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Vergleich der Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen – Teil IV, geschrieben von Mara

Samstag, 25. Juli 2015

Der christliche Schöpfungsmythos II: Das Paradies und der Sündenfall

In Teil Drei dieser Serie wurde die christliche Schöpfungsgeschichte dargestellt und interpretiert. In diesem vierten und letzten Teil der Serie geht es um die damit eng verbundenen Erzählungen vom Paradies und dem Sündenfall des Menschen.

Die Erzählung

Das Paradies

Im zweiten Kapitel der Genesis wird eine etwas andere Darstellung der Erschaffung des Menschen gegeben. Danach machte Gott den Menschen (Mann) aus Lehm vom Acker und blies ihm den Lebensatem ein. So wurde er ein lebendiges Wesen. Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden. Dort pflanzte er allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen. Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen standen mitten im Garten. Gott sagte zum Menschen: „Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ (1. Mose 2, 16-17)

Gott sprach: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihm sei.“ Gott ließ nun Adam in einen tiefen Schlaf verfallen und entnahm ihm eine Rippe, die Stelle aber verschloss er mit Fleisch. Aus dieser Rippe baute Gott eine Frau und brachte sie zum Menschen. Dieser sprach: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.“ (1. Mose 2, 21-23)

Der Sündenfall

Die Schlange war listiger als alle anderen Tiere im Felde und sprach zur Frau: „Hat Gott nicht gesagt, ihr sollt nicht vom Baum der Erkenntnis essen?“ Die Frau antwortete: „Wir essen von den Früchten aller anderen Bäume, nur nicht von den Früchten des Baumes der Erkenntnis. Denn Gott sagte, wenn wir das täten, müssten wir sterben.“ Da sprach die Schlange: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ (1. Mose 3, 1-5)

Die Frau sah, dass die Früchte des Baumes gut aussahen und es eine Verlockung wäre, sie zu essen, weil sie klug machen. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da entdeckten sie, dass sie nackt waren. Als Gott entdeckte, dass sie von der Frucht gegessen hatten, verfluchte er die Schlange und bestrafte den Mann und die Frau. Zur Schlange sagte er: „Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“ (1. Mose 3, 14-15)

Und zur Frau sprach er: „Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, er aber soll dein Herr sein.“ (1. Mose 3, 16)

Und zum Manne sprach er: „Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen − verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ (1. Mose 3, 17-19)

Adam nannte seine Frau Eva, denn sie war die Mutter alles Lebendigen.

Anschließend warf Gott die Menschen aus dem Paradies, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens äßen und ewig leben würden. Das Paradies aber ließ er von einem Cherubin mit einem Schwert bewachen.

Interpretation der Paradiesgeschichte und des Sündenfalls

Die folgende Interpretation des Sündenfalls stützt sich vor allem auf das Buch Religion und Frau der evangelischen feministischen Theologin Elga Sorge, der deswegen ihre Lehrerlaubnis entzogen wurde.

Sie geht davon aus, dass auch in Israel um das Jahr 1000 v.u.Z. also zu Zeiten König Salomos, als diese Stellen der Bibel entstanden, das Patriarchat noch nicht fest etabliert, sondern erst ein noch durchzusetzendes Programm war. Das erklärt die Vehemenz, mit der der Verfasser dieser Geschichten der Genesis, der in der Wissenschaft als Jahwist bezeichnet wird, Eva stellvertretend für alle anderen Frauen herabsetzt. Es wird auch deutlich, welche Mühe der Jahwist mit der Umdeutung bestehender Mythen hatte (vgl. Sorge 1988, S. 107).

Aus der verehrten Urmutter und Schöpfergöttin Heba / Eva wird die Gefährtin des Mannes, die um seinetwillen aus seiner Rippe geschaffen wurde. Er ist es, der Pflanzen, Tieren und auch Eva ihren Namen gibt. Er benennt Eva mit ihrem ureigenen Namen „Mutter alles Lebenden“. Mit dieser symbolischen Handlung verleiht er Eva eine neue, von ihm herzuleitende Identität.

Die Handlung, mit der Eva ihrem Heros in ihrem Apfelgartenparadies den Liebesapfel übergibt, war ursprünglich eine Aufforderung zum Beischlaf und zugleich gab sie dem Mann symbolisch Anteil an ihrem Wissen. Daraus wird in der Genesis die Erbsünde, die die Menschheit ins Unglück stürzt, weswegen angeblich alle Menschengenerationen bis heute leiden müssen.

Das Gebären soll die Frau nicht als Ausdruck schöpferischen Geistes begreifen, sondern als Strafe Gottes. (vgl. Sorge 1988, S. 108)

Die Bestrafung Evas „Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, er aber soll dein Herr sein“ ist in der westlichen Kultur bis heute die zentrale Begründung für die Unterordnung der Frau unter männliche, patriarchale Herrschaft und in ihrer Wichtigkeit gar nicht zu unterschätzen. Diese Strafe gilt nach Auffassung der Kirche bis heute für alle Frauen, also für alle weiblichen Nachkommen Evas, selbst nach der angeblichen Erlösungstat von Jesus Christus. Dies stellte der Apostel Paulus bzw. ein anonymer Autor, der in seinem Namen schreibt, ausdrücklich auch im Neuen Testament fest: „Einer Frau gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht, daß sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber hat sich zur Übertretung verführen lassen.“ (1. Timm 2, 11-14) „Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in der Gemeindeversammlung; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt.“ (1. Kor 14, 33-35) „Der Mann aber soll das Haupt [im Gottesdienst] nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist des Mannes Abglanz. Denn der Mann ist nicht von der Frau, sondern die Frau von dem Mann. Und der Mann ist nicht geschaffen um der Frau willen, sondern die Frau um des Mannes willen.“ (1. Kor 11, 7-9)

Generationen von christlichen Frauen haben mit Eva gehadert, hätte sie doch nur nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen, dann währe ihnen viel Leid und Demütigungen erspart geblieben…

Der Gott des Sündenfalls ist ein Gott, vor dem man sich rechtfertigen muss, weil er Verbote aufstellt und Strafen verhängt, wenn Übertretungen vorliegen. Dies ist das düstere Bild eines verbietenden und strafenden Gottes, der wie ein kontrollierendes, verurteilendes Über-Ich auftritt. Nach Elga Sorge ist es ein Gott, bzw. seine irdischen Stellvertreter, der Frauen und Männern ihre autonome Identität nimmt, ihnen authentische Erkenntnis verbietet und die Anerkennung seines unbegreiflichen Willens verlangt. (vgl. Sorge 1988, S. 116)

Der Mythos vom Sündenfall wird heute im Unterschied zu vergangenen Zeiten in der Kirche nicht mehr so groß herausgestellt. Dennoch ist er von eminenter Bedeutung. Da die Menschen nach christlicher Auffassung, die auf Augustinus zurückgeht, durch die Tat Evas von der Erbsünde befleckt und auch im juristischen Sinne schuldig sind, haben sie ein Bedürfnis nach Erlösung. Nur durch den Opfertod von Jesus Christus und wenn sie von Priestern der Kirche getauft werden, können sie in den Himmel kommen, ansonsten müssen sie allein schon wegen der Erbsünde ewig in der Hölle schmoren. Deshalb hat sich der Brauch der Kindstaufe entwickelt. Ohne den Mythos der Erbsünde wäre eine Kirche für das Heil der Menschen nicht notwendig.

Literatur:

Elga Sorge: Religion und Frau, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1988 (Erstauflage 1985).

(7072 Z.)

Vergleich der Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen – Teil III, geschrieben von Mara

Samstag, 20. Juni 2015

Der christliche Schöpfungsmythos I: Die Erschaffung der Welt

Nachdem in den Teilen eins und zwei der matriarchale pelasgische und der indoeuropäische Schöpfungsmythos dargestellt wurden, folgt nun in zwei Teilen der christliche Schöpfungsmythos. In dem nun folgenden dritten Teil geht es um die Erschaffung der Welt und der Menschen durch den männlichen, patriarchalen Gott, im Teil vier um den Mythos vom Paradies und den Sündenfall.

Die folgenden wörtlichen Zitate stammen aus der Lutherbibel in der Version von 1985. Der christliche Schöpfungsmythos findet sich im ersten Buch Mose, oder Genesis des Alten Testaments in den Kapiteln 1 bis 3.

Es ist deshalb vom christlichen Schöpfungsmythos die Rede, weil die ersten drei Kapitel der Genesis von christlichen Autoren, am wichtigsten ist hier Augustinus, in besonderer Weise interpretiert wurden, was erhebliche Auswirkungen auf das christliche Abendland hatte. Die israelitisch-jüdische Interpretation dieser Stellen ist anders, worauf aber hier nicht weiter eingegangen werden kann. Zur Frage des christlichen Naturverständnisses sind inzwischen dermaßen viele Veröffentlichungen erschienen, die hier nicht erschöpfend behandelt werden können. Die folgende Darstellung ist deshalb vor allem als Anstoß für weitere Diskussionen gedacht.

Die Schöpfung

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: „Es werde Licht!“ Und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. (1. Moses 1, 1-5)

In den folgenden Versen wird dargestellt, wie Gott innerhalb von 6 Tagen allein aus seinem Geiste heraus alles hervorbringt, mit dem Menschen als der Krone der Schöpfung.

  • 1. Tag: Trennung von Licht und Finsternis
  • 2. Tag: Schaffung einer Feste zwischen den Wassern, die Gott Himmel nennt
  • 3. Tag: Scheidung von Festland und Meer, Erschaffung der Pflanzen
  • 4. Tag: Erschaffung von Meerestieren und Vögeln
  • 5. Tag: Erschaffung von Landtieren, von „Vieh, Gewürm und Tieren des Feldes“
  • 6. Tag: Erschaffung des Menschen nach seinem Bilde. Erschaffung als Mann und Frau (1. Moses 1, 6-27)

An diesem Tag erteilt Gott den Menschen den Herrschaftsauftrag: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (1. Moses 1, 28)

Am siebten Tag ruhte Gott von all seinen Werken, die er gemacht hatte.

Interpretation der Schöpfungsgeschichte

Die Erschaffung der Welt rein durch Gedankenkraft aus dem Nichts „ex nihilo“ des einen männlichen Gottes ist eine Imitation der Erschaffung der Welt durch Gebären. In anderen Mythologien wird beschrieben, wie männliche Götter aus ihrem Kopf, aus ihrem Achselschweiß etc. gebären. Das wirkt aber ungewollt eher lächerlich. Deshalb suchten und fanden die priesterlichen Autoren der Genesis eine andere, elegantere Lösung, die bis heute das Denken der westlichen Kultur prägt. Allein geistige Hervorbringungen werden als wertvoll erachtet, während die Geburt – die Hervorbringung neuen Lebens – als Strafe, bestenfalls als unangenehme Notwendigkeit angesehen wird.

Der Satz „Seid fruchtbar und mehret euch“ ist die zentrale biblische Begründung dafür, dass die Katholische Kirche und viele fundamentalistische evangelische Kirchen den Gebrauch von Verhütungsmitteln verbieten. Nach Auffassung der katholischen Kirche muss an diesem Verbot sogar dann festgehalten werden, wenn die Welt durch die Überbevölkerung zugrunde geht. Wenn dies durch die Vorsehung, also durch Gottes Wille, so bestimmt sei, haben es die Menschen ungefragt zu akzeptieren, denn die Gläubigen kommen nach ihren Tode ja ohnehin in den Himmel, und die Welt sei laut Bibel endlich und zum Untergang bestimmt, so der katholische Theologe Jan Visser in einer Diskussion im Deutschen Fernsehen (vgl. Deschner 1988, S. 288). In diesem Sinne ist es wohl zu verstehen, wenn Papst Johannes Paul II. in seinen Predigten das Verbot der Verhütungsmittel vor allem in Entwicklungsländern einschärfte, die ein massives Problem mit dem Bevölkerungswachstum hatten und zudem auch noch stark von der Ausbreitung der Seuche AIDS betroffen waren.

Die christliche Schöpfungsgeschichte im Allgemeinen und insbesondere der göttliche Herrschaftsauftrag „Macht euch die Erde untertan!“ im Speziellen sind die zentralen Stellen der Bibel, die im Westen das Verhältnis der Menschen zur Natur bis heute wesentlich bestimmen. Nach Ansicht des US-amerikanischen Historikers Lynn White Jr. etablierte das Judentum und ihm folgend das Christentum zum ersten Mal in der Geschichte einen Dualismus zwischen Menschen und Natur. Die Natur ist dem Menschen ausdrücklich untergeordnet und zur Ausbeutung freigegeben. Sie wird im Unterschied zum antiken Paganismus nicht mehr als heilig gedacht und aus der Sphäre des Göttlichen ausgeschieden. In der Antike dagegen hatte jeder Baum, jede Quelle, jeder Strom, jeder Hügel einen eigenen Schutzgeist, auch Nymphen oder in der germanischen Mythologie Elfen genannt. Die Menschen konnten mit diesen Geistern Kontakt aufnehmen. Bevor jemand damit begann, einen Baum zu fällen, Bergbau zu betreiben oder einen Bach aufzustauen, war es wichtig, den jeweiligen Schutzgeist zu besänftigen. Die Zerstörung des Paganismus machte es möglich, die Natur auszubeuten, ohne sich um die Gefühle der jeweiligen Naturobjekte große Gedanken machen zu müssen.

Zudem war die Zeitvorstellung der Antike zyklisch, auf die ständige Wiederkehr des Jahreskreises orientiert, die christliche ist dagegen linear, sie reicht von der Erschaffung der Welt durch Gott unmittelbar bis zum Jüngsten Gericht.

Im Christentum ist das Hauptübel des Menschen seine moralische Verworfenheit, die mit der Sünde Evas begann und bis heute fortwirkt. Gute Werke und gute Lebensführung können nach christlicher Doktrin zur Erlösung des Menschen beitragen, dazu kann auch eine intensivere Ausbeutung der Natur gehören. So war es z.B. für die christlichen Zisterziensermönche des Mittelalters eine gottgefällige Tat, die Wildnis zu roden und in Kulturland umzuwandeln (vgl. White 1967, S. 4-6).

Auf jeden Fall erreichte im Mittelalter das Ansehen der Natur einen Tiefpunkt: Sie wurde als feindlich und für den Menschen verderblich betrachtet. Die irdische Welt war ein Jammertal und nur noch die Durchgangsstation zum Paradies. Die heiligen Haine der Germanen mit ihren riesigen Baumgestalten wurden systematisch gefällt und viele Tierarten, die den alten Göttern und Göttinnen heilig waren, verteufelt und erbittert bekämpft, darunter die Katze, der Wolf und der Rabe. Ja selbst Körperhygiene wurde als sündig betrachtet und von der Kirche verurteilt.

Aus diesen Gründen kommt Lynne White zu der Schlussfolgerung, dass das Christentum direkt für die technologischen Neuerungen des Mittelalters und das Aufkommen des Kapitalismus verantwortlich ist. Je nach der Einstellung zum technischen Fortschritt wird dies entweder als weltgeschichtliche Großtat ersten Ranges abgefeiert oder heftig kritisiert. Andere Autoren wie der Anarchist Murray Bookchin gehen sogar noch weiter und behaupten, dass nur das Christentum sozialkritisches Denken und die Entstehung des Sozialismus ermöglicht habe, das Heidentum dagegen in „pflanzenartigen Vorstellungen“ von Passivität gefangen sei. Ein Paradebeispiel ist für ihn die Erzählung von den Lotosessern in Homers Odyssee.

Nicht mehr die Religion allgemein, sondern nur noch das Heidentum soll das „Opium des Volkes“ gewesen sein, während das Christentum Sinn für Geschichte, Zukunft und Erlösung zu den Massen gebracht habe. Denn ein geheiligter Kosmos impliziert seiner Meinung nach eine geheiligte Gesellschaft, so dass die soziale Unterdrückung die mystische Qualität einer Naturerscheinung annehme (vgl. Bookchin 1992, S. 94-100).

Jedoch ist die Situation nicht ganz so eindeutig, wie von White und Bookchin dargestellt. Unzweifelhaft haben Religionen einen großen Einfluss auf das Handeln der Menschen, aber in letzter Instanz bilden doch die materiellen Bedingungen der Produktion und die Formen der Aneignung ihrer Produkte die Grundlage jeder Gesellschaft. So kann z.B. das weitgehende Fehlen eines technologischen Fortschritts in der Antike nicht auf den Paganismus zurückgeführt werden; vielmehr bewirkte die weitverbreitete Institution der Sklaverei, dass kein Anreiz für den Einsatz von arbeitssparenden Maschinen vorhanden war, die die Sklaven als Form der Sabotage vielfach ohnehin „unbeabsichtigt“ zerstört hätten. Als jedoch gegen Ende der Antike der Sklavennachschub zurück ging und ihre Arbeitskraft knapp wurde, setzten die Römer gelegentlich auch arbeitssparende Maschinen ein. Ein Beispiel hierfür sind die berühmten Wassermühlen von Barbegal bei Arles (vgl. Anderson 1981, S. 92ff).

Erst als die Sklaverei und das Kolonat als Ausbeutungsformen verschwanden, gab es im Mittelalter die von White genannten landwirtschaftlichen Erfindungen wie das Kummet oder die Dreifelderwirtschaft und die Wassermühle setzte sich allgemein durch. Aber auch das Mönchstum hat dazu beigetragen, dass unter der Parole ora et labora („bete und arbeite“) körperliche Arbeit aufgewertet und als Gottesdienst verstanden wurde. Damit fielen Schranken gegen technische Erfindungen und weiteren Fortschritt. Das kann allerdings nicht als die Hauptursache des technischem Fortschritts im Mittelalter und der Neuzeit angesehen werden, denn, wie Perry Anderson zutreffend bemerkt, kam es im Islam zu einer noch viel stärkeren Entzauberung der Welt, ohne dass dies der Technologieentwicklung im Orient einen bedeutenden Schub gegeben hätte (vgl. Anderson 1981, S. 161f). Die Entstehung des Kapitalismus in Europa ist ohnehin ein vielschichtiger Prozess, in der viele unterschiedliche Faktoren zusammenwirkten und kann sicherlich nicht monokausal erklärt werden.

Es ist auch zu berücksichtigen, dass das göttliche Gebot „Macht euch die Erde untertan!“ im Laufe der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums unterschiedlich interpretiert wurde. In der Antike spielte es noch keine große Rolle. Seine Auslegung wurde jedoch in den folgenden Jahrhunderten immer radikaler, insbesondere seit dem 16. Jahrhundert, also zu Beginn der Neuzeit (vgl. Hartlieb 1996). Die Zeitvorstellung des Christentums war zwar im Prinzip linear, allerdings adaptierten christliche Missionare im frühen Mittelalter den paganen Jahreskreis und wandelten in um in das Kirchenjahr, wobei christliche Feste häufig und absichtlich auf pagane Hochfeste gelegt wurden. In diesem Sinne war im Mittelalter die Zeitvorstellung der einfachen Menschen eben doch eher zyklisch als linear geprägt. Eine lineare Zeitvorstellung setzte sich dagegen erst in der Neuzeit und besonders im 19. Jahrhundert mit dem Fortschrittsdenken durch.

Auch verschwand trotz zunächst oberflächlicher Christianisierung der Glaube an die Elfen nicht sofort. Nach einem Artikel von Hans Schuhmacher vom Rabenclan geschah dies bei der einfachen Bevölkerung erst mit der Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht im 19. Jahrhundert. Während das Gebot „Macht euch die Erde untertan!“ zunehmend ins Zentrum der theologischen Interpretationen des Alten Testaments rückte, entdeckten in der Renaissance eine Minderheit der Intellektuellen die Schönheit der Natur wieder. Hier wäre insbesondere Francesco Petrarca (1304-1374) zu nennen. In der Neuzeit wurde dieser Trend insbesondere durch die Kunstströmung der Romantik im 19. Jahrhundert verstärkt, während sich in der einfachen Bevölkerung durch den vereinigten Druck von Staat und Kirche utilitaristische und „naturfeindliche“ Ansichten immer stärker durchsetzten. Nach Schumacher geschah dies, um diese Menschen kompatibel für die Arbeit im kapitalistischen Sinne zu machen (vgl. Schuhmacher: Abschied der Alben?, 2007).

Fazit: Das Christentum hat mit seiner inhärenten Naturverachtung die Durchsetzung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft sicherlich erheblich erleichtert, ist aber nicht als primäre Ursache dieser Entwicklung zu verstehen.

Die Aussage von Murray Bookchin, dass eine geheiligte Natur eine geheiligte Gesellschaft bedinge und im Paganismus deshalb Klassenkämpfe unmöglich seien, ist natürlich inhaltlich völlig falsch. Gerade in der Antike gab es eine Vielzahl von Klassenkämpfen, die vom Christentum völlig unberührt waren: So die Reformen des Solon und die Tyrannis des Peisistratos in Athen, der Sklavenaufstand des Spartacus, der Versuch einer Agrarreform durch die Gracchen in Rom und die Bagaudenaufstände in Gallien.

Dennoch wird immer wieder behauptet, dass das Neuheidentum mit seiner zyklischen statt einer linearen Zeitvorstellung und der Vorstellung eines frühzeitlichen Matriarchats genauso wie das alten Heidentum unweigerlich „zu pflanzenartigen Vorstellungen“ und der Akzeptanz der bestehenden Gesellschaftsordnungen führen müsse. So z.B. bei Kerstin Futterlieb, wo sie, Bookchin folgend, dem Aktionismus Starhawks als Ausnahme bezeichnet, der die Regel bestätige (vgl. Futterlieb 2008, S. 163). Forschungen darüber, ob und wie Neuheiden politisch aktiv sind, stellt sie allerdings nicht an; mir sind auch solche nicht bekannt. Die Untersuchung von Kathrin Fischer in ihrem Werk „Das Wiccatum“ von 2007 belegt immerhin, dass viele der interviewten Hexen und Hexer politisch in der Umweltschutz- und der globalisierungskritischen Bewegung aktiv sind.

Literatur:

Perry Anderson: Von der Antike zum Feudalismus, Frankfurt am Main 1981

Murray Bookchin: Die Neugestaltung der Gesellschaft, Grafenau 1992

Karlheinz Deschner: Das Kreuz mit der Kirche, München 1988

Kerstin Futterlieb: Neopaganismus online, 2008, im Internet: http://ediss.uni-goettingen.de/bitstream/handle/11858/00-1735-0000-000D-F246-0/futterlieb.pdf?sequence=1

Elisabeth Hartlieb: Macht euch die Erde untertan?, 1996, im Internet: http://www.auf.uni-rostock.de/oekotext/maria/oekotext/programm/seite5/p48artikelc.pdf

Hans Schuhmacher: Abschied der Alben?, 2007, im Internet: http://www.rabenclan.de/index.php/Magazin/HansSchumacherAlben

Lynn White jr.: The historical Roots of our ecological Crisis, 1967, im Internet: http://www.uvm.edu/~gflomenh/ENV-NGO-PA395/articles/Lynn-White.pdf

Im folgenden Teil Vier dieser Serie werden die eng mit der christlichen Schöpfungsgeschichte i.e.S. verbundenen Erzählungen vom Paradies und vom Sündenfall der Menschen dargestellt.

Vergleich der Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen – Teil II, geschrieben von Mara

Samstag, 06. Juni 2015

Der indoeuropäische Schöpfungsmythos (rekonstruiert)

Nachdem in ersten Teil der matriarchale pelasgische Schöpfungsmythos dargestellt wurde, folgt nun der Schöpfungsmythos der patriarchalen Indoeuropäer.

Die Erschaffung der Welt und der Menschen

Typisch Indoeuropäisch ist die Vorstellung von einem Abgrund oder einer Leere am Beginn der Welt (Ginnungagap), wie er in der Edda beschrieben wird: „In uralten Zeiten, da gab es nichts, weder Sand noch Meer, noch nasskalte Wellen. Erde war nirgends und kein Himmel oberhalb davon, nur gähnender Abgrund.“

Dieser Abgrund war der Ursprung allen Seins, denn aus ihm entstand der Kosmos. Die Edda sagt: „Und der gähnende Abgrund wurde dort so warm wie die windlose Luft. Und wo sich der Reif und der heiße Luftzug begegneten, da taute und tropfte es. Und aus diesen Gischttropfen entstand Leben.“

Es entstanden zwei Brüder, Manu (=Mann oder Mensch) und Yemo (germanisch Ymir, was Zwilling oder der Andere bedeutet). Sie streiften durch den Kosmos und ernährten sich von der der Milch der Urkuh, die in der germanischen Mythologie Audhumla genannt wird.

Schließlich entschieden sich Manu und Yemo, die Welt zu erschaffen, die wir bewohnen. Zu diesem Zweck tötete Manu seinen Zwilling und schuf aus seinem gigantischen Körper mit Hilfe der Himmelsgötter – des Himmelsvaters von Typ Zeus oder Jupiter, des Sturmgottes des Krieges von Typ Thor und der göttlichen Zwillinge, die bei den Römern Castor und Pollux genannt wurden – die Sonne, den Mond, das Meer, die Erde und alle möglichen Geschöpfe. Manu wurde der erste Priester, der Schöpfer des Opferrituals, der Grundlage der Weltordnung.

Nachdem die Welt erschaffen wurde, schenkten die Himmelsgötter dem dritten Mann, Trito zahlreiches Vieh. Aber dieses Vieh wurde von einer hundertköpfigen Schlange namens Ningwhi (=Negation) gestohlen. Der Dritte Mann konnte das Vieh mit Hilfe des Sturmgottes wiedergewinnen. Sie gingen zur Höhle des Monsters, töteten es und brachten das Vieh zurück, wo es u.a. als Opfer für die Götter diente. Trito wurde der erste Krieger, der den Wohlstand des Volkes sichert und es ihm ermöglicht, durch Opfer das Wohlwollen der Götter zu erhalten. (vgl. Anthony 2007, S. 134)

Ob die Erschaffung der Menschen aus Bäumen, insbesondere des Mannes aus der Esche typisch indoeuropäisch ist oder abgeleitet, ist unbekannt.

Interpretation

Die indoeuropäische Kultur entstand um 5500 v.u.Z. in den Steppen Südrusslands, an den Flüssen Dnjepr, Don und Wolga. Wie Ausgrabungen ergaben, gingen die Protoindoeuropäer direkt vom Stadium der WildbeuterInnen des Mesolithikums zur Wirtschaftsform nomadisierender Viehzüchter über. Ackerbau betrieben sie kaum. Vielleicht ist dies der Grund, warum die Indoeuropäer im völligen Gegensatz zu den sie umgebenden Kulturen seit ihrer Auswanderung in die Steppen patriarchal waren. In drei Wellen (4400-4300, um 3500, 3000-2200 v.u.Z.) stießen die Indoeuropäer dann in die Balkanregion, nach Griechenland, nach Mittel-, Nord- und Westeuropa vor, wobei sie die hochstehende „Zivilisation der Göttin“ (Marija Gimbutas) zerstörten und überall gewaltsam das Patriarchat etablierten. Im Zuge dieser Expansion entwickelte sich auch die einheitliche indoeuropäische Sprache auseinander und es entstanden die heute bekannten indoeuropäischen Sprachen und Sprachgruppen, wie Griechisch, Latein, keltische Sprachen, germanische Sprachen etc. In unterschiedlichem Ausmaß wurden alle diese Sprachen von den einheimischen alteuropäischen bzw. den finno-ugrischen Sprachen beeinflusst und verändert (vgl. Haarmann 2010, S. 152).

Genauso wurde auch die indoeuropäische Mythologie modifiziert, die als solche in Reinform nicht erhalten ist. WissenschaftlerInnen haben versucht, die Schöpfungsgeschichte der Indoeuropäer aus den gemeinsamen Elementen der Mythologien der indoeuropäischen Völker, insbesondere der indischen, der germanischen, der griechischen, teilweise auch noch der römischen und der baltischen Mythologien, zu rekonstruieren. Dieser Versuch muss in Teilen spekulativ bleiben. Die hier dargestellte Version stammt hauptsächlich vom Archäologen David W. Anthony. Wie der Versuch von Kurt Oerthel vom Eldaring zeigt, sind auch etwas andere Lösungen möglich.

Die Geschichte von der Opferung des Zwillings findet sich in zahlreichen indoeuropäischen Mythologien so in der germanischen (Ymir), der römischen (Remus), der persischen (Yima) und der indischen (Purusa, vgl. Rigveda 10,90).

Die indoeuropäische Schöpfungsgeschichte zeigt ein selbstbewusstes Patriarchat, Frauen kommen hier überhaupt nicht mehr vor. Am Ursprung der Welt steht keine Geburt oder eine Schöpfung aus dem Nichts, sondern die Zergliederung eines riesigen Wesens, also das genau entgegengesetzte Prinzip. Während der biblische Schöpfungsbericht noch einige Mühe aufbringen musste, um plausibel zu machen, dass der männliche Gott Jahwe die Welt genauso gut erschaffen kann, wie diverse Göttinnen in seiner Umgebung (siehe unten), ist das hier gar nicht mehr nötig.

Die Schöpfung basiert hier quasi auf einem Menschenopfer und erklärt die Notwendigkeit der ersten beiden Stände der indoeuropäischen Gesellschaft, also der Priester und Krieger. Aufgabe der Priester ist die richtige Darbringung der Opfer an die Götter. Die Opferung Yemos durch Manu war die Voraussetzung für die Erschaffung der Welt überhaupt genauso wie aktuelle Opfer ihren Fortbestand garantieren.

Möglicherweise spielen in der Darstellung der Zerstückelung Yemos auch noch alte, nicht mehr ganz verstandene schamanische Traditionen eine Rolle.

Trito ist der erste Krieger und er schafft mit seiner „Wiedergewinnung“ des Viehs die Grundlage für den Wohlstand der ersten Menschen, genauso wie die indoeuropäischen Krieger zu ihrer Zeit mit ihren Vieh-Raubzügen den aktuellen Wohlstand garantierten.

Der Mythos von Trito rechtfertigt den Viehraub von den benachbarten matriarchalen Völkern Alteuropas. Denn er besagt eindeutig, dass die Götter nur denjenigen Menschen Vieh zugestehen, die ihnen mit den richtigen Ritualen opfern. Da die Menschen Alteuropas dies nicht taten sondern vielmehr die Große Göttin verehrten, waren sie Freiwild, die das Vieh unrechtmäßig besaßen, das eigentlich den Indoeuropäern zustand und das ihnen deshalb weggenommen werden musste, genauso wie Trito das Vieh von der hundertköpfigen Schlange Ningwhi zurückgewann und sie schließlich tötete.

Hinzu kommt, dass die indoeuropäischen Initiationsriten vorsahen, dass männliche Jugendliche sich zu einer Gruppe von Kriegern zusammenschließen mussten, um Feinde zu überfallen und zu töten (Männerbünde). Erst wenn sie dieses Stadium überlebt hatten, wurden sie zu richtigen Menschen und bekamen Sitz und Stimme im Stammesrat. Frauen und Mädchen konnten dieses Stadium nie erreichen und waren demnach per Definitionem keine richtigen Menschen, genauso wenig wie die Angehörigen anderer Völker, solange sie nicht die indoeuropäische Religion und Sitten annahmen, also vor allem „richtig“ opferten.

Da die Indoeuropäer auf Pferden ritten, konnten sie sich sehr schnell über hunderte von Kilometern bewegen und das Vieh schnell davon treiben, wenn der Widerstand zu stark wurde. Aus diesen Viehdiebstählen entwickelte sich ein endemischer Kriegszustand, der die hochentwickelte Zivilisation Alteuropas im Donautal zerstörte. (vgl. Anthony 2007, S. 239)

Literatur

David W. Anthony: The Horse, the Wheel and Language, Princeton and Oxford 2007

Kurt Oertel: Die germanische Religion vor ihrem indo-europäischen Hintergrund, 2002, im Internet: http://www.eldaring.de/pages/germanisches-heidentum/die-germanische-religion-vor-ihrem-indo-europaeischen-hintergrund.php

In den folgenden Teilen Drei und Vier wird der christliche Schöpfungsmythos, die Paradieserzählung und der Mythos vom Sündenfall dargestellt und interpretiert.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung – Teil II, geschrieben von Mara

Samstag, 07. März 2015

Das folgende Kapitel beschreibt den Landschaftstempel Dreisamtal im Schwarzwald bei Freiburg im Breisgau. Es ist neu für dieses Buch geschrieben worden.

Die letzten drei Kapitel des Buches beschäftigen sich mit den Landschaften Niederbayerns, also den Siedlungen an der Donau zwischen Regensburg und Passau, dem Bayerischen Wald und dem Böhmerwald, auch Hinterer Bayerischer Wald genannt. Mit 152 von 352 Seiten bilden sie den inhaltlichen Schwerpunkt des Bandes. Das ist auch kein Wunder, den Heide Göttner-Abendroth lebt im kleinen Ort Winzer an der Donau im Landkreis Deggendorf. Dort betreibt sie ihre Akademie HAGIA in einem Bauernhof außerhalb des Ortskerns. Teile der Kapitel sind bereits in Mythologische Landschaft Deutschlands erschienen, aber sie sind stark erweitert worden. Diese Abschnitte sind meiner Meinung nach die besten des Buches und bringen viele neue und verblüffende Erkenntnisse, von denen nur einige genannt werden können.

So stellt die Autorin eine hochentwickelte Megalithkultur im Osten Bayerns in der Überschwemmungsebene zwischen Landshut und Passau vor. Dort befinden sich sechs jungsteinzeitliche Kreisgrabenanlagen, die als Sonnenuhren und Kalenderbauten dienten. Damit waren sie auch Kultbauten. Sie entstanden alle in den Jahren zwischen 4800 und 4600 v.u.Z. und gelten als die frühesten Monumentalanlagen der Menschheit. In der Nähe dieser Anlagen gab es Siedlungen, die mit 10 ha eine beträchtliche Größe erreichten und als die ersten Städte auf deutschem Territorium gelten können. Die Siedlungen bestanden aus Langhäusern. Allein das legt nahe, dass ihre BewohnerInnen in matriarchalen Clans lebten.

Die Entdeckung der Kalenderbauten gilt als archäologische Sensation. Dennoch werden sie kaum herausgestellt, sondern von der Archäologie weitgehend totgeschwiegen. Wenn man das mit unglaublichen wissenschaftlichen und Propaganda-Aufwand vergleicht, der um das Massaker von Thalheim betrieben wurde, erkennt man, wie rigoros Geschichtspolitik auch mit unserer Vorgeschichte gemacht wird. Jedes Land möchte die eigene Geschichte durch archäologische Funde möglichst weit zurück datieren. Warum wird diese Megalith-Kultur dennoch verschwiegen? Vielleicht deshalb, weil sie zu friedlich ist, weil zu viel auf eine egalitäre Gesellschaft und das Matriarchat hindeuten. Das würde ja bedeuten, es gab eine Gesellschaft, in der die Menschen glücklicher als in der heutigen waren! Das darf nicht sein und wird mit dem Verdikt rückwärtsgewandte Utopie abgeschmettert.

Weitere Abschnitte beschreiben die zahlreichen Marienkirchen an der Donau, z.B. Maria Hilf in Passau. Hier kann Heide Göttner-Abendroth zeigen, dass sich auch in den verschiedenen Mariendarstellungen noch die alte Ikonographie der Dreifaltigen Göttin wiederspiegelt. Dem steht auch nicht entgegen, dass die meisten dieser Kirchen in Bayern aus dem Zeitalter des Barocks stammen. Vermutlich hat die einfache Bevölkerung die Große Göttin z.B. in der Gestalt von Perchta auf diesen Bergen auch noch im christlichen Mittelalter verehrt und dorthin „Wallfahrten“ unternommen, höchstens notdürftig christianisiert. Damals wurde das von der Kirche als Aberglauben abgetan und weitgehend ignoriert. Schließlich war es damals kaum von Bedeutung, wenn die einfache Bevölkerung die Feinheiten der Mariologie nicht verstand und sie de facto doch als Göttin verehrte. Im Zeitalter der Gegenreformation war diese Toleranz vorbei und jetzt ging es darum, diesen „Aberglauben“ auszurotten. Am einfachsten wäre es, wenn alle diese verdächtigen Berge mit Marienkapellen besetzt würden. Dafür hat die Kirche beträchtliche Mittel bereitgestellt, aber sie konnte auch hohe Einnahmen durch Spenden der Wallfahrer erwarten, zumindest in den ersten Jahrzehnten nach dem Bau der jeweiligen Kapelle oder Kirche.

Und schließlich werden auch die Berge des Böhmerwaldes als Göttinnen beschrieben. Die Lusen stellt die weiße, die Rachel die rote und die Arber die schwarze Göttin dar. Besonders interessant ist eine alte Steintreppe im Gipfelbereich der Lusen, von der angeblich niemand weiß, wie alt sie ist. Dass sie aus der Jungsteinzeit stammt, dafür sprechen die zahlreichen Näpfchenbohrungen auf den Treppenstufen. In einer späteren Epoche wären sie wahrscheinlich nicht mehr angelegt worden. Sie könnte im Zusammenhang mit alten Handelswegen nach Böhmen stehen, die bereits in der Jungsteinzeit begangen wurden. Überhaupt war das Gebiet des Bayerischen Waldes in der Jungsteinzeit und der Bronzezeit zwar nur sehr dünn besiedelt, aber längst nicht völlig menschenleer, wie die Kirche und später die Geschichtsschreibung behaupteten.

Heide Göttner-Abendroth verwendet für den hinteren Bayerischen Wald durchgehend dem Begriff Böhmerwald. Das ist treffender, denn das Gebirge ist ja erst nach dem zweiten Weltkrieg von der bayerischen Landesregierung umbenannt worden, da Böhmen eine Landschaft in der Tschechoslowakei war und damit zum Ostblock gehörte. Deshalb galt die Bezeichnung Böhmerwald nicht mehr als opportun.

Kritik

Es gibt allerding auch einige Aussagen, die kritisch hinterfragt werden müssen. So schreibt Heide Göttner-Abendroth, dass die Kelten die ersten kriegerischen Stämme waren, die eine noch weitgehend matriarchale Bevölkerung in Europa überrannten (S. 18). Das trifft wohl auf Westeuropa zu, wo die Kelten noch auf eine matriarchale Urbevölkerung trafen, aber nicht auf Mitteleuropa. Hier waren Indoeuropäer bereits ab 3100 v.u.Z. ansässig. Das heißt nun nicht, dass sie gleich das gesamte Gebiet erobert hätten. Das war ein langsamer Prozess, der durchaus Jahrhunderte oder auch ein Jahrtausend gedauert haben kann. Aber die Kelten haben sich wohl aus einem Indoeuropäischen Kontinuum erst ab 900 v.u.Z. ausgegliedert. Nach Marija Gimbutas stellt sich die Reihenfolge der Kulturen in Mitteleuropa wie folgt dar:

Jahr Name Bemerkungen
Ab 5500 v.u.Z. Bandkeramik Alteuropäisch, matriarchal
Ab 4500 v.u.Z. Rössener Kultur Alteuropäisch, möglicherweise in Teilen bereits indoeuropäisch beeinflusst
Ab 4200 v.u.Z. Trichterbecherkultur Wahrscheinlich alteuropäisch, möglicherweise aber auch indoeuropäisch beeinflusst
Ab 3100 v.u.Z. Kugelamphorenkultur undifferenziert Indoeuropäisch
Ab 2800 v.u.Z. Schnurkeramik (Streitaxtleute)
Ab 1300 v.u.Z. Urnenfelderkultur
Ab 900 v.u.Z. Kelten Ausgliederung aus der Urnenfelderkultur
Ab 600 v.u.Z. Germanen Ausgliederung aus indoeuropäischem Kontinuum bereits ab 2500 v.u.Z., ab 600 v.u.Z. Wanderung nach Süden

Vgl. Marija Gimbutas: Die Ethnogenese der europäischen Indogermanen, Innsbruck 1992

Des Weiteren finde ich einige Etymologien nicht nachvollziehbar. Nach einer alten Sage heißt die Nordsee, in die der Rhein mündet, Mutter Rahen (S. 135). Heide Göttner-Abendroth bringt dieses Wort mit der Urmutter Rahab zusammen, die in Altpalästina vorkam.

Den Bergnamen Rachel leitet die Autorin von der gleichnamigen jüdischen Urmutter ab (S. 317), ohne zumindest auch andere Etymologien zu diskutieren.

Wo mir die Etymologien bekannt sind, waren sie allerdings alle korrekt.

Fazit

Heide Göttner-Abendroth stellt eine Fülle von landschaftsmythologischen Beobachtungen vor. Es ist gut zu erkennen, dass sie daran eine lange Zeit gearbeitet haben muss. Das Buch lädt geradezu zu Wanderungen in den beschriebenen Gebieten ein.

Auch die Darstellung der Methode ist sehr wertvoll und ermöglicht eigenständige Forschungen in der Landschaftsmythologie, wie ich sie in der Serie Mythologische Landschaften Mitteleuropas auf Wurzelwerk versucht habe, freilich ohne das Buch zu kennen.

Selbst für diejenigen, die Mythologische Landschaft Deutschland von 1999 bereits kennen, bietet das Buch immer noch viele neue Erkenntnisse.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung – Teil I, geschrieben von Mara

Samstag, 28. Februar 2015

Matriarchale Landschaftsmythologie heißt das neueste Buch der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. Es geht auf die zahlreichen Studien- und Wanderreisen von Besucherinnen der Akademie HAGIA zurück, die die Autorin leitete. Sie besuchten ab 1987 vor allem die Megalithanlagen aus der Jungsteinzeit, der klassisch matriarchalen Epoche, aber auch Museen mit Artefakten aus dieser Zeit.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale LandschaftsmythologieStuttgart 2014, Kohlhammer
ISBN 978-3-17-022336-3

352 Seiten

Preis 29,90 E

Dabei kamen folgende Fragen auf:

  • Warum liegen solche Anlagen in einem bestimmten Platz in der Landschaft?
  • Was haben sich die Menschen aus jenen Kulturepochen dabei gedacht, wenn sie ein Bauwerk an diesen bestimmten Platz setzten?

Um diese Fragen zu beantworten, muss auch die Mythologie und Symbolik der Menschen jener Epoche berücksichtigt werden. Auf diese Weise können sich neue Erkenntnisse ergeben.

Die Menschen der Jungsteinzeit waren die ersten, die dauerhafte Siedlungen errichteten. Sie orientierten sich dabei nicht ausschließlich an Aspekten des Nutzens. Sondern sie betrachteten die Erde selbst als göttlich, als Mutter allen Lebens. Stellen, die einen bestimmten weiblichen Zug der Erdgöttin betonten, galten als besonders heilig und hier finden wir zahlreiche Kultbauten, z.B. Megalithen. Auch Sichtlinien, also die Anordnung dieser Kultbauten in geraden Linien, waren sehr wichtig. Sie dienten nicht zuletzt astronomischen Zwecken.

Bei der Landschaftsmythologie geht es also darum, zu verstehen, wie Menschen der früheren Epochen die Landschaft sahen. Sie hatte immer auch eine symbolische und mythologische Bedeutung. Der Begriff selbst wurde vom Schweizer Kurt Gerungs geprägt, aber Heide Göttner-Abendroth und andere Frauen praktizierten entsprechende Forschungen schon lange, bevor es diesen Begriff gab. Die Autorin nennt ihre Forschungen ausdrücklich matriarchale Landschaftsmythologie, da das matriarchale Weltbild Basis und Zentrum ihrer Forschungen ist.

Die Jungsteinzeit war die klassische Zeit des Matriarchats. Heide Göttner-Abendroth gibt im weiteren Verlauf des Buches eine ausführliche Definition dessen, was sie unter einem Matriarchat versteht. Dabei wird die ökonomische, soziale, politische und kultische Ebene berücksichtigt.

Methode

Im zweiten Kapitel stellt Heide Göttner-Abendroth die Methoden der matriarchalen Landschaftsmythologie vor. Damit regt sie auch zu eigenständigen Forschungen an. Sie geht in zehn Schritten vor:

  1. Begehen einer Landschaft
  2. Entdecken heiliger Hügel mit abgesenktem Horizont. Das sind Hügel, auf denen früher Megalithanlagen und heute vor allem Kirchen, Kapellen und Burgen zu finden sind. Diese Hügel ermöglichen einen weiten Blick in die Landschaft, vor allem nach Osten, Süden und Westen.
  3. Prüfen von Sichtlinien, die von diesem Hügel ausgehen. Besonders wichtig sind Linien, die zum Auf- und Untergang der Sonne zu Beginn der verschiedenen Jahreszeiten zeigen.
  4. Prüfen von Kultlinien: Gibt es auf den Sichtlinien vielleicht noch weitere Hügel mit Megalithanlagen, Kirchen, Burgen etc.?
  5. Archäologische Analyse: War die Landschaft bereits in der Jungsteinzeit besiedelt?
  6. Linguistische Analyse: Namenskunde dieser Hügel. Gibt es alte vorindoeuropäische Namen wie z.B. den Bergnamen Similaun? Konzentrieren sich hier Namen mit dem Bestandteil Frau, wie z.B. Frauenau, Frauenberg etc.?
  7. Kirchenforschung: Wichtig sind hier vor allem die Patrozinien, also die Benennung der Kirche. St. Michaels und St. Georgs-Kirchen können darauf hindeuten, dass diese christlichen Drachentöter Namenspaten wurden, um eine starke heidnisch-matriarchale Tradition zu bekämpfen. Mit Marienkirchen sollten vor allem alte Kultplätze der Göttin vereinnahmt werden.
  8. Sagen- und Mythenforschung: Welche Mythen gibt es zu dem Ort?
  9. Folklore-Forschung: Welche Gebräuche existieren an diesen Orten?
  10. Erforschung von Rückzugsgebieten und kulturellen Nischen.

Landschaften

Im Hauptteil des Buches stellt die Autorin mehrere Landschaften vor, die sie mit den oben genannten Methoden interpretiert hat. Allerdings sind im Buch längst nicht alle deutschen Landschaften vertreten, aber das könnte ein Mensch alleine nicht leisten.

Einige Kapitel sind allerdings schon in dem inzwischen vergriffenen Buch Mythologische Landschaft Deutschlands von Heide Göttner-Abendroth und Kurt Derungs aus dem Jahr 1999 erschienen, ohne dass darauf hingewiesen würde.

Im ersten Kapitel beschreibt sie die Megalithkultur auf Rügen. Dieses Kapitel ist weitgehend unverändert aus dem oben genannten Buch übernommen worden.

Im zweiten Kapitel geht es um die Heiligen Berge in Mitteldeutschland. Hier werden der Hohe Meißner, die thüringischen Holleberge und die beiden Gleichberge bei Römhild beschrieben. Alle diese Berge sind der Frau Holle heilig. Dieses Kapitel ist zwar auch schon in Mythologische Landschaft Deutschland erschienen, aber stark erweitert worden.

Das nächste, völlig neue Kapitel ist überschrieben mit: Der Strom der Frau Ley und meint den Rhein. Der Vater Rhein gilt als ein typisch männlicher Fluss. Aber es gibt alte Sagen, die eine Frau Ley erwähnen, sie soll die Gattin des Rheinkönigs sein. In diesen Sagen sind sie und ihre Töchter, die Witten-Ley (Lahn) und die Uhte-Ley (Mosel), die aktiv Handelnden, während sich der Vater Rhein nur in Sorgen ergeht. Das könnte darauf hindeuten, dass auch der Rhein in früheren Zeiten als weiblich gedacht wurde, wie fast alle anderen Flüsse Mitteleuropas.

Dass dies keineswegs unwichtig ist und selbst heute noch mit dem Geschlecht des Rheines Propaganda betrieben wird, zeigt der Kinofilm Rheingold (2014), der als Dokumentation den Fluss von der Quelle bis zur Mündung aus der Vogelperspektive begleitet. Hier tritt Vater Rhein persönlich auf und kommentiert seinen Lauf mit heiserer Stimme. Vom Alpenrhein berichtet er, dass frühere Völker ihre Neugeborenen in den Fluss geworfen haben, um mit einer Wasserprobe zu bestimmen, ob das Kind tatsächlich vom Ehemann stammt oder ob die Frau ihm „untreu“ geworden ist. „Legitime“ Kinder werden an das Ufer getragen, während „Kuckuckskinder“ vom Strom verschlungen werden. Fast hört man ein Bedauern in seiner Stimme, dass dieser schreckliche Brauch heute nicht mehr möglich ist. Unnötig zu erwähnen, dass keine der matriarchalen Sagen und Stätten am Rhein, die Heide Göttner-Abendroth beschreibt, in dieser Kino-Dokumentation auch nur erwähnt werden. So wurden z.B. viele und prächtige Matronensteine im Bonner Münster gefunden, das nahe am Rhein liegt.

(Anmerkung der Rezensentin: Im Buch wird der Film Rheingold nicht erwähnt. Im wollte mit diesem Absatz nur verdeutlichen, dass es auch heute keinesfalls unwichtig ist, ob der Rhein als männlich oder weiblich gedacht wird.)


Ende Teil I