Mit ‘Kosmogonie’ getaggte Artikel

Von der Schöpfung der Welt – Teil IV geschrieben von Merienptah

Samstag, 18. Januar 2014

Diese unterschiedlichen Darstellungen von der Schöpfung der Welt spiegeln allerdings nicht nur die gegensätzlichen Überlieferungen verschiedener lokaler Kultzentren wieder, sondern stattdessen die unterschiedlichen Aspekte eines Einvernehmens darüber, wie die Welt und ihre Schöpfergötter entstanden sind. Denn so unterschiedlich die kemetischen Kosmogonien auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, sind sie sich doch in den meisten Punkten ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Man könnte diese Mythen als verschiedene Gedichte über das gleiche Thema betrachten. Wie man nämlich unschwer erkennen kann, läuft die Schöpfung als Prozess in allen Kosmogonien Kemets gleich ab. Den Beginn markiert das Auftauchen des Urhügels aus dem Nun mit der darauf folgenden Geburt des Sonnengottes und der Entstehung der verschiedenen Göttergeschlechter.

Dies führte zur Entstehung der bekannten Welt und schlussendlich zur Schöpfung von Mensch und Tier. Der einzige Unterschied in all diesen Schöpfungsmythen ist die personifizierte Universalzündung des Ganzen. Den Anstoß zur Schöpfung gibt jeweils die Hauptgottheit einer lokalen Götterfamilie. Der weitere Verlauf des Schöpfungsprozesses ist dann wieder überall gleich. Nachdem die Göttergeschlechter entstanden sind, herrschten diese über viele tausend Jahre über die Welt, das sogenannte „goldene Zeitalter“ brach an. Während dieser Zeit erschufen die Götter die Umwelt und Natur die wir heute kennen. In dieser Zeit spielen auch die meisten der Mythen über die Götter und ihr Verhältnis zueinander, wie zum Beispiel der berühmte Osirismythos.

Als die Götter auf dem Erdenthron sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst wurden, zogen sie sich nach und nach auf dem Rücken der Himmelskuh an das Himmelsgewölbe zurück, wo man sie noch heute als Sterne sehen kann. Als dann auch die Göttin Maat, als letzte Vertreterin der göttlichen Herrscherdynastie die Erde verließ, übergab sie die Herrschaft und die Verantwortung für die Schöpfung den Menschen, die in ihrem Sinne, also nach dem Prinzip der Maat, die Welt und die Wesen in ihr lenken sollten.

Warum nun die Kosmogonien von Heliopolis, Hermopolis, Memphis und Theben im Laufe der Zeit die anderen überstrahlt haben, freilich ohne sie jemals gänzlich zu ersetzen, mag unterschiedliche Gründe haben. Bei Memphis und Theben sind es unzweifelhaft auch politische Beweggründe die die Hauptgötter der beiden Reichshauptstädte (Memphis war seit Beginn des Alten Reiches die Verwaltungshauptstadt und Theben seit dem Mittleren Reich die Residenz der Könige) zu landesweit verehrten Schöpfern werden ließen. Heliopolis ist unzweifelhaft eine der ältesten Tempelstädte Kemets und ihr Sonnenkult wohl überhaupt der älteste Kult des Landes, was eine überregionale Verbreitung begünstigt. Dies merkt man auch daran, dass beinahe alle Kosmogonien in Heliopolis „abgeschrieben“ haben und nur ihren eigenen Schöpfergott dieser Geschichte hinzugefügt oder sie dadurch ergänzt haben. Als ebenfalls eine der ältesten Kultstädte Kemets und Heimat des Weisheitsgottes Thot, der den Menschen die Schrift gab, gilt auch Hermopolis als eine der „Stätten des ersten Males“ und somit hatte die Achtheit der Stadt auch viel Zeit ihre Version der Schöpfung über das Land zu verbreiten.

Bis heute bestehen die verschiedenen Versionen der Schöpfung im kemetischen Glauben nebeneinander ohne einander jedoch jemals in Frage zu stellen. All diese Erzählungen vom Anfang des Universums und dem Beginn des immerfort andauernden Schöpfungsprozesses durch die Götter sind für uns gleich wahr. Sie sind verschiedene Sichtweisen auf die gleiche Materie; und der Zustand dass es in all den vergangenen Jahrtausenden unserer Geschichte nicht zu einer Vereinheitlichung dieser Mythen kam zeigt, dass in Kemet kein Wert auf eine absolute Wahrheit gelegt wird, wie sie so manche spätere Religion für sich in Anspruch nimmt.

Welche Gottheit nun „der Schöpfer“ ist, spielt im Ablauf des Geschehens, ebenso wie die genaue zeitliche Abfolge der einzelnen Stationen des Prozesses keine wirkliche Rolle. Das bemerkt man schon alleine daran, dass in einigen Texten nur von „Gott“ geredet wird; der Name der gemeinten Gottheit wird jedoch nicht erwähnt, ebenso wie über zeitliche Dimensionen an keiner Stelle genaue Aussage getroffen wird.

Dass die Schöpfung im Gange ist sieht man jeden Tag; die Sonne taucht jeden Morgen gemäß der göttlichen Ordnung am Osthimmel auf und versinkt nach ihrer Fahrt über den Himmel wieder im Westen; Tag und Nacht wechseln sich immerfort einer zeitlichen Ordnung folgend ab; ebenso folgt der Wechsel der Jahreszeiten den Regeln der Schöpfung. Tausende Naturereignisse zeugen täglich davon, dass die Schöpfung seit dem Auftauchen des Urhügels aus dem Urozean noch immer im Gange und auch im Wandel begriffen ist. Denn entgegen den starren und auf einen bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit fixierten Schöpfungsereignissen vieler anderer Religionen ist die Schöpfung im kemetischen Denken ein dynamischer Prozess, der erst am Ende allen Seins in einer Umkehrbewegung dieser Dynamik, nach dem Tod der Götter und dem damit einhergehenden erlöschen ihrer Schöpfungskraft, ein Ende findet; zu der Zeit wenn sich das Universum wieder in den Zustand wandelt, den es vor dem Beginn des Schöpfungsprozesses innehatte. Einzig Nun als Urchaos bleibt von diesem universellen Ende ausgeschlossen. Auch diese Sicht passt erstaunlich gut auf die Theorien der modernen Kosmologie, die am Ende aller Zeit einen Sogenannten Endknall (als kosmisches Gegenstück zum Urknall) erwartet, der den Kosmos und all seine Bestandteile wieder in den Urzustand zurückversetzt.

Am Ende der Schöpfung ist nach kemetischer Sicht, ganz gleich welche Kosmogonie man dafür heranzieht; denn in dem Punkt sind sich wiederum alle Schöpfungsmythen einig, alles wieder in dem Zustand wie vor dem Beginn des Ganzen. Somit schließt sich der Kreislauf des Seins und im Nun, dem nunmehr wieder alleinexistenten Urozean kann irgendwann eine neue Schöpfung beginnen.

Die Wahrheit in Kemet liegt ganz im Auge des Betrachters, und genau deshalb sind sich unsere Kosmogonien trotz ihrer lokalen und zeitlichen Unterschiede so unwahrscheinlich ähnlich, dass sie zusammen in der Lage sind für uns ein Bild der Wahrheit zu zeichnen und uns ein Verständnis für die Zusammenhänge der göttlichen Schöpfung zu vermitteln ohne sich gegenseitig als falsch zu bezeichnen. Eine „einzig wahre Wahrheit“ will uns keine der kemetischen Mythen unterbreiten, sondern eher eine größtmögliche Annäherung an das, was damals passiert ist, das was noch heute passiert und an das, was in Zukunft passieren wird. Sie vermitteln eine dem Menschen verständliche Erklärung des Schöpfungsprozesses, der ja so groß und umfangreich ist, dass der begrenzte menschliche Geist ihn in seiner Gänze nie wirklich wird fassen können.

© Merienptah

Von der Schöpfung der Welt – Teil III geschrieben von Merienptah

Samstag, 21. Dezember 2013

Eine dritte sehr weit verbreitete Schöpfungsgeschichte ist die Kosmogonie von Memphis

…, dem alten Mennefer, der königlichen Residenzstadt am Südende des Nildeltas, dem Schnittpunkt von Ober- und Unterägypten. Dieser etwas jüngere Mythos knüpft an die heliopolitanische Schöpfungsgeschichte an, behauptet aber darüber hinaus, dass der memphitische Gott Ptah, auch Ptah-Tatenen genannt, dem Sonnegott Re-Atum vorausgehe und das Ptah es war, der Atum und letztendlich die anderen Götter sowie alles andere durch „Herz und Zunge“, also die Macht von Geist und Wort, geschaffen habe. Der Ausdruck spielt auf die bewusste Planung der Schöpfung und ihre Ausführung durch rationales Denken und Sprechen an. Sie ist das früheste Beispiel für die sogenannte Lehre des „Logos“, in der die Welt durch kreative Rede einer Gottheit Gestalt annimmt.

Ptah, der „Herr des Schicksals“ wird darin zum Ursprungspunkt der gesamten Schöpfung und die Gottheiten der heliopolitanischen Neunheit zu dessen Manifestationen erklärt. In einer anderen Version dieser Geschichte ist Ptah nicht Tatenen, der personifizierte Urhügel, sondern der Urozean Nun selbst. Im System von Memphis ist Atum demnach nur der Vollstrecker von Ptahs Willen, der die Befehle des großen Gottes verstand und ausführte. Auch verlor Atum seine alleinige Stellung innerhalb der Schöpfung, denn ihm, der Sonne, wurde Thot als Gott des Mondes beigestellt, ebenso Seschat, die ordnende Kraft der Mathematik sowie die beiden Schwestern Maat und Isfet, die Ordnung und das Chaos.

Bis auf den Unterschied im Urschöpfer, den der memphitische Mythos in Ptah sieht, ist der weitere Verlauf des Schöpfungsprozesses dem der etwas älteren heliopolitanischen Kosmogonie nahezu gleich. Bedingt durch die räumliche Nähe der beiden Städte (die Kultzentren von Memphis und Heliopolis sind nur ca. 30 km voneinander entfernt) ist eine gegenseitige Beeinflussung dieser beiden uralten Mythen nicht ausgeschlossen.


Eine weitere Kosmogonie entstand zu Beginn des Mittleren Reiches in Theben, dem alten Waset


Um der Heimatstadt der Königsfamilie des wiedervereinten Kemet nach den Wirren und den religiösen Krisen der ersten Zwischenzeit auch in kultischer Hinsicht den ihr gebührenden Glanz und auch die Vorrangstellung vor allen anderen Städten einzuräumen, ersannen die Priester des Stadtgottes Amun einen eigenen Schöpfungsmythos. In dieser Version der Geschichte werden Versatzstücke der Kosmogonien von Heliopolis und Hermopolis miteinander vermischt. Amun, als bereits bekanntes Mitglied der hermopolitanischen Achtheit wird dort zum „ältesten der Acht“, der durch seinen eigenen Willen die Schöpfung in Gang setzt und den Urhügel aus dem Urozean hebt. Dort erscheint der Sonnengott (entweder in einem Ei, oder der Lotosblüte – da gibt es verschiedene Versionen), mit dem sich Amun zu Amun-Ra verbindet. Daraufhin setzt sich die Schöpfung ganz gemäß der alten Kosmogonien von Heliopolis, Hermopolis oder Memphis fort, die sich ja im weiteren Ablauf der Geschehnisse nicht wirklich voneinander unterscheiden. Durch die Verschmelzung der verborgenen Urkraft des Amun von Hermopolis, der solaren Aspekte des heliopolitanischen Schöpfergottes Ra sowie der willentlichen Schöpfungskraft des Ptah von Memphis entstand ein nahezu transzendenter Universalschöpfer. Amun „der älteste der Alten“, „der alles sieht und hört“, „der überall gleichzeitig sein kann“. Als Nisut-netjeru, „König der Götter“ wird Amun von da an im ganzen Land verehrt, sein Kult überstrahlte, sicherlich auch durch die Königsfamilie forciert, innerhalb weniger Jahrzehnte alle anderen Götter Kemets und sein Tempel in Theben wuchs im folgenden Jahrtausend zu einem der bis heute größten sakralen Gebäudekomplexe der Welt an. Zusammen mit den benachbarten Bezirken des alten Lokalgottes Month und dem der Göttin Mut ist der Tempelkomplex von Karnak mit zirka 41 Hektar etwa so groß wie die Vatikanstadt in Rom.

Man kann also sagen, dass fast jede größere Stadt im alten Kemet ihre eigene Schöpfungsgeschichte, oder besser gesagt, ihre eigene Version der Schöpfung hatte. Neben den vier am weitesten verbreiteten Mythen von der Entstehung des Universums und unserer Welt von Heliopolis, Hermopolis, Memphis und Theben gibt es noch eine Vielzahl weiterer. In Sais, dem alten Zau, der großen Stadt im westlichen Delta beispielsweise war die Urgöttin Neith, die Mutter der Götter und Schöpferin allen Seins, sie gebar aus sich selbst heraus den Sonnengott und setzte somit den Zyklus von Tag und Nacht als Initialzündung der weiteren Schöpfung in Gang. In Buto, der alten Doppelstadt Pe und Dep, wurden Horus von Buto mit seiner Gemahlin Uto als göttliches Schöpferpaar verehrt, aus deren Vereinigung der Urhügel entstand.

In Hierakonpolis (Nechen) standen Horus von Hierakonpolis sowie die Geiergöttin Nechbet als Urgötterpaar an der Spitze der Schöpfung. Als Nechbet-huret „Nechbet, die Geheime“ legt die Göttin das kosmische Ei aus dem der Sonnengott schlüpft. Ganz im Süden des Landes, in Assuan, dem alten Syene verehrte man die stellare Göttin Satet als Urschöpferin und Personifizierung des Sirius-Gestirns aus dem alles Sein hervorgeht, als Universalgöttin Isis-Sothis ging sie in der griechisch-römischen Periode auf Siegeszug durch das ganze Imperium bis nach Britannien hinauf.


Ende Teil III

Von der Schöpfung der Welt – Teil II geschrieben von Merienptah

Samstag, 26. Oktober 2013

Nut

Nachdem Schu und Tefnut erwachsen waren wurden sie die Eltern von Geb, der Erde, und dessen Schwester und Gemahlin Nut, dem Himmel. Damit waren die Götter der bedeutenden Naturaspekte definiert. Geb und Nut wurden von ihrem Vater Schu getrennt, der sich zwischen sie stellte und somit das real existierende kosmische Weltbild schuf; also die Erde über die sich der sternübersäte Himmel wölbt, beide voneinander getrennt durch die Luft. Geb und Nut bekamen fünf Kinder, Haroeris, also Horus den Älteren, Isis und Osiris, sowie Nephthys und Seth. Horus, der Archetyp der Könige Kemets war dann in der 5. Göttergeneration der Sohn von Isis und Osiris.

Die Zahl Neun in dieser Neunheit von Iunu könnte wiederum eine Anspielung auf den Zahlenkosmos der kemetischen Sprache sein, denn die Neun, ist das Produkt aus einer Multiplikation der Drei (Mehrzahl) mit sich selbst. Drei mal drei, also die Mehrzahl multipliziert mit der Mehrzahl, ergibt die Allheit des Ganzen. Man legt demzufolge in den Mythen auch mehr Wert auf die Zahl Neun als solche als auf die genaue Bestimmung der neun Götter, denn zu den Urgöttern der Neunheit gehören eigentlich elf: Atum, Schu, Tefnut, Geb, Nut, Haroeris, Isis, Osiris, Nephthys, Seth und Horus. In Manchen Fällen wird auch noch Ra als zwölfter Gott dazu gestellt oder er ersetzt Atum in der Aufzählung der Neunheit, wobei Haroeris, Horus oder auch Ra abwechselnd in einigen Darstellungen den im Osirismythos verfemten Seth ersetzen und sonst nicht aufgeführt werden. Auf jeden Fall werden immer nur neun Götter aufgezählt wenn von der Neunheit von Iunu gesprochen wird, obwohl einige Posten dabei wohl variabel zu besetzen sind, während andere nicht austauschbar sind.

Stammbaum

Wie dem auch sei, die sogenannte heliopolitanische Neunheit wurde im Laufe der Zeit zum Vorbild für die meisten anderen Zentren Kemets, deren Kosmogonien sich mehr oder weniger stark an der von Iunu orientierten und die für ihre Götterlehren ähnlich auf-gebaute familiäre Beziehungen ersannen. Im Laufe der Jahrtausende versuchte man immer wieder diese Kosmogonie an die aktuelle Situation und die Gegebenheiten der Zeit anzupassen, so dass mach fremder Götterkult in dieses bereits bestehende Weltbild integriert wurde.

Allerdings wurden diese Importkulte nie vollständig von der heliopolitanischen Kosmogonie assimiliert und ihre Widersprüche blieben bis heute nebeneinander bestehen ohne jedoch den Wahrheitsgehalt der Geschichte in Frage zu stellen. Ein Beispiel für diese nebeneinander stehenden Faktoren der heliopolitanischen Kosmogonie ist beispielsweise die Herkunft des Gottes Atum selbst. In einigen Darlegungen ist der „Selbsterschaffene“ lediglich der Sohn des zum Urgott erhöhten Urozeans Nun. Oder auch die Rolle des Gottes Ra innerhalb dieser Kosmogonie ist ein gutes Beispiel für verschiedene Sichtweisen auf das gleiche Thema. In den meisten Fällen wird Ra als „das junge Auge des Atum“ beschrieben, aber andere Versionen berichten davon dass, als der Urhügel aus den Fluten des Nun auftauchte auf diesem eine Lotosknospe sprieß, in der der junge Sonnengott Ra saß. Um diesen Widerspruch über den Schöpfer der solar ausgerichteten Lehre von Iunu auszuräumen verbanden sich Ra und Atum schon sehr früh zum solaren Allgott Ra-Atum, der in seiner Gesamtheit auch als Universal-Sonnengott Chepre-Ra-Atum auftreten kann, wobei er alle Aspekte des helipolitanischen Sonnenkultes in sich vereint; Chepre als junge, wiedergeborene Sonne; Ra, die kraftvolle Mittagssonne und Atum, die alte Sonne des Abends.

Nachdem nun die Neunheit die Schöpfung in Gang gesetzt hatte, begann das Goldene Zeitalter der vieltausendjährigen Götterherrschaft. Als erster Gott herrschte Atum (in anderen Versionen Ra) über die Erde, der später die Erde verließ und die Herrschaft an Geb übertrug, diesem folgte der ältere Horus nach. Nachdem auch Haroeris sich in den Himmel aufschwang übernahm Osiris die Herrschaft auf der Welt. In diese Zeit fällt der sogenannte Osirismythos. Nach der Ermordung des Osiris übernahm Seth zeitweise die Herrschaft bis er von Horus, dem Sohn der Isis vom Thron verdrängt wurde. Nach der Herrschaft des Horus übernahm der Mondgott Thot die Herrschaft, welche er dann an die Göttin Maat, die letzte Vertreterin der göttlichen Dynastie auf Erden, abtrat. Maat übergab dann nach ihrer Regierung den Thron an die Menschen weiter, die als legitime Nachfolger die Herrschaft gemäß den Gesetzen der Maat und in ihrem Namen ausüben sollten.

Jede dieser Gottheiten, die jeweils (bis auf Seth) für viele tausend Jahre über die Erde herrschten, fügte der Schöpfung neue Faktoren zu, so wurden weitere Götter geboren, der Zeitbegriff definiert, der physische Tod als Endpunkt der irdischen Existenz festgelegt, Landschaften geformt, Pflanzen geschaffen sowie die Tiere und Menschen wurden belebt und bevölkerten von nun an die Welt. So entstand in vielen tausend Jahren, wie viele es genau waren sagt keine der Mythen, die Welt die wir kennen.

Eine weitere uralte Schöpfungsgeschichte, die im Laufe der Jahrtausende ebenfalls weite Anerkennung fand, war die der Ogdoade (Achtheit) von Hermopolis, dem alten Chemenu. Die in Chemenu verehrte Achtheit repräsentiert die Urkräfte vor der physischen Entstehung der Welt. Die vier Urgötterpaare beschreiben daher den kosmischen Zustand vor der weltlichen Schöpfung. Diese vier Paare bestehen aus Nun und seiner Gemahlin Naunet, die für das Urgewässer stehen; Heh und dessen Gemahlin Hehet, die die Unendlichkeit symbolisieren; Kuk und seine Gemahlin Kauket, die personifizierte Urfinsternis sowie Amun und seine Gemahlin Amaunet, die die Verborgenheit darstellen. Diese trägen vier Urelemente; Urwasser, Unendlichkeit, Urfinsternis und Verborgenheit beinhalteten die Kraft zur Initialzündung eines Schöpfungsprozesses.

Die vier männlichen Gottheiten der Achtheit Nun, Heh, Kuk und Amun werden froschköpfig dargestellt während ihre weiblichen Pendants Naunet, Hehet, Kauket und Amaunet schlangenköpfig erscheinen. Dies leitet sich aus einer anderen Tradition Chemenus ab, nach der die acht Urgötter mit amphibischen Lebewesen verglichen werden können, die plötzlich, wie selbsterschaffen, im Schlamm wimmeln, der alljährlich nach dem Absinken der Nilflut auftauchte. Da sich nach dieser Vorstellung der Urhügel erst nach dem Erscheinen der Urgötter erhob, sagt man, der Urschlamm selbst habe die Götter hervorgebracht.

Die Urgötterpaare vereinigten sich und erschufen so den Urhügel Tatenen, den sie dann gemeinsam aus den Fluten des Nun hoben und somit die Schöpfung in Gang setzten. Danach erschien eine himmlische Gans, die oft mit dem heiligen Tier des Amun gedeutet wird, und die „der große Schnatterer“ genannt wird weil sie zuerst das Schweigen der Welt brach. Diese Gans legte auf dem Urhügel das kosmische Ei. Das Ei enthielt Ra, den Vogel des Lichts, der daraufhin die gesamte Welt mit allen Göttern und allem was existiert erschaffen sollte.

Eine spätere Version der Geschichte besagt dass das kosmische Ei mit dem Sonnengott in seinem Inneren nicht von einer Gans, sondern von einem Ibis gelegt worden ist, dem heiligen Tier des Gottes Thot, der zu dieser Zeit zum höchsten Stadtgott von Chemenu aufstieg. Diese Version der Legende besagt dass Thot, genau wie Atum in Iunu, sich selbst erschuf und „die Acht“ stellten seine Seelen dar. Aufgrund der Geschichte mit dem kosmischen Ei entstand der Brauch am Festtag zu Ehren des Sonnengottes Eier bunt einzufärben (vor allem aber grün, da das kosmische Ei grün war).

Die dritte Fassung der Kosmogonie von Hermopolis greift auf die Vorstellung der Schöpfung aus den Urwassern zurück. Nach dieser Version erhob sich eine Lotosblume aus den Wassern des „Meeres der zwei Messer“ (so nannte man den Heiligen See im Tempelbezirk von Chemenu). Als die Blütenblätter des Lotos sich öffneten, sah man dass der Kelch ein göttliches Kind barg – den Sonnengott Ra.

Nach der vierten Version der Geschichte öffnete sich der Lotos und gab einen Skarabäus, Chepri, frei. Dieser Skarabäus verwandelte sich dann in einen Knaben und als der Junge weinte, weil er so einsam war verwandelten sich seine Tränen in Menschen. Damit wird ausgedrückt dass die Menschen die Kinder des Sonnengottes sind. Die Acht Urgötter tragen die Verantwortung für das Fließen des Nils, das tägliche Aufgehen der Sonne und die Inganghaltung der Schöpfung. Es heißt auch sie hätten den Lotos geschaffen, der den Sonnengott aus den Wassern trug. In diesem Fall wird wieder eine Verbindung zu den Wassern des Nun hergestellt, die immer als Quelle der Schöpfung und der Fruchtbarkeit angesehen werden. Man sieht also dass die Mythen leicht miteinander zu vereinen sind und eher poetische Abweichungen darstellen, als einander widersprechende Lehren. Dennoch ist selbst die Lehre von Hermopolis in sich nicht ganz widerspruchsfrei. So behaupten die Texte beispielsweise: „… aus der von den acht Göttern geschaffenen Lotosblume entstand Ra, der alle Dinge, göttliche wie menschliche, erschuf.“ Das ist ein zeitliches Paradoxon, das den modern geprägten Leser womöglich die Stirn krauslegen lässt, aber einen gläubigen Kemeten keinesfalls verwirrt. Ein linearer Zeitgedanke wie er heutzutage Allgemeingültigkeit besitzt ist Kemet fremd. Zeit ist relativ und erst recht im Prozess der Schöpfung.


Ende Teil II

Geist – Seele – Bewusstsein – Körper oder Das Eine und die Vielen – Teil XII von Questing Wolf

Samstag, 19. Mai 2012

Jede individuelle Seele, ist eine Inkarnation ein und derselben Urseele, eine Inkarnation des Mysteriums.

Wir sind alle Inkarnationen ein und derselben Urseele. In unserem Allerinnersten sind wir alle Eins. Ich = Du und Du = Ich.

Aus dem Mysterium ist also das Ur-Syzygy Bewusstsein – Psyche „entstanden“. Der weibliche Pol (Göttin, Psyche), der sich in die vielen, vielen einzelnen Psychen „aufgespalten“ hat bzw. sich als die individuellen Psychen manifestiert (zwei Umschreibungen für ein und dasselbe mit Worten de facto Nichtbeschreibbare), befindet sich in einem ständigen Prozess des Werdens, der ständigen Weiternetwicklung, in einem Prozess des Erkennens seiner wahren Natur, d.h. in einem Prozess des spirituellen Erwachsens und nähert sich dadurch der Erkenntnis des Mysteriums.

Diese wahre Natur, unsere essentielle Natur, ist das „reine Bewusstsein“; ich sollte besser Bewusst-SEIN schreiben, der göttliche Funke, die Monade, die unsere aller Allerinnerstes IST. In Platos Sinne gehört dieses Bewusst-SEIN zur idealen Welt. Es IST einfach das, was wir SIND und sieht sich selbst als Psyche, die sich im Prozess der Bewusst-WERDUNG dessen befindet, was sie wirklich IST. Unsere Wahre Natur, die Inkarnation des Mysteriums als „Gott in uns“, als „reines Bewusst-SEIN in uns“, beobachtet sich selbst als Psyche, die sich allmählich dessen bewusst WIRD, was sie IST. Die Psyche gehört in Platos Sinn zur realen Welt, welche wie schon beschrieben, nur ein Abbild, ein Zerrbild, nur eine Projektion der idealen Welt ist.

Zeit ist eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige.
Albert Einstein [i]

Der Gott steht für EWIGES SEIN. Die Göttin steht für ZEITLICHES WERDEN.

Der Gott repräsentiert das Wesen des Mysteriums, das seine Wahre Natur, seinen Ursprung kennt.

Die Göttin repräsentiert die vielfältigen Erscheinungen, die unvollständigen Abbilder des Mysteriums, die sich im Prozess des spirituellen Erwachens ständig weiter vervollkommnen.

Bewusstsein IST, Psyche WIRD. Werden ist ein zeitlicher Vorgang. Werden bedeutet Veränderung und Veränderung ist ein Maß für das Vergehen von Zeit. Veränderung schafft die Illusion der Zeit. Tatsächlich gibt es auch eindeutige physikalische Hinweise darauf, dass Zeit eine Illusion ist. Einstein hatte ja wie schon erwähnt bereits gezeigt, dass es keine absolute sondern bestenfalls eine relative zeit gibt. Die Quantenmechanik kennt den Begriff der Zeit eigentlich gar nicht. [ii] Zeit ist eine Projektion, ein Phänomen der realen Welt, das es in der ideellen Welt nicht gibt. Die Illusion der Zeit kommt dadurch in die Welt, dass sich die Psyche-Inkarnationen des Mysteriums weiterentwickeln müssen, also WERDEN müssen, um zu ihrem Ursprung zurückzufinden.

Kabbala und Kosmogonie

Indem wir aber Theile des Pleroma sind, so ist das Pleroma auch in uns.
Auch im kleinsten Punkt ist das Pleroma unendlich, ewig und ganz, denn klein und groß sind Eigenschaften,
die in ihm enthalten sind.
Es ist dies Nichts, das überall ganz ist und unaufhörlich.
Daher rede ich von der Creatur als einem Theile des Pleroma, nur sinnbildlich,
denn das Pleroma ist wirklich nirgends geteilt, denn es ist das Nichts.
Wir sind auch das ganze Pleroma, denn sinnbildlich ist das Pleroma der kleinste nur angenommene,
nicht seiende Punkt in uns und das unendliche Weltgewölbe um uns. [iii]

Kabbalistisch lässt sich die Entstehung der materiellen Welt in sieben [!] Schritten beschreiben. Sie entsprechen den sieben kabbalistischen Ebenen und auf sie bezieht sich die so genannte Siebenerklassifikation der Esoterischen Anatomie, von der später noch die Rede sein.

I

Kabbalistisch wird das Mysterium durch die Sephirah Kether repräsentiert. Kether ist die Sphäre der Schöpfung und die spirituelle Erfahrung, die dieser Sephirah zugeordnet wird, ist die der Wiedervereinigung mit unserem Ursprung. Kether die nicht-duale Welt, in der Kabbala „Aziluth“ genannt; das ist die erste kabbalistische Welt. Kether, das primäre SEIN, IST aus dem Nicht-Seienden hervorgegangen. Kether IST auf dem Hintergrund des Nicht-Seiens (welches, da es nicht-existent ist, eigenschaftslos, daher unveränderlich und somit „unendlich beständig“ ist); Kether ist der Grund der Manifestation auf dem Hintergrund des Nicht-Manifesten.

Jeder Sephirah im Baum des Lebens wird ein (hebräischer) „Name Gottes“ zugeordnet. Kether wird der Name „EHEJEH“ zugeordnet; dieser Name bedeutet „ICH BIN“.

II

Kether bringt Chockmah und Binah hervor.

Gott und Göttin werden auf der archetypischen Ebene durch die Sephiroth Chockmah (männlich; Gott) und Binah (weiblich; Göttin) repräsentiert. Chockmah und Binah verkörpern die ideelle Welt, die Idee der Welt, ihre Matrix, ihren Bauplan, in der Kabbala „Beriah“ genannt, das ist die zweite kabbalistische Welt. Göttin und Gott repräsentieren auf dieser Stufe die Matrix der Welt, quasi den Bauplan für alles, was im Laufe der Involution noch folgen soll. Ich verwende bewusst den Begriff „Involution“ und nicht „Evolution“, denn mit dem Akt der Selbstreflexion hat der Akt der Manifestation, sprich der Verdichtung und Materialisation, die Immanentwerdung, der Fall des Geistes in die Materie begonnen.

Chockmah symbolisiert den Gott, den Vater, die Weisheit, das Wissen, die Idee der Kraft. Binah symbolisiert die Göttin, die Mutter, das Verstehen, die Idee der Form. Der Sephirah Chockmah wird die spirituelle Erfahrung der „Vision des Ursprungs, den wir suchen“, zugeordnet und astrologisch wird sie als die Sphäre der Fixsterne (Zodiac) gesehen. Die spirituelle Erfahrung, die zu Binah gehört ist die „Vision von Kummer, Leid, Reue, Schmerz und Trauer“ und ihre astrologische Zuordnung ist die Sphäre des Saturns. Im klassischen geozentrischen Weltbild (die Erde im Zentrum, Sonne, Mond, Planeten und Fixsterne in konzentrischen Sphären um die Erde herum angeordnet) ist die Sphäre der Fixsterne die aller äußerste Sphäre, jenseits derer das Nicht-Beschreibbare, dass Un-Fassbare liegt, genau so wie es Flammarions Holzschnitt darstellt (Abbildung 1). Die Sphäre des Saturn ist die zweit-äußerste Sphäre und tatsächlich ist ja der Saturn aus der Sicht des heutigen heliozentrischen Weltbildes (Sonne im Zentrum, die Planeten umkreisen die Sonne) der äußerste Planet, der noch mit bloßem Auge gesehen werden kann und damit ist er auch der äußerste (am weitesten von der Sonne entfernte) Planet, der in der Antike gesehen werden konnte (das Fernrohr wurde erst 1608 erfunden).

Kether, Chockmah und Binah sind die drei spirituellen Sephirot. Sie liegen jenseits („oberhalb“) des Abyss, des Abgrunds, der die spirituelle Welt von der materiellen Welt trennt.

III

Wissen im Zusammenspiel mit Verstehen – das ist die Antriebskraft aller Veränderung und Veränderung sorgt dafür, dass Neues entsteht. In einem fortschreitenden dialektischen Prozess entstehen aus der Urpolarität weitere Polaritäten, immer dichtere Manifestationen des ursprünglichen „Reinen Geistes“, Kether, welche gewissermaßen als Kinder und Kindeskinder aus der ursprünglichen Vereinigung von Gott und Göttin hervorgehen.

So entstehen aus der Interaktion von Chockmah und Binah die Polaritäten Geburah (Dynamik, männlich) und Chesed (Form, Gefäß; weiblich) als Repräsentationen (Spiegelbilder) von Gott und Göttin auf der nächst unteren, der ersten materiellen Ebene. Sie repräsentieren den „oberen Teil“ von Jezirah, der gestaltenden Welt; das ist die dritte der kabbalistischen Welten. Geburah und Chesed stehen symbolisch für den ersten Teil der Ausführung des Bauplans. Diese Ebene stellt eine Vorstufe der stofflichen Welt dar; sie ist gewissermaßen das Skelett der stofflichen Welt, das es mit Fleisch (im wörtlichen Sinn) zu überziehen gilt; der Rahmen, den es auszufüllen gilt. Chesed entspricht der spirituellen Erfahrung „der Vision der Liebe; zu Geburah gehört „die Vision der Kraft“. Chesed ist die Sphäre des Jupiters, Geburah die des Mars. Diese sind, heliozentrisch betrachtet, die beiden nächst inneren Planeten nach Saturn.

IV

Durch die Interaktion dieser beiden Polaritäten Geburah und Chesed, Liebe und Kraft, wird Tiphereth, geboren, das erste direkte Spiegelbild des Ursprungs Kether. Dass es sich bei Tipheret um ein Spiegelbild Kethers handelt, geht u.a. auch aus Abbildung 12 hervor. Tipheret ist die Sphäre der Sonne und des geopferten und wiederauferstehenden (Sonnen-) Gottes respektive Gottmenschen. Die spirituellen Erfahrungen von Tiphereth sind „die Vision von der Harmonie aller Dinge“ und die „des Verstehens des Mysteriums des Opfers“ (der geopferte Gott).

V

Aus Tiphereth gehen die beiden Polaritäten Netzach (Elementarenergie; männlich) und Hod (Formgebung; weiblich) als weitere Spiegelbilder von Gott und Göttin hervor. Sie repräsentieren den „unteren Teil“ der gestaltenden Welt (Jezirah) und stehen für den zweiten Teil der Ausführung des Bauplans, die zur Entstehung der feinstofflichen (astralen) Welt führt. Zu Netzach gehört die spirituelle Erfahrung „der Vision der triumphierenden Schönheit“, zu Hod „die Vision der Pracht, der Herrlichkeit“. Netzach ist die Sphäre des Planeten Venus, des zweit-innersten Planeten des Sonnensystems, Hod ist die Sphäre des Merkurs, des innersten Planeten.

VI

Durch die Interaktion der beiden Polaritäten Netzach und Hod, Form und Energie, Schönheit und Herrlichkeit, wird schließlich Jesod geboren, das Fundament für die materielle Welt und nach Tipheret ein weiteres Spiegelbild des Ursprungs Kether (siehe z.B. wieder Abbildung 12). Jesod ist das Prinzip des Lebens, der Lenker der physischen Welt. Die spirituelle Erfahrung von Jesod ist „die Vision vom Aufbau des Universums“, „die Vision dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Jesod ist die Sphäre des Mondes, und der aller unterste Teil von Jezirah, nämlich die astralen Welten.

VII

Jesod ist der Schoß, aus dem die Kräfte von Netzach in die materielle Welt (kabbalistisch Malkuth) hineingeboren werden. Das ist sinnbildlich der Urknall, die erste physische Inkarnation des Lebens. Aus reiner Energie entsteht Materie, entsteht Assiah, die Materielle Welt; das ist die vierte kabbalistische Welt. In der Kabbala wird die materielle Welt durch die Sephirah Malkuth repräsentiert, deren spirituelle Erfahrung „die „Vision des Höheren Selbst (Holy Guardian Angel [iv])“ ist. Die astrologische Zuordnung ist, wie sollte es anders sein, die Erde.

Bewusstsein / Geist / Leben inkarniert in Materie, die im Laufe des Fortschreitens der Evolution immer komplexere Formen annimmt.

Materie ist kristallisiertes Bewusstsein, inkarniertes Leben. Alle Materie ist daher beseelt und belebt.

Bewusstsein bringt Materie hervor.

Das Universum ist mental – ist Bewusstsein! Und wir sind Fleisch gewordenes Wort (ICH BIN).


[i] Es handelt sich um ein Zitat, das Einstein in den Mund gelegt wird. Ob er wirklich so gesagt hat, sei mal noch dahingestellt. Es wird auch immer wieder einmal in der Variante „Die Realität ist eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige“ kolportiert.

[ii] In der Quantenmechanik gibt es für jede messbare und somit (zumindest mathematisch) beschreibbare Größe, Observable genannt, einen so genannten Operator (ein mathematische Gebilde, dessen genaue Struktur und Bedeutung in diesem Kontext nicht wichtig sind). Es gibt aber keine Observable der Zeit und keinen Operator der Zeit. Salopp gesagt: in der Quantenmechanik gibt es keine Zeit.

[iii] C.G.Jung: Die sieben Predigten an die Toten (Septem Sermones ad Mortuos); aus der ersten Predigt

[iv] Damit ist nicht der Schutzengel gemeint.

Ende Teil XII

Ma’at als Schöpfungsprinzip

Samstag, 21. Januar 2012

Die  Ägypter, ein Agrarvolk

Wenn etwas die Kemeten (eigentl. „Remetiu Kemeti“ – „Menschen des schwarzen Landes“) im besonderen Maße auszeichnete dann ihr Pragmatismus und ihre Bodenständigkeit. Das mag vielleicht ungewöhnlich anmuten, da wohl kaum eine Kultur so ausgeprägte kultische und mythologische Aspekte besitzt wie die der Ägypter. Dennoch waren sie vor allem eines: ein Agrarvolk, das in enger Verbundenheit mit den Zyklen der Natur lebte. Daher ist es  nicht verwunderlich, dass Ma’at ein Prinzip ist, das der intensiven Beobachtung und dem Erleben der natürlichen Rhythmen entspringt, derer es in Kemet viele gab. Die stets aufs Neue wiederkehrende Nilschwemme, die den fruchtbaren schwarzen Schlamm über die Felder brachte, der Lauf der Sonne, die auf der östlichen Seite des Nils aufging und im Westen wieder unterging, die Bahnen verschiedener Sterne und Sternbilder, die Zeiten von Aussaat, Wachstum und Ernte…

Götter in der Schöpfung

Um Ma’at als Prinzip der Schöpfung zu begreifen, ist es zunächst wichtig zu verstehen, dass die Götter Ägyptens nicht in einer Sphäre fernab der menschlichen Welt existierten, sondern in der Natur – um nicht zu sagen, die Götter waren die Natur selbst. Die kemetische Religion ist keine Religion im eigentlichen Sinne, denn ein „religio“ – also eine Rückverbindung an das Göttliche – war praktisch nicht erforderlich, waren doch die Götter allgegenwärtig und greifbar. Auch die Frage nach Existenz oder Nichtexistenz der Götter stellt sich folglich gar nicht erst. So war z.B. der Nil das Ka* des Osiris in seiner Rolle als Fruchtbarkeitsgott oder der Wind das Ka des Luftgottes Schu oder die Milchstraße die Gestalt der Himmelsgöttin Nut. Es ist also naheliegend, dass auch Ma’at nicht nur kosmisches Prinzip ist sondern auch eine Gottheit. Diese Doppelbedeutung – Person und Prinzip – lässt sich bei jeder der ägyptischen Gottheiten nachvollziehen. Das eine ist dabei vom anderen nicht scharf abgegrenzt, sondern geht ineinander über. Ma’at ist eine oft kniend dargestellte Frau mit ausgebreiteten Schwingen und einer Straußenfeder auf dem Kopf. Die ausgebreiteten Schwingen und die Feder symbolisieren ihren luftigen und damit transzendenten Aspekt, der alle Formen des Seins zu durchdringen vermag.

Die Göttin Ma'at

 

Schöpfung als Prozess

Die Vorstellung der Kemeten von der sie umgebenden Schöpfung war, dass sie in unendlich vielen ineinandergreifenden Zyklen funktioniere und diesen unzähligen Zyklen ein initialer Akt, also ein „erstes Mal“ vorausging. Die Kosmongonie ist also kein Akt eines immanenten Schöpfers, sondern ein Vorgang des Sich-selbst-Entfaltens. Damit ist die Schöpfung vielmehr ein Prozess, der fortwährend aufs Neue beginnt, gelingen muss und als solcher auch stets erneut vom Scheitern bedroht ist. Dies führt dann zum antagonistischen Prinzip von Ma’at, nämlich Isfet, welches oft mit „Chaos“ übersetzt wird, aber an Dramatik und Destruktivität doch weit über diesen Begriff hinausgeht. Das schöpferische Potential muss also in eine Form fließen, eine Ordnung, so dass diese Schöpfungskraft in greifbare Erscheinung treten kann. Diese Ordnung ist Ma’at. Man kann sich also den Verlauf des Schöpfungsprozesses in etwa wie einen Dominoeffekt vorstellen.

Auszug aus einem Sargtext zur Kosmogonie von Heliopolis:

Ich bin am Schwimmen und sehr ermattet, meine Glieder sind träge.
Mein Sohn „Leben“ ist es, der mein Herz erhebt.
Er wird meinen Geist beleben, nachdem er diese
meine Glieder zusammengerafft hat, die sehr müde sind.
Da sprach Nun zu Atum:
„Küsse deine Tochter Ma’at, gib sie an Deine Nase!
Dein Herz lebt, wenn sie sich nicht von Dir entfernen.
Ma’at ist Deine Tochter,
zusammen mit Deinem Sohn Schu,
dessen Name „Leben“ ist.
(CT II 34g-35h)

Dieser Sargtext beschreibt das Bild von einem Schöpfergott (Atum) der ohne Bewusstsein (Mattigkeit) im Urmeer (Nun) treibt. Er verkörpert damit das Noch-Nicht-Seiende, das Prä-existente. Die Welt entsteht also nicht aus einem „Nichts“ sondern aus einem „ungeordneten Etwas“. Atums Beiname lautet auch „Der sich selbst erschaffen hat“. Durch die Zeugung seiner beiden Kinder Ma’at (Ordnung) und Schu (reine ungerichtete Lebenskraft), wird Atum be-lebt. Diese Zeugung geht einher mit der Bewusstwerdung Atums, welches den Übergang vom Prä-Existenten in das Existente darstellt. Die kosmische Parthenogenese Atums taucht in den Mythen durch recht derbe Bilder wie „Ausspucken“, „Aushusten“ bzw. Masturbation auf. Indem also die reine ungerichtete Kraft in seiner Verkörperung als Schu in eine geordnete Form -nämlich  Ma‘at- fließt um Gestalt anzunehmen, zeugt sich das Seiende aus sich selbst heraus.

Hier sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, dass Ma’at in dieser Betrachtungsweise der Schöpfung synonym für Tefnut in Erscheinung tritt, was eher ungewöhnlich ist, denn in den Erläuterungen zur Kosmogonie von Heliopolis besteht das erste Götterpaar aus Schu und Tefnut. Tefnut kann daher als „Ma’at des ersten Males“ interpretiert werden, wohingegen Ma’at die Ordnung des fortlaufenden Schöpfungsprozesses darstellt.

Küssen bedeutet hier „Einatmen“ und steht sinnbildlich für die Einverleibung der Ma’at. Ma’at taucht in den Mythen nämlich auch als Stirnschlange des Sonnengottes Re auf. Atum wie Re eint der solare Aspekt, da die Sonne als Verkörperung der Schöpfungskraft galt. Diese sog. Uräusschlange findet sich an allen Königskronen wieder und in vielen Darstellungen unterschiedlicher Gottheiten und erinnert so an den notwendigen Ablauf des stetig wiederkehrenden Schöpfungsaktes. Denn ausnahmslos jede Gottheit unterwirft sich der kosmischen Ordnung Ma’at und gewährleistet so das Gelingen der Schöpfung. Ma’at ist hier „der Navigator“ des Re, der mit seiner Sonnenbarke des Tages über den Himmel fährt, deren Bahn Ma’at vorgibt.

Sonnenaufgang über dem Nil

 

Ma’at – ein Begriff, viele Bedeutungen

Für Ma’at wurden schon viele Übersetzungen herangezogen, wie z.B. „Gleichgewicht“, „Harmonie“, „Weltenordnung“, „Gerechtigkeit“ oder „Gesetz“. Doch sie alle werden diesem alles umfassenden und alles durchdringenden komplexen Prinzip nicht annähernd gerecht. Ma’at ist vielmehr die Grundlage dem all diese genannten Begriffe entspringen, das unsichtbare Netz, dass diese Dinge eint um darin in Erscheinung zu treten und erfahrbar zu werden. Gerade Begriffe wie „Gerechtigkeit“ oder „Harmonie“ werden dem prozesshaften und dynamischen Charakter Ma’ats in keiner Weise gerecht. Ma’at ist „das Richtige“ das je nach Situation immer wieder neue Erscheinungsformen annehmen wird um den Schöpfungsprozess am Laufen zu halten.

*Ka: hier der „Geist“ oder das Wirken einer Gottheit

 

Literatur

Jan Assmann, Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten

Jan Assmann, Schöpfungsmythen und Kreativitätskonzepte im Alten Ägypten

Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte

Bilder, Wikimedia Commons