Mit ‘Kräuter’ getaggte Artikel

Warzenkraut und Krötenstein

Samstag, 04. April 2015

Der Untertitel „Natur in Volksmedizin und Aberglaube“ der Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich hat mich neugierig gemacht und ich wollte mal sehen wie das Thema von Seiten der Ausstellungskuratoren aufgearbeitet wurde – vielleicht gibt es ja noch etwas zu lernen beziehungsweise kann ich diese Erkenntnisse euch durch einen Artikel hier im Kräuterkistl vermitteln.

Es wird eine Fülle von Themen im Bereich Volksmedizin und Aberglaube angeschnitten und den AusstellungsbesucherInnen in vielen Installationen näher gebracht.

Ausgehend von einer Zeit und Gesellschaft in der die medizinische Versorgung eher schlecht ist und das Weltbild von einer Gottgegebenheit geprägt ist wird erklärt, dass es für die Menschen natürlich war auf lebensbedrohliche Situationen nicht rational zu reagieren. Zusätzlich zu den Gebeten, religiösen Gebräuchen und Ritualen die in solchen Situationen Verwendung fanden griff der Mensch auch auf viele verschiedenen Pflanzen, Tiere, tierische Produkte, Fossilien und Mineralien zurück. Diese fanden Anwendung, um wieder gesund zu werden, um sich vor Dämonen und Naturkatastrophen zu schützen, um sein persönliches Schicksal zu beeinflussen und um Gefahr für Leib und Seele abzuwehren. Es wird auf die verschiedenen Herangehensweise an die Problemstellungen hingewiesen – je nachdem in welchem Zeitalter, in welchem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld sich die Menschen befanden und welche Ressourcen vorhanden waren, gab es verschiedene Herangehensweisen und Methoden um sie zu lösen.

NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Ausstellungsplakat - Collage Warzenkraut und Kroetenstein

Die Ausstellungsgestalter spannen hierbei den Bogen von den Kelten bis in die Gegenwart, wo es praktisch zu einer Renaissance von traditionellen Heilmitteln und Heilmethoden kommt. Da es mir schwer fällt in dieser Ausstellung einen roten Faden zu finden halte ich mich bei der Vorstellung an die Struktur des Ausstellungskataloges.

Von Zaubertränken, Bildbäumen, Klostermedizin und Signaturlehre

In diesem Abschnitt wird auf die Trepanationen (Schädelöffnungen) in Niederösterreich vor ca. 2000 Jahren, die Bräuche rund um die Mistel, auf die Symbolik der Eiche bei den Kelten und Römern und deren Fortsetzung z.B. in der heutigen Münzgestaltung sowie auf die Vorstellung der ersten „Ärzte“ und „Pharmazeuten“ eingegangen. Dazwischen wird der Besucher/die Besucherin immer wieder mit speziellen Objekten und deren Wirksamkeit konfrontiert. Der Text bei einem getragenen Lederschuh informiert z.B. darüber, dass das gebrannte und fein zerstoßene Leder von alten Schuhsohlen als Umschlag bei schmerzlichen Entzündungen – ausgelöst durch das drücken des Schuhs – hilft. Im Anschluss wird die Frage aufgeworfen, ob die sogenannten „Bildbäume“ (Bäume an denen Heiligenbilder angebracht werden) die neuen „heiligen“ Bäume der heutigen Zeit wären. Diese Tafel bildet praktisch den Übergang zum Thema Medizin im Mittelalter und Klostermedizin. Hier werden einige alte Arzneibücher und Kräuter, die in keinem Klostergarten fehlen durften, vorgestellt. Natürlich erfährt man hier auch etwas über Hildegard von Bingen und ihre Medizin. Zum Beispiel durch den Rupertsberger Riesenkodex – einer mittelalterlichen Handschrift, die eine enzyklopädisch geordnete Gesamtausgabe der Schriften Hildegards (allerdings ohne die medizinisch-naturkundlichen Werke) ist. Weiter geht es mit einer Vorstellung der verschiedenen Heilsteine und der unterschiedlichen Gegenmaßnahmen während der Pest im Mittelalter.

Foto Claudia Hauer - NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Medizingeschichte

Die letzten zwei Themen in diesem Abschnitt bestreiten die „Zauber der Ähnlichkeit“ beziehungsweise die Signaturlehre und die Vorstellung von zwei Männern der Heilkunde – Paracelsus und Leonhart Fuchs (wurde durch seine vielen Kräuterbücher berühmt). Früher war im Volksglauben weit verbreitet, dass eine Verbundenheit zwischen der äußerlichen Form und verschiedenen Leiden besteht. So wurde die Schwalbe wegen ihrer guten Sehkraft bei Augenleiden gegessen oder die Mistel bei Schwindelanfällen verschrieben, da sie in schwindelerregender Höhe wächst. Weiters sollte Hasenruin gemeinsam mit getrockneten Ohrwürmern bei Hörschwäche helfen. Hier wird auch auf verschiedene Pflanzen hingewiesen und die Ausstellungsgestalter unterteilen diese nach ihrer Unwirksamkeit und denen die heute noch Verwendung finden. So zählen sie z.B. den Frauenmantel (Frauenbeschwerden), das Lungenkraut (Lungenleiden) oder das Leberblümchen (Leberleiden) zu den unwirksamen Kräutern. Die Herbstzeitlose (Gicht – Knolle soll an Zehen mit Gicht erinnern), der Augentrost (Augenleiden), das Schöllkraut (Gallenleiden) und die Mistel (gegen Krebs – Mistel entzieht der Wirtspflanze Nährstoffe) werden als noch heute in Verwendung kurz vorgestellt.

Am Ende dieses Abschnittes werden auf einem hölzernen Verkaufsstand verschiedene getrocknete Kräuter von der Initiative „Natur im Garten“ (http://www.naturimgarten.at/) präsentiert.

Foto Claudia Hauer - NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Kräuterstand


Blitzableiter, Pechvögel, Hexenkräuter und Gebärmutterkröten

Der nächste Raum steht im Zeichen von Aberglaube gepaart mit verschiedenen Heilmittel aus dem Bereich der Volksmedizin. Die Installation in der Mitte zeigt uns ein Holzhaus und die unterschiedlichen Dinge aus der Tier und Pflanzenwelt die Haus, Hof und BewohnerInnen schützen sollten. Vor Blitzschlag soll die Königskerze im Garten, das Hirschgeweih über der Tür oder sogenannte „Donnerkeile“ (Teile von urzeitlichen Tintenfischen[1]) schützen. Viel Information bekommt man über die Wirksamkeit des Hollunder – hier wird der Bogen von der Göttin Holla über den Holler als „Blitzableiter“ für Krankheiten bis hin zum Einsatz des Hollers als Heilpflanze zum Beispiel bei Gicht- und Rheumaerkrankungen gespannt. Die AustellungsbesucherInnen erfahren über glück- und pechbringende Vögel wie Storch, Bachstelze und Eichelhäher auf der Seite der Glücksboten und Rabenkrähen, Elstern, Eulen oder dem Seidenschwanz auf der Seite der Pechbringer. Es werden verschiedene Räucherpflanzen und das Brauchtum rund um den Palmbuschen und die Barbarazweige vorgestellt. Der Rainfarn, Amulettketten, Verschrei- und Schrecksteine sowie der Fuchsschwanz finden als Abwehr von Unheil, Teufel und Dämonen Eingang in die Ausstellung. Platz finden auch die verschiedenen Hexenkräuter und Pflanzen der weisen Frauen – Beifuß, Roter Fingerhut, Frauenmantel, Echtes Johanniskraut, Gefleckter Schierling, Gemeine Alraune, Schwarzes Bilsenkraut und die Tollkirsche – um nur einige zu nennen.

Foto Andreas Praefcke - Quelle Wikimedia

Gebärmutterkröte - Museum für Klosterkultur, Bayern

Ein weiteres Thema in diesem Raum ist der Liebe gewidmet. Hier geben die Kuratoren einen Überblick über Mittel zur Potenzsteigerung und zur Hemmung des Sexualtriebes, Liebes- und Fruchtbarkeitszauber sowie die Pflanzen der Engelmacherinnen. Von den formgebenden Dingen und Pflanzen wie das Horn des Alpensteinbocks, der Gurke, dem Spargel oder dem Rohrkolben über den Käfer der „Spanische Fliege“ genannt wird bis hin zu Sellerie, Zwiebel und Knoblauch wird hier einiges an Potenzmittel angeboten. Neu für mich sind die sogenannten Scham- und Muttersteine – Steinkerne fossiler Muscheln, die Ähnlichkeiten mit der weiblichen Scham zeigen. Sie wurden zermahlen und bei Frauenkrankheiten beziehungsweise auch zur Steigerung der Fruchtbarkeit eingesetzt und im Ganzen unters Bett gelegt, um Verhexungen in diesem Bereich abzuwehren. Interessant finde ich auch den Einsatz von den sogenannten „Gebärmutterkröten“. Lange Zeit wurde die Gebärmutter der Frau als eigenständiges Wesen im Körper betrachtet und als Symbol dafür die Kröte genommen – laut Ausstellungstext aufgrund der versteckten Lebensweise der Kröten. Es wurde vermutet, dass Unterleibsschmerzen ihre Ursache in einem Krötenbiss haben. Frauen opferten daher in Wallfahrtskirchen Figuren von „Gebärmutterkröten“ um sich von den Schmerzen zu befreien, aber auch um für Kindersegen beziehungsweisen einen guten Verlauf der Schwangerschaft zu bitten.

In diesem Ausstellungsraum befinden sich auch die sogenannten Universalheilmittel wie Bergkristall, Gold, Bezoarsteine (verfilzte Haare und Pflanzenfasern aus den Mägen von Wiederkäuern), Krötensteine (Bufoniten – Zähne fossiler Fische, die man als Steine, die im Gehirn von Kröten wachsen, interpretierte) oder die Echte Kamille. Auch die verschiedenen Heilmittel gegen rheumatische Erkrankungen, wie Murmeltierfett, Echter Beinwell, Steinöl, Katzenfell oder die Herbstzeitlose, Mittel gegen Blutungen sowie Wunden, wie Zunderschwamm, Odermenning, Hämatit oder Feuersalamander und allerlei, das bei Augenleiden helfen soll, wie das Judasohr, der Augentrost, Luchssteine oder der Topas, finden sich in diesem Raum. Den Abschluss bildet das Thema heilende und heilige Erde.

Foto Claudia Hauer -  NÖ Museums GmbH - Pressestelle

Alternativmedizin

Natürlich beschäftigt sich die Ausstellung auch mit dem Thema der Traditionellen Europäischen Medizin, der Kneipp-Medizin, den Bachblüten und der Homöopathie.

Viele Themen – kein roter Faden

Diese Fülle an Themen ist meiner Meinung nach ein Nachteil dieser Ausstellung. Auf eher kleinem Raum (einem Gang und einem Ausstellungsraum) werden sehr viele Themen kurz und knackig vorgestellt, allein mir fehlt dabei die Möglichkeit zur vertiefenden Information für Menschen, die sich mit diesem Thema schon etwas beschäftigt haben. Auch fehlt mir der rote Faden beziehungsweise die logische Abfolge durch die Ausstellung. Immer wieder werden dazwischen verschiedene Objekte mit kurzem Text vorgestellt, bei denen sich für mich kein Zusammenhang mit den umgebendem Thema feststellen lässt – zum Beispiel die Verwendung von alten Schuhen bei schmerzenden Entzündungen. Mir persönlich sind zu viele Themen nur kurz angerissen und ich hätte über einige Themen gerne mehr erfahren. Die Ausstellungsinstallation – Präsentation der Objekte, Ausstellungstexte in angenehmer Schriftgröße und lesbarer Höhe, Verwendung von Geräuschen, etc. – gefällt mir sehr gut und das macht die Ausstellung sehenswert. Summa summarum – als Anregung, sich mit diesem Themenkomplex einmal grundsätzlich zu befassen und neugierig auf mehr zu machen passt die Ausstellung gut.

Quellen:
Ausstellungskatalog „Warzenkraut + Krötenstein. Natur in Volksmedizin und Aberglaube“, Landesmuseum Niederösterreich, St. Pölten 2015
Pressefotos des Landesmuseum NÖ
Museum für Klosterkultur, Bayern


[1] In verschiedenen Landesteilen von Niederösterreich findet man heute noch Überreste aus einem ehemaligen urgeschichtlichen Meer – interessant dazu sind die Dauerausstellung im Krahuletzmuseum in Eggenburg bzw. auch die Rekonstruktion einer Seekuh im Stadtmuseum von Bad Vöslau

Wandernde Pflanzen

Samstag, 20. Oktober 2012

Wolf-Dieter Storl – Wandernde Pflanzen

Neophyten, die stillen Eroberer, Ethnobotanik, Heilkunde und Anwendungen

2012/AT Verlag/ISBN: 3038006807/250 Seiten

Über den Autor

Dr. Wolf-Dieter Storl ist ein über Deutschland hinaus anerkannter Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Geboren am 1.10.1942 in Crimmitschau, Sachsen, wanderte er als Elfjähriger mit seinen Eltern 1954 nach Ohio, USA aus. Er begann zunächst ein Botanikstudium, wechselte dann aber zur Anthropologie (Völkerkunde).  Nach dessen Abschluss wurde er Vollzeitdozent und lehrte über 20 Jahre an verschiedenen Universitäten in Amerika und Europa. In Bern, Schweiz, promovierte er 1974 zum Doktor der Ethnologie. Auf seinen zahlreichen Reisen betrieb er Feldforschung und lernte von Bauern, Medizinmännern und Sadhus. Seit 1988 lebt er mit seiner Familie auf einem abgelegenen Bauernhof im Allgäu, schreibt Bücher und gibt zum Thema Heilkräuter Seminare und Vorträge. Bei der traditionellen europäischen Pflanzenheilkunde, wie die der Kelten, Germanen und Slawen, sowie des frühchristlichen Mittelalters, liegt zurzeit sein Hauptinteresse. Nicht nur zu diesen Themen hat er zahlreiche Bücher geschrieben sowie Hörbücher und zwei DVDs veröffentlicht.

Über das Buch

Es gibt tausende Kräuterbücher – und fast ausnahmslos behandeln alle die alteingesessenen, bekannten Kräuter und deren Wirkungen. Genau das ist der große Unterschied der „Wandernden Pflanzen“. Denn in diesem Buch geht es um die neuen Pflanzen. Also um die Pflanzen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in unseren Breiten eine neue Heimat gefunden haben. Um die Pflanzen, vor denen Wissenschaftler und zahlreiche Internetseiten warnen, weil sie „böse“, eine Gefahr für den Menschen sind und um jeden Preis ausgerottet werden müssen.

Storl nimmt diesen Pflanzen ihren Schrecken. Er beschäftigt sich nicht nur mit der Geschichte der Neophyten, sondern zeigt auch, wofür sie denn gut sind, diese Pflanzen, gegen welche Krankheiten sie in ihrer Heimat eingesetzt werden. Herkulesstaude, Indisches Springkraut, Kanadische Goldrute, Ambrosie, Jakobskreuzkraut, Staudenknöterich, Mahonie, Kartoffelrose oder der Götterbaum – das sind einige der unerwünschten Gewächse, denen der Ethnobotaniker sein Buch gewidmet hat.

Storl geht aber noch weiter in die Geschichte zurück – zu einer Zeit, in der Pflanzen, die heute als eingebürgert gelten, als Neophyten in den mitteleuropäischen Raum eindrangen. Wie zum Beispiel der Flieder, der ursprünglich aus Südwestchina stammt und im Jahr 1902 erstmals in Berlin angepflanzt wurde. Erst um 1940 herum breitete sich das Gewächs sprunghaft aus und galt als invasiver Neophyt. Während er in Mitteleuropa längst akzeptiert ist, wird der Flieder in den USA verbissen bekämpft, da er als Bedrohung für die heimische Vegetation angesehen wird.

Bei einem Streifzug durch die Psychologie und Folklore erklärt der Autor, warum diese Pflanzen Angst und Panik beim Menschen auslösen und weshalb sich in der Vergangenheit das Image von harmlosen, bis dahin als nützlich angesehenen Pflanzen plötzlich wandelte.

Fazit: Au ja – endlich ein Buch, das sich den Pflanzen widmet, die sonst in keinem Buch zu finden sind. Endlich eine andere Information als die, welche Vernichtungsmaßnahmen beim Entdecken eines Jakobskreuzkrauts zu treffen sind. Endlich ein Buch, das auch die andere Seite der Neophyten beleuchtet. Zeigt, dass sie nicht nur „böse“, sondern auch sie nützlich sind, Heilwirkungen besitzen.

Wolf-Dieter Storl hat mit „Wandernde Pflanzen“ ein Meisterwerk verfasst, das in keiner gut sortierten Kräuterbücher-Sammlung fehlen sollte. Einfach nur zu empfehlen!

Wolf-Dieter Storl: Kräuterkunde

Samstag, 21. April 2012

Erstauflage: 1996/Aurum Verlag/ISBN: 3-591-08372-0/247 Seiten

Neuauflage: 2011/Aurum Verlag/ISBN: 978-3-89901-372-6/247 Seiten

Über den Autor

Dr. Wolf-Dieter Storl ist ein über Deutschland hinaus anerkannter Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Geboren am 1.10.1942 in Crimmitschau, Sachsen, wanderte er als 11-jähriger mit seinen Eltern 1954 nach Ohio, USA aus. Er begann zunächst ein Botanikstudium, wechselte dann aber zur Anthropologie (Völkerkunde).  Nach dessen Abschluss wurde er Vollzeitdozent und lehrte über 20 Jahre an verschiedenen Universitäten in Amerika und Europa. In Bern, Schweiz, promovierte er 1974 zum Doktor der Ethnologie. Auf seinen zahlreichen Reisen betrieb er Feldforschung und lernte von Bauern, Medizinmännern und Sadhus. Seit 1988 lebt er mit seiner Familie auf einem abgelegenen Bauernhof im Allgäu, schreibt Bücher und gibt zum Thema Heilkräuter Seminare und Vorträge. Bei der traditionellen europäischen Pflanzenheilkunde, wie die der Kelten, Germanen und Slawen, sowie des frühchristlichen Mittelalters, liegt zur Zeit sein Hauptinteresse. Nicht nur zu diesen Themen hat er zahlreiche Bücher geschrieben, sowie Hörbuch-CDs und eine DVD veröffentlicht.

Über das Buch

Auf den ersten Blick ist die „Kräuterkunde“ nichts Besonderes. „Wieder ein Kräuterbuch von Wolf-Dieter Storl? Hat er nicht schon genug über Kräuter geschrieben“, sind die ersten Gedanken, die der Rezensentin durch den Kopf schießen. Doch es ist der kleine, feine Unterschied, der’s ausmacht.

Das vorliegende Buch ist die Neuauflage des 1996 erschienenen Werkes. Schon damals hat es zahlreiche Amazon-Rezensenten begeistert. „Eine Ausnahmeerscheinung“, schreibt eine, „Der Autor hat eine Meister-Leistung vollbracht“, ein anderer, oder „eine Liebeserklärung von Herrn Storl an die Natur und ihre Pflanzen und Kräuter!“, eine dritte.

Was diese Leser begeistert hat, ist mit Sicherheit nicht in den Abbildungen des Buches zu finden. Denn hier kommt die „Kräuterkunde“ recht spartanisch daher – soll heißen, es gibt keine. Viel mehr oder auch einmal mehr vermittelt Storl mit diesem Buch etwas, das in keinem anderen Buch zu finden ist: Die Kräuterkunde auf eine andere Art, eben eine Storl-charakteristische Art. „Gebt den Ärzten den Ärzten ihre Kräuterheilkunde zurück!“ fordert er etwa in der Überschrift des ersten Kapitels, wenn er erklärt, warum die Medizin heute lieber zu chemisch entwickelten Stoffen greift, als sich auf die Heilkraft der Kräuter zu verlassen. Dabei stellt Storl fest:

„Die großen Pharmakonzerne sind inzwischen schon viel weiter als der durchschnittliche Mediziner. In Anbetracht der schwindenden Effektivität antibiotischer Wunderwaffen, der Risiken und Nebenwirkungen vieler Synthetika und der immens hohen Kosten für die Entwicklung neuer synthetischer Arzneimittel (nur etwa jede zehntausendeste untersuchte chemische Verbindung hat eine Chance, am Ende zu einem Medikament entwickelt zu werden), interessieren sich die Konzerne zunehmend wieder für die Heilpflanzen.“ (S. 15)

Doch der Ethnobotaniker belässt es nicht nur bei einem Appell – er will seinen Lesern zeigen, wofür sie eigentlich gut sind, diese fast vergessenen Heilkräuter. Im Kapitel „Eine differenzierte Kräuterbetrachtung“ listet er die wichtigsten Kräuter nach dem „Pen Ts’au“ des Shen Nung, dem ältesten chinesischen Kräuterbuch, und nach der indischen „Wissenschaft vom Leben“ auf. Demnach gibt es zum Beispiel Kräuter mit „himmlischen Eigenschaften“, wie Ginseng, Jujube oder Süßholz, die auf den menschlichen Körper stärkend wirken. Oder Heilpflanzen mit sattwischen Eigenschaften – dazu zählen die Zitronenmelisse oder das Wassernabelkraut, die unter anderem harmonisierend und bewusstseinsfördernd wirken.

Kräuterheilkunde, schreibt Storl, ist tausende von Jahren alt.

„Der Verdacht liegt nahe, daß unsere steinzeitlichen Vorfahren, von den Australopithecinen bis zu den Neandertalern, ebenfalls die Fähigkeiten hatten, heilende Kräuter instinktiv zu erkennen.“ (S. 35)

Mit der Christianisierung geriet die Kräuterheilkunde mehr und mehr ins Abseits, da die Schamanen und Heilpriester eine Konkurrenz der Missionare auf dem Weg zur Bekehrung darstellten. Später wurden die meisten Heilkräuter in den Klostergärten von Kirchen angebaut. Erst in der heutigen Zeit – also im Jahr 1992, einige Jahre, bevor die Kräuterkunde auf den Markt kam – sei ein Umdenken zu verspüren, registriert Storl.

„Pflanzen sind Vermittler“, betont er, wenn er die Verbindung der Pflanzen zu den Gottheiten beschreibt. Anhand des Jahresrades, dem Reigen der Pflanzengöttin, verdeutlicht er das Werden und Vergehen der Natur, der Tier- und Pflanzenwelt und den Einfluss auf den Menschen. Der Ethnobotaniker geht noch tiefer, erklärt, wie ein Schamane die Krankheit bei seinem Patienten aufspürt, sie quasi mit seinen Hilfsgeistern „erschnüffelt“, sich mit Hilfe psychoaktiver Pflanzen in Trance versetzt, um sie schließlich zu beseitigen und Heilung zu erwirken.

Auch der menschliche Körper hat laut Storl so genannte Erste Hilfe-Maßnahmen, die ihn gegen Krankheiten schützen. Angefangen bei der Haut, die sich durch Ausschlag, Husten, Niesen oder Blinzeln gegen Krankheitskeime wehrt, über Magen und Darm, der sich mit Erbrechen und Durchfall äußert, wenn er von Erregern befallen wird, bis hin zum Nervensystem gibt der Autor Tipps, wie Krankheitskeime mit Pflanzen aus der Natur unschädlich gemacht werden können.

Storl beendet sein Buch mit Kapiteln über die Kräuterkunde und Kräuterkundige der Neuzeit und der Vergangenheit. So beschreibt er, wie ein Mensch kräuterkundig wird, wie er Kontakt zum Geist Pflanze aufnimmt, die ihm den Weg zu ihren Heilkräften eröffnet, erwähnt Kräuterkundige der letzten Jahrhunderte – zum Beispiel Sebastian Kneipp, Maria Treben oder Edward Bach – die alle in ihrem Leben ein einschneidendes Erlebnis hatten, eine Art Einweihung, die sie an den Rand des Todes brachte und die sich letztendlich mithilfe der Kräuter selbst heilen konnten und beschreibt die magischen Regeln des Kräutersammelns.

Fazit: Mit der Kräuterkunde bekommt der Leser genau das, was man von Wolf-Dieter Storl durch seine vielen, vielen Bücher über die Pflanzenwelt gewohnt ist: Ein bisschen Wissenschaft, ein bisschen eigene Erfahrungswerte, ein bisschen Schamanismus, ein bisschen Mystisches und Legenden, ein bisschen Götterwelt und ein bisschen Esoterisches – das alles verpackt in einen feinen, Storl-typischen Erzählstil: Spannend, phantasiereich und vor allem niemals langweilig. All diese Attribute machen die Kräuterkunde zu einer echten Bereicherung für jeden Bücherschrank!


Donau, Traisen und die Au

Samstag, 24. März 2012

Heute möchte ich Euch im Kräuterkistl eine neue Serie vorstellen. Und zwar werde ich Euch jetzt und in den nächsten Artikeln in eine meiner Lieblingslandschaften ganz in meiner Nähe entführen – die Donau- und Traisenauen. Einerseits empfinde ich sie als einen sehr schönen und erholsamen Lebens-, Rückzugs- und Erholungsraum und andererseits bieten sie einen abwechslungsreichen „wilden“ Kräutergarten in meiner unmittelbaren Nähe.

Hart oder weich – das ist hier die Frage

Die Au wird grundsätzlich in zwei Typen unterschieden – die weiche und die harte Au. Der Unterschied ergibt sich aus den bestimmenden Holzarten, also weiche oder harte Hölzer, die auf Grund der unterschiedlichen Überschwemmungslage übers Jahr hinaus dort am besten gedeihen können.

Lebensraum Au

Copyright www.donauauen.at

So sind in der weichen Au hauptsächlich Weiden, Pappeln und Erlen heimisch die mit einer mehrmaligen Überschwemmung im Jahr gut zu recht kommen können. In der harten Au finden sich überwiegend Stieleichen, Esche, verschiedene Ulmenarten (Feldulme und Flatterulme), die Winterlinde und in geringerer Vorkommensdichte der Holzapfel und die Holzbirne. Diese kommen gut mit den schweren, nährstoffreichen Bodenverhältnissen zu Recht. Die harte Au wird nur ein- bis zweimal im Jahr, mehrere Tage mit 0,5 bis 3 Meter überschwemmt und bietet somit einen idealen Standort für Bäume die sowohl mit wechselfeuchten als auch mit trockenen Bodenverhältnissen gut klarkommen.

Der Bau des Kraftwerkes Altenwörth an der Donau in den 1970er Jahren hatte zur Folge, dass diese aufgestaut wurde und viel Augebiet in unserer Gegend verloren ging. Vereinzelt findet man noch Altarme der Donau, die aber zunehmend durch die Ablagerung von Feinsedimenten gefährdet sind. Ebenfalls durch den Kraftwerksbau wurde das Mündungsgebiet der Traisen rund 7 Kilometer Richtung Osten (hinter das Kraftwerk, damit dieses nicht durch Schotter- und Schlammablagerungen bei den Turbinen beeinträchtigt wird) verlegt. Mit viel Geld von Seiten der EU und dem Bund wird jetzt bei der Traisen ein Renaturierungsprojekt gestartet um den künstlich begradigten Fluss wieder in einen mäandernden umzuwandeln (http://www.life-traisen.at/).

Traisen-Renaturierung

Copyright www.verbund.com

Durch dieses Projekt soll wieder eine Verbindung der verschiedenen Augewässer (Altarme der Donau und vereinzelte Brunnadern[1]) mit der Taisen hergestellt werden und damit ein vielfältiger Lebensraum für die einzelnen Fauna- und Floraarten hergestellt werden. Vor allem die Hartholzau, die zu den am stärksten gefährdeten Biotopen Mitteleuropas zählt, profitiert durch diese Wiederanbindung an den Fluss und die damit einhergehenden periodisch wiederkehrenden Hochwässer.

Alle Macht dem Frühjahr

Ich möchte hier nun auf die verschiedenen Pflanzen der harten Au eingehen. Neben den schon erwähnten Holzarten gibt es auch eine vielfältige Krautschicht, die sehr reich an Frühlingsblühern – den sogenannten Geophyten[2] – ist. Kennzeichnend für die harte Au sind das Weiße und das Gelbe Buschwindröschen, das Scharbockskraut und der Gelbstern. Diese Arten nutzen die Zeit vor der Laubentfaltung der Baumschicht und wickeln ihr ganzes Jahresprogramm im Frühjahr ab. Den Großteil des restlichen Jahres überdauern sie im Boden.

Donau Altarm

Copyright Rothani

Zu den Frühjahrsblühern die sich ebenfalls in der Au breit machen zählen das Schneeglöckchen, der Bärlauch und das Maiglöckchen. Und weil wir gerade die richtige Jahreszeit haben und nicht oft genug auf die Gefahren hingewiesen werden kann, hier noch mal anschaulich und hoffentlich einprägsam die Unterschiede zwischen Bärlauch – der sehr lecker schmeckt, und Maiglöckchen – das meistens nur einmal verzehrt wird.

Tot oder lebendig – das ist hier die Frage

Ich habe mir angewöhnt Bärlauch und Maiglöckchen vor allem an den Blättern zu unterscheiden. Die Blätter des Bärlauchs haben einen eindeutig zu identifizierenden Stiel und die Blätter des Maiglöckchens entspringen direkt an der Wurzel, sie werden von einer Blattscheide immer paarweise zusammengehalten! Das auffälligste Unterscheidungsmerkmal ist zwar der Geruch, aber nach einer Stunde Bärlauchernte riechen die Hände schon so nach Knoblauch, dass man beim besten Willen ein gerade gepflücktes Maiglöckchenblatt nicht mehr am Geruch identifizieren kann. Hier aber noch mal die Unterschiede im Überblick.

Bärlauch
die ausgewachsenen Blätter sind deutlich in einen Blattstiel verschmählert; die Blätter sind grasgrün und papierartig dünn; er wächst auf frischen, nährstoffreichen Standorten und kommt meist in Massen vor; weißt einen starken Knoblauchgeruch auf

Maiglöckchen
hat zwei bis drei Laubblätter die direkt dem Rhizom (Wurzel) entspringen; die Blätter sind blaugrün und ledrig derb; Blätter meist einzeln oder zu wenigen zusammenstehend; wächst auf trocken-warmen Standorten; es kommt meist in kleinen Truppen, aber nicht flächendeckend vor; ist geruchsarm

Donauau im Frühling

Copyright Rothani

Darm und Demut

Generell ist der Bärlauch in ganz Europa und Nordasien verbreitet und bevorzugt seinen Standort auf tiefgründigen, lehmigen, feuchten und nährstoffreichen Böden in Au und Laubwäldern. Durch die in der Wurzel gespeicherte Energie kann der Bärlauch das zeitlich begrenzte Lichtangebot am Boden der Wälder optimal ausnutzen. Die Blütezeit reicht von Mai bis Juni und wenn sich das Blätterdach des Laubwaldes allmählich schließt verschwindet er für den Rest des Jahres wieder in den Boden.

Die Knospen des Bärlauch lassen sich als Kapernersatz sehr gut einlegen und die Blätter werden vor der Blüte meist für Aufstriche und zur Zubereitung von Pesto gesammelt. Die Zwiebel kann auch im Sommer beziehungsweise im Herbst gesammelt werden. Sie enthält wie die Blätter und die Knospen viel Vitamin C und ätherische Öle. Werden die Bestandteile des Bärlauchs roh gegessen oder gekocht dann haben sie eine antiseptische Wirkung und normalisieren die Darmflora. Zusätzlich hilft sie gegen Arterienverkalkung und bei erhöhtem Blutdruck. Eine zerquetschte Bärlauchzwiebel in Milch eingelegt und schluckweise getrunken ist als Wurmmittel sehr wirksam.

Traisenau im Frühling

Copyright Rothani

Das Maiglöcken ist ebenfalls in ganz Europa und im gemäßigten Asien beheimatet. Es bevorzugt trockene, halbschattige Standorte und ist in Österreich geschützt. Die Glykoside des Maiglöckchens, die sie gleichzeitig zur Heil- und zur Giftpflanze machen, wirken ähnlich wie die Digitalisglykoside des Roten Fingerhutes und wurden beziehungsweise werden in der Medizin eingesetzt. Der Überlieferung nach wird das Maiglöckchen der nordischen Göttin Ostara zugeordnet. Andere Legenden berichten davon, dass das Maiglöckchen dort entstanden ist, wo Maria am Grab Jesu ihre Tränen vergoss. In der christlichen Ikonografie zählt es neben der Lilie, der Rose und anderen Pflanzen zu den Marienblumen. Durch seine kleinen weißen, nickenden Blüten war es ein Symbol für die keusche Liebe, die Demut und die Bescheidenheit von Maria und wurde dementsprechend oft auf Gemälden meist unauffällig und klein am unteren Bildrand dargestellt.

Auch wenn mein Auparadies in nächster Zeit durch die umwälzenden Eingriffe zu leiden haben wird freue ich mich trotzdem schon auf das Endergebnis eines alten, neu zu entdeckenden Lebensraum. Die Zeit dazwischen werde ich für viele Artikel über die verschiedenen Kräuter der Auwälder wie Aronstab, Diptam, Gundelrebe, Wilde Karde, Ehrenpreis, Kleiner Klappertopf, Natternkopf, Knabenkraut, Scharbockskraut und viele mehr nutzen.

Ich hoffe Ihr genießt den Frühling mit Bärlauch und vielleicht habt ihr auch ein paar Rezepte die Ihr mit uns in der Rubrik Heidensterz teilen wollt.

Quellen:
www.donauauen.at
www.verbund.com

Kursunterlagen Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten


[1] Brunnader: Bei Hochwasser bricht ein Fluss aus und erzeugt im Hinterland Mulden und Gräben. Befinden sich unter diesen Gräben und Mulden Schotterablagerungen hat das Grundwasser hier (an der tiefsten Stelle des Geländes) die Chance an die Oberfläche zu steigen. Durch die Filterwirkung des Schotters wird das Wasser fast gänzlich frei von Schwebstoffen. Die Brunnadern sind ein typisches Begleitgewässer von Flüssen wie die Donau, die Traun, die Traisen und dem Inn.

[2] Geophyten: Pflanzen, deren Überdauerungsorgane (Rhizome, Zwiebeln, Knollen, Wurzelsprossen) im Boden liegen und dadurch geschützt sind.

Going native Seidr – ursprünglicher seiðmaðr werden Teil III geschrieben von Runic John

Samstag, 03. März 2012

Wenn ihr mit Schamanismus vertraut seid, dann werdet ihr wissen, dass dieser Begriff vom Wort „Saman“ abstammt, das ein Wort aus dem Tunguskischen ist (die Tungusken sind ein Sibirisches Volk) und „kochen oder sieden“ bedeutet. Heute wurde es von Anthropologen geprägt und wird als Überbegriff verwendet um eine Person zu beschreiben, die in verändertem Bewusstseinszustand arbeitet und die Fähigkeit hat die physische Welt zu überschreiten und die verborgenen Welten des Geistes zu betreten. Möge das sowohl tatsächliche Reisen zur Geistwelt beinhalten als auch das Manipulieren von einzelnen Aspekten der Geistwelt in verändertem Bewusstseinszustand.

Seidr selbst ist also ein altes Wort, dessen genaue Bedeutung in den Nebeln der Zeit verloren gegangen ist. An dem einen oder anderen Punkt kann es durchaus auch „Magie“ oder „Zauberei“ geheißen haben, und es mag sicherlich von der alten in die neue Sprache öfters auch als „Hexerei“ übersetzt worden sein. Eine Benennung für diejenigen auf dem Weg des Schamanen, von denen die mit dem Finger nach ihnen zeigen und Beschlüsse fassen, dass die alten Götter jetzt die neuen Teufel wären. Zu einer anderen Zeit mag es aber auch „sieden oder kochen“ geheißen haben, genauso wie es das bei den tunguskischen Cousins tut. Was die Natur dieses Siedens oder Kochens gewesen ist, das können wir nur raten. Vielleicht ist es das Sieden der Kraft tief in unserem inneren Selbst sobald wir inspiriert sind. Vielleicht ist dieses Kochen eine Kraftpflanze, ein heiliges Kraut aus dem Norden oder eine Kräutermixtur um die Seele vom Fleisch zu befreien und ihr einen Ritt über den großen Baum zu ermöglichen. Vielleicht ist es das Zittern des Körpers, das oft auftaucht, wenn die Seele zwischen den Welten fliegt. Oder vielleicht ist es eine Mischung aus all dem oder aus keinem davon, andere Zeiten und andere Orte.

Indem wir Seidr praktizieren haben wir gelernt diese  physische, uns bekannte Welt zu verlassen und zu den inneren Welten des Geistes zu reisen. Wir lernen uns auf die verborgenen Schwingungen der Anderswelt einzustellen, zu sehen, zu fühlen und diese Gegenden zu erfahren. Gegenden, die immer zugegen sind aber normaler Weise vor unserem Blick verborgen sind. Zuerst werden wir vielleicht feststellen, dass unsere Augen und Glieder Zeit benötigen sich an diese neue Welt anzupassen. Unser Blick mag verschleiert sein und wir stolpern vielleicht oder fallen sogar – aber mit der Zeit lernen wir wieder zu sehen und zu gehen, genauso wie als Neugeborene. Mit der Zeit gewöhnen wir uns an diese neue Welt, diese Gegend der zahllosen Möglichkeiten. Nun sehen wir mit den Augen des Adlers und haben die Beine des Rehs. Wir riechen die Düfte des Waldes genauso wie ein Hund das kann und genauso wie der Glänzende lernen wir zu hören, wie die Wolle auf dem Rücken des Schafes wächst.

Der Weltenbaum

Wie in jeder schamanischen Tradition auf der ganzen Welt, Seidr hat einen eigenen Weg das Universum und alles in ihm zu verstehen. Ein Weg, der ganz speziell räsoniert und der sich tagtäglich in der Landschaft, im Wetter, in den Tieren und Menschen des Nordens zu Wirklichkeit geworden.

Im Zentrum aller Dinge steht der große Weltenbaum Yggdrasil, eine uralte Eibe, dessen Umfang größer ist als das Auge sehen kann und dessen Zweige bis ins Reich der Götter selbst wachsen. Tief in einem alten Eibenhain gewachsen, ist der Weltenbaum der Eingang zu allen anderen Welten, durch den jede(r)  Seidrman oder –frau gehen muss. Zwischen den Wurzeln und Zweigen dieses besonders alten Baumes ruht die ganze Schöpfung, in der es alles in allem neun Welten gibt.

Im Zentrum des großen Baumes ist die Welt, die wir als unsere eigene kennen, das materielle Gebiet von Midgard, das mittlere Gebiet. Von hier aus beginnt unsere Reise und hierher kommen wir auch immer wieder zurück, bis zu jenem Schicksalstag der irgendwann auf uns alle wartet. An diesem überqueren wir die Grenze ein letztes Mal, wen wir selber zu Ahnen werden. Midgard ist unsere alltägliche Welt, der Ort an dem sich alle Kräfte und Echos, aus der Geistwelt manifestieren und denen hier physischer Ausdruck verliehen wird.

Unter Midgard liegt das Gebiet der Zwerge, Swartalfheim, Heimat der Zwerge: eine dunkle Gegend innerhalb der Erde. Die Zwerge sind von kleiner Statur aber sowohl stark an Kraft als auch an kreativem Können, große Schmiede und Handwerker mit Metall, Kristall und all den kostbaren Erzen und Juwelen, die sich in der Erde finden. Die Götter haben von ihnen ihre größten Schätze erhalten und in ihr Gebiet reisen wir um unser magisches Selbst zu sehen und die unterirdischen magischen Künste zu lernen.

Unter der Heimat der Zwerge liegt Helheim, das Heim von Hella, das Gebiet der ahnen und die Heimat der Ahnengöttin Hella. Die ungesundeste Welt von allen, Helheim, ist der Ort, der unverdienter Weise die Basis für die christliche Hölle geworden ist. Aber weit entfernt davon eine Welt der Qual und des Schmerzes zu sein, ist Helheim ein Platz der Gelassenheit und großer Schönheit. Das ist der Ort an dem die meisten derer glücklich und in Freude wohnen, die diesen Erdkreis verlassen haben. Sie treffen ihre Familien wieder und leben in vieler Hinsicht so, wie sie es hier auf der Erde getan haben, vielleicht aber mit einem noch organischerem Gefühl! Helheim ist ein weites und unendliches Gebiet. Die meisten Leute treten ein und leben auf den äußersten Ebenen. Seidrleute gehen tiefer hinein, als die meisten anderen menschlichen Wesen es sich vorstellen können oder als sie es nötig hätten. Nach Helheim reisen wir um Rat von unseren Ahnen zu suchen und dorthin reisen wir auch, wenn wir die Seele heilen, denn genau dort ist es, wo die verlorenen Seelen sich am öftesten aufhalten.

Wenn wir uns weiter den Baum hoch bewegen, kommen wir nach Alfheim, das Heim der Lichtelben, der Ort auf dem Weltenbaum über Midgard liegt. Die Lichtelben sind Wesen aus Licht, die Cousins der Zwerge, die unter der Erde wohnen. Ihnen gehört das Gebiet, das wahrlich die Welt der Zwerge kontrastiert. Ein Gebiet des Lichts, der Schönheit, der großen Ebenen, Täler und Wälder und manchmal sogar der Plätze, die aus nichts als Licht gemacht sind. Die Lichtelben sind Lehrer und Heiler und viele von ihnen waren einmal große Lehrer auf der Erde, die als sie auf die andere Seite wechselten beschlossen haben, zu bleiben und ihre Angehörigen zu leiten. Vielleicht seid ihr mit ihnen vertraut, ohne es selbst zu wissen und heute sind sie oftmals als Engel, Aufgestiegene oder Lichtwesen bekannt.

Über Alfheim, auf den obersten Zweigen des Weltenbaums, liegt das Gebiet von Asgard, die Heimat der Asen. Hier halten sich die Asen und Vanen auf, die zwei großen Stämme aus denen sich die Götter und Göttinnen des Nordländer zusammensetzen. Beide haben ihr eigenes Land und eigene Halle (oder Hallen in einigen Fällen) wo sie sich aufhalten. Asgard ist ein heiliger Platz, ein Platz großer Macht, und genauso wie Helheim, an den Wurzeln des Baumes ein unendliches Gebiet. Von hier aus reisen die Götter selbst über den großen Baum, oft besuchen sie Midgard um ihre Leute zu führen und zu leiten. Und hier bekommen die Seidrleute auch die mächtigste Führung und tiefste Transformation.

Rund um Midgard liegen noch vier andere Welten, deren Kräfte und Mächte ständig Einfluss auf die materielle Ebene nehmen und so direkt alles Leben auf der Erde beeinflussen. Im Norden findet sich die eis- und schneebedeckte Gegend von Nifelheim, die Heimat von Nebel und Eis. Im Süden liegt Muspelheim, das Heim der Muspelli, eine Welt der wütenden Feuer und Flammen. Im Westen liegt die grüne und bewaldete Gegend von Vanaheim, die ursprüngliche Heimat der Vanen, Götter und Göttinnen des Waldes, der Erde und des Meeres. Im Osten liegt Jotunheim, die Heimat der Riesen.

Unserer physischen Welt, Midgard, zugrunde liegend ist ein Platz, bekannt als „inneres Midgard“, was eine Gegend ist, die sehr nahe an der materiellen Ebene liegt. Er ist eine Art innere Reflektion der zugrunde liegenden spirituellen Realität, die ebenfalls auf unserer Erde manifestiert wird. Das innere Midgard ist der Schwellenbereich zwischen den Welten. Es gehört sowohl zu dieser als auch zur Anderswelt und tatsächlich beginnen alle unsere Reisen hier.

Wie man es anstellt

Wie alle schamanischen Traditionen auf der ganzen Welt, ist Seidr ein Weg der Macht, des Wissens und der Heilung. Ob ihr nun eure Reise für euch selbst beginnt oder mit einem bestimmten Anliegen anderen dienlich zu sein, fraglos werdet ihr herausfinden, dass ihr unter Umständen angehalten seid anderen beizustehen. Als ich noch jünger war, verbrachte ich viel Zeit damit zu Festivals im ganzen Land zu reisen um meine Gemeinschaft zu finden. Nachdem ich sie gefunden hatte, bot ich meine Fähigkeiten im Heilen und Wahrsagen an um denen zu helfen, die das brauchten. Als ich älter wurde, fand ich heraus, dass ich immer weniger Zeit damit verbrachte Heilarbeit zu leisten und mehr Seidr und Galdr zu unterrichten, andere mit diesem alten Weg bekannt zu machen, ihr Gedächtnis aufzurühren, ihnen zu helfen sich zu erinnern und sie zu befähigen selber Seidrleute zu werden. Als Heilungsweg ist die Reise, die Seidr für uns Praktizierende mit sich bringt sowohl persönlich lebenserschütternd als auch lebensaufbauend. Es zerstört unsere Illusionen über uns selbst, wer wir wären, wer wir glauben zu sein und zeigen uns wer wir wirklich sind. Sie baut unsere Seele wieder auf und macht uns in diesem Prozess wieder ganz. In vielfacher Weise könnte man sagen, dass ich heile indem ich anderen beibringe zu heilen!

Der Weg des Seidr ist nicht immer der einfachste Weg. Es ist kein Weg des „Hinsetzens und für sich machen lassen“ noch ist es ein Weg, der auf der Servierplatte gereicht wird. Seidr ist ein Weg, der Kraft und Fokus erfordert, Hingabe und Absicht. Es ist ein Weg des Tuns, ein Weg der nicht nur gelesen werden kann. Es ist ein Weg, der erfahren werden muss, damit wir wissen können um zu verstehen. Für mich, einen Heiden, bis ins Mark meiner Knochen, ist Seidr, gemeinsam mit Galdr, mehr ein Lebensweg, ein Seinsweg, ein Weg des Tuns. Denn, als Seidrleute, sagen wir nicht, dass wir „glauben“. Wir waren selber dort und deshalb wissen wir!