermitteln allgemeine soziale Grundsätze um ein geachtetes Mitglied der Gemeinschaft zu werden und ein den Regeln der Maat entsprechendes Leben zu führen.

Genaue Handlungsvorschriften wie sie die Formen der Etikette bilden, also explizite Benimmregeln werden in den Sebait höchstens angedeutet.

Die Sebait werden dabei in sechs Kategorien unterteilt, die sich jeweiligen Hauptthemen widmen. Der erste und wichtigste Teil handelt dabei vom Umgang mit den Menschen. Hier werden allgemeine Verhaltensregeln beschrieben, wobei sich diese weniger aus religiösen Grundlagen speisen als eher aus den Anforderungen einer friedlichen Gemeinschaft, auch wenn man all diese Moralgrundsätze niemals gänzlich von der Religion losgelöst betrachten sollte.

Der zweite Teil behandelt Tugenden und Laster, wobei auffällt dass sich die Tugenden von damals von denen der heutigen Zeit kaum unterscheiden. Ebenso verhält es sich mit den Untugenden, also den Lastern und Verfehlungen der Menschen. Auch darin unterscheiden sich die Kemeten der Pyramidenzeit nicht wirklich von den Menschen des 21. nachchristlichen Jahrhunderts.

Der dritte und am blumigsten ausgeschmückte Teil der Sebait handelt von Liebe und Leidenschaft, hier werden mit nahezu schmalztriefenden Formulierungen und Ausschmückungen Tipps und Tricks

Gegeben wie man denn in Beziehungsdingen vorankommt und „die Holde“ erobert oder wie man in Fragen der Sexualität am besten vorgeht, Einige Texte dieser Rubrik könnte man fast als Sexualratgeber bezeichnen. Aber auch moralische Grundsätze werden in dieser Kategorie vermittelt die klar machen dass beispielsweise voreheliche Sexualität nicht nur Spaß bedeutet sondern auch gewisse Risiken bergen kann.

Der vierte Teil behandelt die in der heutigen Zeit oftmals ausgeblendeten Fragen zu Krankheit, Alter und Tod, aber auch Richtlinien die das angemessene Verhalten der verschiedenen Altersgruppen untereinander und den gegenseitigen Respekt beschreiben. Einige Lehren dieser Kategorie beschreiben gar, was heute etwas befremdlich erscheinen mag, den Umgang der Lebenden mit den Toten.

Teil fünf der Sebait ist wohl der am melodramatischsten beschriebene Teil der Weisheitslehren, er beschreibt den Glanz und das Elend der Schöpfung, also die guten Dinge der Welt wie beispielsweise medizinische und wissenschaftliche Errungenschaften der Menschen aber im Umkehrschluss auch die Entartungen all dieser Errungenschaften und die manchmal bis in die Perversion gesteigerten Ausblühungen die die menschliche Gesellschaft hervorbringt. Dabei ist es manchmal beinahe erschreckend wie ähnlich die alten Kemeten den Menschen von heute in der Art und Weise sind wie sie die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel instrumentalisiert und eingesetzt haben um bestimmte Ziele zu erreichen. Ebenso gedankenlos verhält sich die moderne Gesellschaft auch, wenn auch mit ausgereifteren und dadurch gefährlicheren Mitteln als damals.

Der sechste und letzte Teil der Sebait behandelt dann die sogenannten Geheimnisse. Ein Großteil dieser Lehren befasst sich mit Themen über Magie, Zauber und Orakel. Diese Kategorie ist wohl die interessanteste, aber auch die schwierigste und die am kompliziertesten umschriebene der Sebait. Einige Schriften aus dieser Kategorie bilden die Grundsätze für die heutige Hermetik, auch wenn die kemetischen Lehrsätze darin oftmals fehlinterpretiert und umgedeutet oder gänzlich falsch verstanden wurden.

Neben den Sebait, also den sozialethischen und moralischen Unterweisungen gibt es auch noch Schriften die man tatsächlich als Lehrbücher bezeichnen kann, sie behandeln allgemeine Fragen zu Medizin und Wissenschaft, wie Mathematik, Physik, Astronomie, Geschichte und Biologie. Einige wenige dieser Schriften behandeln gar sozial- und sozioökonomische sowie politische oder wirtschaftswissenschaftliche Grundsatzfragen. Der religiöse Aspekt, der zwar nicht ausgeklammert werden darf, da die Religion in Kemet alle Lebensbereiche durchdringt und untrennbar miteinander verbindet, spielt in diesen Werken, ganz gleich ob es nun die moralischen Lehren oder die wissenschaftlichen Lehrbücher sind, eine weitaus geringere Rolle als man bei Kemet im allgemeinen denken würde.

Was uns aber all diese Schriften, ob es sich dabei nun um die moralischen Kompasse der Sebait oder um die wissenschaftlichen Lehrbücher Kemets handelt, deutlich machen ist dass sich das Wesen der Menschheit in den letzten Jahrtausenden nicht wirklich verändert hat. Die Menschen von heute funktionieren nach denselben Mechanismen wie die von Damals. Einzig die eingesetzten Mittel und Werkzeuge haben sich mit der Zeit verändert und weiterentwickelt, die Menschen aber sind geblieben wie sie waren, auch wenn sie das heute nicht wirklich gern hören.

Weder ist die Menschheit in den letzten fünf vergangenen Jahrtausenden ruhiger und friedlicher geworden, eher im Gegenteil, noch wurde sie wirklich reifer und klüger. Die Menschen im Hier und Jetzt machen die gleichen Fehler wie die Menschen damals, sie fühlen, lieben und hassen wie diese, sie bereichern sich und betrügen genauso, sie beuten ihre Umwelt noch immer gnadenlos aus und sind ebenso wie die Damaligen nicht in der Lage über längere Zeit aus ihren Fehlern zu lernen und trotz alledem streben sie immer nach der perfekten Gesellschaft.

Diese letzten beiden Punkte sorgen vor allen anderen dafür, dass die Sebait trotz ihres hohen Alters von bis zu 5000 Jahren bis in die heutige Zeit nichts von ihrer Aktualität verloren haben, manche von ihnen könnte man glatt als „modern“ bezeichnen.

Von der Weisheit Kemets – Teil II, geschrieben von Merienptah

Samstag, 06. Dezember 2014

Ein Großteil dieser Schriften sind die sogenannten Weisheitslehren, die auf kemetisch als „Sebait“ also „Lehren/Unterweisungen“ bezeichnet werden. Sie sind eine Art moralischer Kompass die sich thematisch mit dem Umgang der Menschen untereinander, mit Tugenden und Lastern, Liebe und Leidenschaft, Leben und Tod oder Magie, Zauber und Orakeln beschäftigen.

Die Sebait sind in der Art verfasst worden als ob ein Weiser (in den meisten Fällen der Vater dem Sohn, aber auch Könige, Priester oder sogar bestimmte Götter) einem „Jüngling“ sein Wissen und seine Lebenserfahrungen wie ein Testament mit auf den Lebensweg gibt. Diese Lehren sind eine Sammlung von sozialen und moralischen Maximen, die den jungen Menschen zu einer verantwortlichen und vernünftigen Lebensführung anhalten sollen, damit er sich in die kemetische Gemeinschaft, sei es als Vorgesetzter oder eben auch als Untergebener, einfügen kann. Bei einer Befolgung der Lehre stehen am Ende Glück und Erfolg als Lohn, bei einer Missachtung aber Scheitern und Unglück als Strafe.

Die moderne, westliche Welt trennt vom alten Kemet eine lange Zeit, die uns auch deshalb so lang erscheint, weil unser eigenes Leben uns so kurz vorkommt. Aber was ist schon ein Jahrhundert? Es umfasst nur drei bis vier Generationen und selbst ein Jahrtausend enthält nur die Aufeinanderfolge von höchstens 40 Menschen. Wenn man die Zeitrechnung auf diese Weise betrachtet trennen uns im Hier und Jetzt nur etwa 240 Generationen von den Ursprüngen der der historisch verfolgbaren Menschheitsgeschichte vor etwa 6000 Jahren. Mag sich auch vieles in unserer durch die rasante Entwicklung der Technik und der neuen Medien geprägten modernen Welt in dieser Zeitspanne verändert haben, so stehen uns die alten Kemeten als Verfasser dieser Weisheitslehren doch in ihren Empfindungen; Vorstellungen und Gedanken recht nah.

Die 200 Generationen die die ersten Verfasser der ältesten Weisheitslehren von unserer heutigen Welt trennen haben nicht viel an den menschlichen Empfindungen und Gemütsregungen verändert. Die Vorstellungen des alten Kemet über Recht, Gerechtigkeit und Wahrheit sind den Menschen der modernen Welt noch genauso vertraut, denn das was damals als richtig und rechtschaffend erachtet wurde hat heute seinen moralischen Stellenwert nicht im Geringsten eingebüßt. Aber auch die erschreckenden Abgründe des menschlichen Charakters führen uns die Autoren der Sebait vor Augen; in poetischen Bildern, die so frisch und aktuell erscheinen, als seien sie erst vor kurzem niedergeschrieben worden. Denn der Mensch und sein Verhalten, seine charakterlichen Eigenschaften, Gute wie Böse, haben sich bis heute nicht im Geringsten verändert. Deshalb mag es erschrecken, aber auch überraschen dass unsere bis zu 5000 Jahre alten Texte, wenn man sie heute liest, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Hüte dich davor, einen Armen zu berauben oder einem Schwachen Gewalt anzutun.

Strecke die Hand nicht nach einem Alten aus um ihm zu nahe zu treten.

Beginne auch die Rede nicht bei einem Älteren.

Lass dich nicht mit einer schlimmen Botschaft ausschicken,

und sei nicht begierig, sie zu überbringen.

Lache nicht über einen Blinden, verhöhne einen Verwachsenen nicht,

und erschwere nicht die Lage eines Lahmen!

Verspotte keinen Mann, der in Gottes Hand ist (einen Schwachsinnigen),

und zürne nicht gegen ihn, wenn er gefehlt hat. …“

Auszug aus der Lehre des Amenemope (Wie man ein guter Mensch wird)

Ähnliche moralische Verhaltenscodizes liefert auch die moderne, westliche Literatur, doch dieser über 3000 Jahre alte Text könnte genauso gut auch heute noch einem „Benimmführer“ beigefügt werden, denn die Aussage des Textes ist trotz des Alters modern und aktuell wie eh und je.

Iss nicht, während einer daneben steht, ohne dass du ihm die Hand hinstreckst.

Speisen gibt es ja jeden Tag.

Der Mensch durchlebt ein Menschenalter und geht dahin. Der andere aber lebt fort, und die Nahrung bleibt und begleitet ihn.

Doch wer letztes Jahr reich war, kann in diesem Jahr schon ein Bettler sein.

Sei nicht gierig, deinen Leib zu füllen, obgleich du dein Ende nicht kennst.

Denn all deine Habe ist vergänglich, und ein anderer könnte dir Gutes tun müssen.

Die Wasserflut des Vorjahres ist verschwunden,

heute findet sich hier ein anderer Fluss.

Der Sumpf ist trocken geworden, und Sandbänke haben sich in Untiefen verwandelt.

Der Mensch selbst vermag nichts, ein Plan kann durch das Leben geändert werden.

Achte auf deine Position, ob sie niedrig sei oder hoch.

Vorwärtsdrängen ist nicht gut, sondern tritt deinem Rang gemäß auf.

Belästige einen Mann nicht in seinem eigenen Haus,

sondern tritt nur ein, wenn du gerufen wirst,

sonst mag er zwar „Willkommen“ sagen mit seinem Mund,

aber er verachtet dich in seinen Gedanken.

Denn Nahrung gibt man auch dem, den man verachtet,

und Speise dem, der ungeladen vorbeikommt.

Setz dich nicht hin, wenn einer steht, der älter ist als du, oder wenn er jünger ist, höher im Rang.

Ein gutes Benehmen tadelt man nicht, aber über ein schlechtes Benehmen wird geredet. …“

Auszug aus der Lehre des Ani (Unterweisung für meinen Sohn Chonsuhotep)

Ende Teil II

Von der Weisheit Kemets – Teil I, geschrieben von Merienptah

Samstag, 15. November 2014

Im alten Kemet wurde die gesprochene Sprache erstmals in der Geschichte der Menschheit künstlerisch geformt und für die Nachwelt schriftlich festgehalten. So wurde ein Fundament geschaffen, auf dem sich seit über fünf Jahrtausenden große Dichtungen entwickelten, die noch heute zur Weltliteratur gehören. Da unsere Schrift und unsere Sprache in späterer Zeit aber in der Welt größtenteils in Vergessenheit gerieten verband man unsere Kultur lange Zeit nicht mit literarischen Kunstwerken wie Dramen, Märchen, Erzählungen und Lyrik oder mit religiösen Vorstellungen, Hymnen und Gebeten, sondern vor allem mit imposanten Bauten wie den Pyramiden und den Tempeln entlang des Nils.

Die Literatur, dieser bedeutende Teil der kemetischen Kultur blieb aber über die Jahrhunderte der Stille hinweg in unserer Gemeinschaft zum Teil erhalten, da unsere Priesterschaft tausende Abschriften der alten kemetischen Schriftstücke aufbewahrte.

Seitdem die Welt in den letzten zwei Jahrhunderten wieder erlernt hat unsere Schrift zu lesen und unsere Sprache zu verstehen gelangen immer wieder Teile unserer Literatur ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurück und werfen ein etwas differenzierteres Licht auf unsere alte Kultur, die mehr zu bieten hat als gigantische Baudenkmäler und vergoldete Mumien.

Im Laufe der Geschichte unserer Kultur blühte unsere Literatur auf, verbreitete sich in der Zeit des Hellenismus über nahezu die gesamte bekannte Welt und verschwand danach am Ende der Antike nahezu vollständig aus dem Bewusstsein der Menschen.

Nach der Befreiung Kemets von den Persern durch Alexander den Großen kam es zu einer religiösen und kulturellen Annäherung zwischen der hellenistisch-griechischen Kultur und der Kemets; und als unsere Heimat drei Jahrhunderte später ihre Unabhängigkeit und Freiheit endgültig verlor und im römischen Imperium aufging verbreiteten sich unsere Kulte und Schriften im gesamten Reich bis hinauf nach Britannien. Die Geschichte unserer Könige und die Bräuche unserer Kultur wurden von griechischen und römischen Autoren niedergeschrieben, teilweise aber auch fantastisch ausgeschmückt und übertrieben.

Der Griechische Geschichtsschreiber Herodot, der im 5. Jahrhundert v.Chr. unser Land bereiste und der von der westlichen Kultur oftmals als „Vater der Geschichtsschreibung“ bezeichnet wird zeichnete in seinen Historien seine unterschiedlichen Eindrücke und teilweise missverstandenen Informationen auf. Daneben trugen vor allem die Geschichtsbücher des Diodor (1. Jhd. v.Chr.), das geographische Werk des Strabon (63 v.-19 n.Chr.) sowie die Naturgeschichte von Plinius dem Älteren (23 – 79 n.Chr.) in der Welt zur Kenntnis über unser Land und unsere Kultur bei, auch wenn einige Punkte dabei missinterpretiert und somit verfälscht oder verzerrt wiedergegeben wurden.

In der Phase der Ägyptomanie der römischen Kaiserzeit, als es in der Oberschicht Roms Mode war sich ägyptisch zu kleiden, ägyptische Kunstwerke in seinem Heim aufzustellen und als Touristen das Land am Nil zu besuchen kamen neue Impulse zur Rezeption über unser Land hinzu. Selbst gewaltige Kunstwerke wurden aus unserem Land verschleppt und im ganzen Imperium verteilt, so zum Beispiel die Obelisken die nach Rom verschifft wurden um als Zeiger für Sonnenuhren oder Wendemarken im Zirkus zu dienen. Daran sieht man gut dass schon zur damaligen Zeit unsere Kultur nicht mehr genau verstanden wurde und dass man sie mehr als Kuriositätenkabinett benütze.

Ebenso geschah es mit unseren Schriften, die missinterpretiert und fehlgedeutet, weit ausgelegt übers gesamte Imperium verteilt wurden und somit ein völlig falsches Bild über unsere Kultur zeichneten. Ein gutes Beispiel dafür sind die seit der Spätantike im Umlauf befindlichen hermetischen Literaturwerke, das heißt Offenbarungen und Geheimlehren, die der ägyptische Weise Hermes Trismegistos verfasst haben soll, hinter dessen Namen sich angeblich der kemetische Gott der Weisheit Djehuti (Thot) verbirgt. Diese hermetischen Schriften, die heute die Grundlage vieler esoterischer Gruppen bilden, die sich damit auf die Weisheit Ägyptens und damit die des alten Kemet und sein jahrtausendealtes Wissen berufen sind unserer Kultur aber so fremd wie hinduistische Göttergeschichten den Büchern der Bibel. Hermetik und Kemet haben absolut nichts gemeinsam.

Über Jahrtausende hinweg sammelten unsere Priester in den Tempelarchiven das Wissen unserer Kultur was dazu führte dass Kemet lange Zeit als Wiege der Weisheit und Mutter der Kultur bezeichnet wurde, was sicherlich eine gewisse Übertreibung darstellt aber den Kern der Sache auch nicht gänzlich verfehlt.

Neben den bürokratischen Schriftstücken der Tempel- und Staatsverwaltung, also den Akten über Steuererhebungen, Kriegsbeute, den Nilstand, die Höhe der eingefahrenen Ernten, die Verteilung der Erträge an die Bevölkerung, die Opferlisten Tempel, die Schriften der diplomatischen Korrespondenz des kemetischen Königshauses usw., die sicherlich tausende Regalmeter in den Archiven der Tempel und Paläste füllten, sammelten die Archive und Bibliotheken, die den Tempelschulen angegliedert waren auch alle Lehren für das Leben als Richtschnur für ein moralisches, also ein maatgerechtes Leben. Diese Schriften werden in der literarischen Kategorie der Weisheitslehren zusammengefasst.

Die Literatur Kemets, also unsere Gedankenwelt ist die Seele unserer Kultur, der Inhalt der unsere Gemeinschaft auch in der heutigen Zeit noch am Leben erhält. Wenig genug ist erhalten geblieben. Nicht alle Werke konnten von der Priesterschaft Kemets in Sicherheit gebracht oder im Geheimen kopiert werden, vieles wurde zerstört und für immer vernichtet. In den Wirren des ersten nachchristlichen Jahrtausends, als unsere Heimat gleich zweimal eine erzwungene religiöse Umwälzung erlebte und unser Glauben sowie unsere jahrtausendealten Traditionen erst von den Christen und danach von den Muslimen verboten und verfolgt wurden, gingen unzählige Werke unserer Kultur unwiederbringlich verloren. Das Erbe von Jahrtausenden bildete offiziell nur noch einen geheimnisvollen Fremdkörper im eigenen Land, um den sich Mythen und Legenden rankten, den religiöse Eiferer als Teufelswerk des Unglaubens zu zerstören versuchten. Nicht nur die heiligen Tempel unserer Götter wurden entweiht und zerstört, sondern auch unsere Literatur. Ebenso wie die Archive unserer Tempel, also unsere Wissensspeicher, geplündert und als Teufelswerk vernichtet wurden so wurden auch die Bücher der berühmten Bibliothek und des Serapeions von Alexandria, der größten Sammlung unserer Literatur und Wissenschaft, bis auf die Schriften des Aristoteles, in den Bädern der Stadt verheizt oder verschleppt und damit ein Großteil unseres Wissens vernichtet.

Auch uns selbst gingen im Laufe der Zeit viele Schriften verloren. So ist das was wir heute noch hüten und bewahren nur noch ein kleiner Teil dessen, was einstmals unsere Kultur und den Schatz unseres Wissens und unserer Weisheit ausmachte. Hauptsächlich beinhalten unsere heutigen Archive die Schriften, die die Priesterschaft zur Ausübung des maatgerechten Kultes benötigt, also religiöse Texte und liturgische Anweisungen sowie die Schriften, die in den Tempelschulen zum Erlernen der alten kemetischen Schrift immer wieder aufs Neue kopiert und abgeschrieben werden wie Liebesgedichte, Märchen und Fabeln ebenso wie Abhandlungen über Medizin, Geschichte, Naturwissenschaften und Religion.
Ende Teil I

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets, geschrieben von Merienptah – Teil V

Samstag, 04. Oktober 2014

Weitere Opfergaben werden am Grab niedergelegt und Weihrauch wird verbrannt, dies soll gemeinsam mit den Ritualen des Sem-Priesters den Ba des Verstorbenen zurückrufen. Durch verschiedene Kulthandlungen und Rituale werden Ka, Ba und der gerechtfertigte Schut aufgefordert in den Körper des Toten zurückzukehren um sich dort auf ewig wiederzuvereinigen um als Ach wiedergeboren zu werden.

Der Widergeborene und nun im Körper des Verstorbenen gefangene Ach muss rituell „belebt“ und vom Körper „befreit“ werden um auf ewig weiterleben zu können. Dafür vollzieht der Sem-Priester an der auf reinem, weißen Sand vor dem Grab aufgestellten Totenstele das sogenannte Upet-ra (Mundöffnungsritual). „Ich öffne deinen Mund, damit du mit ihm redest, deine Augen, damit du Re erblickst, deine Ohren, damit du die Verklärung hörst, dass du deine Beine habest zum Gehen, dein Herz und deine Arme um deine Feinde abzuwehren.“ Damit werden dem Ach alle Fähigkeiten wiedergegeben, die er benötigt um sein jenseitiges Leben beginnen zu können. Darauf folgt dann Das Ritual der „Loslösung“ vom Körper, das es dem Ach ermöglicht den Leichnam zu verlassen um sich zu den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) aufzumachen oder um in den Himmel emporzusteigen um in der Barke des Sonnengottes seinen Platz einzunehmen.

Nach dem Abschluss der Zeremonien und Totenrituale folgt ein Festmahl, mit Musik und Tanz. Hier wird der Charakter dieses Festes als Wiedergeburtsfest deutlich. Wesentlich ist hier der Fokus auf der Feier einer neuen Geburt, Gedanken an Trauer und Verlust sind kein Bestandteil dieses Festes. Als letzter offizieller Akt des Festes wird die Totenstele von den Erben des Verstorbenen an die Priesterschaft übergeben, die diese in feines Leinen einhüllen und sie in den Tempel mitnehmen wo sie in den Archiven aufbewahrt wird.

Oftmals werden diese Zeremonien aus verschiedenen Gründen räumlich vom Grab getrennt durchgeführt. Einzig ein Priester, der die „Loslösung vom Körper“ vollzieht agiert direkt an der Grabstätte, die übrigen Rituale und Feierlichkeiten werden in einer Art Zelt im Tempelhof, wenn es sich bei dem Verstorbenen um ein Mitglied der Priesterschaft handelte, oder wenn der Verstorbene eine Privatperson war in einem Festsaal durchgeführt. Umfang und Aufwand der Feierlichkeiten hängt heute wie damals oftmals von der gesellschaftlichen Stellung und dem Geldbeutel des Verstorbenen ab. Im Übrigen wird auch das Grab im Nachhinein etwas anders behandelt als es hierzulande eigentlich üblich ist. Eine Grabbepflanzung und intensive Grabpflege findet nicht statt da das Grab eines Kemeten mit einer einfachen Steinplatte abgedeckt wird, Pflanzschalen oder gar aufwendige Bepflanzungen findet man nicht.

In den letzten Jahrzehnten macht sich in Kemet ein langsamer Renaissance-Trend bemerkbar, eine den Möglichkeiten der Moderne geschuldete oder zu verdankende Wiederbelebung alter Bestattungstraditionen, wie zum Beispiel die Beigabe von Ushebtis, die dem Verstorbenen in den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) die Arbeit gänzlich abnehmen sollen. Auch dass beispielsweise „Klageweiber“ den Trauerzug bei der Bestattung begleiten und ihre lautstarke Totenklage erklingen lassen kommt wieder „in Mode“. Auch verschiedene andere altkemetische Rituale finden langsam wieder ihren Weg zurück in die moderne Bestattungspraxis, was allerdings in Deutschland beispielsweise durch die recht strengen Bestattungsgesetze erheblich ausgebremst wird. Durch die gesetzlich bestimmten Rahmenbedingungen unterscheiden sich die Bestattungspraktiken der modernen Kemeten, also die Ausführung und die rituelle Ausgestaltung der Bestattung und des Totenfestes mittlerweile von Land zu Land teilweise recht stark voneinander. Aber trotz aller regionalen Unterschiede bleibt der religiöse Hintergrund der gleiche.