Mit ‘Ma’at’ getaggte Artikel

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets – Teil III geschrieben von Merienptah

Samstag, 16. August 2014

Damit ist die Sache aber nicht zu Ende. Die Achu (Mehrzahl von Ach), können diese Gefilde aber auch zeitweise verlassen und in die irdische Welt zurückkehren um mit ihren hier lebenden Angehörigen in Kontakt zu treten, sie zu beschützen, zu warnen, ihnen zu helfen, aber auch um sie für Sünden zu bestrafen. Die Achu können gar als Rachegeister oder Gespenster in die Welt der lebenden zurückkehren und diejenigen heimsuchen, die sich gegen die Gesetze der Maat versündigen oder Rache an denjenigen nehmen, die ihnen zu ihren irdischen Lebzeiten ein Leid angetan haben.

Aus diesem Grunde wird ihnen im Totenkult gehuldigt und durch Gebete und Opfergaben versucht, sie gnädig zu stimmen. Oft wird der Ach eines Ahnen auch angerufen, um Schutz vor Verwünschungen und Beistand vor Gericht zu erbitten. Ein Ach hat ja nun das Gericht der Gerichte in der „Halle der vollständigen Wahrheit“ bestanden und kann wie kein anderer hilfreiche Tipps geben um eine Gerichtsverhandlung auch erfolgreich zu bestehen.

Und nun kommen wir zum wichtigsten Punkt dieses Wiederbelebungsprozesses und zum wesentlichsten Unterschied zwischen dem Totenglauben des alten Kemets und dem der heutigen Zeit. Die „Achwerdung“ aus heutiger Sicht unterscheidet sich durchaus von den Auffassungen über diesen Prozess in den alten Tagen Kemets und somit ergeben sich auch unübersehbare Unterschiede in der Bestattungspraxis zwischen heute und damals.

Wenn der Shut das Totengericht bestanden hat, der Ka weiterhin am Leben und der Ba unbeschadet nach 70 Tagen von seiner Reise zurückgekehrt ist, findet die „Achwerdung“ statt. Dafür ist allerdings ein unversehrter Leichnam notwendig. Denn diese Wiedergeburt als Ach findet im Inneren des Körpers (Chet) statt, andernorts ist sie unmöglich da sich der Ka, der Ba, der gerechtfertigte Shut und der Ren nur im Chet zum Ach vereinen können. Ohne den unversehrten Körper als der „gottgegebenen wahren Heimstatt der Wesensteile“ ist diese magische Neuverbindung und somit die Wiedergeburt als Ach nicht möglich. Die Zerstörung des Leichnams wäre gleichbedeutend mit dem endgültigen Tod als einer absoluten Vernichtung des Verstorbenen und somit das größte anzunehmende Übel überhaupt.

Das ist der Grund dafür dass alle Kemeten jedwede Form von Bestattung kategorisch ablehnen, die den Leichnam zerstört oder den natürlichen Zersetzungsprozess beschleunigt. Im Unterschied zum alten Kemet ist aber in unserem modernen Totenkult der Körper nur noch zu diesem Zeitpunkt notwendig. Im alten Kemet bestanden Ka, Ba, Shut und Ren nach der Achwerdung weiterhin als eigenständige Wesenheiten fort. Diese Wesenheiten benötigten den unversehrten Körper als Schnittstelle um sich immer wieder zusammenzufinden. Dafür musste der Leichnam für alle Zeit erhalten werden, was die Mumifizierung notwendig machte; dieser benötigte eine Stätte an der er sich aufhalten konnte, was eine ewige Grabstatt voraussetzte und da Ka und Ba für alle Zeit versorgt werden mussten um nicht doch noch zu sterben, waren Grabbeigaben mit allerlei notwendigen Dingen von Nöten. Das ist heute nicht mehr so.

Unser moderner Glaube sagt aber nun das Ka, Ba und der gerechtfertigte Shut im Körper zum Ach verschmelzen, diesen dann endgültig verlassen und danach nicht mehr brauchen. Eigenständig bestehen diese Wesenheiten dann nicht weiter fort und bedürfen deswegen auch keiner „ewigen Versorgung“. Einzig der Ach bleibt weiterhin bestehen. Deswegen verzichtet Kemet heute auf die Mumifizierung, die Anlage von großen Grabstätten als „Wohnung für die Ewigkeit“, und bis auf die Spruchsammlung der Totenbücher und eventuell einen Herzskarabäus gibt es auch keine weiteren Beigaben mehr um den Verstorbenen zu versorgen.

Diese verschiedenen Komponenten sind unerlässlich dafür dass der Verstorbene zum Ach werden und bis in alle Ewigkeit entweder als Stern im Gefolge des Sonnengottes oder als Verklärter in den Binsengefilden des Herrschers der Unterwelt weiterleben kann.

Das Totengericht

Der bereits erwähnte Spruch 125 („verneinen der Sünden“) beschreibt das Totengericht als ein Bekenntnis der nicht begangenen Sünden vor einem Tribunal aus 42 Totenrichtern, die unter dem Vorsitz des Herrschers der Unterwelt UsirWennenefer (Osiris) ihr Urteil über den Verstorbenen fällen. Der Verstorbene muss jeweils vor jeden dieser Richter treten, sich ihm mit seinem Namen vorstellen, ihn mit Namen ansprechen und die zu ihm gehörende Sünde verneinen. Während er dies tut wird als Zeuge seiner Aussage sein Herz, der Sitz des Gewissens, vom Gott Inpu (Anubis) gegen die Feder der Göttin Maat abgewogen, die Wahrheit und Rechtschaffenheit symbolisiert. Sollte der Verstobene bei der „Anhörung“ lügen wird das Herz als Zeuge der Wahrheit schwerer sein als die Feder der Maat und somit die Lüge offenlegen. Manch einer behauptet dass die heute noch geläufige Redewendung „schweren Herzen sein“ ihren Ursprung in diesem Wiegen des Herzen hat.

Passiert das ist die Anhörung vorbei und das Herz des Verstorbenen wird der dämonischen Totenfresserin Ammit übergeben die dies verschlingt und somit den verstorbenen endgültig auslöscht.

Das Totengericht (125. Kapitel des Totenbuches)

Als einen kleinen Rettungsanker für den Verstorbenen könnte man verstehen, dass eigentlich in diesem Spruch 84 Sünden erwähnt werden, die man nicht begangen haben sollte um als wahrhaft maatgerecht zu gelten, dass man aber ganz individuell „nur“ 42 vor den Richtern verneinen muss.

Wer also schon mal einen Brotlaib gestohlen hat (was eine der 84 Sünden ist) sollte nicht unbedingt vor dem Tribunal behaupten „ich habe nie einen Laib Brot gestohlen“, derjenige sollte diesen Punkt dann besser durch einen anderen ersetzen.

Ein weiteres Mittel beim Totengericht ein wenig zu schummeln, falls man nicht mal in der Lage ist 42 Sünden, also die Hälfte der Vergehen verneinen zu können, die das Tribunal als maßgebend erachtet, ohne Gefahr zu laufen von seinem Herzen der Lüge überführt zu werden ist es, wenn man dem Verstorbenen auf seine Reise einen Herzskarabäus mitgibt. Auf diesem ist Spruch 30 („Spruch damit das Herz des Verstorbenen nicht zurückgewiesen wird“) notiert, ein Zauberspruch, der dem Herzen aufträgt nicht gegen seinen Besitzer auszusagen.

Um einmal zu verdeutlichen wie dieses negative Sündenbekenntnis aussieht und was es beinhaltet hier mal ein Beispiel von 42 Bekenntnissen, allerdings der Einfachheit halber ohne die Namen und Herrschersitze der Richter des Tribunals:

Ende Teil III

Von der Schöpfung der Welt – Teil IV geschrieben von Merienptah

Samstag, 18. Januar 2014

Diese unterschiedlichen Darstellungen von der Schöpfung der Welt spiegeln allerdings nicht nur die gegensätzlichen Überlieferungen verschiedener lokaler Kultzentren wieder, sondern stattdessen die unterschiedlichen Aspekte eines Einvernehmens darüber, wie die Welt und ihre Schöpfergötter entstanden sind. Denn so unterschiedlich die kemetischen Kosmogonien auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, sind sie sich doch in den meisten Punkten ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Man könnte diese Mythen als verschiedene Gedichte über das gleiche Thema betrachten. Wie man nämlich unschwer erkennen kann, läuft die Schöpfung als Prozess in allen Kosmogonien Kemets gleich ab. Den Beginn markiert das Auftauchen des Urhügels aus dem Nun mit der darauf folgenden Geburt des Sonnengottes und der Entstehung der verschiedenen Göttergeschlechter.

Dies führte zur Entstehung der bekannten Welt und schlussendlich zur Schöpfung von Mensch und Tier. Der einzige Unterschied in all diesen Schöpfungsmythen ist die personifizierte Universalzündung des Ganzen. Den Anstoß zur Schöpfung gibt jeweils die Hauptgottheit einer lokalen Götterfamilie. Der weitere Verlauf des Schöpfungsprozesses ist dann wieder überall gleich. Nachdem die Göttergeschlechter entstanden sind, herrschten diese über viele tausend Jahre über die Welt, das sogenannte „goldene Zeitalter“ brach an. Während dieser Zeit erschufen die Götter die Umwelt und Natur die wir heute kennen. In dieser Zeit spielen auch die meisten der Mythen über die Götter und ihr Verhältnis zueinander, wie zum Beispiel der berühmte Osirismythos.

Als die Götter auf dem Erdenthron sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst wurden, zogen sie sich nach und nach auf dem Rücken der Himmelskuh an das Himmelsgewölbe zurück, wo man sie noch heute als Sterne sehen kann. Als dann auch die Göttin Maat, als letzte Vertreterin der göttlichen Herrscherdynastie die Erde verließ, übergab sie die Herrschaft und die Verantwortung für die Schöpfung den Menschen, die in ihrem Sinne, also nach dem Prinzip der Maat, die Welt und die Wesen in ihr lenken sollten.

Warum nun die Kosmogonien von Heliopolis, Hermopolis, Memphis und Theben im Laufe der Zeit die anderen überstrahlt haben, freilich ohne sie jemals gänzlich zu ersetzen, mag unterschiedliche Gründe haben. Bei Memphis und Theben sind es unzweifelhaft auch politische Beweggründe die die Hauptgötter der beiden Reichshauptstädte (Memphis war seit Beginn des Alten Reiches die Verwaltungshauptstadt und Theben seit dem Mittleren Reich die Residenz der Könige) zu landesweit verehrten Schöpfern werden ließen. Heliopolis ist unzweifelhaft eine der ältesten Tempelstädte Kemets und ihr Sonnenkult wohl überhaupt der älteste Kult des Landes, was eine überregionale Verbreitung begünstigt. Dies merkt man auch daran, dass beinahe alle Kosmogonien in Heliopolis „abgeschrieben“ haben und nur ihren eigenen Schöpfergott dieser Geschichte hinzugefügt oder sie dadurch ergänzt haben. Als ebenfalls eine der ältesten Kultstädte Kemets und Heimat des Weisheitsgottes Thot, der den Menschen die Schrift gab, gilt auch Hermopolis als eine der „Stätten des ersten Males“ und somit hatte die Achtheit der Stadt auch viel Zeit ihre Version der Schöpfung über das Land zu verbreiten.

Bis heute bestehen die verschiedenen Versionen der Schöpfung im kemetischen Glauben nebeneinander ohne einander jedoch jemals in Frage zu stellen. All diese Erzählungen vom Anfang des Universums und dem Beginn des immerfort andauernden Schöpfungsprozesses durch die Götter sind für uns gleich wahr. Sie sind verschiedene Sichtweisen auf die gleiche Materie; und der Zustand dass es in all den vergangenen Jahrtausenden unserer Geschichte nicht zu einer Vereinheitlichung dieser Mythen kam zeigt, dass in Kemet kein Wert auf eine absolute Wahrheit gelegt wird, wie sie so manche spätere Religion für sich in Anspruch nimmt.

Welche Gottheit nun „der Schöpfer“ ist, spielt im Ablauf des Geschehens, ebenso wie die genaue zeitliche Abfolge der einzelnen Stationen des Prozesses keine wirkliche Rolle. Das bemerkt man schon alleine daran, dass in einigen Texten nur von „Gott“ geredet wird; der Name der gemeinten Gottheit wird jedoch nicht erwähnt, ebenso wie über zeitliche Dimensionen an keiner Stelle genaue Aussage getroffen wird.

Dass die Schöpfung im Gange ist sieht man jeden Tag; die Sonne taucht jeden Morgen gemäß der göttlichen Ordnung am Osthimmel auf und versinkt nach ihrer Fahrt über den Himmel wieder im Westen; Tag und Nacht wechseln sich immerfort einer zeitlichen Ordnung folgend ab; ebenso folgt der Wechsel der Jahreszeiten den Regeln der Schöpfung. Tausende Naturereignisse zeugen täglich davon, dass die Schöpfung seit dem Auftauchen des Urhügels aus dem Urozean noch immer im Gange und auch im Wandel begriffen ist. Denn entgegen den starren und auf einen bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit fixierten Schöpfungsereignissen vieler anderer Religionen ist die Schöpfung im kemetischen Denken ein dynamischer Prozess, der erst am Ende allen Seins in einer Umkehrbewegung dieser Dynamik, nach dem Tod der Götter und dem damit einhergehenden erlöschen ihrer Schöpfungskraft, ein Ende findet; zu der Zeit wenn sich das Universum wieder in den Zustand wandelt, den es vor dem Beginn des Schöpfungsprozesses innehatte. Einzig Nun als Urchaos bleibt von diesem universellen Ende ausgeschlossen. Auch diese Sicht passt erstaunlich gut auf die Theorien der modernen Kosmologie, die am Ende aller Zeit einen Sogenannten Endknall (als kosmisches Gegenstück zum Urknall) erwartet, der den Kosmos und all seine Bestandteile wieder in den Urzustand zurückversetzt.

Am Ende der Schöpfung ist nach kemetischer Sicht, ganz gleich welche Kosmogonie man dafür heranzieht; denn in dem Punkt sind sich wiederum alle Schöpfungsmythen einig, alles wieder in dem Zustand wie vor dem Beginn des Ganzen. Somit schließt sich der Kreislauf des Seins und im Nun, dem nunmehr wieder alleinexistenten Urozean kann irgendwann eine neue Schöpfung beginnen.

Die Wahrheit in Kemet liegt ganz im Auge des Betrachters, und genau deshalb sind sich unsere Kosmogonien trotz ihrer lokalen und zeitlichen Unterschiede so unwahrscheinlich ähnlich, dass sie zusammen in der Lage sind für uns ein Bild der Wahrheit zu zeichnen und uns ein Verständnis für die Zusammenhänge der göttlichen Schöpfung zu vermitteln ohne sich gegenseitig als falsch zu bezeichnen. Eine „einzig wahre Wahrheit“ will uns keine der kemetischen Mythen unterbreiten, sondern eher eine größtmögliche Annäherung an das, was damals passiert ist, das was noch heute passiert und an das, was in Zukunft passieren wird. Sie vermitteln eine dem Menschen verständliche Erklärung des Schöpfungsprozesses, der ja so groß und umfangreich ist, dass der begrenzte menschliche Geist ihn in seiner Gänze nie wirklich wird fassen können.

© Merienptah

Von der Schöpfung der Welt – Teil III geschrieben von Merienptah

Samstag, 21. Dezember 2013

Eine dritte sehr weit verbreitete Schöpfungsgeschichte ist die Kosmogonie von Memphis

…, dem alten Mennefer, der königlichen Residenzstadt am Südende des Nildeltas, dem Schnittpunkt von Ober- und Unterägypten. Dieser etwas jüngere Mythos knüpft an die heliopolitanische Schöpfungsgeschichte an, behauptet aber darüber hinaus, dass der memphitische Gott Ptah, auch Ptah-Tatenen genannt, dem Sonnegott Re-Atum vorausgehe und das Ptah es war, der Atum und letztendlich die anderen Götter sowie alles andere durch „Herz und Zunge“, also die Macht von Geist und Wort, geschaffen habe. Der Ausdruck spielt auf die bewusste Planung der Schöpfung und ihre Ausführung durch rationales Denken und Sprechen an. Sie ist das früheste Beispiel für die sogenannte Lehre des „Logos“, in der die Welt durch kreative Rede einer Gottheit Gestalt annimmt.

Ptah, der „Herr des Schicksals“ wird darin zum Ursprungspunkt der gesamten Schöpfung und die Gottheiten der heliopolitanischen Neunheit zu dessen Manifestationen erklärt. In einer anderen Version dieser Geschichte ist Ptah nicht Tatenen, der personifizierte Urhügel, sondern der Urozean Nun selbst. Im System von Memphis ist Atum demnach nur der Vollstrecker von Ptahs Willen, der die Befehle des großen Gottes verstand und ausführte. Auch verlor Atum seine alleinige Stellung innerhalb der Schöpfung, denn ihm, der Sonne, wurde Thot als Gott des Mondes beigestellt, ebenso Seschat, die ordnende Kraft der Mathematik sowie die beiden Schwestern Maat und Isfet, die Ordnung und das Chaos.

Bis auf den Unterschied im Urschöpfer, den der memphitische Mythos in Ptah sieht, ist der weitere Verlauf des Schöpfungsprozesses dem der etwas älteren heliopolitanischen Kosmogonie nahezu gleich. Bedingt durch die räumliche Nähe der beiden Städte (die Kultzentren von Memphis und Heliopolis sind nur ca. 30 km voneinander entfernt) ist eine gegenseitige Beeinflussung dieser beiden uralten Mythen nicht ausgeschlossen.


Eine weitere Kosmogonie entstand zu Beginn des Mittleren Reiches in Theben, dem alten Waset


Um der Heimatstadt der Königsfamilie des wiedervereinten Kemet nach den Wirren und den religiösen Krisen der ersten Zwischenzeit auch in kultischer Hinsicht den ihr gebührenden Glanz und auch die Vorrangstellung vor allen anderen Städten einzuräumen, ersannen die Priester des Stadtgottes Amun einen eigenen Schöpfungsmythos. In dieser Version der Geschichte werden Versatzstücke der Kosmogonien von Heliopolis und Hermopolis miteinander vermischt. Amun, als bereits bekanntes Mitglied der hermopolitanischen Achtheit wird dort zum „ältesten der Acht“, der durch seinen eigenen Willen die Schöpfung in Gang setzt und den Urhügel aus dem Urozean hebt. Dort erscheint der Sonnengott (entweder in einem Ei, oder der Lotosblüte – da gibt es verschiedene Versionen), mit dem sich Amun zu Amun-Ra verbindet. Daraufhin setzt sich die Schöpfung ganz gemäß der alten Kosmogonien von Heliopolis, Hermopolis oder Memphis fort, die sich ja im weiteren Ablauf der Geschehnisse nicht wirklich voneinander unterscheiden. Durch die Verschmelzung der verborgenen Urkraft des Amun von Hermopolis, der solaren Aspekte des heliopolitanischen Schöpfergottes Ra sowie der willentlichen Schöpfungskraft des Ptah von Memphis entstand ein nahezu transzendenter Universalschöpfer. Amun „der älteste der Alten“, „der alles sieht und hört“, „der überall gleichzeitig sein kann“. Als Nisut-netjeru, „König der Götter“ wird Amun von da an im ganzen Land verehrt, sein Kult überstrahlte, sicherlich auch durch die Königsfamilie forciert, innerhalb weniger Jahrzehnte alle anderen Götter Kemets und sein Tempel in Theben wuchs im folgenden Jahrtausend zu einem der bis heute größten sakralen Gebäudekomplexe der Welt an. Zusammen mit den benachbarten Bezirken des alten Lokalgottes Month und dem der Göttin Mut ist der Tempelkomplex von Karnak mit zirka 41 Hektar etwa so groß wie die Vatikanstadt in Rom.

Man kann also sagen, dass fast jede größere Stadt im alten Kemet ihre eigene Schöpfungsgeschichte, oder besser gesagt, ihre eigene Version der Schöpfung hatte. Neben den vier am weitesten verbreiteten Mythen von der Entstehung des Universums und unserer Welt von Heliopolis, Hermopolis, Memphis und Theben gibt es noch eine Vielzahl weiterer. In Sais, dem alten Zau, der großen Stadt im westlichen Delta beispielsweise war die Urgöttin Neith, die Mutter der Götter und Schöpferin allen Seins, sie gebar aus sich selbst heraus den Sonnengott und setzte somit den Zyklus von Tag und Nacht als Initialzündung der weiteren Schöpfung in Gang. In Buto, der alten Doppelstadt Pe und Dep, wurden Horus von Buto mit seiner Gemahlin Uto als göttliches Schöpferpaar verehrt, aus deren Vereinigung der Urhügel entstand.

In Hierakonpolis (Nechen) standen Horus von Hierakonpolis sowie die Geiergöttin Nechbet als Urgötterpaar an der Spitze der Schöpfung. Als Nechbet-huret „Nechbet, die Geheime“ legt die Göttin das kosmische Ei aus dem der Sonnengott schlüpft. Ganz im Süden des Landes, in Assuan, dem alten Syene verehrte man die stellare Göttin Satet als Urschöpferin und Personifizierung des Sirius-Gestirns aus dem alles Sein hervorgeht, als Universalgöttin Isis-Sothis ging sie in der griechisch-römischen Periode auf Siegeszug durch das ganze Imperium bis nach Britannien hinauf.


Ende Teil III

Von der Schöpfung der Welt – Teil I geschrieben von Merienptah

Samstag, 12. Oktober 2013

Das alte Kemet hat in seiner vieltausendjährigen Geschichte wohl mehr Schöpfungsmythen hervorgebracht als jede andere alte Kultur. Die scheinbare Ironie an der Sache ist, dass diese Kosmogonien und Theogonien auf den ersten Blick widersprüchliche Darstellungen ihrer mythischen Entstehung und Beherrschung des Kosmos beinhalten und dass sie im Laufe der gesamten Geschichte Kemets nie zu einer einzigen, allgemeingültigen Schöpfungsgeschichte verschmolzen wurden. Im Prinzip hatte jede größere Ortschaft mit ihrer lokalen Götterfamilie auch ihren eigenen Schöpfungsmythos, also ihre eigene Sicht auf die Entstehung der Welt, die diese meist in die Hand des lokalen Hauptgottes legte. Einig sind sich alle diese Mythen in der Beschreibung des Urzustandes vor der Schöpfung.

Am Anfang war das gesamte Universum von einem Urozean, genannt Nun, angefüllt. Dieses Urgewässer hatte weder Grenzen noch eine Oberfläche; es füllte das gesamte Universum aus und wird in den Mythen oft mit einem „kosmischen Ei“ umschrieben. Die Wasser des Nun standen und waren völlig bewegungslos. Die zweite Übereinstimmung aller Kosmogonien ist die Vorstellung von einem Urhügel, der sich am Beginn alles Seins durch Intervention des jeweiligen Schöpfergottes aus dem Urozean Nun erhob. Dieser Urhügel war die Verortung der jeweiligen Schöpfungsgeschichte. Diese Annahme lässt sich interessanterweise mit dem Zustand des Universums vergleichen, der der heutigen Kosmologie zufolge vor dem Urknall geherrscht hat. Der Urozean Nun steht also symbolisch für die ursprüngliche Singularität aus der beim Urknall, also dem Auftauchen des Urhügels, gemeinsam Materie, Raum und Zeit entstanden.

Die verschiedenen Mythen sind sich auch in der Ansicht einig, dass am Ende aller Zeiten das gesamte Universum wieder in diesen Urzustand zurückversetzt wird. Auch das deckt sich in gewisser Weise mit den Ansichten der modernen kosmologischer Wissenschaft innerhalb der Physik, die davon ausgeht, dass am Ende aller Zeit eine Art umgekehrter Urknall das Universum wieder in seinen Anfangszustand zurückversetzt.

Diese Gedankengänge zur Schöpfung lassen sich auch mit den ins kosmische übersteigerten Naturbeobachtungen im Niltal erklären, da jedes Jahr das aus den Fluten des Nils auftauchende Fruchtland bei der nächsten Nilschwelle wieder in den Wassern versank um danach erneut beim Absinken dieser Flut wieder aufzutauchen. Somit entsteht ein Bild eines fortwährenden Kreislaufes der Schöpfung.

Die Schöpfung wird in kemetischer Sicht auch nicht als plötzlicher Schöpfungsakt sondern mehr als langsamer und fortwährender Prozess verstanden. Wie unterschiedlich auch immer die Ereignisse der Schöpfung und deren Abfolge ausgelegt werden, so stimmen sie doch auch darin überein, dass die sogenannte „Erste Zeit“, also die Epoche, in der die Götter tatsächlich auf der Erde lebten und dort ihre Königreiche hatten, ein glückliches und goldenes Zeitalter gewesen ist, in dem vollständige Gerechtigkeit (Maat) auf der Erde herrschte. Der legitime Nachfolger dieser Götter auf der Erde, der König von Kemet, hat also die Aufgabe, die Herrschaft der Maat, der Richtigkeit und Gerechtigkeit, die oft auch als gerechte Weltordnung bezeichnet wird, zu bewahren.

Eine der ältesten Schöpfungsmythen ist die, die im Laufe der Zeit wohl die weiteste Anerkennung im alten Kemet fand, ohne allerdings die anderen Mythen gänzlich zu verdrängen; die Kosmogonie der Enneade (Neunheit) von Heliopolis, welches in alter Zeit Iunu genannt wurde.

Im alten Iunu, dem Hauptzentrum des Sonnenkultes, entwickelte sich eine Kosmogonie, die um die sogenannte Neunheit von Gottheiten errichtet war, die aus dem Sonnengott und acht seiner Nachkommen bestand. Die mit dieser Schöpfung für gewöhnlich verknüpfte Gestalt des Sonnengottes ist der oftmals als „Allherr“ bezeichnete Urgott Atum. Es heißt von ihm dass er im Urozean Nun bereits „in seinem Ei“ existierte. Im Moment der beginnenden Schöpfung wurde Atum durch die Kraft seines eigenen Willens als der „Selbstentstandene“ geboren und somit zur Quelle aller weiteren Schöpfung. Sein Name bedeutet in etwa „der Vollendete“ und somit kann er als personifizierter Urhügel betrachtet werden, der sich aus dem Urozean erhob und auf dem sich der Schöpfungsprozess einzig durch die Macht und den Willen Atums in Gang setzte.

Das Auftauchen des Atum wird als Erscheinen des Lichts interpretiert, das die chaotische Dunkelheit des Nun vertrieb. Atum musste, da er ja allein war, seine Nachkommenschaft ohne Gefährtin zeugen. Er erreichte sein Ziel durch Selbstbesamung, wobei „die Hand des Atum“ den weiblichen Part dieses Prozesses übernahm. Demzufolge wird Atum oft zweigeschlechtlich als „der große Er-Sie“ bezeichnet; als „Vater-Mutter der Götter“.

Seinen Sohn Schu gebar Atum indem er ihn ausspuckte, und seine Tochter Tefnut, indem er sie erbrach. Die Funktion des Schu als Gott der Luft wird dadurch abgeleitet wie er geboren wurde, also dem Luftzug der beim Ausspucken entstand, und Tefnut wurde aufgrund ihrer Geburtsweise zur Göttin der Feuchtigkeit und des Feuers; wohl vergleichbar mit dem Brennen im Hals beim Erbrechen und dem feuchten Endprodukt des Ganzen. Somit war das erste göttliche Paar entstanden. Während das Ka in Atum noch zweigeschlechtlich ist, trennt Atum durch diesen Schöpfungsvorgang das Ka in das männliche (Ka) und weibliche (Kat) Prinzip. Schu und Tefnut wurden so zu Göttern, die geeignet waren, den Schöpfungszyklus fortzusetzen. Schu und Tefnut als Urgötterpaar wurden von Nun, dem personifizierten Urozean aufgezogen und das Auge des Atum wachte über sie.

Das Auge von Atum konnte sich von seinem Körper lösen und war auch eigenständig im Handeln und Fühlen. Dieses Auge, das Udjat, spielt in wichtigen Mythen eine große Rolle. Der eine Mythos berichtet, dass die Kinder Schu und Tefnut in den dunklen Wasserwüsten des Nun aus dem Gesichtskreis des Atum verschwanden. Atum sandte daraufhin sein Auge aus, sie zu suchen und zurückzubringen. Während das Auge nach Schu und Tefnut forschte, hatte Atum es durch ein anderes, viel helleres ersetzt. Oftmals wird der Sonnengott Ra als das „junge Auge des Atum“ bezeichnet. Als das erste Auge bei seiner Rückkehr bemerkte, dass sein Platz besetzt war, erboste es. Atum nahm daher das erste Auge und setzte es an seine Stirn, wo es die ganze Welt, die er zu erschaffen im Begriff war, bewachen konnte. Oft wird das Stirnauge als zerstörerische und übelabwehrende Göttin dargestellt (ein Aspekt der brennenden Sonne). In dieser Gestalt wurde das Stirnauge zur Göttin Uto, der sich aufbäumenden Kobra, die in Gestalt der Uräusschlange auf der Stirn der späteren Könige Kemets als Symbol und Verteidigerin ihrer Macht prangte. Weitere Mythen berichten dass aus der Verbindung von Ra und Uto die beiden Göttinnen Maat, die Richtigkeit, und Isfet, das Chaos, hervorgegangen sind.

Ende Teil I

Das Geheimnis des Lebens im Kemetismus – Teil II

Samstag, 04. Mai 2013

Die Moral und der Tod

Typisch für das kemetische Weltbild ist zum einen das Prinzip einer konnektiven Gerechtigkeit überschrieben mit dem Begriff „Ma’at“, das sich sowohl – gänzlich unmystisch – in der sozialen Sphäre manifestiert, als auch in einer spirituellen Dimension als kosmische Ordnung. Dabei formuliert die Ma’at lediglich ethische Richtschnüre und kein starres Regelwerk. Ma’at ist vielmehr eine dynamische Balance zu deren Gelingen jeder beitragen kann und muss. Daher beruht die Ma’at in erster Linie auf selbstständigem vorausschauendem und gemeinschaftsorientiertem Denken, nämlich darüber was richtig, gut und nachhaltig im Sinne des sozialen Miteinanders und letztlich des Erhalts der Schöpfung ist.

Die Halle der Ma'at

Dieses Prinzip erhält seine spirituelle Größe u.a. dadurch, dass es über den Tod hinausreicht und mythologisch in Form des Totengerichtes einen ethischen Fluchtpunkt des Handelns erhält, der sich jenseits aller physischen Existenz befindet. So ist der einzelne stets angehalten sein Handeln, sein Denken und seine Worte fortwährend zu prüfen. Im Angesicht des Todes erlischt so jeglicher Narzissmus und Egoismus, ein Wiedergutmachen oder „Schönreden“ vor dem Totengericht – mag man dies im Neuen Reich auch mittels umfangreicher Totenliturgie versucht haben – ist  nicht möglich, denn die Götter lassen sich nicht täuschen. Schließlich sind alle Taten in der „Black Box des Lebens“ nämlich dem Herzen (Ib) gespeichert, welches anschließend mit der Feder der Göttin Ma’at, also der Schirmherrin der kosmischen Ordnung, aufgewogen wird.

Ma’at als Lebensrichtschnur

Das Prinzip der Ma’at in meinem täglichen Tun zu verwirklichen ist eine große, wenn nicht DIE größte Herausforderung im Kemetismus. Dabei geht es weniger darum zu verwirklichen, was man individuell oder auch bezogen auf unmittelbare soziale Allianzen für „gut“ hält – nur allzu leicht täuscht man sich dabei selbst und verhält sich höchst opportunistisch – vielmehr geht es darum stets im Sinne höherer, beständiger ethischer Werte zu handeln, die sich selbst nicht von vornherein in aller Vollständigkeit offenbaren, sondern vielmehr durch das unermüdliche Tun der Ma’at immer offenbarer werden. Das kann durchaus im Einzelfall auch bedeuten, sich von ethisch unvereinbaren destruktiven, sog. „habgierigen“ sozialen Bindungen freizumachen. Mit Habgier ist hier weit mehr gemeint als nur materielle Gier, es geht vielmehr um Unersättlichkeit, Egoismus und Narzissmus als Geisteshaltung schlechthin.

Oft fragen angehende Kemeten, was sie denn tun müssten um Ma’at-gerecht zu leben und ich kann nur immer wieder raten, damit aktiv zu beginnen, dabei den Austausch mit anderen nicht zu scheuen, statt nur theoretisch darüber zu sinnieren und sich diesem Prozess der „ethischen Selbsterziehung“ mit Beharrlichkeit zu stellen. Der Frage „Aber was ist denn nun richtig und gut?“ wohnt sehr oft eine innere Rebellion inne, sich diesen Werten in aller Konsequenz zu fügen – insbesondere in unserer heutigen von Narzissmus und überzogener Individualität geprägten Gesellschaft. Wie oben schon erwähnt, es gibt ohnehin keine Lehrer mit erhobenem Zeigefinger, gegen deren Regelwerk man sich auflehnen könnte.

Dieser Artikel ist im Rahmen eines internationalen Blog Projektes namens „Kemetic Round Table“ entstanden. Wir freuen uns, wenn Ihr mal vorbeischaut und vielleicht sogar den einen oder anderen Kommentar hinterlasst. Senebty!